Gewissenskonflikte beim Wechsel von NVA/Grenztruppen zum Klassenfeind ?

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31.05.2013 09:46
#1
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Ich kann schon nachvollziehen dass der Systemwechsel für alle ehemaligen DDR Bürger ein tiefschneidendes Erlebnis in ihrem Leben bedeutete , weil ich selber auch davon betroffen war. Die Frage ist sicherlich nicht einfach zu beantworten und ich weiss auch nicht wen von diesem Forum es betrifft , nicht desto trotz möchte ich diese Frage mal hier in den Raum stellen und hoffe auf große Resonanz.
Welche Gründe gab es für die Berufssoldaten der DDR, nachdem 3.Oktober 1990, die Uniform zu wechseln und beim einstigen Klassenfeind weiter zu dienen?

Denn mir ist bis heute unklar wie jemand, der sich freiwillig für den Dienst bei den bewaffneten Organen entschieden hat , sich dazu entschließen konnte, beim einstigen Klassenfeind auch Repräsentant dieses Staates zu werden und wieder eine Uniform anzuziehen ?
Waren doch fast alle Berufsoldaten(Offiziere) auch Mitglied der SED und sollten doch auch eindeutig von dem System überzeugt gewesen sein.
Das muss doch zu einem inneren Gewissenskonflikt geführt haben oder ging es doch nur darum Karriere zu machen und alles war Heuchelei ?
Die Vermutung liegt nahe, dass es für diese Leute schon erst mal darum ging ihre Familie weiter zu ernähren. Aber es wurden doch sowieso nicht alle Berufssoldaten übernommen und landeten auf nicht gleich auf der Strasse , sondern es ging auch ohne Uniform weiter.
Also was bewog die Wendehälse weiter zu dienen ?
Ich kann mich auch noch zurück erinnern, wo sich Berufssoldaten dann richtig beim BGS angebiedert haben, um dorthin übernommen zuwerden, was ich voll zum kotzen fand.
Selber habe ich im Mai 1990 die Entpflichtung geschrieben und bin in meinen alten Beruf zurück.
Mir sind keine genauen Zahlen bekannt wie viele ehemaligen Berufssoldaten den Sprung gemacht haben, ich weiss aber, von einigen die es in hohe Positionen geschafft haben, unter anderem auch Politoffiziere , was ich dann erst recht nicht verstehe!

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31.05.2013 10:06
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#2
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Was gibt es daran nicht zu verstehen?Die so genannten"Wendehälse"haben bei zeiten erkannt,das dies ein krisensicherer Job ist und das Einkommen auch nicht schlecht.Also warum nicht?Heute wird doch auch über Leichen gegangen um Karriere zu machen.
Und wenn mir heute einer erzählen will,das alle Berufssoldaten überzeugte SED Mitglieder waren und das System abgöttisch geliebt haben,könnte ich einen dicken Hals kriegen.
Die wenigsten Berufssoldaten sind aus Überzeugung zur Fahne gegangen.Auch in der DDR hatte man die Karriere und gutes Geld im Hinterstübchen.
Und nebenbei gesagt,Politoffiziere sind auch nur Menschen mit materiellen Bedürfnissen.

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31.05.2013 10:10
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#3
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Sehr guter Ansatz, ich sehe das ähnlich. Zwei Systeme die sich so grundsätzlich gegenüber stehen, wie ist da ein Wechsel möglich, ohne sein Gewissen nicht über Bord zu werfen.
Es ist aber irgendwo menschlich, "das Hemd ist näher als der Rock". Mancher hat sich nichts anderes mehr zu getraut, manche waren lange aus dem Beruf. Nun wieder als "Ungelernter" im "rauhen Wind der Marktwirtschaft"?
In der heutigen Gesellschaft ist ein gutes Gewissen auch im fortgeschrittenen Alter an der Tagesordnung, gut darum - man hat es ja nie gebraucht

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31.05.2013 10:24
#4
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Morgen allerseits,

Ich habe damals meine Vereidigung in Quedlinburg erlebt. War schon eine imposante Sache.
Dieser Wechsel um 180°, sowas geht doch nicht von eins auf den anderen !
Ich weiß es nicht ob ich es fertig gebracht hätte.

Gruß H.

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31.05.2013 10:30
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#5
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Sind wir doch mal ehrlich.Wenn wir die Chance gehabt hätten weiterhin im trockenen Nest zu sitzen,hätten wir es nicht auch gemacht?
Und wie gesagt,es haben die wenigsten aus Überzeugung die Uniform angezogen und von Gewissen wird man nicht satt.

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31.05.2013 10:43
#6
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Kommt ein junger Mensch in ein Alter, wo er wohl einen Beruf wählen muss, wird er eine Tätigkeit wählen, die seiner Natur entgegenkommt und die ihm Spass macht. Das ist sicher bei einigen auch der Dienst in der Armee. Man macht seinen Job, man macht ihn gerne und gut, dann wird man auch befördert. Und wenn das Vaterland angegriffen wird, verteidigt man es unter Einsatz des Lebens. Das gehört auch dazu, ist der Job. Die politischen Sprüche über den Sozialismus, den ganzen politischen Unterricht nimmt man mit. Ist halt so, der Gegner hat auch seine politischen Parolen, Hauptsache es gibt keinen Krieg und das erreicht man nur mit einer starken glaubwürdigen Armee,...und dabei helfe ich mit!"
Wie in der übrigen Bevölkerung gab es also auch in den bewaffneten Kräften viele Personen, die nicht unbedingt heiss glühende Befürworter des Sozialismus waren, sondern einfach keine Unruhen oder Krieg wollten. Ihr persönliches Leben und die Zustände empfanden sie nämlich gar nicht so schlecht. Mit anderen Worten sie kämpften nicht für den Sozialismus aber für die Bewahrung des Friedens: Man hat sich arrangiert!. Für diese Personen war demzufolge die Wende kein so grosses Problem wie für die "Sozialismus oder Tod!" Typen. Von den letzteren gab es ohnehin nur wenige, sonst hätte es 1989 viele Tote gegeben.
Theo

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31.05.2013 12:23 (zuletzt bearbeitet: 31.05.2013 12:25)
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#7
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Ich habe mich gerade mal gefragt, wie sich die Zeit- und Berufssoldaten der Bundeswehr wohl verhalten hätten, wenn es genau "anders herum" gekommen wäre, wenn sich die alte BRD der DDR angeschlossen hätte.

Ich vermute, dass die meisten "Verteidigungsbeamten" (so eine Bezeichnung eines Z12) keine großen Probleme damit gehabt hätten, die eine Uniform aus.- und dafür die andere anzuziehen. Das mag auch mit der geringen oder besser nicht vorhandenen ideologischen "Erziehung" bei der BW zusammenhängen: Wenn ich mich recht erinnere, hatten wir während der Grundausbildung einmal pro Woche eine Stunde einer Art von "politischem Unterricht" beim Kompaniechef. Dort ging es aber nicht um einen "Klassenfeind" (das Wort war absolut verpönt), sondern mehr um Rechte und Pflichten eines Soldaten, Verhalten in der Öffentlichkeit (in Uniform) usw. Danach für den "Rest" der Dienstzeit nicht mehr. ch bitte um Nachsicht, wenn die Erinnerung nach mehr als 40 Jahren nicht mehr so ganz präsent ist.

Natürlich hatten wir auch dort Typen mit einer (vorsichtig ausgedrückt) national-konservativen Einstellung. Typen, die davon faselten, wie stolz sie doch seien, Deutschland dienen zu dürfen. Doch spätestens wenn sie mit dem Spruch "Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben" kamen, waren sie sehr allein. Und das während, aber noch viel mehr nach den Dienststunden. Diese Typen hätten vielleicht Gewissensbisse bekommen, wobei ich die Frage, ob die überhaupt so etwas wie ein Gewissen hatten, lieber nicht stelle.
.
Edit = Ergänzung


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31.05.2013 12:36
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#8
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Nachtrag

Ich wurde gefragt, was denn ein Z12 sei. Und da ich selber gerne über den AKüFi meckere, sollte ich die Erklärung schnell nachschieben:

Ein Z12 ist ein SaZ (Soldat auf Zeit ), der sich für 12 Jahre verpflichtet hat.


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31.05.2013 13:16 (zuletzt bearbeitet: 31.05.2013 13:17)
#9
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Vermutlich hatte Partei und Staatsführung auch ihre Bedenken wegen der Treue zum Sozialismus. Wohl deshalb war eine militärische Karriere fast ausschliesslich SED Mitgliedern vorbehalten: In volkswirtschaftlichen Berufen gab es im Gegensatz zur Armee mehr Parteilose und Mitglieder anderer Parteien (CDU, LDPD, NDPD usw.) sehr oft allerdings "Quereinsteiger" die nur deshalb einer Blockpartei beigetreten sind, damit sie in ihrem Beruf Karriere machen konnten.
Theo


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31.05.2013 18:57
#10
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Meine Meinung ist da klar,einmal nen Eid für ein Land (auch wenn es dies heute nicht mehr gibt)
Dieser Eid ist bindend.Jedenfalls für meine eigene Person.
Kein Amerikanische ,sogenannte Veteran der in Vietnam war,wird dies heute bestreiten wollen.


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31.05.2013 19:01
avatar  Pit 59
#11
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Kein Amerikanische ,sogenannte Veteran der in Vietnam war,wird dies heute bestreiten wollen.@Arnstädter

Der Amerikanische Veteran kennt doch aber Deinen Eid gar nicht


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31.05.2013 19:29
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#12
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( gelöscht )

Ich bin damals Soldat geworden weil mir alle millitärischen Sachen eben Spass gemacht haben und nicht weil ich "Parteilienentreu" oder ähnliches war. Darum bin ich auch zur Bundeswehr gewechselt und habe es nicht bereut.


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31.05.2013 19:37 (zuletzt bearbeitet: 31.05.2013 19:39)
avatar  ABV
#13
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ABV

Ich habe den Wechsel zum " Klassenfeind" zwar nicht als Angehöriger von GT oder NVA, sondern als Volkspolizist vollzogen, aber im Prinzip kommt es ja auf das selbe heraus.
Wie hat man sich damals gefühlt? Gute Frage, leicht gefallen ist der abrupte Wechsel sicher niemanden. Man darf aber nicht außer acht lassen, dass sich die DDR in den letzen Monaten ihres Bestehens stärker veränderte, als die Jahrzehnte davor. Die Ideale von einst existierten nicht mehr. Oder sie erwiesen sich als hohle Phrasen. Langsam wurde mir bewusst, dass es die DDR wie ich sie habe sehen wollen, überhaupt nicht gegeben hat. Während der Wendezeit hatte ich einen schönen Ausspruch von einem Offizier der Grenztruppen aus Frankfurt (Oder) gehört: " Ich habe einen Ausreiseantrag gestellt. Nicht in die Bundesrepublik. Sondern in die DDR. Aber nur in die DDR, die in der Zeitung steht."
Seit dem Herbst 1990 jagte eine Enthüllung die nächste. Vorgebliche Vorbilder entpuppten sich als korrupte Elemente. Andere, die sich als überzeugte Kommunisten bezeichneten, bekundeten urplötzlich das Gegenteil. Und wollten schon immer alles gewusst haben.
In dem ganzen Chaos sollten wir als Polizisten für Ordnung und Sicherheit sorgen. Ein schwieriger Job, der mir und vielen anderen Kollegen jedoch eine persönliche Nische verschaffte. So konnten wir auch weiter in den Spiegel sehen. Unser Einsatz galt von nun an nur noch dem Schutz der Bevölkerung vor Kriminellen. Und keiner allmächtigen Partei mehr.
So wie es eigentlich auch sein sollte. Schon allein aus diesem Grund fiel das weitermachen für uns nicht sonderlich schwer. Innerlich hatten die allermeisten ohnehin schon längst mit dieserPartei gebrochen.
Wobei natürlich auch finanzielle Gründe eine große Rolle spielten. Gerade für einen jungen Familienvater wie mich damals.
Eines wurde jedoch schnell klar: die Vergangenheit klebt zäher an einem, als echter Oderbruchlehm. Da schafft auch der Wechsel von Uniformen keine Abhilfe. Unsere Generation ist wohl verdammt, sich immer und immer wieder mit eben dieser Vergangenheit auseinanderzusetzen. Und hin und wieder, in den Augen manch intoleranter Zeitgenossen, darauf reduziert zu werden.

Gruß Uwe


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31.05.2013 19:39
#14
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Zitat von Pit 59 im Beitrag #11
Kein Amerikanische ,sogenannte Veteran der in Vietnam war,wird dies heute bestreiten wollen.@Arnstädter

Der Amerikanische Veteran kennt doch aber Deinen Eid gar nicht


auch ein Amerikaner dient/e seinen Land,genauso wie die Armisten der DDR. (ist meine Auffassung)
beide Seiten für eine gefühlte,wie soll ich es sagen,gerechte Sache.
Jeder Soldat muß es mit sich selbst ausmachen.Damals wie heute.


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31.05.2013 19:39
avatar  glasi
#15
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Zitat von Fraggel im Beitrag #12
Ich bin damals Soldat geworden weil mir alle millitärischen Sachen eben Spass gemacht haben und nicht weil ich "Parteilienentreu" oder ähnliches war. Darum bin ich auch zur Bundeswehr gewechselt und habe es nicht bereut.

Das war die richtige Entscheidung. So haben mir das die meisten Ex NVA angehörigen auch geschildert.


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