Vom Paulus zum Saulus

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06.12.2012 11:16
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#106
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Na,zu verlieren hatten sie vielleicht ihre Traumlehre,die sie in Form von Lehrvertrag inne Tasche hatten?


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06.12.2012 11:18
#107
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Hallo 80er, Deine Geschichte ist auch ganz toll geschrieben.
Ich hab zwar noch nicht alles gelesen, aber das was ich las hat mir sehr gut gefallen.
Besonders gefällt mir, dass Du in Deiner Geschichte sachlich-authentisch und politisch wertfrei bleibst.
Sowas will ich lesen in den Fluchtgeschichten, ich möchte keine politische Probaganda lesen, sondern ich möchte lesen, was Menschen wie Du dachten und fühlten, wie es dazu kam und alles, und ich möchte mich beim lesen in diese Menschen hinein versetzen können.
Das kann ich bei Deiner Geschichte und das ist mir wichtig weil ich selber nie den Gedanken an Flucht hatte.
Viele -nicht hier im Forum- erzählen nicht viel, man hört auf Anfrage oft nur ein Wortschwall ala "alles mies, alles scheisse etc.pp.", frei nach dem Motto ich war schon von Geburt an Anti-DDR.
Da ich auch in diesem Land gelebt habe, und wie gesagt nie einen Fluchtgedanken hatte, ist mir sowas zu wenig, ja es ist einfach nur dumm, ich möchte schon mehr wissen, nur so kann man verstehen lernen, polemische Probagandisten wandern bei mir unbeachtet in die Mülltonne.

Danke für Deine Geschichte!

Verloren ist der Tag, an dem man nicht gelacht hat.


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06.12.2012 16:17
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#108
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Um es noch einmal zu betonen; Das Studium war die beste Zeit in Bennos Leben. Benno war in einer alten Gründerzeit Villa am „Grossen Garten“ – die grüne Lunge Dresdens- in der Nähe des Zoologischen Gartens sehr gut untergebracht. Die Mieten waren preiswert.
Die Ausbildung breit gefächert und fundiert.
Sich intensiv mit einem Thema zu befassen war eine Seite der Medaille. Die andere Seite hatte zu tun mit viel persönlichem Entscheidungsspielraum und Freiheiten im Privaten. Der Erste Theaterbesuch, das erste Kirchenkonzert, Literatur, die in der DDR nicht verlegt wurde. Die schöne Umgebung mit dem Elbsandsteingebirge, geschichtsträchtig bis weit in´s Dresdner Hinterland, die Nähe zu Prag. Für einen Provinzler wie Benno eine ganz neue Welt.

Das Architekturstudium war die richtige Wahl. Kaum etwas auswendig zu lernen und das, was den Hauptteil des Studiums ausmachte, machte er gerne. Viel Zeit, die Freizeit zu gestalten. Fachidiot wollte er sowieso keiner werden und so sah er die Ausbildung eher als wichtige Zutat zur Allgemeinbildung.
Aber die neueste POP uläre Musik gab´s nur noch von den Studenten aus Afrika, die die neuesten Platten von ihren Tagesreisen aus West Berlin mitbrachten und für (zu)teure Ostmark verhökerten. Leider war auch die politische Gängelei nicht nur neu, sondern auch sehr Nerven zehrend, weil Studium begleitend.

Immer hat es Menschen gegeben, die sich durch freiwillige Zuträgerdienste Anerkennung bei ihren Auftraggebern verschafft haben,
Geld war häufig zweitrangig.
Neben den FHG, die Benno noch aus seiner Zeit bei den GT kannte, lernte er hier im Osten der Republik eine neue Spezies kennen.

In den studentischen Wohngemeinschaften hielten einige Mitbewohner Zierfische in Aquarien, mehr zur Dekoration, als aus Leidenschaft.
Eines Tages ging Benno mit einem Studienfreund zu einem der nahe gelegenen Teiche im „Grossen Garten“, um frische Wasserflöhe zu besorgen.
Mit Kescher und grossen Gurkengläsern zogen sie los. Auf dem Rückweg hielt sie ein Rentner mit überfressenem Dackel an und zückte einen Ausweis, der ihn als FHVP (freiwilliger Helfer der Volkspolizei) kenntlich machte.

Was transportierten Sie da, wollte er wissen.
Wasserflöhe
Wissen Sie nicht, dass das verboten ist?!
Nein, wieso?
Die Wasserflöhe sind Volkseigentum. Sie werden für Devisen in den NSW exportiert und
Devisen haben wir als DDR bitter nötig.

Aha!
Denken Sie zukünftig daran, dass dies nicht erlaubt ist, sonst muss ich es zur Anzeige
bringen.
Auf Wiedersehen.

Jawolll! Auf Wiedersehen.

AgitProp jetzt auch schon in der Freizeit. Blockwart auf sozialistisch. Na prima!

Zukünftig lief also auch die Wasserflohjagd konspirativ ab, weil anzunehmen war, dass der Rentner im Quartier wohnte und täglich seinen Dackel zum Lüften führen würde.
Stand man(n) an der Grenze häufig mit einem Bein im Knast, so war es hier die Keule der Exmatrikulation, die über einem schwebte.

Es soll beim Leser nicht der Eindruck entstehen, dass hier nur die negativen Dinge benannt werden. Sie aber vorrangig zu schildern ist hingegen wichtig, weil sich so eher nachvollziehen lässt, wieso sich ein Mensch dann doch nicht für dieses politische System entscheiden wollte.
Aber wie immer im Leben machte Benno etwas zu Ende, wenn es einmal angefangen wurde.
Inkonsequenz war ihm bestimmt nicht vorzuwerfen.


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06.12.2012 16:25
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#109
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Der mit den Wasserflöhen war gut


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06.12.2012 16:38
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#110
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Zitat von Nostalgiker im Beitrag #91
Woran erkannte man auf offener Strasse Mitglieder der 'Jungen Gemeinde'? Am Aufnäher?

Gruß
Nostalgiker


Die Mitglieder erkannte man an einem Abzeichen, dem sog. Kugelkreuz.

VG Ex-Huf


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06.12.2012 16:41 (zuletzt bearbeitet: 06.12.2012 17:20)
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#111
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94

Ha, den 'Opa' kannte ich glaube ich auch, der tapperte aber mehr am Karpfenteich rum. Am Zwingerteich hinterm Bootsverleih war aber auch 'ne gute Stelle für die Daphnien, beim Zoo-Börner in der Togliatti-Straße gabs dann ein paar Pfennig für das Glas. Ansonsten mal eine Frage zu Deinem letzten Satz

Zitat
... nicht [...] nur die negativen Dinge benannt werden. Sie aber vorrangig zu schildern ist hingegen wichtig, weil sich so eher nachvollziehen lässt, wieso sich ein Mensch dann doch nicht für dieses politische System entscheiden wollte.

Ist Dir persönlich denn das so wichtig? Wie biste denn selber mit dieser Entscheidung klargekommen, also war sie denn für Dich schlüssig? Das ist doch eher das, was zählt, odär?

P.S. Wer die innere Neustadt (Gegend um den Gold'nen Reiter) Anfang der 80er kennt, dem dürfte auch noch der (Spitz-)Name des dortigen Klappfix-Rentners geläufig sein ... Kisten-Krüger. Der bekam regelmäßig lebensbedrohliche Zustände (ich sage nur Schnapp-Atmung) seinerseits und nur selten Einen von uns zu fassen, wenn wir mit meist selbstgebauten Skateboards durch den Tunnel bretterten.

Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


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07.12.2012 10:38
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#112
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Zitat von 94 im Beitrag #111
Ist Dir persönlich denn das so wichtig? Wie biste denn selber mit dieser Entscheidung klargekommen, also war sie denn für Dich schlüssig? Das ist doch eher das, was zählt, odär?

Ich weiss nicht, ob ich Deine Frage richtig verstanden habe, aber ich versuche mal eine Antwort!

Die Entscheidung fiel nicht leicht. Es war ein Prozess. Die Menschen in meiner näheren Umgebung waren mit dem System zwar ebenfalls nicht einverstanden, solidarisierten sich mit jeder geglückten legalen Ausreise von Prominenten und Bekannten, jedem suizidalen Pfarrer, waren aber aus Angst vor persönlichen Nachteilen nicht bereit, auch nur den geringsten Beitrag für eine Veränderung oder gar Widerstand zu leisten.
Ausser der kurzfristigen „Umbenennung“ an der Bordsteinkante auf der Nöthnitzerstrasse in Dresden in „Wolf Biermann Allee“ nach dessen Ausbürgerung 1976, sind mir keine weiteren „Aufässigkeiten“ während meiner Studienzeit bekannt geworden.
Eine „bleierne Zeit“ lag auf der Republik, „man kann ja eh nichts machen“, der allgegenwärtige Kommentar. Die Freunde und das persönliche Umfeld zu verlassen, ohne mit jemanden darüber reden zu können war gewiss nicht leicht zu verkraften.
Einen im wahrsten Sinne des Wortes "Mitläufer" zu gewinnen", wäre optimal gewesen. Das Heer der Denunzianten war aber leider viel zu gross, als dass ein Fluchtprojekt in einer abendlichen Bierrunde besprochen werden konnte. Das macht sehr einsam. Niemand gibt so einfach seine Heimat, sein Lebensumfeld auf, um den Preis, mindestens 2 Jahre im Knast zu landen. "Laien" rechneten ohnehin mit Schlimmerem. Die Flucht war eindeutig politisch motiviert, von heute auf morgen alles hinter sich zu lassen, war trotzdem keine leichte Entscheidung.


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07.12.2012 13:31 (zuletzt bearbeitet: 07.12.2012 13:35)
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#113
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94

Zuerstmal danke für Deine Antwort, öffentlich, auf diese wohl doch sehr persönliche Frage, auch wenn ich erst jetzt dazu komme (siehe mal was zum lachen) diese wahrzunehmen. Nun, eigentlich bezog sich meine zugebnermaßen etwas ungeschickt forumilierten Frage Ist Dir persönlich denn das so wichtig? auf das von Dir mit ... weil sich so eher nachvollziehen lässt, ... eingeforderte Verständnis. Also, warum ist Dir dieses Verständnis so wichtig?
Doch nun noch eine 'aktuelle' Frage, Du erwähnst mal so als Hausnummer 2 Jahre und meinst damit die Höchststrafmaß für einen §213(1), also den einfachen Fall? War in den von erwähnten Kreise die Option des Freikaufens nach schon ab 10 Monaten überhaupt bekannt und wen ja, auch ein Thema?

P.S. Und woraus leitest Du Deine eindeutig politische Motivation ab?

Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


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07.12.2012 16:00
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#114
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Zitat von 94 im Beitrag #113
Also, warum ist Dir dieses Verständnis so wichtig?

Es ist mir tatsächlich wichtig, dass für den Leser einiger Massen schlüssig wird, weshalb am Ende eine „Republikflucht“ steht.

Obwohl ich bei neuerlichem Nachdenken zugeben muss, dass diese von mir geschilderten „Nadelstiche“ nicht wirklich dazu geeignet waren, eine Entscheidung mit derartiger Tragweite zu fällen und damit Schlüssigkeit beim Leser zu erwarten. Da wäre die Verhältnismässigkeit nicht gewahrt. Vielleicht erklärt es aber, wie es sich für einen politisch interessierten Menschen anfühlen muss, wenn ein souveräner Staat derart kleinkariert seine Bevölkerung nervt und in wieweit sich dieses Geschwür der Bespitzelung für umme, schon tief in die Strukturen des gegenseitigen Miteinanders hineingefressen hat.
Zitat von 94 im Beitrag #113
Doch nun noch eine 'aktuelle' Frage, Du erwähnst mal so als Hausnummer 2 Jahre und meinst damit die Höchststrafmaß für einen §213(1), also den einfachen Fall? War in den von erwähnten Kreise die Option des Freikaufens nach schon ab 10 Monaten überhaupt bekannt und wen ja, auch ein Thema?

Jein, die Freikaufpraxis war einerseits bekannt, aber nicht in diesem Ausmass, wie sie nach der Wende bekannt geworden ist. Die Bundesrepublik wollte die Praxis nicht gefährden und veröffentlichte deshalb keine Zahlen und die DDR wollte mit diesem „Geschäftsmodell“ nicht in die Kritik u.a. der eigenen Bevölkerung kommen. Ausreisevorhaben mit „kalkulierbarem“ Risiko mussten doch unbedingt vermieden werden.

Also, wir glaubten damals, dass hier mal ein politischer Häftling, dort ein prominenter Ausreiseantragsteller veräussert wurde, je besser ausgebildet, desto teurer, aber dass dies keinesfalls eine verlässliche Praxis darstellte.
Zitat von 94 im Beitrag #113
P.S. Und woraus leitest Du Deine eindeutig politische Motivation ab?

Ich kann es natürlich nicht belegen, dass ich kein „Wirtschaftsflüchtling“ wurde, weshalb ich es nur behaupten kann. Blicke ich aber auf die exakt letzten 30 Jahre zurück, bin ich weder reich noch berühmt geworden, obwohl meine solide Ausbildung mich zu mehr befähigt hätte. Es ist bzw. war mir einfach nie wichtig, etwas zu haben oder zu sein. Sehr wichtig allerdings war und ist mir immer noch, zu sagen, was ich denke und zu tun, was ich will. Letzteres natürlich nur im Kontext des grossen Philosophen I. Kant
Damit wäre ich in der Ehemaligen ein Leben lang angeeckt, obwohl Meinungsfreiheit Bestandteil auch der DDR Verfassung gewesen ist! Insofern sehe ich meine Motivation politisch.


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07.12.2012 19:37 (zuletzt bearbeitet: 08.12.2012 09:46)
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#115
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Um der staatlichen Lenkungskommission zu entgehen, die sich dafür verantwortlich zeichnete, Absolventen schon vor einer bestandenen Diplomarbeit in staatliche Betriebe mit erhöhtem Bedarf irgendwo in die Republik zu vermitteln, suchte sich Benno selbst eine Arbeitsstelle in einem Dresdener Baureparaturbetrieb.
Es gab nicht viel zu tun. Waren Steine vorhanden, fehlte der Zement und gab´s Zement, war der Mischer kaputt – so ungefähr.

Ironie der Geschichte, einmal durfte Benno an einer Sitzung der Personalvertreter der grösseren städtischen Betriebe teilnehmen, weil die eigene Betriebsleitung selbst nicht dorthin wollte. Thema: Zunehmende Anträge auf ständige Ausreise von Beschäftigten sozialistischer Betriebe und wie damit umgegangen werden soll …
Während in der Stadt Dresden die Gebäudesubstanz, die den Bombenangriff im Februar 1945 überlebt hatte, zusehends verfiel, wurde auf den grünen Wiesen die „Platte“ favorisiert. Für Architekten war da nicht mehr viel zu gestalten. Das System „WBS70“ war entwickelt und wurde Fliesband mässig verbaut. Die Erfüllung des Wohnungsbauprogramms stand bei der Partei- und Staatsführung ganz oben an und war mit Altbausanierungen nicht zu erfüllen. Die Mieten waren so niedrig, dass der Unterhalt der Wohnungen und Häuser daraus nicht finanziert werden konnte. Es konnte einem schon Tränen in die Augen treiben, wenn man zusehen musste, wie fast 100 Jahre alte Gründerzeitvillen und –häuser dem Verfall preisgegeben wurden.

Im Herbst 1981 stellte Benno einen formlosen Antrag zur „ständigen Ausreise“ aus der DDR, auch Ausreiseantrag genannt.
Dabei wollte er eigentlich gar nicht in die Bundesrepublik. Zunächst wollte er nur raus aus der DDR. Aber wie das so ist, Verwandtschaft, gleiche Sprache, etwas Pragmatismus und schon landete man gedanklich im zweiten deutschen Staat. Ganz abgesehen davon fehlten verwandtschaftliche Beziehungen in die Schweiz oder nach Österreich, wohin er lieber ausgereist wäre.

Was schrieb man nun in solche Anträge rein? Freie Wohnsitzwahl lt. Schlussakte von Helsinki, wenig berufliche Perspektive, bei Familien kam noch „nicht ausreichend vorhandener Wohnraum“ hinzu.
Irgendwie werden sich die Anträge alle sehr ähnlich gesehen haben. Einschreiben mit Rückschein an die zuständige Stadtbezirksverwaltung, fertig.

Obwohl es dafür keinen Grund von „oben“ gab, kündigte Benno den Arbeitsplatz bei dem Baureparaturbetrieb und arbeitete fortan als Hausmeister in einem kirchlichen Altenheim.

Diese „Anträge“ wurden ganz unterschiedlich behandelt. Im Falle von Benno passierte ein halbes Jahr erst einmal gar nichts. Keine Reaktion, geschweige denn eine Antwort von Seiten der Behörde. Auch dies war mittlerweile eine gängige Praxis – einfach ignorieren!
Dabei wollte es Benno doch zuerst IM GUTEN“ versuchen, ganz legal, mit richtigen Ausreisepapieren.
Zwischenzeitlich besuchte er die Ständige Vertretung der BäeRDä in Berlin, damit der Westen informiert ist, wer in selbigen ausreisen möchte.

Nach einem halben Jahr erhielt er Post vom Stadtbezirk. Die obligatorische Einladung „zur Klärung eines Sachverhaltes“, am soundsovielten um die und die Zeit in das Zimmer mit der Nummer soundso, zu kommen.
Der Herr im Zimmer stellte sich mit Herr Müller vor und gab an, dass das Ausreiseersuchen auf den Weg gebracht sei und er nur noch abschliessende Informationen u.a. über das „Wohin“ und zu „wem“ brauchte. Willig lieferte Benno die gewünschten Informationen, ohne allerdings so recht zu glauben, dass es bald „losgeht“. Dafür war der „Angestellte“ ungewohnt höflich und es war offensichtlich, dass es eigentlich nur um Informationen aus Bennos privatem Umfeld im Westen geht.

Vier Wochen später fuhr Benno uneingeladen erneut zum Stadtbezirk, um sich bei Herrn Müller nach dem Fortgang seines Antrages zu erkundigen. Mit dem Hinweis, dass es im Hause keinen Herrn mit dem Namen Müller gäbe, wurde Benno verunsichert.
Auch der Hinweis, dass es doch am soundsovielten um die und die Zeit in dem und dem Zimmer mit der Nummer soundso eine Unterredung mit einem Herrn Müller gegeben hätte, lief in´s Leere.
Es gab keinen Herrn Müller, also gab es auch kein Gespräch mit ihm an diesem Ort, basta.

Nun tat Benno etwas, was man im Rückblick nur als Kurzschlussreaktion bezeichnen kann.
Ungetreu dem Motto „geh´nicht zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst“, setzte sich Benno in die „11“ und fuhr durch die halbe Stadt hinauf zur Stasizentrale auf den „Weissen Hirsch“. Der Posten an der Einfahrt telefonierte kurz, worauf Benno nach Benennung seines Begehrens abgeholt wurde und im EG des Hauptgebäudes in einer Art Wartezimmer platziert wurde. Erst jetzt realisierte Benno, dass er sich in „der Höhle des Löwen“ befand und sollte er hier verschwinden, kein Hahn mehr nach im krähen würde, da niemand aus Bennos Bekanntenkreis von diesem Besuch etwas wusste.
Die beiden Fenster zum Hof waren vergittert und die Tür hatte nur aussen einen Griff …

Er erinnert sich, dass ihm die Wartezeit unendlich lang vorkam und erst nach einer gefühlten Stunde erschien ein noch recht junger Mann in Zivil im Zimmer, stellte sich vor und fragte nach seinem Anliegen.
Auch wenn es Benno unendlich schwer fällt, muss er hier eine Lanze für – zumindest diesen – Mitarbeiter des MfS brechen. Ungewohnt höflich und unter Respektierung seines Gegenübers erinnerte die Unterredung der, die Benno vor 2 Monaten in der ständigen Vertretung der Bundesrepublik erlebt hatte. Der „gute Onkel von der Stasi“. Benno erzählte ihm von dem Ausreiseantrag und davon, dass die Mitarbeiter des Stadtbezirkes ein stattgefundenes Treffen nachträglich verleugneten.

Das wäre ein Vorgehen der Genossen im Stadtbezirk, das so nicht toleriert werden kann, antwortete er auf Bennos Vorwürfe. Umgehend griff er zum Hörer und rief im Stadtbezirk an, wo er sich Bennos Geschichte rückversicherte. Abschliessend machte er ihm verständlich, dass so etwas nach Möglichkeit nicht wieder vorkommt und entliess Benno, noch nachfragend, ob das alles gewesen sei, nach insgesamt etwa 30 Minuten zurück in die Freiheit.
Obwohl er in seiner Sache nichts erreicht hatte, verliess er mit einem Hauch von Genugtuung die Festung. Der Stein, der Benno vom Herzen fiel, blieb da oben im Hof liegen.

Edit: Formatierung


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08.12.2012 15:09
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#116
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Die geschichte ist gut geschrieben, alle Achtung!

Ich kann mich an viele Situationen in der Vergangenheit erinnern, auch wenn mir manches nicht so bedeutend erschien. Z.B. der kleine private "Ungehorsam" sich durch Krankschreibung dem GST-Lager zu entziehen.

Hier im Forum wurde einmal erwähnt, das viele ehemalige DDR Bürger zum "jammern" neigen, in einer Form ist das fast richtig- wir hätten früher gegen einige Sinnlosigkeiten und Fehler damals angehen sollen!
Nicht Krankschreiben sondern verweigern, ich hatte den Mut auch nicht und dachte das "Große" ist ja richtig und den "kleinen Fehler" korrigierst du auf deine private Weise und lachst innerlich ab....

Zu feige und zu bequem, die Quittung habe ich nach 1989 bekommen, "Vom Regen in die Traufe". Für mich heute noch schade für die vergebene Chance.

Die Geschichte bringt wirklich gut zum Ausdruck, wie aus vielen "kleinen" Unzufriedenheiten und Gängeleien ein Widerstand gegen den Staat gewachsen ist.


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08.12.2012 17:19 (zuletzt bearbeitet: 10.12.2012 12:29)
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Weil im Verlauf des folgenden halben Jahres zum Thema Ausreise nichts mehr passierte, kam das Thema „Flucht“ immer mehr in Bennos Gesichtsfeld. Seine Geduld war zu Ende. Es war die Summe der vielen kleinen Nadelstiche und keine Aussicht darauf, dass das Regime reformfähig werden könnte – Gorbatschows Frühlingshoffnungen kamen erst 4 Jahre später.

Nun hatte das Thema bei Benno Züge angenommen von ES MUSS NOCH MÖGLICH SEIN, DIESES GEFÄNGNIS ZU VERLASSEN,
sowie ICH NEHME DIE HERAUSFORDERUNG AN, EURE WESTGRENZE IST NICHT UNÜBERWINDBAR. Es steigerte sich zum persönlichen Kraftakt zwischen David und Goliath, mit dem Überwachungsstaat „abzurechnen“. Mit EUCH waren wieder DIE DA OBEN gemeint und hier insbesondere die, die für den immer perfekteren Ausbau der Grenzanlagen von der Ostsee bis zum Erzgebirge verantwortlich zeichneten.

Die DA OBEN hatten wieder einmal eine Chance bekommen und bis dato nicht genutzt. LEGAL und IM GUTEN hatte keinen Erfolg aufgezeigt, also blieb nur noch, das Land ILLEGAL zu verlassen.

Die Berliner Mauer und die Transitwege waren tabu, das sozialistische Ausland ebenfalls, denn wo man nicht ortskundig ist, sinken die Erfolgschancen gegen Null.
Da blieb unter Abwägung aller Für und Wider nur die grüne Grenze im Grossraum von Bennos ehemaliger Grenzkompanie. Auch wenn inzwischen 7 Jahre vergangen und davon auszugehen war, dass überall technisch aufgerüstet wurde, blieben doch die Kenntnisse der geografischen Gegebenheiten und die technischen Informationen zum Grenzausbau auf der Haben Seite. Letztere leider nur mit dem Stand von 1975. Die AGT wurden nicht mit in die Überlegungen eingezogen, denn nach seinem Plan würde er ihnen nicht begegnen - dachte er jedenfalls.

Die unentdeckte Überwindung der Sperranlagen konnte nur ein Teil der Planung ausmachen. Nicht weniger wichtig erschien es Benno, sich unentdeckt im Grenzgebiet bewegen zu können, um überhaupt in die Nähe des Schutzstreifens zu gelangen. Schon ein PKW mit einem bezirksfremden Kennzeichen konnte innerhalb des Grenzgebietes jeder Zeit zu Kontrollzwecken angehalten werden (GAK, FHG, FHVP, VP) und damit war eine geplante Flucht i.d.R. bereits beendet.

Ein Jugendfreund von Benno hatte einen Trabant mit Erfurter „L“ am Kennzeichenanfang und war bereit, ihn im Grenzgebiet abzusetzen.
Er selbst hatte nach Dresden geheiratet, Familie mit 2 Kindern und nicht die Absicht, die DDR zu verlassen – schon gar nicht illegal.

Für die Überwindung des Streckmetallzaunes hatte sich Benno eine einfache Strickleiter aus abgeschnittenen Besenstielen und Wäscheleine gebastelt, an deren Ende 2 Stahlkrallen befestigt waren, um die Leiter in die Rauten des Streckmetalls stecken zu können.

Perso, 50 DM, einen 8 x 8 cm grossen Ausschnitt aus einer DDR Strassenkarte (den Kartenrest verbrannte Benno im Kachelofen seiner kleinen Hinterhaus Mansardwohnung), auf die mit einem Bleistiftstrich die Marschrichtungszahl eingetragen war, entlang derer Benno vom Grenzgebiet in den Schutzstreifen kommen wollte.

Eine kleine Taschenlampe zum Aktivieren der fluoreszierenden Zahlen auf dem Kunststoffkompass bei Nacht, sein 7x50 Carl Zeiss Fernglas, ein Taschenmesser, eine Taschenuhr, die Strickleiter und einen gefüllten Pfefferstreuer komplettierten sein Fluchtzubehör. Als Bekleidung wählte Benno eine Tarnjacke und Stiefel der NVA sowie eine derbe alte Hose.

Zur Beruhigung besorgte er sich noch ein Röhrchen Faustan(?)-Tabletten.

Edit: Fluchtzubehör um Taschenuhr ergänzt


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10.12.2012 09:12
#118
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Zitat von ddr-bürger im Beitrag #116

Die Geschichte bringt wirklich gut zum Ausdruck, wie aus vielen "kleinen" Unzufriedenheiten und Gängeleien ein Widerstand gegen den Staat gewachsen ist.



Hallo @ddr-bürger, die von Dir zitierte Aussage lässt mich darüber nachdenken ob die Menschen im heutigem Staat keine "kleinen" Unzufriedenheiten und Gängeleien erleben und erfahren. Es scheint fast so.

Wobei jeder, denke ich mal, in der DDR das Gefühl hatte bei bestimmten Sachen Gegängelt zu werden, (fast) jeder war mal über irgendetwas Unzufrieden aber daraus eine "logische" Entwicklung zum Widerständler abzuleiten finde ich ist zu einfach.

Ein Satz ist mir in den Schilderungen von @80er aufgefallen, er schrieb sinngemäß das er besonders die negativen Aspekte des alltäglichen Lebens hervorhebe um damit seinen Entschluß zur Flucht zu begründen.......

Mit solch einer Einstellung habe ich so meine persönlichen Probleme.
Ich kann diese Begründung einfach nicht nachvollziehen. Waren meine "negativen" Erlebnisse in der DDR zu banal, zu nichtig um zu solchen Schlüssen zu kommen, wie: ich muß hier unbedingt raus? Es fehlte wohl der berühmte Tropfen welcher das Fass zum überlaufen bringt.

Ich muß es nicht verstehen aber ich kann es akzeptieren das es Situationen in ihrer Summe gab welche für den Einen oder Anderen essentiell waren, mich aber in der Form so nicht berührt haben.

Was die Architekten betrifft, den Spagat zwischen eigenem Anspruch und der ökonomischen Wirklichkeit wird ganz gut von 'Franziska Linkerhand' beschrieben. Soweit ihre "Offenheit" erduldet wurde......

Gruß
Nostalgiker

Aber auf einmal bricht ab der Gesang,
einer zeigt aus dem Fenster, da spazieren sie lang,
die neuen Menschen, der neue Mensch,
der sieht aus, wie er war
außen und unter`m Haar
wie er war ...

_______________
aus; "Nach der Schlacht" - Renft - 1974
Text: Kurt Demmler


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10.12.2012 09:28
avatar  Kimble
#119
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@Nostalgiker
Es ist immer eine Frage der Schmerzgrenze.
Der eine friert schon bei 20 Grad, und der andere erst bei unter Null.


80er schrieb ja nicht von Banalitäten wie Schlangestehen im HO, keine Bananen (ich weiß blödes, und halbwahres Standardbeispiel).
Er hat doch klar beschrieben wie er ständig die Exmatri als Druckmittel erlebt hat. Nicht jeder ist eben zum Mitläufer geboren.

Kannten Sie die DDR ? "Ja, flüchtig"


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10.12.2012 09:40
#120
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@Kimble, danke für den "Mitläufer"

Aber auf einmal bricht ab der Gesang,
einer zeigt aus dem Fenster, da spazieren sie lang,
die neuen Menschen, der neue Mensch,
der sieht aus, wie er war
außen und unter`m Haar
wie er war ...

_______________
aus; "Nach der Schlacht" - Renft - 1974
Text: Kurt Demmler


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