Resümee einer Jugend...

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19.07.2012 12:16
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#1
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Hallo zusammen,
angeregt durch die wirklich sehr aussagekräftigen Berichte des ABV aus dem Oderland möchte ich auch meine Erlebnisse mit euch teilen und vielleicht ein paar "Ehemalige" finden. Und einige Fragen hätte ich auch noch...

Kurz zu meiner Person: Jahrgang 1967, 1986-1988 OHS für Militärflieger Brandenburg, 1988-1996 Kriminalpolizei Berlin

Ich fange einfach mal mit der Vorgeschichte, welche mich zur Kripo nach Berlin brachte, an:

Just im Hochgefühl der bestandenen 1. fliegerischen Hauptprüfung im Frühjahr 1988 und der darauffolgenden Versetzung in das 3. Studienjahr musste ich eines schönen Tages den Unterricht verlassen und im Stabsgebäude bei Major M. (V2000) aufschlagen.
Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht einmal, wer das war. Im Dienstzimmer angekommen wunderte ich mich, dass mir kleinem OS die Aufmerksamkeit von 7 hohen Offizieren zuteil wurde. Eingeschüchtert nahm ich Platz und M. kam auch gleich ohne Umschweife zum Thema: "Genosse K...., sie werden in der DDR nie wieder ein Luftfahrzeug bewegen und werden als Militärflieger und OS abgelöst." Punkt.

Doing, das hatte gesessen. Mir klappte die Kinnlade runter, denn ich hätte mit allem gerechnet, nur mit so einer Äußerung nicht. Ich war zwar kurz vorher in Königsbrück zum jährlichen Check und hatte mir eine Brille (0,25... lächerlich) eingefangen, aber das war bei den Hubschraubern nun wirklich kein Problem, zumal ich ausdrücklich als flugtauglich zurückkehrte und entsprechend geplant wurde.

Die Windungen unter dem Käppi fingen an zu glühen und ich überlegte mir, was wohl als Grund kommen könnte... Fluguntauglich. Den wahren Grund habe ich es erst viele Jahre später, nach Einsicht in meine Stasi-Akte, erfahren. Wenn dieser Punkt interessiert, kann ich gerne darüber berichten, aber weiter auf dem abgesägten Ast...

Es mussten Alternativen her. Marine hätte ich mir gut vorstellen können. Keine Planstellen für einen OS. FID, nie im Leben. Die Anderen fliegen und ich schraube.... Da kommt doch der Spieß und meint, ich solle mich in Löbau in der Fachrichtung Panzerdienst melden. Wir kannten uns sehr gut und ich habe ihn direkt gefragt, ob er mich verarschen will. Lange Rede kurzer Sinn, wieder Meldung bei M. in der V 2000. Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, bei der Kripo in Berlin zu arbeiten. Er hätte da einen Kontakt und wenn ich wöllte, würde der Genosse mal ein Gespräch mit mir führen. Ich war zu diesem Zeitpunkt 21 Jahre alt, verblendet und vielleicht auch ein bisschen zu dämlich für das reale Leben.

Mir erschien die letztere Alternative als sehr interessant und ich beschloss, mir die Ausführungen des Genossen aus Berlin mal anzuhören. Keine 2 Tage später schlug Hptm. d. K S. im Objekt auf und wir führten ein angeregtes Gespräch, welches die Weichen für mein Leben nach der OHS gestellt haben. Zum Abschluss lud er mich nach Berlin ein, ins Präsidium der Volkspolizei. Wow...

Ich fühlte mich trotz meines Rausschmisses aus der OHS noch gebauchpinselt und machte mich, bewaffnet mit entsprechendem Dienstauftrag, auf in die Hauptstadt. Angekommen in der Hans-Beimler-Straße staunte ich nicht schlecht beim Anblick des imposanten Gebäudes. Zackige Meldung am Empfang und schon war der Genosse S. bei mir. Ab in die Kantine, erst mal was gefuttert und dann gings los...

Ein Rundgang durch das PdVP... Eine prägende Erinnerung. Fortsetzung folgt, wenn ihr wollt... :-)


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19.07.2012 12:33
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#2
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Hallo Erik

Erstmal Herzlich Willkommen hier im Forum und viel Spass.
Mensch das haste ja Prima geschrieben,ganz grosse Klasse.Sehr Spannend aber leider viel zu kurz.
Schreibe auf jeden Fall weiter,ich denke das es auch alle anderen hier sehr Interessiert.

Gruß aus Thüringen


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19.07.2012 12:36
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#3
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Hallo und Willkommen, sehr interessante Schilderung!

Besonders die Ablösung als OS und dann doch noch zur K dürfen. Ich denke auf die Fortsetzung und die Hintergründe dürften schon jetzt alle sehr gebannt warten.


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19.07.2012 12:51
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#4
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@Pit und Feliks: Vielen Dank für eure Kommentare. Ich werde selbstverständlich weiter berichten. Lasst mir nur bitte eine gewisse Chronologie, sonst fehlt mir die Hälfte der Geschichte. Und selbstverständlich werde ich auch auf den Fakt OS zur K eingehen. Was zu dieser Zeit da wirklich gelaufen ist, wusste ich am Anfang der Geschichte noch gar nicht...


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19.07.2012 12:54
#5
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Ein herzliches Willkommen auch von meiner Seite.

Deine Geschichte hört sich spannend und interessant an. Freue mich schon auf die Fortsetzung dieses Lebensabschnittes.

Gruß

passport


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19.07.2012 13:27
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#6
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Ich knüpfe hier an meinen ersten Beitrag an und lasse die erste „Berliner Begegnung“ noch einmal durch’s Gedächtnis laufen. Eine bleibende Erinnerung ist der Fakt, dass Genosse S. damals das Essen und den Kaffee danach bezahlt hat.

Ich möchte auch noch anmerken, dass ich überrascht war, direkt von der K umworben zu werden. M.E. war ein Direkteinstieg eher unüblich. Korrigiert mich bitte, wenn ich hier falsch liege.

Dann wurde es dienstlich. Wir fuhren mit dem Paternoster (hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben gesehen und benutzt) in den 7. (?) Stock des PdVP und landeten schließlich vor einer Tür, welche mit einem elektronischen Zahlenschloss versehen war. Ich kannte bis dato nur die schnöde Petschaft und war als Technikfreak schon mal begeistert. Tür auf und wir standen auf einem langen Flur mit gefühlten 100 Büros.

Jeder Schlipsträger glotzte mich ob meiner Uniform an und ich wünschte trotzdem allen einen guten Tag. Nach einer Endlosschleife durch die Gänge führte mich Genosse S. zielsicher in einen Besprechungsraum. Hier wies er mich zuerst auf meine Verschwiegenheitspflicht hin (er hatte wohl mitbekommen, dass ich mir den Code abgeschaut hatte) und holte wieder einen Kaffee. Und plötzlich waren wir zu viert. S., Oltn. d. K M. und der Dezernatsleiter OSL d. K ?. Ich saß wie ein Krümel an der Stirnseite des Tisches, hatte einen totalen Orientierungsverlust und mir schon überlegt, dass ich doch lieber in der LPG Geußnitz als Landmaschinenschlosser arbeiten wollte. (Anmerkung: Wollte mein Vater nicht. War ihm wohl zu schnöde…)

Bevor ich allerdings ein Wort rausbrachte, stellte sich der Dezernatsleiter vor und erklärte mir, wo ich mich befinde. Im Dezernat I. OK, hätte er sich auch klemmen können, ich hatte weiterhin keinen Plan. Aber alle drei Genossen waren sehr freundlich und fingen an zu plaudern. Das Dezernat I würde sich mit allen Arten der Wirtschaftskriminalität in ganz Berlin befassen, incl. Kunstdiebstähle usw.. Da habe ich mich selbst als unbedarfter Bürger gefragt, was es wohl mit Kunstdiebstählen in der DDR auf sich hätte. Spontan fiel mir ne Leninbüste ein und ich hab erst mal richtig gelacht. Damit war das Eis wohl auch gebrochen und das Gespräch nahm einen sehr angenehmen Verlauf. Mancher mag jetzt ob meiner Unwissenheit feixen, aber zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch keinen Zusammenhang zwischen V2000 der NVA und dem Dezernat I der K herstellen.

Nach ca. 3 Stunden, die in einer wirklich lockeren Atmosphäre stattfanden, hatten mich die Kameraden soweit. Als ich hörte, dass sich ein Abteilungsleiter eines größeren Berliner Betriebes am Volkseigentum derart bereichert hat, dass er sich sozusagen kostenlos eine Datsche bauen konnte, war ich in Gedanken schon einer von der K. Ich fragte mich allerdings gleichzeitig, wie mein Vater seine Datsche wohl gebaut hatte…. Ich bin als Kind oft in den Wismut-LKW mitgefahren.

Da mich die Genossen so schnell als möglich in Berlin haben wollten, bekam ich ein Ersuchen auf Entlassung mit, welches ich dem M. (V2000) übergab. Wohlwollend wurde zur Kenntnis genommen, dass ich den bewaffneten Organen treu bleiben würde. Selbstverständlich wurde dem Ersuchen entsprochen.

Fortsetzung folgt….


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19.07.2012 13:54
avatar  Udo
#7
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Udo

@erkoe: Willkommen und - machs nicht so spannend, schreib weiter.
Udo


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19.07.2012 13:59
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keine Angst, geht gleich weiter. Etwas sortieren muss ich aber schon


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19.07.2012 14:53
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#9
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Muss ja nicht alles an einem Tag erzählt werden


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19.07.2012 14:59
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#10
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Recht haste, Feliks. Aber während meine Frau ein Buch liest, schreibe ich halt ein paar Zeilen....

Die Tage als OS sind gezählt…

Auf die EK-Bewegung habe ich verzichtet, schließlich war die Fliegerei mein Leben. Als man mir am Entlassungstag auch noch das Flugbuch (das wichtigste Dokument eines jeden Piloten) weggenommen hat, war das Kapitel NVA für mich erledigt. Bereits in Zivilkleidung, habe ich dies dem Stabschef der Staffel dann auch deutlich zu verstehen gegeben.

Diesem letzten Tag gingen noch drei „Kadergespräche“ mit der DVP voraus. Man wollte schließlich sichergehen, dass man sich keine Laus in den Pelz setzt. Alles in allem ziemlich easy. Allerdings wurde ich wieder nach Berlin beordert und ein Kaderoffizier stellte mir die Frage, was mein Vater wohl 1957 in der BRD zu suchen hatte. Das war mir vollkommen neu und ich gab die Frage mit Hinweis auf meinen Jahrgang (1967) zurück. Er war zufrieden, der Dienstvertrag wurde unterschrieben und ich musste eigentlich nur auf das nächste Wochenende warten, um meinem Vater ebendiese Frage zu stellen. Kurz angemerkt, die Antwort lautete sinngemäß: „Geht dich nix an!“
Ankunft in Berlin…

Am 01.11.1988 war es dann soweit. Zur befohlenen Zeit meldete ich mich am Empfang des PdVP und wieder war Genosse S. sofort zur Stelle. Aber diesmal gab‘s nix zu futtern, keinen Kaffee und der Paternoster blieb nicht links, sondern rechts liegen. Wir standen nach einigen Durchgangstüren im Hof, Ausgang Keibelstraße. Was’n da los, dachte ich kurz. Genosse S. erklärte mir, dass ich erst mal in die sogenannte Nachwuchseinheit des Dez. I komme. Die OFG (Operative Fahndungsgruppe) II. Hier würde ich so lange verbleiben, bis ich das 2. Studienjahr (Fernstudium Aschersleben) abgeschlossen hätte. Ich hab mich sowas von verarscht gefühlt… Aber es war zu spät. Wenigstens war an der finsteren Bude auch ein elektronisches Zahlenschloss. Ich hatte somit gedanklich erst mal mit dem Diebstahl der Leninbüsten abgeschlossen und harrte der Dinge, die da kommen sollten.

S. kannte natürlich den Code, die Tür ging auf und er übergab mich in die Obhut des Polit, Maj. d. K F.. Mein erster Gedanke: Der sieht aus wie ne Bulldogge. War auch eine. Neben mir bauten sich zwei verdiente BU’s der BePo auf. Die Obermeister D. und G., beide in Uniform. Nebenbei ist mir irgendwie noch aufgefallen, dass die K mich um 2 Dienstgrade besch***** hatte. Als Stabsfeldwebel der Reserve hätte mir ja auch der Kriminalobermeister zugestanden. Im Hinblick auf mein Fernstudium habe ich den Gedanken aber verworfen. Das Ziel war klar: Leutnant der K.

Nun standen wir zu dritt vor der Bulldogge und die zwei Kameraden von der BePo bekamen erst mal einen Anschiss. Sie seien hier bei der K, was soll die Uniform??? Schweigen im Walde. OK, heute wäre eh erst mal Innendienst und wir bekamen einen Laufzettel für Personalangelegenheiten, B/A und ähnliches Gedöns. Ist ja hinlänglich bekannt. Gegen Mittag waren wir mit unserer Runde fertig und die Dienstschicht, welcher wir zugeteilt werden sollten, rückte ein. Schichtleiter war Oltn. d. K Udo N., später liebevoll als „Unser Dummer Oberleutnant“ bezeichnet. Als ich die Meute das erste Mal sah, stellte sich mir spontan die Frage, wieso ich hier in einer Nachwuchseinheit bin. Bis auf drei, vier Burschen in meinem Alter kamen mir nur altgediente Unterführungsgrade vor die Pupille. Zum zweiten Mal an diesem Tage war ich pappesatt.

Nun ja, die Truppe rückte aus und wir 3 bleiben mit dem Hinweis zurück, morgen genug 8/75er (Mocca Fix) und 14/50er (ich glaube Goldkrone) als Einstand mitzubringen. Die beiden Obermeister wurden mit dem Hinweis in den Feierabend verabschiedet, doch am Folgetag bitte in Zivil wiederzukommen. Ich wurde dem Schirrmeister übergeben, welcher mich mit meinem Trabbi in das Wohnheim Rhinstr. lotsen sollte. Und so ging‘s ab auf die Leninallee…

Forstsetzung folgt…


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19.07.2012 15:06 (zuletzt bearbeitet: 19.07.2012 19:16)
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Ich möchte auch weiter lesen. Gerade persönliches Erlebtes macht es so interessant.Man muss sich mit mit dem war auseinander setzen,versuchen zu verstehen warum,weshalb und wieso es so kommen musste.Ein Resümee ist immer gut ,auch um Fehler nicht zu wiederholen.Ich wünschte mir mehr würden hier im Forum über Erlebtes schreiben und zum Nachdenken anregen.


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19.07.2012 16:19 (zuletzt bearbeitet: 19.07.2012 16:19)
avatar  exgakl
#12
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herzlich willkommen erkoe und weiter so!

VG exgakl

Jede gute Idee beginnt mit dem Satz.. "halt mal mein Bier!"

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19.07.2012 17:00
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Einzug ins VP-Wohnheim

Jaja, der Schirrmeister. Das war schon ne Kraft. Düst mit dem Lada los. Seine Worte waren nur: „Immer geradeaus und bei den Hochhäusern rechts rein“. Toll, dachte ich. Aber irgendwie habe ich die Rhinstr. gefunden und wir begaben uns zur Anmeldung. Die folgende Unterhaltung zwischen dem „Anstaltsleiter“ und ihm empfand ich getreu dem Motto „Weißte noch damals, als wir 1952 die KVP gegründet haben… “. Allerdings hatte die Bekanntschaft der Beiden für mich einen entscheidenden Vorteil. Ich bekam eine Luxusbehausung, jedenfalls nach damaligen Gesichtspunkten. Separates Schlafzimmer, riesiges Esszimmer mit Küche, Wohnzimmer mit Balkon, Bad, getrennte Toiletten und ein weiteres Schlafzimmer. Wir waren im Laufe der Zeit nie mehr als 3 Mann, das war schon ne Art Kulturschock. Schnell noch Bettzeug und Schlüssel empfangen, Pappe ausräumen und ab in die Kaufhalle, Bier und Einstand holen. Alles in allem doch noch ein gelungener Tag, bis auf das Fernsehbild. Der Junost konnte wohl nicht so mit ARD usw.…

Der erste Arbeits- bzw. Diensttag

Frühschicht war befohlen. Dienstbeginn um 08:00 Uhr. Um 06:00 schrillte der Wecker und ich hatte mir überlegt, hauste dir noch ordentlich was rein, wer weiß, wann es wieder was gibt. Eine weise Entscheidung. Nicht in punkto Verpflegungsengpass, eher dem Einstand geschuldet. Ich hatte mich gleich mal schlecht eingeführt. Die Pappe hatte ich stehengelassen und wollte die Tram probieren. Den Unterschied zwischen Linie 18 und 18a kannte ich bis dahin nicht. Der war aber so gewaltig, dass ich ab dem SEZ zu Fuß gehen durfte. Allerdings hielt sich der Anschiss in Grenzen, wir waren ja bei der K.
Auch meine beiden Mitstreiter vom ersten Tage traten den Dienst in Zivil an. KOM D. allerdings im Anzug. Der hatte wohl zu viel „Polizeiruf“ gesehen. Allerdings musste man uns Neulingen zu Gute halten, dass wir keine Ahnung hatten, was uns bei der OFG erwarten würde. UDO (siehe weiter oben) kam dann auch und wies die Schicht ein. Nach dieser Einweisung bin ich fast vom Stuhl gefallen und ich wünschte mich wieder zurück in die LPG als Schlosser. Alles war interessanter im Leben als die Platten und Wege vom Alex bis zum Brandenburger Tor abzulatschen. Wo war ich bloß hingeraten?
Diese Frage sollte sich in den folgenden Stunden beantworten, denn ich wurde einem auf der „Platte“ erfahrenen Nachwuchskader (ca. 45 Jahre alt) zugeteilt, der mich einweisen sollte.
Was er auch mit Hingabe tat. Als erstes besichtigten wir den sogenannten „Zuführungspunkt“ im S-Bahnhof Alexanderplatz. So etwas hatte ich bis dato noch nicht gesehen. Eine Art Bunker im Untergeschoss, dekoriert mit 3 Stühlen, einem Tisch und einem Telefon, um, wie im Jargon genannt „Über Draht“ zu kommen. Meine Desillusionierung nahm ihren Lauf. Um mich abzulenken aktualisierte ich noch schnell das Fahndungsbuch, indem ich seine Zettel bzw. diverse Fernschreiben fein säuberlich in die Fahnderbibel übertrug.
Da auf der Platte bei dem sch*** Wetter nicht viel los war, bezogen wir einen geschützten Posten in den Rathauspassagen und er zeigte mir potenzielle Kandidaten für eine Personenkontrolle. Zu diesem Zeitpunkt erschlossen sich mir seine Kriterien allerdings nicht. Im Verlauf der Schicht zeigte er mir dann tatsächlich noch unseren gesamten Dienstbereich (zu Fuß) und ich war nach den 12 Stunden derart im Eimer, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dies am nächsten Tag gleich noch einmal zu machen.
Am interessantesten fand ich an diesem Tage noch den Funk. Wir verfügten über Geräte aus tschechischer Produktion, welche man ähnlich einem Pistolenholster unter der Kleidung tragen konnte. Da mir die meisten Kollegen noch unbekannt waren, erlaubte sich mein Mentor einen kleinen Scherz. Er lotste mit einem Rundruf ein (Streifen)Pärchen zum Neptunbrunnen und meinte zu mir, dass die Zwei, die den Kopf gleich nach rechts bzw. links beugen würden (Sitz des Lautsprechers) meine Kollegen seien. Gesagt, getan. Ich hab’s nicht glauben wollen, aber er hatte Recht und ich wenigstens einen Lacher an diesem Tag, obwohl mir eigentlich nicht danach zu Mute war.
Irgendwie war meine Stimmung auch bis zur Bulldogge durchgedrungen. Jedenfalls durfte ich nach der Schicht bei ihm antanzen. Mein Mentor hatte wohl „über Draht“ meine mangelnde Einstellung zur sinnfreien Bestreifung des Berliner Zentrums kundgetan. Bitte schlagt jetzt nicht auf mich ein, aber ich dachte bis dahin immer, dafür gibt’s die Schutzpolizei. Das ein ganz anderer Gedanke hinter DIESER Bestreifung in Zivil steckte, ist mir erst viel später bewusst geworden.
Aber sei’s drum: Erster Tag, erster dienstlicher Anschiss. Das hab ich nicht mal bei der NVA geschafft. In der Folgezeit war es sehr schwierig für mich, vom gelernten Denken und Handeln eines NVA-Piloten abzulassen und den Sinn meiner neuen beruflichen Zukunft zu begreifen. Der Absturz war selbst bei wohlwollender Betrachtung zu offensichtlich und hat mir eine Menge Ärger eingebracht.

Fortsetzung folgt….

Im Zusammenhang mit der Streife der Schutzpolizei auf dem Alex hätte ich eine Frage: Es gab einen Kollegen, der wurde der „Rostocker“ genannt. Meines Wissens der erfolgreichste Fahnder auf der Platte. Ist er vielleicht hier bekannt?


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19.07.2012 17:11
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Gilbert eventuell, musst mal anfragen.


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19.07.2012 19:15
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Danke Feliks für deine Info bezüglich des "Rostockers", ich bin ja gerade mal einen Tag hier und wenn sich was rauskriegen lässt, dann sicher auf dieser Webseite (welche ich schon seit 2 Monaten aufmerksam verfolge)...

Ich möchte zwischenzeitlich mal die Erklärung für einen geschassten OS in Diensten der Kripo liefern. Ohne der Geschichte komplett vorgreifen zu wollen: Laut Auskunft der Personalakte, welche ich nach der Wende einsehen durfte, waren unsere Kreisdienststelle in Zeitz und auch unser ABV sehr rührig in Bezug auf meine Person. Ich bitte dies jetzt nicht als persönliche Abwertung zu verstehen, zumal ich unseren ABV'er, Ltn. d. VP R., seit der 5. Klasse kannte und auch als pubertärer Jugendlicher sehr schätzte.
Da ich nie schlechter als Note 2 in Theorie und Praxis an der OHS abgeschlossen hatte, bemühte man sich weiter um mich und suchte wohl "das geringste Übel". Hab ich in meinem jugendlichen Leichtsinn damals nicht einmal geahnt... Man hatte mich unter Kontrolle und auf eine Art und Weise geködert, auf die sicher einige junge Menschen in der DDR hereingefallen sind.


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