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#21

RE: In der DDR gab es Religionsfreiheit ?

in Mythos DDR und Grenze 26.11.2010 23:07
von P3 | 357 Beiträge
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Es gab keine Religionsfreiheit in der DDR. Die Zeugen Jehovas hat man verfolgt, wenn sie auf Missionstour erfolgreich waren.
Mein Arbeitskollege hat zwei Jahre im Knast verbracht, weil er den Wehrdienst total verweigerte. Es gab keinen Unterschied zwischen Schwerverbrechern und Totalverweigerern.
Sieben Tags-Adventisten waren dann Bausoldaten, habe mit Leuten aus der Reihe gesprochen. Es ging ihnen gut.


GRuß
P3


Wo viel Freiheit, ist viel Irrtum, doch sicher ist der schmale Weg der Pflicht.


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#22

RE: In der DDR gab es Religionsfreiheit ?

in Mythos DDR und Grenze 27.11.2010 12:28
von X-X-X (gelöscht)
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Der Staat hat das richtig verstanden. Atheisten wissen, das der Glaube selbst nicht Voraussetzung fuer eine moralische Haltung im Leben ist. Moralitaet ist unabhaengig vom Glauben. Religions- bzw. Glaubensfreiheit gab es. Bloss die Freiheit, sein Glauben oeffentlich und unerwuenscht zu verbreiten hatte man nicht. Die Trennung von Kirche und Staat ist notwendig. In den USA beklagen sich die christlichen Fanatiker, dass Beten in den oeffentlichen Schulen untersagt ist. Sie sagen: "Geben Sie uns nur fuenf Minuten vor Unterrichtsbeginn, damit wir uns zu unserem Glauben bekennen koennen, ja?" Ich sage: Wenn ich bein ihnen in der Kirche fuenf Minuten haben darf ueber Mathe, Physik oder Evolution zu reden, dann ginge das vielleicht. Religion gehoert in der Kirche, nicht in der Schule... und auch nicht vor meiner Haustuer!

1988 wurde in der Pfingstkirche (Bersarinplatz) 750 Jahre Christentum in Russland gefeiert. Nicht mal in Russland durften sie das. Also bitte die Kirche im Dorf lassen.... Mormonen durften auch zu DDR-Zeiten eine Kirche bauen (mit Hilfe aus den USA). Warum es den Zeugen so schlecht ging? Es geht ihnen ueberall so schlecht, weil sie sich weigern dem Staat mit Geloebnis zu dienen (Kein Wehrdienst, kein Zivildienst, Kein Fahneneid, und keine Nationalhymne singen, wobei das fuer keinen in der spaeteren DDR zum Problem wurde...) aber auch z.B. keine Transfusionen oder Organspenden fuer kranke Kinder. Gruende eine Religion hier in der BRD.... sage, du willst keine Steuern mehr bezahlen...ist Glaubenssache! Mal sehen wie lange du noch die Freiheit geniesst. In der BRD ist auch Scientology eigentlich so gut wie verfolgt . Wie steht es da mit Glaubensfreiheit? Sie haben doch auch das Recht an Irrsinniges zu glauben, oder?

Noch eins muss ich sagen: waehrend meiner Jahre in der DDR hatte ich nie erlebt, dass sich Leute ueber Religion streiteten. Das fiel mir erst auf, als ich danach in den USA inhaftiert wurde. Hinter den Mauern ging es unaufhoerlich um Glauben und Kirche (oder Moschee).

"So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehoert, und Gott, was Gott gehoert." Also Gehorsam. Ab und zu sollte man vielleicht doch noch auf den Jesu hoeren.

Schoenes Wochenende!

Jens


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zuletzt bearbeitet 27.11.2010 12:49 | nach oben springen

#23

RE: In der DDR gab es Religionsfreiheit ?

in Mythos DDR und Grenze 27.11.2010 15:38
von Rabe (gelöscht)
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Hallo

Die Religionsfreiheit in der DDR allein an den Zeugen Jehovas festzumachen, halte ich für nicht richtig. Auch in der BRD war das
Wirken der Zeugen Jehovas bis zu einem Urteil im Jahre 2006 sehr umstritten.
Wenn man das Verhältnis der Kirchen in der DDR zum Staat betrachtet, muß man nach meiner Meinung sehen, daß die Kirchen mit
ihren Einrichtungen einen geachteten Platz eingenommen haben. Nicht nur bei den Menschen anerkannt, sondern auch bei den
staatlichen Organen geschätzt, leisteten die Kirchen einen unverzichtbaren Beitrag im Gesundheitswesen. Ich denke hier an die
vielen Krankenhäuser und Sozialdienste.

Rabe


EMW-Mitarbeiter hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#24

RE: In der DDR gab es Religionsfreiheit ?

in Mythos DDR und Grenze 27.11.2010 16:15
von P3 | 357 Beiträge
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Hallo Rabe !

Ich fühle mich mal angesprochen ! Es war sicher nur ein Beispiel von mir, die Zeugen Jehovas in dieses Thema zu bringen, aber deshalb, weil ich es als Zeitzeuge so beurteilen kann. Es sind Fakten ! Auch die Nachteile von FDJ-Verweigerern im späteren Berufsleben sind nicht einfach wegzufegen. Ob Evangelist oder Katholist, sie gingen in die Christenlehre, standen dem Wehrkundeunterricht im Wege. Ich als religionsloser Mitbürger habe es halt registriert, den betroffenen Leuten galt mein Respekt, sie haben es oft geduldig ertragen und standen zu ihrer Religion. Das ist auch ein Teil meiner Kritik an der DDR, daß man eigentlich die Kirche nicht ins Boot holte, um den Staat besser zu machen. Wenn ich sehe, was heute für Sekten am Start sind, welchen Schaden sie anrichten, kann ich nur lächeln.

Gruß
P3


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#25

RE: In der DDR gab es Religionsfreiheit ?

in Mythos DDR und Grenze 27.11.2010 17:11
von Anton | 156 Beiträge | 3 Punkte
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Auch wenn die Kirche in der DDR ihren Platz einnahm, passierte es häufig im Alltag, daß Christen - Huf hatte es oben schon erwähnt - in der Wahrnehmung ihres Glaubens beeinträchtigt wurden. Und selbst Kinder waren davon nicht ausgeschlossen.

Als Grundschüler war ich in Ganztagsbetreuung untergebracht. Nach dem Unterricht besuchte ich den Schulhort. Freitags wurde von der evangelischen Kirchengemeinde im Ort eine wöchentliche Kinder- u. Jugendbetreuung (sogenannte Christenlehre) angeboten. Das bedeutete, daß wir als Gruppe von 5-6 christlichen Kindern und dem Einverständnis von Eltern und Erziehern nach 13.00 Uhr den Schulhort verlassen durften.

Regelmäßig waren wir dabei den Beschimpfungen und den Hasstiraden der Leiterin des Schulhorts ausgesetzt. Sie brachte vor versammelter Runde ihren Unmut gegen die Kirche und unseren Eltern zum Ausdruck. Heute würde man das vielleicht als Mobbing bezeichnen. Aber es ist für Kinder im Grundschulalter sehr prägend.
Nach einem ca. halben Jahr nahmen mich meine Eltern aus der Ganztagsbetreuung und ich war fortan ein glückliches Schlüsselkind

Auch in der Schule kam es später hin und wieder vor, daß Lehrer sich abfällig in meinem Beisein über die Kirche äußerten.
Im Berufsleben relativierte sich alles, da nicht jeder wußte, daß ich kirchlich engagiert war.


VG Anton



zuletzt bearbeitet 28.11.2010 13:28 | nach oben springen

#26

RE: In der DDR gab es Religionsfreiheit ?

in Mythos DDR und Grenze 08.03.2017 15:42
von buschgespenst | 1.842 Beiträge | 4990 Punkte
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Es ist ein uralter Thread, ja ich weiß, nur wollte ich kein neues Thema eröffnen. Aber weil ich an anderer Stelle im Forum von den Kirchensprengungen damals in der DDR geschrieben habe, hier nun einmal ein Neubau!

Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, besser bekannt als Mormonen, missionieren auch in Europa. Während des Kalten Krieges hatten sie es im Osten schwer. Nur in der DDR wurden sie geduldet. In den achtziger Jahren entstand im sächsischen Freiberg ein Tempel.


Zitat
Am 29. Juni 1985 meldete die Aktuelle Kamera im DDR-Fernsehen: "Ein Tempel der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage, der Mormonen, wurde heute in Freiberg eingeweiht. An dem feierlichen Akt nahmen der Stellvertreter des Staatssekretärs für Kirchenfragen, Hermann Kalb, sowie Repräsentanten des Leitungsgremiums der Mutterkirche, die ihren Sitz in den USA hat, teil."

Die Freiberger Mormonen-Gemeinde wurde 1896 gegründet, also vor genau 120 Jahren, nur wenige Jahre nach Gründung der Mutter-Kirche in den USA. Der 76 Jahre alte KFZ - Meister Frank Herbert Apel gehört seit Geburt dazu, wie seine vier Kinder und auch die Enkel und Urenkel. Für drei Jahre war Apel Präsident des Freiberg-Tempels, ein Ehrenamt auf Zeit. "1985 waren wir in Freiberg so 120, 110. Freiberg war schon immer eine starke Gemeinde, wie überhaupt die Kirche in der Südhälfte der DDR am stärksten war."

Besonders im pietistisch geprägten Erzgebirge, dem sächsischen Biblebelt bis heute. Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage ist stark auf Mission ausgerichtet. Alle jungen Männer müssen sich auf den Weg machen. Wohin, entscheidet die Kirchen-Zentrale in Salt Lake City.

Zu DDR-Zeiten hatten die meisten der rund 4500 Kirchenmitglieder kaum die Möglichkeit, an Belehrungen in einem Tempel teilzunehmen, ihre Ehe für die Ewigkeit zu siegeln oder Verstorbene taufen zu lassen. Der nächste Tempel befand sich damals in der Schweiz. Besuchs-Anträge wurden von den Behörden meist abgelehnt, obwohl sich die Mormonen traditionell loyal zum Staat verhalten. Anfang der 1980er Jahre änderte sich dann die Kirchenpolitik. Davon profitierten auch die Mormonen. Der Freiberger Tempel war der erste in Deutschland und darüber hinaus in ganz Osteuropa.


Mehr dazu:
http://www.deutschlandfunk.de/mormonen-z...ticle_id=363329

Wiki beschreibt den Tempel in Freiberg

Der Freiberg-Tempel war der erste Tempel dieser Kirche, der auf deutschem Boden gebaut wurde. Er ist der einzige Tempel, der in einem sozialistischen Land, nämlich der damaligen DDR, gebaut wurde. Offiziell wurde der Bau des Tempels am 9. Oktober 1982 bekanntgegeben. Zuvor gab es jahrelange Verhandlungen der Kirchenführung mit der Regierung der DDR, da die Mitglieder in der DDR nur äußerst selten eine Reiseerlaubnis bekamen, um einen Tempel außerhalb der DDR zu besuchen. Diese Verhandlungen führten schließlich zu dem Plan, in der DDR selbst einen Tempel zu errichten. Mit dem ersten Spatenstich von Thomas S. Monson wurde am 23. April 1983 der Bau begonnen. Der Tempel wurde am 29. Juni 1985 von Gordon B. Hinckley, damals Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft, geweiht. Der ursprüngliche Tempel hatte eine Fläche von 30 m × 25 m. Mit einer Nutzfläche von 730 m² war er einer der kleinsten Tempel der Kirche. Als erster Präsident des Tempels fungierte von 1985 bis 1991 Henry Burkhardt, der bis zur deutschen Wiedervereinigung zugleich Präsident der Kirche in der DDR war.

In den Jahren 2015 und 2016 wurde der Tempel aus- und umgebaut, unter anderem verlängert und unterkellert. Bevor der Tempel am 4. September 2016 erneut geweiht wurde, hatten Besucher die Möglichkeit, sich die Räumlichkeiten im Tempel anzuschauen. Vom 12. bis 27. August 2016 (Sonntage ausgenommen) wurden dafür Tage der offenen Tür veranstaltet.
https://de.wikipedia.org/wiki/Freiberg-Tempel

....


Mein Erzgebirge,
hoch über dunklen Schächten lauscht deiner Halden wilde Einsamkeit.
Still raunen sie von guten Himmelsmächten,
von Berggeschrei aus längst vergangener Zeit.
(Edwin Bauersachs)
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#27

RE: In der DDR gab es Religionsfreiheit ?

in Mythos DDR und Grenze 08.03.2017 16:16
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Mir sind keine Beispiele aus DDR Zeiten von Zwistigkeiten zwischen Christen und Genossen bekannt. Im Gegenteil. Die Kirche hat sich doch mit dem sozialistischen System gut arrangiert. Bestes Beispiel sind doch einige große Kirchenvertreter, unter Ihnen ein ,,Systemkritiker'', welcher es dann zu einem hohen Amt in diesem System schaffte. In den 70igern durfte ich in MVP eine neue Kirche besichtigen. Es war ein Neubau im amerikanischen Stil. Leider habe ich die Stadt vergessen. Im Eichsfeld, wo ich stationiert war, fanden kirchliche Veranstaltungen statt, welche mir als DDR Bürger neu bzw. fremd waren. Gelb/weise Fahnen kannte ich nicht und Kruzifixe waren mir auch neu.



zuletzt bearbeitet 09.03.2017 11:06 | nach oben springen

#28

RE: In der DDR gab es Religionsfreiheit ?

in Mythos DDR und Grenze 08.03.2017 16:38
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Zitat von rasselbock im Beitrag #27
Mir sind keine Beispiele in DDR Zeiten von Zwistigkeiten zwischen Christen und Genossen bekannt. Im Gegenteil. Die Kirche hat sich doch mit dem sozialistischen System gut arrangiert. Bestes Beispiel sind doch einige große Kirchenvertreter, unter Ihnen ein ,,Systemkritiker'', welcher es dann zu einem hohen Amt in diesem System schaffte. In den 70igern durfte ich in MVP eine neue Kirche besichtigen. Es war ein Neubau im amerikanischen Stil. Leider habe ich die Stadt vergessen. Im Eichsfeld, wo ich stationiert war, fanden kirchliche Veranstaltungen statt, welche mir als DDR Bürger neu bzw. fremd waren. Gelb/weise Fahnen kannte ich nicht und Kruzifixe waren mir auch neu.


Kann es sein,das es in Rostock war. Denn in den 70er, wurde in Rostock eine Kirche am Schröderplatz gesprengt. Um eine Verkehrstrasse Rostock Innenstadt- Richtung Südstadt zu errichten. Als Ausgleich erhielt die Kirche ein neues Grundstück an der Hundertmännerbrücke und man baute ihnen eine neue Kirche dort hin.


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#29

RE: In der DDR gab es Religionsfreiheit ?

in Mythos DDR und Grenze 08.03.2017 16:44
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Christuskirche (Rostock)

Zitat
Einer Ende der 1960er Jahre geplanten Magistrale, die Gehlsdorf mit der Südstadt verbinden sollte, war das Kirchgebäude angeblich im Wege und es sollte deswegen abgerissen werden. Die alte Christuskirche, das Pfarrhaus, das Wohn- und Bürohaus und die sogenannte Notkirche mit Gemeindesaal wurden am 12. August 1971 gesprengt. Die großen Verkehrspläne, denen die Christuskirche geopfert wurde, sind nur teilweise verwirklicht worden. Der Standort der Kirche ist bis 2012 unbebaut geblieben.


https://de.wikipedia.org/wiki/Christuskirche_(Rostock)

Die neue Christuskirche ist eine Hyparschalenkonstruktion von Ulrich Müther. Sie wurde am 12. Juni 1971 durch Bischof Heinrich Theissing geweiht.

...


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(Edwin Bauersachs)
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#30

RE: In der DDR gab es Religionsfreiheit ?

in Mythos DDR und Grenze 08.03.2017 18:34
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Das Beispiel der Universitätskirche in Leipzig sollte nicht nur Leipzigern bekannt sein.
Und das war "nur" ein Extremfall.

Nach dem Bibelzitat "Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist" haben sich Kirchen immer arrangiert, sogar mit Hitler.
Aber mit Religionsfreiheit hat das nichts zu tun.


Disziplin ist die Fähigkeit, dümmer zu erscheinen als der Chef. (Hanns Schwarz)


Bastler100 und thomas 48 haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 08.03.2017 18:35 | nach oben springen

#31

RE: In der DDR gab es Religionsfreiheit ?

in Mythos DDR und Grenze 08.03.2017 18:38
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Zitat von Freienhagener im Beitrag #30
Das Beispiel der Universitätskirche in Leipzig sollte nicht nur Leipzigern bekannt sein.
Und das war "nur" ein Extremfall.

Nach dem Bibelzitat "Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist" haben sich Kirchen immer arrangiert, auch mit Hitler.
Aber mit Religionsfreiheit hat das nichts zu tun.

Eventuell sollte einmal geklärt werden was "Religionsfreiheit" eigentlich bedeutet und alles beinhaltet? Wenn es um eine 100%tige Freiheit der Religion, was ja der Begriff suggeriert, geht wird es bei genauer Betrachtung doch ganz schön eng und das nicht nur beim Blick in die Vergangenheit.



Bastler100 hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#32

RE: In der DDR gab es Religionsfreiheit ?

in Mythos DDR und Grenze 08.03.2017 18:56
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Außer der ungehinderten Ausübung (intern) bedeutet das keinerlei Benachteiligung der Gläubigen extern.

Das bedeutet sicherlich nicht das, was wir an Auswüchsen der religös daherkommenden Anmaßung gerade erleben.
D.h. Freiheit hört dort auf, wo wiederum Andere bedrängt werden.


Disziplin ist die Fähigkeit, dümmer zu erscheinen als der Chef. (Hanns Schwarz)


Bastler100 und bürger der ddr haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 08.03.2017 18:57 | nach oben springen

#33

RE: In der DDR gab es Religionsfreiheit ?

in Mythos DDR und Grenze 08.03.2017 19:37
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Hier mal ein etwas längerer Beitrag zum Dom in Berlin.

“Die Evangelischen Kirchen in der DDR und der Wiederaufbau des Doms”
Vortrag des Ministerpräsidenten Manfred Stolpe beim 3. Dom-Kolloquium in Berlin am 4. Februar 2000


Der ruinierte Dom im Herzen Berlins war ein Stein des Anstoßes, ein so kolossaler Anstoß sogar, dass er dem Betrachter zu einem gigantischen schwarzen Fragezeichen wurde: Abreißen, stehen lassen, wieder aufbauen? Und wenn abreißen - was dann an seine Stelle?
Und wenn Wiederaufbau - in welcher Gestalt und mit welcher Nutzung?
Jahrzehntelang haben sich Deutsche in Ost und West, in Kirche und Staat mit diesem Problem befasst. Wie bei kaum einem anderen Projekt wurde beraten, entworfen und wieder verworfen. Der Dom blieb eine nationale Aufgabe, die nur von der gesamten Nation gelöst werden konnte.

Zur Erinnerung: Im Juli 1948 stellt ein Stadtverordneter fest: Der Abbruch der Gebäudemassen käme erheblich teuerer als ihre Instandsetzung. Nach der Gründung der DDR lässt die Stadt die Reste der zerstörten Kuppel abtragen und beginnt 1950 mit der Sicherung der Innenkuppel. Aber im selben Atemzug wird das beschädigte Schloss vis-a-vis gesprengt. Mit einem ideologischen Kraftakt wollte man Jahrhunderte brandenburgischer und preußisch-deutscher Geschichte auslöschen. Würde dieses Schicksal auch dem letzten deutschen Kaiserdom zuteil?

Verschiedene Ideenwettbewerbe zur sozialistischen Umgestaltung des Zentrums der DDR-Hauptstadt radieren den Dom auf dem Reißbrett der Planer aus: ein Hochhausturm im Stil der Stalinallee an seiner Stelle, ein leergefegter Platz oder ein Minidom. - Der alte Kaiserdom steht quer - quer zu der Absicht, im Zentrum des sozialistischen Berlins ein ideologisches Sinnbild der neuen Macht zu installieren.

Auch das Domkirchenkollegium beteiligt sich an der Suche nach Sinn und Form. 1957 veranstaltet es einen internen Wettbewerb. Dessen Ergebnis: Der Dom wird zum schmucklosen Kasten entkleidet. Nicht besser auch das Resultat eines Wettbewerbs, den der Westberliner Senat durchführen lässt: Drei von fünf Entwürfen sehen den Abriss vor.

Der Dom steht quer. Zu deutlich scheint er die Sprache einer überwunden geglaubten Zeit zu sprechen - darin war man sich einig in Ost und West, in Kirche und Gesellschaft, in Politik und Architektur.

1962 beginnt die komplexe Neugestaltung des Zentrums Berlins - Hauptstadt der DDR. Schrittweise wird zwischen der Straße Unter den Linden und dem Alexanderplatz die umfassende Planung verwirklicht. Die Kirche veranlasst ein Gutachten, das dem Dom bescheinigt: Seine Hauptkonstruktion ist nach wie vor absolut standsicher. Nur der Anbau der Denkmalkirche musste wegen eines Risses im Gewölbe gesperrt werden.

Manchmal kommt Hilfe von der falschen Seite. Jedenfalls vom Dom aus gesehen - von links. Politbüro und Ministerrat der DDR beschließen im Jahr 1972 den Bau des Palastes der Republik. Dessen nördliche Volkskammer-Front blickt der südlichen des Doms direkt ins Fenster. Und der Fernsehturm wird auf dem Alex gebaut. Jetzt hat man eine sozialistische Höhendominante, die den Dom in ihren langen, schmalen Schatten stellt. Das gibt ihm Bleiberecht. Der Sozialismus hatte so augenscheinlich gesiegt, dass dies zu dokumentieren keines leeren Domplatzes mehr bedurfte. Staat und Partei beschließen: Der Dom steht nicht mehr quer. Er darf bleiben. Sein Äußeres ist wiederherzustellen. Als historisches Zeugnis. Das ist der Kirche mitzuteilen. Und zwar dem Leiter des Sekretariats des jüngst erst anerkannten Kirchenbundes: Manfred Stolpe.

Doch ich war der falsche Ansprechpartner, denn der Dom gehörte nicht dem Kirchenbund, sondern der Domgemeinde. Die wiederum gehörte zur Evangelischen Kirche der Union - Bereich DDR. Und außerdem: Ich war in jenen Jahren mit ganz anderen Bauprojekten befasst, nämlich mit dem Sonderbauprogramm des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR.

Nachdem mit der EKD darüber eine Verständigung erreicht worden war, hatte ich mich am 12. August 1971 - also ein knappes Jahr zuvor - an die Gliedkirchen unseres Bundes gewandt mit der Frage, “ob bei uns Interesse daran bestünde, auf Valutabasis über Intrac ein Sonderbauprogramm für kirchliche Schwerpunktbauten absichern zu lassen”.

Gedacht war an ausgewählte Objekte - z.B. historisch wertvolle Kirchen in Kreis- und Bezirksstädten - , die für die kommenden Jahrzehnte als Zentren kirchlichen Lebens benötigt würden. Sie sollten für den heutigen Gemeindebedarf rekonstruiert, erforderlichenfalls umgebaut werden. Unser Ziel war, auf diesem Wege eines Tages auch den Neubau von Kirchen zu erreichen. Das Programm “Kirchen für neue Städte” stand uns als Vision bereits vor Augen. Es lief ab 1978.

Was war der Hintergrund für das Sonderbauprogramm?

Anders als in unseren sozialistischen Nachbarstaaten waren die Kirchen in der DDR nach dem Kriege Eigentümerinnen von teils wertvollen Kirchen und anderen Gebäuden geblieben. In den mehr als 4000 Gemeinden gab es fast überall Gotteshäuser, Gemeindehäuser, Pfarrhäuser. Viele waren im Krieg beschädigt worden. Zu deren Wiederherstellung und Erhaltung hatte man kirchlicherseits eine Menge getan. Dennoch waren 25 Jahre nach Kriegsende noch Schäden von 30 Millionen Mark geblieben; hinzu kamen Folgeschäden wegen nicht finanzierbarer Reparaturen von 70 Millionen Mark. Diese insgesamt 100 Millionen konnten unsere Kirchen nicht aufbringen. Und die staatlichen Zuschüsse für den Erhalt denkmalwerter Kirchen von 800.000 Mark pro Jahr - bei rückläufiger Tendenz - waren ein Tropfen auf den heißen Stein: doppelt unwirksam auch deshalb, weil die damit finanzierten Baumassnahmen nicht halfen, zeitgemäße Räume für kirchliches Leben zu schaffen. Die Bauwirtschaft hatte ohnehin Mühe, allein diese Kapazitäten aufzubringen.

Da war die Bereitschaft der EKD, die Finanzierung eines Sonderbauprogramms zu übernehmen, Rettung in aussichtsloser Lage. Es sah vor, für den Zeitraum von 1973-1980 rund 55 Millionen Valutamark für ein kirchliches Sonderbauprogramm bereitzustellen. Die sich andeutende Bereitschaft der DDR-Regierung, sich auf ein derartiges Kirchenbauprogramm einzulassen, war um so erstaunlicher, als sie 1971 erklärt hatte, dass künftig nur noch Wohnungen errichtet werden dürften. Wie wollte man der Bevölkerung und den Genossen an der Basis jetzt ein millionenschweres Kirchbauprogramm erklären, während gleichzeitig die historischen Innenstädte verfielen?

Am 13. Dezember 1972 beschloss der Ministerrat der DDR als das höchste infrage kommende Organ das vom Kirchenbund eingereichte Projekt Sonderbauprogramm. Mit dessen Durchführung wurde das staatliche Außenhandelsunternehmen LIMEX G.m.b.H. beauftragt. Ein entsprechender Bauleistungsvertrag wurde am 23. Mai 1974 unterzeichnet. Für die Aufnahme der vom Bund vorgeschlagenen Objekte in die Volkswirtschaftspläne der DDR hatte LIMEX zu sorgen, ebenfalls für den Import der benötigten Engpassmaterialien - wie man damals sagte. Die kirchenpolitischen Verhandlungen vor Ort mussten allerdings die jeweiligen Bauherren mit ihren Räten der Bezirke führen - und das war oft ein mühsames Geschäft.

Die erste Phase des Sonderbauprogramms von 1973-75 konnte beginnen. DDR-weit waren 44 Objekte benannt worden, der Leistungsumfang betrug 19 Millionen Mark. Denkmalswerte Kirchen sollten restauriert werden. Beschädigte Kirchen waren so wiederherzustellen, dass sie durch den Einbau moderner Funktionsräume wie Gemeindesäle, Büros, Küchen usw. langfristig den heutigen Ansprüchen des Gemeindelebens entsprachen.

Das mehrfach verlängerte Sonderbauprogramm wurde eine Erfolgsgeschichte, und im Jahr 1988 konnte in einer Zwischenbilanz festgestellt werden: 15 Jahre Sonderbauprogramm des Bundes - das sind über 100 rekonstruierte Kirchen, zwanzig neue Gemeindezentren, dreißig Tagungs- und Rüstzeitenheime, über 400 Wohneinheiten für Mitarbeiter von Kirche und Diakonie und fünfzig diakonische Einrichtungen.

Doch zurück zum Berliner Dom:
Während wir mit Kirchen und Staat über das Sonderbauprogramm verhandelten und die Kirchen ihre Wunschobjekte beim Kirchenbund anmeldeten, lud mich im Frühjahr 1972 der Stellvertreter des Ministers für Außenwirtschaft zu einem Gespräch über eine “wichtige Frage”, wie er sich ausdrückte, in sein Büro. Dort wurde mir am 2. Mai 1972 eröffnet, dass “höchste Stellen” sich einig seien, der Dom müsse erhalten bleiben. Zwar sei ihm aus Gesprächen mit Direktor Ludwig Geißel vom Diakonischen Werk der EKD bekannt, dass die Kirchen in der DDR nur ein zurückhaltendes Interesse an einem Wiederaufbau hätten, ihm möglicherweise sogar ablehnend gegenüberstünden, er müsse aber unter Umständen über den Sachstand berichten und brauche daher Zahlen, wie teuer ein Wiederaufbau würde. Deshalb sei zu empfehlen, dass sich Vertreter des Bauministeriums und der Kirche zu einem Gespräch träfen.

Ich wies also, wie schon erwähnt, zunächst darauf hin, dass ich der falsche Ansprechpartner sei. Aber das half ja nun alles nichts. Eine Abstimmung musste her zwischen den Gliedkirchen des Bundes und der EKU, aber auch mit der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, auf deren Territorium der Dom steht. Und damit kam der innerkirchliche Meinungsbildungsprozess in Gang.

Das heißt: Damals waren sich auf Kirchenseite fast alle einig: Der Dom steht quer - quer zu den Berlin-brandenburgischen Plänen über die kirchliche Gestaltung der Berliner Innenstadt, quer aber auch zu den sonstigen Kirchbauvorhaben in der DDR. Weshalb sollte im fernen und wenig beliebten Berlin ein alter Kaiserdom wiedererbaut werden, wenn landauf, landab wertvolle Kirchen verfielen? Und was wollte man mit einem Dom, dessen Gemeinde ihn nie würde füllen können? Predigtkirche des Bischofs der Ostregion Berlin-Brandenburgs war St. Marien. Hier kam auch die rund um den Alexanderplatz wohnende Gemeinde zusammen. Den Dom als Kirche brauchte niemand. 20 Prozent des Gebäudes würde die ansässige Domgemeinde beanspruchen. Sollte der Staat sehen, was er anfängt mit dem schwarzen Monstrum inmitten Berlins.

Im Verlaufe des Jahres 1972 kam es zu einer Reihe von Begegnungen zwischen Staat und Kirche. Beteiligt waren auf der einen Seite Vertreter des Ministeriums für Außenwirtschaft, des Ministeriums für Bauwesen und der Staatlichen Bauaufsicht. Auf der anderer Seite die EKU, der Kirchenbund, die Domgemeinde und die Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg.

Dabei wurde unsererseits wiederholt daran festgehalten:

Die Entscheidung zum Wiederaufbau des Äußeren des Berliner Doms dürfe keinesfalls andere kirchliche Bauwünsche, insbesondere nicht das Sonderbauprogramm, einschränken
es gebe für die Kirche ein “untrennbares Junctim”: Wenn das Äußere des Doms wiedererrichtet werde, müsse in einer zweiten Stufe auch der Innenausbau folgen
müsse gesichert sein, dass sich der Staat an den Aufbau- und Unterhaltskosten beteiligt
dürfe die Arbeit der Domgemeinde im Dom durch die Bauarbeiten nicht unterbrochen werden.

Zugleich wurde darauf hingewiesen, dass die Kirche starkes Interesse am Wiederaufbau des Französischen Doms auf dem Gendarmenmarkt habe und am Wiederaufbau der Parochialkirche. (Und tatsächlich wurden beide später in das Sonderbauprogramm aufgenommen.)

Damals haben uns die staatlichen Vertreter versprochen:

der Dombau werde das Sonderbauprogramm nicht belasten, er könne aber innerhalb dieses Programms verwirklicht werden, und
kirchlichen Bauwünschen für die Innengestaltung des Doms werde Rechnung getragen; alles, was vernünftig und gesetzlich sei, werde ermöglicht.

Wenn man heute die damaligen Aufzeichnungen liest, spürt man noch immer die Ängste beider Seiten. Das Dombauvorhaben galt als ein “Politikum allerersten Ranges”: Die Kirche hatte die Sorge, ihre sonstigen Bauwünsche könnten durch Staat oder Partei auf Landes- oder Bezirksebene gestoppt oder behindert werden. Und in der Tat mussten wir immer wieder einmal gegenüber dem Ministerium für Außenwirtschaft, aber auch gegenüber den Beauftragten unserer Gliedkirchen darauf hinweisen, dass Mittel und Materialien des Sonderbauprogramms nicht zur Deckung anderweitiger Lücken bei Kirchbauvorhaben eingesetzt werden durften. Der vom Staat gewünschte Dombau musste als Pfand in Kirchenhand genutzt werden: Es galt, das Dombauprojekt innerhalb des Sonderbauprogramms so zu verankern, dass es von den übrigen Bauvorhaben unterscheidbar blieb, diese nicht infrage stellte, sondern ein zusätzlicher Impuls für deren Durchsetzung blieb.

Staatlicherseits hatte man ebenfalls Sorgen: Wie würde die Bevölkerung, wie würden die eigenen hochrangigen Genossen angesichts der gravierenden finanziellen und materiellen Mängel im Bausektor und andernorts reagieren auf so auffällige Kirchbauprojekte im Herzen Berlins und DDR-weit? Schon hatten westliche Medien darüber zu berichten begonnen. Das konnte schädlich werden. Und sicherzustellen war, dass in den Kreisen der westdeutschen Bevölkerung nicht für den Dombau in Ostberlin gesammelt würde.

Im November 1974 wurde im Auftrag des Rates der EKU - Bereich DDR - der Vertrag zwischen dem Bund der Evangelischen Kirchen und dem Außenhandelsunternehmen LIMEX über die Aufbauphase “Äußere Gestaltung” unterzeichnet. Er trägt die Unterschriften des EKU-Präsidenten und des Auftragnehmers LIMEX. Jetzt war es an der Zeit, ein Nutzungskonzept für das Dominnere vorzubereiten - zumal vorgesehen war, das Äußere der Innennutzung anzupassen.

Für den heutigen Leser der Unterlagen von damals ist es kaum noch nachvollziehbar, wie unbeirrt die Kirche gegenüber dem Staat darauf beharrt hat:

Lasst uns 20% der Räume im Dom - die übrigen 80% samt dem großen Saal unter der Kuppel mögen Staat oder Gesellschaft in eigenen Besitz und zur eigenen Nutzung übernehmen. Der Staat hat sich darauf nie ernsthaft eingelassen. Und so wurden - gleichsam stellvertretend - von kirchlicher Seite erste Nutzungsvarianten für die Innenräume ersonnen: Vielleicht könnte man in der Halle unter der Kuppel eine Art Badeanstalt einbauen - so war es der riesigen lutherischen Kirche im damaligen Leningrad ergangen. Oder - wie in Berlin-Schöneweide - einen Aufnahmeraum für den VEB Deutsche Schallplatte? Eine Konzerthalle oder einen Tagungsraum? Anstelle der Theologischen Sektion der Humboldt-Universität zu Berlin, die einen Teil der Räume schon damals nutzte, könnte das bescheiden untergebrachte Sprachenkonvikt hier einziehen. Vielleicht auch der kirchliche Fernunterricht. Eine kirchliche Zentralbibliothek oder Räume für die Spielgruppe der Volksmission. Ein Museum möglicherweise und der Kirchliche Kunstdienst. Die Evangelische Verlagsanstalt und die Hauptbibelgesellschaft. Ein Seelsorgezentrum samt kirchlichen Verwaltungsräumen. Ein Hospiz oder das kirchliche Bauamt...
Die Ideenvielfalt war groß. Und der Prozess, der manchen vom eifernden Dom-Saulus zum Dom-Paulus bekehrt hat, brauchte seine Zeit. Mich selbst haben Pietisten aus dem Erzgebirge überzeugt, an dieser zentralen Stelle Berlins die Fahne des Evangeliums hochzuhalten und die kirchliche Nutzung des Doms nicht preiszugeben. Zudem schreckte mich das Beispiel des Kasaner Doms im damaligen Leningrad: Den hatte man kurzerhand zu einem Atheismus-Museum umfunktioniert.

Der Rest der immerhin noch zwanzig Jahre währenden und bis heute nicht abgeschlossenen Dombau-Geschichte soll jetzt nur kurz nacherzählt werden:
Der Vertrag über den Wiederaufbau des Äußeren war unterschrieben.
Er war analog zu dem Vertrag über das Sonderbauprogramm des Kirchenbundes als Globalvertrag gestaltet. Geldgeber für die vorgesehenen 45 Millionen Valutamark waren die EKD und die Bundesregierung; Hauptauftraggeber war der Kirchenbund; Dienstaufsichtsbehörde und verantwortlich für den Wiederaufbau der Rat der EKU. Ein Dombauausschuss wurde ins Leben gerufen. In ihm waren auch westliche Kirchen vertreten. Der Staat gab zu verstehen, dass das Verfügungsrecht über den gesamten Dom und über dessen Nutzung beim Eigentümer verbleibe und die Regierung ab dem 1. Januar 1976 200.000 Mark pro Jahr für die Unterhaltung zur Verfügung stellen wolle.

Die Aufbauarbeiten am Äußeren begannen 1975. Über Grad und Dauer des Einvernehmens zwischen staatlicher Dombauleitung und kirchlichem Dombauausschuss gibt es unterschiedliche Darstellungen. Ich erinnere mich an diverse Meinungsverschiedenheiten. Sie betrafen zum Beispiel die Fassadengestaltung:
Nachdem das Dombauprojekt vom Staat bewilligt, man also auf der sicheren Seite war, beginnen jetzt nämlich Künstler der DDR und des Auslands sich zu Wort zu melden und auf die kunsthistorische Bedeutung des Bauwerks und seiner Figuren hinzuweisen. Möglichst viel sollte erhalten, möglichst wenig verändert werden. Das galt auch für die Anordnung der Fenster. Während die kirchliche Seite diese der Gestaltung des Innenraumes anpassen wollte, bestand die staatliche Seite auf deren unveränderte Form.

Aber auch die kirchliche Seite entdeckt ihre neue Liebe zur historisch detailgetreueren Rekonstruktion - etwa der Westfassade mit der dominierenden Christusstatue. Und um den Engelkranz zu erhalten, musste ein Zahlungsstopp angedroht werden. Die Frage aber, die mich beschäftigte, war: Wie weit würden unsere Geldgeber mitgehen? Würden sie bereit sein, so umfassende denkmalpflegerische Rekonstruktionsmaßnahmen zu finanzieren?
Bei der vereinbarten Vereinfachung der oberen Bauformen - insbesondere der Kuppel - blieb es allerdings. Und es blieb beim Abriss der Denkmalkirche sowie bei der Entfernung der kaiserlichen Unterfahrt. Beidem hatte die Kirche leider widerspruchslos zugestimmt.

Parallel zur Instandsetzung der Außenhaut wurde die Tauf- und Traukirche als Gottesdienstraum der Domgemeinde wiederhergestellt. Deren Wiedereinweihung 1980 gab zusammen mit der Wiedereröffnung des kaiserlichen Treppenhauses einen entscheidenden Impuls für den weiteren Innenausbau: Von unserem bisherigen Nutzungskonzept mussten wir abrücken. Es hatte so umfangreiche Ein- und Umbauten vorgesehen, dass wertvolle historische Bausubstanz vernichtet worden wäre, ohne ein akzeptables Ergebnis zu erreichen. So sah der Vertrag zum Wiederaufbau des Innenraumes aus dem Jahr 1983 nunmehr die weitestgehende Respektierung des historischen Charakters des Inneren vor. Der Dom sollte zu einem vielseitig nutzbaren Zentrum kirchlichen Lebens werden; der imposante Kuppelraum der Predigtkirche würde seine liturgische Funktion zurückerhalten und die einst größte Orgel zu diesem Zweck restauriert werden. Zugleich wurde die heute gültige Nutzung des Inneren festgelegt. Das Ergebnis steht uns vor Augen.

Doch die “Lokomotive” Dombau zog noch andere Wagen mit: Nachdem wir von dem Einbau zahlreicher Funktionsräume in das Dominnere abgesehen hatten, musste dafür Ersatz geschaffen werden. Das war nachvollziehbar; und es gelang, die staatlichen Stellen zu bewegen, ihre Zustimmung zum Bau des Bonhoeffer-Hauses in der Ziegelstraße zu geben: ein kirchliches Multifunktionshaus in bester Lage.
Und noch ein weiteres Bauprojekt war an den Dom gekoppelt:
Die Diakonie war mit dem Argument auf den Plan getreten: sie trage durch ihr staatlicherseits anerkanntes Tun erheblich zur Akzeptanz der Kirche in einer atheistischen Umwelt bei. Deshalb müsse dem Dom als Sakralbau ein Haus praktischen Dienstes an die Seite gestellt werden. Staatliche und kirchliche Widerstände gegen solch ein Vorhaben konnten ausgeräumt werden: Das damalige Königin-Elisabeth-Hospital erhielt einen Ergänzungsbau und wurde über Jahre zur größten Baustelle der Diakonie in Deutschland.

Zusammenfassend kann man sagen: Das Dombauprogramm und das Sonderbauprogramm haben sich gegenseitig vorangebracht: Galt in den 70er Jahren zunächst das Sonderbauprogramm als Modell für die Wiedererrichtung des Doms, so kehrte sich dieses Verhältnis auch um. Am Beispiel des Dombaus wurde dem Staat vorexerziert, dass etwa Straßenbenutzungsgebühren, aber zunehmend auch Bauleistungen nicht in Valutamark, sondern in Mark der DDR bezahlt werden konnten.

Und rückblickend stellt man fest: Alle, die mit der Wiedererrichtung des Berliner Doms befasst waren, haben gelernt. Sie haben Positionen eingebracht, diese im Lauf der Jahre gewandelt, verbessert und neu konzipiert.

Stand der alte Kaiserdom zunächst quer zur Gestaltung der sozialistischen Landeshauptstadt Berlin, entschloss man sich doch, dieses unbequeme Relikt aus vergangenen Zeiten zu akzeptieren und sogar zu integrieren - zu leben mit der Geschichte unseres Volkes.

Auch für die kirchliche Planung stand der Dom anfänglich quer, bis man ebenfalls soweit war, ihn zu akzeptieren, ihn in das kirchliche Leben zu integrieren und zu leben mit der eigenen Kirchengeschichte.

Und faktisch wurden der Palast der Republik und der Dom zu Zwillingen - die Geburtsstunde des einen hat zur Wiedergeburt des anderen geführt. Für ein paar Jahrzehnte gehörte der Bestand beider untrennbar zusammen. Das staatliche Ja zum Palast beinhaltete sein Ja zum Dom. Sein Ja zum Dom führte schließlich zur Bejahung dieses Gotteshauses auch auf kirchlicher Seite. Die Zukunft wird zeigen, ob es ein dauerhaftes Miteinander für das ungleiche Zwillingspaar geben wird oder ob Berlins Mitte ein neues - vielleicht altes - Herzstück in Form des ehemaligen Schlosses wiedererhält.

Wie fast alle unsere Kirchengebäude ist uns auch der Dom aus unserer eigenen Vergangenheit überkommen. Aber er hat sich zugleich als zukunftstauglich erwiesen. Oder sollen wir es besser andersherum formulieren: Wir haben an ihm unser Geschichtsbewusstsein vertieft. Heute jedenfalls ist er eine bedeutende Stätte kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens im Zentrum Berlins. Wir können dankbar sein all jenen, die die Entscheidung zu seinem Wiederaufbau ermöglicht und mitgetragen haben. Es waren Deutsche aus Ost und West, es waren Kirchen und Regierungen unterschiedlicher politischer Systeme, und es waren viele einzelne, die in der umstrittenen Ruine in der Mitte Berlins eine nationale Herausforderung erkannten, sich ihrer angenommen und sie schließlich auf gute Weise gelöst haben. Sie alle können stolz darauf sein.

quelle:
http://www.stk.brandenburg.de/reden/2000/0204.htm

Entschuldigung, ist wirklich ein langer Text. Nur immer Links lesen ist auch so eine Sache.

...


Mein Erzgebirge,
hoch über dunklen Schächten lauscht deiner Halden wilde Einsamkeit.
Still raunen sie von guten Himmelsmächten,
von Berggeschrei aus längst vergangener Zeit.
(Edwin Bauersachs)
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#34

RE: In der DDR gab es Religionsfreiheit ?

in Mythos DDR und Grenze 08.03.2017 20:40
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rasselbock #27: Mir sind keine Beispiele in DDR Zeiten von Zwistigkeiten zwischen Christen und Genossen bekannt. Im Gegenteil. Die Kirche hat sich doch mit dem sozialistischen System gut arrangiert. Bestes Beispiel sind doch einige große Kirchenvertreter, unter Ihnen ein ,,Systemkritiker'', welcher es dann zu einem hohen Amt in diesem System schaffte. In den 70igern durfte ich in MVP eine neue Kirche besichtigen. Es war ein Neubau im amerikanischen Stil. Leider habe ich die Stadt vergessen. Im Eichsfeld, wo ich stationiert war, fanden kirchliche Veranstaltungen statt, welche mir als DDR Bürger neu bzw. fremd waren. Gelb/weise Fahnen kannte ich nicht und Kruzifixe waren mir auch neu.

Beispiele für gemeinsame Arbeit gibt es im Eichsfeld. Meinem Vater waren dortige VEB-Möbelbetriebe etliche Jahre leitungsmäßig unterstellt. Es war ganz normal, daß das Kruzifix in den Räumen hing und auch daß ein SED-Mitgleid gleichzeitig aktiver Katholik war und auch der BPO-Sekretär hütete sich davor, hier eine Linie zu fahren, wie sie andernorts in der DDR mitunter versucht wurde. In den Betrieben ging es vorrangig um innerbetriebliche Probleme, also ökonomische, technologische, soziale, Produktions- und Entwicklungsfragen. Die Grundsatzideologie blieb außen vor. So singemäß erzählte es mein alter Herr.



damals wars und vs1400 haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#35

RE: In der DDR gab es Religionsfreiheit ?

in Mythos DDR und Grenze 08.03.2017 22:35
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Ja, im Eichsfeld sind die Katholiken beinhart. Ich war ja dort.

Die Antwort eines Pfarrers auf meine forschende Frage in der Neuzeit nach dem Freienhagener "Hagelkreuz" (ein Postengebiet, in dem das Kreuz eben nicht vorhanden war):
"Das haben ihre Genossen beseitigt".

Und damals?
Ein katholischer Soldat meines Zuges setzte durch, daß er zur Weihnachtsmesse ins Dorf gehen durfte. Diese Freiheit gewährte man ihm widerstrebend.
Dafür wurde er trotz beanstandungsfreier Dienstausübung und trotz eines stabilen und verbindlichen Charakters nicht zum Gefreiten befördert und nie zum Postenführer ernannt.


Disziplin ist die Fähigkeit, dümmer zu erscheinen als der Chef. (Hanns Schwarz)


vs1400 hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 08.03.2017 22:48 | nach oben springen

#36

RE: In der DDR gab es Religionsfreiheit ?

in Mythos DDR und Grenze 08.03.2017 23:11
von Fred.S. | 1.101 Beiträge | 8973 Punkte
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Das Tor der Dömitzer Kirche stand weit offen und ich hatte den Einfall einmal das Innere der Kirche ( in Uniform ) zu betrachten. Mütze ab und rein. wie sah mich der Pastor an aber danach unterhielten wir uns fast eine Stunde über die Kirche.Ergebnis: die Bürger grüßten mich freundlich und ... meine Vorgesetzten ließen es mir wissen, das es nicht erwünscht sei, in Uniform eine Kirche zu betreten. Nachteile aber weiter keine.
Ich denke eine Kirche ist nicht nur ein Gotteshaus, es ist ein Teil der Stadt oder des Dorfes und ist mit der Geschichte fest verwurzelt.



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#37

RE: In der DDR gab es Religionsfreiheit ?

in Mythos DDR und Grenze 08.03.2017 23:52
von vs1400 | 3.275 Beiträge | 3970 Punkte
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Zitat von Freienhagener im Beitrag #32
Außer der ungehinderten Ausübung (intern) bedeutet das keinerlei Benachteiligung der Gläubigen extern.

Das bedeutet sicherlich nicht das, was wir an Auswüchsen der religös daherkommenden Anmaßung gerade erleben.
D.h. Freiheit hört dort auf, wo wiederum Andere bedrängt werden.


hmm, Freienhagener,
wird nicht wenigen neugeboren, im ländle, ne religion einfach verpasst,
weil ihre eltern einem glauben nachgehen?
die lütten merken es ja erstmal nicht ...

gruß vs


04.11.1986 - 21.04.1987 Uffz. Ausbildung In Perleberg
21.04.1987 - 28.08.1989 Gruppenführer der 2. Gr./ 2.Zug/ 7. GK - Schierke/ GR 20/ GKM- N


Bastler100 hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#38

RE: In der DDR gab es Religionsfreiheit ?

in Mythos DDR und Grenze 09.03.2017 11:20
von rasselbock | 497 Beiträge | 88 Punkte
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Kann es sein,das es in Rostock war. Denn in den 70er, wurde in Rostock eine Kirche am Schröderplatz gesprengt.

Nein, es war doch ein anderer Ort. Der Baustil der Kirche war supermodern und hob sich von den gewohnten Bauarten ab. Eine Verwandte straffe Christin von mir arbeitete zu DDR Zeiten in dem Geschäft, wo nur Westgeld zählte. Wie passt das zusammen.



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#39

RE: In der DDR gab es Religionsfreiheit ?

in Mythos DDR und Grenze 09.03.2017 12:27
von Freienhagener | 6.081 Beiträge | 9012 Punkte
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Zitat von vs1400 im Beitrag #37

hmm, Freienhagener,
wird nicht wenigen neugeboren, im ländle, ne religion einfach verpasst,
weil ihre eltern einem glauben nachgehen?
die lütten merken es ja erstmal nicht ...



Ja, besser wäre die Taufe bei Erwachsenen.
Aber man kann bekanntlich problemlos austreten.

Wer aber nur konvertiert von Islam weg, der "muß getötet werden". Diese Regel hat ein Imam in meinem Beisein auf die Frage eines Christen anläßlich eines "Tages der offenen Moschee" von sich gegeben.


Disziplin ist die Fähigkeit, dümmer zu erscheinen als der Chef. (Hanns Schwarz)


bürger der ddr hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 09.03.2017 12:28 | nach oben springen

#40

RE: In der DDR gab es Religionsfreiheit ?

in Mythos DDR und Grenze 09.03.2017 22:21
von vs1400 | 3.275 Beiträge | 3970 Punkte
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dieses aber, Freienhagner,
ist ja auch nur eine rechtfertigung derjenigen.

egal welche glaubensrichtung, es sollte keine möglichkeit geben fremdbestimmt ein teil ihrer zu werden.

gruß vs


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