Schüsse an der Elbe

  • Seite 1 von 4
01.08.2010 15:05
avatar  TOMMI
#1
avatar

So, Leute, nach einiger zeit der kreativen Pause ist es wieder mal Zeit, eine neue Seite
in meinem Grenzertagebuch aufzuschlagen. Diesmal gehe ich in der Zeit noch etwas weiter
zurück, genau gesagt, um 25 Jahre, in den Sommer 1985. Damals war ich noch nicht in
der Grenzkompanie, sondern in Perleberg zur Uffz-Ausbildung.
An anderer Stelle haben wir schon oft über das Für, Wider, Weshalb und Warum der
Schüsse auf Flüchtlinge diskutiert, nach Schuldigen gesucht. Inwieweit wir dabei fündig geworden
sind, wissen wir. Die folgende kleine Begebenheit mutet hier fast wie eine Anekdote zu diesem
Thema an, inwieweit sie Antworten gibt, sei dahin gestellt. So lest:

Vom 2.Mai 1985 (dem Tag meiner Einberufung) bis Oktober 1985 wurde ich in Perleberg zum
Unteroffizier der GT ausgebildet. Obwohl wir zum Spezialisten (Nachrichten-Uffz. /7.Komp.) geschult
worden sind, stand immer die Ausbildung als Grenzer im Vordergrund. "In erster Linie seid ihr Grenzer",
so unser damaliger Zugführer.
Da wurde auch immer wieder die Frage des Schusswaffengebrauches behandelt. Ich kann mit besten
Gewissen behaupten, dass wir dabei nicht zu schießwütigen Monstern gemacht wurden. Im Gegenteil,
es wurde immer wieder vor allzu eilfertigen Schießereien gewarnt. Hingewiesen wurde hierbei auf das
Grenzgesetz von 1982 verwiesen, von dem bestimmte Teile auch in die Dienstvorschrift Eingang
gefunden haben. Es wurde betont auf "aller-aller letztes Mittel, dabei den jenigen nicht vorsätzlich
umbringen....wenn nicht anders möglich, auf Extremitäten schießen, usw."
Auch den oft zitierten Befehl, dass "Grenzverletzer" ggf "zu vernichten" seien, habe ich damals und auch
später nicht gehört.
Dabei galt folgende Eskalationsreihenfolge:

1.Anruf: "Grenzposten, Halt stehenbleiben" (bei Personen in Uniform ggf mit Abfrage der Parole);
bei Nichtbeachtung:
2.Anruf: "Halt, stehenbleiben, oder ich schieße!";
bei Nichtbeachtung
3.Warnschuss;
bei Nichtbeachtung
4.gezielter Schuss.

(eine modifizierte Form galt für Wachposten)

Die tatsächlichen Geschehnisse zeigen allerdings, dass diese Vorschriften gröblichst verletzt wurden,
teilweise regelrechte Hinrichtungen durchgeführt wurden.

Soweit zu den Allgemeinheiten, jetzt zu dem, was wir persönlich erlebt hatten.
Wir hatten zwar auf dem TüP bei Perleberg eine Modellgrenze in Originalgröße, doch reichte dies offenbar
zur Ausbildung nicht aus. Irgendwann im Spätsommer (August oder September) hieß es dann für unseren
Zug: echter Grenzdienst! Ich kann ehrlich sagen, wir waren damals erfreut darüber. Eine Rolle spielte dabei
so etwas wie Abenteuerlust, zum anderen Neugierde, sowie die Aussicht, für einen Tag dem öden Dienstbetrieb
zu entkommen. Wir wurden aufgeteilt in Dreierposten, bekamen ein R-126-Funkgerät, eine Postentabelle und
jeder seine "Kaschi" nebst 60 Schuss. Ob ein Gummiohr dabei war, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls haten wir
eh keine Möglichkeit, dieses zu benutzen. Gegen Abend des bewussten Tages hieß es aufsteigen auf die Lade-
fläche eines W50. Die Fahrt ging dann westwärts von Perleberg. In der Nähe zweier einsamer Ortschaften, ich kenne
noch die Namen, es waren Lanz und Wustrow, stiegen wir ab. Es war eine einsame, aber idyllische Landschaft, Gras,
Viehweiden, Wassergräben, an deren Ufern Bäume standen. Nicht weit davon (weniger als 1km) war der Elbdeich
zu erkennen, davor der GSZ. Im Hintergrund die bekannten Funktürme auf westlicher Seite. ("alte" Perleberger werden
wissen, welche ich meine, denn diese waren schon von der Kaserne aus gut zu erkennen).
Wir stiegen ab, dies war unser Postenbereich. Einen gesonderten Auftrag erhielten wir nicht, wir sollen einfach
"da sein" und "aufpassen." So machten wir es uns in der Nähe einer Baumgruppe bequem, die sich an solch einem
Wassergraben befand, während der LKW weiterfuhr, um die nächsten Posten abzuladen.
Was folgte, waren 8 Stunden Langeweile, der man mit den üblichen Gesprächsthemen zu begegnen versuchte.
Irgendwann war aus Richtung Fluss ein Leuchtzeichen zu erkennen. Na also, endlich war mal was los! Heiß, wie wir
damals waren, musste das unbedingt der FüSt gemeldet werden. Immerhin hatten wir dieses "hochmoderne" Funkgerät.
Nur hatte man uns geradezu wie die Friseure ausgestattet. In der PT war zwar die Funkfrequenz eingetragen und auch
Parolen, jedoch nicht das Rufzeichen der FüSt, ebensowenig unser eigenes. Wir funkten: "FüSt, Füst, kommen....."
Das ganze mehrmals, jedoch als einzige Antwort kam ein monotones Rauschen. Da wir eh keinen Funkverkehr über
dieses gerät hörten, schalteten wir es kurzerhand ab. Aber immer noch waren wir diensteifrig. So beschlossen wir,
mit unseren Adleraugen die Nacht zu beobachten.
Da! Scheinwerfer! Wäre auch ein Grund gewesen, zu funken. Aber das gute Gerät funktionierte ja nicht. Also, weiter
beobachteten. Später erfuhren wir dann, dass einige Kameraden, die am GSZ Posten bezogen hatten, ebesolche Lange-
weile hatten und deswegen an einem dort aufgestelten Scheinwerfer herumspielten.
Die Morgendämmerung und ein mit Milchbehältern herumscheppernder Traktor kündigten das baldige Ende unserer
Schicht, die äußerst ruhig, zumindest für uns drei, verlaufen war, an. Bald erschien auch der W50, um uns aufzuladen.
Er fuhr nicht sofort los. Trotz der Müdigkeit herschten rege Gespräche über die in den vergangen 8 Stunden erlebten
"Abenteuer". So nach und nach sickerte durch, dass es wohl irgendwo gekarcht habe. Die Posten X, Y, und Z haben
wohl einen "Trabbi zur Sau gemacht mit mehreren Schüssen dauer- und Einzelfeuer". Es muss wohl ein beträchtlichen
Stück von uns weg gewesen sein, sonst hätten wir in dieser klaren Nacht etwas gehört.
In unserer damaligen Naivität lachten wir darüber. Was genau war geschehen?
In einer offiziellen Auswertung erfuhren wir dann dieses:
Die besagten X,Y und Z hatten den Auftrag, an einer Straße jedes vorbeikommende Fahrzeug zu kontrollieren, nach
Dokumenten für Spergebiet und Schutzstreifen. Das pikante an der ganzen Sache war, dass die Posten A, B und C
etwa 200m weiter die selbe Aufgabe hatten. Wo war hier der Sinn zu einer solchen Aufteilung?
So war die Katastrophe vorprogrammiert.
Es kam, was kommen musste: Ein Fahrer eines Trabbi befuhr die besagte Straße (pikanterweise ein FHG-freiwilliger
Helfer der Grenztruppen). Vom Posten ABC wurde er gestoppt und nach den papieren kontrolliert. Alles war OK. Er
durfte weiter fahren. Als er wenige Augenblicke später vom Posten XYZ gestoppt werden wollte, mochte er sich
"verarscht" vorgekommen sein, gab Gas und fuhr weiter. Sofort feuerten XYZ auf den Trabbi. Der Fahrer duckte ab.
Die Geschosse schlugen teilweise in der Heckscheibe ein und traten an der Frontscheibe wieder aus. Das Abducken
des Fahrers rettete ihm wohl das Leben. Nicht einen Kratzer trug er davon.
Auch der Trabbi blieb trotz der Beschädigung soweit fahrbereit, dass der Fahrer
noch zum nächsten Dorf zum ABV fahren konnte, um sich zu beschweren, "dass die Grenzer seinen Trabbi kaputt schießen".
So war es trotz der Ballerei XYZ nicht gelungen, zur nächsten Konsequenz, der Festnahme, zu schreiten.
Was geschah jetzt weiter? Die Posten wurden ausgezeichnet. der, der als Postenführer eingesetzt war, erhielt
das sogenannte Grenzer-Ei.
Die Geschichte ist noch nicht ganz zu Ende, denn wenig später ereignete sich ein ähnlicher Vorfall.
Wieder einmal hatte unser Zug Gelegenheit, dem alltäglichen Trott zu entschwinden. Diesmal hieß es Wache
auf dem Tüp. Wer kennt wohl nicht mehr die "Düfte" der nahen Abdeckerei!
Aber darum ging es hier weniger. Ein Posten hatte die Aufgabe, die "Modellgrenze" zu bewachen. Die Ablösung erfolgte
mit Dienstfahrrad. Bei einer solchen Ablösung, war der "Ablöser" jemand vom Temperament, dem man beim Laufen
die Schuhe besohlen konnte. Die Nach war zudem relativ dunkel, kein Mond, wenig Sterne. der Abzulösende stand nahe
des Kolonnenweges, auf dem der Ablöser mit dem Fahrrad nahte. Der Abzulösende erkannte wohl nicht, dass die Person,
die ihn ablösen sollte, derjenige war, der in wenigen Minuten seinen Dienst übernehmen sollte.
So spulte er pflichtgemäß die Dienstvorschrift ab: "Halt, wer da!?" - Keine Antwort.
"Halt, stehenbleiben !" - Keine Antwort. "Halt, stehenbleiben, oder ich schieße !" - keine Antwort.
Durchladen, Knarre in die Luft, abdrücken, zum Warnschuss- Peng ! Auch hier zunächst keine Antwort.
Zitternd wie Esepenlaub, vor Angst fast in die Hose scheißend, legt er auf den Radfahrer an. In dem Moment kam der
Ruf vom Ablöser: "He, Meusel (so der Spitzname des Schützen), warst Du das eben??" Das rettete ihm unter
Umständen das Leben. An diesen Abend stand von den beiden keiner mehr Posten. Über GMN berichtete "Meusel"
dem Wachhabenden von dem Vorfall, worauf beide sofort zurückbefohlen wurden. Als beide erschienen, fiel mir
auf, dass der Schütze ein Häufchen Elend, zitternd am ganzen Leibe war, der andere jedoch, der um ein Haar als
Leiche zurückgekehrt wäre, war absolut cool, als wäre nichts gewesen.
Wieder wurde der Vorfall ausgewertet. Diesmal erhielt der Schütze einen gewaltigen Rüffel, wegen "fahrlässigen Schuss-
waffengebrauches", obwohl er streng nach DV gehandelt hatte.

Zwei ähnliche Vorfälle, mit unterschiedlichen Konsequenzen.
Vielleicht ist der eine oder andere unter Euch, der sich daran erinnern kann, denn
so etwas spricht sich herum. Wer will, kann ja jetzt diskutieren.

TOMMI

EK 88/I
GR4 / 5.GK (Teistungen)


 Antworten

 Beitrag melden
01.08.2010 15:17
avatar  ( gelöscht )
#2
avatar
( gelöscht )

Ltn. Texas-Krauße feuerte 1983 od. 1984 in einer Nachtschicht in Andenhausen sein Magazin auf einen PKW leer, der im Abschnitt entlang des Kolonnenweges fuhr. Für die Anwendung der Schusswaffe gab es keinen Grund. Er hatte sich noch nicht mal die Mühe gemacht aufzuklären, wer das sei. Aber eben Dauerfeuer und draufhalten. In dieser Nacht wurde er durch den Polit abgelöst ... der Vorfall hatte keine Konsequenzen für ihn ... er hat weiter "Karriere" bei GT gemacht.

Glücklicherweise für die Insassen war Texas-Krauße ein miserabler Schütze.


 Antworten

 Beitrag melden
01.08.2010 15:27
avatar  ( gelöscht )
#3
avatar
( gelöscht )

Das kann ich bestätigen. Ein Jahr nach Dir wurde ein Kamerad (Bett unter mir) von einem zweiten aus meinem Zimmer bei der Wache Munitionslager Perleberg erschossen. War mit Sicherheit keine Absicht.
MfG.2168


 Antworten

 Beitrag melden
01.08.2010 16:57
avatar  TOMMI
#4
avatar

Zitat von Sachse
Ltn. Texas-Krauße feuerte 1983 od. 1984 in einer Nachtschicht in Andenhausen sein Magazin auf einen PKW leer, der im Abschnitt entlang des Kolonnenweges fuhr. Für die Anwendung der Schusswaffe gab es keinen Grund. Er hatte sich noch nicht mal die Mühe gemacht aufzuklären, wer das sei. Aber eben Dauerfeuer und draufhalten. In dieser Nacht wurde er durch den Polit abgelöst ... der Vorfall hatte keine Konsequenzen für ihn ... er hat weiter "Karriere" bei GT gemacht.

Glücklicherweise für die Insassen war Texas-Krauße ein miserabler Schütze.


Lass mich raten: Seit diesem Vorfall hat er diesen Spitznamen?

EK 88/I
GR4 / 5.GK (Teistungen)


 Antworten

 Beitrag melden
01.08.2010 16:58
avatar  TOMMI
#5
avatar

Zitat von 2168
Das kann ich bestätigen. Ein Jahr nach Dir wurde ein Kamerad (Bett unter mir) von einem zweiten aus meinem Zimmer bei der Wache Munitionslager Perleberg erschossen. War mit Sicherheit keine Absicht.
MfG.2168


Traurig, traurig, geschah das in einer ähnlichen Situation? Dh: bei einer Ablösung?

EK 88/I
GR4 / 5.GK (Teistungen)


 Antworten

 Beitrag melden
01.08.2010 17:02
avatar  ( gelöscht )
#6
avatar
( gelöscht )

Ja das war es. Ich war als Wache direkt im Objekt Perleberg eingesetzt. Ich war also nicht Augenzeuge. Man sagt es war aus Spielerei, so WildWest mäßig. Der Schütze tut mir genauso leid. Er war eigentlich ganz OK.
MfG. 2168


 Antworten

 Beitrag melden
01.08.2010 17:08
avatar  TOMMI
#7
avatar

Zitat von 2168
Ja das war es. Ich war als Wache direkt im Objekt Perleberg eingesetzt. Ich war also nicht Augenzeuge. Man sagt es war aus Spielerei, so WildWest mäßig. Der Schütze tut mir genauso leid. Er war eigentlich ganz OK.
MfG. 2168


Ich vermute, das Ergebnis war "Schwedt", oder?

EK 88/I
GR4 / 5.GK (Teistungen)


 Antworten

 Beitrag melden
01.08.2010 17:11
avatar  ( gelöscht )
#8
avatar
( gelöscht )

Ja, keine Ahnung wie lange. Nie wieder was von Ihm gehört leider.


 Antworten

 Beitrag melden
01.08.2010 17:27
avatar  Pitti53
#9
avatar

hier gab es ein normales gerichtsverfahren,aber vor der militärstaatsanwaltschaft.fahrlässige tötung.ca. 2-5 jahre


 Antworten

 Beitrag melden
01.08.2010 17:28
avatar  ( gelöscht )
#10
avatar
( gelöscht )

Zitat von TOMMI

Zitat von Sachse
Ltn. Texas-Krauße feuerte 1983 od. 1984 in einer Nachtschicht in Andenhausen sein Magazin auf einen PKW leer, der im Abschnitt entlang des Kolonnenweges fuhr. Für die Anwendung der Schusswaffe gab es keinen Grund. Er hatte sich noch nicht mal die Mühe gemacht aufzuklären, wer das sei. Aber eben Dauerfeuer und draufhalten. In dieser Nacht wurde er durch den Polit abgelöst ... der Vorfall hatte keine Konsequenzen für ihn ... er hat weiter "Karriere" bei GT gemacht.

Glücklicherweise für die Insassen war Texas-Krauße ein miserabler Schütze.


Lass mich raten: Seit diesem Vorfall hat er diesen Spitznamen?





Korrekt! Ich glaube sogar, er ist hier angemeldet.


 Antworten

 Beitrag melden
29.04.2011 15:57
avatar  ( gelöscht )
#11
avatar
( gelöscht )

war 1983, ist allen bekannt...


 Antworten

 Beitrag melden
19.03.2013 20:25
avatar  ( gelöscht )
#12
avatar
( gelöscht )

Zitat von TOMMI im Beitrag #1
So, Leute, nach einiger zeit der kreativen Pause ist es wieder mal Zeit, eine neue Seite
in meinem Grenzertagebuch aufzuschlagen. Diesmal gehe ich in der Zeit noch etwas weiter
zurück, genau gesagt, um 25 Jahre, in den Sommer 1985. Damals war ich noch nicht in
der Grenzkompanie, sondern in Perleberg zur Uffz-Ausbildung.
An anderer Stelle haben wir schon oft über das Für, Wider, Weshalb und Warum der
Schüsse auf Flüchtlinge diskutiert, nach Schuldigen gesucht. Inwieweit wir dabei fündig geworden
sind, wissen wir. Die folgende kleine Begebenheit mutet hier fast wie eine Anekdote zu diesem
Thema an, inwieweit sie Antworten gibt, sei dahin gestellt. So lest:

Vom 2.Mai 1985 (dem Tag meiner Einberufung) bis Oktober 1985 wurde ich in Perleberg zum
Unteroffizier der GT ausgebildet. Obwohl wir zum Spezialisten (Nachrichten-Uffz. /7.Komp.) geschult
worden sind, stand immer die Ausbildung als Grenzer im Vordergrund. "In erster Linie seid ihr Grenzer",
so unser damaliger Zugführer.
Da wurde auch immer wieder die Frage des Schusswaffengebrauches behandelt. Ich kann mit besten
Gewissen behaupten, dass wir dabei nicht zu schießwütigen Monstern gemacht wurden. Im Gegenteil,
es wurde immer wieder vor allzu eilfertigen Schießereien gewarnt. Hingewiesen wurde hierbei auf das
Grenzgesetz von 1982 verwiesen, von dem bestimmte Teile auch in die Dienstvorschrift Eingang
gefunden haben. Es wurde betont auf "aller-aller letztes Mittel, dabei den jenigen nicht vorsätzlich
umbringen....wenn nicht anders möglich, auf Extremitäten schießen, usw."
Auch den oft zitierten Befehl, dass "Grenzverletzer" ggf "zu vernichten" seien, habe ich damals und auch
später nicht gehört.
Dabei galt folgende Eskalationsreihenfolge:

1.Anruf: "Grenzposten, Halt stehenbleiben" (bei Personen in Uniform ggf mit Abfrage der Parole);
bei Nichtbeachtung:
2.Anruf: "Halt, stehenbleiben, oder ich schieße!";
bei Nichtbeachtung
3.Warnschuss;
bei Nichtbeachtung
4.gezielter Schuss.

(eine modifizierte Form galt für Wachposten)

Die tatsächlichen Geschehnisse zeigen allerdings, dass diese Vorschriften gröblichst verletzt wurden,
teilweise regelrechte Hinrichtungen durchgeführt wurden.

Soweit zu den Allgemeinheiten, jetzt zu dem, was wir persönlich erlebt hatten.
Wir hatten zwar auf dem TüP bei Perleberg eine Modellgrenze in Originalgröße, doch reichte dies offenbar
zur Ausbildung nicht aus. Irgendwann im Spätsommer (August oder September) hieß es dann für unseren
Zug: echter Grenzdienst! Ich kann ehrlich sagen, wir waren damals erfreut darüber. Eine Rolle spielte dabei
so etwas wie Abenteuerlust, zum anderen Neugierde, sowie die Aussicht, für einen Tag dem öden Dienstbetrieb
zu entkommen. Wir wurden aufgeteilt in Dreierposten, bekamen ein R-126-Funkgerät, eine Postentabelle und
jeder seine "Kaschi" nebst 60 Schuss. Ob ein Gummiohr dabei war, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls haten wir
eh keine Möglichkeit, dieses zu benutzen. Gegen Abend des bewussten Tages hieß es aufsteigen auf die Lade-
fläche eines W50. Die Fahrt ging dann westwärts von Perleberg. In der Nähe zweier einsamer Ortschaften, ich kenne
noch die Namen, es waren Lanz und Wustrow, stiegen wir ab. Es war eine einsame, aber idyllische Landschaft, Gras,
Viehweiden, Wassergräben, an deren Ufern Bäume standen. Nicht weit davon (weniger als 1km) war der Elbdeich
zu erkennen, davor der GSZ. Im Hintergrund die bekannten Funktürme auf westlicher Seite. ("alte" Perleberger werden
wissen, welche ich meine, denn diese waren schon von der Kaserne aus gut zu erkennen).
Wir stiegen ab, dies war unser Postenbereich. Einen gesonderten Auftrag erhielten wir nicht, wir sollen einfach
"da sein" und "aufpassen." So machten wir es uns in der Nähe einer Baumgruppe bequem, die sich an solch einem
Wassergraben befand, während der LKW weiterfuhr, um die nächsten Posten abzuladen.
Was folgte, waren 8 Stunden Langeweile, der man mit den üblichen Gesprächsthemen zu begegnen versuchte.
Irgendwann war aus Richtung Fluss ein Leuchtzeichen zu erkennen. Na also, endlich war mal was los! Heiß, wie wir
damals waren, musste das unbedingt der FüSt gemeldet werden. Immerhin hatten wir dieses "hochmoderne" Funkgerät.
Nur hatte man uns geradezu wie die Friseure ausgestattet. In der PT war zwar die Funkfrequenz eingetragen und auch
Parolen, jedoch nicht das Rufzeichen der FüSt, ebensowenig unser eigenes. Wir funkten: "FüSt, Füst, kommen....."
Das ganze mehrmals, jedoch als einzige Antwort kam ein monotones Rauschen. Da wir eh keinen Funkverkehr über
dieses gerät hörten, schalteten wir es kurzerhand ab. Aber immer noch waren wir diensteifrig. So beschlossen wir,
mit unseren Adleraugen die Nacht zu beobachten.
Da! Scheinwerfer! Wäre auch ein Grund gewesen, zu funken. Aber das gute Gerät funktionierte ja nicht. Also, weiter
beobachteten. Später erfuhren wir dann, dass einige Kameraden, die am GSZ Posten bezogen hatten, ebesolche Lange-
weile hatten und deswegen an einem dort aufgestelten Scheinwerfer herumspielten.
Die Morgendämmerung und ein mit Milchbehältern herumscheppernder Traktor kündigten das baldige Ende unserer
Schicht, die äußerst ruhig, zumindest für uns drei, verlaufen war, an. Bald erschien auch der W50, um uns aufzuladen.
Er fuhr nicht sofort los. Trotz der Müdigkeit herschten rege Gespräche über die in den vergangen 8 Stunden erlebten
"Abenteuer". So nach und nach sickerte durch, dass es wohl irgendwo gekarcht habe. Die Posten X, Y, und Z haben
wohl einen "Trabbi zur Sau gemacht mit mehreren Schüssen dauer- und Einzelfeuer". Es muss wohl ein beträchtlichen
Stück von uns weg gewesen sein, sonst hätten wir in dieser klaren Nacht etwas gehört.
In unserer damaligen Naivität lachten wir darüber. Was genau war geschehen?
In einer offiziellen Auswertung erfuhren wir dann dieses:
Die besagten X,Y und Z hatten den Auftrag, an einer Straße jedes vorbeikommende Fahrzeug zu kontrollieren, nach
Dokumenten für Spergebiet und Schutzstreifen. Das pikante an der ganzen Sache war, dass die Posten A, B und C
etwa 200m weiter die selbe Aufgabe hatten. Wo war hier der Sinn zu einer solchen Aufteilung?
So war die Katastrophe vorprogrammiert.
Es kam, was kommen musste: Ein Fahrer eines Trabbi befuhr die besagte Straße (pikanterweise ein FHG-freiwilliger
Helfer der Grenztruppen). Vom Posten ABC wurde er gestoppt und nach den papieren kontrolliert. Alles war OK. Er
durfte weiter fahren. Als er wenige Augenblicke später vom Posten XYZ gestoppt werden wollte, mochte er sich
"verarscht" vorgekommen sein, gab Gas und fuhr weiter. Sofort feuerten XYZ auf den Trabbi. Der Fahrer duckte ab.
Die Geschosse schlugen teilweise in der Heckscheibe ein und traten an der Frontscheibe wieder aus. Das Abducken
des Fahrers rettete ihm wohl das Leben. Nicht einen Kratzer trug er davon.
Auch der Trabbi blieb trotz der Beschädigung soweit fahrbereit, dass der Fahrer
noch zum nächsten Dorf zum ABV fahren konnte, um sich zu beschweren, "dass die Grenzer seinen Trabbi kaputt schießen".
So war es trotz der Ballerei XYZ nicht gelungen, zur nächsten Konsequenz, der Festnahme, zu schreiten.
Was geschah jetzt weiter? Die Posten wurden ausgezeichnet. der, der als Postenführer eingesetzt war, erhielt
das sogenannte Grenzer-Ei.
Die Geschichte ist noch nicht ganz zu Ende, denn wenig später ereignete sich ein ähnlicher Vorfall.
Wieder einmal hatte unser Zug Gelegenheit, dem alltäglichen Trott zu entschwinden. Diesmal hieß es Wache
auf dem Tüp. Wer kennt wohl nicht mehr die "Düfte" der nahen Abdeckerei!
Aber darum ging es hier weniger. Ein Posten hatte die Aufgabe, die "Modellgrenze" zu bewachen. Die Ablösung erfolgte
mit Dienstfahrrad. Bei einer solchen Ablösung, war der "Ablöser" jemand vom Temperament, dem man beim Laufen
die Schuhe besohlen konnte. Die Nach war zudem relativ dunkel, kein Mond, wenig Sterne. der Abzulösende stand nahe
des Kolonnenweges, auf dem der Ablöser mit dem Fahrrad nahte. Der Abzulösende erkannte wohl nicht, dass die Person,
die ihn ablösen sollte, derjenige war, der in wenigen Minuten seinen Dienst übernehmen sollte.
So spulte er pflichtgemäß die Dienstvorschrift ab: "Halt, wer da!?" - Keine Antwort.
"Halt, stehenbleiben !" - Keine Antwort. "Halt, stehenbleiben, oder ich schieße !" - keine Antwort.
Durchladen, Knarre in die Luft, abdrücken, zum Warnschuss- Peng ! Auch hier zunächst keine Antwort.
Zitternd wie Esepenlaub, vor Angst fast in die Hose scheißend, legt er auf den Radfahrer an. In dem Moment kam der
Ruf vom Ablöser: "He, Meusel (so der Spitzname des Schützen), warst Du das eben??" Das rettete ihm unter
Umständen das Leben. An diesen Abend stand von den beiden keiner mehr Posten. Über GMN berichtete "Meusel"
dem Wachhabenden von dem Vorfall, worauf beide sofort zurückbefohlen wurden. Als beide erschienen, fiel mir
auf, dass der Schütze ein Häufchen Elend, zitternd am ganzen Leibe war, der andere jedoch, der um ein Haar als
Leiche zurückgekehrt wäre, war absolut cool, als wäre nichts gewesen.
Wieder wurde der Vorfall ausgewertet. Diesmal erhielt der Schütze einen gewaltigen Rüffel, wegen "fahrlässigen Schuss-
waffengebrauches", obwohl er streng nach DV gehandelt hatte.

Zwei ähnliche Vorfälle, mit unterschiedlichen Konsequenzen.
Vielleicht ist der eine oder andere unter Euch, der sich daran erinnern kann, denn
so etwas spricht sich herum. Wer will, kann ja jetzt diskutieren.

TOMMI


hallo tommi euer einsatzort war dersogenannte kastenwald zwischen wustrow und lanz geht das an?


 Antworten

 Beitrag melden
13.05.2013 17:59
avatar  TOMMI
#13
avatar

Wie das Gelände hieß, weiß ich nicht genau, ein Wäldchen war da, entlang eines kleinen Flusses. Von uns aus konnte man die beiden
Sendemasten auf dem Hübeck (?) ganz gut sehen.

EK 88/I
GR4 / 5.GK (Teistungen)


 Antworten

 Beitrag melden
13.05.2013 20:07
avatar  ( gelöscht )
#14
avatar
( gelöscht )

Die beiden Masten standen auf dem Höhbeck, heute steht dort nur noch ein Mast, damit wir in der Prignitz wenigstens ARD, ZDF und N3 sehen können...

VG Ex-Huf


 Antworten

 Beitrag melden
13.05.2013 20:29
avatar  ( gelöscht )
#15
avatar
( gelöscht )

Zitat von TOMMI im Beitrag #13
Wie das Gelände hieß, weiß ich nicht genau, ein Wäldchen war da, entlang eines kleinen Flusses. Von uns aus konnte man die beiden
Sendemasten auf dem Hübeck (?) ganz gut sehen.


Tommi
Dein Füßchen war und ist heute noch der Schmaldiemen. Wie ich schon Geschrieben habe , war das der Kastenwald.

Rotrang


 Antworten

 Beitrag melden
Bereits Mitglied?
Jetzt anmelden!
Mitglied werden?
Jetzt registrieren!