DDR Mythos? "Personen die nicht arbeiteten bzw. sich 'asozial' verhielten wurden eingesperrt."

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24.02.2010 16:31 (zuletzt bearbeitet: 25.02.2010 15:40)
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#1
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ich habe dieses Thema vom Thema DDR Mythos ? "Es gab keine Arbeitslose in der DDR" abgesplittet.
Es ging im anderen Thread erst nur um das Gesetz, aber da S51 spezifisch mit diesem Fall Erfahrung hat, war es Wert einen neuen Thread aufzumachen.


Dieses Thema dient also nur der oben gestellten Frage und den Videos unten.

Berliner


"Asozial" in der DDR - aufsässig oder arbeitsscheu?

Im Strafrecht der DDR gab es eine Bestimmung, die es dem Staat ermöglichte, "gesellschaftsschädliche Arbeitsverweigerung" zu verfolgen. Davon Betroffene berichten aber, daß damit auch teilweise gegen Menschen vorgegangen wurde, die kritisch zu den Verhältnissen in der DDR eingestellt waren, um sie durch eine scheinbar unpolitische Verurteilung zu stigmatisieren und damit an den Rand der Gesellschaft zu drängen.

5. Abschnitt (des Strafgesetzbuchs der DDR)
Sonstige Straftaten gegen die allgemeine, staatliche und öffentliche Ordnung

§ 249. Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten.

(1) Wer das gesellschaftliche Zusammenleben der Bürger oder die öffentliche Ordnung dadurch gefährdet, daß er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit hartnäckig entzieht, obwohl er arbeitsfähig ist, oder wer der Prostitution nachgeht oder wer sich auf ändere unlautere Weise Mittel zum Unterhalt verschafft, wird mit Verurteilung auf Bewährung oder mit Haftstrafe, Arbeitserziehung oder mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestraft. Zusätzlich kann auf Aufenthaltsbeschränkung und auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden.

(2) In leichten Fällen kann von Maßnahmen der strafrechtlichen Verantwortlichkeit abgesehen und auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden.

(3) Ist der Täter nach Absatz 1 oder wegen eines Verbrechens gegen die Persönlichkeit, Jugend und Familie, das sozialistische, persönliche, oder private Eigentum, die allgemeine Sicherheit oder die staatliche Ordnung bereits bestraft, kann auf Arbeitserziehung oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren erkannt werden.





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24.02.2010 17:07
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#2
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S51

Ganz so war es aber auch nicht immer.
In den 80-er Jahren hatte ich mehrfach (zuletzt 1987) mit einen Herrn R... aus Berlin-Lichtenberg zu tun. Er hatte ein Kind, für das er keinen Unterhalt zahlte, weil er aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten konnte. Allerdings fand sich kein Arzt, ihm das schriftlich zu geben. Nach zahlreichen Zuführungen landete er schließlich mit Haftbefehl vor dem Amtsgericht und ich hatte das etwas zweifelhafte Vergnügen, seine Eskorte zu spielen. Dort erhielt er 18 Monate wegen asozialen Verhaltens.
Die Gelegenheit vor dem Gericht hat er benutzt, um wegen Zwangsarbeit und politischer Verfolgung zu schimpfen. Dafür wurde er mir noch vor Ort gewissermaßen "abgenommen" und an das MfS übergeben. Ich gebe zu, böse war ich nicht. Es hätte mir leid getan, ihm ansonsten nach der Verhandlung die Freiheit wieder geben zu müssen.
Nach Jahren traf ich ihn in Hohenschönhausen wieder. Da hat er Leuten erzählt, wie böse es ihm erging. Die Frage, ob er denn inzwischen Unterhalt zahle, brachte mir etwas Ärger ein. Inzwischen ist er aber nicht mehr dort, weil er wohl wegen etwas sehr rechter Äußerungen gehen musste.

GK Nord, GR 20, 7. GK, GAK
VPI B-Lbg. K III


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24.02.2010 18:33
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#3
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Zitat von S51
weil er aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten konnte. Allerdings fand sich kein Arzt, ihm das schriftlich zu geben.



Heißt also er wollte nicht arbeiten?

Wer krank war und wirklich keine Tätigkeit mehr ausüben konnte, der hatte auch keine Probleme!!!


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24.02.2010 18:45
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#4
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da kann ich Feliks nur zustimmen.
Meine Mutti war schwer Herzkrank und wurde in Invalidenrente geschrieben.
Keinerlei Theater.

liebe Grüße
Kerstin


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25.02.2010 06:18
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#5
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S51

Zitat von Feliks D.

Zitat von S51
weil er aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten konnte. Allerdings fand sich kein Arzt, ihm das schriftlich zu geben.



Heißt also er wollte nicht arbeiten?

Wer krank war und wirklich keine Tätigkeit mehr ausüben konnte, der hatte auch keine Probleme!!!




Nein, bei Mama und Papa war es schöner, bequemer und ruhiger. Außerdem hat ihm da keiner widersprochen. Das schlichte "o.B." der Ärzte machte ihn immer so außerordentlich ärgerlich und depressiv.

GK Nord, GR 20, 7. GK, GAK
VPI B-Lbg. K III


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25.02.2010 07:23
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#6
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Zitat von S51

Zitat von Feliks D.

Zitat von S51
weil er aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten konnte. Allerdings fand sich kein Arzt, ihm das schriftlich zu geben.



Heißt also er wollte nicht arbeiten?

Wer krank war und wirklich keine Tätigkeit mehr ausüben konnte, der hatte auch keine Probleme!!!




Nein, bei Mama und Papa war es schöner, bequemer und ruhiger. Außerdem hat ihm da keiner widersprochen. Das schlichte "o.B." der Ärzte machte ihn immer so außerordentlich ärgerlich und depressiv.




Nun, dann kann ich an der von dir oben beschriebenen Vorgehensweise nichts falsches entdecken.


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25.02.2010 07:29
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#7
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ich denke, damals gab es in den Betrieben doch Schonarbeitsplätze und erinnere mich, dass behinderte Menschen in den Telefonzentralen oder der Betriebswache arbeiteten. Unser Problem waren eher diese Leute, die vom rat des Kreises - Amt für Arbeit - zugewiesen wurden. Den habt ihr zu nehmen und euer Kollektiv muss die Bürgschaft für ihn übenehmen, ihn eingliedern und "auf den Weg helfen".
Schlimm war nur, dass man solche Mitarbeiter fast nicht wieder los wurde, entlassen durfte man sie nur unter besonders strengen Gesichtspunkten, da half nur "wegloben" - das versetzen in ein anderes Kollektiv oder in eine, sich neu bildende Gruppe.
Auf dem Land und in Kleinstädten waren solche Leute, die nicht arbeiten wollten, viel zu sehr im Auge des ABV - der hat schon aufgepasst..


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25.02.2010 07:34
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#8
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Berliner mein junger Freund, mach doch mal aus dem" Nicht arbeiten konnten" ein " Nicht arbeiten wollen".
Das trifft irgendwie eher den Punkt über Arbeitsscheue...nicht Asoziale, den letztere ist auch der falsche Ausdruck.
Natürlich gab es auch Assis, in deren Wohnung es wie im Müllcontainer aussah, aber das hieß noch lange nicht, das Derjenige nicht arbeiten ging.

R-M-R


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25.02.2010 15:26 (zuletzt bearbeitet: 25.02.2010 20:01)
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#9
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Zitat von Rainer-Maria-Rohloff
Berliner mein junger Freund, mach doch mal aus dem" Nicht arbeiten konnten" ein " Nicht arbeiten wollen".


ich ueberlege mir, wie der Thread betreffender betitelt werden kann. "Nicht arbeiten wollen" trifft es nicht, denn diese waren Personen mit Problemen die sie selber nicht bewaeltigen konnten. So gesehen war Gefaengnis fuer sie noch schlimmer...

Falls jemand eine bessere Idee hat, bin ich ganz Ohr. Das Thema ist gut und hat m.E. auch eine allgemeine Relevanz.

Berliner

edit: der Thread wurde umbenannt, hoffentlich ist der Titel jetzt zutreffender. Berliner


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25.02.2010 19:06
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Hallo Berliner,

im ersten Moment hab ich es gar nicht bemerkt, aber woher hast du den Gesetzestext??? Aktuell ist der nämlich nicht! Es handelt sich bei deinem § um die alte Fassung, die mit dem Änderungsgesetz vom 28.07.1979 angepaßt wurde.

Wie ist eigentlich deine Meinung zu dem Thema?

Gruß Feliks


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25.02.2010 19:44 (zuletzt bearbeitet: 25.02.2010 20:31)
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Hallo Feliks D.,

Zitat von Feliks D.
im ersten Moment hab ich es gar nicht bemerkt, aber woher hast du den Gesetzestext??? Aktuell ist der nämlich nicht! Es handelt sich bei deinem § um die alte Fassung, die mit dem Änderungsgesetz vom 28.07.1979 angepaßt wurde.



der Text befindet sich auf derselben Seite wie das Video.

Zitat von Feliks D.
Wie ist eigentlich deine Meinung zu dem Thema?



Die Videos hier reinzustellen war ein Schnellschuss von mir. Oss'n hat daher mit seinem Kommentar teilweise Recht gehabt.

Im Moment ist mir dieser Thread wichtiger. Dieser hier ist jetzt aber mit einem Bookmark versehen, und ich komme spaeter drauf zurueck.

Berliner


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01.03.2010 22:06 (zuletzt bearbeitet: 01.03.2010 22:11)
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meine Notizen zum ersten Fall von Wernhard F., erster Clip 01:17-05:55.

Wernhard F. ist Elektriker und kuendigt seinen Job, um eine neue Stelle anzunehmen. Als aus der neuen Stelle nichts wird, sucht er wieder Arbeit, aber es will ihn kein Betrieb mehr haben.

Wernhard F. vermutet dabei, dass seine Aktivitaeten in der Kirche bzw. einigen Friedens- bzw. Oekokreisen der Grund dafuer seien. Er sieht sich darin bestaetigt, indem er zum Amt fuer Arbeit geht und daraufhin von der Abeitlung Inneres als "kriminell gefaehrdet" eingestuft wird.

Er muss dann einen Job nehmen, den er nicht kuendigen darf. Fuer ihn ist kein "normaler" Job mehr moeglich.

An seinem neuen Arbeitsplatz sitzt er und bearbeitet Teile mit einer Bohrmaschine. Weil er als "kriminell gefaehrdet" eingestuft ist, darf er sich im Betrieb nicht freibewegen.

Am Ende will der Elektriker Wernhard F. kuendigen. Ihm wird darauf hingewiesen, dass er nicht kuendigen darf, er tut es aber trotzdem. Vier Monate spaeter wird er verhaftet und sitzt dann einige Monate wegen "asozialen Verhaltens" im Gefaengnis ab.

Bis heute wehrt er sich gegen die Behauptung er sei "Asozialer". Diese Abstempelung wurde vom Staat missbraucht, um ihn fuer seine politischen Ansichten zu bestraffen. Er ist kein "Assi", hat Freunde und ist nicht arbeitsscheu.


Fazit: Es sieht mMn so aus, als wenn diese Person vom Staat wegen seiner Ansichten vefolgt wurde. Sonst ist fuer mich nicht erklaerlich wieso er 1) keinen Job mehr fand, und wieso er 2) anschliessend als "kriminell gefaehrdet" eingestuft wurde. Der Wille zur Arbeit scheint vorhanden gewesen zu sein, nur waren ihm die Tueren geschlossen.

Meiner Meinung nach wurde der § 249 in diesem Fall "ausgedehnt" um eine Person wegen seiner Ansichten zu benachteiligen. Aufrichtiger waere es m.E. gewesen, ihn wegen "staatsfeindlicher Hetze" oder "Gruppenbildung" zu verurteilen, wenn er wirklich ein Oppositioneller war.

Berliner


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01.03.2010 22:33
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#13
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Hallo Duane,,

ich lese diene Zeilen verstehe sie aber nicht.

An seinem neuen Arbeitsplatz sitzt er und bearbeitet Teile mit einer Bohrmaschine. Weil er als "kriminell gefaehrdet" eingestuft ist, darf er sich im Betrieb nicht freibewegen.

Das glaubt doch kein Mensch. Geht eigentlich nur wenn er in einem Betrieb mit hohem Sicherheitsstandart gearbeitet hat. Da kommt aber kein kriminell gefährdeter hin und zwangsweise schon gar nicht.

Das er keinen Job gefunden hat - ich kann mich noch erinnern das selbst scheintote Rentner mobilisiert wurden umoffene Planstellen zu besetzen.

Also für mich ist das nicht glaubwürdig

Mike59


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01.03.2010 22:39 (zuletzt bearbeitet: 01.03.2010 22:39)
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#14
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Zitat von Mike59
An seinem neuen Arbeitsplatz sitzt er und bearbeitet Teile mit einer Bohrmaschine. Weil er als "kriminell gefaehrdet" eingestuft ist, darf er sich im Betrieb nicht freibewegen.


Hallo Mike,

diese Stelle findest Du im ersten Clip 05:03-05:20. Alles was ich ueber diesen Fall weiss, enstammt dieser Reportage.

Duane


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01.03.2010 22:58 (zuletzt bearbeitet: 01.03.2010 23:10)
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#15
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Zitat von Mike59
Das er keinen Job gefunden hat - ich kann mich noch erinnern das selbst scheintote Rentner mobilisiert wurden umoffene Planstellen zu besetzen.


Hallo Mike (nochmals),

Wernhard F. behauptet er haette, wegen seiner politischen Ansichten, keinen Job gefunden. Weil er keinen Job fand, wurde ihm einen aufgezwungen. Als er den nicht wollte, wurde er verhaftet unter dem § 249.

Er sieht sich nicht als "Asozialer". Er waere bereit zu arbeiten, aber die Tueren wuerden ihm geschlossen. In der Wahrheit gaelte er deshalb, so Wernhard F., als politisch Verfolgter.

Duane


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