Die Kaffeekrise von 1977 in der DDR

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11.02.2010 21:21 (zuletzt bearbeitet: 11.02.2010 21:24)
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#1
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1977 wurde mit der Kaffeekrise in der DDR der wachsende Unmut der Bevölkerung deutlich, der u.a. durch den Teufelskreis aus steigenden Weltmarktpreisen und katastrophalen Mangelerscheinungen auf dem Binnenmarkt enstand.
Am 28.06.77 lag ein Entwurf vor, der die Reduzierung von Rohkaffeeimporten aus dem Devisenausland vorsah. Während zwischen 1972 und 1975 durchschnittlich 150 Millionen Valuta-Mark jährlich dafür ausgegeben wurden, waren es 1977 knapp 667,2 Millionen.
Schalck schlug Günther Mittag damals vor, alle bisherigen Kaffeesorten vom Markt zu nehmen und eine neue "Mischung" aus 50% Röstkaffee und den Rest aus Zichore, Zuckerrübenschnitzeln, Spelzanteilen und einem Roggen/Gersten Gemisch auf den Markt zu bringen.
Gleichzeitig sollte der Preis um über 100% steigen. Schalck wollte damit einen automatischen Rückgang des Verbrauchs um bis zu 30% erreichen.
Albert Norden, Politbüromitglied, erkannte die Brisanz des Themas und schrieb an Honecker, dass diese Maßnahme große Unzufriedenheit auslösen würde - "Kaffeehäuser ohne Bohnenkaffee - für mich unvorstellbar".
Am 26. Juli wurde die Versorgungsrichtlinie für Kaffee beschlossen.
"Erichs Krönung" sorgte für breite Ablehnung, schmeckte furchtbar und killte reihenweise Kaffeemaschinen in Gaststätten und Großküchen.
Eine gigantische Eingabe-Welle rollte durchs Land - es wurde offen "gemeckert" - das gab es seit Jahren nicht.

Die Führung der SED hatte das Problem unterschätzt. Das zentrale Medium der (gefühlten) Gemütlichkeit in der DDR war die Kaffeerunde - wie das gemeinsame Bier in der Kneipe z.B. - und genau die war für die Eintracht der kleinen Leute immens wichtig.

Es wurde herumgedoktort - neue Mischungen ausprobiert - bis man schließlich doch wieder auf 470 Millionen Valuta-Mark Kaffeeausgaben kam. Dafür musste die DDR allerding wieder haufenweise Fertigprodukte in Länder wie Äthopien, Kolumbien oder Vietnam exportieren.

Kaffee war übrigens wertmäßig eine der wichtigsten Positionen im Einzelhandel.
Die Einnahmen beliefen sich auf 3,3 Milliarden Mark - Schuhe kamen nur auf 1,8 Milliarden...

Beinahe hätte Bohnenkaffee einen Aufstand verursacht...


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11.02.2010 21:37
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#2
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Zitat von manudave
1977 wurde mit der Kaffeekrise in der DDR der wachsende Unmut der Bevölkerung deutlich, der u.a. durch den Teufelskreis aus steigenden Weltmarktpreisen und katastrophalen Mangelerscheinungen auf dem Binnenmarkt enstand.
Am 28.06.77 lag ein Entwurf vor, der die Reduzierung von Rohkaffeeimporten aus dem Devisenausland vorsah. Während zwischen 1972 und 1975 durchschnittlich 150 Millionen Valuta-Mark jährlich dafür ausgegeben wurden, waren es 1977 knapp 667,2 Millionen.
Schalck schlug Günther Mittag damals vor, alle bisherigen Kaffeesorten vom Markt zu nehmen und eine neue "Mischung" aus 50% Röstkaffee und den Rest aus Zichore, Zuckerrübenschnitzeln, Spelzanteilen und einem Roggen/Gersten Gemisch auf den Markt zu bringen.
Gleichzeitig sollte der Preis um über 100% steigen. Schalck wollte damit einen automatischen Rückgang des Verbrauchs um bis zu 30% erreichen.
Albert Norden, Politbüromitglied, erkannte die Brisanz des Themas und schrieb an Honecker, dass diese Maßnahme große Unzufriedenheit auslösen würde - "Kaffeehäuser ohne Bohnenkaffee - für mich unvorstellbar".
Am 26. Juli wurde die Versorgungsrichtlinie für Kaffee beschlossen.
"Erichs Krönung" sorgte für breite Ablehnung, schmeckte furchtbar und killte reihenweise Kaffeemaschinen in Gaststätten und Großküchen.
Eine gigantische Eingabe-Welle rollte durchs Land - es wurde offen "gemeckert" - das gab es seit Jahren nicht.

Die Führung der SED hatte das Problem unterschätzt. Das zentrale Medium der (gefühlten) Gemütlichkeit in der DDR war die Kaffeerunde - wie das gemeinsame Bier in der Kneipe z.B. - und genau die war für die Eintracht der kleinen Leute immens wichtig.

Es wurde herumgedoktort - neue Mischungen ausprobiert - bis man schließlich doch wieder auf 470 Millionen Valuta-Mark Kaffeeausgaben kam. Dafür musste die DDR allerding wieder haufenweise Fertigprodukte in Länder wie Äthopien, Kolumbien oder Vietnam exportieren.

Kaffee war übrigens wertmäßig eine der wichtigsten Positionen im Einzelhandel.
Die Einnahmen beliefen sich auf 3,3 Milliarden Mark - Schuhe kamen nur auf 1,8 Milliarden...

Beinahe hätte Bohnenkaffee einen Aufstand verursacht...





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Hallo: ich schrieb es schon mal vor einiger Zeit : Noch im Jahr mußte ich Bohnenkaffee für meine Mutter abgepackt in 5g Papierchen(Inhalt war für eine Tasse)aus dem "Rostocker Hof holen", da Kaffee eine absolute Rarität im Einzelhandel war. Wenn es damals bei uns welchen gab wurde nur ein achtel Pfund , gemahlen abgegeben, das waren 62,5g. Gemahlen angeblich, damit man ihn nicht "horten" konnte, in Wahrheit aber deswegen damit man nicht sehen konnte, was für ein "Mist" drin war. Also die Kaffekrise gab es schon lange vor 1977.
Schönen Gruß aus Kassel.


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11.02.2010 21:53
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#3
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Zitat Manudave:

Zitat
1977 wurde mit der Kaffeekrise in der DDR der wachsende Unmut der Bevölkerung deutlich



Neben Ärger und Spott über den "Mischkaffee"
gab es aber auch lockere Sprüche:

Mix-Kaffee und dünnes Bier -
Honecker wir danken dir...!

Gruß Corres

Ich bin verantwortlich für das, was ich sage - nicht für das, was du verstehst.


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12.02.2010 08:35
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#4
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Zitat von Corres
Zitat Manudave:

Zitat
1977 wurde mit der Kaffeekrise in der DDR der wachsende Unmut der Bevölkerung deutlich



Neben Ärger und Spott über den "Mischkaffee"
gab es aber auch lockere Sprüche:

Mix-Kaffee und dünnes Bier -
Honecker wir danken dir...!

Gruß Corres




Die DDR hatte mehr Goldmedallien als Kaffeebohnen,

Gruß aus Berlin


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12.02.2010 08:41
#5
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wenn die DDR mal statt in die Produktion von Medallien in Kauf von Kaffeebohnen inverstiert hätten..

Gruß
Thomas
Zerstörer Lütjens - D185

Seit man begonnen hat, die einfachsten Behauptungen zu beweisen, erweisen sich viele von ihnen als falsch

Glaube keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast


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12.02.2010 09:03
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#6
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Zitat von Holtenauer
wenn die DDR mal statt in die Produktion von Medallien in Kauf von Kaffeebohnen inverstiert hätten..



Hätte sie auch nur 25kg mehr kaufen können....


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12.02.2010 09:48
#7
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Zitat von Feliks D.

Zitat von Holtenauer
wenn die DDR mal statt in die Produktion von Medallien in Kauf von Kaffeebohnen inverstiert hätten..



Hätte sie auch nur 25kg mehr kaufen können....




meinst?
Die ganzen Leute , die Forschung, die Drogen dafür hat ja auch alles Geld gekostet, das mein ich

Gruß
Thomas
Zerstörer Lütjens - D185

Seit man begonnen hat, die einfachsten Behauptungen zu beweisen, erweisen sich viele von ihnen als falsch

Glaube keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast


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12.02.2010 09:54
#8
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Und auch der Ausbau der Grenzsicherungsanlagen wollte finanziert werden.

Stefan

Scheint es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode...


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12.02.2010 10:02
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#9
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@manudave, sprach es schon vorsichtig an, woher die ddr ihren kaffee dann importieren musste.

mir wurde mal eine geschichte erzählt, dass auf grund der von @manudave beschriebenen dinge, die ddr versuchte in vietnam kaffeeplantagen zu errichten. diese aber erst ihre volle ertragskraft nach 1990 entwickeln konnten und heute diese kaffeebohnen eine sehr gute qualität haben.

evtl. weiß @vnrut etwas mehr darüber...


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12.02.2010 10:09
avatar  josy95
#10
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Zitat von Holtenauer

Zitat von Feliks D.

Zitat von Holtenauer
wenn die DDR mal statt in die Produktion von Medallien in Kauf von Kaffeebohnen inverstiert hätten..



Hätte sie auch nur 25kg mehr kaufen können....




meinst?
Die ganzen Leute , die Forschung, die Drogen dafür hat ja auch alles Geld gekostet, das mein ich





Doch, ich denke mal, Feliks seinem Beitrag kann man glauben, Medallien und Orden waren doch eeh nur aus dem billigsten Trompertenblech, schön bunt, viele rote, glitzernde Sowjetsternchen und damit ideologisch besonders wertvoll, dachte man zumindest.
Und wenn die Dinger nicht aus diesem billigem, (weil leichten) Trompetenblech gewesen wären, dann wär u. a. Feliks sein Oberchef und manch anderer doch nach vorn übergeschlagen, soviel auf Gegenseitigkeit überreichte Orden und Klimbim die an ihren Jacken hängen hatten...!


josy95

Sag niemals nie.
Sagte schon James Bond. Britischer Filmheld


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12.02.2010 10:13
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Zitat von GilbertWolzow
@manudave, sprach es schon vorsichtig an, woher die ddr ihren kaffee dann importieren musste.

mir wurde mal eine geschichte erzählt, dass auf grund der von @manudave beschriebenen dinge, die ddr versuchte in vietnam kaffeeplantagen zu errichten. diese aber erst ihre volle ertragskraft nach 1990 entwickeln konnten und heute diese kaffeebohnen eine sehr gute qualität haben.

evtl. weiß @vnrut etwas mehr darüber...



Heute zählt Vietnam zu den wichtigsten Kaffeeexporteuren der Welt. Hauptabnehmer ist das geeinte Deutschland mit rund 180.000 Tonnen Rohkaffee pro Jahr.....


seaman


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12.02.2010 10:14 (zuletzt bearbeitet: 12.02.2010 10:16)
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Zitat von GilbertWolzow

mir wurde mal eine geschichte erzählt, dass auf grund der von @manudave beschriebenen dinge, die ddr versuchte in vietnam kaffeeplantagen zu errichten. diese aber erst ihre volle ertragskraft nach 1990 entwickeln konnten und heute diese kaffeebohnen eine sehr gute qualität haben.

evtl. weiß @vnrut etwas mehr darüber...



Die Geschichte ist an sich gar keine, sondern entspricht so ziemlich der Wahrheit. Im Jahr 1982 schloss Vietnam eine Vereinbarung mit der Tschechoslowakei, der Sowjetunion, Bulgarien und der DDR ab, infolge derer der Kaffeeanbau und die zugehörige Infrastruktur massiv ausgebaut wurden. Maschinen und Anlagen zum Anbau und zur Weiterverarbeitung wurden dazu von der DDR kostenlos bereitgestellt.


Zitat
Um den Kaffeefrieden aber auch langfristig zu bewahren, suchte die DDR nach zuverlässigen Handelspartnern. Da lag es doch nahe, das sozialistische Bruderland Vietnam als Lieferanten zu gewinnen. Zugegebenermaßen sind die Vietnamesen eher ein Volk der Teetrinker und Anfang der 1980er waren die Kaffeeplantagen in dem asiatischen Land rar. Das änderte sich dank ostdeutscher Investitionen bis Ende der 1980er. Im Herbst 1989 waren die vietnamesischen Kaffeebohnen exportreif. Doch beim Handelspartner DDR hatte man zu der Zeit andere Sorgen...

http://www.mdr.de/barbarossa/3997134.html


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12.02.2010 10:15
avatar  josy95
#13
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Zitat von GilbertWolzow
@manudave, sprach es schon vorsichtig an, woher die ddr ihren kaffee dann importieren musste.

mir wurde mal eine geschichte erzählt, dass auf grund der von @manudave beschriebenen dinge, die ddr versuchte in vietnam kaffeeplantagen zu errichten. diese aber erst ihre volle ertragskraft nach 1990 entwickeln konnten und heute diese kaffeebohnen eine sehr gute qualität haben.

evtl. weiß @vnrut etwas mehr darüber...



Um mal ein wenig von der ironischen Seite wieder zum Thema zu kommen.

Gilbert, das kenn ich auch. Nicht als Geschichte, hab da mal einen interessantenund sachlichen Beitrag zu gelesen, weiß nur nicht wo. Hatte ein Dr. oder Professor der Uni Hanoi mit verfaßt, wissenschaftliche Abhandlung dieses sagen wir mal Pilotprojektes. Und wie Du schon richtig schreibst, auch nach den dort geäußerten Darstellungen wäre es frühestens 1990 soweit gewesen, das der Anbau Effektivität versprochen hätte. Ähnlich war es doch mit den Südfrüchten, wie den Cuba- Orangen. Auch hier hätte es eine gewisse Zeit gedauert, bis Züchtungen, Erfahrungen im Anbau ect. hier Erfolg gebracht hätten.

josy95

Sag niemals nie.
Sagte schon James Bond. Britischer Filmheld


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12.02.2010 10:21
avatar  josy95
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Zitat von Corres
Zitat Manudave:

Zitat
1977 wurde mit der Kaffeekrise in der DDR der wachsende Unmut der Bevölkerung deutlich



Neben Ärger und Spott über den "Mischkaffee"
gab es aber auch lockere Sprüche:

Mix-Kaffee und dünnes Bier -
Honecker wir danken dir...!

Gruß Corres





Corres, Du altes Läster*aul!
Da gab`s in Bezug auf Kaffee- Mix noch ein knallhartes Ding (Witz), hätte garantiert 2 Jahre Bautzen oder für Dich als NVA´ler 2 Jahre Schwedt eingebracht. Finde das heute immer noch ganz schön makaber:

Was ist der Unterschied zwischen Kaffee- Mix und einer Pershing II oder SS 20?

Es gibt kein Unterschied! Von beiden sterben die Leute massenhaft...!


josy95

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12.02.2010 10:22
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#15
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( gelöscht )

Zitat von Feliks D.

Zitat von Holtenauer
wenn die DDR mal statt in die Produktion von Medallien in Kauf von Kaffeebohnen inverstiert hätten..



Hätte sie auch nur 25kg mehr kaufen können....





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Wieso Feliks, waren die DDR-Goldmedaillen etwa auch nur Alu-Chips?
Schönen Gruß aus Kassel.


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