Die Berliner Mauer: Grenze durch eine Stadt.

16.10.2008 05:26
avatar  Angelo
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Touristen aus Asien und Amerika, Arabien und Osteuropa besuchen Berlin, unter anderem, um einen gruseligen Anblick jener Mauer zu erhaschen, die Jahrzehnte lang Ost- und Westdeutsche voneinander ferngehalten hat. Aber wie einen peinlichen Fehltritt hat man großenteils verschwinden lassen, was mit der Mauer zu tun hatte. Berlin ist nun voller Getriebe: Großstadtverkehr, Konflikt Wessis vs. Ossis großenteils unter der Decke gehalten, Konflikt der Konfessionen und Generationen ab und zu sichtbar - wie zum Beispiel im Szeneladen "ELTERNHAUS". Berlin leidet heutzutage sehr deutlich unter einer immer auffälligeren Armut-Reichtums-Schere zwischen den Einreisenden aus Osteuropa und Afrika, Amerika und Asien. Berlin ist zudem überbordend geprägt von der sich breitmachenden Ex-Bonner Politikerkaste - und einer zwar erstickenden aber immer noch verbissenen Ostalgie: Es gibt beachtliche, wirklich bewundernswerte, nicht nur protzige Superbau-Neu-Entwürfe, aber auch ruinierte Architekturen (manche absichtlich - so wie der Palast der Republik, den man als verehrte Ikone der Besiegten nun bald dem Erdboden gleichmachen wird): In den heruntergekommenen Fenstern des Palastes der Republik spiegelt sich auf makabre Art das ideologisch-antipodische Kirchenlager von der gegenüberliegenden Straßenseite. Berlin hat aber durchaus auch idyllisch zu nennenden Rückzugsorte. So kann man im Sommer in den vielen Seen schwimmen - und im Winter auf der gleichen Fläche Schlittschuh laufen. Die vielen Wasserwege lassen an ein Venedig des Ostens denken - früher, so zeigt es sich, wenn man den Ex-Mauer-Verlauf studiert, war dies eine lebensgefährliche Todeszone. Aber auf den Gewässern, die kein depressives Gedächtnis haben, dümpeln nun fröhlich die Hausboote der Freizeit-Gesellschaft wie in Amsterdam. Hinter der berühmten Oberbaum-Brücke (auf ehemaligem Ost-Gebiet) liegt nun ein aus ovalen weißen Elementen zusammengekettetes Sauna-Schiff vor Anker oder mein Lieblingsrefugium am "Schlesischen Tor", das Restaurant-Boot "Freischwimmer". Dort gibt es Lesungen - und im Winter wird ab 18 Uhr der Kaminofen entfacht. Früher lagen der Alexanderturm und das "Haus des Lehrers" (heute ein gutgehendes Kongress-Centrum) in der Mitte der Hauptstadt der DDR - weitab von der martialischen Mauer. Die Karl-Marx-Allee und ihre militärischen Aufzüge wurden von einer verglasten Presse-Kanzel aus international beobachtet. Heute gibt es dort keine Panzer- und Raketen-Fahrzeug-Shows mit winkenden Ostblock-Politikern mehr. Das umgebaute Presse-Restaurant bietet argentinische Steaks und übertüncht mit einem ländlichen Fachwerk-Innenausbau die einstige utopisch-sozialistische Aufbruchsstimmung. Man müsste mit diesem Mauer-Verlaufs-Buch die im Verwischt-Werden befindliche Grenze noch einmal neu ablaufen - und den Wechsel der Symbole, der Konsummarken, den erbarmungslosen Wettkampf der Architekturen in sich aufnehmen - und am besten fotografisch dokumentieren.

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