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Wenn das einstige Stasi-Gefängnis zum Lesesaal wird

in Presse Artikel Grenze 08.10.2008 09:44
von Angelo | 12.643 Beiträge | 1659 Punkte
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Gymnasiasten von heute lesen aus alten Geheim-Dokumenten vor und widerlegen das Bild von der geschichtsvergessenen Jugend
Suhl/Geisa – Heiligabend 1975 – zwei junge Männer versuchen bei Geisa über die Grenze zu kommen und lösen dabei die Selbstschussanlagen
aus. Einer bleibt von Splitter-Geschossen getroffen liegen, während sein Freund zunächst zurück in die DDR fliehen kann. Von westlicher Seite aus beobachten US-Militärs, wie der Körper des Verletzten von DDR-Grenzern abtransportiert wird. Der Flüchtling gilt nach den Berichten der Beobachter als tot.

Es handelt sich um Bernhard Fey, einen jungen Betonfacharbeiter aus Weilar, der zuvor schon immer wieder mit dem DDR-System in Konflikt geraten war. Er ist zwar schwer verletzt und bewusstlos, aber nicht tot. Weil er zwei Jahre zuvor schon einmal bei Henneberg einen Fluchtversuch unternommen hatte, gilt er jetzt als unverbesserlich und wird zu einem Jahr und sieben Monaten Gefängnis verurteilt. Nach Weilar darf er wegen der Grenznähe nicht mehr zurückkehren, steht unter Beobachtung der Staatssicherheit.

Seine Geschichte, so, wie sie in den Stasi-Akten festgehalten ist, wird von Schülern des Vachaer Johann-Gottfried-Seume-Gymnasiums vorgelesen. „Leseland“ nennt sich die Veranstaltungsreihe der Thüringer Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, die am Sonntag in der einstigen Stasi-Haftanstalt in der Erfurter Andreasstraße Station macht. „Auf Herrn Fey sind wir mit der Initiative „Grenzspuren“ gestoßen“, berichtet Stefan Kupetz. Wie er gehören Martin Wagner, Josef Brähler und Eva-Maria Abel zum Team der Schüler, die aus den Akten lesen.

Mit der Veranstaltung, die im Untertitel „Stasi - Deutsch“ zugleich an eine Wörterbuch-Reihe erinnert, soll auch die Art des Umgangs mit Kritikern im SED-Staat deutlich werden. „Die Stasi hat ja über alle Akten geführt, aber noch deutlich mehr über diejenigen, die ein kritisches Wort geäußert haben“, beschreibt Stefan Kupetz seine Eindrücke aus den Akten. „Schlimm ist es, wie die Leute in ganz alltäglichen Situationen bespitzelt wurden und was dafür für ein Apparat nötig war.“ Aus einem anderen Akten-Fall – dem von Manfred May – weiß er, wie die Stasi ihr Opfer etwa einen ganzen Tag lang im Garten bespitzelt und akribisch notiert hat, wer dort alles ein und aus ging. Manfred May ist nicht nur selbst Unrechtsopfer, sondern auch Mitarbeiter bei der Landesbeauftragten und betreut dort das Leseland-Projekt.

Angesichts der aktuellen Debatten über eine Jugend, die praktisch nichts von der DDR weiß, zeigt das Leseland-Projekt deutlich, dass es auch anders geht. „Wir haben die Grenze hier unmittelbar vor der Haustür – da ist es doch logisch, dass wir uns damit befassen“, sagt Stefan Kupetz. Schließlich werde auch in der Schule viel über dieses Thema gesprochen. Dass es bei anderen Gleichaltrigen solch gravierende Wissenslücken geben soll – darüber will er sich lieber kein Urteil erlauben. Immerhin beteiligt sich mit dem staatlichen Gymnasium aus Suhl noch eine weitere Südthüringer Schule an der Akten-Lesung. Mehr wären sicher wünschenswert.

Fälle von Verfolgung geben die angehäuften Akten-Berge der Stasi sicher noch zur Genüge her – auch für die Nachfolger der heutigen Abiturienten. Denn abgeschlossen ist die Vergangenheitsaufarbeitung längst nicht. Selbst Bernhard Fey wartet noch immer auf seine volle Rehabilitierung. Die ist offenbar komplizierter als die Richtigstellung im hessischen Rasdorf, wo man in Erinnerung an den Grenz-Toten von Heiligabend 1975 ein Kreuz aufgestellt hatte: „Das war ich, und ich lebe noch.“
Von Redaktionsmitglied Jens Wenzel http://www.freies-wort.de



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#2

RE: Wenn das einstige Stasi-Gefängnis zum Lesesaal wird

in Presse Artikel Grenze 13.12.2017 07:42
von Grenzläufer | 3.549 Beiträge | 11453 Punkte
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Sie unterschätzten, obwohl sie in unmittelbarer Nähe der Grenze gewohnt hatten, diese mörderische Grenzanlage.
Fey träumte von einem Leben in Kanada, der Preis für seinen Fluchtversuch an der Grenze bei Geisa war sehr hoch. Es detoniert die Selbstschussanlage, er bleibt geraume Zeit in seinem Blut liegen, es erfolgt keine Soforthilfe. Heute ist er behindert, ein Bein gelähmt und er leidet seitdem unter Sprachstörungen.






Ich sagte meinen Gesprächspartnern – der Tote von dem Birkenkreuz, das bin ich

>>(...)
Die Selbstschussanlage wurde ausgelöst und Fey von 15 Geschossen in die Beine getroffen. Amerikanische Soldaten, die den Vorfall hilflos beobachteten, meldeten damals, DDR-Grenzer hätten geraume Zeit nach der Detonation eine „offensichtlich leblose Gestalt“ abtransportiert. Das in der Folge auf westlicher Seite errichtete Birkenkreuz enthielt keinen Namen. Wie sollte es denn auch? Man wusste ja auch keinen. Bernhard Fey hatte jedoch – geh- und leicht sprachbehindert zwar – überlebt. Eines Tages (Deutschland war inzwischen wiedervereinigt) las er in der Zeitung von einer Gedenkfeier am „Point Alpha“ für einen jungen Mann, der dort an Weihnachten 1975 beim Fluchtversuch ums Leben gekommen sei. „Zunächst“, erzählt er, „glaubte ich an einen zeitlichen Zufall und bedauerte den armen Kerl, der sein Leben lassen musste, während ich nur schwer verletzt worden war“. Doch als man, bei einem Besuch am „Point“ immer mehr die Daten abglich, blieb kein Zweifel mehr: „Ich sagte meinen Gesprächspartnern – der Tote von dem Birkenkreuz, das bin ich“.
Benhard Fey wird immer wieder von der Gedenkstätte „Point Alpha“ zu Lesungen herangezogen, zu Diskussionen über die DDR und deren Grenzregime oder auch nur, um seine eigene Geschichte zu erzählen. Seiner Bitte folgend, ließ man das Birkenkreuz stehen. Zum Gedenken an alle Opfer von Stacheldraht und Mauer.<<
http://www.rantlos.de/lebensart/reisen_u...geschichte.html


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