Eine Grenze, die uns einst trennte und heute verbindet

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12.01.2023 17:48 (zuletzt bearbeitet: 16.01.2023 12:57)
avatar  krelle
#1
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Manchmal frage ich mich, ob ich noch im „Herbst“ dieses Lebens stehe, oder nicht bereits vielmehr im „Winter“.
Es ist nicht tragisch, dass ich diese Frage nicht zu beantworten weiß.
„Gut“ ist, dass beide „Zeiten“ ihre schönen Seiten haben und man (n) sich an ihr erfreuen kann.

„Auffällig“ ist jedoch, dass ich emotional betrachtet mehr nach „hinten“ gucke, als nach „vorn“ und Jenem, das mich hoffentlich noch erwartet.
Die „Kräfte“, welche ich für das „Anstehende“ benötige, scheinen so manches Mal aus den Freuden vergangener Zeit zu bestehen. Und so passieren sie gelegentlich noch einmal an mir vorbei, die vielen Tage, Wochen, Monate und Jahre.
Die damalige innerdeutsche Grenze hat mich begleitet. Nicht nur beruflich betrachtet. „Sie“ hat sich tief eingegraben in meinem ICH. Über ihrem „Ende“ hinaus ist sie präsent – in Träumen und all den unzähligen „Geschichten“, die sie einst schrieb.

Dass wir ehemaligen „Grenzer“ aus Ost und West uns heute (und schon seit vielen Jahren) hier in diesem Forum austauschen und auf „Augenhöhe“ begegnen können/dürfen, ist ein großes Geschenk. Mit Männern, die ich einst zu „Gegnern“ zählte, zusammen und in Freundschaft auf nunmehr gemeinsamen Wegen unterwegs zu sein, ist eine Danksagung wert.

Und so sage ich DANKE – Euch Allen.

https://mannys-schiffsfotos.de/Bilder-Ka...nze-bei-Luebeck


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12.01.2023 17:53 (zuletzt bearbeitet: 12.01.2023 18:05)
#2
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Bezüglich dieser Grenze kann man nur nach "hinten" gucken (außer dem am Grünen Band interessierten Naturfreund).

Meine persönlichen, emotionalen Rückblicke haben mit der deutschen Teilung nichts zu tun.

Aber das liegt daran, daß ich nicht beruflich damit zu tun hatte.

Disziplin ist die Fähigkeit, dümmer zu erscheinen als der Chef. (Hanns Schwarz)


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12.01.2023 17:58 (zuletzt bearbeitet: 12.01.2023 17:59)
#3
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Es hatte lange gedauert, ehe ich bei meinen Fahrten, meist dienstliche, das Passieren der ehemaligen Grenze als etwas Normales empfand. Ich dachte dabei meist zurück an die Zeit, als das nicht nur nicht möglich war, sondern auch nicht vorhersehbar, daß sich daran so bald etwas ändern könnte. Jetzt fällt Dir ein, einfach mal dort und dorthin zu fahren, dazu nicht bloß mit der Bahn, sondern mit dem PKW. Und Du mußt nicht mal die Geschwindigkeit drosseln, wenn rechts oder links Reste des Plattenweges auftauchten und niemand hat die Schranke unten und verlangt Deine Papiere. Solche Gedanken kamen mir dann meist.


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12.01.2023 18:02 (zuletzt bearbeitet: 12.01.2023 18:18)
#4
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Das geht mir ebenso, aber eher humorvoll sage ich dann während der Fahrt: "Jetzt sind wir im W-Westen"

Disziplin ist die Fähigkeit, dümmer zu erscheinen als der Chef. (Hanns Schwarz)


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12.01.2023 18:24
#5
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Zitat von Freienhagener im Beitrag #4
Das geht mir ebenso, aber eher humorvoll sage ich dann während der Fahrt: "Jetzt sind wir in W-Westen"

Ist bei mir genau so, ich ernte da bloß ein "Ja, ja" von der Rückbank. Aber die Kinder wissen, das der Alte in dieser Beziehung ne "Macke" hat . Dient auch nur zur Erinnerung, das es mal ganz anders war.

Klauwida

"Wer schweigt, stimmt nicht immer zu. Er hat nur manchmal keine Lust mit Idioten zu diskutieren."
Albert Einstein

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12.01.2023 18:34 (zuletzt bearbeitet: 12.01.2023 18:37)
#6
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Also für mich ist die deutsche Wiedervereinigung immer noch das größte geschichtliche Ereignis in meinem Leben.

Das sollte man nicht vergessen, bei allen aktuellen Sorgen.
Es ist gut, dass die Chance genutzt wurde.
Sonst sehe vieles anders aus.


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12.01.2023 18:43 (zuletzt bearbeitet: 12.01.2023 18:43)
#7
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Das ist objektiv so, verbunden mit dem Herbst 89.

Politisch hat sich vorher, ab 1949, nichts grundsätzlich verändert. In der DDR gab es am Ende eine Stagnation.

Disziplin ist die Fähigkeit, dümmer zu erscheinen als der Chef. (Hanns Schwarz)


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12.01.2023 18:57 (zuletzt bearbeitet: 12.01.2023 18:59)
#8
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@Klauwida
Das ist bei mir auch so. Ich fahre oft zu meiner Tochter nach Hamburg. Wenn ich den ehemaligen Grenzübergang der A24 passiere, sage ich zu meiner Frau, "nun sind wir im Westen" und dann lachen wir beide. Auf der Rückfahrt heißt es dann: "Mecklenburg hat uns wieder".

Lebenskunst ist - "Im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen"


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12.01.2023 19:35
#9
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Natürlich war auch bei mir nach der Wende das Interesse groß, einmal über diese Grenze zu fahren, die uns über viele Jahre trennte und Urlaub im anderen Teil Deutschlands zu machen. Ich war neugierig darauf, "Wessis" kennenzulernen und mich mit ihnen zu unterhalten. Ich habe viele sympathische Menschen kennengelernt. Ich denke an einen Hotelbesitzer, der noch nie in seinem Leben Urlaub gemacht hatte. Nicht , weil ihm das Geld fehlte, sondern weil es in dem Ort einige Hotels gab, und er Angst hatte, dass er Gäste verliert. Viele Menschen, denen ich begegnete interessierten sich dafür, wie wir in der DDR gelebt haben, was gut und nicht so gut war. Es ging nicht um Agitation und Propaganda, sondern um mein Leben und das Leben meiner Gesprächspartner.

Gespräche haben viel für sich. Man sieht sich in die Augen und ist freundlich und höflich zueinander. Schade, dass das hier im Forum mit einigen nicht möglich ist.


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12.01.2023 20:09
avatar  GKUS64
#10
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Ja diese Grenze hat mich eigentlich seit der Kindheit irgendwie immer begleitet.
Als ich 8 Jahre alt war heiratete meine Mutter nochmal (mein leiblicher Vater ist gefallen).
Mein Stiefvater war „Stalingrader“ und kam erst 1950 aus der Gefangenschaft.
Er ärgerte sich oft, dass er sich nach dem Osten hatte entlassen hatte, im Westen gab es staatliche Hilfen. 1958 reiste die beste Freundin meiner Mutter mit Familie nach dem Westen. Wollen wir auch? Nein wir bleiben hier, wegen der Eltern!
Am 13.August erlebte ich am Brandenburger Tor die Grenzschließung, nun war es mit dem Westen erstmal vorbei.
1963 bekam ich die Einberufung nach Eisenach, da kommst du an die Grenze klärten mich Kumpels auf! Ich hatte keine Westverwandten!
Dann ein Jahr (1964/65) Grenzdienst in Untersuhl. Abhauen war möglich aber für mich keine Option
(Eltern und Freunde in DD).
Am 11. November 1989 mit dem Trabbi in Altglienicke über die Grenze und zum Ku-Damm (kannte ich noch von 1961!).
2010 im Forum angemeldet (Tochter und Frau sagten: „Spinnst du? Hast du mit diesem Sch… nicht genug?)
2014 ein sehr interessantes Treffen in Eisenach mit den unterschiedlichsten Leuten: Wessi, Politoffizier, MFS-Mitarbeiter usw., es war ein sehr vergnüglicher Abend!
Untersuhl war da natürlich auch im Besuchsprogramm!
Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas geht. Geht aber sehr gut, wenn alle tolerant und wissbegierig sind!
Nun ist die Grenze endlich weg, auch für mich eines der einprägsamsten Ereignisse!
Hoffentlich verschwindet sie nun auch in einigen Köpfen!

GKUS64


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12.01.2023 20:09
avatar  hslauch
#11
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Auch ich möchte heute Danke sagen, dass ich mich mit dem "ehemaligen Klassenfeind"
unseren Kollegen vom Bundesgrenzschutz, des Zolls, der bayerischen Grenzpolizei oder der Bundeswehr unterhalten kann,
Informationen und Geschichten von damals austauschen kann und vieles, vieles mehr....

Viele Angehörige vom GZD und BGS habe ich bei Grenzertreffen kennengelernt, kennenlernen dürfen, Ihnen meinen ehemaligen Grenzabschnitt in Ifta oder angrenzende Grenzabschnitte wie Großburschla, Treffurt, Neuenhof oder Lauchröden (meine Heimat seit 2003) an der heutigen hessisch thüringischen Landesgrenze gezeigt und einige Ereignisse und Erinnerungen geschildert...

Leider habe ich es bisher noch nicht geschafft, meine Kollegen im Norden (Lübeck, Ratzeburg etc.) zu besuchen... aber ich bin zuversichtlich, dass das in diesem Jahr gelingen wird.

Das schöne daran war und ist, dass wir uns nach wie vor mit gegenseitigem Respekt begegnen, uns auf Augenhöhe austauschen können
und Jeder von Jedem ein paar Einblicke und Erkenntnisse bekommen hat, welche die eine oder andere Situation an der ehemaligen Grenze erklärbarer oder nachvollziehbarer gemacht haben...
Und ich bin stolz darauf, mit Grenzerkollegen aus den verschiedensten Dienstzeiten der DDR-Grenzergeschichte gemeinsam mit unseren
Kollegen vom BGS und GZD auch etwas über die Grenze vor 1988 erfahren zu haben... bis zurück zu den Anfängen von 1949 / 1950....

Und ja, es ist heute schön, wenn ich durch die Straße Netra in meinem ehemaligen Grenzabschnitt Ifta von Eisenach nach Kassel fahre, am noch in Teilen stehenden und mahnenden Grenzzaun 1, Kollenweg und GAK-Hütte vorbei, wo ich von 1988 bis 1990 die vorrangige Aufgabe hatte, Menschen die Ihr Recht auf freie Wahl des Lebensortes ausüben wollten, daran zu hindern... wenn es hätte sein müssen ...mit Waffengewalt... Gott sei Dank kam es während meines Dienstes für mich persönlich an der Grenze dazu nicht ...

Es war zwar bei 3 Grenzdurchbrüchen (davon eine bewaffnete Fahnenflucht mit 2 Grenzern) nahe dran.... aber der "Kelch" ging an mir und meinen Grenzerkollegen vorbei... wie schon geschrieben Gott sei Dank.

Und wie auch @krelle bewegen mich einige Ereignisse von damals (unter anderem meine Grenzdienstschicht am 9.November 1989 Straße Netra) auch heute noch.... nicht im negativen Sinne.... aber es waren von 13:00 Uhr am 09.11.1989 bis 15:00 Uhr am 10.11.1989
ereignisreiche Stunden für mich....die ich trotz kleiner Erinnerungslücken nicht vergessen werde....

Und deshalb bin auch ich sehr froh, dass am 9.November1989 nicht geschossen wurde...

Also lasst uns in die Zukunft schauen und uns auf gemeinsame Treffen freuen ... heute ist es möglich, wenn wir wollen ...


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12.01.2023 21:24
#12
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Zitat von DoreHolm im Beitrag #3
Es hatte lange gedauert, ehe ich bei meinen Fahrten, meist dienstliche, das Passieren der ehemaligen Grenze als etwas Normales empfand. Ich dachte dabei meist zurück an die Zeit, als das nicht nur nicht möglich war, sondern auch nicht vorhersehbar, daß sich daran so bald etwas ändern könnte. Jetzt fällt Dir ein, einfach mal dort und dorthin zu fahren, dazu nicht bloß mit der Bahn, sondern mit dem PKW. Und Du mußt nicht mal die Geschwindigkeit drosseln, wenn rechts oder links Reste des Plattenweges auftauchten und niemand hat die Schranke unten und verlangt Deine Papiere. Solche Gedanken kamen mir dann meist.



Nachtrag: Als ich meinen Kollegen aus Rhld.-Pfalz zu meinen Kunden mitnahm, war er richtig etwas entrüstet, als wir an der polnischen Grenze damals unsere Papiere vorzeigen mußten. Er fuhr bis dahin immer in´s westliche Ausland, die schon offen Grenzen und war das nicht gewöhnt.
Ebenso unser Kunden aus China, bei denen ich das Vergnügen hatte, mit ihnen nach Paris zu fahren. Geplant war von unserer Firma München, aber dahin wollten sie nicht. Ungläubiges Staunen, als wir die französische Grenze passierten als wäre es eine Kreisgrenze.


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12.01.2023 21:30 (zuletzt bearbeitet: 12.01.2023 21:31)
#13
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Zitat von Klauspeter im Beitrag #9
Natürlich war auch bei mir nach der Wende das Interesse groß, einmal über diese Grenze zu fahren, die uns über viele Jahre trennte und Urlaub im anderen Teil Deutschlands zu machen. Ich war neugierig darauf, "Wessis" kennenzulernen und mich mit ihnen zu unterhalten. Ich habe viele sympathische Menschen kennengelernt. Ich denke an einen Hotelbesitzer, der noch nie in seinem Leben Urlaub gemacht hatte. Nicht , weil ihm das Geld fehlte, sondern weil es in dem Ort einige Hotels gab, und er Angst hatte, dass er Gäste verliert. Viele Menschen, denen ich begegnete interessierten sich dafür, wie wir in der DDR gelebt haben, was gut und nicht so gut war. Es ging nicht um Agitation und Propaganda, sondern um mein Leben und das Leben meiner Gesprächspartner.

Gespräche haben viel für sich. Man sieht sich in die Augen und ist freundlich und höflich zueinander. Schade, dass das hier im Forum mit einigen nicht möglich ist.



Solche Gespräche hatte ich vor allem mit meinen westdeutschen Kunden. Oft kam dann die Frage, wie die Ostdeutschen zur Wende stehen, was sie darüber denken. Dann antwortete ich immer sinngemäß so: Sie können 100 Ostdeutsche fragen und werden 100 verschiedene Antworten bekommen, je nachdem wie sie die Wende erlebt haben und welche Folgen es für sie hatte".


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13.01.2023 01:01
avatar  andyman
#14
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Zitat von krelle im Beitrag #1

Und so sage ich „einfach“ DANKE – Euch Allen.
https://mannys-schiffsfotos.de/Bilder-Ka...nze-bei-Luebeck

Wir sagen DANKE @krelle für die phantastische Zusammenstellung deiner Erlebnisse mit der Grenze die unwiederbringlich nicht wieder erzählt werden kann und von jüngeren Zeitgenossen wahrscheinlich noch nie gehört worden ist.Das ist die Würze die das Forum auch ausmacht,kein Historiker kann das bieten,nur Zeitzeugen die hier die Gelegenheit dazu bekommen und sie auch nutzen.
Lgandyman

Gruß aus Südschweden
Was nützt alles Hasten und Jagen,auch du bist nur ein Tropfen im Meer der Unendlichkeit. Confuzius

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13.01.2023 18:18 (zuletzt bearbeitet: 13.01.2023 18:19)
#15
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[quote="andyman"
Wir sagen DANKE @krelle für die phantastische Zusammenstellung deiner Erlebnisse mit der Grenze die unwiederbringlich nicht wieder erzählt werden kann und von jüngeren Zeitgenossen wahrscheinlich noch nie gehört worden ist.Das ist die Würze die das Forum auch ausmacht,kein Historiker kann das bieten,nur Zeitzeugen die hier die Gelegenheit dazu bekommen und sie auch nutzen.

Du bringst es m.E. genau auf den Punkt.
Auch wenn ich jetzt etwas vom Thema abschweife:
Über den Grenzdienst, über die NVA, die Polizei, das MfS usw. können vor allem die berichten, die dort tätig waren. Die Vielzahl der Berichte hier im Forum ist für nachfolgende Generationen von unschätzbarem Wert. Schon aus diesem Grund dürfen wir nicht zulassen, dass es hier einzelnen gelingt, dieses Forum aus den verschiedensten Motiven heraus zu zerstören. Ich bewundere Angelo, dass er hier nicht längst das Handtuch geworfen hat, sondern hartnäckig um den Bestand dieses Forums kämpft.
Heute sollten wir sachlich über alles sprechen können, was damals war. Heute trennt uns keine Grenze mehr, und wenn wir es lernen, uns ruhig zuzuhören und sachlich die Argumente auszutauschen, dann wird irgendwann mal auch die Grenze in unseren Köpfen verschwinden...


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