Warum sind die Amis Besatzer und die Russen Befreier?

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25.05.2021 07:26 (zuletzt bearbeitet: 25.05.2021 11:39)
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#1
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Ich will den anderen Pfad nicht zerreden und deshalb diesem interessanten Thema einen eigenen Platz geben.

Lieber Wildhüter,
was Du da in #34 schreibst, ist wohl nicht sehr durchdacht. Wir schulden den Russen keinen Dank? Kannst Du Dir vorstellen, dass es Menschen gibt, die den Krieg miterlebt haben und ganz im Gegenteil zu Dir, den Russen zu sehr, sehr großem Dank verpflichtet sind? Das sind Menschen, die den Faschismus und den Krieg miterlebt haben, der Krieg, den Deutschland unter der Herrschaft der Nazis angezettelt hat und in dem viele Menschen ihre Angehörigen und ihr Zuhause verloren haben. Ich bin den Russen sehr zu Dank verpflichtet, nicht auszudenken, was aus uns geworden wäre, hätten sie nicht den Faschismus besiegt und ich weiß, wovon ich rede, ich habe den Krieg selbst erlebt und musste 1945 als 15 Jähriger noch Soldat werden. Das sind die Russen, die beizeiten auf Reparationen u.ä. verzichtet haben, ganz im Gegensatz zu den Staaten, die sich bis heute an Deutschland gesundstoßen. Welche Besatzungsmacht ist abgezogen und welche schmarotzt noch heute hier und baut ein neues Feindbild im Osten auf, nur um weiter hier bleiben zu können und weiter abzusahnen.
Die bösen Russen ? Wer sind denn wirklich die Bösen, die bis heute noch von uns schamlos Reparationen verlangen? Lieber Wildhüter, denke einmal nach und werte die Taten, nicht die Worte.
Da gibt es in der UN-Charta eine „Feindsstaaten-Klausel“ Wer verhindert wohl, daß sie über 75 Jahre nach dem Krieg immer noch nicht gelöscht wird?
Ich gestehe Dir zu, daß es oft sehr schwer ist, Freund und Feind auseinander zu halten.
Der 39.

@der 39. Eigenes Erlebnisse führen oftmals dazu, die Realitäten zu verkennen.

Richtig ist, dass die Russen wie auch die Amis einen nicht unerheblichen Anteil an der Beendigung des furchtbaren Krieges haben und von einigen als Befreier empfunden wurden.
Auf die Frage der Reparationen und auf den derzeitigen Status der US Armee in Deutschland will ich nicht weiter eingehen, denn der ist doch ganz anders als in Deinem Beitrag.

Ob die vielen vergewaltigten Frauen ihre Vergewaltiger als Befreier sehen, wage ich zu bezweifeln.

Unser Ort wurde durch die Amis befreit wenn man es so bezeichnen will. Deutsche Truppen waren zu dem Zeitpunkt nicht mehr im Ort und deshalb gab es auch keine Kampfhandlungen.

Die Amis waren 14 Tage auf unserem Hof einquartiert und meine Großeltern mussten in ein Nebengebäude ziehen und durften aber ihre Tiere weiter versorgen. Die Amis haben nichts zerstört und auch nichts beschlagnahmt/gestohlen. Nach dem Abzug der Amis kamen die Russen, welche sich auch relativ gut benommen haben. Diebstähle hat es aber viele Jahre gegeben und auch bei uns wurden Schafe und Hühner gestohlen.
Wie ein Staat sich um seine Bürger kümmert kann man unter anderem daran erkennen wie er seine vom Gegner gefangen genommenen Soldaten behandelt.

Mir ist nur ein Staat bekannt, der die nach Kriegsende zurückkehrenden Kriegsgefangenen/Zwangsarbeiter erneut unter Strafe stellt und in Straflager bringt. Das haben meines Wissens nach dem II. WK nur die Russen gemacht, denn ein sich ergebender Soldat ist eben nur ein Verräter. Auch Zwangsarbeiter haben ja dem Feind geholfen.
Alle anderen Staaten haben sich um die Heimkehr ihrer Soldaten bemüht und teilweise noch Geld dafür bezahlt.

Die Weichenstellung für den Wiederaufbau in der SBZ erfolgte durch die Besatzungsmacht, die aber viele hilfsbereite Knechte unter den Deutschen fand.
Diese Knechte reden sich ja noch heute damit aus der Verantwortung, dass ja alles vom Russen angeordnet/befohlen wurde.
Dem war aber nicht immer so. Viele dieser Russenknechte haben aus vorauseilendem Gehorsam die angeordneten Maßnahmen noch um einige Zacken verschärft und sind mit ihren eigenen Landsleuten brutaler umgegangen als die Besatzer.
Dieses Verhalten kann man ja auch in den ehemaligen Kolonien beobachten, wo die eigene "Elite" brutaler zugange ist als die Kolonialmächte vor 50 Jahren.

Uli

Herr (wer auch immer) gib mir die Kraft, Dinge zu ändern, welche man ändern kann. Die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, welche man nicht ändern kann und die Weisheit, das Eine von dem Anderen zu unterscheiden.
Auf Grund meiner direkten Art, werde ich sehr oft missverstanden. Das ist schon immer so und ich kann damit umgehen.


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25.05.2021 07:37 (zuletzt bearbeitet: 25.05.2021 09:21)
avatar  Fall 80
#2
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Beruflich habe ich mehrere ehemalige russische Soldaten kennen gelernt, welche nach dem Abzug in die Heimat die Armee verlassen haben und wieder nach Deutschland gekommen sind.

Sie haben sich mittlerweile hier als Handwerker/Hausmeister selbstständig gemacht, sprechen gut deutsch und sind gut integriert.

Die haben alle einen starken Hass auf die rote Armee und wissen auch warum sie ihre Heimat verlassen haben um sich hier etwas neues aufzubauen.

Uli

Herr (wer auch immer) gib mir die Kraft, Dinge zu ändern, welche man ändern kann. Die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, welche man nicht ändern kann und die Weisheit, das Eine von dem Anderen zu unterscheiden.
Auf Grund meiner direkten Art, werde ich sehr oft missverstanden. Das ist schon immer so und ich kann damit umgehen.


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25.05.2021 09:54 (zuletzt bearbeitet: 25.05.2021 10:11)
#3
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Hallo,
ich kann beiden Äußerungen von Dir voll zustimmen.Zum zweiten, viele wurden in der DDR als Soldaten sehr schlecht behandelt, wenn nicht geschunden und schikaniert. Ich habe das selbst erlebt. Das hatte mit unseren Vorstellungen nichts, gar nichts zu tun. Ich habe es auch mehrfach damals angesprochen es wurde mir gesagt, dass wäre eine Tradition, einfach lächerlich. Ich bin dann nicht mehr mitgefahren zu den Freunden.
Gruß Frank
PS: das hat sicherlich keinen Soldaten geholfen,war aber ein Stiller Protest von mir.


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25.05.2021 16:08 (zuletzt bearbeitet: 25.05.2021 17:20)
#4
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Ereignisse, die für sich selbst sprechen - zumindest regional allgemein bekannt und von meinen Eltern erlebt:

- Die deutsche Bevölkerung ist in Massen nur vor den Russen geflohen, nicht nur aus den Ostgebieten. Selbst Einheimische sind 45 über die Elbe, zu den Amis.

- Leipzig wurde von den Amerikanern eingenommen. Die wurden als Beender des Krieges begrüßt (Befreier waren das nicht für die große Mehrheit der Bevölkerung. "Antifaschisten" in Masse gab es erst später).
Paar Wochen später zogen sich die Amis von der Elbe zurück und dabei wurde Leipzig den Russen übergeben. Die Bevölkerung hat diesen Wechsel bedauert. Die neuen Besatzer waren nicht willkommen.

Disziplin ist die Fähigkeit, dümmer zu erscheinen als der Chef. (Hanns Schwarz)


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25.05.2021 16:22
#5
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Verkehrte Welt?
Viele Deutsche konnten sich nach 1945 vorstellen, wie die amerikanischen Besatzer zu leben, Lebensart, Wohlstand, Selbstbestimmung, ...
Nur wenige Deutsche konnten sich nach 1945 vorstellen, wie die sowjetischen Befreier zu leben, Lebensart, Wohlstand, Selbstbestimmung, ...

Gruss Wolfgang


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25.05.2021 18:32
#6
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Zwischenfrage: Sahen sich die "Russen" eigentlich als Befreier oder die anderen die Alliierten?

Mein Erzgebirge,
hoch über dunklen Schächten lauscht deiner Halden wilde Einsamkeit.
Still raunen sie von guten Himmelsmächten,
von Berggeschrei aus längst vergangener Zeit.
(Edwin Bauersachs)


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25.05.2021 18:50
avatar  R-363
#7
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Zitat von buschgespenst im Beitrag #6
Sahen sich die "Russen" eigentlich als Befreier

Nö, als Sieger. Und so benahmen sie sich auch. Waffenbrüderschaft? Pfff ... Hätten unsere „politischen“ gerne gehabt, die Realität in der Truppe sah anders aus, zumindest wie ich das erlebt habe.

Soldat vom 01.11.1971 bis 30.06.2006 StOFä (NVA) a.D.; StFw a.D.

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25.05.2021 19:01 (zuletzt bearbeitet: 25.05.2021 19:02)
#8
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Zunächst galt überall "Wehe den Besiegten".

Dann wurde zuerst im Osten an der Legende der Befreiung gestrikt und an der Legende eines Landes der Antifaschisten. Das war auch notwenig für die "Freundschaft zur Sowjetunion". Damit sollte eine emotionale Bindung erzeugt werden, die bis heute nachwirkt.

Im Westen scheint mir erst neuerdings von einer Befreiung die Rede zu sein.
Die Amis haben dort nicht überzeugen müssen. Dort gab es den Marshallplan, d.h. eine andere Methode der emotionalen Bindung.

Disziplin ist die Fähigkeit, dümmer zu erscheinen als der Chef. (Hanns Schwarz)


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25.05.2021 19:20
#9
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Man könnte also sagen, dass sich die Alliierten selber nicht als Befreier sahen! Der Krieg endete mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Vom Regime braucht niemand "Befreit" zu werden. Siehe das Ende der Regierung Dönitz. Wie wir wissen existierte diese Regierung vom 2. Mai bis zum 23. Mai 1945. In diese Zeit fällt die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht. Ihre Mitglieder wurden durch alliierte Soldaten am 23. Mai 1945 verhaftet. Die vier Hauptsiegermächte übernahmen zwei Wochen später mit der Berliner Erklärung auch formal die oberste Regierungsgewalt in Deutschland. Ergo der Krieg war eher beendet, als das Regime am Ende war, den es gab ja noch die Regierung Dönitz!
Überhaupt, kann man von einer politische Ideologie befreit werden?

Mein Erzgebirge,
hoch über dunklen Schächten lauscht deiner Halden wilde Einsamkeit.
Still raunen sie von guten Himmelsmächten,
von Berggeschrei aus längst vergangener Zeit.
(Edwin Bauersachs)


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25.05.2021 20:48
avatar  Fall 80
#10
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Mein Großvater war im I.WK in Russland, mein Onkel und mein Vater im II. WK

Die ahnten dann was in der SBZ so alles kommen könnte und hatten keine Sehnsucht danach.

Befreit heben die sich nicht gefühlt auch wenn sie dem Hitlerregime nicht nachgetrauert haben.

Es war ja in vieler Hinsicht nur ein Tausch des Despoten.

Die Reglementierungen waren ja nach dem Krieg schlimmer als im Krieg. Dazu kam die Hilflosigkeit gegen die Willkür einzelner Besatzungssoldaten und gegen die Schikanen der Behörden.

Uli

Herr (wer auch immer) gib mir die Kraft, Dinge zu ändern, welche man ändern kann. Die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, welche man nicht ändern kann und die Weisheit, das Eine von dem Anderen zu unterscheiden.
Auf Grund meiner direkten Art, werde ich sehr oft missverstanden. Das ist schon immer so und ich kann damit umgehen.


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25.05.2021 21:32
#11
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Zitat von Fall 80 im Beitrag #10
Befreit heben die sich nicht gefühlt auch wenn sie dem Hitlerregime nicht nachgetrauert haben.

Warun sollten die Russen uns befreit haben sollen? Die haben den Feind zurückgedrängt und sich für all die Scheiße die die Deutschen den Sowjets angetan haben revanchiert.
Völlig legitim und hätte auch noch viel schlimmer kommen können, wenn man die Zahl der Toten sowjetischer Herkunft mit anderen eroberten Ländern vergleicht.

Démerde-toi !


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25.05.2021 23:35
#12
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Zitat von Freienhagener im Beitrag #8
Zunächst galt überall "Wehe den Besiegten".

Dann wurde zuerst im Osten an der Legende der Befreiung gestrikt und an der Legende eines Landes der Antifaschisten. Das war auch notwenig für die "Freundschaft zur Sowjetunion". Damit sollte eine emotionale Bindung erzeugt werden, die bis heute nachwirkt.

Im Westen scheint mir erst neuerdings von einer Befreiung die Rede zu sein.
Die Amis haben dort nicht überzeugen müssen. Dort gab es den Marshallplan, d.h. eine andere Methode der emotionalen Bindung.


@Freienhagener,

ich glaube du hast es ganz gut getroffen. Die UDSSR hatte selbst nichts, ausser Emotionen hatten sie nicht viel mehr zu bieten.
Warum die emotionale Bindung bei einigen bis heute nachwirkt, ist mir auch ein Rätzel.

Die USA stellten den Marshallplan auf und so ganz ohne Eigennutz war es nun auch nicht. Die Wirtschaft in Westeuropa kam nicht richtig in Schwung und der Marshallplan war eine Anschubfinanzierung. Die UDSSR, DDR und alle anderen Staaten im Osten, hätten daran teilnehmen können, doch sie wollten nicht.

Wie gut die Gelder aus dem Marshallplan in den einzelnen Staaten eingesetzt wurden und zum wirtschaftlichen Aufschwung verhalfen, war sehr unterschiedlich. In Bonn hat man das Geschäft besonders gut verstanden, nach kurzer Zeit hatten wir sie alle hinter uns gelassen. Die Wirtschaft lief auf Hochtouren und Exporte selbst in die USA gab es auch wieder.
Ich erinnere mich an eine Aussage meiner Mutter:" In London hatten sie noch Lebensmittelkarten, da wußten wir schon gar nicht mehr wie sie aussahen."
Der Marshallplan war übrigens kein Geschenk, sondern ein Kredit. Bonn hatte 1966 bis auf 400 Millionen US-Dollar alles bezahlt. Die 400 Millionen Dollar hat man uns geschenkt.

Befreier oder Besatzer? Im Osten mag man von Befreiern sprechen, im Westen waren es die, die den Krieg beendet haben und sehr schnell die neuen Partner.

Fähnrich


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26.05.2021 00:11
avatar  Ebro
#13
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Zitat von Fähnrich im Beitrag #12
Warum die emotionale Bindung bei einigen bis heute nachwirkt, ist mir auch ein Rätzel.


Ich kann ja nur für mich sprechen, aber ich empfinde es eben noch so. Mein Großvater ist als Kommunist in Dachau erschossen worden. Dadurch entsteht auch eine gewisse Bindung und Verhältnis und Verständnis. Und ich habe in meiner Tätigkeit im vorherigen Leben viel mit Menschen und Soldaten aus der SU zu tun gehabt.
Ich weiß, für viele ein RätSel!!!

Selbst Akademiker mit Diplom sind nur marginal intelligent

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26.05.2021 07:05
avatar  Fall 80
#14
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Keiner der Siegermächte hat nach dem Krieg selbstlos geholfen, da standen knallharte Interessen dahinter.

Es ging um Einflusssphären und um wirtschaftliche Interessen. Kredite schaffen Abhängigkeiten auch wenn sie in dem Fall der Marshallplanhilfe beiden Partnern genützt haben.

Die Amis wollten ihren Standort in Europa dauerhaft behalten und haben auch von der Entwicklung der deutschen Wirtschaft profitiert.

In der SBZ war es auch den Russen klar, dass man neben dem politischen Vasallen auch vom Aufbau der Wirtschaft profitieren konnte. Eine Kuh über viele Jahre zu melken, ist ertragreicher als sie einmalig zu schlachten. Fleisch kann sie noch liefern, wenn sie keine Milch mehr gibt.

Viele Angehörige der roten Armee haben immer wieder gestaunt warum der Lebensstandard des besiegten Feindes innerhalb weniger Jahre wieder wesentlich höher war als in ihrer Heimat.

Der Motor jeder wirtschaftlichen Entwicklung ist eben die Beteiligung des Werktätigen am wirtschaftlichen Erfolg.

"Dem Ochsen der drischt, dem soll man das Futter nicht vorenthalten." Wie immer haben viele alte Sprüche einen wahren Kern.

Uli

Herr (wer auch immer) gib mir die Kraft, Dinge zu ändern, welche man ändern kann. Die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, welche man nicht ändern kann und die Weisheit, das Eine von dem Anderen zu unterscheiden.
Auf Grund meiner direkten Art, werde ich sehr oft missverstanden. Das ist schon immer so und ich kann damit umgehen.


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26.05.2021 07:24 (zuletzt bearbeitet: 26.05.2021 07:24)
avatar  Hanum83
#15
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Schwieriges Thema, ich weiß nur eines sicher, mich persönlich hat die Sowjetunion auf jeden Fall 89 von was befreit duch bloses Nichtstun.

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Wer nichts weiß muss alles glauben.

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