Grenzführer

14.03.2021 18:11
avatar  der 39.
#1
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In den ersten Jahren nach dem Krieg wechselten sehr viele Menschen die Grenzen zwischen Ost und West in Deutschland. Der Krieg hatte durch Fluchten und Zwangsevakuierungen Millionen Menschen „durcheinandergewürfelt“. Nachdem die Waffen ruhten, versuchte ein gewaltiger Menschenstrom in seine angestammte Heimat zu kommen oder eine neue Heimat zu finden. Eine Demarkationslinie oder später Grenze mitten durch Deutschland musste zwangsläufig zu einem Brennpunkt werden, der in den ersten Jahren noch wenig den Charakter von Fluchten hatte, sondern eher von Heimkehr und Rückkehr. In dieser Zeit lag der kriminelle Charakter wohl in erster Linie bei den großen Firmenverlagerungen von Ost nach West. Ganze Industrezweige wanderten von Ost nach West, es gab in der dann gegründeten DDR einige Schauprozesse Glauchau/Meerane“ was mir geradeso einfällt. Doch nach 1950 ebbte dieser Strom von Grenzübertritten allmählich ab.
In Beendorf nahmen wir in Spitzenzeiten bis zu 200 Grenzverletzer täglich fest und zweimal täglich wurden die Festgenommenen unter Bewachung von Beendorf im Fußmarsch zur Grenzkripo in Marienborn überstellt. Eine hohe Belastung auch für die Kameraden, denn es musste mit der strukturellen Stärke bewältigt werden. Ein kleines Trostpflaster war die Bereitstellung von Nahrungsmitteln und Zigaretten aus der Aservatenkammer in Marienborn, die von Zeit zu Zeit mal jemand übergab. Selbst der Chef der Grenzpolizei für den gesamten Westbereich Inspektor Höfer ( Sitz im Gut Gimritz bei Halle) brachte solche „Liebesgaben“ persönlich nach Beendorf.
Die Grenzverletzer wurden oft von sog „Grenzführern“ aus Haldensleben und anderen Hinterlandbahnhöfen abgeholt und über die Grenze gebracht. Auf die Grenzührer machten wir regelrecht Jagd. Einige konnten auch festgenommen werden und wurden dann in einem großen Schauprozess in Beendorf im Saal des Gasthofes „ Waldkater“ vorgeführt und verurteilt. Die Beendorfer sollten so davon abgehalten werden, selbst auch als Grenzführer aktiv zu werden.
Die Anwohner der Helmstedter Str., deren Gärten in Richtung Grenze führten, wurden angehalten, den Gartenzaun entsprechend zu sichern. Mir ist noch ein Fall in Erinnerung, wo die beiden Polizisten plötzlich hinter einem Baum hervortraten und laut riefen: Halt stehenbleiben, Deutsche Grenzpolizei“ Unter den etwa 20 Personen war ein älterer Herr, der sich ans Herz fasste und tot umfiel. Totale Aufregung, ein Arzt wurde geholt, der den Tod feststellte, der Leichnam wurde in die Totenhalle der Gemeinde gebracht. Da er über keinerlei Papiere verfügte und auch die anderen Grenzverletzer ihn nicht kannten, wurde er in Beendorf bestattet. Die Bestattungskosten auferlegte der Bürgermeister dem Haus-bzw. Gartenbesitzer, durch dessen Garten die Grenzverletzer gekommen waren, weil der Zaun nicht ausreichend gesichert war.


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14.03.2021 19:03
avatar  GKUS64
#2
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Hallo @der 39. ,

lang, lang ist es her! Weißt du noch, welches Strafmaß die festgenommenen Flüchtlinge zu dieser Zeit zu erwarten hatten?

Noch schönen Abend

GKUS64


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14.03.2021 19:40
avatar  der 39.
#3
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Guten Abend GKUS64.
Wenn nichts besonderes vorlag, gab es für die Grenzverletzer nur Geldstrafen, Bechlagnahmungen von mitgeführten Sachen und eine Benachrichtigung an die heimatliche Polizeibehörde. Allerdings gab es auch solche Fälle, wie bei dem toten Grenzverletzer, das bedeutete ann U-Haft.
Es ist richtig, es ist schon sehr lange her, gehört aber auch zum Forum. Militärische Sicherung, davon haben wir damals nicht mal geträumt. Auch die Mentalität der Grenzpolizisten war anders, da alles Freiwillige an der Grenze waren. Nicht das ich es gutheiße, aber ich habe eben auch erlebt, daß es Polizisten gab, die auf die "Rosinenbomber" geschossen haben, wenn sie die Luftbrücke genervt hat, obwohl sie da nichts ausrichten konnten. Munition gab es in Farbe schwarz ja reichlich, man brachte sie von zu Hause mit, unsere Postenbewaffnung waren damals der K98.
Ich schreibe diese Geschichten hier ja nur, damit die erste Zeit nicht in Vergessenheit gerät.


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14.03.2021 19:58
#4
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Guten Abend @Der 39.
Ich persönlich finde, daß es ein sehr Interesantes Thema ist.
Wir jüngeren Wissen aus dieser Zeit sehr wenig. Auch mein Vater hat zu seinen Lebzeiten. wenig
über seine Anfänge bei der DGP erzählt.
Aus diesem Grund, sind diese " Geschichten" in meinen Augen für unser Forum wichtig.
bdidi30b


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14.03.2021 21:24
avatar  Fall 80
#5
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In der Zeit wo die Grenzpolizei noch aus Freiwilligen bestand, haben sich doch noch mehr selbst entlassen und eine neue Heimat gesucht. War prozentual bestimmt mehr als FF bei der GT.

Uli

Herr (wer auch immer) gib mir die Kraft, Dinge zu ändern, welche man ändern kann. Die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, welche man nicht ändern kann und die Weisheit, das Eine von dem Anderen zu unterscheiden.
Auf Grund meiner direkten Art, werde ich sehr oft missverstanden. Das ist schon immer so und ich kann damit umgehen.


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14.03.2021 22:12
avatar  der 39.
#6
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Hallo Fall80, ich glaube, dass Du das falsch siehst. Ich habe in den ersten 8 Jahren an der Grenze überhaupt keine Flucht eines Polizisten erlebt. Selbstmorde schon und Unfälle mit tödlichem Ausgang auch, aber Fluchten ? Aber vielleicht findet jemand in den Veröffentlichungen ein paar Zahlen darüber, würde mich auch sehr interessieren.


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