Absichtlicher Grenzübertritt von zwei US-Soldaten von Bayern in die DDR bei Birx in der Nähe des innerdeutschen Dreiländerecks

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06.12.2020 08:31
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#1
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Einleitung:
Die Begebenheit, die ich Euch heute schildern möchte, hat sich im Frühjahr 1974 in Birx im Gebiet der 10. Grenzkompanie Frankenheim im GR 3 Dermbach zugetragen.
Sie ist auch sozusagen amtlich dokumentiert, z. B. auf Seite 76 im Buch „Grenzerfahrungen Bezirk Suhl-Bayern/Hessen 1972 bis 1988“ von Gerhard Schätzlein und Reinhold Albert. Auch Thunderhorse aus unserem Forum müsste über den „Grenzdurchbruch der besonderen Art“ umfassend informiert sein.
Im Buch von G. Schätzlein und R. Albert ist die Story nur sehr verkürzt dargestellt und zeigt nicht die Dramatik, die sich unmittelbar in Birx („das Dorf am Himmel“ sogenannt wegen seiner Höhenlagen auf ca.760 m über NN und der traumhaft schönen Fernsicht auf die Wasserkuppe in Hessen und den Heidelstein in Bayern) sowie in der Kompanie in Frankenheim nach dem Grenzübertritt der US-Soldaten innerhalb von ca. 2 Stunden abgespielt hatte.

Jetzt zur eigentlichen wahren Geschichte:
Es war am 13. März 1974 im Postengebiet Birx der 10. GK Frankenheim. In der Tagschicht hatte das Postenpaar für die Sicherung von Birx den Postenpunkt Dungberg (Baumgruppe am Steinhaufen) oberhalb der winzigen Gemeinde Birx (ca. 150 Einwohner) befehlsgemäß eingenommen. Birx ist ungefähr etwa 250 m von der Grenze zu Hessen und ca. 1000 m von der Grenze zu Bayern entfernt. Die ganze DDR war im südwestlichsten letzten Zipfel der ehemaligen Republik nicht viel mehr als ca. 1,3 Kilometer breit (vgl. Kartenmaterial und topografische Karten). Eine weitere Besonderheit von Birx und Frankenheim zu der Zeit war der zum Teil desolate Zustand des Grenzzaunes im Gebiet (auch topografisch bedingt) und das teilweise Fehlen einer intakten Minensperre. Der Postenpunkt am Dungberg war ca. 50 m entfernt vom Grenzzaun (aus altem Stacheldraht, ohne erkennbare Minensperre) zu Hessen. Das Wetter im langsam ausgehenden Winter war gut (klare Sicht, kein Schnee und kein Nebel, wie oftmals auf ca. 800 m über NN).
Der Postenführer sah gegen 12:20 Uhr mit dem Fernglas in Richtung Dreiländereck (dort steht noch ein alter Grenzstein aus dem Jahr 1815), der Grenze zwischen dem Freistaat Bayern, der DDR und Hessen. Plötzlich sah er am Waldrand, links vom Dreiländereck am Querenberg, wie zwei US-Soldaten die Grenze von Bayern zur DDR zu Fuß überschritten. Die beiden US-Soldaten liefen talabwärts in Richtung Birxgrund/ehemalige Birxer Mühle (Grenze zu Hessen). Das Postenpaar meldete den „Grenzdurchbruch West nach Ost“ der Führungsstelle und dem Kompaniechef in der Kompanie und erhielt den Befehl zur sofortigen Festnahme der beiden US-Soldaten.
Das Postenpaar näherte sich vom Dungberg kommend (ca. 775 m über NN) so schnell wie möglich dem Birxgrund (ca. 500 m über NN) und der Posten gab einen Warnschuß aus der AK 47 ab, weil sie im Waldgebiet unterhalb des Dreiländereck die US-Soldaten aus dem Blick verloren hatten. Als das Postenpaar am Birxgrund ankam, wurden die beiden US-Soldaten gestellt und festgenommen. Sie ließen sich ohne Widerstand festnehmen und wurden im Birxgrund festgehalten, bis die Alarmgruppe eintraf.
Etwa 5 bis 6 Minuten nach der Festnahme rückte die Alarmgruppe mit 6 Soldaten unter Leitung meines ehemaligen Zugführers mit zwei LO Klein-LKW an. Er machte Meldung an die Kompanieführung über die erfolgte Festnahme im Birxgrund.
In der Zwischenzeit glühten in der Kompanie die Telefonleitungen in Richtung Regimentsführung Dermbach /Abteilung 2000 (MfS), Grenzkommando Süd Erfurt und Regiment der GSSD in Meiningen.
Die festgenommen US-Soldaten wurden noch im Birxgrund nach Waffen durchsucht und waren entgegen den Berichten im Buch von Schätzlein und Albert unbewaffnet. Sie führten als „einzige Waffe“ einen Schraubenzieher mit sich.
Die Minuten nach der Festnahme gestalteten sich schnell dramatisch, denn ca. 5 bis 8 Minuten nach der Festnahme flogen bereits 3 Hubschrauber (zwei UH 1 Dora der US Army und eine Alloutte des BGS ? ) über dem Dungberg auf hessischer Seite und suchten die bereits vermissten Soldaten.
Etwa 10 bis 12 Minuten nach der Festnahme erschienen drei US-Kampfpanzer an der Straßenzufahrt Birxbachgrund und fuhren mit hoher Geschwindigkeit auf der Hochrhönstraße hoch zum Dreiländereck auf bayrischer Seite auf fast 800 m über NN.
Die Panzer positionierten sich links von der Waldkante am Dreiländereck, dort ist die DDR maximal 800 m breit und nahmen die A-Gruppe ins Visier ihrer Kanonen aus einer Entfernung von ca. 250 bis 300 m Luftlinie. Den Soldaten der A-Gruppe ging bei dem Anblick der feuerbereiten US-Panzer ordentlich die Muffe.
Die festgenommenen US-Soldaten wurden unter Bewachung schnellstmöglich mit dem LO aus der Schusslinie der Panzer gebracht und in die Kompanie nach Frankenheim transportiert.
Ungefähr 20 Minuten nach der Festnahme war die Abteilung 2000, vertreten durch zwei Offiziere (MfS) aus Kaltennordheim, bereits auf der Kompanie und nahmen die „Grenzdurchbrecher GIs“ mit in Empfang.
Die beiden Soldaten wurden während ihrer Wartezeit auf der Kompanie im Zimmer des stv. Kompaniechefs festgehalten und dort allein von den MfS Offizieren bewacht und befragt. Bis zum Eintreffen der GSSD Kräfte aus Meiningen verging eine gute Stunde in der Kompanie.
Die festgesetzten US-Soldaten hatten ordentlichen Hunger nach dem Stress der Festnahme. Sie wurden mit 3 Schnitzeln mit Kartoffelsalat und Tee oder Kaffee in der Kompanie gut beköstigt.
In der Zwischenzeit wurde auf der Kompanie die Gefechtsbereitschaft durch den Bat.-Kommandeur in Kaltennordheim ausgelöst und der gesamte verbliebene Personalbestand (zweieinhalb Züge, die A-Gruppe war bereits in Birx) auf der Kompanie „lief im Dreieck“ und machte sich „mit Sack und Pack“ gefechtsbereit. Der „Sackstand“ (Stress) für alle beteiligten Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere muss sehr groß gewesen sein.
Alle einsatzbereiten Soldaten saßen in voller Gefechtsmontur (incl. Teil I, Gasmaske und anderem Militär-Klimbim) auf ihren Zimmern. Die unterladenen Waffen hingen griffbereit an den Doppelstockbetten.
Der Stress war riesengroß, weil niemand genau wusste, wie es weitergehen würde. In der Zwischenzeit kam auch eine UH 1 Dora Hubschrauber der US-Army in 100 m Höhe an der „Alten Rechten“ (Name des Grenzabschnittes) an und ratterte in der Luft in ca. 250 m Luftlinie entfernt von der Kompanie direkt über der Grenze zu Hessen, um die Vorgänge auf der Kompanie zu beobachten.
Nach etwas mehr als einer Stunde auf der Kompanie, waren die zuständigen Offiziere der GSSD (KGB ?) auf der Kompanie eingetroffen. Alle Soldaten mussten in voller Gefechtsmontur auf den Zimmern verbleiben, keiner durfte den Flur betreten. Die Sowjetoffiziere übernahmen die US-Soldaten und fuhren mit zwei Fahrzeugen davon. Wahrscheinlich wurden die US-Soldaten ins GSSD Regiment nach Meiningen verbracht und von dort aus nach Berlin zur Befragung.

Was passierte in dieser Zeit in Birx am Birxgrund ?
Eine Konfrontation wegen der vermissten US-Soldaten war nicht auszuschließen. Die Luft musste dort an der Grenze in diesen Minuten wohl förmlich gebrannt haben.
Glücklicherweise kam es nicht zu einer militärischen Eskalation an der Grenze im Birxgrund, weil US-Army und BGS erkannt haben durften, dass die beiden US-Soldaten von den Angehörigen der GT bereits festgenommen und abtransportiert worden waren.
Das Postenpaar aus Birx erhielt für seinen vorbildlichen Grenzdienst und die einwandfreie Festnahme der US-Soldaten Sonderurlaub und eine Ehrenmedaille.

Die Geschichte ging nach Festnahme und Abtransport der US-Soldaten nach Meiningen aber noch weiter.
Zwei Tage nach der Festnahme der US-Soldaten waren angeblich die gleichen Soldaten mit zwei Jeeps an der Straße am Grabenberg auf bayrischer Seite zwischen Birx und Frankenheim vorgefahren und haben dort gut gelaunt den dorthin befohlenen Grenzaufklärern aus ca. 20 m Entfernung gewunken. Eine computergestützte Gesichtserkennung oder hochauflösende Kameras mit sehr starkem Teleobjektiv, wie es sie heute gibt, gab es damals bei den Grenzaufklärern noch nicht.

Zusammengefasst:
Eine spannungs- und aktionsreiche Grenzgeschichte aus der Hohen Rhön, die glimpflich für alle Beteiligten, Ost wie West, ausgegangen ist und die sich wirklich so zugetragen hat.
Es ist anzunehmen, dass die US-Soldaten einen „ befohlenen Test“ der Grenztruppen der DDR ausgeführt haben, denn so schnell, wie die Hubschrauber und die Kampfpanzer der US-Army an der Grenze erschienen, war das nicht normal. Die Entfernung zum großen Truppenübungsplatz der Bundeswehr und der US - Army in Wildflecken bis zur Grenze im Birxgrund beträgt mindestens 15 Straßenkilometer. Diese Entfernung ist mit Kampfpanzern auf einer normalen Straße nicht in ca. 10 Minuten zu bewältigen.
Zumindest die Panzer müssen in Erwartung der Geschehnisse irgendwo in der Nähe der ehemaligen Grenze bereitgestanden haben.
Augen-und Zeitzeuge der Ereignisse ist mein ehemaliger Zugführer Stabsfeldwebel a.D. R. A. (damals 1974 Feldwebel), der mir die ereignisreiche Grenzgeschichte wahrheitsgemäß aus seiner Erinnerung geschildert hat.
Eine weitere spannende Grenzgeschichte der „besonderen Art“ aus Frankenheim und Birx wird Euch in den nächsten Tagen ein neuer User im Forum erzählen. Ich konnte den ehemaligen Unterfeldwebel und Freund, der mit mir zeitgleich sein letztes Diensthalbjahr 1976 auf der Kompanie in Frankenheim diente, ermuntern, sich im Forum anzumelden und Euch seine persönliche „Besondere Grenzgeschichte“ zu erzählen.

Mehr wird jetzt nicht verraten.

Es grüßt Euch herzlich von der Schwäbischen Alb und wünscht einen schönen zweiten Advent
Euer birx20.


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06.12.2020 08:56
#2
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Hallo birx
Klasse Beitrag , hervorragend geschrieben auch für "nicht grenzer" klar und verständlich.
Das sind die Beiträge und Geschichten die ich sehr gerne lese. Freue mich schon auf die nächste.
Matzelmonier79-2


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06.12.2020 09:19
#3
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Interessantes Zeitgeschehen gut wieder gegeben.


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06.12.2020 10:00 (zuletzt bearbeitet: 06.12.2020 10:01)
#4
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Wenn das ein beabsichtigter Test gewesen war, muß den US-Kräften auch in etwa klar gewesen sein, daß den beiden GIs nichts Bösen widerfahren würde, wenn sie keinen Widerstand leisten. Sie werden diesen Ausflug als spannende Begebenheit in Erinnerung behalten und später ihren Daheimgebliebenen voll Stolz davon erzählen.


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06.12.2020 10:16
#5
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Danke @birx20 , interessante Geschichte und mal eine ziemlich heftige Grenzprovokation, diese gab es immer mal wieder. Ich selbst erlebte mal eine
in welcher eine Alouette 2 und eine Mi2(??) sich nichts schenkten. Das war 1987 Juli oder August im 4. Abschnitt(Stapelburg) der GR20.

gruß h.


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06.12.2020 10:25
#6
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Hallo birx20, interessanter Beitrag, offensichtlich wollten die US-Soldaten sich bei den Grenzern wohlbehalten zurück melden.


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06.12.2020 10:41
#7
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Über diese Sache wurde in meiner Zeit in Erbenhausen (1979) nicht geredet, Klar von offizieller Seite verschwiegen und die Soldaten die es erlebt haben waren längst zu hause.


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06.12.2020 10:58
#8
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Im Prinzip war es doch, mit vielen Sachen so. Es war ein gegenseitiges Abgetaste, so nach dem Chema--wie weit kann man gehen, wie reagiert die andere Seite. Man kann es auch so sehen, es war der kalte Krieg.


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06.12.2020 11:16 (zuletzt bearbeitet: 06.12.2020 11:22)
#9
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Die beiden US-Soldaten waren Angehörige einer ganz normalen Grenzstreife der US-Army. Zu jener Zeit 11th ACR. Hier zuständig ab dem Dreiländereck gen Norden. die 1th Squadron aus Fulda.

Bewaffnet mit einem Schraubenzieher/-dreher.
Frage:
Was kann man damit machen?
Übertritt erfolgte ungefähr hier:
GE; 50°31'8.41"N 10° 2'32.47"E
Standort einer GS.

Die Zeitangaben bezüglich dem Einsatz der weiteren Kräfte auf westlicher Seite sind wohl eher relativ.
Zu jener Zeit gab es noch eine feste B-Stelle der US-Army bei Habels.
Schon damals konnte man mit Zieloptik der Bordbewaffnung sehr gut beobachten.

P.S.: Da brannte allenfalls die die Luft auf der ostwärtigen Seite.

"Mobility, Vigilance, Justice"

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06.12.2020 11:30
avatar  birx20
#10
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Danke Thunderhorse für deine sehr genauen Angaben zum Übertritt der beiden GIs über die Grenze.
Natürlich hat wegen des nicht alltäglichen Vorfalls in der Kompanie in Frankenheim die "Luft gebrannt".
Auf Seiten der US-Army und des BGS war aber auch Stress angesagt, wozu sonst der schnelle Aufmarsch mit Hubschraubern und Panzern?
Die Grenztruppen verfügten damals nicht über solche hervorragende Technik wie die US-Army und der BGS (Nachtsichtgeräte und Optoelektronik).
Außerdem: Wenn es wirklich ein geplanter Grenzübertritt war, wie wir vermuten, musste die Luft im Westen ja auch nicht brennen. Für die nichtsahnende Ostseite wirkte das Ganze potentiell gefährlich.


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06.12.2020 11:32 (zuletzt bearbeitet: 06.12.2020 11:54)
#11
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Zitat von birx20 im Beitrag #10

Außerdem: Wenn es wirklich ein geplanter Grenzübertritt war, wie wir vermuten, musste die Luft im Westen ja auch nicht brennen. Für die nichtsahnende Ostseite wirkte das Ganze potentiell gefährlich.


Zum Übertritt (Grund) habe ich eine Frage und einen Hinweis in meinem Beitrag (Nr. 9) gegeben.

"Mobility, Vigilance, Justice"

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06.12.2020 11:43 (zuletzt bearbeitet: 06.12.2020 12:03)
avatar  Hanum83
#12
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Wir kampf-Zwerge dachten damals wirklich das wir in unserem besetzten Land irgendeine Geige spielen könnten.
Huhu, wir haben zwei außerirdische vom Alpha zentauri gefangen.
Lohnt sich der ganze spinnige Aufwand also irgendwie doch.
Wie der große Sieg damals über den Imperialismus wo man die BGSler geschnappt hat die immer über die 3 Meter DDR gelatscht sind, oder waren es 8 Meter?
Lustig war zur Polit-Schulung damals was die alles an Mord-Waffen dabei hatten, sogar FM-Gewehre, unglaublich.

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Wer nichts weiß muss alles glauben.

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06.12.2020 11:47
avatar  Mike59
#13
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Da hab ich auch noch was


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06.12.2020 11:53
#14
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"Mobility, Vigilance, Justice"

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06.12.2020 11:55
avatar  birx20
#15
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Es ist schon erstaunlich Mike 59 was du als vermutlicher Offizier der GT (V2000) ? von damals noch alles in deinem Besitz hast :-).


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