Vollendeter ungesetzlicher Grenzübertritt 27.12.1982

  • Seite 1 von 12
01.12.2020 09:08
avatar  Condor
#1
avatar

Anfang April hatte ich hier ein Thema erstellt unter "Grenzübertritt 27. Dezember 1982". Zur Erinnerung stelle ich den Text weiter unten nochmal rein. Viele hatten mir damals nicht geglaubt, dass ich solch einen Grenzdurchbruch wie von mir beschrieben bewerkstelligen konnte. Ich wurde als Märchenerzähler abgestempelt und ein ums andere Mal, na ja, nicht gerade zivilisiert angegangen.

Damals versprach ich, dass sich meine wenigen Erinnerungslücken zu gegebener Zeit, also sobald ich die Kopien meiner Stasiakte von der BStU bekomme, schliessen werden. Nun sind die mehr als 700 Seiten gestern bei mir angekommen. Und wie versprochen, liefere ich nun.

Dass das aber nicht alles auf einmal geht, dafür bekomme ich bestimmt Verständnis. Daher lade ich erst einmal einige "Beweise" f. meine Flucht hoch und komme zu einem späteren Zeitpunkt mit weiteren interessanten Dokumenten.

------------------------------------
---------------------------------------


"Hallo liebe Forum-Mitglieder,

zuallererst vielen Dank für die Aufnahme! Ich hoffe, dass in dieser schwierigen Zeit alle wohlauf sind.

Ich bin Jahrgang 1963 und komme aus Magdeburg. Lebe aber schon seit mehr als 3 Jahrzehnten im Ausland und halte dennoch regelmäßigen Kontakt mit der Heimat. Mein Motto, wie bestimmt auch jenes der Meisten hier: Es war nicht alles schlecht in der DDR.

Welche Beziehung habe oder hatte ich zur Grenze? Am 27. Dezember 1982 war sie für ein paar Minuten sehr sehr eng. So etwas, wie eine Schicksalsbeziehung.

Es war ein ziemlich kalter Tag kurz nach Weihnachten. Mit einer Karte in der Tasche machte ich mich per Bahn in Richtung Grenze auf. Ich hatte mich entschieden, als 19jähriger, nicht mehr in der DDR leben zu wollen. Natürlich hatte ich meine persönlichen Gründe.

So. Vorneweg muss zugeben, dass ich mich an viele Details nicht mehr erinnern kann. Vor allem was die Ortschaft an der Grenze anbelangt.
Ich glaube mich dran zu erinnern, daß ich bis Oschersleben gefahren bin und dort in einem anderen Zug umgestiegen bin. Es waren von da an wohl nur noch 2 oder 3 Stationen.

Dann war Endstation. So in der Frühe. Vielleicht 10.00, vielleicht 11.00 Uhr. An den Namen des Ortes kann ich mich, wie gesagt, überhaupt nicht erinnern. Selbst wenn mir heute jemand mit Sicherheit den Ortsnamen sagen könnte, ich würde es trotzdem nicht bestätigen können.

Ganz allein, ohne je kontrolliert worden zu sein (!), ging ich zu Fuss in Richtung Grenze. Von weitem konnte ich eine schmale Strasse erkennen, die zu einem Grenzposten führte. Rechtzeitig biegte ich links ab und ging weiter bis ich an eine Scheune gelangte. Dort fand ich ein unverschlossenes Fenster vor, kletterte rein und war heil froh mich zunächst in Sicherheit zu wähnen.

So harrte ich einige Stunden aus bis es dunkel wurde. In meiner GST-Jacke hatte ich eine Kneifzange und einen Schraubenzieher dabei. :))) Echt zum Totlachen! Etwa ein - zwei Stunden nach Eintritt der Dunkelheit machte ich mich auf... in Richtung Scheinwerferlicht. Ein- oder zweimal musste ich mich in den Graben werfen, denn da näherte sich ein offener PKW der Grenztruppen. Ich glaube mir die Abstände der Patroullien gemerkt zu haben, so dass ich nun wusste wie viel Zeit ich habe, um abzuhauen.

Zuerst türmte sich ein riesiger Metallzaun vor mir auf. Keine Ahnung: vielleicht dreieinhalb oder vier Meter hoch. Da ich weiter nichts bei mir hatte, warf ich in meiner jugendlichen Naivität den Schraubenzieher gegen den Zaun, um zu sehen ob da Funken springen. Was anderes gab es ja auch nicht. Sollte ich etwa Erde oder Grass dagegen schmeissen?

Als nichts geschah, ging ich ganz dicht ran und berührte ihn kurz mit meinem Finger. Zum Glück kein Strom! Also kletterte ich ihn hinauf und liess mich auf der anderen Seite hinunter.

Als nächstes Acker. Und viel Licht. Ich blieb für einige Momente in der Hocke, überlegte kurz und entschied: "Renn was du kannst! Im Zick-zack. Mach die grösst möglichen Schritte, um so besser werden die Aussichten nicht auf eine Mine zu treten. Ich weiss nicht, wie weit es bis zum nächsten Zaun war. Mir erschien es, als wären es 100 Meter.

Geschafft! Kein Alarm, keine Sirenen, keine Hunde. Zumindest bis hier her. Und vor allem: Erst mal raus aus dem Scheinwerferlicht! Dieser nächste Zaun schien mir nicht so hoch zu sein, aber dennoch viel ungastfreundlicher. Ich konnte waagerecht angebrachte Drähte erkennen. Und kleine Kästchen an den Zaunpfählen, durch denen die Drähte verliefen.

Neee.... da kommste nicht rüber, sagte ich mir. Als ich da so nieder hockte, kam mir eine simple Idee: Buddeln! Ich fing also an zu graben. Aber zu meiner Enttäuschung ging der Zaun tief rein in die Erde. Dennoch: Ich buddelte weiter. Immer weiter. Als ich schon ein Loch von knapp einem Meter Tiefe gegraben hatte, und mit meiner Hand entlang des Zauns hinunter fühlte, konnte ich das untere Ende erfühlen.

Yessss!!! Von da an buddelte ich noch motivierter. Bis ich ein Loch hatte, durch das ich mich dann irgendwie durchzwängen konnte. Geschafft! So, wie nun weiter? Wo ist der nächste Zaun? Von nun an alles dunkel. Nach ein paar Metern gelangte ich an einen kleinen Fluss (?), Kanal (?)... Er war nicht mehr als vier Meter breit und hatte eine dünne Eisschicht. Rüber springen wollte ich trotzdem nicht. Vielleicht würde ich es auch gar nicht schaffen, obwohl ich zu der Zeit gut durchtrainiert war. Ganz in der Nähe fand ich am Ufer einen Baum, der fast bis zur anderen Seite hinüberragte.

Also hoch. Vielleicht finde ich einen starken Ast, von dem aus ich auf die andere Seite springen kann. Einen Ast fand ich. Nur war er nicht stark genug. Er brach ab und ich fiel ins Wasser! Trotz einiger Schwierigkeiten konnte ich mich am anderen Ufer aus dem eiskalten Nass ziehen.

Ich dachte mir: Nur nicht stehen bleiben. Sonst holst du dir was weg. Also orientierte ich mich kurz und fing an zu laufen... Als ich mich nach einiger Zeit ziemlich weit weg vom Scheinwerferlicht entfernt hatte, wusste ich: Jetzt bin ich im Westen."

01.12.2020 09:23
avatar  GKUS64
#2
avatar

Sehr interessant und ein glücklicher Ausgang.
Wie ging es dann weiter? Wie und wo wurdest du empfangen? Fandest du sofort eine Arbeit, wo lebst du jetzt?
Gab es Aktivitäten, dich wieder zurückzuholen?
Ja Neugierige haben eben Fragen, ich gehöre dazu und freue mich ,dass du dich wieder gemeldet hast!

Gute Woche

GKUS64


 Antworten

 Beitrag melden
01.12.2020 10:02
avatar  Condor
#3
avatar

Ich war ja gerade mal 2 Monate drüben... Zurück in der DDR spielte mir das Schicksal einen neuen Streich: Ich lernte eine Studentin aus dem NSW kennen, verliebte mich in sie und unerwarteterweise wurde beim zweiten Anlauf mein Ausreiseantrag bewilligt... nach etwa anderthalb Jahren. Seitdem, also seit September 1984 lebe ich im Ausland.

Auch Dir wünsche ich eine schöne Woche.

Gruss
Condor


 Antworten

 Beitrag melden
01.12.2020 10:05
#4
avatar

Hallo, Guten Morgen,
dafür hast Du Dein Leben riskiert?
Gruß Frank


 Antworten

 Beitrag melden
01.12.2020 10:17
#5
avatar

Ist ja ne dolle Geschichte.
Dann war die ganze Aktion also eine Kurzschlußhandlung.
Und dafür hast Du Kopf und Kragen riskiert - Prost Malzeit.
MfG


 Antworten

 Beitrag melden
01.12.2020 10:19
avatar  Condor
#6
avatar

Guten Morgen! Eine sehr treffende Frage/Feststellung!!! Ich ärgere mich heute - auf meine alten Tage :)) - noch darüber.
Gruss
Condor


 Antworten

 Beitrag melden
01.12.2020 10:46
avatar  Lutze
#7
avatar

Eine gelungene Flucht,Glückwunsch
Lutze

wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren


 Antworten

 Beitrag melden
01.12.2020 10:55
avatar  andyman
#8
avatar

Hallo.
Hast du vielleicht noch mehr Bilder in deiner Akte?Das gegrabene Loch haben die nicht dokumentiert?
Lgandyman

Gruß aus Südschweden
Was nützt alles Hasten und Jagen,auch du bist nur ein Tropfen im Meer der Unendlichkeit. Confuzius


 Antworten

 Beitrag melden
01.12.2020 11:00
avatar  Lutze
#9
avatar

Die Zaunminen sind auch nicht zu sehen
Lutze

wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren


 Antworten

 Beitrag melden
01.12.2020 11:10
avatar  Condor
#10
avatar

Die anderen paar Bilder, die in den Dokumenten auftauchen, sind im Prinzip den anderen ähnlich. Ich habe auch nach dem Loch gesucht... Z.B. auf den Fotos "Grenzzaun01" und "Photo03". Gut, die Erde vor dem Zaun sieht ziemlich locker aus. Kann dir das aber nicht erklären. Finde ich auch nicht sooo wichtig.


 Antworten

 Beitrag melden
01.12.2020 11:14
avatar  Condor
#11
avatar

"Die Zaunminen sind auch nicht zu sehen
Lutze"

Wäre ja auch der Hammer, wenn der Stasi-Fotograf etwas dokumentiert hätte, was es nicht existieren sollte!


 Antworten

 Beitrag melden
01.12.2020 11:22
avatar  Lutze
#12
avatar

Die Fotos sollten auch nicht alle sehen
Lutze

wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren


 Antworten

 Beitrag melden
01.12.2020 11:51
avatar  Condor
#13
avatar

Stimmt.


 Antworten

 Beitrag melden
01.12.2020 12:21
avatar  birx20
#14
avatar

Bei deiner spontanen und nicht unbedingt sehr planvollen Flucht hattest du die ganze Zeit einen grossen Schutzengel über dir fliegen.
Bei ihm kannst du dich bedanken :-).
In 99 % der Fälle, wäre die Flucht anders ausgegangen.


 Antworten

 Beitrag melden
01.12.2020 13:32
avatar  andyman
#15
avatar

Zitat von Condor im Beitrag #10
Ich habe auch nach dem Loch gesucht... Z.B. auf den Fotos "Grenzzaun01" und "Photo03". Gut, die Erde vor dem Zaun sieht ziemlich locker aus. Kann dir das aber nicht erklären. Finde ich auch nicht sooo wichtig.

Ok,wie mans nimmt.In Anbetracht der leisen Zweifel in dem Thread Grenzübertritt 27. Dezember 1982 an dem Vorgang des Untergrabens wäre es ja ein Hammer wenns da Bilder geben sollte,die das Untergraben bestätigen.Für mich ist es nicht wichtig,da hast du recht.
Lgandyman

Gruß aus Südschweden
Was nützt alles Hasten und Jagen,auch du bist nur ein Tropfen im Meer der Unendlichkeit. Confuzius


 Antworten

 Beitrag melden
Bereits Mitglied?
Jetzt anmelden!
Mitglied werden?
Jetzt registrieren!