Fahnenflucht eines Ultn im GR44

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21.09.2020 10:15 (zuletzt bearbeitet: 21.09.2020 10:39)
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#1
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War mir bisher noch nicht bekannt.

"... Geflohen aus Liebe, zurückgekehrt aus Eifersucht
Am 21. September 1979 ging der Monate zuvor geflüchtete DDR-Grenzer Lutz Schulze in Ost-Berlin zur Stasi. Er war das Opfer einer „Romeo-Falle“ geworden – und verriet nun seinen Geliebten.

Jeder kennt die „Romeo“-Agenten: Spione, die sich um die Herzen einsamer Sekretärinnen kümmern, eigentlich aber nur an ihrem Wissen über die Geheimnisse ihrer Chefs interessiert sind. Oft endete derlei mit dramatischen Folgen für die irregeführten Frauen – meist Gefängnis, mitunter Schlimmerem.

Ein ganz ähnliches Phänomen gibt es auch bei Homosexuellen, wie in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift „Militärgeschichte“ nachzulesen ist. Das Opfer des hier publizierten Beispiels von 1979 war ein schwuler Nachwuchsoffizier der DDR-Grenztruppen.

Entdeckt hat den Fall der Historiker und Bundeswehr-Oberstleutnant Klaus Storkmann in den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit. „Lutz Schulze“, wie der Autor seine Hauptfigur aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nennt, war Unterleutnant beim Grenzregiment 44, das für die Sperranlagen im Südwesten Berlins zuständig war.

Schon Ende 1978 hatte er einem Bekannten gegenüber angedeutet, den Dienst am Todesstreifen zur Flucht nutzen zu wollen. Leider handelte es sich bei diesem Mann um einen IM der Stasi. Schulze wurde in den Regimentsstab versetzt, also weg von der eigentlichen Grenze, und unter verstärkte Überwachung gestellt.

Trotzdem konnte er das System austricksen: Er besorgte sich unter einem Vorwand einen Dienstwagen, stellte sich mit einem unterschriebenen bereitliegenden Blankoformular selbst den Befehl aus, ins Grenzgebiet zu fahren, packte in seine als „geheim“ markierte Aktentasche eine Strickleiter und rief von einem Dienstapparat im Regimentshauptquartier den Postenführer am vorgesehenen Fluchtpunkt an, um unter falschem Namen seine eigene Ankunft anzukündigen.

Am 31. Mai 1979 gegen 17.15 Uhr traf er am Tor zum Sperrgebiet auf der Stubenrauchstraße im Südwesten Berlins ein. Hier bildeten die Sperranlagen entlang der Außengrenze von West-Berlin einen besonders spitzen und schwer einsehbaren Winkel. Weil Schulze des eigenen Anrufs wegen erwartet wurde, einen ordnungsgemäßen Befehl bei sich hatte und sogar die tagesaktuelle Parole kannte, ließ der Postenführer ihn ins Sperrgebiet eintreten.

Der Unterleutnant ging um mehrere alte Häuser herum, die innerhalb des Todesstreifens lagen, und warf dann an einer uneinsehbaren Stelle seine Strickleiter auf den hier aus drei Streckmetallmatten übereinander bestehenden, drei Meter hohen Zaun. Erst nach zehn Minuten, genau um 17.25 Uhr, merkte der Postenführer, dass er überlistet worden war, und löste Alarm aus. Doch Schulze war schon sicher auf West-Berliner Seite.

Die Flucht hatte er zusammen mit seinem Freund geplant, einem jungen Rumänen, dem Storkmann den Namen „Andre Nikolescu“ gibt. Nikolescu lebte in West-Berlin und hatte Kontakt zum US-Geheimdienst. Hier wurde Schulze nun vier Wochen lang über die Grenztruppen vernommen, anschließend eine weitere Woche von den Briten.

Kennengelernt hatten sich Nikolescu und Schulze erst einige Wochen vor der Flucht in einer Wohnung in Prenzlauer Berg. Offenbar hatte es der Rumäne darauf angelegt, Kontakte zu homosexuellen Angehörigen der DDR-Grenztruppen und der NVA zu knüpfen. Und damit fuhr er auch fort, nachdem Schulze im Westen angekommen war.

Jedenfalls rief der geflüchtete Offizier, der nach DDR-Recht Fahnenflucht begangen hatte, ein mit hohen Zuchthausstrafen bedrohtes Delikt, am 31. August 1979 von West-Berlin aus bei der Volkspolizei an. Ausweislich des Stasi-Protokolls beschuldigte er Nikolescu, Mitarbeiter eines US-Geheimdienstes zu sein. Schulze fügte eine genaue Personenbeschreibung bei und den Zeitpunkt der nächsten geplanten Einreise des Rumänen nach Ost-Berlin.

Die Stasi sah eine Chance, die Schmach der Fahnenflucht wettzumachen. Schulzes Vater wurde in den Westen geschickt, um seinen Sohn unter Zusicherung freien Geleits und Straffreiheit in die DDR zurückzuholen. Am Vormittag des 21. September 1979 kam der junge Mann bei der Stasi an, die am selben Nachmittag Nikolescu festnahm. Nun könne Schulze natürlich nicht wie eigentlich zugesagt nach West-Berlin zurückkehren, verkündete der zuständige Stasi-Offizier.

Nikolescu bekam sieben Jahren Haft wegen Spionage und Beihilfe zur Fahnenflucht in einem besonders schweren Fall. Erst nach mehr als fünf Jahren, im Oktober 1984, ließen die DDR-Behörden ihn frei.

Noch schlimmer traf es Lutz Schulze. Zwar hielt sich die Stasi zunächst an die Zusage, ihn nicht zu bestrafen. Doch als der junge Mann im Oktober 1980 versuchte, in die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in der Ost-Berliner Hannoverschen Straße zu gelangen, wurde er festgenommen.

Nun wurde das Verfahren wegen Fahnenflucht wiederaufgenommen. Zusammen mit den neuen Anklagepunkten Spionage (wegen seiner Gespräche mit dem US-Geheimdienst in West-Berlin) und „Terror“ (weshalb auch immer) führte das zu einer Gesamtstrafe von acht Jahren für Lutz Schulze. Er musste seine Haft bis zum letzten Tag im berüchtigten Stasi-Gefängnis Bautzen II absitzen. Gegenüber Verrätern, und sei es aus Liebe, kannte die Stasi keinerlei Milde. ..."

Welt


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21.09.2020 10:40 (zuletzt bearbeitet: 21.09.2020 10:44)
#2
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Spannende Geschichte. Wo zum Schluss keiner gewonnen hat.

PS: Ich habe früher sehr viel gewusst was in der Szene so der eine und andere wusste und vor hatte zu beabsichtigen.
Null habe ich preisgegeben.

Kein Zeuge ist besser als die eigenen Augen.

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21.09.2020 10:44 (zuletzt bearbeitet: 21.09.2020 10:46)
avatar  GZB1
#3
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Offensichtlich hatte der Sicherungsposten am Tor zum Grenz-Wohngebiet ein Telefon, denn über GMN hätte die Aktion vom Regimentstab aus eher nicht funktioniert. Der Ultn muss auch die Gepflogenheiten und die Lage im dem Grenzabschnitt ganz gut gekannt haben.


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21.09.2020 10:55 (zuletzt bearbeitet: 21.09.2020 11:02)
avatar  Hanum83
#4
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Es gab 1983 eine Flucht eines höheren Stabsoffizieres im GR23, es fanden dazu API statt und unser "strammer" Polit schrie sich in Rage da der Verräter angeblich einen Koffer mit Dokumenten beim Überstieg übern Zaun dabei hatte, diese Flucht ist in den Analen völlig unbekannt.

EK42, HG 84/1, "Frühling-Freiheit!"

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21.09.2020 11:43 (zuletzt bearbeitet: 21.09.2020 11:45)
avatar  GZB1
#5
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Bei der Anzahl von Offizieren welche übern Zaun, mit oder ohne Koffer, geflitzt sind muss die Gegenseite sehr gute Kenntnisse über die GT gehabt haben, und Thunderhorse ein gutes Archiv.


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21.09.2020 15:29
#6
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Moin Moin,

da muss der Unterleutnant aber schon gut beobachtet wurden sein, das "die" wussten das er auf Männer steht.

Wie war das bei den GT, wusste man da, wer auf Männer stand?
Ich gehe mal davon aus, das es nicht offen für jedermann erkennbar gewesen ist.

Gruß Schlutup


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21.09.2020 15:32
#7
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Zitat von GZB1 im Beitrag #5
Bei der Anzahl von Offizieren welche übern Zaun, mit oder ohne Koffer, geflitzt sind muss die Gegenseite sehr gute Kenntnisse über die GT gehabt haben, und Thunderhorse ein gutes Archiv.



Moin GZB1,
bestimmt wurde auch jeder einfache Soldat befragt um Erkenntnisse zu bestätigen.
Aber um so höher, desto mehr Informationen.

Gruß


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21.09.2020 16:42 (zuletzt bearbeitet: 21.09.2020 21:05)
avatar  Fred.S.
#8
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gelöscht


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21.09.2020 17:15 (zuletzt bearbeitet: 23.09.2020 13:59)
avatar  GZB1
#9
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Zitat von Schlutup im Beitrag #6
Moin Moin,

da muss der Unterleutnant aber schon gut beobachtet wurden sein, das "die" wussten das er auf Männer steht.

Wie war das bei den GT, wusste man da, wer auf Männer stand?
Ich gehe mal davon aus, das es nicht offen für jedermann erkennbar gewesen ist.

Gruß Schlutup


Das geht aus dem Artikel nicht eindeutig hervor, ob die V2000 bereits zu anfangs wusste, dass er schwul war. Es steht nur da das er einem Bekannten, wem auch immer, andeutete flitzen zu wollen. Deshalb wurde er in den Stab versetzt.Wenn bekannt gewesen wäre das er auf Männer steht wäre er bestimmt nicht dorthin versetzt worden, da zusätzliches Sicherheitsrisiko. Es gab dort allgemein mehr (Buschfunk) als anderswo.

Allerdings muss er wohl vorher im Grenzdienst auch an dieser Übertrittsstelle gewesen sein, um das alles so zu planen.


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21.09.2020 17:27
#10
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Im GR 24 gab es auch eine bzw zwei fluchten von Offizieren. Das eine war der Batalioner das 2. GB der nach der Einschulung seiner Tochter noch Pilze sammeln wollte. Ließ sich von seinem Fahrer in GA fahren und als der spusie am Tor herstellen wollte musste er bei vorgehaltener waffe das Tor von draußen zumachen. Keine PSE und nichts dabei musste er zusehen wie sein vorgesetzter stiften geht. Nur leider kamm der im Westen nicht klar und kamm zurück. Das war im Sommer 86 ist auch im i-net nach zu lesen.

Der zweite war ein Leutnant aus der 2. Kompanie. War noch paar Tage vorher bei uns in der kompanie zu ner Veranstaltungen wo auch wir Trupp Führer Teil nehmen mussten.
Der hat bei seiner KGSI Schicht am heller lichten Tag zur Toilette abgemeldet schloss dann seinen Posten und die A -Gruppe in der Füst ein und zack über'n ersten Zaun. Als sein Posten und die A-Gruppe das mitbekammen war alles schon zu spätt.
Auch das gibt's im netz zum nachlesen.


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21.09.2020 19:18
avatar  hslauch
#11
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Zitat von GZB1 im Beitrag #3
Der Ultn muss auch die Gepflogenheiten und die Lage im dem Grenzabschnitt ganz gut gekannt haben.


Davon muss man wohl ausgehen, denn alles andere wäre wohl viel zu riskant gewesen...(meiner Meinung nach)
Am 21.12.1988 in Ifta war es bestimmt ähnlich, mal davon abgesehen, dass sich diese beiden Herren nicht angemeldet hatten...

Die zwei Fahnenflüchtigen kannten nicht nur den Grenzabschnitt sehr genau (die Allermeisten hätten sich in diesem Bereich wohl hilflos verlaufen), sondern sehr wahrscheinlich auch die wichtigen Postenpunkte, deren Besetzung und wie sich wer, wann und von wo nach wohin bewegen würde (Posten und A-Gruppe etc.)....

Obwohl sie fast noch entdeckt worden wären.....


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23.09.2020 00:41 (zuletzt bearbeitet: 23.09.2020 00:52)
avatar  Kalubke
#12
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Der GA Stubenrauchstraße hatte m.E wegen des verwinkelten Grenzverlaufes mitten durch besiedeltes Gebiet (siehe Karte) den Stautus eines "besonderen Raumes" und vlt. wie auch der Abschnitt "Klein Glienicke" einen eigenen "Kdr des besonderen Raumes".

Gruß Kalubke


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23.09.2020 09:09
avatar  Zkom IV
#13
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Interessante Geschichte. Allerdings finde ich eine Sache merkwürdig.
Ich kam 1980 ins Zkom IV Berlin, in dessen Bereich auch die Stubenrauchstraße lag.
Wenn ich mich recht erinnere, war das vordere Sperrelement in diesem Bereich immer eine Mauer und kein Stanzgitterzaun.
Es gab keinen GSZ. Die Bewohner der Stubenrauchstraße, welche ganz vorne wohnten, konnten mit dem Trabbi direkt bis hinter die Mauer fahren um an ihre Wohnhäuser zu kommen.
Mitte der 80iger wurde dann ein extra gesicherter Kolonnenweg angelegt und eine GSZ gesetzt.

Ich weiß jetzt gar nicht mehr, wie die Bewohner vorne dann an ihre Häuser kamen. Möglich, dass die die letzten Meter zu Fuß zurücklegen mussten.

Gruß Frank


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23.09.2020 10:45
#14
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Zitat aus Beitrag #13:
Die Bewohner der Stubenrauchstraße, welche ganz vorne wohnten,
konnten mit dem Trabbi direkt bis hinter die Mauer fahren um an
ihre Wohnhäuser zu kommen.
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Wahrscheinlich wohnten dort nur handverlesene Einwohner,
die mehrmals mit Erfolg geimpft waren?

Leider verfüge ich nicht über alle Möglichkeiten im Forum und kann mich deshalb nicht für Beiträge anderer bedanken, die mir gefallen.

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23.09.2020 13:34 (zuletzt bearbeitet: 23.09.2020 15:06)
avatar  Kalubke
#15
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Hier nochmal das gesamte Gebiet aus der TK 10 der GT mit Sperranlagen und Grenzgebiet. Letzteres begann bereits am Bhf. Griebnitzsee. Zum "besonderen Raum" Stubenrauchstraße gab es m.E. an der Breitscheidstraße innerhalb des Grenzgebietes einen weiteren Kontrollpunkt.
Kuriosität des Grenzverlaufes: Das Haus Stuubenrauchstraße Nr. 25 gehörte zu Westberlin inmitten von Häusern, die zu Potsdam gehörten.

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