Hauptzollamt Lübeck-Ost

15.08.2020 19:53 (zuletzt bearbeitet: 17.08.2020 14:30)
avatar  krelle
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Dort, unter dem Dach des damaligen Hauptzollamts Lübeck-Ost in der Curtiusstrasse 19, saß „BALDUR“ (Rufname der Funkleitzentrale des Zolls im Bereich des 2-Meter-Bandes). Lange ist es her, aber es scheint mir, als wären erst ein paar Tage vergangen, als von jenem Platz aus noch „gefunkt“ wurde.
1980 stellte ich mich hier, in diesem Haus, jenen Prüfungen, die darüber entschieden, ob ich mich als Nachwuchskraft im mittleren Grenzzolldienst „einreihen“ durfte/konnte.
Und nun, 15.08.2020, fahre ich mal wieder an diesem Gebäude vorbei. Die Gegenwart sofort zurück lassend und in Erinnerungen schwelgend, bin ich wieder in für mich „glücklichen“ Zeiten.

Ja, hier bestand ich den „Test“. Und hier bekam ich mit, wie für einige andere Bewerber die "Reißleine" gezogen wurde, weil diese junge Menschen just in diesen Stunden es nicht vermochten, den ZOLL davon zu überzeugen, sie in seine „ Gefilde“ aufzunehmen.

„Baldur an Alle“, höre ich noch heute. Und ich vernehme in den Sekunden darauf, wie von dort „oben“ – dem Dachgeschoss - heraus all jene im „Bezirk“ befindlichen Grenzstreifen des Zolls darüber in Kenntnis gesetzt werden, dass das am Fenster angebrachte Thermometer nun minus 6 Grad Celsius anzeigt.
„Marschrichtung Nord-Ost“ , funkt BALDUR – und zu den „Empfängern“ gehöre auch ich. Ja, „schweine-kalt“ ist es hier im Gelände. Nicht nur minus 6 Grad (die um das Hauptzollamt Lübeck-Ost im Stadtgebiet von Lübeck herrschen), sondern mindestens minus 10 Grad Celsius hier im Grenzgebiet, wo ich mich gerade befinde.
Und nicht nur ich bin betroffen: da sind mit mir noch manch andere Streifen im Einsatz: ob im Raum Lübeck, Ratzeburg oder Büchen befindlich: da „frieren“ noch andere Kollegen außer mir an jener "Linie", welche die Bundesrepublik Deutschland (BRD) und die Deutsche Demokratische Republik (DDR) voneinander trennt.

Und wir bundesdeutschen Streifen des Grenzzolldienstes (GZD) werden „froh“ sein, wenn die „Marschrichtung Nord-Ost“ weiteren zeitlichen Bestand hat während der Dauer des Streifendienstes. Im besten Falle bedeutet es, lediglich 6 Stunden Streife/gehen/fahren zu müssen und uns dafür nun ganze „8 Stunden“ im Dienstbuch anschreiben zu dürfen.

Du, mein Kollege, gehörst nicht zu jenen Kräften, die sich die Dienstzeit entsprechend verkürzen dürfen. „Du“ sitzt dort oben im Haus Curtiusstrasse19 ja auch im „Trockenen“ und „Warmen“; und so musst Du in dieser Nacht von 20.00 Uhr bis 06.00 Uhr morgens durchhalten, ehe die Ablösung kommt.

Dich, Kollege, kenne ich gut. Gehörst Du doch zu „unserem“ Zollkommissariat Lübeck-Süd. In diesem Gebäude, in der Guerickestr.2-4 in Lübeck befindlich, haben auch wir Beiden unsere „GASten“ (Grenzaufsichtsstellen).
Du gehörst zur GASt „F“ (Funkleitzentrale / Funksprechzentrale) – und ich zur GASt Eichholz. Unsere Diensträume befinden sich nur wenige Meter voneinander entfernt. Und doch ist es ein „Unterschied“, ob man jener GASt angegliedert ist, oder eben der anderen. Eigentlich hast Du zwei „Diensträume“, Kamerad. Eben im Dachgeschoss der Curtiusstrasse 19 beim HZA Lübeck-Ost (in der „Funk-Bude“) und in jener „GASt“ in der Guerickestrasse, wovon aus Du gelegentlich Grenzstreifendienst zu verrichten hast.

Heute Nacht bist Du nun dort oben; im Dachgeschoss des Hauses Curtiusstrasse 19. Und ich bin einige Kilometer von Dir entfernt; direkt an der Trennlinie zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland. Und ich sitze mir nicht den „Arsch breit“ in einem wohltemperierten Zimmer, sondern ich streife entlang der innerdeutschen Grenze.

Nein, ich mache Dir, Kollege, keine Vorwürfe. Du weißt, wovon ich spreche/schreibe. Und ich weiß, dass Du vielleicht schon morgen mit mir zusammen an der Grenze tätig bist. Ja, es könnte sogar sein, dass Du zu meiner eigenen Grenzaufsichtsstelle gehörst. Und „lediglich“ gelegentlich bei der GASt „F“ aushilfst, um den dortigen „Betrieb“ aufrecht zu erhalten.
Aber sei getrost, dass auch ich „Sonderaufgaben“ habe; ich muss hin und wieder bei der Grenzkontrollstelle Moisling Dienst verrichten und dazu beitragen, dass im hiesigen grenzüberschreitenden Eisenbahnverkehr alles „rund“ läuft. Und das, obwohl ich Zollhundführer bin und ich meinen Vierbeiner nicht mitnehmen/betreuen kann während dieser Stunden.

Mein lieber Freund und Kollege: siehe lieber zu, dass Du in dieser „schweine-kalten“ Nacht die Marschrichtung Nord-Ost aufrecht erhältst und nicht dazu gehalten bist, die Marschrichtung „Süd-West“ (Aufhebung "Marschrichtung Nord-Ost") auszurufen. Dann wären die Dienststunden-Kürzungen nämlich passé und ich genötigt, in dieser Nacht etwas länger auszuharren an dieser innerdeutschen Grenze.

Nein, es wird nicht wärmer. So wie es scheint, zieht die Kälte noch etwas an; wir haben mittlerweile wohl jenseits der minus 10 Grad im Gelände des Grenzgebiets.
In der mir jetzt verbleibenden Grenzdienstzeit melde ich noch ein paar Robur LO, Kradstreifen und die Sichtung von „GT“ (Grenz-Trabant) an Dich, werter "BALDUR". Dann hast Du was zu tun, denn Du musst meine Meldungen ja „protokollieren““ und letztlich weiterleiten an den „großen Bruder“ BGS (Bundesgrenzschutz).
Dein Fluchen höre ich nicht, BALDUR. Vielleicht auch deshalb, weil ich nur ein Funkgerät, das im 2-Meter-Band „arbeitet“, habe. Was sich im Bereich „4-Meter“ tut, weiß und höre ich nicht. Dass Du gerade als „Eisvogel 6“ agierst und Dich mit Begebenheiten der „internationalen Grenze“ zu „plagen“ hast, ist mir nicht bekannt.

Muss ich das? Dir ist ja auch nicht bekannt, was mich gerade „bewegt“. Ob Du an das Bett denkst, das nach Beendigung des Dienstes auf Dich wartet? Und falls ja, bestimmt nicht mit jener Hingabe, wie ich es tue hinsichtlich meiner eigenen "Federn".
Es sei mir verziehen, dass ich ganz andere „Sorgen“ habe direkt an dieser Nahtstelle zwischen Ost und West. Und auch Du übst Nachsicht mit mir, denn Du weißt, dass ich nicht im Bilde bin, was es gerade in der Funksprechzentrale für Dich zu tun gibt. Ja, ich sehe und höre den Fernschreiber nicht „rattern.“
„Was für ein Mist!", magst Du gerade denken – muss „das“ sein, so kurz vor „Feierabend“ ?

Nun, da musst Du „durch“, mein Freund. Denk dran, ich bin an Deiner Seite in diesen Stunden dieser Nacht. Du dort „oben“ im Dachgeschoss der Curtiusstrasse 19 – und ich hier in Lübeck-Eichholz, direkt an der deutsch-deutschen Grenze.

(Gewidmet meinem verstorbenen Kollegen Horst Christensen, der "damals" zu "meiner" Grenzaufsichtsstelle Eichholz gehörte und gelegentlich "Funk-Dienst" im Gebäude des damaligen Hauptzollamts Lübeck-Ost in der Curtiusstrasse 19 verrichtete).


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15.08.2020 20:14
avatar  MKF
#2
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MKF

Es ist genial, an welche Detail sich die Forenmitglieder nach so langer Zeit erinnern und uns daran teilhaben lassen. Genau das ist es, was unser Forum ausmacht, die Erinnerung von Zeitzeugen. Vielen Dank dafür.


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15.08.2020 22:49 (zuletzt bearbeitet: 15.08.2020 22:51)
avatar  harbec
#3
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... schon mein Vater (Soldat in Rußland und Frankreich) sagte zu mir: Wenn Du zum
BGS oder zur BW gehst, sehe zu, daß du Fernmelder wirst. Du sitzt immer im Warmen
und Trockenen und bist gut informiert.
Ich saß am Anfang meiner langen Dienstzeit mehrere Jahre auf der Funkstelle, der Fernschreibstelle
und der Vermittlung. Daneben war ich als Wagenbegleiter verantwortlich für die Vollzähligkeit
und Funktionsfähigkeit eines leichten Funktrupps UKW (DB-Unimog mit UKW-Tisch). Es war eine
wunderschöne Zeit. Dir als Spezialisten hat auch keiner dazwischen gequatscht.Wenn Du dann
Deinem Zugführer gesagt hast, es muß eine Reichweitenerprobung mit dem Funktrupp durchgeführt
werden, dann wurde es in der Regel auch genehmigt. Dann bist du morgens um 07.30 Uhr aus
Kaserne und nachmittags zum Dienstschluß stand der Funkwagen wieder in der Halle.
Aber irgendwann mußte man auch an seinen Unterführerlehrgang denken, um etwas höher (mehr Taler)
zu kommen. Dann war es mit dem schönen Leben vorbei.

Gruß Hartmut


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