Hallo aus Berlin

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28.06.2020 22:27
#1
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Hallo in die Runde.

An erster Stelle ein Dankeschön an die Betreiber und aktiven Mitglieder dieses Forums. Über die vielen Einblicke, die hier über unsere Zeitgeschichte geteilt werden, freue ich mich sehr.
Deshalb, und weil ich auf der Suche nach weiteren Informationen bin, die ich ohne Hilfe von Zeitzeugen womöglich nicht bekommen würde, möchte ich mich Euch gern vorstellen:

Ich bin suppengrün aus Berlin, Baujahr 1987 in Ost-Berlin.

Vom geteilten Deutschland habe ich als Kleinkind nichts mitbekommen, umso mehr beschäftigt mich das Thema seit meiner Jugend.
Seit etwa acht Jahren arbeite ich unteranderem in der Dokumentarfilmbranche und habe um den 25. und jetzt um den 30. Jahrestag des Mauerfalls vereinzelt älteren, aus der DDR stammenden Kollegen zum großen Themenkomplex Teilung und Vereinigung zugearbeitet.

Mein persönliches Interesse wurde vor etwa zwei Jahren erweckt, oder eher entfacht, weil ich in einem Fotoalbum meines Vaters eine alte QSL-Karte (wiki "QSL-Karte") mit der "Morse-Adresse" meines noch lebenden Großvaters gefunden habe. QSL-Karten werden weltweit als Postkarten, u.a. zur Empfangsbestätigung eines bestimmten Signals, ausgetauscht. Auf der Rückseite der QSL-Karte befinden sich Verbindungsinformationen, die Vorderseite ist ein s/w Foto eines Funker-Arbeitsplatzes mit allerhand Gerätschaften wie Lautsprecher, Sender, Empfänger, etc. All das aufgebaut auf einem großen Schreibtisch, der vor einer ebenso großen Weltkarte stand. Diese war an der Wand direkt hinter dem Schreibtisch angebracht. Auf ihr wurden verschiedene Weltstädte mit Stecknadeln und Zwirn mit dem Mittelpunkt, Ostberlin, verbunden. Verschiedene QSL-Karten mit anderen "Adressen" und Motiven rahmen die Weltkarte ein.
Ein Foto, wie aus älteren Spionagefilmen. Mein Vater saß neben mir auf der Couch und sah fern und natürlich fragte ich ihn, was es mit der Karte auf sich hat. Er sagte etwas beiläufig, vielleicht ein kleinwenig verunsichert, dass das der Arbeitsplatz von meinem Großvater gewesen sei, an dem er sein Amateurfunk-Hobby ausübte. Er habe in die ganze Welt gemorst und nach den Lebens- und gesellschaftlichen Umständen der Gesprächspartner gefragt. Mehr konnte mein Vater darüber nicht berichten, auch nicht auf Nachfrage, weshalb ich oben von Verunsicherung schrieb. Es hörte sich an, als tappe mein Vater etwas im Dunkeln über die Informationen zur QSL-Karte meines Großvaters. Ob mein Vater eine Legende wiedergab, ob er die Wahrheit sagte oder ob er die Wahrheit darüber überhaupt kennt.. das kann ich bis heute nicht beurteilen.
Ich begann darauf eine kurze Recherche zu QSL-Karten und zur spezifischen QSL-"Adresse" meines Großvaters. Nach kurzer Suche fand ich mit Hilfe der "Adresse" teils validierende Informationen über den wahrscheinlichen Standort der Funkstation, die auf dem Foto abgelichtet ist. Die Funkstation soll demzufolge im Nachbarort des Wohnortes meines Großvaters gestanden haben. Im Zuge dieser kurzen Recherche fand ich heraus, dass im selben Ort früher auch Gebäude vom MfS bezogen waren. Schon als Schulkind bin ich durch diesen Ort gegangen und Fahrrad gefahren, es war auch ein Nachbarort meines Elternhauses und ich konnte die Gebäude wieder, diesmal vor meinem inneren Auge, sehen.

Diese Information führte mich zur im Internet immer noch zu findenden Liste hauptamtlicher Mitarbeiter des MfS. Ich war baff und hatte vor der Suche innerhalb dieser Liste Skrupel. Ich stellte mir vor welche Folgen diese Liste haben kann und sicher bereits hatte. Die Neugier, mehr über meinen Großvater zu erfahren, sorgte für den nötigen "Schubs" in die Liste. Natürlich suchte ich auch nach meinem Familiennamen, doch innerhalb meines Familienkreises fand ich ausschließlich den Namen meines Großvaters in der Liste, durch die PKZ natürlich eindeutig zuzuordnen. Ich war erleichtert über den einzigen Treffer, aber gleichzeitig enttäuscht und verunsichert. Nach allem, das in der Schulzeit und im Selbststudium über das MfS gelehrt wurde, wollte man keinen Familienangehörigen als Teil dessen wissen. Schlimmer noch, denn scheinbar verdiente mein Großvater im Vergleich zu vielen anderen Mitarbeitern relativ viel Geld beim MfS, wenn man dieser Liste Glauben schenken darf. Schlimm, denn meinen Großvater lerne ich bei jedem Treffen als intelligenten, tollen Menschen kennen, der viele Lebensweisheiten teilt und immer hilfsbereit und zuvorkommend agiert. Meine Großmutter ist nicht mehr so fit wie er, weshalb er sich wirklich herzlich um sie kümmert. Warum hat also mein Großvater beim MfS gearbeitet? Und wo?
Meine Mutter sagte, dass er anscheinend beim Generalstaatsanwalt gearbeitet hätte. Waren das die ganz üblen Leute?

Dank der Liste weiß ich nun, dass er bei der HA XXII "Terrorabwehr" arbeitete - wahrscheinlich.
Nachdem ich viele Quellen, unter anderem dieses Forum, bezüglich des MfS und spezifisch zu seiner Abteilung durchsucht habe, sprach ich meinen Vater wieder, und diesmal sehr vorsichtig, auf das Thema an. Als klar wurde, dass mein Vater von der hauptamtlichen Tätigkeit meines Großvaters beim MfS weiß, sprach ich die Liste der Mitarbeiter an, in der ich den Namen meines Großvaters gefunden habe. Als ich das vergleichsweise hohe Gehalt ansprach, nickte er und sagte, dass sein Vater wahrscheinlich länger beim MfS tätig war. Auch hier merkte ich etwas Unsicherheit in seiner Kommunikation. Auch hiermit kennt sich mein Vater nicht gut aus und findet das Thema offensichtlich eher schwierig. Es wurde auch noch nie in der Familie erwähnt, bevor ich die QSL-Karte gefunden habe, oder ich erinnere mich nicht mehr daran. Mein Vater ist scheinbar keine gute Quelle, mehr über die Arbeit meines Großvaters zu erfahren, also ging ich voran und lud mich, wie sonst auch, zum etwa monatlichen Besuch bei meinen Großeltern ein. Seither schiffe ich um den Elefanten im Raum herum und versuche mit meinem Großvater über seine Arbeit zu sprechen, ganz generell, ohne jemals das MfS erwähnt zu haben. Hier und da erhasche ich ein paar Details und Anekdoten, wenn wir kurz vom Bahnhof zusammen Autofahren oder auf dem Balkon sind, denn vor meiner Großmutter spreche ich das Thema nicht an. Als ich ihm beim ersten Treffen mit meinem neuen Hintergrundwissen die QSL-Karte aus dem Fotoalbum meines Vaters zeige, ist er positiv überrascht. Wir gehen ins Arbeitszimmer und schauen in seiner alten, dunkelbraunen Schrankwand nach weiteren QSL-Karten, die er scheinbar gesammelt hat. Er findet sie allerdings nicht und vertröstet mich auf das nächste Mal. Auch bei weiteren Treffen vertröstet er mich, dass er die Karten nicht gefunden habe.
Bei einer anderen emotionalen Zusammenkunft, einer kurzen Autofahrt zu zweit zu einer Familienzusammenkunft, fing er von allein an über "seinen Mitarbeiterstab von etwa 60 Leuten" zu sprechen. Wie er Leute für einen Auftrag in eine andere Stadt schickte und diese bei Wiederkehr ein Waffenmagazin als verloren meldeten. Mein Großvater sagte, er hätte das Waffenmagazin für den beauftragten Mitarbeiter wieder "erscheinen lassen", indem er "aus dem Keller ein Magazin holte". So hat er ungefähr von seinem Aufgabenbereich erzählt, weil ich kurz im Auto Arbeitsstrukturen bezüglich eines völlig anderen Themas angesprochen habe... Er will also darüber sprechen, habe ich generell wahrgenommen. Nun frage ich mich, ob das Magazin unabsichtlich oder absichtlich "verloren" wurde, oder ob es eine Legende ist, die er sich über all die Jahre vorgebetet hat...
Wenn er im MfS weisungsbefugt war und ein etwas höheres Gehalt hatte, kann er dann trotzdem der gute Mensch sein, der er auf dem Balkon mit seinen wirklich guten und freundlichen Lebensratschlägen ist?


Vor Kurzem nun habe ich zufällig in einer Wandergruppe eine Dokumentarfilmerin kennengelernt, die sehr schöne, langsame und ästhetische Dokumentarfilme schreibt, dreht und schneidet. Eigentlich keine Seltenheit, doch ihre tolle Dokumentation über ein sehr altes, noch arbeitendes Ehepaar ließ mich doch stark an die Geschichte meiner Großeltern denken, die ich dann vertraulich mit ihr teilte. Natürlich befeuert das alles meine Neugier nach dem Leben und dem Handeln meines Großvaters enorm. Der Elefant im Raum wird immer größer und ich frage mich, wie ich meinen Großvater verantwortungsvoll und mit Respekt, ohne ihn zu verletzen, zu dem Thema befragen und ihn kennenlernen kann.

Natürlich gehe ich immer noch sehr behutsam mit dem Thema um, frage ihn nicht ob ich "Kameras draufhalten" kann, sondern nähere mich der Frage an, ob er das zulassen würde. Auch wenn nicht, das wäre mir relativ egal, denn mich interessiert der Arbeiter, der er mal gewesen ist. Ich habe etwas Angst herauszufinden, ob und wie sein Handeln Einfluss auf das Leben meiner Familie hatte und welchen.

Ich freue mich, solltet ihr Interesse an der Geschichte haben. Ich möchte nicht versprechen, dass ich hier weiter schreibe, allerdings nehme ich es mir vor, sollte es Eure Rückmeldung wiederspiegeln.

Als Anfänger in diesem Forum bitte ich um Nachsicht und Rückmeldung, falls ich im Text oben versehentlich Forenregeln oder die Etikette missachtet habe.
Ich habe einige Stellen absichtlich vage gehalten, weil ich ohne mehr Wissen über meinen Großvater keine vertraulichen Daten veröffentlichen möchte.. Schon der vage Text ist eine Herausforderung für mich..
Da hier auch Zeitzeugen mitlesen könnten, möchte ich hier fragen, wie Ihr die Lage einschätz, ob ich den Text z.B. wieder löschen sollte.

Zu guter Letzt noch eine Frage, ob dieser Thread (/t9664f128-RAF-und-die-DDR.html) geschlossen oder gelöscht wurde, oder warum man nicht darauf zugreifen kann?


Vielen Dank für Eure Zeit und Grüße
suppengrün


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28.06.2020 23:22
avatar  Lutze
#2
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Etwas Geduld, Du bist noch nicht freigeschaltet um alle Themen zu lesen,
ein herzliches Hallo
Lutze

wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren


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29.06.2020 00:47
avatar  andyman
#3
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Hallo @suppengrün
Vielen Dank für deine ausführliche Geschichte.Wie du selbst erfahren mußtest ist die ganze Wahrheit über die Zusammenhänge mit dem MfS wohl nicht leicht herauszubekommen.Selbst hier im Forum können Insider dir nicht Informationen vermitteln die sie vielleicht nie bekommen haben,weil sie eben Teil eines riesigen Geheimdienstapparates waren und nur soviel wissen durften wie es eben nötig war.
Dennoch kann es durchaus sein das du in deiner Fragestellung an weitere Informationen kommen kannst,wenn du für alle Themen freigeschaltet bist.
Dein Thema ist für mich allerdings auch neu,bisher ging ich davon aus das dieser Bereich dem Amateurfunk zuzuordnen war,der auch registriert aber nicht MfS gesteuert war.Aber man lernt ja nie aus.
Lgandyman

Gruß aus Südschweden
Was nützt alles Hasten und Jagen,auch du bist nur ein Tropfen im Meer der Unendlichkeit. Confuzius


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29.06.2020 02:51
#4
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Zitat von andyman im Beitrag #3
bisher ging ich davon aus das dieser Bereich dem Amateurfunk zuzuordnen war,der auch registriert aber nicht MfS gesteuert war.Aber man lernt ja nie aus.
Lgandyman
Hallo andyman, danke für Deine Antwort.

Bezüglich des Funks hoffe ich noch im Gespräch mit meinem Großvater konkrete Informationen zu bekommen, die ich dann gern hier teile.Ob es Amateurfunk oder eine Legende des MfS ist kann ich noch nicht sagen.Jedenfalls hat auch mein Vater schon immer bei gemeinsamen Ausflügen auf die verschiedenen, hohen und trotzdem leicht zu übersehenden Amateurfunkantennen hingewiesen, als hätte auch er ein besonderes Interesse daran gehabt, dass er mit seinen Kindern teilen wollte. In der MfS-Grafik "Das soll Dein Weg zu uns sein!" erkennt man einen suggerierten 10.-Klässler, der in ein Mikrofon spricht und vor einer Funk(?)-Anlage sitzt.Man erkennt auf der Grafik, dass das MfS potentielle Mitarbeiter*innen schon in frühem Alter für spezielle, später im Dienst wahrscheinlich nützliche Hobbies zu interessieren versuchte, oder ist das ein Trugschluss? Es ist auf jeden Fall eine kleine Hoffnung von mir, denn eventuell geschah es so mit meinem Großvater und er hatte keinen anderen, schmerzhaften Grund für seinen Eintritt.. Ich lasse mich aber gern von einer anderen, wahrheitsgemäßen Erklärung berichtigen, auch wenn sie schmerzhaft sein könnte.


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29.06.2020 04:54
avatar  Merkur
#5
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@suppengrün, Du schreibst:
„Nach allem, das in der Schulzeit und im Selbststudium über das MfS gelehrt wurde, wollte man keinen Familienangehörigen als Teil dessen wissen.“
Warum eigentlich nicht, waren alle Mitarbeiter des MfS denn pauschal schlechte Menschen? Wenn Dein Großvater bei der Terrorabwehr war, bedeutet das doch zunächst erstmal, dass er an der Verhinderung oder Aufklärung von Terror- und Gewaltakten gegen seinen Staat und dessen Menschen beteiligt war. Wofür muss man sich dabei schämen?


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29.06.2020 07:10 (zuletzt bearbeitet: 29.06.2020 07:11)
avatar  furry
#6
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@suppengrün , ein sehr interessanter Bericht.
Über dieses Forum konnte ich auch mehr erfahren über den Mann einer Schulfreundin meiner Mutter. Bekannt war, dass er "Moskauschüler" war, dass er über Ulbricht, Wehner und Leonhardt gut informiert war, dass er in den 50er Jahren Offizier in Eggesin war und später, im Speckgürtel von Berlin wohnend, dass er tagtäglich in Zivil nach Straussberg fuhr.
Ich habe ihn als sehr netten, hochintelligenten Menschen in Erinnerung. Man konnte mit ihm zwanglos, obwohl man wusste er war Offizier (mehr aber auch nicht), über alles, auch über politische Fragen sprechen konnte, die man seinem Staatsbürgerkundelehrer besser nicht gestellt hätte.
Ich erinnere mich gern an ihn und würde er noch leben, ich hätte ihn dazu konkret befragt.

"Es gibt nur zwei Männer, denen ich vertraue: Der eine bin ich - der andere nicht Sie ... !" (Cameron Poe)


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29.06.2020 07:48
avatar  Hanum83
#7
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Ich kannte einen der war von Haus aus Fernmelde-Ingenieur und setzte seine Fähigkeiten ein um für das Ministerium gute Mithörmöglichkeiten zu schaffen, brachte es dabei bis zum Oberst, nach der Wende baute er eine Fernmelde-Firma auf und ich erhielt von ihm im Zuge der flächigen Ausstattung des Ostens mit Telefonie schöne Aufträge, also wir arbeiteten gut zusammen und es entwickelte sich über Jahre ein freundschaftliches Verhältnis.
Er war Baujahr 1937 und trat dem entsprechend in der Frühphase der DDR in die Dienste des Ministeriums.
Da wir viele Gespräche geführt haben, weiß ich das eher sein Beruf Berufung für ihn war als das Fangen von Feinden des Sozialismus, er hätte nie einen besseren Zugang zu diverser Technik erhalten können als dort wo er tätig war.
Ich hätte, wäre er direkter "Menschen-Bearbeiter" gewesen wohl ein Problem mit einer tieferen Freundschaft gehabt, als, heute nennt man das auf gut Deutsch "Technik-Freak", konnte man da irgendwie unterschwellig paar Augen zudrücken.
Vielleicht war ja dein Opa auch technikbegeistert in Sachen Funk.

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Wer nichts weiß muss alles glauben.

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29.06.2020 08:23
avatar  Lutze
#8
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Da bist du ja ganz schön vertrauensseelig Grenzwolf
Lutze

wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren


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29.06.2020 09:01
avatar  Ebro
#9
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Zitat von Merkur im Beitrag #5
Warum eigentlich nicht, waren alle Mitarbeiter des MfS denn pauschal schlechte Menschen?


Ja, @Merkur, diese Zeile fiel mir gestern beim ersten Lesen auch gleich auf!

Endlich als geistig primitiv erkannt worden, hat ja lange gedauert......!
Mitglied in einem Forum, indem man nur wegen der Vita regelmäßig dumm angemacht wird von Ahnungslosen und Dünnbrettbohrern

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29.06.2020 09:19
#10
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Danke für die vielen, interessanten Beiträge! Die positiven Geschichten innerhalb des Apparates freuen mich immer sehr.

Zitat von Merkur im Beitrag #5
@suppengrün, Du schreibst:
„Nach allem, das in der Schulzeit und im Selbststudium über das MfS gelehrt wurde, wollte man keinen Familienangehörigen als Teil dessen wissen.“
Warum eigentlich nicht, waren alle Mitarbeiter des MfS denn pauschal schlechte Menschen? Wenn Dein Großvater bei der Terrorabwehr war, bedeutet das doch zunächst erstmal, dass er an der Verhinderung oder Aufklärung von Terror- und Gewaltakten gegen seinen Staat und dessen Menschen beteiligt war. Wofür muss man sich dabei schämen?


Hallo Merkur,

natürlich möchte ich mit meinen Beiträgen keine Missverständnisse entstehen lassen, sondern diese aufdecken.
Deshalb möchte ich gerne klarstellen, dass ich mit dem gesamten obigen Beitrag nicht alle MfS-Mitarbeiter als schlechte Menschen pauschalisieren wollte und ich mich natürlich nicht über einen beispielsweise engagierten Aufklärer und Kämpfer im Anti-Terrorkampf mit einer gewissen Integrität schämen würde.

Dass meine Aussage falsch verstanden, beziehungsweise - ohne es Dir unterstellen zu wollen - eine gewisse Ehre kränken könnte, verstehe ich aber gut, weshalb es mir auch schwer fällt, meinen Großvater damit zu konfrontieren. Glücklicherweise können wir hier kommunizieren und ich lerne weiter, den Themenkomplex behutsam zu ver- und bearbeiten.

Als ich neulich durch Mielkes konserviertes Büro lief und fast die kleine Teeküche betreten konnte, fühlte ich mich sofort wie zu Hause bei meiner Großmutter. Sie hätte dort sicher auch für Mielke arbeiten können, und für Mielkes Stab jeden Tag kochen, statt daheim für meinen Großvater. Tolle Geräte in der Küche, alle Zutaten, die man sich wünscht, alles ständig aufgeräumt und an seinem Platz, viele hungrige Dienstleute, was wünscht sich ein Koch oder eine Köchin mehr?
Die "Technik-Freaks" im MfS waren sicher hellauf begeistert von der neuesten Technik und dem Arbeitsplatzangebot (danke für das schöne Beispiel @Hanum83 - ich bin sozusagen auch ein "Technik-Freak")
Ein Grenzschützer, der durch den Wald marschiert oder stundenlang auf dem Turm steht und seine Heimat vor gefährlichen Menschen zu schützen sucht, keine Frage, dafür und sicher für viele andere Berufe innerhalb des MfS muss man sich bestimmt in vielen Fällen nicht schämen und ist kein schlechter Mensch.

Erlaube mir aber bitte meine generelle Vorsicht, da mein Großvater wahrscheinlich lange für das MfS gearbeitet hat und in einer weisenden Funktion war und ich deshalb emotional davon betroffen bin. Ich bin von der Struktur, des Ausmaßes, der Technik, der Mitarbeiterbeteiligung, der positiven gesellschaftlichen Aspekte des MfS begeistert, kann kaum schlafen ob der Informationsfülle und versuche lediglich meinen Großvater neu kennenzulernen. Mit der Hoffnung, er ist sein Leben lang nicht einer verrückten Idee von Mielke hinterhergerannt, sondern konnte auch seinen eigenen Weg gehen.
Bin mir unsicher, ob er nicht auch schwerwiegende Entscheidungen fällen musste, die keinen positiven Ausgang als Alternative hatten. Das ist der Grund für das "nicht als Teil dessen wissen wollen". Immerhin liest man von Attentaten, sieht den Lehrfilm "Revisor", hört Mielke in öffentlichen Reden von Erschiessungen träumen, Du kennst wahrscheinlich auch noch weitere Beispiele.


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29.06.2020 09:55
avatar  Gert
#11
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Zitat von Ebro im Beitrag #9
Zitat von Merkur im Beitrag #5
Warum eigentlich nicht, waren alle Mitarbeiter des MfS denn pauschal schlechte Menschen?


Ja, @Merkur, diese Zeile fiel mir gestern beim ersten Lesen auch gleich auf!



Nun @Ebro deine Firma hat ja auch Tag und Nacht daran gearbeitet um sich dieses Etikett ans Revers zu heften. Das wird euch wohl ewig anhaften, unabhängig davon, was dem Einzelnen "anzulasten "ist.

Warum muss es uns eigentlich noch besser gehen, wenn es uns gut geht?

*Hubert Joost

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29.06.2020 10:48
avatar  Hanum83
#12
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Zitat von Lutze im Beitrag #8
Da bist du ja ganz schön vertrauensseelig Grenzwolf
Lutze

Nein Lutze, ich sah eher den Mensch hinter dem "Job" und da war er halt ein ganz feiner Mensch.

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Wer nichts weiß muss alles glauben.

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29.06.2020 11:14
avatar  Fall 80
#13
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Zitat von Gert im Beitrag #11
Zitat von Ebro im Beitrag #9
Zitat von Merkur im Beitrag #5
Warum eigentlich nicht, waren alle Mitarbeiter des MfS denn pauschal schlechte Menschen?


Ja, @Merkur, diese Zeile fiel mir gestern beim ersten Lesen auch gleich auf!


Nun @Ebro deine Firma hat ja auch Tag und Nacht daran gearbeitet um sich dieses Etikett ans Revers zu heften. Das wird euch wohl ewig anhaften, unabhängig davon, was dem Einzelnen "anzulasten "ist.
@Gert

Pauschalisierung ist immer sehr oberflächlich und stellt eben auch die etwas humaneren mit in den Senkel.

Ich erinnere mich an Aussagen von Lehrern, dass alle Teilnehmer des II. WK Verbrecher waren und man sich entsprechend davon distanzieren sollte.

Da will ich nur noch erwähnen, dass die meisten Klassenkameraden Väter hatten welche als Soldaten im Krieg waren.

Auch die Angehörigkeit in einer verbrecherischen Organisation macht denjeneigen nicht automatisch zum Verbrecher.

Unterscheiden tu ich eher danach ob jemand durch die allgemeine Wehrpflicht in so eine Situation gekommen ist, oder ob er sich freiwillig gemeldet und es als Beruf ausgeübt hat.

Am Ende kommt es immer darauf an wie sich jemend in bestimmte konkreten Situationen wirklich verhalten hat.

Auch nachweißlich große Verbrecher haben sich ihren Kindern/Enkeln und auch Fremden gegenüber oft sehr fürsorglich verhalten.

Uli


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29.06.2020 11:18
avatar  Gert
#14
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Zitat von Fall 80 im Beitrag #13
Zitat von Gert im Beitrag #11
Zitat von Ebro im Beitrag #9
Zitat von Merkur im Beitrag #5
Warum eigentlich nicht, waren alle Mitarbeiter des MfS denn pauschal schlechte Menschen?


Ja, @Merkur, diese Zeile fiel mir gestern beim ersten Lesen auch gleich auf!


Nun @Ebro deine Firma hat ja auch Tag und Nacht daran gearbeitet um sich dieses Etikett ans Revers zu heften. Das wird euch wohl ewig anhaften, unabhängig davon, was dem Einzelnen "anzulasten "ist.
@Gert

Pauschalisierung ist immer sehr oberflächlich und stellt eben auch die etwas humaneren mit in den Senkel.

Ich erinnere mich an Aussagen von Lehrern, dass alle Teilnehmer des II. WK Verbrecher waren und man sich entsprechend davon distanzieren sollte.

Da will ich nur noch erwähnen, dass die meisten Klassenkameraden Väter hatten welche als Soldaten im Krieg waren.

Auch die Angehörigkeit in einer verbrecherischen Organisation macht denjeneigen nicht automatisch zum Verbrecher.

Unterscheiden tu ich eher danach ob jemand durch die allgemeine Wehrpflicht in so eine Situation gekommen ist, oder ob er sich freiwillig gemeldet und es als Beruf ausgeübt hat.

Am Ende kommt es immer darauf an wie sich jemend in bestimmte konkreten Situationen wirklich verhalten hat.

Auch nachweißlich große Verbrecher haben sich ihren Kindern/Enkeln und auch Fremden gegenüber oft sehr fürsorglich verhalten.

Uli


rot mark.na das ist ja eine tolle Lebensweisheit. @Fall80 ich darf dich daran erinnern, dass die Angehörigen des MfS keine Wehrpflichtigen waren.

Warum muss es uns eigentlich noch besser gehen, wenn es uns gut geht?

*Hubert Joost

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29.06.2020 11:24
avatar  Fall 80
#15
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Zitat von Gert im Beitrag #14
Zitat von Fall 80 im Beitrag #13
Zitat von Gert im Beitrag #11
Zitat von Ebro im Beitrag #9
Zitat von Merkur im Beitrag #5
Warum eigentlich nicht, waren alle Mitarbeiter des MfS denn pauschal schlechte Menschen?


Ja, @Merkur, diese Zeile fiel mir gestern beim ersten Lesen auch gleich auf!


Nun @Ebro deine Firma hat ja auch Tag und Nacht daran gearbeitet um sich dieses Etikett ans Revers zu heften. Das wird euch wohl ewig anhaften, unabhängig davon, was dem Einzelnen "anzulasten "ist.
@Gert

Pauschalisierung ist immer sehr oberflächlich und stellt eben auch die etwas humaneren mit in den Senkel.

Ich erinnere mich an Aussagen von Lehrern, dass alle Teilnehmer des II. WK Verbrecher waren und man sich entsprechend davon distanzieren sollte.

Da will ich nur noch erwähnen, dass die meisten Klassenkameraden Väter hatten welche als Soldaten im Krieg waren.

Auch die Angehörigkeit in einer verbrecherischen Organisation macht denjeneigen nicht automatisch zum Verbrecher.

Unterscheiden tu ich eher danach ob jemand durch die allgemeine Wehrpflicht in so eine Situation gekommen ist, oder ob er sich freiwillig gemeldet und es als Beruf ausgeübt hat.

Am Ende kommt es immer darauf an wie sich jemend in bestimmte konkreten Situationen wirklich verhalten hat.

Auch nachweißlich große Verbrecher haben sich ihren Kindern/Enkeln und auch Fremden gegenüber oft sehr fürsorglich verhalten.

Uli


rot mark.na das ist ja eine tolle Lebensweisheit. @Fall80 ich darf dich daran erinnern, dass die Angehörigen des MfS keine Wehrpflichtigen waren.
@Gert

Ich habe allgemein geschrieben und nicht speziell über das MfS.

Mir ist schon klar, dass die da im wesentlichen freiwillig dabei waren. Das heißt aber nicht, dass alle solche Mordbuben wie ihr oberster Chef waren.

Ich kann mir sogar vorstellen, dass einige sicher "gekündigt" hätten wenn es so einfach möglich gewesen wäre.

Uli


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