Versehentlicher Grenzübertritt nach Hessen

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18.06.2020 09:00
avatar  birx20
#1
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Hallo zusammen,

Bin relativ neu im Forum, welches ich sehr interessant finde, da auch unterschiedliche Standpunkte und Meinungen meistens sehr sachlich diskutiert werden.

Ich habe von 04/1976 bis 04/1977 in der 10. GK Frankenheim/Rhön im Grenzregiment 3 Dermbach meinen Grundwehrdienst geleistet.
Vielleicht kennen ein paar von euch die höchstgelegene Grenzkompanie der DDR in Frankenheim, mit ihren zum Teil extremen Witterungsverhältnissen und dem schwierigen geografischen Grenzverlauf in der Hohen Rhön auf ca. 800 m über NN ? (siehe auch mein Profil)

Es war glaube ich noch zu Wissen, Anfang September 1976. Zu dieser Zeit war ich noch Posten in Frankenheim. Unsere linke Nachbarkompanie die 9.GK in Kaltenwestheim war zum Schiessen der Kompanie befohlen am anderen Tag und unser Zug musste deren Nachtschicht im Abschnitte von KWH übernehmen.
1976 haben wir noch bis ca. August fast auschließlich die Kompaniesicherung gehabt und sind dann wohl schrittweise zur Bataillionssicherung von Kaltenwestheim bis nach Stedtlingen zur 12 GK übergegangen, was für uns nicht einfach war.
In der besagten Nachtschicht wurden wir auf dem LO über unsere " Alte Rechte" und " Haarnadelkurve" erstmals zum Abschnitt der 9.KG gefahren.
Wir stiegen irgendwo im Wald wahrscheinlich noch im Bereich der TL der beiden Kompanien bei der "Alten Rechten " vom LO.
Unser Zugführer damals Ofw. R. Aehlig kannte den Abschnitt der 9. GK auch nur vom Hören und Sagen und sagte uns zur Einweisung in den Abschnitt nur " Männer hier irgendwo im Wald Richtung Unterweid muss die Staatsgrenze sein, dort findet ihr auch die Grenzmeldenetzmasten. Ich wünsche euch viel Erfolg im Abschnitt".
Das war alles an konkreter Einweisung in den uns unbekannten neuen Abschnitt.
Nicht weit entfernt etwa ca.1 km, befand sich mitten im Wald der 10. GK, dass für uns als Grenzer verbotene Objekt "Rhönhaus" des MfS, dem wir und niemals nähern durften (angeblich eventuell eine Schleusungsobjekt der Stasi ?)
Da standen wir nun bei einbrechender Dunkelheit in einen Abschnitt der 9.GK den wir nicht kannten.
1308 Sojus wird sicher bestätigen, in welchen Zustand die Grenze sich 1976 in Frankenheim bzw. Kaltenwestheim an der Trennungslinie zu Frankenheim befand.
Dicht bewaldet, die Grenze bestand aus einem ca. 1,50 m hohen zumTeil defekten alten Stacheldrahtzaun, von einer Minensperre war so gut wie nichts zu sehen, eine Mine ist in Frankenheim während meiner Dienstzeit nie explodiert, es sein denn der BGS hat mit uns wieder mal "Alarmgruppe gespielt, fast kein 6 m Kontrollstreifen in manchen Bereichen der Kompanie (Dreiländereck, Birx Dungberg oder Birx Köpfchen oder Birx Bildstein) aufgrund der geologischen Verhältnisse (extrem steinig in der Hohen Rhön) und dichter Wald bis fast an den Grenzzaun.
Also standen wir ahnungs-und orientierungslos bei fast vollständiger Dunkelheit im Wald zur Nachtschicht im fremden Abschnitt der 9.GK.
Befehlsgemäß versuchten wir uns nun im Dunkeln irgendwie uns zu orientieren und den nächsten Grenzmeldenetzmasten zu finden, um uns ordnungsgemäß im Abschnitt bei der Führungsstelle zu melden.
Nach dem wir eine Weile uns durch Wald und Gestrüpp geschlagen hatten, vom letzten Grenzzaun war bei vollständiger Dunkelheit nichts zu sehen und auch nicht zu spüren an den Beinen (z.B. Hängenbleiben im Stacheldrahtzaun).
Plötzlich tippt mir mein Postenführer auf die Schulter und sagt zu mir, Dieter dreh dich mal um. Ich drehe mich um und sehe hinter uns im Rücken in etwa 10 Entfernung die schemenhafte Grenzsäule der DDR.
Wir waren versehentlich nach Hessen rüber gelaufen !
Wir haben uns sehr dumm und verdattert angeschaut und geguckt ob BGS oder Zoll etwa schon auf uns wartet, um uns einzusammeln !
Glücklicherweise war nichts von den Kameraden auf der anderen Seite der Grenze in der Wildnis im Wald kurz vor Uberweid zu sehen.
Wir sind dann schleunigst in die DDR zurückgegangen.
Haben nach einer gewissen Zeit der Suche auch den GMN Masten gefunden uns dort angemeldet und die ganze Nacht bis zur Ablösung durch durch einen Zug der 9.GK Inder Nähe des GMN Masten verbracht, um nicht Gefahr zu laufen wieder nach Hessen rüber zu stolpern.
Wir (das Postenpaar) haben vereinbart, über den Vorfall mit niemanden zu sprechen, da wir eine eventuelle Bestrafung nicht ausschliessen konnten.

Ihr werdet wahrscheinlich mir diese Geschichte nicht glauben, aber sie ist wirklich passiert.

Ehemalige Kameraden wie 1308sojus der glaube ich, ein Jahr später in den Abschnitten von KWH und Frankenheim bis nach Stedtlingen gedient hat, kann euch sícher den abschnittsweise sehr ursprünglichen Zustand der Grenze in der 10. GK in Frankenheim 1976 bestätigen.

Bin gespannt auf eure Reaktion auf meinen Grenzerlebnis - Beitrag aus der Hohen Rhön.

Gruss

Dieter


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18.06.2020 09:26
avatar  mibau83
#2
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war 83/84 in stedtlingen, da hatten wir bereits wieder kompaniesicherung im gb kaltennordheim.


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18.06.2020 09:33
avatar  Lutze
#3
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Sehr interessante Begebenheit,
Herzlich Wilkommen bei uns im Forum
Lutze


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18.06.2020 09:40
#4
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... Willkommen! ...


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18.06.2020 09:46
#5
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#1
ich war 78/79 im Revier. Hauptsitz 9.GK. Hatten auch noch Bat.-Sicherung.
Willkommen im Klub.

Hauptmann


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18.06.2020 09:52
#6
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Absolut glaubhaft, die Story. Ich glaube aber nicht, daß Euch was passiert wäre. Allenfalls hätte Euer Vorgesetzter wegen der schlechten Einweisung einen Rüffel abbekommen, den er wiederum mit Grund nach weiter oben weiterreichen könnte. Der Stacheldraht sah vermutlich so aus wie der bei uns an der Grenze Niederneuendorf zu Westberlin Ende der 60er. Daß mit Kontrollstreifen nicht viel zu erkennen gewesen wäre, wenn Spuren drauf sind, kann ich mir gut vorstellen. In einem Gemisch aus Erde und Geröll ist das auch schlecht möglich. Die geologischen Verhältnisse im Untergund sind mir geläufig (notfalls Blick in die GK 25), Muschelkalk und Basalt.


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18.06.2020 10:00
#7
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#1

Willkommen im Forum.
Herrliche Geschichte. Und ihr konntet sie wirklich geheim halten?
Was hätte euch passieren können, wenn es rausgehommen währe?
Villeicht findest du jemanden im Forum der dir auskunft geben kann.
Viel Spass im Forum.


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18.06.2020 10:34
avatar  birx20
#8
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Danke für deine Antwort.
Der Postenführer und ich wir waren uns bewusst, wenn wir das Erlebnis (versehentlicher Grenzübertriit) in der Kompanie Vorgesetzten oder Kameraden erzählt hätten, dass es wahrscheinlich Ärger für uns gegeben hätte (Versetzung, Ausgangssperre etc.) und en Ärger wollten wir vermeiden.


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18.06.2020 10:39
#9
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Und warum seit Ihr nicht gleich dort geblieben?
Eine zweite Chance gibt es nicht.
MfG


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18.06.2020 10:47
avatar  birx20
#10
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Die Repressalien durch die Stasi und andere Behörden der DDR für die Familien nach dem Desertieren wären sehr schlimm gewesen. Außerdem wollte nicht jeder Grenzer damals abhauen und mein Kamerad der mich auf unser Problem aufmerksam gemacht hat, hätte mitgehen müssen.
Er hätte mich aber auch bei einer Flucht noch nachts erschiessen können und in die DDR zurückschleifen. Dafür hätte er dann bestimmt eine Auszeichnung erhalten, da er einen Deserteur unschädlich gemacht hat.


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18.06.2020 11:11
avatar  birx20
#11
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Danke für eure Antworten positiven Antworten und Reaktionen auf die fast unglaubliche Geschichte :-).

Ich werde gefragt, warum wir (das Postenpaar) nicht im Westen geblieben sind ?

Antwort: Nicht jeder Grenzer wollte damals unbedingt in den Westen. Darüber hinaus wären die Repressalien für die Familienangehörigen der Deserteure durch die Stasi und andere DDR Behörden schlimm gewesen. Auch unser Zugführer Ofw. Aehlig (genannt Spuli) der auch nicht richtig eingewiesen wurde in der Abschnitt der 9. GK, hätte wegen seiner schlechten Einweisung gewaltig Ärger bekommen.

Darüber hinaus war keiner von uns beiden Grenzsoldaten sicher, was der andere mit ihm gemacht hätte (Anwendung der AK 47), wenn dieser im Westen bleiben wollte.
Erschiessen/Anschiessen in die Beine und die maximal 10- 12 m den toten oder schwer verletzten Kameraden in die DDR zurückziehen und die Waffe des anderen mit Handschuhen durchladen und entsichern, wäre auch eine mögliche Option für ihn gewesen. So gut kannten wir uns auch untereinander nicht, dass jemals über das Thema Flucht (Desertieren) miteinander gesprochen wurde. Ich war damals im Dezember 1975 kurz vor Weihnachten in der Grundausbildung in Eisennach bei dem Einsatz gegen den Verbrecher Weinhold im Abschnitt bei Hildburghausen dabei und habe ihn die beiden Kameraden Erschiessen hören in der Nacht vom 19.12.1975. Das prägt auch für den Rest der Grenzdienstzeit.
Ich hatte damals eine nette Freundin in Frankenheim die ich gern wiedersehen wollte und ich hatte meinen Studienplatz an der Martin Luther Universität in Halle/Saale nach dem Wehrdienst sicher.
Das waren alles Beweggründe im Nachhinein in dem kurzen Moment in dem wir uns auf hessischen Gebiet befanden nicht an die Flucht zu denken.


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18.06.2020 16:42
avatar  BRB
#12
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BRB

Zitat von henning194902 im Beitrag #9
Und warum seit Ihr nicht gleich dort geblieben?
Eine zweite Chance gibt es nicht.
MfG

Es war nicht jeder so haltlos.

Mit der Wende wurde auch so manch Märtyrernimbus gestrichen.


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18.06.2020 17:00
#13
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Kleiner Hinweis:
Bereich 9 GK Kaltenwestheim im angesprochenen Zeitraum 1976 - 1977.

Im Abschnitt der 9. GK KWH gab es eine Minensperre 66 mit Minen PMN.
Der Bereich ging bis no Unterweid. Mittig der GS 1814 - 1813.
Im sich anschließenden Bereich Richtung Abschnitt der 10. GK war der Grenzzaun I noch nicht durchgängig ausgebaut.

Wie du schon geschrieben hast, Ihr wart aller Wahrscheinlichkeit nach im Bereich nördlich der TL unterwegs.
Da war vom doppelreihigen Stacheldrahtzaun nicht mehr viel vorhanden.
Ein K 6 war zu jener Zeit schon dort
Nach Deiner Zeit wurde dort am neu errichteten GZI ab der GS 1833 im Abschnitt der GK Frankenheim, 1979 eine Anlage 501 mit SM70 errichtet.


Das Rhönhäuschen war einige Zeit ein Treffort für geschleuste Personen. Nachdem das Objekt im Westen bekannt wurde (Befragung eines geflüchteten aus dem dortigen Bereich) wurde es auf Eis gelegt.


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18.06.2020 18:34
avatar  birx20
#14
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Toll, das du meine Angaben nahezu bestätigst und nicht als Phantasiegebilde abtust. Thunderhorse, bei dir muss es sich um einen echten Insider der Materie der 9. und 10. GK handeln (Abteilung 2000 ?, wer sollte sonst etwas über die Funktion des " Rhönhaus" wissen ? Weist du, ob in meiner Zeit 76/77 vom Rhönhaus aus, wahrscheinlich im Bereich der "alten Rechten" Schleusungen vorgenommen wurden ?)
In der besagten Nachtschicht an der TL zwischen der 10. und 9. GK waren wir vollkommen ahnungslos.
Hochinteressant was du schreibst. Kannst du noch mehr aus der Zeit in Frankenheim und KWH berichten. Danke für deine Einschätzung meines Erlebnisses.


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18.06.2020 19:14
avatar  hslauch
#15
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@birx20

Erstmal auch von mir ein herzliches Willkommen im Forum.

Tja, da hast du ja so zu sagen eine "kleine Fahnenflucht" (Spaß) erlebt...

Zu meiner Zeit (1987-1990) war der Grenzzaun 1 denke ich mal überall an der "grünen Grenze" entsprechend ausgebaut.....
Aber... im Bereich Heldrastein an der Trennungslinie der GK Ifta zur GK Großburschla hatten wir auch einen sehr sehr steilen und felsigen Abstieg
in Richtung Zufahrtstraße nach Großburschla ....und ich ziehe heute noch meinen Hut vor den "Jungs", die diesen Zaun in felsigem Gelände gebaut
haben..

Ich glaub ich hätte an deiner Stelle bestimmt erstmal 200 Blutdruck gehabt.... Man stelle sich mal vor, Ihr hättet in unmittelbarer Nähe
noch zufällig "Besuch" vom Grenzzolldienst oder BGS gehabt.....und das vielleicht unbemerkt ?


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