Grenzübertritt 27. Dezember 1982

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08.04.2020 14:03
avatar  Condor
#1
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Hallo liebe Forum-Mitglieder,

zuallererst vielen Dank für die Aufnahme! Ich hoffe, dass in dieser schwierigen Zeit alle wohlauf sind.

Ich bin Jahrgang 1963 und komme aus Magdeburg. Lebe aber schon seit mehr als 3 Jahrzehnten im Ausland und halte dennoch regelmäßigen Kontakt mit der Heimat. Mein Motto, wie bestimmt auch jenes der Meisten hier: Es war nicht alles schlecht in der DDR.

Welche Beziehung habe oder hatte ich zur Grenze? Am 27. Dezember 1982 war sie für ein paar Minuten sehr sehr eng. So etwas, wie eine Schicksalsbeziehung.

Es war ein ziemlich kalter Tag kurz nach Weihnachten. Mit einer Karte in der Tasche machte ich mich per Bahn in Richtung Grenze auf. Ich hatte mich entschieden, als 19jähriger, nicht mehr in der DDR leben zu wollen. Natürlich hatte ich meine persönlichen Gründe.

So. Vorneweg muss zugeben, dass ich mich an viele Details nicht mehr erinnern kann. Vor allem was die Ortschaft an der Grenze anbelangt.
Ich glaube mich dran zu erinnern, daß ich bis Oschersleben gefahren bin und dort in einem anderen Zug umgestiegen bin. Es waren von da an wohl nur noch 2 oder 3 Stationen.

Dann war Endstation. So in der Frühe. Vielleicht 10.00, vielleicht 11.00 Uhr. An den Namen des Ortes kann ich mich, wie gesagt, überhaupt nicht erinnern. Selbst wenn mir heute jemand mit Sicherheit den Ortsnamen sagen könnte, ich würde es trotzdem nicht bestätigen können.

Ganz allein, ohne je kontrolliert worden zu sein (!), ging ich zu Fuss in Richtung Grenze. Von weitem konnte ich eine schmale Strasse erkennen, die zu einem Grenzposten führte. Rechtzeitig biegte ich links ab und ging weiter bis ich an eine Scheune gelangte. Dort fand ich ein unverschlossenes Fenster vor, kletterte rein und war heil froh mich zunächst in Sicherheit zu wähnen.

So harrte ich einige Stunden aus bis es dunkel wurde. In meiner GST-Jacke hatte ich eine Kneifzange und einen Schraubenzieher dabei. :))) Echt zum Totlachen! Etwa ein - zwei Stunden nach Eintritt der Dunkelheit machte ich mich auf... in Richtung Scheinwerferlicht. Ein- oder zweimal musste ich mich in den Graben werfen, denn da näherte sich ein offener PKW der Grenztruppen. Ich glaube mir die Abstände der Patroullien gemerkt zu haben, so dass ich nun wusste wie viel Zeit ich habe, um abzuhauen.

Zuerst türmte sich ein riesiger Metallzaun vor mir auf. Keine Ahnung: vielleicht dreieinhalb oder vier Meter hoch. Da ich weiter nichts bei mir hatte, warf ich in meiner jugendlichen Naivität den Schraubenzieher gegen den Zaun, um zu sehen ob da Funken springen. Was anderes gab es ja auch nicht. Sollte ich etwa Erde oder Grass dagegen schmeissen?

Als nichts geschah, ging ich ganz dicht ran und berührte ihn kurz mit meinem Finger. Zum Glück kein Strom! Also kletterte ich ihn hinauf und liess mich auf der anderen Seite hinunter.

Als nächstes Acker. Und viel Licht. Ich blieb für einige Momente in der Hocke, überlegte kurz und entschied: "Renn was du kannst! Im Zick-zack. Mach die grösst möglichen Schritte, um so besser werden die Aussichten nicht auf eine Mine zu treten. Ich weiss nicht, wie weit es bis zum nächsten Zaun war. Mir erschien es, als wären es 100 Meter.

Geschafft! Kein Alarm, keine Sirenen, keine Hunde. Zumindest bis hier her. Und vor allem: Erst mal raus aus dem Scheinwerferlicht! Dieser nächste Zaun schien mir nicht so hoch zu sein, aber dennoch viel ungastfreundlicher. Ich konnte waagerecht angebrachte Drähte erkennen. Und kleine Kästchen an den Zaunpfählen, durch denen die Drähte verliefen.

Neee.... da kommste nicht rüber, sagte ich mir. Als ich da so nieder hockte, kam mir eine simple Idee: Buddeln! Ich fing also an zu graben. Aber zu meiner Enttäuschung ging der Zaun tief rein in die Erde. Dennoch: Ich buddelte weiter. Immer weiter. Als ich schon ein Loch von knapp einem Meter Tiefe gegraben hatte, und mit meiner Hand entlang des Zauns hinunter fühlte, konnte ich das untere Ende erfühlen.

Yessss!!! Von da an buddelte ich noch motivierter. Bis ich ein Loch hatte, durch das ich mich dann irgendwie durchzwängen konnte. Geschafft! So, wie nun weiter? Wo ist der nächste Zaun? Von nun an alles dunkel. Nach ein paar Metern gelangte ich an einen kleinen Fluss (?), Kanal (?)... Er war nicht mehr als vier Meter breit und hatte eine dünne Eisschicht. Rüber springen wollte ich trotzdem nicht. Vielleicht würde ich es auch gar nicht schaffen, obwohl ich zu der Zeit gut durchtrainiert war. Ganz in der Nähe fand ich am Ufer einen Baum, der fast bis zur anderen Seite hinüberragte.

Also hoch. Vielleicht finde ich einen starken Ast, von dem aus ich auf die andere Seite springen kann. Einen Ast fand ich. Nur war er nicht stark genug. Er brach ab und ich fiel ins Wasser! Trotz einiger Schwierigkeiten konnte ich mich am anderen Ufer aus dem eiskalten Nass ziehen.

Ich dachte mir: Nur nicht stehen bleiben. Sonst holst du dir was weg. Also orientierte ich mich kurz und fing an zu laufen... Als ich mich nach einiger Zeit ziemlich weit weg vom Scheinwerferlicht entfernt hatte, wusste ich: Jetzt bin ich im Westen.


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08.04.2020 14:28
#2
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Hallo Condor
Da hast Du aber viel Glück gehabt.
Nur mit bloßen Händen gebuddelt??
MfG henning


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08.04.2020 14:39
avatar  Condor
#3
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Ja, ich hatte nichts besseres! 😏


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08.04.2020 15:27
#4
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Zitat von henning194902 im Beitrag #2
Hallo Condor
Da hast Du aber viel Glück gehabt.
Nur mit bloßen Händen gebuddelt??
MfG henning


Mit bloßen Händen gebuddelt ? Weiter im Norden wäre das nicht so schwierig, da Sandboden, aber Oschersleben ? Habe mal die Geologische Karte westl. von Oschersleben angeklickt. Also Sandboden ist da noch lange keiner. Der fängt erst nördlich von Flechtingen an. Es sei denn, Du hast das Glück gehabt, in einer Talniederung mit tiefgründigen Flussablagerungen gebuddelt zu haben, also Kies/Sand-Ablagerungen. Dann halte ich das für möglich. Wie tief mußtest Du denn buddeln, mal grob geschätzt ?


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08.04.2020 15:31
avatar  Condor
#5
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Wie im Beitrag erwähnt: so einen knappen Meter, schätze ich mal.


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08.04.2020 15:42
avatar  Condor
#6
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Für mich wäre es interessanter zu erfahren, wo mein Grenzübertritt erfolgt sein könnte... Bis heute zerbreche ich mir darüber den Kopf. Na ja, vielleicht kommt da noch etwas Erleuchtendes von der BStU. Habe ja vor etwa eineinhalb Jahren einen Antrag auf Akteneinsicht gestellt.

Auf welchen Boden (Kies, Sand, Lehm, oder anderes) ich da gestossen bin, ist erst einmal zweitrangig.

Vielleicht noch eine Hilfe: Ganz in der Nähe hatte der Grenzverlauf einen rechteckigen Knick vollzogen gehabt.


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08.04.2020 15:49 (zuletzt bearbeitet: 08.04.2020 15:52)
avatar  sentry
#7
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Das hilft noch nicht so richtig weiter.
Wenn man mal bei Google Maps den Verlauf der Landesgrenze Sachsen-Anhalt/Niedersachsen im Bereich Oschersleben verfolgt, gibt's so einige ordentliche Knicke.

Wenn hier nicht noch ein Spezi unterwegs ist, der Deinen Fall kennt, wirst Du wohl tatsächlich auf die BStU warten müssen.
Die Chancen sind nicht schlecht.

Schöner Bericht und schöne Vorstellung jedenfalls.
Schreib doch mal, wie Du Zeit und Ort Deines Grenzübertritts ausgewählt hast.


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08.04.2020 16:11
avatar  Hanum83
#8
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Herzlich willkommen.
Da wird es sicherlich für einige bei den GT einen Satz heiße Ohren gegeben haben.
Erst Überwindung GSZ, wohl ohne Auslösung und dann noch Untergraben der 501.
Auweia.

----------------------------------------------------------------------------
Wer nichts weiß muss alles glauben.

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08.04.2020 16:13
avatar  Condor
#9
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Zufall! 😀😀
Ich glaube, ich hatte mir eine Bahnverbindung ausgewählt, bei der man am dichtesten an die Grenze herankommen konnte.

Die Auswahl des Zeitpunkt hing mit meiner persönlichen Krise zusammen, die damals über mich hineinbrach.


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08.04.2020 16:15
#10
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Hallo Condor, erinnerst Du Dich auch nicht an die bundesdeutsche Stadt/Ortschaft, in der Du gelandet bist oder wo Dich wer auch immer (Unbeteiligte, Familie, Polizei) in Empfang genommen hat?


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08.04.2020 16:20
avatar  Condor
#11
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Wenn ich mir so die Google-Karte der damaligen innerdeutschen Grenze anschaue, liebäugele ich mit Jerxheim oder Söllingen...

Und ja, ich kam nach etwa einer halben Stunde an einem Haus. Man öffnete mir und liess mich rein. Sie versorgten mich und riefen den Grenzschutz an.


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08.04.2020 16:24
#12
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Zitat von Condor im Beitrag #11
Wenn ich mir so die Google-Karte der damaligen innerdeutschen Grenze anschaue, liebäugele ich mit Jerxheim oder Söllingen...

Und ja, ich kam nach etwa einer halben Stunde an einem Haus. Man öffnete mir und liess mich rein. Sie versorgten mich und riefen den Grenzschutz an.
Wo wurdest Du denn zuerst befragt?


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08.04.2020 16:26
avatar  Condor
#13
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Ich glaube noch dort vor Ort bei der Familie.


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08.04.2020 16:29
#14
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Es könnte die Bahnlinie Oschersleben Gunsleben sein (2 Stationen). Vom Bahnhof bis zur Grenze ca. 5 km Luftlinie


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08.04.2020 16:30
avatar  Condor
#15
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Am nächsten Tag fuhren sie nochmal mit mir zur Grenze, damit ich den genauen Punkt des Übertritts bestätigen konnte. Da sah ich übrigens auch DDR-Grenzer, die sich offensichtlich das Loch anschauten. Einer fotografierte uns...


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