Die Spionage der CIA im Bereich der " Oder-Neiße-Friedensgrenze"

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16.02.2020 10:59 (zuletzt bearbeitet: 16.02.2020 14:05)
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ABV

Vor einiger Zeit hat die CIA einen großen Teil ihrer Unterlagen aus der Zeit des " Kalten Krieges" für die Öffentlichkeit freigegeben. Man kann sie frei im Internet abrufen: Klick hier

Ein wesentlicher Teil der Dokumente sind natürlich in englischer Sprache. Es finden sich aber auch viele im Original eingestellte " Beutestücke". Zum Beispiel die Vorschrift für den Grenzdienst und interne Telefonverzeichnisse von DDR-Behörden sowie entsprechende Organigramme.
Bei der Durchsicht der Dokumente war ich immer wieder über den detaillierten Kenntnisstand der "Amis" über bestimmte Abläufe, Standorte bis hin zu Vorkommnissen, überrascht. Die CIA muss tatsächlich über ein weitverzweigtes Agentennetz in der DDR verfügt haben. Erich Mielke würde wohl, bei nachträglicher Kenntnis der " CIA-Files", heute in seinem Grab rotieren.
In den Unterlagen findet sich auch ein fast vierzig Seiten starkes, aus dem Jahr 1958 stammendes Dossier über die Staatsgrenze zwischen der (damaligen) DDR und der ebenfalls damaligen Volksrepublik Polen. Darin finden sich jede Menge interessante, heute zum überwiegenden Teil vergessene Aspekte. Kein Wunder! Werden doch die Grenzen zu den früheren " Bruderländern" der DDR selbst von Historikern bei der historischen Betrachtung eher beiläufig behandelt. Da an den Grenzen zur VR Polen und zur CSSR spätestens seit Mitte der Sechziger Jahre so gut wie keine Wehrpflichtigen mehr zum Einsatz kamen, spielen sie auch in Foren wie diesem nur eine mehr als untergeordnete Rolle. Allerdings - zumindest meiner Meinung nach - völlig zu Unrecht!

Aber kommen wir zum Thema :

Die über 400 km lange, von Ahlbeck bis Zittau reichende Staatsgrenze zwischen der DDR und der VR Polen, barg von Anfang an jede Menge politischen Zündstoff. Sie war, wie die "Innerdeutsche Grenze" und die " Berliner Mauer", keine in langen historischen Prozeßen entstandene Grenze. Da der Verlauf der neuen polnischen Westgrenze von bestimmten politischen Kreisen in der Bundesrepublik lange Zeit nicht anerkannt wurde, richteten die Regierungen in Warschau und (Ost)Berlin ein besonderes Augenmerk darauf.
Aber auch viele DDR-Bürger waren mit der neuen Staatsgrenze nicht einverstanden. Auch wenn sie ihren Unmut nicht offiziell offiziell äußern konnten.
Zu denen die sich mit dem Grenzverlauf nicht abfinden wollten, gehörten in erster Linie die vielen Vertriebenen aus den zu Polen gehörenden Gebieten.
Die DDR nannte diese Menschen verharmlosend "Umsiedler". Ähnlich "verschämt" ging die polnische Regierungen mit den in den ehemaligen deutschen Gebieten angesiedelten Familien vor. Diese "durften sich Repatrianten nennen." Repatrianten bedeutet soviel wie Rückkehrer. Dabei hatten diese Menschen, genau wie ihre deutschen Schicksalsgenossen, zuvor ebenfalls ihre Heimat verloren. Diese lag weit im Osten und gehörte nun zur Sowjetunion.

Betrachtet man die Situation an der " Friedensgrenze" im Jahr 1958, dreizehn Jahre nach ihrer Entstehung, dann fällt sofort die absolute, gegenseitige Abschottung ins Auge. Diese Abschottung traf vor allem auf polnischer Seite zu. Dort zog sich von Nord nach Süd, über die gesamte Grenze, ein mehrere Meter breiter Spurenstreifen. Ein bis zu zweieinhalb Meter hoher Y-förmiger Sperrzaun, Beobachtungstürme, Stolperdrähte und damit verbundene Signalraketen sollten illegale Grenzübertritte ebenso verhindern, wie rund um die Uhr patroullierende Angehörige der Wojsko Ochrony Pograniczne (WOP)

Der polnische Grenzschutz

In dem Video erkennt man sehr gut den Spurenstreifen an der Staatsgrenze zur DDR


Kurzum : Die Situation ähnelte, zumindest in einigen Aspekten eher die an der " Innerdeutschen Grenze". Von einer völkerverbindenen Grenze, wie von der Propaganda gebetsmühlenartig gefordert, konnte keine Rede sein. Im Gegenteil : die Bevölkerung durfte der Grenze nicht einmal zu Nahe kommen.
Wer in unmittelbarer Nähe der Grenze wohnte, musste etwaigen Besuch zuvor bei der Grenzpolizei anmelden. Diese Regelung traf auch auf die DDR-Seite zu. In einigen, als besonders sensibel betrachteten Gebieten, durften überhaupt keine Besuche empfangen werden. Dort existierte fünf Kilometer hinter der eigentlichen Staatsgrenze, noch ein zweiter " Sperrgürtel". Neben der, wohl nicht völlig unberichtigten Furcht vor Spionen, dürfte die relative Nähe zum offenen "Schlupfloch" Westberlin den Umfang der Sicherungsmaßnahmen bestimmt haben. Sicherlich haben die Polen, in Anbetracht ihrer Geschichte mehr als verständlich, selbst ihren " deutschen Brüdern" in der DDR nicht völlig über den Weg getraut.

1957 fiel selbst dem ZK der PVAP, der regierenden Kommunistischen Arbeiterpartei Polens, die augenscheinliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit auf. Um den Eindruck eines " Eisernen Vorhangs" zwischen zwei sozialistischen Staaten wenigstens zu minimieren, sollten die Sperrzäune auf eine Höhe von nur noch 1, 50 m abgesenkt werden. 1958 konstatierte allerdings die CIA, dass verantwortliche Grenzschützer aus Szczecin und Löcknitz sich gegen eine derartige Absenkung ausgesprochen hatten.

Die Zusammenarbeit zwischen der " Deutschen Grenzpolizei" (DGP) und der WOP funktionierte, zumindest nach dem Bericht der CIA, auch ansonsten erstaunlich reibungslos. In regelmäßigen Abständen trafen sich die jweiligen Kommandeure auf Regimentsebene, zu mehrstündigen Beratungen über die Lage in ihren Grenzabschnitten. An diesen Beratungen nahmen auch die Leiter der örtlich zuständigen Dienststellen der Volksplizei und des MfS, sowie bei Bedarf, der Kommandeur der im Grenzabschnitt stationierten sowjetischen Einheiten teil. Bei den Beratungen wurde auch die Postenverteilung erörtet. Konnte eine Seite einen bestimmten Abschnitt personell nicht ausreichend sichern, verstärkte die andere Seite dafür in diesem Bereich ihre Posten.
Seitens der CIA wurde aber auch von einer ganz anderen Kooperation zwischen DGP und WOP berichtet. So hatte sich beispielsweise im Bereich Hintersee, wo die Staatsgrenze über Land verlief, ein schwunghafter gegenseitiger Handel etabliert. Gänse, Fleisch und Wurstwaren, Schnaps und Zigaretten wechselten über die Grenze hinweg ihren Besitzer.

Überhaupt schätzte die CIA den moralischen Zustand der an der Grenze tätigen Einheiten sehr unterschiedlich ein. Die von einem Leutnant Jawoschek geführte Grenzkompanie in Blankensee ( heute zum Bundesland Mecklenburg-Vorpommern gehörend), muss ein regelrechter " Sauhaufen" gewesen sein.
Vorkommnisse unter Alkoholeinfluss und Schlafen im Dienst gehörten dort zur Tagesordnung. Darüber hinaus kam es immer wieder zu "handfesten" Auseinandersetzungen mit der Bevölkerung. Auch sonst nahmen es die Grenzpolizisten dieser Kompanie mit der Dienstdurchführung nicht sehr genau. Einige von ihnen besserten ihren Sold auf, in dem sie Wilddiebe in ihren Abschnitten gewähren ließen.


Fortsetzung folgt

16.02.2020 11:04
#2
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Zitat von ABV im Beitrag #1
Vor einiger Zeit hat die CIA einen großen Teil ihrer Unterlagen aus der Zeit des " Kalten Krieges" für die Öffentlichkeit freigegeben. Man kann sie frei im Internet abrufen: Klick hier

Ein wesentlicher Teil der Dokumente sind natürlich in englischer Sprache. Es finden sich aber auch viele im Original eingestellte " Beutestücke". Zum Beispiel die Vorschrift für den Grenzdienst und interne Telefonverzeichnisse von DDR-Behörden sowie entsprechende Organigramme.
Bei der Durchsicht der Dokumente war ich immer wieder über den detaillierten Kenntnisstand der "Amis" über bestimmte Abläufe, Standorte bis hin zu Vorkommnissen, überrascht. Die CIA muss tatsächlich über ein weitverzweigtes Agentennetz in der DDR verfügt haben. Erich Mielke würde wohl, bei nachträglicher Kenntnis der " CIA-Files", heute in seinem Grab rotieren.
In den Unterlagen findet sich auch ein fast vierzig Seiten starkes, aus dem Jahr 1958 stammendes Dossier über die Staatsgrenze zwischen der (damaligen) DDR und der ebenfalls damaligen Volksrepublik Polen. Darin finden sich jede Menge interessante, heute zum überwiegenden Teil vergessene Aspekte. Kein Wunder! Werden doch die Grenzen zu den früheren " Bruderländern" der DDR selbst von Historikern bei der historischen Betrachtung eher beiläufig behandelt. Da an den Grenzen zur VR Polen und zur CSSR spätestens seit Mitte der Sechziger Jahre so gut wie keine Wehrpflichtigen mehr zum Einsatz kamen, spielen sie auch in Foren wie diesem nur eine mehr als untergeordnete Rolle. Allerdings - zumindest meiner Meinung nach - völlig zu Unrecht!

Aber kommen wir zum Thema :

Die über 400 km lange, von Ahlbeck bis Zittau reichende Staatsgrenze zwischen der DDR und der VR Polen, barg von Anfang an jede Menge politischen Zündstoff. Sie war, wie die "Innerdeutsche Grenze" und die " Berliner Mauer", keine in langen historischen Prozeßen entstandene Grenze. Da der Verlauf der neuen polnischen Westgrenze von bestimmten politischen Kreisen in der Bundesrepublik lange Zeit nicht anerkannt wurde, richteten die Regierungen in Warschau und (Ost)Berlin ein besonderes Augenmerk darauf.
Aber auch viele DDR-Bürger waren mit der neuen Staatsgrenze nicht einverstanden. Auch wenn sie ihren Unmut nicht offiziell offiziell äußern konnten.
Zu denen die sich mit dem Grenzverlauf nicht abfinden wollten, gehörten in erster Linie die vielen Vertriebenen aus den zu Polen gehörenden Gebieten.
Die DDR nannte diese Menschen verharmlosend "Umsiedler". Ähnlich "verschämt" ging die polnische Regierungen mit den in den ehemaligen deutschen Gebieten angesiedelten Familien vor. Diese "durften sich Repatrianten nennen." Repatrianten bedeutet soviel wie Rückkehrer. Dabei hatten diese Menschen, genau wie ihre deutschen Schicksalsgenossen, zuvor ebenfalls ihre Heimat verloren. Diese lag weit im Osten und gehörte nun zur Sowjetunion.

Betrachtet man die Situation an der " Friedensgrenze" im Jahr 1958, dreizehn Jahre nach ihrer Entstehung, dann fällt sofort die absolute, gegenseitige Abschottung ins Auge. Diese Abschottung traf vor allem auf polnischer Seite zu. Dort zog sich von Nord nach Süd, über die gesamte Grenze, ein mehrere Meter breiter Spurenstreifen. Ein bis zu zweieinhalb Meter hoher Y-förmiger Sperrzaun, Beobachtungstürme, Stolperdrähte und damit verbundene Signalraketen sollten illegale Grenzübertritte ebenso verhindern, wie rund um die Uhr patroullierende Angehörige der Wojsko Ochrony Pograniczne (WOP)

https://www.youtube.com/watch?v=FOhISqo0Wbk

In dem Video erkennt man sehr gut den Spurenstreifen an der Staatsgrenze zur DDR


Kurzum : Die Situation ähnelte, zumindest in einigen Aspekten eher die an der " Innerdeutschen Grenze". Von einer völkerverbindenen Grenze, wie von der Propaganda gebetsmühlenartig gefordert, konnte keine Rede sein. Im Gegenteil : die Bevölkerung durfte der Grenze nicht einmal zu Nahe kommen.
Wer in unmittelbarer Nähe der Grenze wohnte, musste etwaigen Besuch zuvor bei der Grenzpolizei anmelden. Diese Regelung traf auch auf die DDR-Seite zu. In einigen, als besonders sensibel betrachteten Gebieten, durften überhaupt keine Besuche empfangen werden. Dort existierte fünf Kilometer hinter der eigentlichen Staatsgrenze, noch ein zweiter " Sperrgürtel". Neben der, wohl nicht völlig unberichtigten Furcht vor Spionen, dürfte die relative Nähe zum offenen "Schlupfloch" Westberlin den Umfang der Sicherungsmaßnahmen bestimmt haben. Sicherlich haben die Polen, in Anbetracht ihrer Geschichte mehr als verständlich, selbst ihren " deutschen Brüdern" in der DDR nicht völlig über den Weg getraut.

1957 fiel selbst dem ZK der PVAP, der regierenden Kommunistischen Arbeiterpartei Polens, die augenscheinliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit auf. Um den Eindruck eines " Eisernen Vorhangs" zwischen zwei sozialistischen Staaten wenigstens zu minimieren, sollten die Sperrzäune auf eine Höhe von nur noch 1, 50 m abgesenkt werden. 1958 konstatierte allerdings die CIA, dass verantwortliche Grenzschützer aus Szczecin und Löcknitz sich gegen eine derartige Absenkung ausgesprochen hatten.

Die Zusammenarbeit zwischen der " Deutschen Grenzpolizei" (DGP) und der WOP funktionierte, zumindest nach dem Bericht der CIA, auch ansonsten erstaunlich reibungslos. In regelmäßigen Abständen trafen sich die jweiligen Kommandeure auf Regimentsebene, zu mehrstündigen Beratungen über die Lage in ihren Grenzabschnitten. An diesen Beratungen nahmen auch die Leiter der örtlich zuständigen Dienststellen der Volksplizei und des MfS, sowie bei Bedarf, der Kommandeur der im Grenzabschnitt stationierten sowjetischen Einheiten teil. Bei den Beratungen wurde auch die Postenverteilung erörtet. Konnte eine Seite einen bestimmten Abschnitt personell nicht ausreichend sichern, verstärkte die andere Seite dafür in diesem Bereich ihre Posten.
Seitens der CIA wurde aber auch von einer ganz anderen Kooperation zwischen DGP und WOP berichtet. So hatte sich beispielsweise im Bereich Hintersee, wo die Staatsgrenze über Land verlief, ein schwunghafter gegenseitiger Handel etabliert. Gänse, Fleisch und Wurstwaren, Schnaps und Zigaretten wechselten über die Grenze hinweg ihren Besitzer.

Überhaupt schätzte die CIA den moralischen Zustand der an der Grenze tätigen Einheiten sehr unterschiedlich ein. Die von einem Leutnant Jawoschek geführte Grenzkompanie in Blankensee ( heute zum Bundesland Mecklenburg-Vorpommern gehörend), muss ein regelrechter " Sauhaufen" gewesen sein.
Vorkommnisse unter Alkoholeinfluss und Schlafen im Dienst gehörten dort zur Tagesordnung. Darüber hinaus kam es immer wieder zu "handfesten" Auseinandersetzungen mit der Bevölkerung. Auch sonst nahmen es die Grenzpolizisten dieser Kompanie mit der Dienstdurchführung nicht sehr genau. Einige von ihnen besserten ihren Sold auf, in dem sie Wilddiebe in ihren Abschnitten gewähren ließen.


Fortsetzung folgt
Guten Morgen Uwe, Danke ein sehr interessanter Beitrag von Dir.
Muß ich erst mal verarbeiten.
Gruß Frank


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16.02.2020 11:42
avatar  B Man
#3
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Zitat von ABV im Beitrag #1
Betrachtet man die Situation an der " Friedensgrenze" im Jahr 1958, dreizehn Jahre nach ihrer Entstehung, dann fällt sofort die absolute, gegenseitige Abschottung ins Auge.


Es fällt eigentlich auch sofort auf wenn man da unterwegs ist das die vielen im Krieg zerstörten Brücken nicht wieder aufgebaut wurden.
Seltsam gerade wo die Ortschaften nur durch den Fluss getrennt wurden.

Auf Usedom bei Ahlbeck sieht man auf DDR Seite noch den Kolonnenweg der fast bis zum Strand geht.

Gruss Andreas


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16.02.2020 12:49
avatar  Merkur
#4
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[quote=ABV|p734062]Die CIA muss tatsächlich über ein weitverzweigtes Agentennetz in der DDR verfügt haben. Erich Mielke würde wohl, bei nachträglicher Kenntnis der " CIA-Files", heute in seinem Grab rotieren.

Das glaube ich weniger, da die Spionageabwehr des MfS über ein realistisches Lagebild verfügte, über das Mielke natürlich regelmäßig unterrichtet wurde. Und ein erheblicher Teil der amerikanischen Quellen wurde ja auch enttarnt oder vom MfS als IMB gesteuert.


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16.02.2020 13:31
#5
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[quote=Merkur|p734071][quote=ABV|p734062]Die CIA muss tatsächlich über ein weitverzweigtes Agentennetz in der DDR verfügt haben. Erich Mielke würde wohl, bei nachträglicher Kenntnis der " CIA-Files", heute in seinem Grab rotieren.

Das glaube ich weniger, da die Spionageabwehr des MfS über ein realistisches Lagebild verfügte, über das Mielke natürlich regelmäßig unterrichtet wurde. Und ein erheblicher Teil der amerikanischen Quellen wurde ja auch enttarnt oder vom MfS als IMB gesteuert.Man sollte die Gesamtheit der Möglichkeiten auf der jeweiligen Seite berücksichtigen.
Humint durch Quellen vor Ort war nicht alles.

Auf der anderen Seite, auch das MfS wußte nicht alles und bekam nicht alles mit. So wegen der realistischen Lagebilder.

"Mobility, Vigilance, Justice"

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16.02.2020 13:51
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#6
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ABV

1. Fortsetzung

Wesentlich besser liest sich dagegen beispielsweise die von der CIA über die von Leutnant Rudi Stutzke geführte Grenzkompanie Pampow. Dieser Kompanie wurde eine gute Disziplin bescheinigt. Leutant Stutzke besaß daran einen großen Anteil, lobte die CIA. Ausdrücklich wurde auch die Unbestechlichkeit der Grenzpolizisten dieser Kompanie hervorgehoben.
Die beste und fähigste Grenzkompanie hatte allerdings, laut CIA, ihren Sitz in Neu Linken ihren Sitz. Der Kompaniechef, Oberleutnant Otto Schmidtke, benötigte in seinem Abschnitt auch die besten Leute. Denn dieser Abschnitt galt als einer der Schwerpunkte bezüglich illegaler Grenzübertritte. Auf dieses Thema gehe ich später noch einmal genaue ein.

Auch die Beurteilung der polnischen WOP-Kompanien fällt sehr differenziert, jedoch, ebenso wie im Fall der DGP, wohl auch sehr präzise aus.
So heißt es im Fall der Grenzkompanie Rzedziny :
" Die Disziplin in dieser Einheit ist sehr locker. Die Posten verlassen häufig die ihnen zugewiesenen Posten. Andere schlafen im Dienst. Die Männer gelten als äußerst korrupt. Sie unterhalten illegale Geschäfte mit den Angehörigen der deutschen Grenzpolizei. Gänse und Muntion wird gegen Kleidung und andere Dinge getauscht."

Ganz anders die benachbarte Grenzkompanie Daber:

" Die Disziplin in der Einheit kann als sehr gut eingeschätzt werden. Bislang mussten keine Bestrafungen gegen Soldaten wegen Verstößen im Grenzdienst ausgesprochen werden."

Wie sah das Verhältnis zwischen den Grenzern und der jeweiligen Grenzbevölkerung aus? Wer sich mit den Verhältnissen an den DDR-Grenzen auskennt, kann sich die Antwort wohl denken. Ob jemand positiv oder negativ gegenüber den Maßnahmen der Grenzer eingestellt war, hing auch hier nicht unwesentlich davon ab, inwieweit diese Maßnahmen in sein persönliches Leben eingriffen. Das denkbar schlechtestes Verhältnis bestand, auf beiden Seiten der Grenze, zwischen Grenzern und Fischern. Und zwar immer dort, wo die Staatsgrenze mitten durch Gewässer verlief. Überwiegend traf das auf die Oder und Neiße zu. Aber unter anderem auch auf den Mützelburger See, polnisch Jezioro Mysliborskie. Hier bestand bis 1945 eine rege Nutzung durch die Fischerei. Viele Fischerfamilien unterhielten ihre kleinen Unternehmungen bereits seit Generationen. Die Festlegung der neuen polnischen Westgrenze beendete nicht nur eine langjährige Tradition. Sie brachte die auf diesem See tätigen Fischer um ihre Existenzgrundlage! Gefischt werden durften nur noch auf der Hälfte des Sees, unter strenger Aufsicht der Grenzpolizei. Schon den geringsten Verstößen gegen die Grenzordnung drohten harte Strafen, bis hin zum Entzug der Fischereierlaubnis. Einige Fischer durften nur unter Aufsicht der Grenzpolizei ihrem Broterwerb nachgehen.

Im Bereich des zu Polen gehörenden Oderhaffs bewachte die WOP die Bootsanlegestelle der Fischer. Auf dem Haff durften die Fischer nur in der Zeit von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang ihrer Arbeit nachgehen. Zuvor mussten sie ihre Personaldokumente bei der WOP abgeben. Im Gegenzug erhielten die Fischer einen speziellen Pass, der ihnen den Aufenthalt auf dem Grenzgewässer erlaubte. Wehe dem Fischer, der von den Bootsstreifen der WOP ohne diesen Pass erwischt wurde. Ihm drohte in jedem Fall der Entzug der Fischereierlaubnis. Wer sich gegen die polnische Regierung "vermaulte", sprich offen gegen die herrschenden politischen Verhältnisse eingestellt war, durfte ebenfalls nicht mehr auf den Grenzgewässern tätig sein.

Auf der Oder war die Fischerei 1958, jedenfalls laut dem Bericht der CIA, völlig zum Erliegen gekommen. Angeblich hatte sich zwischen deutschen und polnischen Fischern eine rege Schmuggeltätigkeit entwickelt, so dass die Grenzorgane " dem Treiben ein Ende setzen". Allzu lange dürfte dieser Zustand wohl sicherlich nicht angehalten haben. Schließlich diente die Oderfischerei der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln. Und damit hatten bekanntlich sowohl die DDR als auch die VR Polen " so ihre Sorgen".

Langfristig dürfte der Einsatz von Informanten der Staatssicherheit und ihres polnischen Pendants in den Grenzorten gewesen sein. Dieser Umstand war natürlich auch der CIA nicht verborgen geblieben. Auf der polnischen Seite der Grenze hatten diese Informanten die explizite Aufgabe, die angemeldeten Besucher zu beobachten und unangemeldete Besucher zu melden. Im polnischen Grenzort Mysliborz Wielki ( Groß Mützelburg) lebten noch einige frühere deutsche Bewohner. Darunter ein Oberförster, der bis 1945 der NSDAP angehört haben soll. Wie und warum diese Menschen der Vertreibung entgehen konnten, ist nicht bekannt. Die CIA-Quelle vermutete jedenfalls, dass es sich bei den Deutschen um " rekrutierte Quellen des polnischen Geheimdienst" handelte.


wird fortgesetzt


Gruß an alle

Uwe

16.02.2020 14:00 (zuletzt bearbeitet: 16.02.2020 14:06)
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#7
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ABV

Zitat von Merkur im Beitrag #4
[quote=ABV|p734062]Die CIA muss tatsächlich über ein weitverzweigtes Agentennetz in der DDR verfügt haben. Erich Mielke würde wohl, bei nachträglicher Kenntnis der " CIA-Files", heute in seinem Grab rotieren.

Das glaube ich weniger, da die Spionageabwehr des MfS über ein realistisches Lagebild verfügte, über das Mielke natürlich regelmäßig unterrichtet wurde. Und ein erheblicher Teil der amerikanischen Quellen wurde ja auch enttarnt oder vom MfS als IMB gesteuert.
Das mag in vielen, aber eben nicht allen Fällen zutreffen. Im Bereich Küstrin-Kietz wurde der letzte CIA-Agent 1955 enttarnt. Dennoch sind bis mindestens 1958 noch Berichte über die seinerzeit im Bereich der Oderinsel stationierten sowjetischen Luftabwehrraketen nachweisbar. Die Agenten lieferten sogar die genauen Standorte der Raketen, inklusive Lageskizzen. Aus den mir bisher bekannten Akten des MfS geht hervor, dass das MfS diesbezüglich ziemlich im Dunkeln tappte. Man vermutete weitere "Spionageangriffe", konnte sie aber nicht nachweisen.


Gruß Uwe

16.02.2020 15:03
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#8
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ABV

2.Fortsetzung

Die DGP untergliederte sich an der Grenze zur VR Polen wie folgt:

Grenzregiment Greifswald
Grenzregiment Löcknitz
Grenzregiment Görlitz

Diese Regimenter umfassten jeweils zwischen 1200 und 1500 Mann, unterteilt in Bataillonen von ungefähr 300 Mann und Kompanien zwischen 40 und 70 Mann.
Wie die CIA aus einem ihr vorliegenden Dokument des DDR-Innenministeriums erfuhr, sollte die DGP an der Ostgrenze bis 1960 militärischer organisierter werden. In der kommenden Struktur sollten Grenzbrigaden mit jeweils vier Regimentern gebildet werden. Diese sollten sich wiederum in vier Bataillone und diese sich in vier Kompanien unterteilen. Als Sitz für die Regimenter waren unter anderem Eberswalde, Angermünde, Eberswalde,Cottbus und Stalinstadt (Eisenhüttenstadt) im Gespräch. Dazu ist es bekanntlich nicht gekommen. Die DGP wurde bereits Anfang 1961 weitgehend von den Ostgrenzen abgezogen und an die Westgrenze der DDR bzw. nach Berlin verlegt.

Die Zuständigkeitsbereiche der Grenzregimenter waren von unterschiedlicher Länge. Das Greifswalder Regiment kümmerte sich um den Grenzabschnitt an der Ostsee. Dort kamen lediglich zwei Kompanien, von denen eine ihren Sitz in Ahlbeck und die andere in Alt Caminke hatte, zum Einsatz. Während die Kompanie Ahlbeck auch den Landbereich kontrollierte, befand sich in Alt Caminke lediglich eine Bootskompanie.

Dagegen besaß das Grenzregiment Löcknitz, zu denen die Bataillone Löcknitz, Storkow, Oderberg und Kietz gehörten, einen sehr großen Bereich.
Relativ lang war auch der Grenzabschnitt des Regimentes Görlitz. Dieser umfasste die Bataillone Frankfurt (Oder), Forst und Weißwasser.

Im Bereich der Oder und der Neiße kamen sowohl Boote, als auch Fuß-Krad und KfZ-Streifen, sowie Turm-Posten zum Einsatz. Anders als im weiter nördlich gelegenen " Land-Sektor" der Staatsgrenze, gab es in diesem Bereich keine Alarmgeräte und auch keine Wachhunde. Die wenigen vorhandenen Brücken wurden durchgehend mit Doppelposten besetzt.

Eine Grenzkompanie der DGP unterteilte sich wie folgt :

- Kommandant
- Stellvertreter für politische Arbeit
- Stellvertreter Operativ
- Innendienstleiter
- 5 Unteroffiziere für die operative Arbeit
- 2 Unteroffiziere für die administrative Arbeit
- 45 Mannschaftsdienstgrade für den Grenzdienst
- 2 Kraftfahrer
- 4 Diensthundeführer

Die Ausstattung bestand aus :
- 34 Maschinenpistolen
- 34 Karabiner
- 44 Maschinengewehre
- 33 Pistolen
- 10 Leuchtpistolen
- 5 leichte Panzerabwehrwaffen
- 10 Ferngläsern
- 5 Funkgeräten
10 Kopfhörern für das Grenzmeldenetz


wird fortgesetzt

16.02.2020 17:36
#9
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Die Regimentsstruktur wurde erst mit Integration der DGP in die NVA ab 15.10.1961 eingeführt. Bis zu diesem Zeitpunkt gliederte sich die DGP in Grenz-Brigaden/ -Bereitschaften/ -Abteilungen und -Kompanien.


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16.02.2020 19:47
#10
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Zitat von Merkur im Beitrag #4
[quote=ABV|p734062]Die CIA muss tatsächlich über ein weitverzweigtes Agentennetz in der DDR verfügt haben. Erich Mielke würde wohl, bei nachträglicher Kenntnis der " CIA-Files", heute in seinem Grab rotieren.

Das glaube ich weniger, da die Spionageabwehr des MfS über ein realistisches Lagebild verfügte, über das Mielke natürlich regelmäßig unterrichtet wurde. Und ein erheblicher Teil der amerikanischen Quellen wurde ja auch enttarnt oder vom MfS als IMB gesteuert.
Den Beitrag von Merkur kann ich nur bestätigen, da ich selbst einen überworbenen IM vom amerikanischen GD über viele Jahre gesteuert habe.Dieser IM war zur Absicherung einer amerikanischen Schleuse über die Neiße nach Polen zuständig.Das war allerdings vor meiner Zeit.Zu meiner Zeit war er nicht mehr für den CIA aktiv.
Zu meinem Aufgabenbereich auf meiner ehem. KD gehörte die Sicherung der Staatsgrenze Ost.Wir hatten ein gutes Zudammenwirken mit den zuständigen Abschnittsverantwortlichen der Grenze swie den ABV im dortigen Bereich.Allerdings hielten sich die Vorkommnisse in Grenzen. In großen Abständen mal eine Grenzverletzung überwiegend Polen nach DDR.An ein Vorkommnis kann ich mich noch gut erinnern.Der zuständige Grenz ABV (NVA) stellte einen polnischen Grenzverletzer.Was sollte er machen,Handy gab es noch nicht. Also hat er ihn bei sich hinten auf sein Krad gesetzt und zum VPKA gebracht.Das war verdammt leichtsinnig, aber gut gegangen.


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16.02.2020 21:21
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#11
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ABV

Ähnliche Vorfälle gab es bei uns hier im Bereich Küstrin- Kietz auch. Sogar öfter, als ich gedacht hatte. Aus Richtung Osten kamen Polen, die weiter in Richtung Westberlin wollten. Sind ja kaum 100 km.
In Richtung Osten versuchten heimwehkranke Sowjetsoldaten über die Oder nach Hause zu kommen. Was wohl in keinem Fall geklappt hat. Aber dafür in jedem Fall tragisch endete.
Ich werde dazu bei passender Gelegenheit einen neuen Thread eröffnen.

Gruß an alle

Uwe

17.02.2020 00:23 (zuletzt bearbeitet: 17.02.2020 00:36)
#12
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Zitat von ABV im Beitrag #1

Sicherlich haben die Polen, in Anbetracht ihrer Geschichte mehr als verständlich,
selbst ihren " deutschen Brüdern" in der DDR nicht völlig über den Weg getraut.

Durch meine familiären Verbindungen in Polen ist mir bekannt, dass die polnischen Grenzbediensteten
sich ihren DDR-Kollegen nicht unbedingt freundschaftlich verbunden fühlten. Das konnte ich bei meinen
Einreisen als Bundesbürger nach Polen an den Grenzübergängen immer wieder feststellen,

Polnische Familienangehörige, die an der Grenze ihren Dienst verrichteten, machten aus ihrer
Ablehnung der DDR-Grenzer zumindest mir gegenüber selten ein Hehl und bedachten sie oftmals
mit unschönen Worten. Das Verhältnis der Polen zu den DDR-Bediensteten hat sich m.W. erst in
den späteren Jahren etwas normalisiert.

Ich war jedenfalls immer froh, wenn ich die unfreundlichen und oft schikanösen DDR-Grenzkontrollen
hinter mich gebracht hatte und unter polnischen "Schutz" stand. Es war jedenfalls ein erheblicher
Unterschied zu dem lockeren und gelassenen Umgang an den Grenzübergängen zu anderen Ländern
festzustellen, bei denen man nicht mit DDR-Personal in Kontakt kam.

Ein guter Mensch, in seinem dunklen Drange, ist sich des rechten Weges wohl bewusst.


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17.02.2020 17:39
avatar  ABV
#13
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ABV

Ja. Das Verhältnis zwischen den Grenzorganen der DDR und der VR Polen soll nicht das beste gewesen sein. Zumindest an den Übergängen, wo eine gemeinsame Abfertigung der Reisenden stattfand. Aber ob man diese Einschätzung immer und überall pauschalisieren kann?
Auf jeden Fall hat es an dieser Grenze zwischen und DGP, und später zwischen WOP und Grenztruppen, eine Zusammenarbeit gegeben. Auch das geht aus den Unterlagen der CIA recht eindeutig hervor. Dokumentiert ist beispielsweise das Vorgehen bei einer " Grenzverletzung" von Polen in die DDR. Schon damals, 1958, gab es abgestimmte Meldewege und Handlungsweise. Selbst das Handeln von Grenzern auf dem jeweiligen anderem Territorium im Rahmen einer Verfolgung, war möglich und gesetzlich geregelt. Meines Wissens nach durften die Grenzern bis zu einer Tiefe von 2km Nacheilen.

17.02.2020 17:54 (zuletzt bearbeitet: 17.02.2020 17:56)
#14
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Ein hoch interessantes Thema, es stimmt schon die Grenzen der DDR zur VR Polen und auch zur CSSR bleiben in der Geschichtsforschung weitgehend ausgespart.


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17.02.2020 18:56 (zuletzt bearbeitet: 17.02.2020 19:27)
#15
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Hallo,
das kann ich nur bestätigen, dass wohl das Verhältnis der Grenztruppen zu den Grenztruppen Polens nicht das beste war.
Der Kommandeur des GR- 4, Oberst Beuthner, wurde, ich glaube 1981 an den Grenzabschnitt Polen als Kommandeur versetzt.
Mit den politischen Unruhen in Polen nahm der Druck auf die Staatsgrenze zu,weil immer mehr Polen versuchten WB, war ja
nur 150 km entfernt, zu erreichen. In diesen Zusammenhang wurde dann gemunkelt, dass sich wohl Oberst Beuthner mit
Vertretern des polnischen Grenzschutzes angelegt hatte und wohl sogar abgelöst worden war. Genaues wurde mir nicht be-
kannt, hatte mich auch damals nicht groß interessiert.
Gruß Frank


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