#1

Mein Herbst 1989

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 06.02.2020 14:38
von NoSuhl | 16 Beiträge | 222 Punkte

Hallo zusammen,

in meiner Vorstellung hatte ich ja geschrieben, dass für mich die Erlebnisse im Herbst 1989 besonders einprägend waren.
Da gab es so ein gewisses Interesse und so nehme ich mir die Zeit, dies mal auszuformulieren.
Es wird ein längerer Text, viel Spaß beim Lesen wünscht
Falk

September/Oktober 89
im September geht es mit großen Schritten Richtung 40. Jahrestages der Republik.
Das heißt für die 2. und 3. Studienjahre Paradetraining.
Da dieses Jahr ein Jubiläum gefeiert wird, sind auch die 4. Studienjahre dabei, was dort keine Große Freude hervorruft, schließlich schreiben schon viele an ihrer Diplomarbeit.
Wir sind eher aus einfachen Gründen sauer, wären WIR doch dieses mal "Die alten Hasen" gewesen und hätten das Sagen gehabt, so sind es die aus dem 4...
Die 2. und 3. Woche im September trainieren wir auf einer abgesperrten Spur der "Bezirksautobahn" (B19 zwischen Walldorf und Wasungen).
Es wird den ganzen Tag marschiert, vor der Tribüne im Exerzierschritt, um die Kurve, zurück...u.s.w.u.s.f.
Dann geht es nach Berlin. Schön hinten drauf, auf dem W 50 dauert es Stunden, bis wir in einem Kinderferienlager im Kreis Königs-Wusterhausen (ich glaube es war in Groß Köris) unser Quartier beziehen.
Von nun an geht es jeden Morgen auf den Flugplatz nach Berlin Schönefeld, hier ist die Paradestrecke der Karl-Marx-Allee nachempfunden, inkl. "Tribüne" und wir üben von früh bis spät, gemeinsam mit den Marschblöcken der LSK und der Volksmarine.
Es herrscht eine gesunde Wettbewerbsatmosphäre und wir machen das Beste daraus, die Besten zu sein
Überflüssig zu erwähnen, das wir natürlich auch die Besten sind
Was anders ist dieses Jahr, wir wurden eingewiesen, wie wir uns zu verhalten haben, wenn es zu einer Blockade des LKW Konvois kommen sollte.
Auf jedem LKW werden 4 Mann eingeteilt, die im Falle eines Falles die Straße frei räumen sollen.
Am Abend des 6. Oktober ist Generalprobe in der K-M-Allee.
Die Stimmung ist angespannt. Es ist anders als im Vorjahr. Die Bevölkerung darf nicht an uns ran, alles ist abgesperrt. Das ist schade, hatten wir doch immer einen guten Kontakt.
Auch beim "warm marschieren" hinter einem Block, schon mit den beschlagenen Paradestiefeln, hatten wir immer unseren Spaß mit den Anwohnern. Dieses mal also nicht. So kann mich auch mein Bruder aus Potsdam nicht besuchen und es gibt keinen französischen Kaffee.
Am 07.10. geben alle die Schlösser ihrer MPi ab, empfangen die weißen Handschuhe, alles auf Hochglanz, Stahlhelme frisch gespritzt, es soll der Höhepunkt nach ca. 5 Wochen hartem Training werden. Danach soll es Heim gehen und 5 Tage Sonderurlaub warten...
Wir werden wieder auf befürchtete Störaktionen vorbereitet, aber bis auf Bewurf eines LKW mit Senfbechern passiert nichts.
Die Parade läuft, wir haben einen prima Blick auf die versammelte Prominenz und keiner ahnt, dass das, das letzte Mal sein wird.
Nach der Rückkehr werden wir versammelt und die verkündeten Nachrichten gefallen uns so gar nicht.
Keine Verlegung nach Suhl, sondern in ein anderes Objekt hier im "Speckgürtel" von Berlin.
Zur Lage: Nach Informationen des Kdo GT wird damit gerechnet, dass es zu erheblichen Provokationen an der Staatsgrenze zu Westberlin kommen wird, Grenzdurchbrüche werden nicht ausgeschlossen.
Wir verbleiben in Bereitschaft und die Politoffiziere haben viel zu tun.
Die Ereignisse vom 07.10.1989 sind bekannt und wir werden im Objekt in Polizeitaktik geschult.
Ich sehe das erste Mal in der DDR, Schilde und Schlagstöcke und lerne den Umgang damit. So schwer wars nicht
Wir sollen in FDU und mit Stahlhelm gegen Demonstranten eingesetzt werden, die in Richtung Staatsgrenze "marschieren".
Zum Glück kam es nicht dazu...
An einem Abend werden wir in Alarm versetzt und rücken mit voller Munition nach Rummelsburg aus.
Dort nimmt uns der Diensthabende zu erst die Magazine ab und wir versehen unseren Dienst mit Waffe, aber leerem Magazin.
Ich ziehe meinen Hut vor der Entscheidung dieses Offiziers, vermutlich hatte er auch keinen, den er fragen konnte...
So nehmen die Dinge ihren Lauf, der ist heute bekannt. Wir warten aber einfach nur, dass es endlich nach Hause geht.
Im Objekt wird Ausbildung und ein Wachdienst organisiert, wir werden eingesetzt, wo Hilfe benötigt wird und es wird, wie wahrscheinlich überall in der DDR, in diesen Tagen, viel diskutiert.
Endlich zeichnet es sich ab, dass es am 04.11.1989 zu einer großen Demonstration in Berlin kommen wird, die wir mit absichern sollen.
Unter anderem wird auch hier befürchtet, dass es zu massiven Störungen der Ordnung und Sicherheit an der Grenze zu Berlin West kommen wird.
Die sollen natürlich verhindert werden. Es kommt auch zu solchen "Schnapsideen", wie z.B. Volleyballnetze zwischen zwei W50 zu spannen, um Menschen damit aufzuhalten... Da schüttelt man heute mit dem Kopf.
Am 04.11. brechen wir alle Zelte ab und werden in eine Schule, unweit des Demonstrationsortes verlegt. Dort lümmeln wir in der Turnhalle auf Matten herum und harren der Dinge, die da kommen.
Mehrere Fernsehgeräte werden angeschlossen und wir verfolgen die Ereignisse.
Zum Glück - und das sage ich aus voller Überzeugung - zum Glück passiert nichts, aber auch gar nichts.
Am Abend verlegen wir zurück, an die OHS, stellen noch in der Nacht die Gefechtsbereitschaft her und erhalten - ein Novum - sofort unsere Urlaubsscheine.
Wer noch einen Zug erreicht, wird zum Bahnhof gebracht, das gab es auch noch nie.
Am 05.11., fahre ich mit einem frühen Zug nach Hause und freue mich auf Frau und Kind.
Der Urlaub wurde genehmigt, bis zum 09.11.1989 ...

Ende erster Teil


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#2

RE: Mein Herbst 1989

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 06.02.2020 14:59
von GKUS64 | 3.493 Beiträge | 11844 Punkte

Sehr interessant und spannend!

Inspiriert mich gleich meinen 9.11.1989 nochmal zu verlinken!

Vor 22 Jahren fiel die Mauer!


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#3

RE: Mein Herbst 1989

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 07.02.2020 12:03
von NoSuhl | 16 Beiträge | 222 Punkte

Der 09. November 89

Den ganzen Vormittag sind wir damit beschäftigt, nach Wochen der Abwesenheit den Kompaniebereich "auf Vordermann" zu bringen.
Also großes Stuben und Revierreinigen und Waffen warten. ihr kennt das ja
Nach dem Mittagessen ist Schießausbildung auf dem Schießplatz in Hildburghausen angesetzt.
Es herrscht eine aufgeregte Stimmung, so wie überall im Land.
Alle haben aus dem Urlaub die Stimmung aus der ganzen Republik mitgebracht, schließlich sind wir verteilt, von Schwarzenberg bis Rostock.
Mit dem LKW fahren wir los, wie locker mittlerweile die Stimmung ist, erkennt man auch daran, dass mein Stubenspanner Lothar ein kleines Radio mitnimmt und das keinen stört.
Auf dem Schießplatz angekommen, erteilt der Major den Befehl. Dieser stellt es jedem frei, an der Ausbildung teil zu nehmen!!!
Eine Ungeheuerlichkeit, das gab es noch nie! Bei den Grenztruppen wird plötzlich kein so großer Wert mehr auf die Schießausbildung gelegt???
Mich juckt das nicht, ich schieße gerne, bin stolz auf Schützenschnur und eine Eichel und nehme freiwillig teil.
Die Anderen dürfen auf der Raucherinsel in so einem runden Betonelement ein Lagerfeuer machen und sollen sich einfach ruhig verhalten, sie dürfen Radio hören.
Noch vor wenigen Wochen unvorstellbar.
Währenddessen verballert ein Zug die Munition einer Kompanie
Der Major fragt, was wir noch nie geschossen hätten, "Aus der Hüfte Genosse Major"
"Gut, schießen wir heute aus der Hüfte..."
Mit der Kalaschnikow, was ein Feetz...nur getroffen haben wir nichts. Das ist schwerer als gedacht.
Raucherpause, wir gehen zu den anderen und erfahren...der Schabowski hat gerade die Grenze aufgemacht!
Unvorstellbar, unglaublich!!! Das geht doch wohl nicht einfach so! Doch es geht.
Auf der Heimfahrt gibt es nur ein Thema. Im Objekt, beim Waffen warten laufen die Radios volle Pulle, die Tür zum Kompanieclub steht offen, der Fernseher ist an.
Unvorstellbar, diese Zustände, noch vor ein paar Wochen hätte der Spieß uns zur Schnecke gemacht, aber der braucht bei diesen Nachrichten erst mal einen Schnaps... An diesem Abend kommen wir erst spät ins Bett, jeder fragt sich, wie das wohl weiter gehen soll. Es ist ja auch so, dass für uns als Berufssoldaten, die Grenze der Beruf ist. Wie soll es jetzt weiter gehen?
Gegen 03 - 04 Uhr Alarm. Aber nicht so, wie ihr es kennt, nein, heute geht der UVD von Tür zu Tür, weckt jeden persönlich und verkündet den Alarm. Das ist so unwirklich, dass wir erst mal zu den Nachbarn gehen und nachfragen, ob die den gleichen Traum hatten
Ja hatten sie, also rein, in die FDU und abwarten.
Statt zum Waffenempfang geht es ins Audi Max und der Sektionskommandeur setzt uns über die Lage ins Bild.
Die Grenztruppen haben die Lage am Brandenburger Tor nicht mehr im Griff, es gilt, diesen Makel zu beseitigen.
So kommt es, das wir nach dem Frühstück bereits wieder Richtung Hauptstadt rollen, auf dem W50 ist auch ein Radio mit dabei, dass uns mit den neuesten Nachrichten versorgt. Unterwegs überholen uns jede Menge Trabis und die Leute freuen sich, lachen und winken wie verrückt, wenn sie das GT im Kennzeichen sehen und halten uns ihre Ausweise hinter der Windschutzscheibe entgegen, Was wollen die nur uns ihre Visa zeigen!
Wir verlegen direkt an das BT, es ist früher Abend des 10.11.1089
Unmittelbar neben dem BT, etwa da, wo heute der Hinterhof des ADLON ist, steht ein altes Gebäude, so eine Art "Mietskaserne".
Durch einen Torbogen geht es auf den Hof. Drüber steht "VEB Deutsche Schallplatte".
Drin sitzen die Stäbe der Grenztruppen. In Berlin heißt es nicht Bataillonsstab sondern ...? helft mir mal ... also die.
LKWs bleiben vor Ort und wir werden von links, über einen Postenweg direkt vor das Brandenburger Tor geführt, auf den Pariser Platz.
Wir lösen andere Kräfte der GT ab, keine Ahnung, wer das war.
Vor uns die "Panzermauer" voller Menschen, die feiern, hinter uns das BT.
Unsere Aufgabe, unkontrollierte Übertritte verhindern, die Leute, die auf unserem Gebiet "landen" entweder zurück auf die Mauer oder abführen...
Ne Waffe hat natürlich keiner dabei, auch keine Schilde oder ähnliches, wir bewachen durch Präsenz.
Mann, sind wir aufgeregt, auf dieser Mauer eine riesen Menschentraube...und sie feiern!!! Der Sekt fließt in Strömen und alle sind gelöster Stimmung, na ja, bis auf uns...

Fortsetzung folgt


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#4

RE: Mein Herbst 1989

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 07.02.2020 12:46
von GZB1 | 3.618 Beiträge | 1370 Punkte

Zitat
Durch einen Torbogen geht es auf den Hof. Drüber steht "VEB Deutsche Schallplatte".
Drin sitzen die Stäbe der Grenztruppen. In Berlin heißt es nicht Bataillonsstab sondern ...? helft mir mal ... also die.



Dürfte die Ausweichführungsstelle des GR-36 gewesen sein (Reichstagsufer 4-5, ehemaliges Reichstagspräsidentenpalais).

Die Führungsstelle der SiK Brandenburger Tor war ja in der Akademie der Künste (AdK) direkt neben dem BBT.

siehe Link ff.


zuletzt bearbeitet 07.02.2020 13:18 | nach oben springen

#5

RE: Mein Herbst 1989

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 07.02.2020 19:42
von NoSuhl | 16 Beiträge | 222 Punkte

Ja genau! Akademie der Künste! War das Gebäude neben VEB Deutsche Schallplatte. Ist eben doch schon lange her. ;-)


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#6

RE: Mein Herbst 1989

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 07.02.2020 21:13
von GZB1 | 3.618 Beiträge | 1370 Punkte

AdK liegt am Pariser Platz, Dt. Schallplatte am Reichstagsufer, also nicht direkt nebeneinander.

Ist aber auch lange her, über 30 Jahre.


zuletzt bearbeitet 07.02.2020 21:18 | nach oben springen

#7

RE: Mein Herbst 1989

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 07.02.2020 21:44
von Ehli | 5.411 Beiträge | 36582 Punkte

Schallplatte mit den Gang zum Reichstag,da neben AdK gegenüber dem Reichstag,bis zur Grünfläche Pariser Platz,dann Hundelaufanlage zum Brandenburger Tor.
Ehli


„Der Staatshaushalt muss ausgeglichen sein. Die öffentlichen Schulden müssen verringert werden. Die Arroganz der Behörden muss gemäßigt und kontrolliert werden. Die Zahlungen an ausländische Regierungen müssen reduziert werden, wenn der Staat nicht Bankrott gehen will.“
Marcus Tullius Cicero


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#8

RE: Mein Herbst 1989

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 07.02.2020 22:26
von marc | 1.817 Beiträge | 4976 Punkte

@Ehli

AdK lag/ liegt, Richtung WB gesehen, links vom BBT; Schallplatte fast direkt an der Spree rechts vom BBT. Also nicht nebeneinander.


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#9

RE: Mein Herbst 1989

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 07.02.2020 22:38
von Ehli | 5.411 Beiträge | 36582 Punkte

Zitat von marc im Beitrag #8
@Ehli

AdK lag/ liegt, Richtung WB gesehen, links vom BBT; Schallplatte fast direkt an der Spree rechts vom BBT. Also nicht nebeneinander.

Ok.,Was war dann dann neben der Schallplatte?
Es gab eine Einbuchtung neben der Schallplatte,mit einen Zwingerhund und so einen Einmannbunker,genau gegenüber dem Reichstag.
Natürlich lange her 1967/68.
Ehli


„Der Staatshaushalt muss ausgeglichen sein. Die öffentlichen Schulden müssen verringert werden. Die Arroganz der Behörden muss gemäßigt und kontrolliert werden. Die Zahlungen an ausländische Regierungen müssen reduziert werden, wenn der Staat nicht Bankrott gehen will.“
Marcus Tullius Cicero


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#10

RE: Mein Herbst 1989

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 08.02.2020 18:43
von marc | 1.817 Beiträge | 4976 Punkte

@Ehli

meinst du diese Stelle, an der Clara-Zetkin-Str.(Dorotheenstr.)?


zuletzt bearbeitet 08.02.2020 18:46 | nach oben springen

#11

RE: Mein Herbst 1989

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 08.02.2020 18:46
von Ehli | 5.411 Beiträge | 36582 Punkte

Zitat von marc im Beitrag #10
@Ehli

meist du diese Stelle?




@Marc,genau diese Stelle.


„Der Staatshaushalt muss ausgeglichen sein. Die öffentlichen Schulden müssen verringert werden. Die Arroganz der Behörden muss gemäßigt und kontrolliert werden. Die Zahlungen an ausländische Regierungen müssen reduziert werden, wenn der Staat nicht Bankrott gehen will.“
Marcus Tullius Cicero


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#12

RE: Mein Herbst 1989

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 08.02.2020 18:51
von marc | 1.817 Beiträge | 4976 Punkte

Das alte Gebäude vor dem die Grenzer stehen gehörte zur Kammer der Technik. Ganz links dürfte das Gebäude Dt. Schallplatte sein.


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#13

RE: Mein Herbst 1989

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 08.02.2020 19:36
von Ehli | 5.411 Beiträge | 36582 Punkte

Zitat von marc im Beitrag #12
Das alte Gebäude vor dem die Grenzer stehen gehörte zur Kammer der Technik. Ganz links dürfte das Gebäude Dt. Schallplatte sein.

Alles klar,jetzt wo Du es schreibst,kann ich mich daran erinnern.
Rechts ,den Postenturm gab es damals auch noch nicht.
Ist eben schon lange her.
Danke
Ehli


„Der Staatshaushalt muss ausgeglichen sein. Die öffentlichen Schulden müssen verringert werden. Die Arroganz der Behörden muss gemäßigt und kontrolliert werden. Die Zahlungen an ausländische Regierungen müssen reduziert werden, wenn der Staat nicht Bankrott gehen will.“
Marcus Tullius Cicero


zuletzt bearbeitet 08.02.2020 19:39 | nach oben springen

#14

RE: Mein Herbst 1989

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 10.02.2020 11:04
von NoSuhl | 16 Beiträge | 222 Punkte

Hallo zusammen,

zu erst danke für die Aufklärung.
Habe hin und her überlegt, wieso mir "Akademie der Künste" bekannt vorkommt...keine Ahnung.
Sicher ist, wir waren im "VEB", denn es war in Richtung WB links vom BT.
Dort wurden dann in diesen Tagen die großen Zelte aufgestellt, mit "Kanonenofen" drin, zum Aufwärmen.

10./11. November 1989 und danach
Auf der Mauer wird gefeiert, wir stehen unten und passen auf
Es geht die ganze Nacht, die Leute haben ihren Spaß, wir werden mit der Zeit auch ruhiger.
Kurze Erholungspausen werden organisiert, da halten wir uns in den Flügelgebäuden des BT auf.
Wer hätte gedacht, dass wir da mal rein kommen.
Am 11.11.89 ist die Lage soweit unter Kontrolle. Natürlich jede Menge Besucher, jede Menge Presse und Fernsehteams.
In unserer Pause haben die Kollegen die Mauerkrone saubergespült. (hier bin ich mir nicht ganz so sicher, ob es der 11. oder 12 November war)
Mittlerweile arbeiten wir mit der Westberliner Polizei zusammen, sie haben den Bereich vor der Mauer komplett abgeriegelt. Oben drauf stehen wir und "patrouillieren".
Diese Bilder sind relativ bekannt, Grenzer auf der "Panzermauer" (war es der wirkliche Name, wir haben sie so genannt...)
Von oben schauen wir nach dem Westen.
Die Stimmung lockert auf und wir treiben allerlei Unsinn.
Unter anderem hat einer festgestellt, dass rechts am BT eine Feuerleiter hoch geht, man hochklettern kann und unter die Quadriga gehen.
Pflicht natürlich für alle , ich war auch oben.
Da war so ein Raum, mit schmalen Sichtfenster nach Westen, quasi zwischen den Rädern der Quadriga. Das Stativ vom letzten Grenzaufklärer stand noch da...
Ansonsten wird so eine Art Wachdienst organisiert. Frage ich mich heute, was hat die SiK in dieser Zeit gemacht?
Wir waren so mit uns selber und der Lage beschäftigt, keine Ahnung, was rundherum passierte.
Die Mauerspechte und den Fall des ersten Segments unmittelbar neben dem BT erlebe ich live mit.
Irgendwann wird dann der Grenzübergang am "Potsdamer Platz" eröffnet.
Großes Theater, zur Unterstützung der Polizei ist von uns die 12. Ausbildungskompanie (ABK) mit draußen.
Später helfen wir an der provisorischen GÜSt mit aus. Macht Spaß, jede Menge gut gelaunter Menschen zu kontrollieren, läuft zu diesem Zeitpunkt schon alles ganz lässig.
Wie lässig sieht man auch daran, dass wir die Möglichkeit bekommen, in den - zu diesem Zeitpunkt noch verschlossenen - Bahnhof "Am Potsdamer Platz", hinunter zu steigen.
Da laufen wir über die staubigen Treppen und können durch so schmale Sichtfenster in den zugemauerten Teil gucken. Ich erinnere mich noch an die alte Werbung, an den Wänden...
Später besuchen wir die Kollegen vom Zoll, schließlich haben die einen beheizten ROBUR-Bus, eine gute Gelegenheit, sich das Visum zu besorgen.
Als das Schule macht, finden es nicht alle Offiziere gut ...
Wie lange das so geht, weiß ich heute nicht mehr, irgendwann geht es nach Hause und direkt in einen Sonderurlaub.
Es war Anfang Dezember, der Stempel vom Begrüßungsgeld ist vom 12.12.1989.
Ein komisches Gefühl, in den Westen zu fahren. Ein ganz junger Leutnant kontrolliert uns im Bus, na und der BGS winkt eh nur durch.
GÜSt. Henneberg/Eußenhausen war unser "Erstes Mal"
Der Alltag an der OHS ist geprägt von Unsicherheit. Keiner weiß, wie es weitergeht, irre Gerüchte machen die Runde.
Das Weihnachtsfest naht und erstmalig haben wir Weihnachten UND Silvester frei.
Vorher wird ein Befehl verlesen. Ihr kennt das ja: "Kompanie stillgestanden. Befehl Nr ...sowieso... des Stellv. des Ministers und Chef der GT ...:
Ab sofort, müssen Offiziersschüler, die das Studium abbrechen, nicht mehr den Grundwehrdienst nachholen"
Mit dieser Nachricht werden wir in den Jahreswechsel verabschiedet.
Im neuen Jahr ist die Kompanie dann etwa auf Zugstärke geschrumpft.
Ich lasse mir Zeit, als Fahrzeugschlosser/Montage will ich nicht wieder arbeiten, ca. 2 Jahre später schließen sie bei Simson zu ...
Eine Bewerbung beim Zoll scheitert leider am dortigen Einstellungsstopp.
So dauert es noch bis Mai, da übernimmt die Justiz ein im Bau befindliches Gefängnis des MfS.
So gelingt mir dann der Einstieg in den Staatsdienst.
Den 3.10.1990 erlebe ich irgendwo in den Weiten des Thüringer Waldes und jedes Jahr, im November, denke ich an die ereignisreichen Tage, damals 89 zurück.
Falk


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#15

RE: Mein Herbst 1989

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 10.02.2020 11:52
von GZB1 | 3.618 Beiträge | 1370 Punkte

@NoSuhl

Wenn am Gebäude "VEB ..." stand , links vom BBT, kann es nur VEB Deutsche Schallplatte gewesen sein, denn Kammer der Technik (KdT) und Akademie der Künste (AdK) waren keine VEB.

Vielen Dank für deine interessante, detaillierte und persönliche Schilderung aus der Sicht eines direkt involvierten Zeitzeugen.

Wo waren denn die AbK im November/ Dezember untergebracht, immer noch im Ferienlager an Hölzerner See?

Zur SiK BBT ist evtl. auch dieser Link für Erinnerungen interessant: Zur Wende am BBT


zuletzt bearbeitet 10.02.2020 12:18 | nach oben springen

#16

RE: Mein Herbst 1989

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 10.02.2020 12:13
von NoSuhl | 16 Beiträge | 222 Punkte

Hallo GZB1, (hast du auch einen Namen ;-)
wir waren wieder in einem Ferienlager, allerdings ist mir entfallen, wo das war.
Irgendwo Nähe Königs Wusterhausen.
Heute ist dort eine Jugendherberge, ich war vor einigen Jahren mal da.
Und ja, es war VEB Deutsche Schallplatte.
Gruß Falk
Falk


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#17

RE: Mein Herbst 1989

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 10.02.2020 12:20
von GZB1 | 3.618 Beiträge | 1370 Punkte

GZB1 is mein Name, seit langer Zeit hier. 😆


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#18

RE: Mein Herbst 1989

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 10.02.2020 15:00
von NoSuhl | 16 Beiträge | 222 Punkte

# GZB 1
Alles klar, kenne es nur so aus "meinem" Motorradforum, dass man sich mit seinem Nickname anmeldet aber durchaus mit dem "Klarnamen" ;-)) arbeitet.
Falk


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#19

RE: Mein Herbst 1989

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 10.02.2020 15:09
von GZB1 | 3.618 Beiträge | 1370 Punkte

@NoSuhl

Dann müsste die Truppe zu deiner ABK gehört haben.




Ach nee, ihr war ja erst am 10.11. abends dort.


zuletzt bearbeitet 10.02.2020 15:21 | nach oben springen

#20

RE: Mein Herbst 1989

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 10.02.2020 20:19
von NoSuhl | 16 Beiträge | 222 Punkte

Das waren die Jungs vor uns.
Den Offizier beneide ich nicht, heute sieht man das natürlich alles locker, aber damals ...


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