Propaganda an der innerdeutschen Grenze im Raum bei Lübeck

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07.08.2019 23:40 (zuletzt bearbeitet: 09.08.2019 17:36)
avatar  krelle
#1
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Unser Forenmitglied "AGA 500" war heute bim Grenzhus Schlagsdorf, um Interessierten wie "Ratze", "berlin 3321" und mir von seinen Erlebnissen zu berichten (seinerzeit - 1968 bis 1970 - im Raum zwischen Ostsee/Pötenitz und Elbe bei Dömitz dienend). Was er zu zu erzählen hatte, war überaus interessant. Und was er mitbrachte (originale DDR-Flugblätter, Tonbandaufnahmen, Fotos) war bzw. ist sehens-/beachtens-/hörenswert.
Ein halbes Jahrhundert liegt nun zwischen dieser Zeit und dem HIER & JETZT. Umso wertvoller ist "das", was wir heute von ihm, dem Jochen, erfuhren. HERZLICHEN DANK dafür!
https://www.youtube.com/watch?v=13NaNAQV6zc&feature=youtu.be


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08.08.2019 10:23
avatar  der 39.
#2
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Ja, Propaganda gab es schon an der Grenze, allerdings kam sie vorzugsweise aus dem Westen. Manchmal wurden wir in den Grenzorten mit Flugblättern überschüttet. Als wiederholt in Beendorf von Helmstedt kommend ein Lautsprecherwagen auftauchte und dann "Westmusik" und hetzerische Texte von sich gab, erschien eines Tages aus Haldensleben kommend, ein ähnliches Gefährt der sowj. Armee. Da kam aber keine Musik, sondern auf eine unbekannte Weise wurde der "Westlautsprecher zerstört und kam auch nie wieder. Ich spreche über die 50er Jahre.


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08.08.2019 11:27 (zuletzt bearbeitet: 08.08.2019 11:37)
avatar  josy95
#3
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Ich kann nur aus der "umgekehrten", also West nach Ost...was Richtung was berichten...

Als Schulkinder, in der DDR als Unterstufe bezeichnet (heute Grundschule) wurden wir von der 1. Klasse an schon ziemlich, auch mit recht abenteuerlichen Darstellungen(!) geimpft, was Bedeutung, Umgang usw. mit der damals durchweg als "antiimperialistischen Schutzwall" bezeichneten innerdeutschen Grenze anbelangte. Zur Vollständigkeit - ich wurde am 01. September 1966 eingeschult.

Wie aus vielen meiner Beiträge bekannt sein dürfte, war ich mit meine 3 Geschwistern vom Elternhaus dem damaligen Trend der überwiegenden Zahl anderer Elternhäüswer entgegen, nicht gerade pro- SED bzw. DDR erzogen wurden, nicht in den Pionieren, später nicht in der FDJ.
Speziell was Mitschüler und deren Elternhäuser anbelangt, in meiner Kindheit waren eben noch sehr viele von der guten Sache des (Pseudo- ) SED- Sozialismus überzeugt. Schlimme Erfahrungen aus Zeiten des 1.Weltkrieges, Wirtschaftskriese, Hitler und Nazis, Krieg, Zusammenbruch und Nachkriegszeit waren noch all zu gegenwärtig und präsent. Und die stalinistische SED- Propaganda, das nun in diesem Teil Deutschlands alles viel besser werde, ein Äquvivalent zum wahrlich nicht friedfertigen Kapitalismus aufgebaut werden sollte... die bösen Kapitalisten enteignet wurden, alles in s. g. Volkseigentum überführt wurde, verblendete natürlich viele Köpfe oder machte sie blind für das, was wirklich ablief. Für das, mit was für brachialen Mitteln und Gewalt alles durchgesetzt wurde. Ältres Unrecht massiv mit neuem Unrecht legalisiert wurde. Ich denke da nur an die Zwangskollektivierungen (LPG), die Aktionen "Rose" und "Ungeziefer. Ich denke auch mal und insbesondere aus den viele Gesprächen mit Mitgliedern aus diesem Forum, deren Schicksalen, ihren oft schmerzlichen Erfahrungen und der ihrer Familien und Angehörigen, das man das besonders auch aus heutiger Sicht vielen Menschen von damals auch nicht übel nehmen kann und sollte! Sofern sie nicht wider besseren Wissens und Gewissens selbst mit Hand angelegt haben, sich die Finger schmutzig gemacht haben....

Meine Eltern stellten uns Kindern jedoch immer frei, an Pioniernachmittagen und anderen außerschulischen Veranstaltungen, die ideologisch natürlich immer den gewissen Anstrich der SED- Ideologie hatten, teilzunehmen.

So war es auch, was u. a. die Propaganda de Klassenfeindes hier im grenznahen Raum anbelangte. Natürlich auch mit einigen Horrorvisionen, mit denen man damals schon geschickt und ziemlich perfekt-perfide verstand, naive Kinder zu beeinflussen und letztendlich für die vermeintlich gute Sache zu instrumentalisieren...

So waren da in Pioniernachmittagen Vorträge, das wir nichts anfassen sollten, was im Wald erventuell sehr verlockend herumlag. Von angeblichen verlockendem Spielzeug, das Sprengstoff enthielt und explodierte. Weiter über vergiftete Süßigkeiten, natürlich alles vom bösen Kapitalisten und Klassenfeind aus deren Flugzeugen abgeworfen, um den Aufbau des Sozialismus zu stören, zu schädigen.
An ein solch Schauermärchen kann ich mich noch ganz besonders gut erinnern, es würde heute auch so toll in die Berichterstattung einiger bekannter Medienanstalten passen...
Da erzählte uns unsere frisch von der (Rotlicht-) Lehrerausbildung gekommene Lehrerin Frau P***lesack, die bösen Kapitalisten stauen im Westharz die Flüsse an und öffnen dann plötzlich die Dämme, damit es hier bei uns Hochwasser gibt und unsere sozialistiscgen Errungenschaften Schaden nehmen, fortgespült werden! Natürlich auch Menschenleben in Gefahr bringen und töten - das durfte ja, um auch den höchstmöglichen Schockeffekt zu erzielen, nicht fehlen!
Kameraden, Freunde... wenn mich auch einige jetzt vielleicht belächeln werden, die Alles- Anzweifler mich vielleicht sogar zum Spinner erklären - meinethalben. Es ist aber gelebtes Leben, Erlebnisse, Erfahrungen, die sich bei mir eingebrannt und manifestiert haben - keine Räuberpistolen aus *ild- Zeitung & Co...
Für Kinder, die nun mal von Natur aus naiv sind, die dazu vom Elternhaus dementsprechend noch erzogen waren, natürlich eine absolut schockierende Darstellung...

Ich kann mich auch noch an mehrere damals fast zur Tagesordnung gehörenden westlichen Flugblattaktionen erinnern, wo wir in die umliegenden Wälder geschickt wurden, diese einzusammeln. Wo akriebisch drauf geachtet wurde, das auch ja niemand eins las oder gar einsteckte und mit nach Hause nahm...
Was damals der Inhalt der Flugblätter war, kann ich mich nicht nur noch vage dran erinnern. Es ging eiinmal um anstehende Wahlen in der DDR und einige Kandidaten, deren Vergangenheit während der NS- Zeit... Das übliche, beiderseitige propagandistische Machwerk im damaligen kalten Krieg.

Auch flatterten öfter mal bei der vorherschenden Westwindrichtung Luftballonkarten von Volks- & Schützenfesten aus dem Westharz hier herüber. Damals eine total gängige und beliebter Freizeitspaß. Im Westen natürlich nur. Hier im/ auf grenznahen DDR- Gebiet war es sowas natürlich strikt verboten! Wurde als Versuch der "Kontaktaufnahme mit dem Klassenfeind" angesehen und streng geahndet. Wobei etwas schmunzelnd daüber nachzudenken ist, das bei vorherschender Hauptwindrichtung um West alles nach Osten geflogen wäre! Aber vermutlich war das einigen ganz eifrigen SED- Genossen nicht in dem Maße bekannt oder die Gefahr halt doch zu groß, das der Wind ja mal auch aus Osten wehen könnte...

Wir waren von der Schule auch angehalten, wenn wir solche Karten fanden (meißt handelte es sich um s. g. Wettbewerbe "Luftballonweitflug" von bereits erwähnten Volks- & Schützenfesten im Westharz, diese bei der Volkspolizei abzugeben, was natürlich kaum jemand machte.

Selbst habe ich Ende der 60-er hier im ortsnahen Wald so eine Karte gefunden. Sie stammte von einem Gleichaltrigen aus Buntenbock bei Clausthal- Zellerfeld. Wir haben uns lange geschrieben und uns mit unseren Eltern auch einmal in Erfurt getroffen. Leider ist der Kontakt dann später und wie auch so oft üblich, eingeschlafen.

Einige Briefe habe ich aufgehoben, hatte dadurch die Adresse. Gleich nach der Grenzöffnung führte mich mein Weg nach Buntenbrock. Weiß noch, es war ein schöner Tag Anfang Dezember 1989. Zwar schon ziemlich niedere Außentemperaturen, das hielt den kälteresistenten, nur moped & motoradgewöhnten Zoni jedoch keineswegs davon ab, mich auf meine MZ zu setzen und nach Buntenbock zu düsen.

Leider gab es eine schmerzliche Ernüchterung... ich fand das Haus auch sehr schnell, der Name an der Haustürklingel passte auch... es öffnete seine Mutter und bat mich auch herein. Ich bemerkte sehr schnell die gedrückte Stimmung... Mein Freund Michael war 1 Jahr vor der Wende unter nie geklärten Umständen fast vor der Haustür tödlich verunglückt...
Es hat mich damals sehr schockiert und ich habe es bis heute nicht ganz vergessen. So blieb mir nur noch die Möglichkeit, sein Grab auf dem kleinen Friedhof am Ortsrand zu besuchen.
Möge er in Frieden ruhen...


josy95

Sorry, die lieben Schreibfehlerchen und fehlenden Satzzeichen... Buchstaben bedurften einer kleinen Korrektur!

Günter Schabowski hatte es in seiner legendären Pressekonferenz am 09.11.1989 wahrlich nicht leicht und vor allem keine Zeit, den genauen Zeitpunkt der Einführung der neuen DDR- Reisegesetze bei Krenz oder im SED- Politbüro zu hinterfragen.
Jeder kennt das Ergebnis.
Politiker von heute haben den Vorteil, nicht unter Zeitdruck zu stehen wie einst Schaboweski und das Politbüro der SED.
Und bevor sie in die Öffentlichkeit gehen, nocheinmal die Lobbyisten zu fragen, die ihnen die Gesetze geschrieben haben ...


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08.08.2019 11:57
#4
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Zumindest war das versuchte Beeinflussung:
Über dem abgelegenen Grenzabschnitt Freienhagen tauchte an einem heißen Sommertag ein Zeppelin mit der Aufschrift "Trinkt Wicküler Pils" auf .....

Disziplin ist die Fähigkeit, dümmer zu erscheinen als der Chef. (Hanns Schwarz)


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08.08.2019 16:44
avatar  Ratze
#5
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Danke @Krelle, war ein interessantes Gespräch von Grenzer zu Grenzer. Vor allen Dingen die Originalaufnahme der Ostpropagande hat mich überrascht, das so etwas noch vorhanden ist. Besonders beeindruckt war ich jedoch von den Ost/West Fotos mir bekannter Orte. Im Osten hieß das "Spezialpropaganda" im Westen waren es die PSV Bat. u.a. aus Clausthal Zellerfeld


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08.08.2019 17:16
#6
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hallo,
zum thema propaganda, hochladen von pdf klappte nicht, daher folgende links:
https://www.schulstiftung-freiburg.de/ei...rum/pdf_310.pdf
https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/s...e/Zeitreise-Der-
Flugblattkrieg-im-Kalten-Krieg,zeitreise1834.html
viel spaß beim lesen,
mfg klaus


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08.08.2019 17:48
avatar  RalphT
#7
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Kann mich auch den Vorrednern anschließen: @krelle , das Video haste gut gemacht. Den Schluss fand ich sehr interessant. Das Tonband hat eine sehr gute Qualität.

Ob der Sprecher das selber geglaubt hat, was der da von sich gegeben hat?
Es ist ja schon ewig her. Aber wenn ich dort an der Grenze gestanden hätte, was hätte ich da wohl gedacht oder gemacht? Ich weiß es natürlich nicht. Wahrscheinlich wäre mir der Monolog zu langatmig geworden und hätte mir ne Buddel Bier aufgemacht.


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09.08.2019 17:46 (zuletzt bearbeitet: 10.08.2019 12:15)
avatar  krelle
#8
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Ich habe den Film betreffend der "Propaganda an der innerdeutschen Grenze im Raum bei Lübeck" etwas überarbeitet und bei "Youtube" öffentlich gestellt - die Publikation erfolgt im mündlichen Einverständnis von "AGA 500" und auch "berlin 3321", welcher im Film zu sehen ist.
Herzlich bedanken möchte ich mich bei Beiden. Jochen (AGA 500) hat uns mit viel Interessantem und Wissenswertem "versorgt", "berlin 3321" hat uns entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze gefahren und Vieles erklärt. Zusammen haben wir den damaligen Grenzabschnitt zwischen Schlagsdorf und Pötenitz bereist und an der Ostsee beim Priwall haben wir den nördlichsten Punkt dieser Reise in die "Vergangenheit" erreicht. Bei Speis und Trank haben wir an der Ostsee Rückschau gehalten und wir wünschen, dass wir uns wiedersehen und noch so manches Mal von dem berichten können, was uns damals - zur Zeit der Existenz der deutsch-deutschen Grenze - bewegte.
https://www.youtube.com/watch?v=13NaNAQV6zc&feature=youtu.be


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11.08.2019 17:45
avatar  krelle
#9
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Weitere DDR-Propaganda-Ansagen aus der Sammlung von AGA 500. Vielleicht hat Mancher Interesse daran:
https://www.youtube.com/watch?v=LQEEVYkLSKc&feature=youtu.be

https://www.youtube.com/watch?v=D4JGLBJJPBs&feature=youtu.be


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11.08.2019 17:52 (zuletzt bearbeitet: 11.08.2019 17:53)
avatar  krelle
#10
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Aus der Sammlung von AGA 500 stammt dieses Bild.
@Schlutup, was meinst Du dazu: ist das in Lübeck-Schlutup? Das Foto ist Ende der 1960er-Jahre (vermutlich 1969) entstanden. Wo stehen/standen diese Häuser? Bereich Lüdersdorfer/Stumpfer Weg? Eine Schutzhütte des Zolls ist u.a. zu sehen.
http://www.manfred-krellenberg.de/media/...041ffffffef.jpg


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11.08.2019 18:02 (zuletzt bearbeitet: 11.08.2019 18:13)
avatar  krelle
#11
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Aus der Sammlung von AGA 500: ein Bild, von dem ich annehme, dass es von Herrnburg aus aufgenommen wurde.
http://www.manfred-krellenberg.de/media/...03fffffffef.jpg

im Vordergrund links könnten das Baracken des "Steinlagers" in Lübeck-Eichholz sein, aber ich bin mir nicht sicher. Vielleicht weiß da jemand unter uns besser bescheid. Im Hintergrund meine ich den Dom zu Lübeck zu sehen. Möglicherweise wurde dieses Foto von dem hölzernen B-Turm aufgenommen, der südöstlich der damaligen Abschrankung Eichholz stand (und dann abgerissen wurde, als der BT 11 ein paar Meter nördlich davon im Jahr 1969 errichtet wurde).


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11.08.2019 18:21 (zuletzt bearbeitet: 11.08.2019 18:24)
#12
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Moin,

na endlich, ich hab schon auf die Bilder gewartet. [smile]

Das Bild ist hier:


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11.08.2019 18:28
#13
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Hallo Krelle,

wo ist dieser Weg ( Kreis) und die Häuser daneben? mmmhhh mal deine alten Luftbilder anschauen.


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11.08.2019 18:29
#14
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Moin Manfred, sehr interessant und aufschlussreich...., schön, dass du AGA 500 dazu gewinnen konntest, authentische Berichte eines Beteiligten...
und wie in gewohnter Weise sehr gut gemacht, ich habe mal von solchen Agitationen östlicher seit´s gehört, es aber mehr oder weniger in Frage gestellt....

Danke auch für die Freischaltung in der tube


gruß Bernd


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11.08.2019 19:16
#15
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Hallo @krelle

schau mal, könnte doch passen .........


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