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Meine erste Streife an der Grenze zur DDR

in Bundesgrenzschutz BGS 23.01.2019 17:29
von krelle | 473 Beiträge | 10465 Punkte
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Einen kurzen „Sonderurlaub“ hatte ich zuvor genossen, als ich am Dienstag, den 26.7.1983 meinen Dienst bei der Grenzaufsichtsstelle I Eichholz antrat. Die Ausbildung zu einem Beamten des mittleren Grenzzolldienstes war mit dem Bestehen der letzten Prüfungen in der vergangenen Woche abgeschlossen worden. Zwei Jahre Ausbildung, zuletzt in den Räumlichkeiten der Zollschule Bad Gandersheim, lagen hinter mir als ich nun meinem Wunsch bzw. meiner Bewerbung entsprechend meinen Dienst an der Grenze zur DDR aufnahm.

Die Grenzaufsichtsstelle (GASt) I Eichholz war im Zollkommissariat Lübeck-Süd in der Guerickestr.2-4 befindlich. Auf dem Areal befand sich nicht nur das eigentliche Kommissariats-Gebäude; es gab dort noch einige weitere „Baracken“, in denen auch Zollanwärter ausgebildet und untergebracht wurden.
Als Zollanwärter fühlte ich mich nicht mehr, obwohl ich eigentlich noch einer war. Gewiss, ich hatte die Ausbildung absolviert und alle Prüfungen bestanden – aber den Rang „Zollassistent zur Anstellung“ verdiente ich erst ein paar Tage später, ab 1. August 1983.

Und als „Zollanwärter bzw. abgekürzt „ZAnw“ unterschrieb ich den „Lieferschein“, als ich von Zollsekretär B. meine persönliche Ausrüstung in Empfang nahm. Da hielt ich sie nun in meinen Händen, die 9mm-Pistole SIG SAUER „P 6“ mit der Seriennummer 608043.
Zwei Magazine und 12 Patronen dazu, ferner den dazugehörigen Pistolenkarton mitsamt „Anschuss-Bild“ und Kurzbeschreibung. Ich quittierte mit meiner Unterschrift gleichzeitig den Empfang von Pistolenholster, Ersatzmagazin-Etui sowie Stahlrute mit Holster.

Die Räumlichkeiten der Grenzaufsichtsstelle I und II Eichholz hatte ich mir im Einzelnen noch gar nicht genau angeschaut, als ich diese erstmalig verließ, um Grenzaufsichtsdienst zu verrichten – „GAD“ an der Grenze im Raum zwischen dem Lübecker Stadtteil Eichholz und den mecklenburgischen Ortschaften Herrnburg und Palingen.

Karl-Heinz Schöning, der aB (aufsichtsführende Beamte) der GASt I Eichholz, ließ es sich nicht nehmen, persönlich seinen neuesten und jüngsten „Mann“ in den Grenzbereich einzuweisen. Wir gingen nach Verlassen der „GASt“ bzw. des „ZKom-Bereiches“ die Guerickestraße entlang in Richtung der Kleingartenanlage, welche sich ganz in der Nähe befand. Hier auf dem Gelände gab es einen Zollhundezwinger. Und in ihm befand sich u.a. Zollhund HASSO, welcher meinem „aB“ gehörte. Der Schäferhund begleitete uns nun auf den Weg in Richtung Grenze.
Der Bereich der Kleingärten war durchschritten, als wir den „Heiweg“ erreichten. Wir querten die Straße Kirschenallee / An den Schießständen und begaben uns in das Waldgebiet des Wesloer Forsts.
Nach rund einer viertel Stunde Fußmarsch kamen wir zum "FKK-Gelände", das sich an seinem ostwärtigen Ende genau am Landgraben und damit an der Grenzlinie zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Demokratischen Republik Deutschland befand. Hier war der nördlichste Punkt „meines“ Grenzabschnittes, den ich zukünftig zu bestreifen bzw. zu „überwachen“ hatte. „Links“ davon bzw. nördlich vom FKK-Gelände waren andere Kollegen für die Grenzüberwachung zuständig, für den Zoll betreffend die Kollegen der GASten Schlutup-Nord und Schlutup-Süd bzw. der GASten (mot) Lübeck-Süd und „A“ (Ausbildung). Nur wenn es mal von Nöten war, den Bereich nördlich des FKK-Geländes zu bestreifen (z.B. wenn keine Zollstreife in diesem Raum unterwegs war und Ereignisse – z.B. bei Anzeichen für „Grenzalarm“ – es erforderlich erscheinen ließen, nach dem „Rechten“ zu schauen) sollten wir Angehörigen der GASten Eichholz uns dorthin begeben. Im „Normalfall“ war der Bezirksbereich zu beachten bzw. einzuhalten. Die „Kleinen Schwedenschanzen“, die sich nördlich des FKK-Geländes anschlossen, ließen wir deshalb nicht nur sprichwörtlich „links liegen“.

Und so nutzte ich die Gelegenheit, jenen Schlüssel auszuprobieren, den ich am Morgen dieses Tages bekommen hatte. Ja, „er“ passte. Und so traten wir, die Doppelstreife mit Zollhund, in jenen Raum, wo „Freikörper-Kultur“ betrieben wurde.
Ob wir „Nackte“ sahen, entzieht sich meiner Erinnerung. Aber ich weiß, dass wir unweit des Grenzgrabens weiter in südliche Richtung – Richtung Lübeck-Eichholz – gingen. Vorbei an einigen Wohnwagen, welche nun den „Nackedei-Freunden“ als Unterkunftsbereich dienten.
Hätte ich zu dieser Zeit bereits gewusst, dass ganz in der Nähe ein Tunnel auf DDR-Seite war, der u.a. zum Schleusen von Personen genutzt wurde, so hätte ich fortan ein wesentlich größeres Augenmerk auf diese Örtlichkeit gelegt und mich dort öfter mal „auf die Lauer“ gelegt…

Als wir kurze Zeit später den Hochstand des Grenzzolldienstes bei „Schneiders Wiesen“ erreichten und uns dort für eine Weile niederließen, um zu „postieren“, fragte ich mich zum ersten Male, ob dieser „Punkt“ geeignet ist, um dort längere Zeit zu verweilen. Aufgrund der Bäume, die unweit des Landgrabens / Grenzgrabens im Laufe der Jahre in die Höhe gewachsen waren und die Sicht nach „drüben“ nahmen, konnte man(n) eigentlich nur „hören“, wenn auf DDR-Seite ein Fahrzeug den Kolonnenweg entlang fuhr – visuell wahrzunehmen war eigentlich kaum etwas, sofern es sich nicht um abgefeuerte Leuchtkugeln oder um patrouillierende Hubschrauber des „Warschauer Pakts“ handelte.
Hmm – ziemlich „langweilig“ hier, dachte ich und hoffte, dass wir baldmöglichst die Streife in Richtung Lübeck-Eichholz fortsetzen würden. Und es kam der Moment des Aufbruchs. Jedenfalls wusste ich nun, welche „Nummerbezeichnung“ dieser Hochstand des Grenzzolldienstes hatte. Diese Nummer mussten wir am Ende der Streife im Dienstbuch vermerken und Auskunft darüber geben, wie lange wir uns dort aufgehalten hatten.

Weiter ging es in südliche Richtung. Der Weg führte uns mal etwas näher und mal etwas ferner vom Grenzgraben entlang. Dann erreichten wir den Behaimring und nach Durchschreiten desselben den Bereich an der Abschrankung Eichholz.
Ob ich mir zu diesem Zeitpunkt bereits bewusst war, dass ich hier fortan den Großteil meiner Zeit als Angehöriger der Grenzaufsichtsstelle (I) Eichholz verbringen würde, weiß ich nicht mehr. Da bereits eine andere Streife des Grenzzolldienstes hier, am Ende der Brandenbaumer Landstraße, postierte, verließen wir nach „Kontaktaufnahme“ und „Plausch“ diesen „Besucher-Schwerpunkt“. Entlang des Landgrabens führte unser weiterer Streifenweg zur Bahnlinie Lübeck-Herrnburg. Hier hatte der Grenzzolldienst einen weiteren Hochstand gebaut / aufgestellt. Und von diesem Punkt aus konnte man den hiesigen Grenzbereich ganz besonders gut in Augenschein nehmen.

Während unserer Dauer der Postierung sahen wir einige Streifen der DDR-Grenztruppen und diese waren gemäß Anweisung zu „melden“. Erstmalig nahm ich das Funkgerät zur Hand, um der Zoll-Sprechfunkzentrale BALDUR von unseren Beobachtungen zu berichten. Den gesehenen „GT“ (Grenztrabant bzw. Trabant P 601 A) meldete ich genauso wie den „Robur LO“ oder die Kradstreife, welche auf dem Kolonnenweg entlang fuhr. Dass diese Weise der „Berichterstattung“ nicht unbedingt zu unserem Vorteil war, ahnte ich damals noch nicht. Ich wusste nicht von der Existenz der Funkaufklärer der DDR-Grenztruppen, welche vom nahen Selmsdorf aus den Sprechfunk der bundesdeutschen Grenzüberwachungskräfte abhörten, auswerteten und ggf. an andere Stellen meldeten. Dass meine Funksprüche auch geeignet waren, um meinen /unseren jetzigen Standort halbwegs zu bestimmen, war mir in diesen Momenten nicht wirklich bewusst…

Drei Züge sahen wir vom Grenzzolldienst-Hochstand aus die Grenzlinie passieren: einen Güterzug, der von Lübeck kommend den Grenzbahnhof Herrnburg ansteuerte, einen weiteren Güterzug, welcher gerade Herrnburg verlassen hatte und Richtung Bundesrepublik fuhr sowie den Personenzug „D 438“, welcher mit zahlreichen Passagieren unterwegs war, um von Stralsund kommend bis Köln zu fahren und im Lübecker Hauptbahnhof einen Teil der Reisenden im „Westen“ abzusetzen.
Der weitere Streifenweg führte uns in Richtung des Flusses Wakenitz. Vorbei an Karpfenteichen, in deren Nähe Schlangen (Ringelnattern und auch Kreuzottern) vermehrt beobachtet werden konnten. Nach „unwegsamem“ Marsch gelangten wir dann an den südlichsten Punkt unseres zugeteilten Grenzabschnittes: hier befanden sich die „13 Pfähle“. Hölzerne Pfähle, welche vor Ort den Grenzverlauf markierten. Sumpfiges Gelände, das weniger zum Verweilen einlud. Nach Einweisung in diesen Grenzraum begaben wir uns wieder in Richtung Bahnlinie. Auf dem Weg dorthin zeigte mir „Kalle“ eine aus Stroh errichtete „Hütte“. Relativ klein und flach war sie und möglicherweise hätte ich diese gar nicht entdeckt, wenn mein „aB“ mich nicht zu ihr geführt hätte. Wir gingen zu ihr hin und setzten uns hinein. Vielleicht hatte ein Jäger diese mal gebaut, um von dort aus das Gelände zu beobachten und Tiere zu erlegen.

Nun saßen wir im Stroh. Was Kalle mir alles erzählte, kann ich heute nicht mehr sagen/schreiben. Aber ich weiß, dass ich mir schon damals sicher war, dass ich in dieser Strohhütte während meiner zukünftigen Nachtstreifen nicht postieren würde. Was sollte ich hier und allein bei Dunkelheit? Nein, das war mir doch etwas zu „unheimlich“ und selbst mit einem Zollhund an meiner Seite würde es kein „Vergnügen“ sein, sich in diesem Raum länger aufzuhalten.

Nachdem wir Zollhund HASSO wieder in seinem „Zuhause“ abgeliefert und verpflegt hatten, erreichten Kalle und ich die Räumlichkeiten der Grenzaufsichtsstelle I Eichholz. Zwar hatten wir „Spektakuläres“ nicht gesehen und letztlich nur routinemäßige „08/15“-Meldungen gen Zentrale BALDUR abgesetzt, so hatten mich doch eine Vielzahl von neuen Informationen innerlich stark beschäftigt und bewegt.
Sicher war ich mir, meinen „Traumberuf“ gefunden zu haben. Als äußerst „spannend“ empfand ich diesen „Arbeitsplatz“. Dass ich diesen lediglich ein paar Jahre behalten konnte/durfte, steht auf einem anderen Blatt. Aber auf diesem wurde/wird auch deutlich, dass das „Leben“ weiterging/ weitergeht und es hinter dem Horizont immer „Neues“ zu entdecken gibt…
"That´s Life“!

Angefügte Bilder:
zuletzt bearbeitet 24.01.2019 10:20 | nach oben springen



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