"hanglemezbolt" - Schallplattengeschäfte im Budapest der 1980er Jahre

07.09.2018 23:00 (zuletzt bearbeitet: 08.09.2018 00:35)
#1
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Hallo,

Budapest war in den 1980er Jahren für DDR Bürger ohne Zugang zu Devisen ein beliebter Platz, um nicht zu sagen ein regelrechter Sehnsuchtsort, um echte und damit begehrte Westschallplatten für ungarische Forint kaufen zu können. Es gab ettliche meist sehr kleine privat betriebene "hanglemezbolt" Läden mit dem entsprechenden Angebot. Nicht selten ging ein großteil des Forint-Budgets für den Kauf von Schallplatten flöten. Wer kann sich noch an die Namen dieser Geschäfte und ggfls. an deren Standorte erinnern? Drei davon fallen mir spontan ein:

Krokodil
Gramophon
Solaris

Die Adressen dieser Geschäfte kenne ich allerdings heute nicht mehr, meine aber, diese Läden waren in aller Regel rechts der Donau in der Altstadt zu finden. Wem dazu was einfällt, der kann gerne etwas dazu schreiben.

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08.09.2018 00:33
#2
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Jetzt sind es schon sechs Budapester Plattenläden, welche ich identifizieren konnte:

Krokodil
Gramophon
Solaris
Newport
Labyrinth
Tropical

Auszug aus meinem Urlaubstagebuch von 1985, gekauft wurde in Budapest:

1 x Schallplatte ZZ Top Eliminator für 320 Ft
1 x Schallplatte Rose Tatto für 550 Ft
1 x unbespielte Kasette, neu (Agfa, 60 min.) für 140 Ft

Der Kurs DDR-Mark zu Forint betrug damals 1:7.

:)

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08.09.2018 05:34
avatar  Lutze
#3
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Wieviel Forint hatte man so in etwa als DDR-Bürger in Ungarn dabei?
Lutze

wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren


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08.09.2018 09:23 (zuletzt bearbeitet: 08.09.2018 09:25)
avatar  Kalubke
#4
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Ich glaube das waren ca. 3.000 Forint. Dann gabs noch die begehrten Zollerklärungen. Mit denen konnte man extra noch mal ca. 100 Ostmark umtauschen.

Bei den Platten gab es einen preislich ncht unerheblichen Unterschied zwischen den originalen Westpressungen und den jugoslawischen Lizenzpressungen von Yugoton. Die Qualität war nicht wesentlich schlechter.

Eine LP-Originalpressung kostete umgerechnet ca. 70-80 Mark, eine Yugotonpressung ungefähr die Hälfte.


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08.09.2018 10:11
#5
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Woran lag das, dass das Bruderland Ungarn sowas anbot und die DDR nicht?

Mehr Devisen gehabt? Bessere Conections? Liberalere Einstellung?

Démerde-toi !


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08.09.2018 10:40
#6
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Wie schön, das man sich dann und wann mal was aufschreibt! 1985 war das erste Jahr, in welchem ich im Sommerurlaub auf großer "Ostblock-Tramper-Tournee" unterwegs war. Bulgarien, Rumänien, Ungarn und am Ende dann die Tschechoslovakei waren die Stationen. Hauptziel war Bulgarien, speziell das Rila Kloster und das Schwarze Meer. Rumänien war nur eine reine Durchgangsetappe. Budapest und am Ende Prag waren die restlichen Ziele. Die damals bei der Staatsbank der DDR für diese Tour eingetauschten Fremdwährungen hatte ich mir sinnvollerweise in einem Tagebuch notiert, welches ich noch besitze. Als da waren:

ungarische Forint: 1300,- (entspricht dem Umtauschsatz für 7 Tage, Kurs: 1:7)
tschechische Kronen: 360,- (entspricht dem Umtauschsatz für 3 Tage, Kurs: 1:3)
rumänische Lei: 240,- (entspricht dem Umtauschsatz für 3 Tage, Kurs: 1:3)
bulgarische Lewa: 138,- (entspricht dem Umtauschsatz für 11 Tage, Kurs: 1:11)

Dazu hatte ich noch 300,- DDR Mark dabei. Warum ich die maximale Tagesanzahl bei den Forint nicht ausgereizt hatte, ich glaube es waren maximal 14 Tage/Jahr bzw. 2600,- Ft möglich, weiß ich heute nicht mehr. Vermutlich weil ich noch keine Ahnung hatte wie der Hase so läuft, und die Erfahrung fehlte. Die anderen 3 Länder wurden in ihrer Maximalhöhe auch nicht ausgereitzt. Der Dreh mit der Zollerklärung war mir 1985 noch nicht bekannt. Das wurde leider erst auf späteren Reisen gemacht. 100 DDR Mark pro Zollerklärung stimmt. Damit konnte man dann in Ungarn in ein Reisebüro marschieren, und die Ostmark in die begehrten FT eintauschen. Das ging aber (so glaube ich) auch nur ein mal pro Reise und der erfolgte Umtausch wurde im DDR Ausweis sogar abgestempelt. Kann das sein?

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08.09.2018 10:58
#7
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Zitat von Blitz_Blank_Kalle im Beitrag #5
Woran lag das, dass das Bruderland Ungarn sowas anbot und die DDR nicht?

Mehr Devisen gehabt? Bessere Conections? Liberalere Einstellung?

Die Ungarn konnten, soweit es mir bekannt ist, damals ins kapitalistische westliche Ausland reisen und sogar "drüben" arbeiten und somit an Valuta, also an DM gelangen. Die Plattenläden waren keine Staatliche Einrichtung. Das war alles privatwirtschaftlich organisiert. Die Jungs haben halt ihre Möglichkeiten ausgenutzt, Marktwirtschaft betrieben, im Ausland Platten günstig eingekauft und in Budapest u.a. an uns "Zonis" teuer verhökert. Was die Preise anbelangt, so habe ich in den folgenden Jahren in Budapest sogar Platten für umgerechnet 100,- bis 120,- DDR Mark das Stück gekauft. Das 1988er Album von Metallica "And Justice for All" war so ein Fall. Das war eine Originale Pressung, das war zu der Zeit top Aktuell und absolut angesagt. Für Fans war das wie Goldstaub. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. So was in den Händen zu halten und auch kaufen zu können war schon eine Sensation. Da spielte der Preis praktisch keine Rolle.

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08.09.2018 11:00
avatar  Kalubke
#8
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Zitat von Blitz_Blank_Kalle im Beitrag #5
Woran lag das, dass das Bruderland Ungarn sowas anbot und die DDR nicht?

Mehr Devisen gehabt? Bessere Conections? Liberalere Einstellung?


Ich würde sagen wg. der liberaleren Einstellung der Ungarn zur westlichen Kultur und auch wegen ihrer Möglichkeit in den Westen zu reisen und die Platten dort einzukaufen. Das ging natürlich finanziell nur, weil man sich der DDR-Kundschaft sicher war.

Plattenhandel lief übrigens auch direkt in der DDR über Osteuropäer und Diplomaten, die nach Westberlin fuhren und die Platten beschafften. Man konnte regelrecht Bestellungen abgeben. Es war allerdings nicht leicht Kontakte zu diesen Kreisen aufzunehmen, weil das wegen des Verfolgungsdrucks durch die DDR-Zollorgane ziemlich diskret ablief.

Gruß Kalubke


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08.09.2018 12:18 (zuletzt bearbeitet: 08.09.2018 12:19)
#9
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Zitat von Lutze im Beitrag #3
Wieviel Forint hatte man so in etwa als DDR-Bürger in Ungarn dabei?
Lutze

Bei der DDR Staatsbank wurde beim erstmaligen Umtausch von DDR Mark in Ostblockwährungen in den DDR Ausweis auf der letzten Seite ein Einleger aus Papier eingeklebt, und auf diesem wurde darauf hin in den nächsten Jahren JEDER Tausch von DDR Mark in ungarische Forint und tschechische Kcs vermerkt. Ich hab den Wisch noch und darauf steht zu lesen:

"1985, 7 Reisetage, 1300,- Ft ausgezahlt"
"1986, 14 Reisetage, 2650,- Ft ausgezahlt"
"1987, 14 Reisetage, 2650,- Ft ausgezahlt"
"1988, 12 Reisetage, 2650,- Ft ausgezahlt"
"1989, 12 Reisetage, 2650,- Ft ausgezahlt"

Warum es ab 1988 nur noch 12 Reisetage bei gleicher Umtauschhöhe waren, weiß ich nicht mehr. Vermutlich bzw. ganz sicher wurde das von staatlicher Seite aus geändert. Grund heute unbekannt. Die 2650,- Ft UND die 14 bzw. ab 1988 12 Reisetage waren m.e. auch jeweils die jährliche Höchstgrenze pro Bürger. Mehr ging dann nur mit Tricksereien wie z.B. einer Zollerklärung. Rumänische Lei und Bulgarische Lewa wurden offensichtlich nicht im Ausweis vermerkt, obwohl sie ebenfalls zeitgleich mit Ft und Kcs vor jeder Reise bei der Staatsbank eingetauscht wurden.

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08.09.2018 18:50
#10
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Zu den Jazztagen kamen ungarische Händler mit Taschen voller Westplatten nach Leipzig und wir kauften in dem "Schlaraffenland" im Foyer diese Platten für +/- 100 DDR-Mark das Stück.

Disziplin ist die Fähigkeit, dümmer zu erscheinen als der Chef. (Hanns Schwarz)


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08.09.2018 21:56
#11
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Zitat von Sachsenharley 250 im Beitrag #6
Wie schön, das man sich dann und wann mal was aufschreibt! 1985 war das erste Jahr, in welchem ich im Sommerurlaub auf großer "Ostblock-Tramper-Tournee" unterwegs war. Bulgarien, Rumänien, Ungarn und am Ende dann die Tschechoslovakei waren die Stationen. Hauptziel war Bulgarien, speziell das Rila Kloster und das Schwarze Meer. Rumänien war nur eine reine Durchgangsetappe. Budapest und am Ende Prag waren die restlichen Ziele. Die damals bei der Staatsbank der DDR für diese Tour eingetauschten Fremdwährungen hatte ich mir sinnvollerweise in einem Tagebuch notiert, welches ich noch besitze. Als da waren:

ungarische Forint: 1300,- (entspricht dem Umtauschsatz für 7 Tage, Kurs: 1:7)
tschechische Kronen: 360,- (entspricht dem Umtauschsatz für 3 Tage, Kurs: 1:3)
rumänische Lei: 240,- (entspricht dem Umtauschsatz für 3 Tage, Kurs: 1:3)
bulgarische Lewa: 138,- (entspricht dem Umtauschsatz für 11 Tage, Kurs: 1:11)

Dazu hatte ich noch 300,- DDR Mark dabei. Warum ich die maximale Tagesanzahl bei den Forint nicht ausgereizt hatte, ich glaube es waren maximal 14 Tage/Jahr bzw. 2600,- Ft möglich, weiß ich heute nicht mehr. Vermutlich weil ich noch keine Ahnung hatte wie der Hase so läuft, und die Erfahrung fehlte. Die anderen 3 Länder wurden in ihrer Maximalhöhe auch nicht ausgereitzt. Der Dreh mit der Zollerklärung war mir 1985 noch nicht bekannt. Das wurde leider erst auf späteren Reisen gemacht. 100 DDR Mark pro Zollerklärung stimmt. Damit konnte man dann in Ungarn in ein Reisebüro marschieren, und die Ostmark in die begehrten FT eintauschen. Das ging aber (so glaube ich) auch nur ein mal pro Reise und der erfolgte Umtausch wurde im DDR Ausweis sogar abgestempelt. Kann das sein?


Nicht im Ausweis, auf der Zollerklärung wurde der Tausch abgestempelt.

Theo 85/2


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09.09.2018 12:42
#12
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Stimmt. Jetzt fällt es auch mir wieder ein. Die schmiss man dann weg und lief mit der nächsten und weiteren 100 Mark in ein anderes Reisebüro, so man mehrere Zollerklärungen dabei hatte. Im PA ist auch nichts dergleichen gestempelt.

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09.09.2018 14:25
#13
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Genau so. Ich hatte glücklicherweise eine "Quelle" welche Zollerklärungen lieferte.So konnte ich mir die Eintrittskarten vom Hungaroring zur Formel 1 leisten. Das bisschen Umgetauschte reichte ja gerade für den Zeltplatz (Romai Camping) und für eine Jeans oder für Schallplatten sollte es ja auch noch reichen.


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09.09.2018 14:38
#14
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Meine inoffizielle Quelle hieß "Oma & Opa", Gott habe sie seelig. ;)
Die haben die Zettel (vermutlich) im Tränenpalast in Berlin abgreifen können, wenn sie für einen Besuch rüber nach Westberlin sind.

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