Wenn doch bloß mal was passieren würde!

  • Seite 1 von 3
27.07.2018 21:52
avatar  ABV
#1
avatar
ABV

Irgend ein Grenzabschnitt an der früheren Westgrenze der ebenso früheren DDR. Irgendwann um die Mitte der Achtziger Jahre :

Schon seit mehreren Stunden hockt der neunzehnhjährige Soldat Arno Kimmritz zusammen mit seinem Postenführer, den einsilbigen, aus Rostock stammenden Gefreiten Hering, auf einem Beobachtungsturm. Eine Zigarette nach der anderen rauchend, starren sie hinüber in den " Goldenen Westen". Der an dieser Stelle so gar nicht golden erscheint. Sondern genauso grau und langweilig wie sein östliches Pendant. Hinter der Grenze verlief ein holpriger Feldweg, dem sich ein Acker und dahinter ein Waldstück anschlossen. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Von der einsamen Zollstreife die vor einer Stunde dort patroullierte, einmal abgesehen. Alltag an diesem Grenzabschnitt.
Den vielbeschworenen " Frontdienst im Frieden" hatte sich Arno Kimmritz, der insgeheim nach Abenteuern dürstete, ganz anders vorgestellt: Steinewerfende Provokateure, verruchte Damen, die mit dem Anblick ihrer nackten Körper die Grenzer abzulenken versuchen, tieffliegende Hubschrauber der US-Armee und so weiter und so weiter.
Kimmritz wollte im Urlaub vor seinen staunenden Kumpels angeben. Aber mit was sollte er angeben, wenn nichts passierte?
" Mensch, ist das langweilig!", stöhnte Kimmritz. " Hier geschieht ja gar nichts". Ein wenig erstaunt wandte ihm der Gefreite Hering sein breites Gesicht zu. " Bist du bescheuert, oder was? Sei doch froh das nichts passiert. Was soll denn deiner Meinung nach passieren? Wünscht du dir einen Grenzverletzer? Juckt dir der Zeigefinger? Willst du unbedingt jemanden abbknallen?"
" Nein!", wehrte Kimmritz, erschrocken ab. " So war das doch nicht gemeint. Aber acht Stunden sinnlos herumhocken ergibt doch auch keinen Sinn." " Wenn du mich fragst - für mich gibt diese ganze Armeezeit keinen Sinn", brabbelte Hering gereizt. " Außerdem sehe ich sehr wohl einen Sinn in der Ruhe hier - einen bessere Garantie für einen unverdorbenen Heimgang als ereignislose Schichten kann man sich doch gar nicht wünschen." Damit war für ihm das Thema erledigt.
Aber nicht für Kimmritz. Der junge Mann fühlte sich völlig mißverstanden. Was ist denn so schlimm daran, wenn hier endlich mal was los wäre?

Kennt ihr auch solche Gedanken aus eurer Dienstzeit? Diesen eigentlich irrwitzigen Wunsch nach " ein wenig Action". Oder zumindest ein wenig Abwechslung. Obwohl Action und Abwechslung gleichbedeutend mit Stress waren. Oder waren euch die normalen, ruhigen Schichten lieber?


Gruß an alle

Uwe


 Antworten

 Beitrag melden
27.07.2018 22:06
avatar  ( gelöscht )
#2
avatar
( gelöscht )

Am liebsten waren mir Früh- oder Spätschichten in einem abgelegenen Gebiet mit Wald, Feld und Wiesen. Da sah man den Tag erwachen oder schlafen gehen. Wild kam zum äsen aus dem Wald.

Aktion habe ich mir nie gewünscht, obwohl da die Zeit schneller verging.

Natürlich hat man das DF genommen wenn sich die Wanfrieder Damenwelt neben der Grenzsäuler erleichtert hat.

Ich habe einige besondere Vorkommnisse nicht unbedingt miterlebt, aber im Nachgang damit Berührung gehabt. Zum beispiel als ich mit dem Batailloner die Spur des FF gesucht habe und seinen zurückgelassenen Posten abgeholt habe. Den Anblick meines Kumpels vergesse ich nicht.

Mit Freude habe ich die Arbeiter der Kiesgrube (allesamt Grenzhelfer) festgesetzt habe, da sie keinen PA und keinen Passierschein mithatten. Dafür brauchte ich Wertags in der Frühschicht nicht mehr in das PG an der Werra in Treffurt. Das war durch die Arbeiten in der Kiesgrube und der Unübersichtlichkeit ein Risiko PG für einen EK.

KS


 Antworten

 Beitrag melden
27.07.2018 22:38 (zuletzt bearbeitet: 28.07.2018 06:51)
avatar  ( gelöscht )
#3
avatar
( gelöscht )

Damit die Schicht schneller verging, hat man sich je nach Postenpartner unterhalten oder auch mit anderen Dingen beschäftigt.

Manchmal habe ich auch in Gedanken durchgespielt was im jeweiligen PG so passieren könnte und wie man da am besten handeln konnte. Natürlich kann man die Zufälle welche das Leben so spielt nicht aller erahnen oder gar berechnen. Für bestimmte Standardsituationen hatte ich aber einen "Plan B" im Hinterkopf.

KS


 Antworten

 Beitrag melden
27.07.2018 22:51 (zuletzt bearbeitet: 27.07.2018 22:53)
avatar  ( gelöscht )
#4
avatar
( gelöscht )

Plan B im Hinterkopf war ja gut, wenn aber wirklich einer kam, kam der aber garantiert aus einer ganz anderen Richtung und du mußtest dann im Vorderkopf auf die Schnelle noch den Plan C machen.


 Antworten

 Beitrag melden
27.07.2018 22:54
avatar  ( gelöscht )
#5
avatar
( gelöscht )

Habe ich ja geschrieben, auf alle Fälle konnte man nicht vorbereitet sein. Meistens kommtes anders als man denkt.

KS


 Antworten

 Beitrag melden
28.07.2018 09:50 (zuletzt bearbeitet: 28.07.2018 21:59)
#6
avatar

Ich hatte mich an die Leere des Grenzgebiets so gewöhnt, daß ich bei Auslösungen immer an Rehe oder Wildschweine dachte, eben weil es bei mir (gottseidank) immer so war.

Der Fall Weinhold hat sicherlich die Gedanken intensiver um mögliche "Grenzverletzer" kreisen lassen. Aber der ereignete sich nach meinem Heimgang.


 Antworten

 Beitrag melden
28.07.2018 10:16
avatar  Jörg
#7
avatar

#1 Aber ja , ich glaube die hatte jeder mal am Kanten. Mir persönlich waren die ruhigen Schichten lieber.
Wie sagten wir damals immer , wenn in der Kompanie mal wieder " Sackstand" war und der Spies durchdrehte ; " Wird Zeit das wir raus an den Kanten kommen " , der Ruhe wegen.
Fast alle Grenzer , die ich kannten , waren Froh wenn nix im GD passierte. Ich kenne , glaube ,nur einen , dem der Zeigefinger Juckte ,und mit dem wollte keiner Aufziehen.
Besonders in den Nachtschichten auf dem GSB , wenn eigentlich jeder alles von den anderen wußteund es nix mehr zu sagen gab, konnte es schon Öde auf dem Boot werden.
Ich wünsche ein schönes WE . Ich hab jetzt VKU ...🤣


 Antworten

 Beitrag melden
28.07.2018 21:42
avatar  ( gelöscht )
#8
avatar
( gelöscht )

Das Erleben der Natur im Jahresverlauf und das Fahren mit dem P 3 haben mir die Dienstzeit etwas erleichtert.

Schichten auf BT oder Objektwache habe ich kaum gehabt.

Kontrollfahrten waren ganz gut wenn der richtige Beifahrer mit war.

Die vielen Sonderfahrten ins Regiment oder Urlauber zum/vom Bahnhof waren mir eine willkommene Abwechslung und die Zeit verging schneller, obwohl es auch oft zu Lasten meiner Freizeit/Nachtruhe ging.

KS


 Antworten

 Beitrag melden
28.07.2018 22:46 (zuletzt bearbeitet: 28.07.2018 22:47)
avatar  sentry
#9
avatar

Bei uns in der SiK Marienborn gabs eigentlich im Normalbetrieb "Action" genug. Jedenfalls gab es eine Menge Aufklärungs- und Beobachtungsaufgaben, zu meldende und zu dokumentierende Vorgänge. Einige Posten hatten auch Kontrollaufgaben, so dass viel Unaufmerksamkeit gar nicht möglich war. Hinzu kamen ständig Vorfälle und Unregelmäßigkeiten mit denen irgendwie umgegangen werden musste, wie Fahrzeughalte oder Rückstöße oder Wenden auf der Autobahn, aussteigende Personen, zugestaute Sperranlagen, Pannen oder gar Unfällle.
Darüber hinaus waren die Schichtwechsel sehr häufig kürzer als normal, es gab Zusatzeinsätze wie K6- oder USM-Streifen, Absicherung von Arbeitseinsätzen auf der Autobahn, Alamüberprüfungen, Zusatzposten wegen schlechter Sicht oder potenzieller GV-Sichtungen oder Deserteure im Hinterland usw. usf.
Das resultierte in permanentem Schlafdefizit, so dass man sich kaum noch mehr Action wünschte.
Trotzdem hatten mit zunehmenden Dienstalter durchaus einige Kameraden den Gedanken, auch mal einen GV fangen zu wollen. Ich kann mich selbst da auch nicht ganz ausnehmen. Vielleicht ist das ja irgendwie normal oder zumindest nachvollziehbar, wenn man monatelang mit dieser Aufgabe in den Einsatz geschickt wird...keine Ahnung. Dass jemand scharf darauf war, die Schusswaffe anzuwenden, ist mir aber auch nicht begegnet.


 Antworten

 Beitrag melden
29.07.2018 02:05 (zuletzt bearbeitet: 29.07.2018 02:12)
avatar  Fred.S.
#10
avatar

7. Bei uns Jörg, an derTrennungslinie von der Landgrenze ) GR 24 ) zur Elbgrenze ( GR 8 ) Raum Lütkenwisch ( DDR ) war es nie langweilig.
Man hielt ja ständig Ausschau nach jeden Gegenstand der die Elbe talwärts Richtung Grenze schwamm. Und so fuhr man immer wieder dahin um diesen Gegenstand in Augenschein zu nehmen ob da nicht Jemand darunter ist. Und wie schon viele User es sagten, die Natur. Den Sonnenuntergang, den Nachthimmel beobachten und den anbrechende Morgen mit einer spiegelglatten Elbe wo man nach der Ablösung sich auch oft auf einer Westbuhne wiederfand. Sekundenschlaf auf dem Heimweg. Rehe, die durch die Elbe von einen Ufer zum anderen Ufer schwammen, konnte man auch beobachten. Die einzigen Grenzverletzer, die von beiden Seiten nicht festgenommen wurden. Aber beobachtet, wie die mit den dünnen Beinchen schnurgerade durch die Elbe machten. Und was sollte uns auf den Booten groß passieren. Vor uns die Elbe, die Zöllner, die mit auf uns aufpassten und hinter uns der Zaun auf den Deich, wo Ihr Euren Dienst versehen habt. === Ich meine jetzt die Jungd der Grenzkompanie. So waren wir doppelt gesichert. Fred


 Antworten

 Beitrag melden
29.07.2018 11:50
avatar  Jörg
#11
avatar

#10 Ja , Fred , die Havelgewässer waren ebend etwas anders !


 Antworten

 Beitrag melden
29.07.2018 12:48
avatar  Fred.S.
#12
avatar

11. Ich habe schon beim erstenmal neidisch Dein Potraifoto gesehen, Jörg. Ist ja klar, das Ihr im Raum Berlin und Potsdam andere Bedingungen hattet, genau wie die Jungs an der Lanfgrenze. Denke ob die im Norden, der Elbgrenze ( Land ) hatten andere Bedingungen als die im Harz. mfg. Fred


 Antworten

 Beitrag melden
29.07.2018 21:08
#13
avatar

Der stöhnende Kimmritz ("Mensch, ist das langweilig!" ... "Hier geschieht ja gar nichts") wäre über Nacht aus dem Grenzdienst entfernt worden, sobald es die Runde macht oder eine passende Stelle erreicht. Mit Kimmritz hätte ich im Gebiet jedenfalls nicht die Zeit verbringen wollen, weil in mehrfacher Hinsicht gefährlich!

Allein die Tatsache, dass jeder täglich im Dienst eine scharfe Waffe und 60 Schuss Munition zu verantworten hatte, spricht auch gegen die in Medien heute gern verbreitete Mär von Hubertus-Knaben und "Historikern" vom unendlich langweiligen Grenzdienst.

Wer den Großteil seiner Zeit auf einem Turm hocken musste, wird das natürlich anders sehen, als jemand der regelmäßig evtl. mit Hund an der grünen Grenze das Gelände bestreift hat.

Unser Hauptroblem waren zu eng geplante Schichten (permanenter Schlafmangel). Tlw. war man in mehrere Aktionen zeitgleich verplant, weil die vorgesehene Personalstärke einfach nicht existierte. In unserer UvD-Bude hing ein Organigramm, das eigentlich ca. 1/4 mehr Personal in den Zügen, Alarmgruppen usw. vorsah.

Klingt jetzt irgendwie nicht nach Langeweile......


 Antworten

 Beitrag melden
29.07.2018 21:16
avatar  ( gelöscht )
#14
avatar
( gelöscht )

75/76 war es im Eichsfeld einfach nur langweilig. Abwechslung brachten die wenigen PG wo man gegenüber eine Straße hatte und dort von Zivilisten über BGS, Zoll bis zu den Amis immer mal etwas Bewegung war. Auslösungen des GSZ und Abriegelungen hielten sich auch in Grenzen. Ich habe sehr oft A Gruppe gestanden, bin aber vielleicht nur fünfmal rausgeflogen.

Andere Abwechslung brachte auch das Sichern von Arbeiten in der Land- und Forstwirtschaft.

Natürlich kann man das nicht mit Berlin vergleichen.

KS


 Antworten

 Beitrag melden
29.07.2018 21:19
avatar  Mike59
#15
avatar

Zitat von freddchen im Beitrag #13

Wer den Großteil seiner Zeit auf einem Turm hocken musste, wird das natürlich anders sehen, als jemand der regelmäßig evtl. mit Hund an der grünen Grenze das Gelände bestreift hat.

Unser Hauptroblem waren zu eng geplante Schichten (permanenter Schlafmangel). Tlw. war man in mehrere Aktionen zeitgleich verplant, weil die vorgesehene Personalstärke einfach nicht existierte. In unserer UvD-Bude hing ein Organigramm, das eigentlich ca. 1/4 mehr Personal in den Zügen, Alarmgruppen usw. vorsah.

Klingt jetzt irgendwie nicht nach Langeweile......


Gut beschrieben - Langweile ist was anderes.


 Antworten

 Beitrag melden
Bereits Mitglied?
Jetzt anmelden!
Mitglied werden?
Jetzt registrieren!