AVIS

28.04.2018 12:57
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Spätestens seit Robert Langdon weiß wohl jeder, dass alle Symbole und Zeichen, die einem so begegnen, oftmals auch irgendeine mystische oder verschwörerische Bedeutung haben.Wir von der SiK Marienborn wussten das natürlich auch. So hatten die vielen Beschriftungen der auf der Autobahn vorbeiziehenden LKWs und Busse meistens in Wirklichkeit nicht den Zweck, uns den Namen des Spediteurs oder Vermieters mitzuteilen, sondern sollten uns helfen, das Tagedrücken ein wenig leichter ertragen zu können.So wollte Busunternehmer HARU uns eigentlich nur zurufen: "Heimfahrt April Ruft Uns", und AVIS druckte das Logo nur auf seine Fahrzeuge, um uns zu erinnern: "Achtundzwanzigsten Vierten Ist Schluss"

Am ersten Tag an der Grenze in Marienborn musste ich gleich erstmal mit meinem Zugführer K6-Streife laufen, die die ganze riesige Autobahn-GÜSt einmal zu umrunden hatte. So erfuhr ich gleich an einem grauen Aprilmorgen, was für eine gewaltige Anlage wir da das nächste Jahr bewachen sollten.
Meine erste richtige Schicht führte mich dann auf's "Schiff", diesen großen Stahlturm neben der Autobahn direkt an der Grenzlinie mit beeindruckendem Überblick über die Anlage, aber auch Fernsicht bis zum Brocken und natürlich weit in den Westen hinein.
Ich kriegte als kleiner kaum richtig volljähriger Pennäler also gleich die volle Dröhnung.

Ein Jahr später dann, am letzten Sonntag an SiK lief ich noch mal Kontrollstreife im Abschnitt. Es war eine "Altenschicht" mit einem weiteren Gefreiten meines Jahrgangs. Also entschieden wir, ordentlich Stifte einzupacken und uns noch einmal überall im Abschnitt zu verewigen, wo wir in der Schicht hingelangen konnten. Besonders gefragt waren natürlich Orte, wo sonst keiner hinkam. Gesagt, getan haben wir überall unsere kleinen Mini-Graffitis hinterlassen: "Gefr. Soundso EK 88/I", nicht ahnend, dass die Anlage anderthalb Jahre später Geschichte sein würde und kurze Zeit später mit Brücken, Türmen und vielen der Zäune und Mauern auch unsere Tags verschwinden würden, bevor kaum jemand sie überhaupt noch lesen konnte.
Am Montag ging ich dann nochmal einen Spätaufzug auf die B 5, der Posten der den Eingang zum Raum der Sicherstellung der Eisenbahn-GÜSt bewachte und dabei, möglicherweise einmalig an der Westgrenze, ganz allein war.Die letzte Schicht war dann wie ein kleiner Ringschluss genau wie die erste wieder auf dem Schiff in meinem letzten Nachtaufzug. An die tatsächliche Schicht habe ich keine Erinnerung mehr. Wenn es keine Altenschicht war, gewährten wir dem "jungen Genossen", der noch ein halbes Jahr durchhalten musste, eine "Kommunismus"-Schicht, das heißt er bekam maximale Diensterleichterung. Ich weiß nicht mehr, ob ich vielleicht sogar die Postentaschen mit all der Verpflegung zum Turm schleppte, aber auf solchen Schichten lies man den Posten machen was er wollte: Drinnen sitzen oder draußen rumhängen, rauchen, Waffe abstellen, Mütze ab, was immer sonst die Postenführer als "Privileg" nutzten und der Posten nur in kurzen Pausen machte, durfte er die ganze Schicht tun.
Manche Postenführer räumten ihren Posten sogar ein, in der letzten Schicht ein paar der "Schikanen" zurückzugeben. Sie hätten auch "durchgestanden", wenn der Posten das verlangt hätte.
Wie auch immer, das war meine letzte Schicht in Marienborn. Am Dienstag hatte ich frei, wahrscheinlich wurde all der militärische Kram zurückgegeben und schon mal alles entsorgt oder auch "vererbt", was man von der Grenze auf keinen Fall wieder mit nach Hause nehmen wollte.
Lust wiederzukommen hatten wir wohl eher nicht, aber ich hatte schon den Plan, wenn ich irgendwann, vermutlich als Rentner, die Gelegenheit hätte, da durchzufahren, dies mit dem Auto auch zu tun, und den Grenzern auf den Postenpunkten, die ich so oft besetzen musste, wenigstens freundlich zuzuwinken.
Das Bild rechts ist die letzte Seite aus meinem kleinen staubigen Grenzertagebuch. Irgendwie passt sogar der vom Junge-Welt-Verlag in diesen Taschenkalender eingedruckte Spruch von GBS...

Jetzt noch mal zu AVIS:
Am 28.04.1988, also heute vor 30 Jahren, wurde die 50. Generation der Soldaten der SiK Marienborn (EK 88/I) und mit ihnen sicher viele andere überglückliche (Ex-)Grenzer in ihre kleine Freiheit nach Hause entlassen. Eine weitere Grundwehrdienstperiode später war der ganze Zauber dann vorbei.


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28.04.2018 18:03
avatar  andyman
#2
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Ließt man leider viel zu selten solche tollen Beiträge.Danke dafür.
Lgandyman

Gruß aus Südschweden
Was nützt alles Hasten und Jagen,auch du bist nur ein Tropfen im Meer der Unendlichkeit. Confuzius


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