Die Wendezeit in Treffurt und anderen Grenzorten

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09.10.2017 09:40
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#1
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Hallo Mitglieder und Gäste,
mehr als 2 Jahrzehnte ist der politische Umbruch, der Zusammenbruch der DDR oder auch Wendezeit genannt her.
Die meisten der heute jungen Erwachsenen waren noch gar nicht geboren, oder so klein, dass sie sich nicht oder nur wenig daran erinnern können.

Über die Entwicklung von Friedensgebeten, den Montagsdemos bis zu den immer lauter und stärker Anwachsenden Massen und Rufen "Wir sind das Volk" ist inzwischen viel geredet und veröffentlicht worden.

Mit der Eröffnung des Themas möchte ich den Blick auf den besonderen Bereich des Grenzgebietes lenken, einen Bereich in dem lange Jahre eine besondere "Sicherheitskultur" gewachsen war, der zum Teil restriktiven Einschränkungen unterworfen war.
In diesem Thema möchte ich den Schwerpunkt ausdrücklich nicht auf die entsprechenden Publikationen, Gesetze und Verordnungen legen, sondern mit Zeitzeugen an der Grenze über Erlebnisse und deren heutige Wertung legen.
Von ihrer Tätigkeit an der Grenze meist überzeugt, kam dieses "Hineinrutschen" in eine von einem Tag auf den nächsten Tag nicht zu überschauende Situation für viele trotz der erkennbaren Vorzeichen wie eine Lawine.
Eine Lawiene, der man sich schutzlos ausgeliefert fühlte.

Es geht nicht darum "kalten Kaffee" aufzuwärmen, sondern die Frage nach dem Erleben des Einzelnen, und wie er diese Lebenskriese gemeistert hat. Man sollte jedem Teilnehmer auch die Fairnis persönlicher und politischer Irrtümer zubilligen, auch ein bis heute fortdauerndes Unverständnis könne in sachlicher Disskussion miteinander beseitigt werden.

In diesem Sinne werde ich heute Abend fortsetzen. Habe dieses Thema auf Wunsch eines anderen Mitglieds geöffnet, aber es entspricht ebenso meinem Wunsch. Bitte meldet Euch, falls Interesse am Thema besteht. berndk5


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09.10.2017 11:27
#2
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Ich finde das Thema sehr interessant.
Ich weiß nur in Lauchröden wurde eine Brücke (?) gebaut
thomas


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09.10.2017 21:58
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#3
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Hallo bürger der ddr , Rothaut und thomas48, leider ist es heute etwas später geworden. Dennoch möchte ich jetzt meinen ersten Beitrag einstellen.
Zur Ausgangssituation: Es ist der 09.November 1989, erst nach 21 Uhr gelingt es die Kaserne zu verlassen. Es sind ca. 3 - 4 min vom Kasernentor um die Ecke zum Wohnblock, 3.Etage -Fernsehsessel. Was wird es wohl Heute für Neuigkeiten geben.
Rückspann: Turbulente Zeiten liegen bereits hinter uns. So genannte Massenfluchten von DDR-Bürgen in die Botschaften von Polen, Ungarn und besonders der CSSR in Prag. Der aus Sicht vieler hier Gebliebenen völlig unnötige Akt der Ausreise mit der Bahn über DDR-Gebiet. Der für Führungsoffiziere und aufmerksame Berufssoldaten erkennbare, noch nie so dagewesene drastische Anstieg der Grenzverletzerbewegung. Sowohl nach statistischen Fällen, Personenzahlen und dem hohen Anteil der Gruppenbildung. Bei der Befragung festgenommener Grenzverletzer ist man als Offizier darüber erstaunt, welch einen hoch vernünftigen und sachlichen Eindruck diese Leute machen. Keine verkrachten oder Gestrauchelten Existenzen, Alkoholiker , Arbeitsscheue oder Haftentlassenen. Das warren die GV früherer Jahre zwar nicht immer, aber sehr oft. Die mitgeführten Gegenstände, saubere, ordenliche Wechselwäsche und generell fast immer Zeugnisse. Sowohl von der Schule, Lehre, Studium. Allein im Grenzabschnitt Treffurt, wo die Häufigkeit der Versuche des Grenzdurchbruchs über Jahrzehnte bei 1- 3 Fällen lag, waren wir von Januar bis Herbst 1989 bei nahezu 30 Personen. Die so genannten Friedensgebete waren als Ausdruck der wachsenden Unzufriedenheit der Bevölkerung von Realisten so gewertet - SED-Hardliner und unbelehrbare Funktionäre werteten das als Anstieg gegnerischer, von Außen hereingetragener Feindeinwirkung. Das Grenzkommando SÜD in voller Breite im Prozess der Reorganisation und Umstrukturierung. Soll heißen, über Sommer wurden Grenzbezirkskommandos gebildet. Unser Grenzregiment - 1 in Mühlhausen feierlich aufgelöst. Auf einmal gehörten wir dann zum Grenzkreiskommando EISENACH, der Stab war im früheren Grenzausbildungsregiment. Das GAR-11 war ja da schon nach Plauen verlegt worden. Die Trennungslinien der Kompanieen wurden verändert, die hießen jetzt auch nicht mehr Grenzkompanie, sondern Grenzwache.
Man war nicht mehr Kompaniechef der Grenzkompanie Treffurt, sondern Leiter der Grenzwache. Jeden Tag neue Befehle. Der ganze Sicherstellungskram, neue Versorgungsoffiziere- teilweise neu in ihren Funktionen. Neue Vorgesetzte, die sich vereinzelt noch gar nicht in ihren neuen Geländeabschnitten und Personal-Bereichen auskannten. Große Panik, 40.Jahrestag der Gründung der DDR- um Himmels Willen keine Vorkommnisse an der Grenze. Haltet ja Eure eigenen Leute ruhig, damit da nicht noch etwas passiert. Fahnenfluchten- tut alles menschenmögliche "um die Leute bei Laune zu halten" . Redet mit Ihnen.... . Was allerdings außer den altbekannten Phrasen wir den Leuten sagen sollten, hat uns niemand gesagt- woher auch. Gefühlt seit dem Sommer, aber sicher schon seit Mai 1989 kam doch aus Richtung Politbüro oder ZK der SED aus meiner Sicht (und der einiger anderer KC/GK) nur noch "blaue Luft". Es herrschte totale Funkstille, obwohl die "Problemblase" (ich will das so nennen) immer stärker und sichtbarer anwuchs !!! Aber die eigene Denkweise, man hat ja soviel um die Ohren- wollen wir erst mal unsere Arbeit ordentlich machen. Den Zorn der eigenen Grenzbevölkerung flach halten, indem mehr und konsquenter berechtigte Kritiken zu Mißständen abgearbeitet werden.. blah, blah blah . Welch ein Utopist war man, um daran zu glauben mit den paar ehrlichen Mitstreitern im zivilen Einzugsbereich etwas zu verändern. Es sind etliche Dinge gelungen, im Wahleinzugsbereich ist das später auch honoriert worden- den für mich nicht erkennbaren Zerfallprozess hat es nicht aufgehalten. Dienstbesprechungen beim Vorgesetzten , mit den Nachgeordneten, Stadtratssitzungen, SED-Ortsleitungssitzungen- die Terminflut und daraus resultierende Arbeit forderten den Menschen hart.
Stolz darüber, mit den Soldaten der Kompanie ein Eigenheimviertel einer Beleutung zugeführt zu haben. Über PIK Lichtmasten und Schaltkasten besorgt (Genehmigungen der Kommandeure zu bekommen, waren das Härteste), 1-2 Soldaten in die Firma Sitzmöbel Körner (mit Genehmigung) damit ein wichtiger NSW-Auftrag für England fertig werden konnte. 1 - 2 Soldaten in die Firma Flammat, damit der "Bevölkerungsbedarf " an weißem Kohlenanzünder etwas gemildert werden konnte. Natürlich haben diese Soldaten auf der Grundlage der Genehmigung diese Arbeit ausschließlich NUR in ihrer FREIZEIT gemacht. (Wer glaubt denn so etwas??) Das hat man als KC schon gerewgelt. 2 zusammengelegte Tage Dienstfrei, das ergab schon mal einen tollen Kurzurlaub. Wozu war man KC- und, eine Hand wäscht die andere.
So war das in TREFFURT. Es ist hier ein Bericht über eine Vergangene Zeit, die Leute die es erlebt haben als Soldat, egal welches Dienstgrades oder Zivilist, egal welches Berufs oder Metiers , wissen das das die Wahrheit ist. Irrtümer oder Verwechslungen zeitlicher Abläufe können nicht ganz ausgeschlossen werden. Ich bin leider noch nicht Rentner, um meine zahlreiche Aufzeichnungen aufzubereiten und einfließen zu lassen.
Wenn es interessiert, schreibe ich gerne weiter, wie es am 9.11.89 "ab ging" und was dann so alles passierte. Beste Grüße, berndk5


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09.10.2017 22:29
#4
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Danke, war sehr interessant.
Warst Du damals verheiratet und hattest Kinder?
Hatten die mit den Kollegen und anderen Schülern Ärger in Treffurt?
Warst Du mal auf den damaligen Bürgerversammlungen?
Ich kannte einige MfS Mitarbeiter, wohnten bei uns im Haus, da war alles friedlich
thomas


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09.10.2017 22:50
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#5
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Danke für den Bericht...der 9.November 89 und die folgenden Tage in Deiner Grenzwache würden mich interessieren.
Wie war das für Dich und Deine Berufssoldaten?..gab es in Deiner Grenzwache auch extrem negative Reaktionen auf die Grenzöffnung ?


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10.10.2017 00:08 (zuletzt bearbeitet: 11.10.2017 23:13)
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#6
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Hallo Rothaut, danke für die "Vorlage". Werde Deine Frage gern beantworten. danach.
thomas48, hatte zuvor gefragt.
Hallo Thomas, die Brücke über die Werra- also der Brückenschlag von OST nach WEST, oder umgekehrt erfolgte.
Ein Medien-Ereignis erster Sahne. Clever eingefädelt, für: "ohne Kfz" .!
In der Thüringer Allgemeinen füllen sich inzwischen Bände mit Leserpost über Verärgerung von durch Falschparker, "in die Ecke-Pisser" und andere gesetzlosen Zustände. Schau dort mal `rein- es ist ein Dauerthema, jetzt hat man wohl eine einvernehmliche Lösung im Fokus. Sorry, nicht in meinem.
Fazit: Brücke - toll !!! ; REST: Schei...e !! Deskalb, ausgeblendet.

Frage Familienstatus: Verheiratet seit fast 40 Jahren (immer noch selbe Frau), 2 Töchter (inzwischen kur vor 40, verh. mit eigenen Familien lebend, da wo es Arbeit gibt) ; zu der Wendesituation im Zusammenhang mit Familie kommt noch was........
Beste Grüße, berndk5 . das wär`s gewesen. Aber, da war doch noch so `ne Frage.......

Hallo Rothaut, es war die HÖLLE !!! Ich weiß nicht ob man es nachvollziehenkann, wenn man es nicht selbst life erlebt hat.
Ich hatte eine "gefestigte" Familie, soll heißen, man hat sich die Wahrheit gesagt- auch die Wertung der politischen Probleme miteinander ausgetauscht (trotz knapper Zeit). Klar war auch die nie- oder nur sehr intim - gestellte FRAGE: WAS tust Du wenn..... ? Ein Idiot, wer jetzt an Sex denkt.
Erinnert Euch an das TITO-Jugoslawien und die SECURITATE. Vor Allem, was man mit Einzelnen gemacht hat.
Wir, die Angehörigen der GT und deren Familien waren auch DIE STASI , auch wenn wir nicht die Stasi waren.
KLARTEXT: Meine Ansprechpartner des MfS waren zu der Zeit für mich die engsten Waffengefährten, es waren die Leute, die meine (gesamten Grenzabschnitts- ) Informationen und -überlegungen brauchten, um ein Gesamtbild für richtige/zwechmäßige weitere Entscheidungen erst aufbereiten und vorschlagen zu können!!! (damalige Denk- u. Handlungsweise) . Gleichzeitig waren es meine "Kampfgefährten", die mich als Kompaniechef mit wichtigen Informationen versorgen konnten, die ich nirgendwo anders erhalten konnte.(kann aus heutiger Sicht nicht ausschließen, das dieser Effekt bewußt kalkuliert war).
Es sollte ersichtlich sein, dass ich zwar (aus meiner Sicht) Realist war, aber dennoch nahezu 200%ig vom System überzeugt war.

Was war mit den Berufssoldaten?
Wie in allen Menschengruppen, wie in allen Dienstgradgruppen- es gab soooone und solche. Soll heißen, vom besorgten und unerfahrenen jungen Berufsunteroffizier mit junger Frau und Sohn- gerader erst im "Block" eingezogen, aber treu zur Sache- bis zum altgediensten GAK-Stfw. der kein Hehl daraus machte, für diesen "SAFTLADEN" nicht seine Haut zu Markte zu tragen.
Es mag überheblich klingen, aber ich stehe zu jedem Wort.- ich kannte sie alle. Zumindest glaubte ich das. Und gaaaaaaanz ehrlich, ich konnte trotz aller Suche bis heute, keinen Fehler dabei finden (anderswo schon).
Mal ehrlich, wer wusste , was der nächste Tag bringt?? Sollte der Eine oder Andere an der nächste Laterne aufgehängt werden ? Gibt es den so genannten kollektiven Aufschrei der Warschauer Vertrages ??? Rollen Köpfe, fliegen Kugeln ???? Wir durchgeladen.......
Wie positionierst DU dich selbst? Das war eine sehr wichtige Frage, bei der jeder- nicht nur der BS an Deinen Lippen hing.
Ich werde dazu noch einiges schreiben. Nicht um Begeisterung zu erwecken, aber um aufzuzeigen, welch eine Verantwortung man für Menschen hatte, die einem vertrauten (fast blind vertrauten). Andereseits in einer Situation, in der NIEMAND wußte, was der morgige Tag bringen könnte.
Werde im nächsten Text auf den 9.11.89 näher eingehen- ein seltsamer Gedanke kommt gerade: ich denke, ich könnte es in meiner damaligen Situation mit nine-eleven vergleichen. Nicht die Opferzahlen und das Grausen. Nur die Ohnmacht und das Unverständnis die Tatsachen zu begreifen.........
Mehr im nächsten Text, bendk5 .
PS: würde mich freuen, wenn es jemanden interessiert.............


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10.10.2017 00:28
avatar  Ehli
#7
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@berndk5
Ich danke Dir für deine wirklichen ehrlichen Beiträge.
Leider haben nur wenige den Mut,so zu schreiben,wie Du.
mach bitte weiter so.
Vielen Dank
Ehli

Ehli
Ich habe es mir nicht ausgesucht, ein Ossi zu sein....
Ich hatte einfach Glück!

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10.10.2017 04:07
#8
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Hallo Bernd,

ich habe nach einiger Zeit mal wieder im Forum vorbeigeschaut und bin auf Deinen Beitrag gestossen.
Du scheinst die Sache aus einer Perspektive zu betrachten, die - sagen wir mal - die eingefahrenen Gleise verlässt und das finde ich interessant.
Ich sehe mit Interesse weiteren Beiträgen entgegen.

Gruss Wolfgang


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10.10.2017 08:44
avatar  GKUS64
#9
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Hallo Erich (@berndk5),

sehr sachlich und ehrlich dein Bericht, ja deine Erlebnisse vom 11.09.1989 interessieren mich sehr, meine Erlebnisse von diesem Tag habe ich im folgenden alten Beitrag geschildert (war auch aufregend, aber ein himmelweiter Unterschied zu deinen Erlebnissen!).

Vor 22 Jahren fiel die Mauer!

MfG

Bernd


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10.10.2017 09:15
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#10
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Hallo GKSU64, danke Dir, bin auf Arbeit. Hab nur mal schnell geschaut. Melde mich heute Abend. Übrigens hast Du meine Mail vor ein paar Tagen nicht bekommen, weil ich die Reihenfolge der Buchstaben von Untersuhl in der eMail-Adresse in falscher Reihenfolge getippt hatte. Ein Finger war schneller als er sollte. Gruß, berndk5


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10.10.2017 22:09
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#11
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Hallo Alle zusammen. Also mit dem Zitat einfügen muss ich noch üben- so viele Beiträge sind es ja hier auch noch nicht, also schlagt bitte den Schluß von gestern Abned in diesem Thema selbst nach. Danke.
Um meine Erlebnisse aus der Wendezeit zu schildern, hatte ich einen kurzen Rückblick auf die DDR Situation gegeben. Abschließend sagte ich zur Schilderung der eigenen Empfindungen in dieser Zeit, dass der Vergleich mit dem Zusammensturz der Twin-Towers (USA) ähnlich sei- ohne die Opferzahlen und Ursachen zu meinen.
Ja , das war so. Man stand vor einem Scherbenhaufen der eigenen Geschichte, alles worauf man stolz war entblöste sich als der Janus-Kopf von Verrat.
Das Schlimmste war die (scheinbare) Ohnmacht im eigenen Handlungsvermögen.
Der Kompaniechef kommt am Abend des 9.11. spät, aber rechtzeitig vor der inzwischen täglichen Pressekonferenz nach Hause. Aus dem Fernseher kommt der lakonisch vorgetragene Sitzungsbericht mit dem Fazit der Formulierung, dass die "Grenzöffnung" ab sofort in Kraft tritt.
Man glaubt, vom Pferd getreten worden zu sein...... "Welcher Idiot in welchem Stab hat da wieder gepennt und uns vergessen zu informieren. So etwas muss doch vorbereitet sein" dachte man als ersten Reflex. Zum Diensttelefon im Flur, DHO -Grenzbataillon anrufen. besetzt. Bataillonskommandeur zu Hause anrufen, der meldet sich. Hat aber auch keine Ahnung! Was ist hier los? Endergebnis, nach gefülhten 60 Minuten Telefoniererei- es bleibt Alles wie es ist. "Das betrifft uns doch nicht- nur die GÜSten. -uns doch nicht, -uns doch nicht." Irgendwie kam es dann aber doch anders. Wenn auch etwas später.
Das Zeitgeschehen war von rastloser Hektik geprägt, vernünftige Amtsträger und Funktionäre waren ernsthaft bestrebt, gemeinsam mit dem Runden Tisch Dinge in Ordnung zu bringen, bei denen sie vorher mangels Unterstützung von Kreis oder Bezirk erfolglos waren. Die zentrale Grenzöffnung veränderte Alles. Mindestens eine Woche bis gefühlt 14 Tage war scheinbar Stillstand. Nachdem dann Alle mal im Westen waren, kehrte Normalität im Chaos zurück. Nun konnte man auch in Treffurt eine Montags-Demo organisieren. Natürlich habe ich sofort davon Wind bekommen. Wir waren (und sind) ja auch Teil des Volkes, erst Recht in Treffurt. Die Ehepartner in den Betrieben, die Kinder in der Schule- selbst die Grenzsoldaten waren bei uns im Ort beliebt. Wir gehörten dazu, auch wenn ganz sicher nciht Jeder uns gemocht hat.
Jetzt liegt der Fakt auf dem Tisch, D E M O ! ! ! - und sie wollen bis zum Zaun !!!! Hallo, welcher Zaun ist gemeint. Alarm im Kopf !!! Was wir mit der Kerserne, die liegt auf dem direkten Weg der geplanten DEMO. Waffenkammer- was könnte passieren ? Ach KC, was tust DU jetzt ??????????
Den Batailloner anrufen, Plizei, MfS- kannst Du Dir Alles schenken. Hab nur den Batailloner angerufen, der sagte sinngemäß: da kann ich auch nichts machen, in den anderen Einheite haben sie änhliche/oder die gleichen Probleme . Kannst Du voll knicken, das Telefonat. Würde man heute sagen.
"Befehle den Grenzposten besonnen zu handeln, es darf aber aus der DEMO keine Angriffe auf die Staatsgrenze geben!" Ist das klar-----!!! KLAR .
Der Kompaniechef = da sehet hin der arme Tor, er ist so schlau als wie zuvor......... . Was nun ??? Wie vermeidet man eine Eskalation. Was tut man, wenn man in das Bürgerkommite gewählt wurde, aber diese INFO von dort nicht erhalten hat.
So habe ich mich in meiner Not zu einem für mich einzigartigen Schritt entschlossen. Ein Anruf beim Pfarrer, ob er für mich etwas Zeit hätte. Ein JA erhalten. Soar ein JA, SEHR GERN ! OH jeh, KC was tust DU. Solche Kontakte waren doch streng verboten!! Sch...? egal- jetzt geht es um uns, um Deeskalation, um Vermeidung von Blutvergießen.
Würde sich irgend jemand von Euch eventuell von einem zornigen Mob angreifen lassen, wenn er so jung und bewaffnet ist ? Wo fängt es an, wo könnte es enden....... . Dies waren meine Gedanken. Aber auch, wie erscheine ich beim Pfarrer ??? Klar, micht mit UAS und Fahrer. Sollte ja auch keiner wissen. Habe es n u r dem Spieß gesagt, selbst meinen Stellvertretern nicht. Hatte Angst ein falscher Anruf hätte Alles kaputt machen können- Beton-Köpfe gab es genug. Also Privat-PKW, welche Anzugsordnung ??? Klar, Dienstuniform- wir sind nicht inkognito, man will sich auch nicht verstecken. Pistole, sonst immer dabei- ab in den Schreibtisch-Schubkasten. War zwar nicht lt. Vorschrift, war aber so. Herzrasen, klopfen. Wird er grinsen, wenn der arme Sohn zu Kreuze kriecht ??? So in etwa waren meine Gedanken... . Alles Quatsch! Ein sehr konstruktives Gespräch, geprägt von gegenseitiger Achtung. Mir vielen im Verlauf und erst recht am Ende des Gespräckst gefühlte 1000 Steine vom Herzen.
Kurzfassung: Habe Herrn Pfarrer Fuhrmann meine Sorge bezüglich der DEMO mitgeteilt. Klar gemacht, das wir das respektieren und keinerlei Maßnahmen gegen die DEMO unternehmen werden- dass wir aber einen klaren Auftrag des Staates haben und nicht zulassen werden, das aus der DEMO heraus Staatseigentum wie die Grenzsicherungsanlagen beschädigt oder zerstört werden, oder Personen die Situation zum Versuch des illegalen Grenzübertritt nutzen. Wegen diesem aus meiner Sicht doch starken TOBAK, habe ich gleich nachgeschossen, das ich wegen dem jugendlichen Alter der Soldaten diese nur mit Pistole zu Selbstverteidigung und mit Schutzhunden einsetzen werde. Dass der Einsatz aller Posten mindestens 50 Meter hinter dem Zaun erfolgt (GSZ) bis zu dem die DEMO gehen sollte. Dann bat ich ihn, seine ganze Kraft, seine ganze Autorität als Pfarrer dafür einzusetzen, dass die DEMO friedlich bleibt. Er meinte, dass er mir dafür keine Garantieen geben könne, es gäbe ja auch Leute die nicht auf ihn hören. Ich habe ihm erwidert, dass es mir völlig ausreicht, wenn er sich in diesem Sinne einbringt. Dass Leute , die auf ihn hören in der Lage sind unbelehrbare und Störenfried ruhig zu halten. Habe ihm dann noch versprochen selbst vor Ort zu sein und dafür zu sorgen, dass GT keinen Anlass für Eskalation gibt.
kurze Pause, komme gleich wieder ......


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10.10.2017 22:17
avatar  Pitti53
#12
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Genau solche Situation habe ich auch erlebt. Kopflosigkeit bei den Oberen°!

Bei uns in Weferlingen standen auch so ca 50 Leute teilweise besoffen vor dem Zaun und forderten eine Grenzöffnung.

Marienborn war ja echt dicht dran. nein JEDES Dorf wollte seine eigene Güst haben. Das waren schon turbulente Zeiten


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10.10.2017 22:56
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#13
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Ja, Piiti53, so war es tatsächlich. Nicht nur in Treffurt und Weferlingen. Einerseits wissen solche zusammenhänge und Abläufe die Wenigsten, leider sagen die Wenigen das auch kaum - wer ist schon stolz darauf. Wen interessiert das schon. Das NEUE, das Westgeld war wichtig. Endlich reisen können. Als dann die Ernüchterung kam, - wo sollte den der Frust auch hin ? Klar, zu denen die schon immer die Schuld hatten......
Geht gleich weiter, leider hatten wir in der Wendezeit auch die Beerdigung eines jungen Grenzsoldaten. TOD, ausgerechnet in Anschluß an die erste OST-WEST-DISKO in Treffurt . Das braucht sicher einen Extra-Tag, da muss ich die Unterlagen erst noch mal sichten. Es ist so krass, wie die vorher akribisch arbeitenden Behörden in der Wendezeit aus Anst vor politisch auslegbaren Fehltritten ohnmächtig wirkte. Mehr dazu später.
Die getroffenen Äußerungen wiederspiegeln immer die Meinung des Verfassers und sind nicht im Sinne einer juristischenAussage zu verwenden.
berndk5


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10.10.2017 23:41
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#14
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Ja, in der Wendezeit gab es Dinge, die es eigentlich nicht gab. In meinem Wohngebiet in Klein Glienicke bei Potsdam ahnten viele, dass ich beim MfS gearbeitet habe. Bestätigt hatte ich es vor der Wende Niemandem. Klein Glienicke hatte eine einzige Kneipe und in Wendezeiten etablierte sich auf Grund der Lage direkt am Wasser dort ein Kreis aus Ostlern und neuen Besuchern aus dem Westen. Wir lernten uns kennen und ich sagte jedem, der sich dafür interessierte, was zu DDR-Zeiten meine Aufgabe gewesen ist. Noch Jahre später haben mir viele auf die Schulter geklopft und gesagt, dass sie froh darüber wären, in ihren eigenen Akten keine Berichte von mir gefunden zu haben. In den Wende-Wirren hatte mir das niemand geglaubt - kann ich allerdings auch gut verstehen.

Ich hatte sicherlich den Vorteil, dass ich in einer DE der Auslandsauflärung des MfS gearbeitet habe und ich kann von keinem meiner Kollegen berichten, dass diese gerne in den Bereich der Abwehr gewechselt wären - es war eher eine Strafe, gerne ausgesprochen bei dienstlichen Verfehlungen...


andy


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10.10.2017 23:43
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#15
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zu #11 Fortsetzung
Ja, wie ging es weiter ? Ich war erst mal erleichtert- die vermeintlich nichts-sagenden Aussagen des Pfarrers Fuhrmann, sie waren die höchste Zustimmung, die man je in einer solchen Situation erhalten konnte.
Er wußte, - davon war ich felsenfest überzeugt- , dass er eine Verantwortung dafür haben würde, wenn es aus dieser DEMO zum Blut vergießen käme.
Ich war mir sicher, dass er schon sofort mach meiner Verabschiedung vom Besuch, die "mahlenden Mühlen" in Gang setzen würde um eine friedlich Demo zu bewahren.

So war es denn auch. Ganz anders als in den Grenzabschnitten der Nachbarkompanien stoppte diese DEMO tatsächlich vor dem 2m-KS am GSZ-Tor "Straße Treffurt", heute B250 am westlichen Ortsausgang Treffurt.
Anbrausende Tumulte aus dem DEMO-ZUG konnten nur mit Mühe durch das Wort des Pfarrers gebremst werden, auch ich war einigen verbalen Anfeindungen,
immer schön tief aus der Masse, ausgesetzt. Aber es war noch erträglich.
Es ging darum, wenn die mitgebrachten Kerzen auf dem K2 abgestellt würden, würde ich diese sofort beseitigen lassen ,
oder unsere LO-Räder würden die Kerzen schon bei der nächsten Postenablösung zermalmen.
Ich war sooo was von erleichtert, -wenn DIE keine anderen Sorgen haben...- ich habe so laut ich konnte der DEMO vor dem Pfarrer mein Wort gegeben, dass kein einziger Grenzer auch nur eine Kerze innerhalb der nächsten 24 Stunden anrühren wird, und wir diese Tor so lange auch nicht benutzen werden.
Auch wenn es für uns Umwege waren,wir haben es so gemacht. Es hat auch kein einziger Grenzer auch nur eine der Kerzen beseitigt.
Es gab dann keine weiteren Demos mehr zum Zaun.
Ich war ja irgewndwie bei der "Volksversammlung" in der Bauernschänke ins Bürgerkommitee gewählt worden und sollte dann regelmäßig bei Versammlungen oder einmal auch auf dem Marktplatz etwas zum Stand der Entwicklung und der Zukunft aktueller territorialer Projekte und natürlich der gewollten GÜST Treffurt, sagen.

Der GÜST-Bau ist dann `ne eigene, völlig kuriose Geschichte. Diese ist unter anderem ein sehr großer Bestandteil einer Fernsehreportage des HR-Fernsehens. Habe eine CD davon.
Bei der ersten und sehr großen OST-WEST-DISKO hatten wir leider einen toten Grenzsoldaten zu beklagen, allerdings wurde er erst mehrere Tage später gefunden.
Die Ohnmacht der Staatsorgane und die mir versagte Unterstützung bei der Aufklärung des Verschwindens des Soldaten durch die so genannten Schutz- und Sicherheitsorgane der DDR, hat aus meiner Sicht zu 100 % Schuld daran, dass dieser Tod nicht zweifelsfrei aufgeklärt werden konnte und letztendlich als TOD durch Unfall abgebucht wurde.
Dies ist zugleich für mich persönlich das bisher schwärzeste Kapitel meines Lebens und zugleich die gefühlt größte Niederlage.
Dazu an einem anderen Tag mehr.
Ich muss darauf hinweisen, dass alle Inhalte nach bestem Wissen aus der Erinnerung wiedergegeben wurden. Zu zahlreichen Details existieren noch originale Aufzeichnungen , persönliche Protokollbücher aus Sitzungen der Sicherheitskommission, oder später aus den Sitzungen des runden Tisch in TREFFURT. Gern werde ich Eure Fragen beantworten. Aus persönlichen Gründen kann ich wahrscheinlich hier erst ab dem 23. oder 24.10. weiter machen, ich bitte dafür um Verständnis. berndk5


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