Grenzproblematik in Potsdam 1961

23.04.2017 21:18
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Glienicker Brücke in Potsdam und der 13. August 1961

Es zeichneten sich im Jahr 1960 in der DDR verstärkt Versorgungsschwierigkeiten ab, die sicher in den Bezirken unterschiedlich waren. Zur Erinnerung ein Beispiel aus Kleinmachnow / Kreis Potsdam:
„Die Versorgung mit Butter, Milch und auch Brot ist
zum Wochenende schlecht. Teilweise wird nur bis zu
einem halben Pfund Butter, ohne die Kopfzahl der
Familie zu beachten, abgegeben. Diese Erscheinung ist
bereits seit längerer Zeit vorhanden“.
Aus einer Information der SED Bezirksleitung der SED an die Abteilung Parteiinformation des ZK der SED vom 22. Juli 1961 geht hervor:
„Am gestrigen Tage ist der Fahrkartenverkauf nach Berlin auf den Bahnhöfen Potsdam – Stadt, Babelsberg, Hohenneuendorf und Hennigsdorf um ca. 200 bis 300 % angestiegen. Dabei traten viele Menschen in Erscheinung, die mit dem Wagen (PKW) aus anderen Bezirken bis zu diesen Grenzorten kamen und dann mit der S – Bahn nach Berlin fuhren“.

Ich erinnere mich, wie in Babelsberg, Potsdam und anderen Orten alle Hinterhöfe als Abstellplätze umfunktioniert waren und am Bahnhofsparkplatz Potsdam hunderte PKW standen, von denen viele einfach zurück gelassen wurden. Bereits im Dezember 1960 waren die Reisenden in den S – Bahnzügen stärkeren Kontrollen unterzogen. Bei dringenden Verdacht des Verlassens der DDR erfolgte die Einziehung des Personalausweises und Zurückweisung in den Heimatort. Die Kräfte der Grenztruppen, Zollverwaltung und Polizei mussten mit unpopulären Mittel und Methoden tätig werden, während die Partei und Staatsinstanzen ihre Aufgaben nicht erfüllten. Sie meinten, mit Agitation, einer Verbesserung der Massenarbeit, das Aufzeigen der Perspektive, den Niedergang Westdeutschlands, die Entlarvung der Spalter und Kriegstreiber das Problem lösen zu können. Es gab den Ausspruch eines leitenden Mitarbeiter einer SED – Kreisleitung, indem er sagte:
„Dass die Menschen nicht von der Politik unserer Partei überzeugt sind, ist auf Agententätigkeit zurückzuführen. Das sind Symptome, das Vertrauen zur Arbeiter und Bauernmacht zu untergraben, weil ihnen nicht klar ist, wohin das eines Tages führen wird und alle zur Rechenschaft gezogen werden, die fahnenflüchtig wurden“.

Sicher war das so falsch nicht, aber nur die eine Seite der Medaille. Die Märkische Allgemeine schildert am 19. Juli 1961, wie Bundeskanzler Adenauer in einer Aussprache mit Vertretern seiner Partei im sogenannten Europarat, zur Erhöhung der Aktivitäten aufforderte. Breiten Raum nahmen Adenauers Ausführungen zur Forcierung des Menschenhandel ein. Er forderte die Anwesenden auf, durchzusetzen, dass der Europarat für diesen Menschenhandel weitaus größere Beträge als bisher zur Finanzierung der Abwerbung und Abwerbeorganisationen beisteuert. Die Kopfprämien, die der Abwerber für einen Abgeworbenen erhielt wurden heraufgesetzt., es bestand ein ganzes Tarifsystem.
Noch am 26.Juli 1961 kam es im Bezirk Potsdam zur Errichtung von Straßenkontrollpunkten in Groß Kreutz, Michendorf Marquardt, Drewitz und Autobahn, Km 85 mit einer Stärke von 1:12 Mitarbeitern, um den Druck von der Grenze zu nehmen. Der Zoll besetzte ab 7. August 1961 mit zwei Einsatzkompanien die Bahnhöfe Potsdam Stadt und Babelsberg, um den Grenzbahnhof Griebnitzsee zu entlasten.
Im Zusammenhang mit der Durchführung der Maßnahmen des 13. August 1961, wurde auch die GÜST Glienicker Brücke geschlossen. Neben den Maßnahmen für die Grenztruppen, Zollverwaltung und Volkspolizei kam es zur Alarmierung des „Apparates“ der SED-Kreisleitung Potsdam.[1] Es erfolgte durch diese die Besetzung der Bahnhöfe im Stadtgebiet und der Glienicker Brücke mit qualifizierten Agitatoren, unter Leitung von Mitgliedern des Büros der Stadtleitung. Sicher war es richtig, die Maßnahmen zur Schließung der Grenzen den betroffenen Bürgern verständlich darzustellen und nicht alles den Sicherheitskräften zu überlassen. An der Brücke trafen zwischen 6.00-7.00 Uhr einige Bürger Potsdams aus Westberlin kommend ein, da sie am Samstag dort Besuche durchgeführt hatten. In den Mittagsstunden kam es dann zu einigen größeren Menschenansammlungen, vor allem auf dem Westteil der Brücke. So wurde ein einarmiger Kriegsinvalide mit einen kleinem Jungen vorausschickt, die aber vom AZKW zurückgewiesen wurden. Auf dem Potsdamer - Gebiet, Höhe Schwanenallee, hatte sich eine Gruppe Schaulustiger DDR – Bürger konzentriert, welche aber durch die Einsatzkräfte der BdVP zerstreut werden konnten. Zur Klärung von Sachverhalten, einschließlich der Befragung einzelner Personen, die aus Westberlin zurück kamen, stand in unmittelbarer Nähe der Brücke ein Straßenbahnwagen den Polizeikräften zur Verfügung. Beim Passieren der Brücke durch das Missionsfahrzeug der USA, Nr. 11 kam es zu einem fragenden Zuruf an die Zollangehörigen, ob sie Angst hätten. Die Diensthabenden Kräfte haben sich jedoch „nicht provozieren lassen“.
Aus einem Protokoll einer Lagebesprechung beim Leiter der Bezirkszollverwaltung, am 14. August 1961, geht hervor:[2]:
„Es waren Bürger dabei, die sich mit Potsdamer Bürgern treffen wollten. An der Brücke der Einheit war gestern zu verzeichnen, dass ca. 40 Personen etwa 5 m über die Grenze auf der Brücke der Einheit von westlicher Seite getreten waren, die dann von der Stummpolizei zurückgedrängt wurden. Es stehen 15 - 20 Personen laufend am Schlagbaum der Stummpolizei, die als Schaulustige angesehen werden.“

Die versammelten Potsdamer Bürger wichen jedoch einer Diskussion aus. Einzelne lehnten die Maßnahmen ab und betrachteten die Begründung von „Kopfjäger“ und „Menschenhändler“ als aufgebauscht. Zwei Jugendliche äußerten, in der DDR würde die Menschlichkeit keine Rolle spielen. Eine andere Gruppe Jugendlicher brachte zum Ausdruck, dass in der DDR keiner die ehrliche Meinung sagt. Bis gegen 15.15 Uhr hielten sich an der Brücke ständig zwischen 90-120 Personen auf. Sie bewegten sich überwiegend im Vorgelände, während eine Gruppe von 20-25 Personen, darunter viele jüngere Ehepaare, Wert darauf legten, näher an den Schlagbaum heran zu kommen Jeder ankommende Bus aus Potsdam war mit 50-60 Personen voll besetzt, die sich nun in Richtung Brücke bewegten.
Daraufhin kam es zu einer Rückverlegung dieser Haltestelle um 400 m durch die Einsatzkräfte, und die Mehrheit der Bürger konnte dort schon angesprochen und zurück gewiesen werden. An der Brücke kehrte nun für viele Jahre eine relative Ruhe ein.



Hans-Dieter Behrendt


[1] vgl. BLHA. Rep. 531 Potsdam, Nr. 1112, Bericht der Kreisleitung der SED Potsdam über die Durchführung der Maßnahmen, die sich aus der Erklärung der Regierung und der Warschauer Vertragsstaaten und den Beschlüssen des Ministerrats in der DDR vom 12. August 1961 ergeben.
[2] BA/SAPMO DL 203 Nr.102


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23.04.2017 22:39 (zuletzt bearbeitet: 23.04.2017 22:40)
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Mit der Stummpolizei ("Stupo") ist die Westberliner Polizei gemeint, weil der Präsident den Nachnamen Stumm trug.
https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Stumm
Im Jahr 1961 fuhr die SED eine grosse Kampagne und versuchte die Abwanderung nach Westberlin und Westdeutschland als gezielte Politik der Adenauer-Regierung zu brandmarken. Die Abwanderung ergab sich indessen wegen höherem Lohn auch für jüngere Personen und besserer Wahlmöglichkeiten bei der Stellensuche. Entsprechend sind fast nur junge Personen in den Westen gezogen. Die CDU hat sich wiederholt gegen die Vorwürfe gewehrt
In einem RIAS-Interview bezeichnet der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Ernst Lemmer, das Fiasko der DDR-Wirtschaft, das die 12. Tagung des SED-Zentralkomitees offenbart habe, als „Folge einer falschen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, das die Unschuldigen an diesem Missstand am meisten treffe". Mit dem „Blick auf ganz Deutschland" bittet er die Landsleute in der „Zone", ihren Entschluss, „sich nach dem Westen abzusetzen", sehr gründlich zu überlegen. Sie sollten prüfen, „ob sie nicht unserem Land und unserem Volk einen größeren Dienst leisten, wenn sie bleiben".
http://www.chronik-der-mauer.de/chronik/...id=173417&moc=1
Die CDU befürchtete, dass die DDR Massnahmen gegen die Abwanderung ergreifen würde, was sich bei den Bundestagswahlen im September 1961 negativ für die CDU auswirken würde (was dann nach dem Mauerbau so gekommen ist).
Die Abwanderung wurde noch dadurch verstärkt, weil durch den Wegzug viele Arbeitskräfte fehlten und die Dageblieben Löcher stopfen und viele Überstunden leisten mussten, so dass noch mehr wegzogen. Die Versorgungsschwierigkeiten ergaben sich ebenfalls durch die offene Grenze in Berlin: Viele Westberliner kauften die subventionierten Waren im Osten. Viele Ostberliner arbeiteten im Westen und verkauften dort ihre mitgebrachten Lebensmittel im Westen.

Theo


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