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Auf Grenzstreife (Zoll)

in Bundesgrenzschutz BGS 25.11.2016 18:03
von krelle | 457 Beiträge | 9937 Punkte
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Auf Grenzstreife

Der Wecker kommt nicht zum Einsatz. Noch bevor er mich aus meinen Träumen reißen kann, stelle ich ihn aus. Wieder mal habe ich ihn nicht gebraucht. Es ist 02.45 Uhr an diesem Tag im Jahre 1987. Für die einen ist es „mitten in der Nacht", für die anderen „früh am Morgen". Wie man es auch betrachtet: es ändert nichts an der Tatsache, aufstehen zu müssen. Nein, ich habe kein Problem damit – ein „Morgenmuffel" bin ich nicht! Was nicht heißen soll, dass ich nicht gern länger schlafe.

Um 03.40 Uhr habe ich meine Dienststelle, das Zollkommissariat Lübeck-Süd in der Guerickestraße 2-4, erreicht. Alle Räumlichkeiten sind dunkel; es ist kein anderer Kollege da. Ich schließe die Eingangstür hinter mir wieder ab; sicher ist sicher – gerade zu dieser „unchristlichen" Zeit. Stahlrute, Pistole und Munition sind dem Stahlspind zügig entnommen. Ab geht es zur sogenannten „Lade-Ecke“. Schon ist die 9 mm-Faustfeuerwaffe vorschriftsgemäß durchgeladen und kann in das Holster gesteckt werden. Jetzt wird ein frischer Akku in eines der aus dem Schrank geholten Funkgeräte getan. Ich schaue auf den am „schwarzen Brett" befindlichen Zettel, der Aufschluss darüber gibt, wie die einzelnen Streifen sich bei der Sprechfunkzentrale während des laufenden Monats zum Dienstbeginn anzumelden haben. „Zigarettenmarke", ist zu lesen. Nun denn….

„Baldur von Baldur 2/55 kommen", sage ich, nachdem ich die Sprechtaste des eingeschalteten Geräts gedrückt habe. „Baldur 2/55 von Baldur kommen", höre ich und antworte daraufhin mit der Nennung von bekannten Glimmstängeln. „Verstanden, Ende Baldur". Der Kollege hat es „gut"; in etwas mehr als zwei Stunden hat er Feierabend – und für mich fängt der Dienst erst an. Aber nein, so darf und will ich es nicht sehen, schließlich gehe ich gern auf Streife. Auf „Patrouille" entlang der innerdeutschen Grenze – zwischen dem Lübecker Stadtteil Eichholz und der Ortschaft Herrnburg, welche sich auf der mecklenburgischen Seite dieser Trennlinie zwischen West und Ost befindet.

Mit meiner Unterschrift im Dienstbuch bin ich offiziell im Dienst. In einer viertel Stunde, wohlgemerkt. Nicht bereits jetzt, gegen 03.45 Uhr, denn der Frühdienst, der für heute angesetzt ist, darf laut bestehender Regelung nicht vor 04.00 Uhr begonnen werden. Und ist dieser Dienst angetreten, hat man(n) ganze 10 Minuten Zeit, um sich vorzubereiten. Dann muss die Dienststelle in Richtung Grenze verlassen werden. „Trödler" sollen so etwas „auf Trab" gebracht und daran erinnert werden, dass die warmen und trockenen Diensträume nicht dazu da sind, um hier länger zu verweilen. Nun, aus diesem Grunde bin ich (auch) heute bereits sehr früh hier, um mir jene Zeit nehmen zu können, die ich für eine gute Dienstvorbereitung benötige. Ich brauche nicht hetzen und lese mir die letzten Meldungen, die meine Kollegen in den Streifenmeldeblock geschrieben haben, sorgfältig durch.

So wie es sich darstellt, ist wirklich Außergewöhnliches nicht dabei; lediglich die routinemäßigen Streifenfahrten/-gänge von den Angehörigen der DDR-Grenztruppen wurden dokumentiert. Dann kann es ja nun gleich losgehen. Nein, doch noch nicht – zuvor muss ich mich entscheiden, wie lange mein Frühdienst gehen soll. Wenigstens fünf Stunden sind Pflicht, länger als acht Stunden nicht erlaubt, sofern besondere Vorkommnisse dies nicht rechtfertigen. Ich trage als voraussichtliches Dienstende „11.30 Uhr" in die vorgesehene Spalte des Dienstbuchs ein. Die Anzahl der während des Monats zu leistenden Tag- und Nachtdienststunden will schließlich erfüllt sein. Im Dienstbuch werden nun auch eine „Anlaufzeit" und eine „Postierungszeit" eingetragen. Vorgesetzte wollen/sollen/müssen wissen, wo bzw. wann sie mich in meinem zu überwachenden Grenzbezirk antreffen können, falls sie das zu tun gedenken.

Nun gut. 07.00 Uhr werde ich an der Abschrankung Lübeck-Eichholz anzutreffen sein. Und mindestens in der Zeit zwischen 09.00 bis 09.30 Uhr beabsichtige ich, am Hochstand des Grenzzolldienstes bei der Bahnlinie Lübeck-Herrnburg zu postieren. Wenn, ja wenn alles normal verläuft. Aber was ist schon „normal" an dieser Grenze! „Sie" ist dermaßen unnatürlich, dass sie (zumindest für mich) zu jeder Tages- und Nachtzeit etwas ganz „Außergewöhnliches" darstellt. Kann es einen interessanteren Arbeitsplatz geben?
Bevor ich aufbreche, kontrolliere ich, ob auch wirklich alles dabei ist, was ich benötige. Ja, die Taschenlampe fehlt noch. Wenn es auch bald hell wird, so regiert doch noch die Dunkelheit. Die dienstlich gelieferte schwache „Funzel" bleibt im Schrank. Ich greife lieber auf meine privateigene starke Halogen-Lampe zurück, falls Licht gebraucht wird. Die guten Dienstferngläser des Zolls bleiben an Ort und Stelle. Ich habe mein eigenes; es ist noch lichtstärker, noch etwas besser. Die Fotokamera-Ausrüstung möchte auch noch mit - eine „Spiegelreflex“ mit 500 mm-Teleobjektiv.

Da ich einer Grenzaufsichtsstelle angehöre, die lediglich zu Fuß und/oder mit dem Fahrrad unterwegs ist, will gut überlegt sein, was man(n) alles mit sich führt. Die Kollegen, denen ein Dienstkraftwagen zur Verfügung steht, brauchen sich diesbezüglich weniger Gedanken zu machen. Ich schon! Jedes Gramm zusätzliche Gewicht macht sich bemerkbar. Und dennoch: was sein muss, muss sein. Dazu gehören auch die hohen Lederstiefel, die ich trage – zu jeder Jahreszeit. Nein, mit gewöhnlichen Halbschuhen gehe ich nicht los. Sollen die anderen Kollegen es ruhig machen, wenn sie das für angemessen halten. Ich denke da etwas anders drüber und weiß, dass ich eventuell auch dort entlang muss, wo es in das „Gelände" geht. Sollte ich Pech haben und auf eine Schlange treten, so würde mich ein eventueller Biss wahrscheinlich nicht schädigen. Allein schon aus diesem Grund sind die schweren Stiefel für mich unverzichtbar. Ich trage sie, auch im Sommer bei über 30 Grad im Schatten!

Fünf Minuten nach Vier. Ich verlasse die Räume der Grenzaufsichtsstelle I Eichholz, die sich im Gebäude des Zollkommissariats Lübeck-Süd befinden. Erste Anlaufstation ist der Hundezwinger im Kleingartengelände bei der Straße „An den Schießständen". In ungefähr 10 Minuten werde ich ihn erreicht haben. Doch heute dauert es etwas länger. Am Lebensmittelmarkt, welcher sich an der Ecke Gutenbergstraße/Hans-Sachs-Straße befindet, sehe ich eine rote Alarmleuchte blitzen. Nun, wahrscheinlich Fehlalarm. Dennoch schaue ich mir das Gebäude näher an. Mit der starken Halogen-Taschenlampe leuchte ich in das Innere des Geschäfts hinein – und sehe zwei Männer, die sich darin befinden. Einbrecher! Sekunden später wird meine Funkleitzentrale informiert. Es dauert keine drei Minuten, da rauscht der erste „Peterwagen" heran. Ich verlasse diesen Ort, nachdem die Personen vorläufig festgenommen und in das Polizeiauto verbracht wurden. Der Tag fängt ja „gut" an, denke ich.

Und es / er geht weiter. Kurz vor Erreichen des massiven Gebäudes, wo einige Zollhunde des Lübecker Zollkommissariats Lübeck-Süd untergebracht sind -auch meiner - höre ich plötzlich laute Geräusche. Mit fürchterlichem Krach flitzen ungefähr 20 Meter vor mir zwei Wildschweine aus dem Gebüsch und suchen das Weite. Spätestens jetzt wäre auch die größte „Schlafmütze" wach gewesen! Ja, das war ein gehöriger Schrecken! Glück gehabt, dass diese Situation glimpflich verlief, denn mit „Schwarzkitteln" ist nicht zu spaßen.

Als ich jene Tür aufschließe, die mich noch von meinem Diensthund ARIE trennt, fällt aller Ballast von mir ab – endlich bin ich wieder mit meinem vierbeinigen Freund vereint, sind wir zusammen und können wieder gemeinsam auf Streife gehen. Das freudige Gebell meines privateigenen Diensthunds lässt keinen Zweifel daran, dass auch ARIE so denkt. Mit einem „Affenzahn" saust er umher und springt mich immer wieder an, so glücklich ist er. Ja, das bin auch ich! Es gibt kaum Schöneres, als diese Momente, die auf diese Weise zum Ausdruck bringen: WIR GEHÖREN ZUSAMMEN!

„Komm, mein Freund; ich mache jetzt erstmal deinen Zwinger sauber“, sind meine weiteren Gedanken. Soweit es überhaupt möglich ist, soll er sich hier einigermaßen wohl fühlen. Dass seine Schlafstätte gut gepolstert ist, gehört für mich dazu. Der Wassernapf wird neu gefüllt und das Trockenfutter, das er später zusammen mit seinem geliebten „Pansen" erhält, jetzt soweit vorbereitet, dass es nachher, bei Dienstschluss, servier-fertig ist. Die anderen Hunde, die sich in dieser Zwingeranlage befinden, tun mir leid. Auch sie möchten endlich raus, möchten sich bewegen. Ach, ich würde sie gern alle mitnehmen! Aber leider darf sich jetzt nur mein ARIE freuen. Alle anderen Tiere müssen sich noch etwas gedulden, bis auch ihr „Herrchen" erscheint und sie „holt". Möge es recht bald geschehen.
Gute fünfzehn Minuten später erreichen ARIE und ich den Behaimring. Keine Menschenseele weit und breit zu sehen, obwohl hier viele Leute wohnen.
Man sagt, dass die Zöllner alle „Sträucher in ihrem Beritt" kennen – ja, so ist es tatsächlich. Wer fast täglich in einem relativ kleinen Bereich unterwegs ist, weiß, wie es dort aussieht und was dort hingehört. Das ist der Vorteil des Zolls! Im Gegensatz zu den Beamten des Bundesgrenzschutzes, die nur wenige Male im Monat in den Grenzdienst gehen und dann einen meist viel größeren Bereich zu bestreifen haben, so sind die Angehörigen des Zolls doch viel besser mit den Örtlichkeiten vertraut.
Meinen „Traumjob" hatte ich gefunden, als ich im Rahmen eines Klassenausflugs die innerdeutsche Grenze erstmals besuchte. Es war im Jahr 1979. Die wenigen Minuten, die meine Mitschüler und ich an der „Zonengrenze" bei Lübeck-Eichholz verbrachten, hatten genügt, um in mir ein Feuer zu entfachen. Ja, an dieser Nahtstelle zwischen NATO und WARSCHAUER PAKT entlang zu streifen – und das mit einem so hübschen Schäferhund, wie ihn der Beamte, der uns in den Grenzverlauf einwies, mit sich führte – das wäre was!

Dass es etwas wurde, habe ich nicht zuletzt meiner Mutter zu verdanken. Ohne ihre Hilfe wäre Vieles ganz bestimmt anders – und nicht in meinem Sinne – verlaufen. Wohl dem, der gute Eltern hat!
Schon ist der Bereich an der Abschrankung Lübeck-Eichholz erreicht. Wenngleich es auch zu dämmern beginnt, so ist es doch noch ziemlich dunkel. Das, was ich sehe, ist nicht viel. Wie gut, dass ich mich auf meinen Zollhund verlassen kann. Er ist so viel mehr als „nur" Diensthund – er ist mein bester Freund! Sollte dort, wo wir uns jetzt gemeinsam hinbewegen, etwas sein, so wird er es anzeigen; ich muss nur darauf achten, wie er sich verhält. Wenn er etwas im Blick hat, dann lässt er es mich wissen! DANKE, ARIE!

Ihn bei mir zu haben, ist im Grunde genommen viel wertvoller als die Anwesenheit eines menschlichen Kollegen. Hunde nehmen gewisse Dinge wahr, die wir Menschen nicht oder erst viel später registrieren würden. Ein Zollbeamter, der allein mit seinem „Beschützer" unterwegs ist, ist in der Regel eine viel wertvollere Streife, als ein Trupp von Zoll- oder Bundesgrenzschutz-Beamten ohne Hund. Während es bei mehreren Leuten wohl kaum ausbleibt, dass man sich miteinander unterhält (was von „gegnerischen" Kräften auf relativ große Entfernung hörbar ist, insbesondere während der Nacht), so sind Zöllner und Zollhund ein Team, das sich auch ohne „Geplapper“ versteht. Und wer etwas mitbekommt, ohne zuvor wahrgenommen worden zu sein, ist der Gewinner.
ARIE ist entspannt. Nichts deutet darauf hin, dass sich unmittelbar vor mir Grenzsoldaten auf dem „vorgelagerten Hoheitsgebiet" der DDR befinden. Vermutlich die nächsten sind Jene, die ich nun durch mein Fernglas betrachte. Sie postieren auf dem Beobachtungsturm „1376", wie der „BT", welcher gegenüber des sogenannten „Schlagbaum Eichholz" steht, von Seiten des Zolls und BGS bezeichnet wird. Es handelt sich wahrscheinlich um Soldaten auf Zeit oder um Wehrpflichtige – genau weiß ich das nicht. Ihre Umrisse sind in meinem Nachtglas nur schemenhaft zu erkennen. Und doch sind es Menschen – wie ich. Mit all ihren Sorgen und mit all ihren Wünschen und Hoffnungen. Es sind Deutsche, Landsmänner – auch wenn sie auf der anderen Seite dieser Grenze dienen. Aber diese Soldaten haben einen Auftrag, der in bestimmten Bereichen „konträr“ zu meinem steht. Würden wir aufeinander schießen bei Eintritt bestimmter Situationen? Ich befürchte ja!

Nordöstlich meines Standpunkts rauscht eine „LK 2-Stern-grün, 1-Stern weiß" in den Himmel. Was mag sie bedeuten? Was ist drüben los – was ist der Grund für die Abgabe dieses Leuchtsignals? Es ist sehr schwer, die Entfernung zu schätzen, von wo aus die Leuchtkugel(n) abgeschossen wurden. Auf jeden Fall ist es erforderlich, jetzt zu beobachten, was sich „drüben" tut, was sich dort nun ereignet. Um auf die ungefähre Höhe des „LK-Verschusses" zu kommen, wechsle ich meinen Standort und betrete das sogenannte „Denkmalschutzgebiet", das sich nördlich der Abschrankung Eichholz befindet. Doch ich sehe und höre nichts; das große FRAGEZEICHEN bleibt bestehen.
Die Dienstanweisungen sind verpflichtend und veranlassen mich, meiner Sprechfunkzentrale Kenntnis zu geben über dieses Vorkommnis. Ich bleibe vor Ort und beobachte/"lausche" weiter, doch hat durch diesen Funkspruch spätestens jetzt auch die Gegenseite Gewissheit darüber, dass sich eine Streife des Zolls im Raum Lübeck-Eichholz befindet - sofern die in Selmsdorf befindlichen Funkaufklärer der DDR-Grenztruppen nicht „schlafen“.
Obwohl nichts mehr zu vernehmen ist, verbleibe ich mit meinem Hund unweit der Grenzlinie. Das ist meine Aufgabe, hierzu fühle ich mich verpflichtet. Mag es auch den einen und anderen Kollegen geben, der nun die Ruhe finden würde, um es sich in einer Schutzhütte „gemütlich" zu machen; auf mich trifft das nicht zu.
Die Streifentätigkeit der DDR-Grenztruppen wird nicht verstärkt. Und dennoch will der Gedanke nicht weichen, dass da „etwas" ist bzw. gewesen sein könnte – dass sich irgendwo dort, nicht allzu weit von mir entfernt, eine Tragödie vollzieht, von der ich keine Kenntnis erhalte. Das nehme ich mit. Auch im Jahr 2016 werde ich all das, was ich im Laufe meiner Grenzdienstzeit erleb(t)e, nicht vergessen haben. Tief brennt sich Manches ein!
Die „Anlaufzeit" halte ich ein. Auch Punkt 07.00 Uhr bin ich noch an jener Abschrankung, welche im Jahr 1958 von westdeutscher Seite errichtet wurde, um kenntlich zu machen: bis dort und nicht weiter; hier ist die Grenze. Wer das ignoriert, begibt sich in Gefahr, kann von Kräften der DDR-Grenztruppen festgenommen werden. Und eine Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe durch ein Gericht der DDR könnte die Folge sein.
Gegen 08.00 Uhr trifft eine andere Zollstreife ein und löst uns ab. Wenngleich es auch keine Pflicht ist, diesen Raum rund um die Uhr zu besetzen, so ist es doch von Vorteil, eine Streife des Zolls oder Bundesgrenzschutzes vor Ort zu haben. Viel zu viel hat sich bei diesem Besucher-Schwerpunkt bereits ereignet.
Nach Lageberichterstattung und kurzer Unterhaltung mache ich mich auf in Richtung Bahnlinie Lübeck-Herrnburg. Mein vierbeiniger Freund markiert hin und wieder „seinen" Abschnitt, während ich gelegentlich nach „Osten" blicke und versuche, alles im Griff zu behalten. Dann wird der Hochstand an der Bahnlinie Lübeck-Herrnburg erreicht. Von hier aus hat man einen guten Überblick auf das Geschehen im hiesigen Grenzraum - den besten im mir zugeteilten Abschnitt. Gegen 09.30 Uhr sehe ich, wie ein Streckenläufer der DDR-Reichsbahn sich in Begleitung von zwei Grenzsoldaten auf dem Gleis auf die Grenzlinie zubewegt. Kurz vor der Grenze bleiben die Soldaten stehen. Der Streckenläufer der Reichsbahn überquert allein die Grenze, um das unweit der Grenze, aber auf Bundesgebiet befindliche Vorsignal zu begutachten/kontrollieren.
„Guten Morgen", sage ich und nehme zum Gruß die rechte Hand an meine Dienstmütze, als wir uns gegenüberstehen. Ein angedeutetes Kopfnicken und ein Zwinkern in seinen Augen sind seine Antwort. Ja, ich weiß, „viel mehr" ist nicht drin. Weder für den Reichsbahner, noch für die beiden DDR-Grenzsoldaten. Aber das allein bedeutet mir schon sehr viel und lässt mich glauben, dass uns im tiefsten Innern mehr verbindet, als trennt.

Die Zeit ist gekommen, um wieder in Richtung „Schlagbaum Eichholz" zu marschieren. Der Kollege, der dort postiert, möchte auch mal fort von hier und sich „bewegen". Während dieser sich nun aufmacht, um den Grenzbereich Richtung Schlutup zu bestreifen, übernehmen ARIE und ich hier die Wache. Dass es gut ist, „präsent" zu sein, beweisen die vielen Besucher, die zum Ende der Brandenbaumer Landstraße kommen. Mancher Bus fährt heran und „speit" Menschen aus, die sich einen Eindruck von Jenem verschaffen möchten, was sich an Ort und Stelle tut. Nun heißt es, die angekommenen Gäste zu begrüßen, Grenzinformationsmaterialien zu verteilen, in den Verlauf der Grenze einzuweisen, etwas zur Entstehung der Grenze zu sagen, regionale Grenzgeschichten zu erzählen und als „Fotomotiv“ zu dienen. Während die Kameras klicken, höre ich zum x-ten Male die Frage, wo denn nun das „Niemandsland“ sei. Ja, auch dazu bin ich hier: um ihnen zu erläutern, dass es ein solches nicht gibt. Doch nicht zuletzt stehen mein Diensthund und ich hier, um dafür zu sorgen, dass nichts passiert und keiner durch Unachtsamkeit oder leichtsinniges Handeln zu Schaden kommt. „Nichtbeachtungen des Grenzverlaufs" bleiben aus und die Leute kehren zufrieden zu den Bussen zurück. Ich schaue auf die Uhr und sehe, dass es auch für meinen vierbeinigen Freund und mich Zeit ist, zu gehen. Gleich ist „Feierabend“.
Doch „Schluss" ist noch lange nicht. Viel zu tief hat sich das im Laufe der Jahre Erlebte in die Seele eingegraben, als dass ich wirklich „abschalten“ könnte. Sie, die GRENZE, wird mich begleiten – in vielen Träumen, auch über den 9. November 1989 bzw. 3. Oktober 1990 hinaus. Und mein ARIE, der ist immer dabei!


Manfred Krellenberg


zuletzt bearbeitet 26.11.2016 10:25 | nach oben springen

#2

RE: Auf Grenzstreife (Zoll)

in Bundesgrenzschutz BGS 25.11.2016 23:28
von vs1400 | 4.107 Beiträge | 9023 Punkte
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für mich ein interessanter und informativer beitrag, krelle
und danke dafür.

dein damaliger ausflug an die grenze hat dich beeindruckt und den entschluss fallen lassen, dass es genau das für dich ist.
gab es da nicht irgendwie einen widerspruch in der ausbildung zum zoll?

gruß vs


04.11.1986 - 21.04.1987 Uffz. Ausbildung In Perleberg
21.04.1987 - 28.08.1989 Gruppenführer der 2. Gr./ 2.Zug/ 7. GK - Schierke/ GR 20/ GKM- N


krelle hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#3

RE: Auf Grenzstreife (Zoll)

in Bundesgrenzschutz BGS 26.11.2016 00:15
von krelle | 457 Beiträge | 9937 Punkte
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Natürlich gab es einen gewissen "Widerspruch". Der "fiskalische Teil" hat mich zumindest vor und in meiner Ausbildung zum Angehörigen des mittleren Grenzzolldienstes sehr wenig bis gar nicht interessiert. "Grenzdienst" wollte ich machen - Dienst an der innerdeutschen Grenze. Insofern wäre der BGS die bessere Wahl gewesen. Doch hatte ich bereits rechtzeitig in Erfahrung gebracht, dass der einzelne BGS-Beamte in der Regel nicht täglich in den Grenzdienst kam, sondern viel in den Kasernen Dienst verrichtete und zu anderen Diensten (z.B. Sicherung bei Demonstrationen) herangezogen wurde. Und mit "Krawallmachern" (bei Demos) wollte ich nichts zu tun haben - ich wollte mit einem Schäferhund am liebsten täglich Streifendienst an der deutsch-deutschen Grenze verrichten. Nur der Zoll bot d a s, was ich mir erhoffte. Dankbar bin ich noch heute, Zollbeamter werden zu dürfen und die Ausbildung gemeistert zu haben. Aber ob ich zum Zoll gegangen wäre, wenn ich damals (als 16/17-Jähriger) gesagt bekommen hätte, was ich später zu "tun" hätte beim Zoll (heute Vollziehungsbeamter bzw. im Sachgebiet "Vollstreckung" tätig)... . - ich hätte damals sicherlich "nein" gesagt. Jenes, was ich "früher" tat, war "Berufung". Und heute versuche ich, möglichst ohne Schaden nach Hause zu kommen vom Dienst. "Damals" mit Pistole, Stahlrute (ggf. Mpi) und Zollhund unterwegs und eigentlich bestmöglich geschützt, stellt die Zollverwaltung mir heute lediglich ein Pfefferspray zur Verfügung. Bei dem "Klientel", das immer gewaltbereiter und hemmungsloser wird, eigentlich ein Witz. Aber das ist ein anderes Thema, über das ich lieber nicht sprechen möchte. Die GRENZE ist es, die mich noch heute ganz tief berührt. Ich gebe zu: am liebsten hätte ich den Grenzaufsichtsdienst bis zum "Schluss" gemacht; ja, ich wäre gern bis "dahin" in Lübeck-Eichholz geblieben. Die Öffnung der Grenze zu erleben,am Tag vor/ oder der Pension. DAS wäre es (für mich) gewesen.... "Sie", die "Wende", kam für mich viel zu früh. Doch als Deutscher bin ich froh und dankbar, das alles so gekommen ist, wie die Geschichte es wollte. Du siehst:unser Land war einst geteilt / zerrissen - und im tiefsten Innern bin ich es noch immer. Aber ich bin sicherlich nicht allein....


vs1400, IM Kressin, Rostocker und andyman haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 26.11.2016 00:35 | nach oben springen

#4

RE: Auf Grenzstreife (Zoll)

in Bundesgrenzschutz BGS 26.11.2016 01:36
von Hanum83 | 9.133 Beiträge | 17683 Punkte
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Immer schön diese Beschreibungen von Gegenüber, danke.
Man hat durchs Fernglas geschaut und seine Meldung abgesetzt "Angehöriger GZD...", eigentlich nahe aber eine Welt entfernt.
Gut das man heute vereint ist, auch hier.


Das einzige Grün dem ich etwas abgewinnen kann ist das Suppengrün.
krelle, IM Kressin, Rostocker und lhsecurity haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#5

RE: Auf Grenzstreife (Zoll)

in Bundesgrenzschutz BGS 26.11.2016 09:24
von utkieker | 2.974 Beiträge | 211 Punkte
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Irgend wie bemerkenswert, wie wenig wir wussten über den Grenzer da drüben und wie er tickt. Der "Franzmann" (BGS) und der vom "Zetti" (Zoll) waren ebend da um hoheitliche Aufgaben wahr zu nehmen. Wir waren mehr damit beschäftigt unsere Tage runter zu zählen.
Krelle spricht die Emotionen an und zeigt uns, daß der Mensch nicht nur ein rational berechnendes Wesen ist.

In unseren Abschnitten entlang der Grenze zwischen Wendland und Altmark, war meistens der BGS vor Ort (meistens zu zweit), die "Zettis" waren allesamt "Einzelkämpfer". Anders als die Dienstgrade beim BGS, konnte man die Amtsgrade beim Zoll nicht wirklich erkennen.

Gruß Hartmut!


"Die Vergangenheit zu verbieten macht sie nicht ungeschehen, nicht einmal wenn man versucht sie selbst in sich zu verdrängen"
(Anja-Andrea 1959 - 2014)


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