Das Jahr 1990 - Grenzkontrollen in Potsdam

30.10.2016 16:04
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Die Abfertigung des grenzüberschreitenden Fahrgastschiffs--und Sportbootverkehrs im Blickfeld der Glienicker Brücke - 1990 -

In Zusammenarbeit zwischen der Binnenreederei Potsdam, der Wasserschutzpolizei Potsdam und Berlin - West, dem Leiter des GÜST - Bereichs Griebnitzsee, Oberstleutnant Piehl, sowie seines Stellvertreters Paßkontrolle, Oberstleutnant Edelmann, gab es am Freitag, dem 23. Februar 1990, eine Beratung über die Nutzung der Wasserwege zwischen Potsdam und Berlin (West). Wie groß war mein Erstaunen, als ich in Uniform im Hafenbecken an der Langen Brücke eintraf und feststellen musste, dass auf einem Fahrgastschiff der Weißen Flotte eine Fahrt durch die Gewässer vorgesehen war. Die erforderlichen Einzelheiten sollten vor Ort besprochen werden. Die Festlegung, dass für die teilnehmenden Angehörige der Grenztruppen diese in Zivil zu erfolgen hätte, erreichte mich nicht. Da aber die Beamte des Westberliner Wasserschutzes unter Leitung ihres Polizeidirektors Wulf Köhn alle in Uniform waren, nahm ich das gleiche Recht auch für mich in Anspruch.
So ging die Fahrt an der Freundschaftsinsel vorbei, über den Tiefen See, durch die Glienicker Brücke zum Jungfernsee. Rechts von uns sahen wir den Glienicker Park, hatten vor uns den Sacrower Forst sowie die Heilandskirche. Der Königswald war nahezu 30 Jahre völliger Ruhe ausgesetzt, so dass sich unter dem Schutz der Grenzsicherungsanlagen eine Fauna und Flora entwickeln konnte, wie sie eigentlich schon vor dem Mauerbau existiert hatte. Selbstverständlich entstanden auch Zerstörungen der Natur durch Beton, Stacheldraht und Lichttrassen. Nach Abbau der 1990 überflüssig gewordenen Anlagen litt dieses Naturschutzgebiet jedoch weiterhin, vielleicht sogar noch mehr als vorher: Touristenströme. Taucher, Badende, Sportbootfahrer usw. haben durch ihr rücksichtsloses Verhalten schädliche Eingriffe in die Natur vorgenommen. Auf unserer weiteren Fahrt bot sich dann der Blick auf Moorlake sowie die geschichtsträchtige Pfaueninsel. An Bord wurden die erforderlichen Aufgaben beraten und die Potsdamer Kapitäne der Binnenrederei mit der Fahrtroute und den Besonderheiten der Westberliner Gewässer vertraut gemacht. Vor ihnen stand ja die Aufgabe, diese in Zukunft mit ihren Fahrgastschiffen zu durchqueren. Ein bestimmtes Maß an Kenntnissen über die Fahrt sowie die Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten war dazu erforderlich. Damit begann bereits der Kampf um den Einzug in die freie Marktwirtschaft, wie er damals aber von uns noch nicht vorausgesehen wurde. Die Kapitäne der Stern - und Kreisschiffahrt warteten dagegen schon in den Startlöchern auf den Weg in den bisher für sie nicht nutzbaren Ostmarkt.
Die Angehörigen der Grenztruppen wurden von den sachkundigen Beamten des WB-Wasserschutzes mit den Sehenswürdigkeiten längs der Gewässer bekannt gemacht. In Kladow kam der WB-Zoll längsseits, um das Ziel dieser Fahrt zu erfragen. In Wannsee gingen wir an Land um die dort liegenden Schiffe zu besichtigen. Dazu zählte auch das MS „Havel - Queen“, ein Mississippi - Raddampfer, der als Berlins größtes Fahrgastschiff mit 700 Plätzen und einer Länge von 67m einen imposanten Eindruck hinterließ. Weiter ging die Fahrt bis Spandau, wo ebenso wie schon vorher in Wannsee Gruppenfotos geschossen wurden. Mir war zwar nicht ganz wohl in meiner Haut, zumal mich überall verwunderte Blicke Westberliner Passanten trafen. Waren sie doch an einen Anblick eines Offiziers der Grenztruppen in Berlin (West) nicht gewohnt Trotzdem war dies sicher nicht nur für mich ein historischer Moment, über den ich in der nachfolgenden Zeit noch oft gelacht habe.
Am Samstag, dem 3. März fand dann die Generalprobe für den Binnenschiffsverkehr von Potsdam nach Berlin Wannsee statt. Die Glienicker Brücke und die Fußgänger bekamen viel zu sehen Ich sah mir im Hafenbecken am damaligen Interhotel die von mir und meinen Mitarbeitern ausgearbeitete Technologie der Abfertigung durch die Kontrollkräfte an. Für Potsdamer Bedingungen galt es ein Novum zu beschreiten. Viele geladene Gäste der staatlichen Einrichtungen, der Verkehrsbetriebe, Reisebüros und auch diejenigen, die sich in der damaligen Zeit repräsentieren wollten, konnten ohne viel Probleme die Schiffe besteigen. Diese waren selten so voll wie an diesem Tag, festlich geschmückt und über die Toppen geflaggt Es herrschte auch wunderschönes Wetter, wie geschaffen für solch Ereignis.
Ich fuhr dann, diesmal aber in Zivil, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Wannsee, um die Schiffskolonne im Rahmen eines Volksfestes zu empfangen. Der Anblick, der sich uns bot war mehr als herrlich, aber auch historisch. Der inzwischen vereinte Konvoi Potsdamer und Berliner Fahrgastschiffe bog um die Landzunge am Heckeshorn in den Großen Wannsee ein. Feuerlöschboote präsentierten ihre Künste und ließen mit den Strahlrohren Wasserfontainen in den Himmel steigen. Jubel und Trubel herrschte allerorts. Zahlreiche Prominenz war vertreten, Musikkapellen spielten zünftige Weisen und viele Imbiss-Stände waren aufgebaut. Die Generalprobe für eine ganz neue Entwicklung war vollzogen.
Nun begannen sich am 01.04.1990 für die Wassersportler von hüben und drüben die GÜST Babelsberger Enge und Nedlitz zu öffnen. Es waren an diesem Tag und in den darauffolgenden Tagen einige Tausend, die sich an den provisorisch errichteten Schwimmstegen einer Ausweiskontrolle unterziehen mussten. An den Kontrollstellen gab es Hinweisschilder mit der Aufschrift SPORT - ZOLL. Als es am Sonntag zu einem großen Ansturm auf die Übergänge kam, wurde die Paßkontrolle zeitweise unterbrochen. Oft brauchte auch nur der Ausweis von weitem hochgehalten zu werden und die Kontrolle war beendet. Es war ja auch nicht einfach, die schmalen Durchfahrten mit den Paddel- und Ruderbooten im Gegenverkehr zu passieren, zumal ebenfalls die Strömungsverhältnisse berücksichtigt werden mussten.
Am 1. April trat gleichzeitig eine neuen Sportbootordnung der DDR in Kraft. Darin waren u.a die Begrenzung der maximalen Geschwindigkeit für Sportboote auf 12 km/h festgelegt, die Einführung eines Nachtfahrverbotes zwischen 22 und 5 Uhr sowie Einschränkungen für die Samstage und Sonntage. Es galten beim wechselseitigen Sportbootverkehr DDR - Westberlin und DDR - BRD die jeweiligen Rechtsvorschriften des Staates, in denen sich der Süßwasserkapitän befand. Auch bei dieser Vereinbarung wurde zu Recht von einem vermutlich längeren Nebeneinander beider deutscher Staaten ausgegangen, wie auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen, einschließlich der Paß- und Zollkontrolle.

Die am 13. April 1990 begonnenen planmäßigen Fahrten der Fahrgastschiffe zwischen Potsdam und Wannsee mit starker Besetzung mussten zunächst entsprechend den Befehlen und Vorgaben über die Abfertigung auch kontrolliert werden. Auf Grund gesammelter Erfahrungen wurden die erforderlichen Dokumente erarbeitet und in einer


„Präzisierten Festlegung zur Abfertigung des grenzüberschreitenden Fahrgastschiffs - und Sportbootverkehr an der Staatsgrenze der DDR zu Berlin - West“

vom 10. April 1990 zusammengefasst und vom Stellvertretenden Kommandeur für Grenzschutz bestätigt. Nachstehend sollen einige Schwerpunkte daraus genannt werden:
„Seit Inkrafttreten der Festlegungen zum grenzüberschreitenden Fahrgastschiffs - und Sportbootverkehr müssen durch alle Angehörigen große Anstrengungen zur reibungslosen Abwicklung unternommen werden.
Alle Maßnahmen und Festlegungen haben in enger Abstimmung und Zusammenarbeit mit den zuständigen Grenzzollämtern zu erfolgen. Hierbei ist zu beachten, dass die Kontrollmethodik und Kontrollintensität seitens der Grenzzollämter anders ausgestaltet ist und eine durchgehende Kontrolle nicht mehr zwingend erfolgt. Es ist weiterhin davon auszugehen, dass besonders die stark frequentierten Gewässer des Stadt- und Landkreises Potsdam hohe Anforderungen an die Bootsführer stellen, da die Gestaltung der Abfertigungsanlagen komplizierte Anlegemanöver erfordern. Die Abfertigung des Fahrgastschiffsverkehrs ist zu den bekannten Abfahrts- und Ankunftszeiten entsprechend den Fahrplänen zum Linien und Ausflugsverkehr unter Beachtung vieler Sonderfahrten zu den verschiedensten Anlässen (z.B. Baumblütenfest in Werder) vorzunehmen.
Der grenzüberschreitende Sportbootverkehr ist grundsätzlich über alle Grenzübergangsstellen gestattet. Er unterliegt den vom Ministerium für Verkehrswesen herausgegebenen Bestimmungen über das Befahren der Wasserstraßen. Die Kontrolle und Abfertigung der Besatzungsmitglieder erfolgt bei der Ein- und Ausreise vom Steg oder Kontrollboot aus.
Ein Betreten des Sportbootes durch die Paßkontrollkräfte ist nicht gestattet.

Es ist sicherzustellen, dass die für die Abfertigung der Fahrgastschiffe und Sportboote eingesetzten Kräfte nochmals umfassend eingewiesen, qualifiziert und somit befähigt werden, ihre Aufgaben im Rahmen der Paßkontrolle verantwortungsbewusst wahrzunehmen.
Hierzu werden die Oberoffiziere des Grenzkommando Mitte, Bereich Stellvertreter für Grenzübergangsstellen Potsdam unmittelbar vor Ort die erforderliche Hilfe und Unterstützung gewährleisten.“


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30.10.2016 16:13
#2
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Sehr interessant.
Ein großes DANKE
thomas


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31.10.2016 14:07
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#3
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Zitat von PKE im Beitrag #1
Selbstverständlich entstanden auch Zerstörungen der Natur durch Beton, Stacheldraht und Lichttrassen. Nach Abbau der 1990 überflüssig gewordenen Anlagen litt dieses Naturschutzgebiet jedoch weiterhin, vielleicht sogar noch mehr als vorher: Touristenströme. Taucher, Badende, Sportbootfahrer usw. haben durch ihr rücksichtsloses Verhalten schädliche Eingriffe in die Natur vorgenommen.


Schöner Beitrag, PKE. Vielen Dank dafür.
Aber die Sätze in obigem Zitat sind doch sehr relativierend. Ich glaube nicht, dass Touristen, Bader oder Bootfahrer auch nur annähernd so tiefgreifende Zerstörungen anrichten können, wie die Grenzanlagen. Wenn man Bilder oder Videos von den unglaublichen Park- und Kulturlandschaften in Potsdam und Umland sieht und wie diese gerade in den Uferzonen radikal plattgemacht und eingemauert bzw. eingezäunt wurden, kann einem schon das Herz bluten.
Wer dort heute in Sacrow, Babelsberg oder im Umfeld der Glienicker Brücke spazieren geht, kann sich ganz einfach die Mauer nicht zurückwünschen.

Interessierte können mal googlen: "Gärtner führen keine Kriege".

Wie auch immer, ich will deswegen keine Streit anfangen. Dein Artikel ist ein tolles Zeitzeugen-Dokument.


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