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#1

Genschers Bemühungen in New York 1989 zur Flüchtlingsfrage in Prag

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 17.09.2009 21:11
von Augenzeuge (gelöscht)
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19. September 1989
UNO Vollversammlung
Washington: Treffen am Rande von Genscher und SCHEWARDNADSE mit 'Versprechen' von ihm, auf die DDR im Sinne der BRD einzuwirken

Mit eingeschaltetem Blaulicht quält sich der Wagen über die während der rush-hour völlig verstopfte Third Avenue zur sowjetischen UNO-Botschaft.
Schewardnadse wartet schon am Eingang. Genscher schildert ihm die katastrophale Entwicklung in der deutschen Botschaft in Prag. Es sei eine völlig untragbare Situation, daß im Herzen Europas 2.500 Menschen, darunter 500 Kinder, unter menschenunwürdigen Umständen untergebracht würden. Er richtet die eindringliche Bitte an seinen Amtskollegen, zugunsten einer Lösung für die Flüchtlinge zu intervenieren. Schewardnadse reagiert betroffen. Er zeigt sich besorgt über das Schicksal der 500 Kinder. Er sagt seine sofortige Unterstützung zu und verspricht, entsprechende Telegramme nach Berlin, Prag und Moskau zu schicken.
Rückfahrt von der sowjetischen Residenz zu den Vereinten Nationen. Genscher gibt an diesem Abend seinen traditionellen Empfang im Gebäude der Vereinten Nationen. Unter den Gästen, insbesondere den deutschen Journalisten, hat sich bereits herumgesprochen, daß Genscher eine überraschende Begegnung mit Schewardnadse gehabt hat. Sie bestürmen unsere Delegation mit Fragen, die wir nicht beantworten.
Während des Empfangs zieht Genscher den ebenfalls eingeladenen tschechoslowakischen Außenminister Johanes zur Seite. Johanes sagt zu, daß er die Bitte des Ministers um eine menschenwürdigere Unterbringung der Botschaftsflüchtlinge nach Prag weiterleiten werde. Steif und bürokratisch weist er jedoch erneut darauf hin, daß die Regierung der Tschechoslowakei keine Verantwortung für die entstandene Situation trage. Genscher erwidert, daß dies nicht das Problem sei. Es gehe vielmehr darum, jetzt etwas zu tun, um für eine menschenwürdige Unterbringung der Flüchtlinge zu sorgen.
Gegen 21 Uhr telefoniert Genscher mit DDR-Außenminister Fischer. Er richtet das gleiche Anliegen an ihn. Fischer verspricht - allerdings sehr zögerlich, daß er sich mit Berlin in Verbindung setzen werde.
Nach dem Empfang in den Vereinten Nationen soll ein Abendessen der Außenminister der sieben wichtigsten Industrienationen in der Residenz des französischen Botschafters stattfinden. Das für 21 Uhr vorgesehene Abendessen verzögert sich jedoch. Ein Bombenspürhund der New Yorker Polizei hat ein verdächtiges Objekt in einem Papierkorb vor der Residenz des französischen Botschafters ausgemacht. Der sofort ausgelöste Bombenalarm wird erst gegen Mitternacht aufgehoben, so daß die Außenminister mit dreistündiger Verspätung dort eintreffen.
Genscher erhält von seinem Freund Roland Dumas spontan die Zusage, daß er am nächsten Morgen beim tschechoslowakischen Außenminister Johanes intervenieren werde.
Während des Gesprächs ist der amerikanische Außenminister James A. Baker zugegen. Hilfsbereit fragt er Genscher:
»Hans-Dietrich, was kann ich für Dich tun?« Genscher nimmt das Angebot von Baker, ebenfalls mit dem tschechoslowakischen Außenminister Johanes zu sprechen, dankbar an.
Um 2 Uhr morgens kehren wir müde ins UN-Plaza-Hotel zurück. Vielleicht erfüllt sich unsere Hoffnung, daß bald etwas zugunsten der verzweifelten Menschen in den Botschaften geschehen kann. Telefongespräch mit dem Auswärtigen Amt:
Die Zahl der Flüchtlinge nimmt weiter zu.
Am 29. September erfahren wir gegen 17 Uhr über den Büroleiter von Außenminister Fischer, Botschafter Niklas, daß die DDR am Samstag für Prag und Warschau die Lösung verwirklichen will, wie sie am Mittwoch mit Genscher verabredet worden ist. Trotz mehrfacher Bemühungen von Genscher ist Außenminister Fischer nicht für ihn zu sprechen, noch nicht einmal telefonisch.
Die Zahl der Flüchtlinge nimmt weiter zu.






zuletzt bearbeitet 17.09.2009 21:15 | nach oben springen

#2

RE: Genschers Bemühungen in New York 1989 zur Flüchtlingsfrage in Prag

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 17.09.2009 22:07
von Thunderhorse | 4.610 Beiträge | 2392 Punkte
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19. September 1989
UNO Vollversammlung
Washington: Treffen am Rande von Genscher und SCHEWARDNADSE mit 'Versprechen' von ihm, auf die DDR im Sinne der BRD einzuwirken
Mit eingeschaltetem Blaulicht quält sich der Wagen über die während der rush-hour völlig verstopfte Third Avenue zur sowjetischen UNO-Botschaft.
Schewardnadse wartet schon am Eingang. Genscher schildert ihm die katastrophale Entwicklung in der deutschen Botschaft in Prag. Es sei eine völlig untragbare Situation, daß im Herzen Europas 2.500 Menschen, darunter 500 Kinder, unter menschenunwürdigen Umständen untergebracht würden. Er richtet die eindringliche Bitte an seinen Amtskollegen, zugunsten einer Lösung für die Flüchtlinge zu intervenieren. Schewardnadse reagiert betroffen. Er zeigt sich besorgt über das Schicksal der 500 Kinder. Er sagt seine sofortige Unterstützung zu und verspricht, entsprechende Telegramme nach Berlin, Prag und Moskau zu schicken.
Rückfahrt von der sowjetischen Residenz zu den Vereinten Nationen. Genscher gibt an diesem Abend seinen traditionellen Empfang im Gebäude der Vereinten Nationen. Unter den Gästen, insbesondere den deutschen Journalisten, hat sich bereits herumgesprochen, daß Genscher eine überraschende Begegnung mit Schewardnadse gehabt hat. Sie bestürmen unsere Delegation mit Fragen, die wir nicht beantworten.
Während des Empfangs zieht Genscher den ebenfalls eingeladenen tschechoslowakischen Außenminister Johanes zur Seite. Johanes sagt zu, daß er die Bitte des Ministers um eine menschenwürdigere Unterbringung der Botschaftsflüchtlinge nach Prag weiterleiten werde. Steif und bürokratisch weist er jedoch erneut darauf hin, daß die Regierung der Tschechoslowakei keine Verantwortung für die entstandene Situation trage. Genscher erwidert, daß dies nicht das Problem sei. Es gehe vielmehr darum, jetzt etwas zu tun, um für eine menschenwürdige Unterbringung der Flüchtlinge zu sorgen.
Gegen 21 Uhr telefoniert Genscher mit DDR-Außenminister Fischer. Er richtet das gleiche Anliegen an ihn. Fischer verspricht - allerdings sehr zögerlich, daß er sich mit Berlin in Verbindung setzen werde.
Nach dem Empfang in den Vereinten Nationen soll ein Abendessen der Außenminister der sieben wichtigsten Industrienationen in der Residenz des französischen Botschafters stattfinden. Das für 21 Uhr vorgesehene Abendessen verzögert sich jedoch. Ein Bombenspürhund der New Yorker Polizei hat ein verdächtiges Objekt in einem Papierkorb vor der Residenz des französischen Botschafters ausgemacht. Der sofort ausgelöste Bombenalarm wird erst gegen Mitternacht aufgehoben, so daß die Außenminister mit dreistündiger Verspätung dort eintreffen.
Genscher erhält von seinem Freund Roland Dumas spontan die Zusage, daß er am nächsten Morgen beim tschechoslowakischen Außenminister Johanes intervenieren werde.
Während des Gesprächs ist der amerikanische Außenminister James A. Baker zugegen. Hilfsbereit fragt er Genscher:
»Hans-Dietrich, was kann ich für Dich tun?« Genscher nimmt das Angebot von Baker, ebenfalls mit dem tschechoslowakischen Außenminister Johanes zu sprechen, dankbar an.
Um 2 Uhr morgens kehren wir müde ins UN-Plaza-Hotel zurück. Vielleicht erfüllt sich unsere Hoffnung, daß bald etwas zugunsten der verzweifelten Menschen in den Botschaften geschehen kann. Telefongespräch mit dem Auswärtigen Amt:
Die Zahl der Flüchtlinge nimmt weiter zu.
Am 29. September erfahren wir gegen 17 Uhr über den Büroleiter von Außenminister Fischer, Botschafter Niklas, daß die DDR am Samstag für Prag und Warschau die Lösung verwirklichen will, wie sie am Mittwoch mit Genscher verabredet worden ist. Trotz mehrfacher Bemühungen von Genscher ist Außenminister Fischer nicht für ihn zu sprechen, noch nicht einmal telefonisch.
Die Zahl der Flüchtlinge nimmt weiter zu.



Das Treffen und das Gespräch zwischen Hans-Dietrich Genscher und Oskar Fischer fand am 27. September 1989, Abends, anläßlich der UNO-Vollversammlung statt.
Es ging um die Ausreise der Flüchtlinge mittels Zügen der Reichsbahn. Der Vorschlag kam von Genscher.
Oskar Fischer sicherte eine Weiterleitung zu.
Die weiteren Gespräche zur ersten Ausreisewelle am 30. September 1989 vormittags zw. Seiters, Genscher, Teltschik, weiteren Personen der Bundesregierung und dem Beauftragten der DDR, Horst Neubauer.

TH


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