In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

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08.10.2016 08:31 (zuletzt bearbeitet: 08.10.2016 08:33)
avatar  Hanum83
#16
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Ist mir auch aufgefallen, alle waren noch Kollegen und keine Genossen.
Klang irgendwie lustig.
Vermutlich wirkte wohl noch der Volksgenosse nach das man erst mal zum Kollegen griff.

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Wer nichts weiß muss alles glauben.

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09.10.2016 16:35 (zuletzt bearbeitet: 09.10.2016 16:37)
avatar  ABV
#17
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ABV

Und hier noch ein wenig über die Volkspolizei:

Hier geht es um das Thema Finderlohn:


Nette Geste, oder?


Hauptmann Benno Kuchenbäcker, den langjährigen Leiter der Seelower Verkehrspolizei, habe ich auch noch kennen gelernt. Er war ein strenger, aber sehr gerechter, vor allem aber korrekter Vorgesetzter.
Irgendwann im Jahr 1989, kam mir während eines Streifengangs eine junge Mopedfahrerin " oben ohne" entgegen. " Oben ohne Helm", wohlgemerkt.
Jedenfalls habe ich sofort pflichtgemäß die Fahrt unterbunden. Ein Blick in die Papiere genügten, um zu wissen wer vor mir stand: Das Fräulein Tochter des VK-Leiters. Da kann man, nein da muss man doch ein Auge zudrücken. Zumal mir die Dame unschuldig schmachtende Blicke zuwarf.
" Das nächste mal aber bitte mit Helm. Und noch einen schönen Gruß an den Herrn Papa", verabschiedete ich die Dame.
Am nächsten Tag musste ich bei dem sichtlich erzürnten " Herrn Papa" antreten. " Du hast gestern meine Tochter erwischt, als sie ohne Helm durch die Gegend fuhr." " Ja, habe ich", antwortete ich verdattert. " Hast du", stellte der Hauptmann nickend fest, um dann mit drohenden Unterton zu fragen, " warum ich kein Ordnungsgeld verhängt habe?". " Ach, eine mündliche Belehrung hat völlig ausgereicht", wiegelte ich ab. " Ich bin mir sicher, dass ihre Tochter die Lektion verstanden hat." " Quatsch", fiel mir der Hauptmann ins Wort. " Ich kenne meine Tochter besser. Ganz ehrlich-Du hast sie doch offenbar nicht deshalb straflos davon kommen lassen, weil ich ihr Vater bin."
Verdattert schüttelte ich den Kopf. " Sollte das der Fall sein", setzte der Offizier in drohendem Unterton fort, dann trete ich dir persönlich in den Arsch. Wegtreten!"
Hauptmann Kuchenbäcker, von dem gesagt wurde das er seinem eigenen Bruder nach einer Trunkenheitsfahrt den Führerschein abgenommen hatte, hasste nichts mehr als eine Sonderbehandlung seiner Familie durch Seelower Volkspolizisten. Für ihn galt das Prinzip " Gleiches Recht für alle".

Auch dieser Artikel passt zum Thema:


Austricksen ließen sich die Radargeräte vielleicht nicht. Die Dinger hatten jedoch ihre Macken. Ich kann mich an eine Probemessung erinnern, bei der das Tempo eines vorbeifahrenden Radlers mit 120 km / h angezeigt wurde. Nach mehreren weiteren Fehlmessungen gaben die Verkehrspolizisten schließlich entnervt auf.
Übrigens galt bei uns in Seelow die Regel, dass Kraftfahrer erst ab dreizehn km /h über dem Limit angehalten wurden. Alles andere galt noch als tolerierbar. Heute wohl undenkbar!

Für die Eigenwerbung wurde ebenfalls gesorgt:







Auch wenn es heute nicht mehr unbedingt zum Mainstream gehört: Freundliche, von Kindern umringte Volkspolizisten, hat es nicht nur in den Zeitungen gegeben. Ein Großteil der Polizisten die ich kennen gelernt habe, haben sich in erster Linie der Sicherheit der Bevölkerung verpflichtet gefühlt. Politische Dinge galten mehr oder weniger als " notwendiges Übel". Wobei es auch in dieser Hinsicht Ausnahmen gab, die das negative Bild begründeten.

Hier mal ein Kriminalfall aus dem Jahr 1980:






wird fortgesetzt


Gruß an alle
Uwe

10.10.2016 13:02 (zuletzt bearbeitet: 10.10.2016 16:38)
#18
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Ich habe mir erst einmal einen Überblick verschafft und noch längst nicht alle Zeitungsausschnitte gelesen.
Da hast du dir viel Arbeit gemacht; eine riesige Fleißarbeit und dennoch werden - wie immer bei solchen Vorhaben - die Meinungen unterschiedlich sein.
Wir haben es ja eigentlich damals schon in der Schule gelernt: "Zeitungen sind das Sprachrohr der jeweils Herrschenden"! Das war in der DDR so - wenn auch etwas direkter, primitiver und plakativer - und das ist auch heute so - wenn auch geschickter und kritischer. Für beide gilt aber: Wenn es um die Macht geht, hört der Spaß auf.
Unter diesem Gesichtspunkt ist eine objektive Geschichtsaufarbeitung anhand von Massenmedien kaum möglich und ich ziehe den Hut vor jedem, der sich an so eine Arbeit heran wagt.

Was mir aufgefallen ist, du vernachlässigst m.E. manchmal den historischen Hintergrund.
Dazu ein Beispiel:
Du schreibst in deinem einleitenden Beitrag #1 im Zusammenhang mit dem Umgang mit Bauern in den ersten Jahren nach dem Krieg: "Wer seine Abgabenormen, aus welchen Gründnen auch immer, nicht erfüllen konnte, wurde gnadenlos an den öffentlichen Pranger gestellt."
Stimmt so. Aber warum wurde das gemacht? Die Menschen waren ausgehungert in den Nachkriegsjahren; unsere Besatzer hatten nichts zu verschenken, sie hungerten ebenfalls. Wir hatten keinen Marshallplan, der uns mit Krediten, Lebensmitteln und Technik half. Die Bauern mussten liefern, wenn es nicht zu einer fürchterlichen Hungersnot kommen sollte. Ich weiß nicht, wie es anders zu lösen gewesen wäre.

Die Ergebnisse so einer mächtige "Archivarbeit" hängen m.E. auch sehr vom eigenen Erleben ab. Du gehst sehr sachlich und freundlich mit der Deutschen Volkspolizei um. Diesen Bereich kennst du aus eigenem Erleben mit seinen Stärken und Schwächen. Das geht mir mit der NVA auch so.

Und dennoch - es macht Spaß, in den Zeitungsartikeln zu lesen - mal mit Schmunzeln, mal mit Stirnrunzeln oder Kopfschütteln. Ich werde auch bei dem weiteren Lesen dieses Beitrages die DDR weder neu erleben noch neu verstehen; ich werde an eine Zeit erinnert, die Geschichte ist und nicht wiederkehren wird.
Gruß Klaus


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11.10.2016 22:47
avatar  ABV
#19
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ABV

@Klaus

Ich hatte ja schon mal geschrieben, dass Zeitungen, vor allem die aus DDR-Zeiten, eine relativ unsichere Informationsquelle darstellen. Wenn ich unsere Dorfchronik lediglich aus alten Zeitungsberichten schreiben würde, wäre das Endergebnis der Mühen nicht wert gewesen.
Beim Lesen der Zeitungen habe ich mich des Öfteren selbst bei dem Gedanken, " war doch garnicht so schlecht, damals", ertappt. Aber wie ebenfalls bereits geschrieben. Gott sei Dank recherchiere ich ja noch in anderen Archiven. Die Protokolle aus Gemeindevertretersitzungen, vor allem aber die Stasi-Akten, zeichnen ein ganz anderes, dafür jedoch realeres Bild von den damaligen Zuständen.
Was die damaligen Zeitumstände, besonders bei den Repressalien gegen " säumige" Bauern betrifft:
Die Zeitumstände unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis weit hinein in die Fünfzigerjahre, mit all den Problemen bei der Versorgung der Bevölkerung, sind doch weitestgehend bekannt.
Ich finde es jedoch bemerkenswert, wie der Staat DDR mit vermeintlich " säumigen Bauern", die das hohe Abgabesoll, warum auch immer, nicht erfüllen konnten, umging. Statt ihnen zu helfen, setzte ihnen der Staat derart zu, dass einige regelrecht außer Landes gedrängt wurden. Das öffentliche " an den Pranger stellen", war wohl das allerletzte!
Möglicherweise sollten die Einzelbauern durch die hohen Normen "überzeugt" werden, in die LPG einzutreten.
Das ich die Volkspolizei " in einem milderen Licht sehe", ist dem Umstand geschuldet, dass ich diese Institution aus eigenem Erleben, wenn auch nur für wenige Jahre, erleben durfte. Da sieht man vieles mit anderen Augen. Allerdings besteht auch hier die große Gefahr, dass die Erinnerung einige Dinge nachträglich schönt, die alles andere als schön waren. Analog trifft das auch auf GT, NVA, Zoll und dem MfS zu. Eigene, persönliche Erinnerungen können sehr nützlich sein. Sie trüben zuweilen jedoch den Blick auf das " große Ganze".
Soll heißen: Nur weil es gewisse Dinge im eigenen Dienstbereich nicht gegeben hat, heißt es noch lange nicht, dass es sie überhaupt nicht und nirgends gegeben hat!
Dennoch finde ich die alten Zeitungen, am Freitag habe ich übrigens den nächsten Termin, sehr interessant. Da werden sicherlich wieder manche Erinnerungen geweckt. Zumal ich mittlerweile im Jahr 1990 angekommen bin. Die Zeitungen waren nie besser und ehrlicher, als unmittelbar nach der Wende.

Gruß an alle
Uwe

11.10.2016 23:06
avatar  icke46
#20
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Zitat von ABV im Beitrag #19

(...)
Dennoch finde ich die alten Zeitungen, am Freitag habe ich übrigens den nächsten Termin, sehr interessant. Da werden sicherlich wieder manche Erinnerungen geweckt. Zumal ich mittlerweile im Jahr 1990 angekommen bin. Die Zeitungen waren nie besser und ehrlicher, als unmittelbar nach der Wende.

Gruß an alle
Uwe



Das kann man meiner Meinung nach gar nicht genug hervorheben - das Fernsehen war übrigens genauso, dass konnte ich ja nun hier verfolgen, Presse war schon schwieriger - obwohl, ab Dezember 89 gab es hier auf dem Dorf die Berliner Zeitung im Supermarkt - das war schon eine Sensation damals.

Aber ansonsten ist die Zeit der Wende ein beeindruckendes Beispiel dafür, was möglich ist, wenn die Politiker ihre Finger aus den redaktionellen Inhalten lassen - und es auch keine Verleger im westlichen Sinne gab, die sagten, das ihre Wahrheit die wahre Wahrheit ist.

Gruss

icke


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11.10.2016 23:30
avatar  ABV
#21
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ABV

Besonders bemerkenswert fand ich, dass die Journalisten quasi von heute auf morgen die " Heile-Welt-Berichterstattung" beendet und in kritische Berichterstattung übergegangen sind. Plötzlich gab es einen Berg von Problemen, zuvor " unfehlbare" Genossen standen von einem Tag zum anderen in der öffentlichen Kritik.
Genutzt hatte diese Kehrtwendung nicht jedem. In Seelow gab es damals einen Chefredakteur Namens Uebelhack. Trotz aller Wendungen, wurde auf den Demos im November 1989 seine Ablösung gefordert. " Uebelhack hat ausgehackt", stand auf etlichen Plakaten.
Trotzdem kann nicht verschwiegen werden, dass es den Journalisten nicht anders ging, als den anderen Staatsangestellten der DDR. Sie mussten, vielleicht sogar noch mehr als andere, unbedingte Loyalität erweisen. Die berühmte " Schere im Kopf" eben, wenn man etwas schreibt oder sagt, nur weil es andere genauso hören oder lesen wollen. Und man weiß, dass es Unfug ist.

Gruß an alle
Uwe

11.10.2016 23:45
avatar  icke46
#22
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Es fragt sich nun natürlich, was konkret die Journalisten in den Zeitungen, zb. dem "Neuen Tag" in Frankfurt/Oder, mit eigenen Worten schreiben konnten. Das waren vermutlich hauptsächlich die Lokalseiten, und da kam es (spekuliere ich jetzt mal) auch darauf an, was die Bezirksparteileitung zugelassen hat.

Ich kann dazu nur von meinen damaligen Besuchen in Ost-Berlin sagen, dass ich mir immer nach dem Durchgang des Grenzübergangs eine "Berliner Zeitung" gekauft habe - und in der besonders gern erstens die Gerichtsreportagen, so vorhanden, und zweitens die Kleinanzeigen gelesen habe, dazu natürlich die allgemeinen Lokalnachrichten. Die ersten vier bis sechs Seiten waren wohl zwischen dem Neuen Deutschland, Berliner Zeitung, Neuer Tag etc. austauschbar.

Gruss

icke


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11.10.2016 23:47
avatar  icke46
#23
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Kleiner Nachsatz zu den Kleinanzeigen: Das Kürzel "MLWA" in den Bekanntschaftsanzeigen fand ich immer originell.


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12.10.2016 13:04
avatar  ( gelöscht )
#24
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( gelöscht )

Zitat von icke46 im Beitrag #23
Kleiner Nachsatz zu den Kleinanzeigen: Das Kürzel "MLWA" in den Bekanntschaftsanzeigen fand ich immer originell.


Und was heißt das im Klartext ?


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12.10.2016 13:07
#25
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marxistisch-leninistische Weltanschauung

____________________________________________________________
Ich finde Menschen faszinierend, die meinen mich zu kennen.
Manchmal drängt es mich sie zu fragen, ob sie mir ein bisschen was über mich erzählen können ...

Ich übernehme die Verantwortung für alles, was ich sage, aber niemals für das, was andere verstehen!

Die Dummheit ist wie das Meer. Sie bedeckt sieben Zehntel der Erde, wirft gern hohe Wellen ... und manche baden wohlig darin!

.

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12.10.2016 13:08
avatar  exgakl
#26
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Marxistisch Leninistische Weltanschauung
Ist doch wichtig zu wissen wen man poppt...

Jede gute Idee beginnt mit dem Satz.. "halt mal mein Bier!"

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12.10.2016 13:42
#27
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Zitat
Ist doch wichtig zu wissen wen man poppt...



Aber sicher, für die Gespräche danach...

=============================================================================================
Phantasie ist wichtiger denn Wissen, denn Wissen ist begrenzt!

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12.10.2016 13:50
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#28
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( gelöscht )

Zitat von exgakl im Beitrag #26
Marxistisch Leninistische Weltanschauung
Ist doch wichtig zu wissen wen man poppt...


Oder man siehe es ernster und ehrlicher, viele Personen suchen mit solchen Anzeigen keine Bekanntschaft sondern dauerhafte Partner.

Und da ist im Vorfeld gut über die geht/gehtnicht Punkte Klarheit zu haben. Religös, Köter, Esoterik, Katzentier, Rauchen als wohl wichtige Kriterien ob ein Zusammenleben dauerhaft möglich ist.


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12.10.2016 14:58 (zuletzt bearbeitet: 12.10.2016 18:28)
#29
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[[File:Mansfelder Heimatblätter 2_0001.jpg|none|auto]] [[File:Mansfelder Heimatblätter_0002_2.jpg|none|auto]]

Man kann aber trotz aller Selbstkritik keinesfalls behaupten, daß der DDR- Nachrichtenkonsument pausenlos vom ND, der "Jungen Welt" oder der "Jungen Generation" mit M./L: malträtiert wurde, es gab durchaus auch Querbeet- Magazine mit geschichtlichen und politischem Bezug die sachlich und unaufgeregt zum Geschehen im Mansfelder Land zu berichten wußten, von Historikern und Heimatforschern, die für die URANIA auch Vorträge hielten, die von der Numismatik über Revolutionen bis hin zu den Mansfelder Grafen alles abdeckten, was von Interesse war.
Die Zeitschrift kostete damals 5 Mark und war im Buchhandel mit etwas Glück immer mal zu haben.
Ach so, an @ABV ein großes Dankeschön für Deine Recherche an der Du uns teilhaben läßt, die kann durchaus stellvertretend für den DDR- Alltag verstanden werden, die Bedeutung der Grenznähe mal ausgeblendet, aber das alles schimmerte ja bei der Golzowchronik schon mal durch.


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12.10.2016 18:27
#30
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Hier nochmal die Abbildungen dazu:



Die Themenvielfalt im Inhaltsverzeichnis und das riesige Autorenkollektiv zeugt von einer echten Heimatliebe und Sachverstand und da ist selbst in den Berichten über den sozialistischen Aufbau keine m./l. Dominanz wahrnehmbar.


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