Wendezeit an der Berliner Grenze

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25.09.2016 17:30
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#1
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Grenzeralltag nach der Wende.
Unmittelbar nach der Grenzöffnung am 09. November 1989 gab es neben der Nutzung der bereits für den Reiseverkehr zugelassenen Grenzübergangsstellen, Forderungen nach Öffnung weiterer Übergänge im Lande. An den bisher durch die Grenzanlagen gesperrten Straßen zwischen dem Bezirk Potsdam und Berlin ( West ) wurden neue Übergänge unterschiedlicher Größe geschaffen. Zu den neuen Übergängen gehörte die Grenzübergangsstelle im Süden Berlin, Buckower Damm / Karl Marx Straße in Groß Ziethen.
Die Straße war neu asphaltiert. Auf der Straßenmitte stand ein kleines Kontrollhäuschen der Grenztruppen, am Straßenrand eines für die Zollverwaltung. Zu meinen Aufgaben gehörte damals auch die Kontrolle und Anleitung der Kräfte vor Ort, um den Kommandeur des jeweiligen Grenzregiment zu unterstützen. Das sahen sie nicht gern, betrachteten es als Einmischung in ihren Verantwortungsbereich, statt als Hilfe..
Nach dem Motto „ Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser „ begab ich mich eines Tages in Begleitung eines Oberoffiziers, zu diesem Kontrollpunkt. Er hatte wenig Bedeutung für den Grenzverkehr und es war ruhig dort. Lediglich ein Grenzer und ein Zöllner versahen dort ihrer Dienst. Wir stellten unseren PKW am Straßenrand ab und begaben uns in den Grenzabschnitt. Ein noch ungewohntes Bild bot sich uns. Mitten auf der Straße, vor dem Kontrollhäuschen waren ein Tisch und Stühle aufgebaut. In vertraulicher Runde saßen ein Paßkontrolleur, ein Zöllner und zwei Polizeibeamte aus West - Berlin und tranken Kaffee. Nachdem sich alle vier von ihrem „ Schreck „ erholt hatten, wollten die zwei Polizeibeamte das Gebiet der DDR verlassen und sich auf ihr Territorium begeben. Ich grüßte freundlich und forderte sie zum Bleiben auf. Es erschien mir unhöflich, sie gehen zu lassen. Sicher war die Situation eindeutig. Sie hatten auf dem Territorium der DDR nichts zu suchen und den DDR - Kontrolleuren waren solche Kontakte immer noch streng verboten. Was war damals falsch und was war richtig? Nach eigenem Ermessen und der Logik folgend, mußte gehandelt werden. Auf unsere Bitte nun wurde auch für uns Kaffeewasser aufgesetzt. Wir unterhielten uns über alles mögliche. Die Polizeibeamte wussten eine Menge Witze. Nachdem sich dann die Polizeibeamte nach Berlin zurück begaben, machte ich den mir persönlich bekannten Grenzern keinen Vorwurf in dieser Angelegenheit.
Nach der Rückkehr zur Dienststelle erzählte ich meinem Vorgesetzten von dieser Begebenheit in allen Einzelheiten. Zuerst war er sprachlos. Dann meinte er : „So etwas ist doch verboten „ Er nahm dann jedoch Abstand, von mir eine schriftliche Stellungnahme und genauen Bericht zu verlangen
Es war wenig Gespür und Einfühlungsvermögen für solch eine Situation vorhanden. Aber in das Bild dieser Tage passte ein stures Verbot von Kontakten nicht mehr. Eigentlich hatte ich vor, ihm einige von den Witzen zu erzählen. Doch ich unterließ es. Er hätte gewiss nicht gelacht.


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25.09.2016 18:33
avatar  TOMMI
#2
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Ein bisschen in dieses Bild passte die Begegnung eines Offiziers der Grenztruppen mit dem damaligen Bundespräsidenten v. Weizäcker am Potsdamer Platz. Weizäcker, der bis an die Grenzlinie ging, wurde vom GT-Offizier korrekt militärisch gegrüßt: "Herr Bundespräsident, keine [besonderen] Vorkommnisse!"
Soweit ich weiß, dürfte es dem Offizier auch verboten gewesen sein, mit Westlern, schon gar nicht mit dem BP zu sprechen.
Zudem nehme ich mal an, ein Bundespräsident hatte auch in Westberlin wegen des allierten-Status kienerlei Befugnisse. Er dürfte dort lediglich
Privatperson gewesen sein? Oder?
Alles in allem fand ich es aber gut, wie die Lockerheit einzog.

EK 88/I
GR4 / 5.GK (Teistungen)


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25.09.2016 18:58
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#3
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Zitat von TOMMI im Beitrag #2
Ein bisschen in dieses Bild passte die Begegnung eines Offiziers der Grenztruppen mit dem damaligen Bundespräsidenten v. Weizäcker am Potsdamer Platz. Weizäcker, der bis an die Grenzlinie ging, wurde vom GT-Offizier korrekt militärisch gegrüßt: "Herr Bundespräsident, keine [besonderen] Vorkommnisse!"
Soweit ich weiß, dürfte es dem Offizier auch verboten gewesen sein, mit Westlern, schon gar nicht mit dem BP zu sprechen.
Zudem nehme ich mal an, ein Bundespräsident hatte auch in Westberlin wegen des allierten-Status kienerlei Befugnisse. Er dürfte dort lediglich
Privatperson gewesen sein? Oder?

Alles in allem fand ich es aber gut, wie die Lockerheit einzog.

das ist formal richtig.


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25.09.2016 19:13 (zuletzt bearbeitet: 25.09.2016 19:13)
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#4
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Zitat von TOMMI im Beitrag #2
Ein bisschen in dieses Bild passte die Begegnung eines Offiziers der Grenztruppen mit dem damaligen Bundespräsidenten v. Weizäcker am Potsdamer Platz. Weizäcker, der bis an die Grenzlinie ging, wurde vom GT-Offizier korrekt militärisch gegrüßt: "Herr Bundespräsident, keine [besonderen] Vorkommnisse!"
Soweit ich weiß, dürfte es dem Offizier auch verboten gewesen sein, mit Westlern, schon gar nicht mit dem BP zu sprechen.
Zudem nehme ich mal an, ein Bundespräsident hatte auch in Westberlin wegen des allierten-Status kienerlei Befugnisse. Er dürfte dort lediglich
Privatperson gewesen sein? Oder?
Alles in allem fand ich es aber gut, wie die Lockerheit einzog.



Ich sehe es als " Konntaktaufnahme mit dem Klassenfeind " Wir durften uns das zu meiner Zeit nicht erlauben den Klassenfeind auch nur von weitem mit Handzeichen zu grüßen . Das war eine Konntaktaufnahme und hatte bei Petzen vom Dorfbewohner eine sofortige Ablösung des Postens zur Folge . Selbst erlebt .

gruß Hapedi


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25.09.2016 19:49 (zuletzt bearbeitet: 25.09.2016 19:50)
avatar  Pitti53
#5
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Ich sehe es als " Konntaktaufnahme mit dem Klassenfeind " Wir durften uns das zu meiner Zeit nicht erlauben den Klassenfeind auch nur von weitem mit Handzeichen zu grüßen . Das war eine Konntaktaufnahme und hatte bei Petzen vom Dorfbewohner eine sofortige Ablösung des Postens zur Folge . Selbst erlebt .

gruß Hapedi


Die Zeiten waren nach dem 9.11.1989 eben gaaanz anders. Den meisten war klar wo die Reise hingeht. Da war bei einigen nur noch das eigene Wohl an erster Stelle.

Da konnte man so richtige Wendehälse kennenlernen

Will aber heute kaum noch einer wissen....Ich habe da viele menschliche Enttäuschungen erlebt


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25.09.2016 20:29
#6
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Zitat von Gert im Beitrag #3
Zitat von TOMMI im Beitrag #2
Ein bisschen in dieses Bild passte die Begegnung eines Offiziers der Grenztruppen mit dem damaligen Bundespräsidenten v. Weizäcker am Potsdamer Platz. Weizäcker, der bis an die Grenzlinie ging, wurde vom GT-Offizier korrekt militärisch gegrüßt: "Herr Bundespräsident, keine [besonderen] Vorkommnisse!"
Soweit ich weiß, dürfte es dem Offizier auch verboten gewesen sein, mit Westlern, schon gar nicht mit dem BP zu sprechen.
Zudem nehme ich mal an, ein Bundespräsident hatte auch in Westberlin wegen des allierten-Status kienerlei Befugnisse. Er dürfte dort lediglich
Privatperson gewesen sein? Oder?

Alles in allem fand ich es aber gut, wie die Lockerheit einzog.

das ist formal richtig.

Gleichwohl wurde der BP mehrmals in WB gewählt, hat zeitweise dort im Schloss Bellevue residiert und diplomatische Gäste empfangen. Aus westdeutscher Sicht war ein Amtssitz trotz des Viermächte-Status der Stadt gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes möglich.
https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Bellevue
http://www.berlin-mauer.de/videos/wahl-b...-heinemann-581/
Theo


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25.09.2016 21:15
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#7
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Zitat von eisenringtheo im Beitrag #6
Zitat von Gert im Beitrag #3
Zitat von TOMMI im Beitrag #2
Ein bisschen in dieses Bild passte die Begegnung eines Offiziers der Grenztruppen mit dem damaligen Bundespräsidenten v. Weizäcker am Potsdamer Platz. Weizäcker, der bis an die Grenzlinie ging, wurde vom GT-Offizier korrekt militärisch gegrüßt: "Herr Bundespräsident, keine [besonderen] Vorkommnisse!"
Soweit ich weiß, dürfte es dem Offizier auch verboten gewesen sein, mit Westlern, schon gar nicht mit dem BP zu sprechen.
Zudem nehme ich mal an, ein Bundespräsident hatte auch in Westberlin wegen des allierten-Status kienerlei Befugnisse. Er dürfte dort lediglich
Privatperson gewesen sein? Oder?

Alles in allem fand ich es aber gut, wie die Lockerheit einzog.

das ist formal richtig.

Gleichwohl wurde der BP mehrmals in WB gewählt, hat zeitweise dort im Schloss Bellevue residiert und diplomatische Gäste empfangen. Aus westdeutscher Sicht war ein Amtssitz trotz des Viermächte-Status der Stadt gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes möglich.
https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Bellevue
http://www.berlin-mauer.de/videos/wahl-b...-heinemann-581/
Theo


die Russen haben mit Tiefflügen und Durchbrechen der Schallmauer über Westberlin klar gemacht wer dort das sagen hat, Theo


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25.09.2016 22:30
avatar  Mart
#8
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Zitat von Gert im Beitrag #7
die Russen haben mit Tiefflügen und Durchbrechen der Schallmauer über Westberlin klar gemacht wer dort das sagen hat, Theo

Haben Sie? Also haben sie das klargemacht?

Der Bundestag tagte weiter immer mal wieder in Westberlin, der Bundespräsident hatte weiter seinen zweiten Amtssitz in Westberlin.

Ein "klarmachen" kann ich nicht erkennen.


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26.09.2016 12:18
#9
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Zitat von Mart im Beitrag #8
Zitat von Gert im Beitrag #7
die Russen haben mit Tiefflügen und Durchbrechen der Schallmauer über Westberlin klar gemacht wer dort das sagen hat, Theo

Haben Sie? Also haben sie das klargemacht?

Der Bundestag tagte weiter immer mal wieder in Westberlin, der Bundespräsident hatte weiter seinen zweiten Amtssitz in Westberlin.

Ein "klarmachen" kann ich nicht erkennen.


Letztlich schon.
Ins Viermächteabkommen von Berlin 1971 wurde der folgenden Passus aufgenommen

II: B. Die Regierungen der Französischen Republik, des Vereinigten Königreichs und der Vereinigten Staaten von Amerika erklären, daß die Bindungen zwischen den Westsektoren Berlins und der Bundesrepublik Deutschland aufrechterhalten und entwickelt werden, wobei sie berücksichtigen, daß diese Sektoren so wie bisher kein Bestandteil (konstitutiver Teil) der Bundesrepublik Deutschland sind und auch weiterhin nicht von ihr regiert werden. Konkrete Regelungen, die das Verhältnis zwischen den Westsektoren Berlins und der Bundesrepublik Deutschland betreffen, sind in Anlage II niedergelegt.

Bundestags- und Bundesrats- und Bundesversammlungsitzungen (Bundespräsident) gab es seit 1971 nicht mehr in WB.


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26.09.2016 16:04 (zuletzt bearbeitet: 26.09.2016 16:45)
avatar  KARNAK
#10
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Zitat von PKE im Beitrag #1


Nach der Rückkehr zur Dienststelle erzählte ich meinem Vorgesetzten von dieser Begebenheit in allen Einzelheiten. Zuerst war er sprachlos.




Wer war da der Vorgesetzte, immer noch der Alte oder schon ein Neuer?
Und was ich schon immer gerne mal gewusst hätte, was ist eigentlich meinen Vorgesetzten durch den Kopf gegangen, was hat man eigentlich besprochen wenn man unter sich war, die drohende Überflüssigkeit immer deutlicher vor Augen?Wie sich das Denken und Handeln "dort unten"rasend schnell verändert hat in eine Richtung die wenige Monate vorher noch ein Sakrileg gewesen wäre, dass weiß ich ja.
Und zwar weil in der Zeit in der die Schulterstücke in Fähnrichs Dienstgrade verändert wurden ich merkwürdigerweise meinen Hauptmann behielt und Gruppenführer Einreise wurde.

"Das Unglück ist,dass jeder denkt, der Andere ist wie er,und dabei übersieht, dass es auch anständige Menschen gibt."


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26.09.2016 21:27
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#11
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Es war noch der Alte, aber der war eben so.Er konnte und kann heute auch manchmal nicht anders.Mancher kann nicht aus seiner Haut. Ich konnte das eben.


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27.09.2016 09:43
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Zitat von Gert im Beitrag #7

die Russen haben mit Tiefflügen und Durchbrechen der Schallmauer über Westberlin klar gemacht wer dort das sagen hat, Theo


Ist das tatsächlich belegt? Davon habe ich noch nie etwas gehört (also weder den Sachverhalt noch den Überschallknall über Berlin.
Wann soll denn sowas passiert sein?

Ich habe in den 70er/80ern jahrelang in Berlin-Mitte unmittelbar an der Grenze gelebt und kann mich nicht entsinnen, dass im Gegenzug die Westalliierten mit ihrem Fluggerät hier jemals über die Grenze geflogen wären.


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27.09.2016 09:57
#13
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Das war natürlich vor dem Viermächteabkommen über Berlin im Jahre 1971. Von da an hat der Osten Westberlin als souveräne "selbständige politische Einheit" gesehen, vorher war es nur ein "besonderes politisches Gebiet" ohne Souveränität.
http://www.berlin-mauer.de/videos/sowjet...est-berlin-560/
Theo


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27.09.2016 10:29
avatar  sentry
#14
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Aaaah...schönen Dank, wieder was gelernt.
Ich mag das Forum doch noch.


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27.09.2016 17:23
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