Zur Wende am Brandenburger Tor

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02.04.2015 00:18
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#1
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Hallo Kameraden,
Im Oktober 1988 begann mein Grundwehrdienst in Groß-Glienicke. Ich diente dort in der KPW46 bis Mai 1989 und wurde dann in die neu aus der Taufe gehobenen SiK Brandenburger Tor versetzt. Bis zu unserem "Rauswurf" im Februar '90 war ich im Kompanietrupp der SiK und fuhr 3X täglich die Hundestaffel ans Tor.
So habe ich die Wende live und hautnah erleben "dürfen". Dazu bestimmt später mehr an anderer Stelle.

Gruß, Sik90


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02.04.2015 09:03
#2
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Ich begrüße Dich @SiK90, sei willkommen.
Dann haben sie Dich bei Deiner Grundwehrdienstzeit um ein viertel Jahr besch___en


gruß h.


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02.04.2015 12:01
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#3
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Zitat von hundemuchtel 88 0,5 im Beitrag #2

Dann haben sie Dich bei Deiner Grundwehrdienstzeit um ein viertel Jahr besch___en


gruß h.


Aber so was von....hararar...
Komisch war das aber schon; wir kamen aus dem Urlaub über Silvester zurück und wurden ein paar Tage später wieder für fünf Tage nach Hause geschickt. Alle Gefreite mußten ihre letzten Tage Urlaub nehmen, die ja eigentlich bis Mai reichen sollten. Da war uns schon klar; dass geht nicht bis zum Ende!


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02.04.2015 12:22 (zuletzt bearbeitet: 02.04.2015 12:25)
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#4
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Hallo @SiK90, auch ich begrüße dich hier im Forum herzlich.

Das muss ja eine interessante und aufregende Zeit für dich gewesen sein. Und gleich fallen mir viele Fragen ein:

- Gab es einen veränderten Dienstablauf?
- Inhalt des Politunterrichts?
- Verhalten der Offiziere?
- Habt ihr auf das Begrüßungsgeld verzichten müssen?
- Konntet ihr nun mit dem "Feind" mal ein Schwätzchen halten?
- Durftet ihr "Feindgebiet" betreten?
- War West-Literatur, Zeitungen, Zeitschriften erlaubt?
- Wie war die Entpflichtung/ Verabschiedung?

Ja das interessiert mich schon und ich würde mich freuen, wenn du meine Neugierde befriedigen könntest!

MfG

GKUS64


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02.04.2015 12:28
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#5
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Zitat von GKUS64 im Beitrag #4
Hallo @SiK90, auch ich begrüße dich hier im Forum herzlich.

Das muss ja eine interessante und aufregende Zeit für dich gewesen sein. Und gleich fallen mir viele Fragen ein:

- Gab es einen veränderten Dienstablauf?
- Inhalt des Politunterrichts?
- Verhalten der Offiziere?
- Habt ihr auf das Begrüßungsgeld verzichten müssen?
- Konntet ihr nun mit dem "Feind" mal ein Schwätzchen halten?
- Durftet ihr "Feindgebiet" betreten?
- War West-Literatur, Zeitungen, Zeitschriften erlaubt?
- Wie war die Entpflichtung/ Verabschiedung?

Ja das interessiert mich schon und ich würde mich freuen, wenn du meine Neugierde befriedigen könntest!

MfG

GKUS64



zitat : - [i]Inhalt des Politunterrichts?[/i] der wurde ab dem Datum von der Konrad-Adenauer-Stiftung geliefert!


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02.04.2015 14:12
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#6
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Zitat
Ja das interessiert mich schon und ich würde mich freuen, wenn du meine Neugierde befriedigen könntest!


Viele Fragen; ich versuche das mal.

Zitat
Gab es einen veränderten Dienstablauf?


Es waren chaotische Wochen. Keiner wußte irgendetwas und das Kommando über das Tor lag nicht mehr bei uns, sondern wurde von einem Oberst aus dem GKM (Grenz-Kommando-Mitte) und dessen Stab übernommen. Unser KC (und Kommandant BBT) war nat. stinksauer!
Normalerweise bestand ein Aufzug aus insgesamt 24 Leuten. In diesen Zeiten waren es bis zu 1000(!). Man hatte die Offz.-Hochschule aus Suhl in den Abschnitt verlegt. Die Schüler waren übrigens äußerst aggressiv in ihrer Haltung. Hinzu kam, dass Teile unserer SiK am Checkpoint aushelfen mußten; mit Plexiglassschild und allem was dazu gehörte.
Ich selbst war in jenen Tagen von Freitag bis Sonntag ununterbrochen am Tor. Ich sollte mit dem LKW ein großes Netz hochziehen, falls es zu Durchbrüchen kommen solllte. Wo und wann ich schlief, interessierte da keinen.

Eine kleine Episode, die die Gefahr der Eskalation verdeutlicht:

Mitte November. Samstagnachmittag. Grenzalarm! Also in den Park, den Lkw geholt und los. Nur hatten Polizei und Stasi alle Zubringerstraßen gesperrt und wollten auch uns nicht passieren lassen!! Es entwickelte sich ein Disput; keine Chance, wir sollten einen großen Umweg fahren. Beim Losfahren kam es zu einem Unfall. Ein Trabi fuhr in meinen W50. Unfallaufnahme und so verging die Zeit. Letztlich durften wir dann doch passieren und kamen mit fast 2 Stunden Verspätung am BBT an. Der Kommandant schrie uns an: Wir hätten die VOPO festnehmen müssen und die Weiterfahrt notfalls mit Waffengewalt erzwingen sollen! Da bekam ich echt eine Gänsehaut und auch Angst, wo das alles hinführen würde....

Zitat
Inhalt des Politunterrichts?



Hatten wir keinen. Die SiK funktionierte in einer Art rollenden Woche mit täglichen Wechseln. Keine Zeit für solchen Mist.

Zitat
Verhalten der Offiziere?



Sehr verschieden. Aggressiv, Orientierungslos, Verstört. Einige wenige waren aber auch recht besonnen.

Zitat
Habt ihr auf das Begrüßungsgeld verzichten müssen?



Nein. Wir bekamen im Januar '90 unsere Personalausweis zurück und durften im Ausgang nach Westberlin.

Zitat
Konntet ihr nun mit dem "Feind" mal ein Schwätzchen halten?



Och, nachts hielt man schon vor den Ereignissen mal einen Schwatz mit der Westberliner Schupo. Gab ihnen beispielsweise Tips, wohin sich die Hütchenspieler geflüchtet hatten. Oder als wir ein beschädigtes Segment ausgetauscht haben. Das geschah auch in Zusammenarbeit mit der Schupo. Natürlich alles nicht offiziell aber richtige Strukturen und Hierarchien gab es nicht mehr.
Und natürlich die Zeit, als der Ansturm auf das Tor riesig war. Bei der Ablösung war man von Journalisten und Kamerateams umlagert. Soldaten und auch Offiziere hatten Teile ihrer Ausrüstung verkauft usw. War 'ne wilde Zeit!

Zitat
Durftet ihr "Feindgebiet" betreten?


Schon rein dienstlich. In der sog. Panzermauer gab es ein Schlupftor. Durch dieses wurden die paar Meter Staatsgebiet jenseits der Mauer kontrolliert. Ansonsten - siehe oben. Ausgang nach Westberlin.

Zitat
War West-Literatur, Zeitungen, Zeitschriften erlaubt?



Die Kompanie war in jener Zeit voll von Zeitungen, Zigaretten, Schnaps, Lebensmitteln aller Art. Teils Geschenke aber auch im Tausch gegen Mützen, Koppel, Abzeichen...etc...
Erlaubt war das natürlich nicht. Aber es war alles in Auflösung begriffen.

Zitat
Wie war die Entpflichtung/ Verabschiedung?



Kurz und schmerzlos. Alle Gefreite wurden in mehren Unterkünften zusammengelegt und eigentlich sich selbst überlassen. Keine Aufgaben, keine Dienste. Wir sollten nur nicht stören. Nach einer großen Party hieß es am nächsten Morgen: Alle Gefreite zur Entlassungsuntersuchung antreten!
Nun ja, da von uns rund 50 Leuten kaum einer nüchtern war, ging das recht schnell. Danach kurze Verabschiedung durch den KC auf der Kompanie, jeder bekam sein Tuch (auch unsere Hunde, welche die jeweiligen Hundeführer mit nach Hause nehmen durften, wenn sie wollte und konnten).
Tja, und dann noch die Bitte (!), das Regiment nicht vor 12:00 Uhr zu verlassen, da es schon zu regelrechte Fluchten und Tumulten am KDL gekommen sei und man da durchgreifen würde. Das war es dann und man war ein paar Stunden später völlig überraschend wieder zu hause.

Zitat
ich würde mich freuen, wenn du meine Neugierde befriedigen könntest!



Ich hoffe, dass ist mir einigermaßen gelungen?


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02.04.2015 14:42 (zuletzt bearbeitet: 02.04.2015 14:52)
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#7
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Grossartig, @SiK90 !!

und Willkommen im Forum !
Wenn Du noch weitere "Wendegrenzer" hier suchst, kontaktiere mal @Duck .
Und das war meine Vorstellung:
Erinnerungen

so... bin wieder weg...
Und viel Spass noch hier.

Gruss Hartmut


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02.04.2015 14:51
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#8
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Hallo SiK 90
Sehr schön geschildert deine Erlenisse.
Ich war 69-70 am Tor.Zu der Zeit gab es noch kein Schlupftor.
Habe aber schon mal was darüber gehört. Wo genau war es.
Zu meiner Zeit gab es noch das Potest für Gäste hinter dem BBT.

Gruß EK70


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02.04.2015 15:18
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#9
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Erst mal Danke an alle Kameraden für das herzliche Willkommen!

Zitat
Ich war 69-70 am Tor.Zu der Zeit gab es noch kein Schlupftor.
Habe aber schon mal was darüber gehört. Wo genau war es.


Mitten in der Panzermauer, direkt vor dem Tor. Eine ca. 1,5m niedrige Stahltür.

Zitat
Zu meiner Zeit gab es noch das Potest für Gäste hinter dem BBT.


Gab es zu meiner Zeit nicht mehr. Lediglich das Alliertenpodest auf Westberliner Seite.


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02.04.2015 15:34
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#10
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Nachtrag:

Ein weiteres Kuriosum war ein ehemaliger Fluchttunnel unter der "Schallplatte". Der wurde nie zugeschüttet, sondern in Höhe des Grenzverlaufs mit einer dicken Stahlplatte verschlossen. In dieser war ein Bullauge, durch das täglich der westliche Teil kontrolliert wurde.


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02.04.2015 16:33 (zuletzt bearbeitet: 02.04.2015 17:13)
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#11
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Danke @SiK90, das war wirklich ein guter und ausführlicher Bericht. Ich hoffe dir gefällt es nun auch bei uns und dir fallen noch mehr spannende Geschichten ein! Bei mir ist die Grenzerzeit ja schon 50 Jahre vorbei und bei der Öffnung bin ich am 11.11.1989 mit dem Trabbi über Altglienicke zum Ku-Damm gefahren.

Frohe Ostern wünscht dir der

GKUS64


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02.04.2015 18:08
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Auch von mir ein Frohes Ostern in die Runde!

Es gab ja zum Glück auch recht lustige Geschichten. Hier mal vielleicht eine davon:

Wir waren ja nun eine Art Vorzeigeeinheit. Jedem hohen Besuch wurden wir vorgeführt.
Eines Nachts hatte ich bisschen Zoff mit einem Jüngelchen, seines Zeichens Leutnant von der Kompanie über uns. Jedenfalls habe ich den etwas unsanft unseres Zimmers verwiesen. Am nächsten Nachmittag kam ein Neuer ganz aufgeregt zu mir in den Fernsehraum und sagte, ein Offz. mache sich an meinem Spind (stand meist offen) zu schaffen. Ich ging natürlich von besagtem Knilch aus, eilte zu unserem Zimmer und riß die Tür auf.
Tja, ich sah Rot und Gold und blickte GM Wöllner (Chef GKM) ins kritische Auge. Ups! Tür zu und weg! Hatte keine Folgen, ging wahrscheinlich alles zu schnell.


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02.04.2015 19:43 (zuletzt bearbeitet: 02.04.2015 19:44)
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#13
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Hi und willkommen @SiK90 ,

du schriebst "Mitte November. Samstagnachmittag. Grenzalarm! Also in den Park, den Lkw geholt und los. Nur hatten Polizei und Stasi alle Zubringerstraßen gesperrt und wollten auch uns nicht passieren lassen!! Es entwickelte sich ein Disput; keine Chance, wir sollten einen großen Umweg fahren."

War das jetzt ein Versehen und du meinst Mitte Oktober oder gab es Mitte November - bereits nach Öffnung der Grenzen - tatsächlich noch so ein Affenspektakel?


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02.04.2015 19:51
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#14
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Sorry. Du hast natürlich recht. Mitte Oktober sollte es heißen. Muß um den Parteitag rum gewesen sein.
Aber das eigentlich schockierende für mich war die Ansage unseres Kommandanten. Der er ja Mitte November nur noch pro forma war...


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02.04.2015 20:20
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#15
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Aber was im Nachhinein ärgerlich und traurig stimmt, ist, dass die Soldaten vergessen werden.
Bei allen Feierlichkeiten und Veranstaltungen anläßlich des Mauerfalls werden Kirchen und Politiker über den grünen Klee ob ihrer Verdienste gelobt.
Was wäre denn gewesen, hätte einer von uns wirklich geschossen? Unvorstellbar! Zumal wir keine Infos oder gar Befehle hatten, wie vorzugehen sei. Das BBT wurde ja im Wortsinne gestürmt von Westberliner Seite aus. Das es da nicht zur Katastrophe kam, ist einzig der Besonnenheit der Kameraden vor Ort zu verdanken und nicht irgendwelchen Labertaschen aus der Politik. Nur wird das nirgends gebührend erwähnt oder gewürdigt.


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