Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

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01.02.2015 19:16 (zuletzt bearbeitet: 01.02.2015 19:18)
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Wie alles begann!

Berlin, Alexanderplatz, 06. Dezember 1984

Aufgeregt, eine Zigarette nach der anderen rauchend, gehe ich vor der Weltzeituhr auf dem Berliner Alexanderplatz auf und ab. In meiner Grenztruppenuniform falle ich hier kaum auf. Uniformen gehören in (Ost)-Berlin zum Stadtbild. Uniformen sollten mein Leben, über das langsam in greifbare Nähe rückende Ende meiner Grundwehrdienstzeit hinaus, bestimmen. Anders als meine Kameraden, wollte ich nicht ins Zivilleben zurückkehren, sondern lediglich die Uniform der Grenztruppen gegen eine Volkspolizeiuniform eintauschen. Ein Schritt den kaum jemand verstand.
Für mich würde sich jedoch ein lange gehegter Traum erfüllen. Falls die medizinische Tauglichkeitsuntersuchung im Präsidium der Volkspolizei Berlin, zu der man mich heute einbestellt hatte, nicht noch einen unvorhersehbaren Ablehnungsgrund zu Tage fördern würde. Dann würde mein Traum wohl immer nur ein Traum bleiben.
Der Alexanderplatz erschien heute, des grauen nasskalten Wetters wegen, ungewohnt Menschenleer. Nur eine einzelne Schulklasse, angeführt von einer sichtlich genervten Lehrerin, stapfte gelangweilt über die Platte. Als ich selbst noch zur Schule ging, führte der alljährliche Wandertag regelmäßig zum Berliner Alexanderplatz. Wie oft hatten wir an der Weltzeituhr gestanden und voller Staunen festgestellt, wie spät es gerade in Tokio, Melbourne oder Ottawa war. Städte die wir höchstwahrscheinlich niemals betreten werden. Warum sich ausgerechnet die abgeschottete DDR eine Weltzeituhr leistete, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben.

Mehr als vier Jahre waren seitdem ins Land gegangen. Vier Jahre in dem sich mein Leben, zum ersten nicht jedoch zum letzten Mal, hatte sich mein Leben von Grund auf verändert.
Ich krame in der Manteltasche des kratzigen grauen Uniformmantels nach einer Schachtel Zigaretten, Marke „ Cabinet“. Die MHO* in der Hennigsdorfer „ Clara-Zetkin-Kaserne“ verfügte stets über einen großen Vorrat von den in der DDR beliebten Glimmstengeln.
Der Wind wehte den blauen Rauch in Richtung des alles überragenden Fernsehturms davon. Aus dieser Richtung muss jeden Augenblick der Genosse Holter kommen. Genosse Holter ist Volkspolizist und gehört dem „ Wachkommando Missionsschutz“ an. Jener geheimnisvollen VP-Einheit, für der mich einer der eigens zu diesem Zweck in die Kasernen ringsum Berlin entsandten Werber bereits im Juli begeistert hatte.
Obwohl, eigentlich rannte er bei mir „ offene Türen ein“. Interessierte ich mich doch schon seit frühester Jugend für den Polizeidienst. Wobei es mir nicht so sehr darauf ankam, unbedingt ein Volkspolizist zu sein. Polizisten waren für mich Menschen, die sich rund um die Uhr für Gerechtigkeit einsetzte, zu hundert Prozent zu den Guten dieser Welt gehörten, und obendrein ständig Abenteuer erlebten.
Meine ersten Vorbilder hießen, so unglaublich das auch klingen mag: Starsky & Hutch. So wie die beiden Superpolizisten wollte ich auch werden-mit einem coolen Spruch auf den Lippen den Verbrechern das Gruseln lehren. Hauptmann Fuchs spielte bislang eher eine untergeordnete Rolle.
Der Werber schilderte mir den Dienst beim „Wachkommando Missionsschutz“, kurz WKM, in den buntesten Farben. Ich erfuhr, dass das WKM für die Sicherheit der in Berlin akkreditierten Diplomaten zuständig ist. Gewissermaßen eine „Sondereinheit“ der Volkspolizei.
Bei dem Wort „ Wachkommando“ zuckte ich jedoch zurück. Schließlich musste ich bereits bei der Armee genug Wache stehen. Lachend wehrte der Werber ab: „ Du musst dir das nicht so öde vorstellen, wie auf einem Postenturm. Unsere Posten stehen vor Botschaften oder Residenzen, mitten in Berlin, mitten im pulsierenden Leben. Unter den Augen der Weltöffentlichkeit. Mensch, da ist immer was los. Manchmal sogar mehr, als dir lieb sein kann.“
Listig erwähnte der Werber, beinahe beiläufig, das Anfangsgehalt eines WKM-Volkspolizisten: 1300 Mark der DDR. Beinahe das Dreifache von dem was ich in meinem erlernten Beruf als Binnenfischer, in einem Karpfenzuchtbetrieb, bisher verdient hatte. Ein Knochenjob vor dem Herrn, den ich keineswegs bis zur fernen Rente ausüben wollte.
Daher wäre der ausgelegte monetäre Köder nicht unbedingt nötig gewesen. Er bot mir jedoch, gegenüber meinen Kameraden, eine willkommene Ausrede, warum ich immer wieder zum Werbegespräch gerufen wurde. Statt wie der Rest der „Auserwählten“ schon beim ersten Gespräch dankend abzuwinken. „ Bei dem Geld kann man schon mal genauer nachhaken“, antwortete ich auf etwaige Nachfragen. Um sofort, im selben Satz zu bekunden, „ höchstwahrscheinlich doch kein Interesse am Dienst bei der Volkspolizei zu haben.“
Nicht jeden überzeugten die Ausflüchte, genügte jedoch vorerst um allzu Neugierige auf Distanz zu halten. Wer sich während des Grundwehrdienstes entschied anschließend nicht in den Zivilberuf zurückzukehren sondern in eine andere „Sparte der bewaffnete Organe“ zu wechseln, lief Gefahr „schief angesehen zu werden“. In dieser Zeit erlebte ich zum ersten Mal, wie wenig Ansehen die Volkspolizei eigentlich besaß. „ Was, du willst Bulle werden? Mein Vater würde mich totschlagen“, war noch die freundlichste Reaktion die mir entgegenschlug.
Im Spätsommer 1984 überreichte mir „mein“ Werber einen mehrseitigen Fragebogen. In dem ich umfangreich und detailliert Auskünfte über mich und meine Familie abgeben musste. Etwaige Kontakte ins „Nichtsozialistische Weltsystem“, kurz „ NSW“ interessierten, neben Vorstrafen, offenbar ganz besonders.
„ Tja, das ist nun mal so“, hatte mir der Werber halb entschuldigend mit auf dem Weg gegeben, „ wir schauen uns die Kandidaten sehr genau an. Wir nehmen schließlich nicht jeden.“
Hörte ich da etwa eine versteckte Drohung? Ich weiß es nicht. Eines hätte ich aber zu diesem Zeitpunkt niemals für möglich gehalten: „ dass ich diesen Satz knappe sechs Jahre später, unter völlig anderen Voraussetzungen, noch einmal hören sollte. Und zwar aus dem Mund eines Pfarrers, dem es darum ging künftig Volkspolizisten auszusortieren, die nicht in das neue demokratische System passten.
Aber, dass es „einmal anders kommen könnte“, ahnte im Sommer 1984 noch selbstverständlich niemand.
Das Ausfüllen des Fragebogens bereitete mir nur wenige Schwierigkeiten. Kriminelle gab es in meiner Familie nicht. Ich war auch noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Wenn man einmal davon absieht, dass mir einmal der „Dorfsheriff“ von Neubarnim „ in den Arsch treten wollte, falls ich mich noch einmal mit meiner plundrigen Karre in seinen Abschnitt wage“.
Wir verfügten zwar über „ West-Verwandte 2. Grades“, zu denen jedoch kaum Kontakt bestand. Was sollte also schief gehen?
Die Wochen und Monate vergingen, ohne dass sich die Volkspolizei wieder bei mir meldet. Wollten mich die „Grünen“, wie die VP im Volksmund auch genannt wurde, am Ende doch nicht? Mitte November begann mich der Zoll zu umwerben. Dem Typen, einem urgemütlichen, grauhaarigen Opi“ , hätte ich alles abgekauft. Es gab da nur einen Haken: der Zolldienst interessierte mich nicht die Bohne. Ich konnte mir nicht einmal so richtig etwas darunter vorstellen. Immerhin, der nette Opi gab sich große Mühe, mir den Dienst an einem Grenzübergang schmackhaft zu machen.
Selbst als ich erwähnte bereits bei der VP „ in der Pflicht zu stehen“, gab der Zollwerber nicht auf:
„ Komme lieber zu uns. Der Dienst an einer Grenzübergangsstelle ist viel interessanter und vielseitiger als der bei der VP. Hatte ich vorhin richtig gehört? Du willst zum Missionschutz? Genosse, mache dich nicht unglücklich! Möchtest du dein ganzes Berufsleben vor einer Botschaft Wache stehen?“
Egal, mehr oder weniger unfreiwillig forcierte der Zoll doch den Lauf der Dinge. Schon am kommenden Tag traf ich auf dem Kasernenhof, eher zufällig, „meinen“ Werber vom WKM.
„ Und, wie geht’s?“ Was als rhetorische Frage gedacht war, entwickelte sich rasch zum mittelschweren Schock: „ Na ja, ich habe von euch lange nichts mehr gehört. Ich mache mir langsam Gedanken.“ Tief und hörbar einatmend, versuchte mich der Werber zu beschwichtigen. „ Nun werde mir mal nicht ungeduldig, Genosse. Die Kadermühlen bei der Volkspolizei mahlen nun einmal langsam.“ Gerade als er umdrehen und den Weg fortsetzen wollte, zog ich mein As aus dem Ärmel: „ Der Zoll hat sich übrigens bei mir gemeldet. Ich könnte dort vielleicht nach meinem Wehrdienst anfangen.“
Rums, der Schlag hatte gesessen. Dem eben noch so selbstsicheren Polizisten entgleisten buchstäblich sämtliche Gesichtszüge. „ Ach, was der Zoll. Die versprechen immer viel und halten am Ende gar nichts. Dafür sind die doch bekannt. Lass dich bloß nicht von denen einlullen. Du hörst bald wieder von mir“, polterte der Werber und verschwand im mehrstöckigen Stabsgebäude des Grenzregimentes 38.
Keine Woche später überreichte mir der Spieß einen Ausgangsschein für Berlin und eine Fahrkarte. Ich durfte ins Polizeipräsidium zur Einstellungsuntersuchung. Am Donnerstag den 06 Dezember, 11:00 Uhr, würde ich die letzte Hürde auf dem Weg in die Volkspolizei nehmen.
Noch am selben Tag suchte mich der Werber erneut auf. „ Na, hat doch alles geklappt“, grinste er mich an. „Oder willst du immer noch Filzstift werden?“ „ Nein, nein“, wehrte ich. „ Dann ist ja alles im Lot“, stellte der Polizist zufrieden fest. Er hatte wahrscheinlich „ seine Felle davon schwimmen sehen.“ Und mit ihnen die begehrte „Fangprämie.“ Man gönnt sich ja sonst nichts.
„ Leider kann ich dich nicht selbst zur Untersuchung ins Präsidium begleiten“, bedauerte der „Seelenfänger“. „ Der Genosse Holter wird das für mich übernehmen. Richte es so ein, dass du spätestens um halb Elf an der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz bist. Dort wird dich dann der Genosse Holter in Empfang nehmen. Du weißt doch wo die Weltzeituhr ist?“ Der Kerl hielt mich anscheinend für einen provinziellen Trottel. „ Selbstverständlich weiß ich das“, knurrte ich halb beleidigt.
Und nun stehe ich hier, an der berühmten Weltzeituhr. Genosse Hemeke lässt einstweilen noch ein wenig auf sich warten. Dafür sehe ich einen waschechten uniformierten Volkspolizisten über das Trottoire streifen. Die braunlederne Kartentasche baumelte ihm lässig an der rechten Hüfte. Seine kräftigen Hände umklammerten den Trageriemen eines Handfunkgerätes, so als ob daran Halt suchte. Nach Action und Abenteuer sah der Wachtmeister jedoch nicht aus. Eher ähnelte der gelangweilte Gesichtsausdruck denen eines Grenzsoldaten, der bereits seit Stunden vergeblich nach imaginären Fußspuren auf dem Kontrollstreifen fahndete. Ohne wirklich damit zu rechnen, eine Spur zu finden.
Vom Haus des Lehrers her näherte sich eine jugendlich wirkende, Lässigkeit versprühende, blonde männliche Erscheinung. Zielsicher steuerte mich der Blonde an, grinste gewinnend über beide Backen, tippte den Zeigefinger in meine Richtung und sagte: „ Du bist doch bestimmt der Genosse Bräuning?“ Ein großes Risiko ging er mit dieser Frage nicht ein. Schließlich dürfte ihm bekannt sein, dass er einen Grenztruppensoldaten abholten sollte. Außer mir gab es momentan weit und breit keinen anderen Soldaten.
Holter erwies sich als angenehmer Plauderer. Zu zweit gingen wir durch den Fußgängertunnel, der vom Alex aus direkt bis zum Volkspolizeipräsidium führte, entlang. Unterwegs gewährte mir Holter einen kurzen Einblick in seine dienstliche Tätigkeit. Er gehörte, wie übrigens auch mein eigentlicher „Betreuer“, der zivilen Beobachtergruppe des WKM an. Hochinteressant, hochwichtig, aber leider auch hochgeheim. Immerhin erfuhr ich, dass die Beobachtergruppe wichtige diplomatische Empfänge absicherte und beobachtete. Daher wohl auch der Name. Mehr durfte mir der wackere Holter nicht sagen. „ Aber das wirst du ja bald alles selbst aus erster Hand erfahren und erleben“, tröstete er mich vielsagend. Gleichzeitig wies mich Holter daraufhin, dass es momentan keine freien Planstellen in der Beobachtergruppe geben würde. Aber der Job als Posten wäre nicht minder interessant und vielseitig.
Wäre dieser Holter statt bei der Volkspolizei in den Studios der DEFA gelandet, hätte man ihn wahrscheinlich in Propaganda-Schinken entweder einen Lehrer oder einen tatendurstigen, vielseitig talentierten FDJ-Sekretär spielen lassen. Ähnelte er doch dem beliebten, leider viel zu früh verstorbenen Mimen Horst Jonischkan , dem Adams aus „ Die Söhne der Großen Bärin“, auf eine geradezu verblüffende Art und Weise. Horst Jonischkan alias VP-Meister Holter, agierte, wenn er einmal nicht hinter einem Busch hockte und beobachtete, ebenfalls als Werber. Bei der Ausstrahlung dürfte seine Erfolgsquote enorm gewesen sein.
Wenige Minuten darauf stand ich zum ersten Mal vor dem (Ost)Berliner Polizeipräsidium. Einem riesigen, mehrstöckigen grauen Gebäude. Aus dessen Eingangstüren ständig Uniformträger und zumeist Anzug tragende Zivilisten strömten. Ehrfürchtig dackelte ich hinter Holter hinterher. Begierig jeden noch so kleinen Eindruck aufzusaugen, musterte ich die Vorbeilaufenden. Hier arbeitet also Hauptmann Fuchs, schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf. Eine absolut blödsinnige, der Respekt einflößenden Lokalität geschuldete Eingebung. An den Revers der Anzüge prangte unübersehbar das Abzeichen der SED. Zwischen den Uniformierten überwog der Anteil der „Raupen schlepper, vom Major bis zum Oberst augenfällig. Die Offiziere wirkten ein wenig steif. Aber was hatte ich denn erwartet? Das mir David Stursky und Ken Hutchinson auf der Treppe entgegen kommen, in ihren roten Flitzer steigen um die Hauptstadt der DDR von allen Bösen zu befreien?
Holter lotste mich zum Einlassposten. Einem streng drein schauenden, sichtlich übergewichtigen Hauptwachtmeister. Mein Begleiter zückte den an einer Lederschnur befestigten Dienstausweis. „ Ich bin mal wieder mit einem Bewerber zur Einstellungsuntersuchung gekommen.“ „ Hier kommen so viele. Meinst du das ich mir jede Larve merken kann?“, konterte der Hauptwachtmeister ungerührt. Dann verlangte er meinen Wehrpass, nahm ihn in Verwahrung, ehe mir einen vorläufigen Passierschein ausfüllte. „ Ordnung muss sein Genosse“, tönte der Posten, wobei er mir den „Prokus“ überreichte. „ Wenn du erstmal einer von uns bist, dann brauchst du die Prozedur nicht mehr über dich ergehen lassen“, meinte Holter augenzwinkernd.
Weiter ging es über Flure und endlos lange Gänge. Über die, wie in einem Ameisenhaufen, ständig irgendwelche Akten und Ordner schleppenden Gestalten, beiderlei Geschlechts, wuselten. Dazwischen pausenloses Geklingel und Geklapper unsichtbar bleibender Telefone und Schreibmaschinen. Eben der typische Sound einer Behörde.
Plötzlich standen wir vor einer mir bis dato unbekannten Beförderungsanlage. Einem so genannten „Pater Noster“. Der ohne Halt seine Passagiere von oben nach unten und umgekehrt, beförderte. Hinein oder hinaus gelangte man mit einem Sprung. Für den immer wieder der bestmöglichste Augenblick gefunden werden musste.
„ Das ist unser Fahrstuhl. Oder möchtest du lieber die vielen Treppen stiegen?“, provozierte mich Holter listig. Ich wollte mir keine Blöße geben. Todesmutig jumpte ich ins offene Abteil. Wie ein nasser Sack taumelte ich hinein. Einer Wasserstoffperl-Dings Bums gefärbter Blondine beinahe auf den blitzsauberen Pumps. Hoppla jetzt komm ich! Holter pruste vor Begeisterung. Während mein Gesicht die Farbe einer Arbeiterfahne annahm.
In der fünften Etage stiegen wir wieder aus. Besser gesagt, Holter stieg aus dem „Pater Noster“. Ich fiel mir oder weniger hinterher. Wieder latschten wir durch einen langen Flur. Flure schien es hier reichlich zu geben. Gefühlte achtzig Prozent der (Ost)Berliner Polizeizentrale bestanden aus Flur.
Holter schob mich in einen großen Raum. In dem bereits andere Kandidaten auf ihre Untersuchung warteten. Bei einer eintretenden Schwester meldete ich mich an. Die Schwester verglich meine Daten mit einer langen Liste, nickte, hakte meinen Namen ab und wies mich an, zu warten bis ich aufgerufen werde.
Etwas anderes blieb mir wohl kaum übrig. Ein wenig beklommen nahm ich neben den noch immer gut gelaunten VP-Meister Holter auf einem rotgepolsterten Stuhl Platz. Neugierig schaute ich mich in dem großen Warteraum um. Mir fiel eine an der Wand befestigte Tafel mit dem Konterfei eines Volkspolizisten ins Auge. Ich erhob mich von meinem Platz, trat näher um den Text darunter besser lesen zu können. Hauptwachtmeister Lutz Lawerenz hieß Volkspolizist, der wie ich erschüttert las, wenige Monate zuvor im Dienst ermordet wurde. Natürlich wusste ich das Polizisten im Dienst zuweilen getötet werden können. Aber nicht, dass so etwas auch VOLKSpolizisten in der friedlichen DDR passiert.
Holter setzte einen betroffenen Gesichtsausdruck auf. „ Schlimm, schlimm“, brubbelte er halblaut, „ der Genosse Lawrenz wollte anscheinend auf seiner nächtlichen Streife im Prenzlauer Berg gegen einen Straftäter einschreiten. Dabei hat man ihn feige erstochen.“ „ Ach du Scheiße“, entfuhr es mir unwillkürlich. „ Messerabwehr lernt man in der VP-Schule. Darum ist es so wichtig, das gelernte immer wieder zu trainieren“, dozierte Holter Oberlehrerhaft. Ein Tick zu viel, um glaubhaft zu klingen.
Die Tafel war so platziert worden, dass der im Dienst getötete Hauptwachtmeister die auf ihre Untersuchung wartenden VP-Kandidaten direkt in die Gesichter schaute. Als Mahnung, als Warnung, ach was weiß ich.
Die verdammte Warterei zerrte an meinen Nerven. Zu allem Überfluss durfte hier nicht geraucht werden. Um mich abzulenken, versuchte ich Holter über die zu erwartende Prozedur auszuquetschen.
„ Na ja, also stelle dir das bitte nicht so vor, wie bei der Musterung zum Militärdienst. Diese Untersuchung ist weitaus umfangreicher. Der harte Dienst bei der VP erfordert eine robuste, widerstandsfähige Gesundheit und absolute Leistungsfähigkeit.“ Ich erbleichte. Sofort schwächte Holter das soeben gesagte wieder ab. „ Du bist jung, du bist kräftig und du bist gesund. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn du die Untersuchung nicht erfolgreich überstehst.“
Ehe es soweit war, ging ich noch schnell auf die Toilette. Auf dem Rückweg kam ich an einem Dienstzimmer vorbei, dessen Tür nur halb geschlossen war. Keck schaute ich hinein. Was ich dort sah, überstieg sämtliche Vorstellungskraft: vor einer großen Leinwand hockten drei zivil gekleidete Männer. Von der Leinwand flimmerte niemand anders als Karl Eduard von Schnitzler! Irritiert zog ich mich zurück. An die Sehgewohnheiten werde ich mich wohl erst noch gewöhnen müssen.
Dann war es soweit. Die Schwester zirpte „ der Genosse Bräuning bitte“ in die illustre Runde. Wackligen Fußes betrat ich den Untersuchungsraum. Der aus verschiedenen Abteilungen bestand. Jeder Teil meines Körpers sah einer umfassenden Begutachtung entgegen. Ok, fast jeder. Zum Anfang trat ich vor eine noch sehr junge, äußerst attraktive Ärztin. Genau die Sorte Frau, vor der man (Mann)sehr gerne die Hose herunterlässt. Gott sei Dank bemerkte ich im letzten Moment, dass sie lediglich meine Augen checken wollte.
Mehr oder weniger souverän hangelte ich mich durch die einzelnen Stationen. Bei der Frage, „ob ich täglich Alkohol trinke“, konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Standen wir doch in der Kaserne mehr oder weniger auf dem Trockenen.
Ich weiß nicht mehr, wie lange die Untersuchung dauerte. Überglücklich nahm ich nach einer gefühlten Ewigkeit das vorläufige Ergebnis zur Kenntnis: Ich bin aus medizinischer Sicht uneingeschränkt für den Polizeidienst tauglich!
Voller Überschwang gratulierte mir Holter anschließend auf dem Flur. „ Dann sehen wir uns ja spätestens im kommenden Frühjahr in Kaulsdorf wieder“, jubelte Holter. Er tat tatsächlich so, als bedeutete die Nachricht für ihn so etwas wie ein vorgezogenes Weihnachtsfest. In Wirklichkeit hatte mich der Genosse Holter später, wie übrigens auch mein Werber, keines Blickes mehr gewürdigt. Klappern gehört bekanntlich zum Geschäft!
Glücksstrahlend, unendlich erleichtert, ging ich zurück zum S-Bahnhof. Auf dem Weg dorthin traf ich auf ein verzweifelt weinendes ungefähr sechs Jahre altes Mädchen. „ Ich habe meine Mutti verloren“, schluchzte die Kleine herzzerreißend. Ich sah die Gelegenheit gekommen, mich quasi als zukünftiger Volkspolizist das erste Mal zu bewähren. Kurz entschlossen nahm ich das weinende Mädchen an die Hand. Von der lieben Mutti war weit und breit nichts zu sehen. Von der Transportpolizei oder sonstiger Polizei leider ebenso wenig. „ Keine Angst, wir finden deine Mutti schon wieder“, redete ich auf die Kleine ein. Ein ebenso leichtfertiges, wie leeres Versprechen.
Je länger die Suche dauerte, desto lauter schrie das Mädchen. Ich erntete immer mehr misstrauische Blicke von den Passanten, die wohl in mir einen Kinderschänder vermuteten. Langsam aber sicher fühlte ich mich der Situation nicht mehr gewachsen.
Zu meiner Erleichterung traf ich dann auf eine, offenbar bereits alarmierte Streife der Transportpolizei. In knappen Worten schilderte ich den beiden blau uniformierten Polizisten die Situation, nannte Namen und Dienststelle. „ Danke Genosse“, sagte darauf der Streifenführer, ein baumlanger Obermeister. „ Wir kümmern uns um alles Weitere.“
Vier Monate und drei Wochen trennten mich noch vor dem Eintritt in die Volkspolizei. Ich konnte es kaum noch erwarten!

Fortsetzung folgt

01.02.2015 19:43
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#2
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warum war der Treffpunkt am Alexanderplatz?
die Adresse vom Polizeipräsidium hätte doch
auch gereicht?
Lutze

wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren


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02.02.2015 13:14
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#3
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ABV

Zitat von Lutze im Beitrag #2
warum war der Treffpunkt am Alexanderplatz?
die Adresse vom Polizeipräsidium hätte doch
auch gereicht?
Lutze


Keine Ahnung Lutze. Ehrlich nicht.

Gruß Uwe

02.02.2015 13:52
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#4
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( gelöscht )

Nach meiner Armeezeit an der Grenze wurde ich in der Firma, wo ich arbeitete, zweimal vom Zoll geworben. Ich Dösbaddel hab es damals strikt abgelehnt und wollte mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun haben. Das war der größte Fehler in meinem Leben. Ich hätte heute eine andere Rente bzw. Pension.
Die Polizei, wo ich mich später beworben hatte, hat mich aus gesundheitlichen Gründen (links taub) nicht genommen. Für die Grenze war ich gut genug trotz Schießverbots und Großtante in Friedberg/Hessen !? Ist schon eigenartig.
rasselbock


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02.02.2015 16:27
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#5
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ABV

Willkommen in der Deutschen Volkspolizei!

Donnerstag, 30 Mai 1985

Meine Militärzeit liegt nun bereits über einen Monat hinter mir. Jubelnd, das unvermeidliche „Reservistentuch“ um den Hals, habe ich in langer Reihe mit anderen gehend, die Clara-Zetkin-Kaserne in Hennigsdorf endlich verlassen. Durch ein Seitentor, um die Wachposten am Haupteingang nicht unnötig in Seelenpein zu stürzen. Dietmar, offiziell Soldat Krautz, den alle nur den „Spitz“ nannten, rief mir ein „ Mensch, bleib hier“ vom Fenster des würfelförmigen Gebäudes, das für ein Jahr mein Zuhause war, hinterher. Ein ganzes Jahr lang waren wir gemeinsam durch dick und dünn gegangen. Dietmar würde noch sechs Monate auf seine Entlassung warten müssen.

Kurz vor dem Entlassungstag hatte ich noch ein letztes Gespräch mit meinem Werber. „ Genieße deine freie Zeit, erhole dich erstmal von der Armee. Du bekommst in den nächsten Wochen schriftlich Bescheid wie es weitergeht“, offerierte mir der Volkspolizist, dessen Namen ich niemals erfuhr.

Die Wochen vergingen, ohne dass ich etwas vom „ Wachkommando Missionsschutz“ hörte. Zunächst glaubte ich, dass man mir im VPKA Seelow, wo ich meinen Personalausweis wieder in Empfang nehmen durfte, bereits etwas sagen konnte. VP ist schließlich VP, dachte ich in meiner grenzenlosen Einfältigkeit.

Die dralle blonde Genossin Hauptwachtmeister von der Abteilung „ Pass und Meldewesen“ überreichte mir jedoch lediglich, ohne das erhoffte Zwinkern in ihren Augen, so von Genossin Volkspolizistin zu Genossen Volkspolizist. Woher hätte sie auch über meine beruflichen Pläne Bescheid wissen sollen?

Im Wehrkreiskommando Seelow verhielt man sich ähnlich unwissend. Ich meldete mich als „gedienter Reservist“ zurück, obwohl ich, als zukünftiger Volkspolizist der Armee nicht mehr zur Verfügung stand. Falls nicht noch irgendetwas dazwischen kommt!

Zunächst bereite mir die ungewohnte Freizeit einiges Vergnügen. Schließlich gab es nach der „langen“ Militärzeit eine ganze Menge nachzuholen. Je mehr Zeit ins Land ging, desto unruhiger wurde ich. Zumal langsam das Geld knapp zu werden drohte und ich meinen Eltern nicht ewig auf der Tasche liegen wollte. Sollte sich bis Ende Mai niemand vom WKM melden, dann müsste ich, wohl oder übel, wieder mit meinem früheren Betrieb Kontakt aufnehmen.

Die „Funkstille“ gewährte mir aber auch eine Zeit zum Nachdenken. Sollte ich diesen Schritt tatsächlich gehen? Ich würde mich nicht nur beruflich völlig neu orientieren, sondern auch mein geliebtes Oderland gegen die „Betonwüste Berlin“ eintauschen. Knappe einhundert Kilometer lagen zwischen meiner Heimat und dem künftigen Domizil. Für jemanden wie mich eine „enorme Entfernung“. Dazu kamen immer wieder „ desolate“ Gespräche mit alten Kumpels. Die mich von meinem ungewöhnlichen Vorhaben abbringen wollten. Argumente gegen die VP gab es genug. „Zwang“, „Drill“, „Unterordnung“ und immer wieder das grottenschlechte Image der Ordnungshüter. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe und hundertprozentig davon überzeugt bin, dann ziehe ich das auch bis zur letzten Konsequenz durch. Ärgerlich nur, dass „meine Dienststelle“ absolut nichts von sich hören ließ. Ich wollte mir die Blamage die unweigerlich über mich hereinbrechen würde, falls sich das Ganze als „Luftnummer“ herausstellen sollte, lieber nicht vorstellen.

Endlich fand ich eine schmucklose Postkarte im Briefkasten. Mit zitternden Händen las ich den Text: ich sollte mich am Donnerstag den 30. Mai 1985, um 10:00 Uhr, im „ Wachkommando Missionsschutz“, in Berlin-Kaulsdorf, Hellersdorfer Straße, zum Einstellungsgespräch melden.
Von meiner Seele rutschte eine Zentnerlast. Alle Zweifel, alle Sorgen lösten sich auf einen Schlag in Luft auf. Das Einstellungsgespräch erachtete ich lediglich als „symbolische Hürde“. Eine Formsache, kaum der Rede wert.

Trotzdem konnte ich in der Nacht vor dem Gespräch kaum schlafen. Nicht auszudenken wenn der Bus, der mich von meinem Wohnort im Oderbruch zum S-Bahnhof Strausberg bringt, aus welchen Gründen auch immer, ausfällt.

Nichts dergleichen geschah. Ich kam gegen 08:00 Uhr, völlig ohne Vorkommnisse, in Strausberg an. Am Bahnhof herrschte das dort übliche Treiben. Strausberg, genauer gesagt der Bahnhof Strausberg-Vorstadt, besaß bereits zu jener Zeit den Status eines wichtigen Verkehrsknotenpunktes. Am Kiosk gegenüber dem Bahnhofsgebäude kaufte ich mir noch schnell eine Zeitung. Zu meinem Verdruss hatte sich vor dem Fahrkartenschalter eine lange Schlange gebildet. Normalerweise hätte ich, wohlgemerkt damals, „ großzügig auf das Entrichten des Fahrgeldes verzichtet“. Oder auf Deutsch: ich wäre „ Schwarz gefahren“.
An einem Tag wie diesen dürfte ich jedoch kein Risiko mehr eingehen. Falls ich nicht riskieren wollte, von einem Kontrolleur „enttarnt“ und am nächsten Bahnhof vor die Tür gesetzt zu werden.

Pünktlich zur im Fahrplan avisierten Zeit fuhr die aus Richtung Strausberg-Nord kommende, rot-gelbe Bahn ein. Das Abteil hatte ich für mich ganz allein. Die Zeitung legte ich gleich wieder weg. Zu viele Gedanken schossen mir durch den Kopf. Draußen schoss die Landschaft des damaligen Landkreises Strausberg an mir vorbei. Petershagen, Fredersdorf, Neuenhagen, Hoppegarten. Mahlsdorf, die nächste Station, gehörte bereits zu Berlin. Bei jedem Halt füllte sich das Abteil immer mehr. Sogar ein richtiges Punkerpärchen hatte sich unter die Fahrgäste gemischt. Mir kamen die seltsam gekleidet und frisierten, optisch völlig aus dem vorgegebenen „DDR-Rahmen“ fallenden jungen Leute wie Wesen von einem anderen Stern vor.

Kaulsdorf, nichts wie raus! Mit langen Schritten verließ ich das Gelände des S-Bahnhofes. Bei einer Passantin erkundigte ich mich nach dem Weg in die Hellersdorfer Straße. Mein eigentliches Ziel, das „Wachkommando Missionsschutz“, verriet behielt ich lieber für mich. Gerade einmal fünfhundert Meter Fußmarsch lagen noch vor mir. Kaulsdorf gab sich große Mühe dem Besucher vergessen zu machen, dass er sich in der Millionenstadt Berlin befindet. Die schmucken Einfamilienhäuser versprühten alles andere als ein urbanes Flair.

Eine Zigarettenlänge später stand ich zum ersten Mal vor den Toren der besagten VP-Dienststelle. „ Deutsche Volkspolizei-Wachkommando Missionsschutz“, stand auf einer vor der verschlossenen Eingangstür angebrachten Metalltafel. Auf einem ebenfalls verschlossenen Tor prangte ein so genannter Straßenspiegel. Der den Posten auf dem Hof einen Blick auf das Geschehen hier draußen gewährte. Eine hohe Umzäunung umgab das weitläufige Gelände. An dem Zaun angebrachte Platten sollten offenbar neugierige, unbefugte Blicke abwehren. Ein Ausdruck großer Wichtigkeit? Oder einfach nur Paranoia? In Ermangelung eigener Erfahrungen entschied ich mich einstweilen für die erste Variante.

Ich atmete noch einmal tief durch. Dicke Schweißperlen, die nicht nur den an diesem Tag herrschenden Temperaturen geschuldet waren, tropften von meiner Stirn. Alle Kraft zusammennehmend, betätigte ich die Klingel. Ein ungefähr vierzig Jahre alter Volkspolizist, die Augen hinter dunklen Brillengläsern verborgen haltend, öffnete die Tür.

Verdammt, wie sollte ich ihn bloß ansprechen? „ Entschuldigen Sie bitte Genosse“, begann ich devot und hielt ihm, ohne noch viele Worte zu verlieren, die „Einladungskarte“ unter die Nase. Über das schmale sympathische Gesicht des Einlasspostens huschte ein Lächeln. „ Wat ein Neuer? Imma rin in die jute Stube“, begrüßte er mich im besten Berliner Slang.

Winkend bat er mich zum Fenster der Wachstube. Dort saß, neben einem Telefon, ein anderer, offensichtlich jedoch weit älterer, behäbig erscheinender Polizist. „ Ruf ma an, hier is wieder so ein Verrückta der unbedingt Volkspolezist werden will“, bedeutete ihm sein Kollege.

Nach dem Ausfüllen des obligatorischen Passierscheins, „ hier herrscht schließlich Ordnung“, ein Spruch den wohl jeder Einlassposten der VP im Schlaf aufsagen konnte, wurde ich zu einem mehrstöckigen Gebäude gebracht. „ Das ist der Stab“, erklärte mir der Posten. „ Dort wirst du bereits von Oberstleutnant Reben tisch erwartet.“ „ Oberstleutnant Rebentisch?“ „ Ja, der Oberstleutnant führt grundsätzlich jedes Einstellungsgespräch. Er trifft auch die letzte Entscheidung ob der Bewerber genommen wird oder nicht. Du weißt doch, der erste Eindruck ist der entscheidende. Gib dir Mühe, dass der Genosse Oberstleutnant am Ende mit dir zufrieden ist!“

Mir wurde speiübel. Damit hatte ich nun überhaupt nicht gerechnet. Von wegen „ bloße Formsache“. Der Posten lieferte mich im zweiten Stock des Stabsgebäudes ab. Vor irgendeinem Dienstzimmer. Dessen Nummer auf meiner „Festplatte“ vor langer Zeit „überschrieben wurde“.
Krampfhaft um Haltung bemüht trat ich ein. Oberstleutnant Rebentisch, ein beinahe sechzig Jahre alter, bebrillter, noch immer gertenschlanker Offizier, schüttelte mir herzlich die Hand. Außer ihm saßen noch weitere Offiziere, darunter der Kaderoffizier des WKM, eine Frau Oberleutnant, an einem Konferenztisch. Von den Anwesenden hing also mein weiteres berufliches Schicksal ab.

Zur Einstimmung musste ich ein minutenlanges „ Frage & Antwortspiel“ über mich ergehen lassen. Der Oberstleutnant wollte explizit von mir wissen, warum ich ein Volkspolizist werden wollte. Instinktiv vermied ich bei der Antwort jegliche Phrasen. Selbstverständlich band ich dem altehrwürdigen Offizier nicht auf die Nase, dass meine ersten beruflichen Vorbilder „ Starsky und Hutch“ hießen.

„ Ich möchte einfach in einem interessanten, vielseitigen Beruf arbeiten, der es mir ermöglicht anderen zu helfen und das Recht durchzusetzen“, schmetterte ich dem Gremium vor die Füße. Rebentisch nickte zufrieden. Zumindest erschien es so. Der Rest imitierte derweilen die undurchschaubare Mimik eines alten Indianers. Übrigens sehr erfolgreich.

„ Wie denkt denn dein persönliches Umfeld darüber?“, wollte Rebentisch weiter wissen. „ Durchaus positiv“, antwortete ich zögerlich. Wohl etwas zu zögerlich. „ Ja, äh, es gibt auch Stimmen die mich von dem Schritt abhalten wollten.“ Der Offizier schob die Brille ein wenig nach oben. „ Ach so, warum das denn?“ Ich schluckte den Kloss herunter. Jetzt bloß nichts Falsches sagen. „ Weil ich meine Freiheit aufgeben würde. Was natürlich völliger Quatsch ist.“ Oberstleutnant Rebentisch schmunzelte. „ Ja, ja das kenne ich, mein Junge. Du glaubst gar nicht was ich mir alles anhören musste, als ich 1945, gerade erst dem verdammten Krieg entronnen, wieder eine Uniform anzog und der neuen Polizei beitrat?“

Ehrfürchtige Schauer liefen mir über den Rücken. Ich hatte es mit einem wahrhaftigen „ Volkspolizisten der ersten Stunde zu tun.“ Dem Oberstleutnant war mein Erstaunen nicht verborgen geblieben. „ Du glaubst wohl nicht, dass ich bereits vierzig Dienstjahre auf dem Buckel habe? Mach dir nichts daraus. Ich kann das manchmal selbst nicht glauben.“ Brav lachten die anderen Offiziere über den Scherz des Oberstleutnants.
Rebentisch ergriff nun das Wort, berichtete vom schweren Anfang nach dem Zweiten Weltkrieg, vom Aufbau der Volkspolizei und der DDR. Wie bei Veteranen üblich durfte der üblich, durfte der Seitenhieb „ dass es unserer Generation heute dagegen doch viel besser gehen würde“ , nicht fehlen.

Der kleine Exkurs in die Geschichte beendete die Prozedur leider nicht. „ Wie stellst du dir denn deinen Werdegang bei der VP eigentlich vor?“, fragte Rebentisch beinahe beiläufig. „ Zuerst möchte ich mit den allgemeinen Gepflogenheiten des Dienstes bekannt machen“, gab ich zur Antwort. „ Davon gehe ich aus. Hast du keine Ambitionen Offizier zu werden?“

Diese Frage traf mich, wie bereits die vorhergehende, auf dem so genannten „falschen Fuß“. Mir wurde bewusst, dass ich zwar ein durch Filme und Literatur geprägtes Idealbild von der Volkspolizei im Kopf hatte, jedoch über keinerlei konkrete Pläne in diesem Beruf. Wäre wohl auch etwas vermessen gewesen, als blutiger Anfänger gleich von der großen Karriere zu träumen.

Ok, wie auch immer-am Ende überzeugten meine Ausführungen den Oberstleutnant. Falls meine Einstellung nicht bereits längst beschlossene Sache war. Frau Genossin „Kader-Scheich“ legte mir feierlich einen bereits ausgefüllten, auf den 01. Juni 1985 vordatierten Dienstvertrag zur Unterschrift vor. An dieser Stelle erfuhr ich meinen ersten Dienstgrad-Wachtmeister der Volkspolizei. Dieser Rang entsprach dem eines Stabsgefreiten bei der Armee. Obwohl es diesen Dienstgrad dort meines Wissens nach nicht mehr gab.

„ Genosse Bräuning, seien Sie herzlich Willkommen in der Deutschen Volkspolizei“, rief der alte Offizier nach der Unterschrift frenetisch aus. Wie ich mich in diesem Moment fühlte? Ganz einfach: Stolz und Überglücklich. Obendrein einer besonderen Gemeinschaft, der Volkspolizei, angehörend. Ich ahnte noch nicht, dass das von mir emsig gehütete Ideal sehr bald „Schönheitsflecke“ bekommen sollte.

Zum Schluss weihte mich der Oberstleutnant in den Aufbau des „Wachkommando Missionsschutz“ ein:

„ Du befindest dich hier im Kommando, der Zentralstelle des WKM. Unsere Dienststelle untergliedert sich in die Wachen Mitte, Pankow und Karlshorst. Wir sind, wie du ja schon weißt, für die Sicherheit der diplomatischen Objekte in der Hauptstadt der DDR zuständig. Die Posten repräsentieren die Deutsche Demokratische Republik. Sei dir dessen stets bewusst, Genosse Bräuning. Das Fehlverhalten eines WKM-Postens kann durchaus eine außenpolitische Krise auslösen.“

Auweia, von dieser Seite hatte ich den Job noch gar nicht betrachtet. Da kommt wohl einiges auf mich zu! Da der 01. Juni 1985 auf einen Samstag fiel, würde ich am 03. Juni zum ersten Mal offiziell zum Dienst antreten. Ich sollte mich früh um 07:00 Uhr, im Haus 4 des Kommandos, beim „ ZEK“ melden. Dort würde ich, bis zum Beginn des obligatorischen „ Dienstanfängerlehrgang“ an der VP-Schule Neustrelitz, „ die ersten Sporen verdienen“. Für eine Unterkunft im Wohnheim der Berliner Volkspolizei in Berlin-Biesdorf, war bereits gesorgt. Mein neues Leben nahm langsam aber sicher deutliche Konturen an.

Fortsetzung folgt

Gruß an alle
Uwe


05.02.2015 12:38
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#6
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wann geht es endlich weiter?
Lutze

wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren


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05.02.2015 16:13
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#7
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ABV

Geduld, lieber Lutze, Geduld. Ich denke mal spätestens am Sonntag wird die Fortsetzung " geliefert".

Viele Grüße aus dem Oderland
Uwe

05.02.2015 20:42
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#8
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Vielen Dank für die Mühe.


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06.02.2015 21:17
#9
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@ABV ... danke für deine interessante Schilderung -> und u.a. -> "... Für eine Unterkunft im Wohnheim der Berliner Volkspolizei in Berlin-Biesdorf, war bereits gesorgt."

Ich war 1979-1980 für ein Jahr dem WKM unterstellt. Dienstort "interessant oder auch nicht" weil begrenzter Streifenbereich der Funk- und Fernsehturm der DDR am Alex.
Bevor ich aber dort zum Einsatz kam, wurde ich noch ca. 14 Tage im Streifeneinzeldienst im Revier 14 - Mitte "getestet", will sagen, dass ich in dieser 14tägigen Zeit immer eigenartige Schatten hinter mir hatte, die dann komischerweise am Funkturm wieder auftauchten, dann aber "Adresse bekannt".

Alles ne lange Geschichte. Ach ja, deswegen kenne ich die Unterkunft in Biesdorf in- und auswendig. 11. Etage ... und dann kommste früh aus der 12h NS mit ner Kiste Bier und der Aufzug streikte .... Wurde eben auf jeder Etage ne kleine Pause eingelegt. Oben angekommen, alle Probleme gelöst ....

Gruß vom Grenzfuchs

Wer mit dem Strom schwimmt, wird nie die Quelle sehen!

GT der DDR, 1972-1975, GKS Süd -> GR-10 "Ernst Grube", II. Bat. Göttengrün / 8.GK Juchhöh - Uffz. - FW. d. Res.


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06.02.2015 21:52
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#10
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Zitat von ABV im Beitrag #7
Geduld, lieber Lutze, Geduld. Ich denke mal spätestens am Sonntag wird die Fortsetzung " geliefert".

Viele Grüße aus dem Oderland
Uwe


Uwe, das kannst du nicht mit uns machen! Oh, bitte weiter!

Waldmeister


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07.02.2015 09:35 (zuletzt bearbeitet: 07.02.2015 09:41)
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#11
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Zitat von Lutze im Beitrag #2
warum war der Treffpunkt am Alexanderplatz?
die Adresse vom Polizeipräsidium hätte doch
auch gereicht?
Lutze

Nu, da warst Du bestimmt erstmal auf den Bildschirmen begutachtet worden.


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07.02.2015 15:33
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#12
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ABV

Zitat von Waldmeister im Beitrag #10
Zitat von ABV im Beitrag #7
Geduld, lieber Lutze, Geduld. Ich denke mal spätestens am Sonntag wird die Fortsetzung " geliefert".

Viele Grüße aus dem Oderland
Uwe


Uwe, das kannst du nicht mit uns machen! Oh, bitte weiter!

Waldmeister


Fortsetzung ist in Arbeit

Gruß Uwe

07.02.2015 17:59
#13
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Hallo @ABV ,

Deine Erlebnisse kommen so authentisch rüber, daß ich beim Lesen das Gefühl habe, beim Einstellungsgespräch dabei gewesen zu sein!

Ich habe „Mauerfall und Wendezeit“ gern gelesen, von besonderem Interesse war für mich naturgemäß das Erleben aus ostdeutschem Blickwinkel.

Hand aufs Herz, hast Du mal daran gedacht, Deine Erfahrungen in Buchform einzubetten?

Schreibst Du aus dem Gedächtnis oder anhand früherer Aufzeichnungen?

Ich bin auch sehr gespannt, wie es weitergeht!

Es grüßt Kressin

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"Als ich 17 war, war in meinem Traumberuf nichts mehr frei” – Was das war? – "Rentner!
Erst Rentnerlehrling, dann Jungrentner und dann Rentnergeselle!”

Wo ein Genosse ist, ist die Partei - wo zwei Genossen sind, ist ein Intershop!

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Zitat von DoreHolm im Beitrag Das bumsfidele DDR-Verteidigungsministerium
"Wo ein Genosse ist, da ist die Partei und wo ein Genosse und eine Genossin ist, da ist die Hurerei" .
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07.02.2015 18:06
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#14
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ABV

@IM Kressin
Erstmal Danke für deine lobenden Worte. Ja, ich habe schon des Öfteren darüber nachgedacht meine Erinnerungen in Buchform herauszubringen. Das scheiterte bislang jedoch am Desinteresse richtiger Verlage. Falls sich doch mal ein Verlag dafür interessierte, dann sollte ich Unsummen investieren, um mich finanziell an dem Projekt zu beteiligen. Leider fehlen mir dazu die Mittel.
Das Angebot bei dem Buchprojekt " Mauerfall und Wendezeit" mitzuarbeiten, war eine gute Möglichkeit meine Erinnerungen wenigstens teilweise veröffentlichen zu können. Ohne irgendwelche finanziellen Risiken einzugehen. Aber hier im Forum, über das Internet, erreicht man ebenfalls eine Menge interessierter Leser.
Ich schreibe meine "Memoiren" aus der Erinnerung heraus. Notizen hatte ich mir damals keine gemacht.

Viele Grüße aus dem Oderbruch
Uwe

08.02.2015 14:30
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#15
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ABV

Aller Anfang ist schwer
Wachkommando Missionsschutz Berlin „ Kommando Berlin-Kaulsdorf“, 03.06, 1985

Am Montag den 03. Juni 1985 stehe ich um 06:45 Uhr, mit einer vollbepackten Reisetasche in der Hand, erneut vor dem Kontrolleinlassposten des Wachkommando Missionsschutzes in Berlin-Kaulsdorf. Anders als am Freitag stand ich nicht allein vor dem Tor. Vielmehr schwamm ich geradezu im Strom der zum Dienst erscheinenden, teils uniformierten teils Zivil tragenden Mitarbeiter.

Heute schiebt hier anderer Polizist Dienst am Einlass. Das Heer der zum Dienst erscheinender flanierte an dem Posten vorbei. Jeder einzelne griff zuvor in die Tasche, zauberte einen aufklappbaren Dienstausweis, dass so genannte Dienstbuch, hervor, hielt es dem Posten unter die Nase und ging anschließend weiter. Eines jener alltäglichen, immer wieder kehrenden Rituale. Wehe den, der sein „Dienstbuch“ nicht vorweisen konnte! Der Posten würde ihm, ungeachtet von Namen und Dienstgrad, den Einlass verwehren. Typisch DDR? Nein, wohl eher typisch deutsch!

Mir stellte der Posten keine überflüssigen Fragen. „ Ach noch einer von den Neulingen“, stellt er lediglich augenzwinkernd fest. Offenbar bin ich nicht der einzige, an dem an diesem warmen Frühsommermorgen ein neues Leben begann. Ich übergebe ihm meinen Personalausweis. Wieder bekomme ich einen Passierschein in die Hand gedrückt. „ Haus 4 liegt dort hinten“, sagte der Posten und zeigt dabei mit der rechten Hand in die Richtung eines zweistöckigen, grau verputzen Gebäudes in der Nähe der Umzäunung.

Ich nehme die Tasche in die Hand. Auf dem Weg zum „ Haus 4“ lasse ich meinen Blick über das Gelände schweifen. Normalerweise hatte ich mir unter einer Polizeidienststelle immer ein großes, mehrstöckiges, einzeln stehendes öffentliches Gebäude in Mitten eines Ortes vorgestellt. Diese Dienststelle glich viel mehr einer Kaserne. Nicht allein deshalb, weil es statt einem einzelnen Gebäudes, aus vielen auf dem Terrain verteilten mehr oder weniger großen Bauten bestand. Zum Areal gehörten unter anderem ein eigenes Kulturhaus, inklusive eines riesigen Veranstaltungsraums, den ich später noch eingehend kennen lernen sollte, ein Speisesaal nebst Küche, das bereits erwähnte Stabsgebäude, sowie eine eigene Fahrbereitschaft, nebst Werkstätten und einer Tankstelle.
Auf dem Gelände parkten verschiedene Fahrzeugtypen. Mannschaftstransporter „ Marke LKW W50“, Barkas-Kleinbusse, IKARUS-Busse und einige wenige Streifenwagen.
Eigentlich gab es hier überhaupt keine Öffentlichkeit. Dafür sorgten bereits die blickdichten Zäune. So als würde man hier immense Staatsgeheimnisse hüten. Vielleicht war es ja tatsächlich so? Bei dem Gedanken erfüllte mich ein gewisser Stolz. Stolz darüber, zu den „Auserwählten“ zu zählen, die diesen „hochwichtigen“, daher von allen Blicken abgeschotteten Ort betreten dürfen. Heute kann ich, über meine eigene Naivität, selbst nur noch mit dem Kopf schütteln.

Im „ Haus 4“ , dessen Fenster im unteren Bereich von starken Gittern geschützt wurden, begrüßte mich ein etwa fünfzigjähriger, noch immer sehr schlanker VP-Obermeister, der als Friedrich Wunderlich vorstellte:

„ Guten Morgen. Du musst der Genosse Bräuning sein. Warte, ich bringe dich in unseren Aufenthaltsraum. Dort sind bereits die vier anderen Dienstanfänger. Macht euch erst einmal mit einander bekannt. Alles weiterer findet sich dann schon.“
Obermeister Wunderlich erzählte mir auf dem Weg zum Aufenthaltsraum, dass er hier der „Meister vom Innendienst“ sei. „ Das ist dasselbe wie der „Spieß“ bei der Fahne“, erklärte augenzwinkernd. „Du brauchst aber vor mir nicht die Hacken zusammenzuknallen und mich im normalen Tagesgeschäft auch nicht als Genosse Obermeister anzureden. Ich werde hier von allen Felix genannt“.

Dann betrat ich den Aufenthaltsraum. Der aus einem langen, von zehn Polsterstühlen umstandenen Konferenztisch, einem braunen Aktenschrank, einem Schrank für Kaffeetassen und Wasserkocher und einem Telefon bestand. Wie üblich lächelte der Genosse Erich Honecker von der ansonsten reichlich schmucklosen Wand die Eintretenden an. Neben der Eingangstür hing eine Tafel. Versehen mit einem überdimensionalen VP-Stern. Darunter der in unübersehbaren Lettern gefasste „ Eid der Angehörigen der Deutschen Volkspolizei“.

An dem Konferenztisch saßen ein uniformierter Volkspolizist und vier Zivilisten, vertieft in einem angeregten Gespräch. Den würzigen, mir aus der eben erst beendeten Armeezeit so wohl bekannte Geruchsmix aus frisch gebrühten Kaffee und Zigarettenrauch einsaugend, näherte ich mich den anderen.

Ich wurde sogleich mit lautem Hallo empfangen. So als ob sich alte Bekannte wiedersehen würden. Dabei kannten wir uns doch noch gar nicht. Für meine Begriffe verlief die erste Begrüßung einen Ticken zu euphorisch um echt zu sein. Aber vielleicht bin ich auch nur zu empfindlich?
Besonders ein in der Mitte sitzender, ebenso korpulenter wie lautstarker Zivilist erregte von Anfang mein Missfallen. Nicht zu Unrecht, wie sich später herausstellen sollte.

Der „Dicke“ stellte sich als Jürgen Wohlrabe, dreiundzwanzig Jahre alt, aus der Stadt Brandenburg im Bezirk Potsdam stammend, vor. Wohlrabe, der bis vor kurzem noch im „Stahl & Walzwerk „ in Brandenburg gearbeitet hatte, besaß einen Schwager im Wachkommando Missionsschutz. Besagter Schwager arbeitete in der „ Wache Karlshorst“ und hatte Schwager Jürgen vom Hochofen weg ins WKM gelockt. Allerdings sah sich dieser gezwungen, zunächst zwanzig Kilo Gewicht zu verlieren. Ansonsten wäre es mit der Einstellung „ Essig gewesen“. Zwanzig Kilo? Ich wollte mir lieber nicht vorstellen, wie der „Radaumops“ vor der erzwungenen „Schlankheitskur“ aussah.

Ein anderer Neuling entpuppte sich als ehemaliger „Zehn-Ender“, der seinen NVA-Dienst direkt im „ Ministerium für Nationale Verteidigung“ in Strausberg abgeleistet hatte. Angeblich kannte er Generäle wie Horst Stechbarth oder Fritz Strelitz persönlich. Mich konnte er damit nicht beeindrucken. Ganz einfach , weil mir diese beiden Militärs zu diesem Zeitpunkt völlig unbekannt waren.

Fred, so hieß der „Zehn-Ender“, warf mit Phrasen nur um sich. „ Ich bin zur Volkspolizei gegangen, um nicht nur vom Staat zu nehmen, sondern den Staat auch einmal etwas zurückzugeben“, bekundete er in einem der ersten Gespräche. Schwer zu sagen, ob er es ernst meinte, oder einfach nur dachte, dass so etwas einfach dazu gehört. Ich kam mir in seiner Gegenwart, als ehemaliger Verehrer von Stursky & Hutch“, reichlich „ klein“ vor. Instinktiv misstraute ich den zu dick aufgetragenen Argumenten. Obwohl mir Fred, seiner Geradlinigkeit wegen, gleichzeitig ein klein wenig imponierte.

Wohltuender Weise erwiesen sich Frank und Ulli, die anderen beiden Neulinge, als völlig normale, ruhige und dem Anlass entsprechend, zurückhaltende Zeitgenossen.

Gegen 07:30 Uhr hielt Hauptmann Nebeling, der grauhaarige schmächtige Leiter des „ZEK“ eine offizielle Rede. Wir Neulinge erfuhren, dass sich hinter den so schmiss klingenden drei Buchstaben keine geheimnisvolle Spezialeinheit, sondern ganz einfach die „Zentralen Einsatzkräfte“ des WKM verbargen. Diese wurden überall dort eingesetzt, wo sich auf Grund besonderer Situationen ein besonderer Kräfteansatz abzeichnete, oder ganz einfach, zum Beispiel wegen einer Grippeepidemie, Leute fehlten. Wer dem „ZEK“ angehörte, kannte sich im gesamten Bereich des WKM aus. Durchaus ein nicht von der Hand zu weisender besonderer Vorteil. Als nachteilig, vor allem für Familienväter, erwies sich der Umstand, dass die Polizisten den Dienstplan für die kommenden Wochen erst wenige Tage, unter Umständen sogar wenige Stunden vor dem eigentlichen Einsatz erfuhren. Dagegen verfügten die anderen Angehörigen des WKM über einen Jahresplan. Das heißt: jeder wusste bereits am Neujahrstag ob er das kommende Sylvester zu Hause feiern konnte. Aber auch hier galt: falls nichts dazwischen kommt!

Nebeling umriss knapp was in den nächsten Tagen und Wochen, bis zum Beginn des „Dienstanfängerlehrgangs“ erwartet: wir sollten die Zeit nutzen und uns umfassend über die Aufgaben der Deutschen Volkspolizei im Allgemeinen und denen des WKM im Besonderen, vertraut machen. Dazu gehörte, unter anderem, ein Studium der Dienstvorschriften. Noch in dieser Woche würden wir im VP-Präsidium Uniformen und Ausrüstungsgegenstände sowie hier im Kommando die Dienstausweise erhalten. Des Weiteren sollte ein erstes Training mit der Dienstwaffe des Volkspolizisten, der Pistole „ Makarow“, auf dem Schießstand des WKM in Kaulsdorf, erfolgen.

Nach dem Frühstück trudelte ein sichtlich gut gelaunter, kleiner dicker Offizier in den Aufenthaltsraum: Hauptmann Werner Füger, von der Politabteilung des WKM. Leutselig begrüßte Füger jeden einzelnen Anwesenden per Handschlag. Wie es schien gehörte das „ Haus 4“ zu den erklärten Lieblingsaufenthaltsorten des lustigen Politoffiziers. Hauptmann Fügers Leidenschaft gehörte dem Fußball. Namentlich dem „ Berliner Fußballclub Dynamo“. Der sich im Allgemeinen in der DDR keiner großen Beliebtheit erfreute. Was Füger, naheliegender Weise, „ Meilenweit am Arsch vorbei ging“.

Wenn es seine Zeit erlaubte, feuerte der Hauptmann die „weinrote Elf“ bei jedem Heimspiel im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sport-Park lautstark an. Als „ förderndes Mitglied“ besaß er einen Platz auf der Ehrentribüne. In Sicht und Hörweite von Armeegeneral Erich Mielke. Minister für Staatssicherheit und „ BFC-Präsident „ in Personalunion. Hauptmann Füger fehlte auf keinem am Ende jeder Saison abgehaltenen „Vereinsball“. Von ihm voller Stolz präsentierte Fotos, die er uns später voller Stolz präsentierte, zeigten ihn in trauter Eintracht mit dem ebenfalls nicht sonderlich beliebten Mielke. Ob Füger, falls er noch unter den Lebenden weilt, diese Fotos heute peinlich sind?

Fortsetzung folgt

Gruß an alle
Uwe

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