Grenzsignalzaun 2

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28.08.2008 13:03 (zuletzt bearbeitet: 20.09.2011 14:06)
#1
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Hallo,

angeregt durch die Bilder möchte ich hier ein paar Dinge zum Wiki:Grenzsignalzaun schreiben, so wie ich ihn kennengelernt habe.

Wie auf den Bildern und in den Grenzmuseen zu sehen, ist der GSZ ja ziemlich aufwändig gebaut:
Zum 'normalen', ca. 2 m hohen Zaun kommen noch die Edelstahl - Stacheldrähte auf der 'freundwärtigen' Seite sowie oben die sogenannten Ypsilon - Abweiser. Die Drähte werden durch Plaste - Schellen gehalten, die ihrerseits mit Fiberglasstäben an den Zaunpfählen befestigt sind.

Bei Berührung der Drähte untereinander oder Draht - Zaun wurde ein Alarm ausgelöst:
Vor Ort schaltet sich ein Alarmhorn und meist eine Rundumlechte ein. Posten, die sich in der Nähe befinden, sahen sofort, dass da etwas nicht in Ordnung ist.
Außerdem wurde ein Signal in dieWiki: Führungsstelle übermittelt, von der aus dann Alarm in der Kompanie ausgelöst wurde.

Um den Alarm lokalisieren zu können, war der Zaun in einzelne Segmente von ca. 100 bis 200 m gegliedert, diese Segmente nannten wir "Felder". Jedes Feld hatte seine eigene Rundumleuchte und speiste ein Signal mit einer definierten Frequenz in ein Kabel ein, das zur Führungsstelle lief. Bei einer "Auslösung" blieb dieses Signal aus, was dann in der Führungsstelle als Alarm registriert wurde. Durch diese Technik reichte ein einzelnes Kabel, an dem alle Felder parallel 'ihr' Signal einspeisten.

Es gab manchmal sogenannte 'Mi - Felder'. In diesen Feldern wurden die Stacheldrähte noch mit einer (ungefährlichen aber unangenehmen) Hochspannung belegt - ähnlich dem Weidezaun. Das sollte Wildtiere davon abhalten, sich am Zaun zu schaffen zu machen. Es kam nämlich sehr häufig vor, dass Rotwild oder Wildschweine auf der Suche nach Futter oder einem neuen Partner den Zaun irgendwie überwinden wollten. Ein richtig wildes Wildschwein kann dabei ganz schöne Zerstörungen anrichten. In der Brustzeit war fast jede Nacht ein durch Wild ausgelöster Grenzalarm und wir sprachen dann schon scherzhaft vom "diensthabenden Reh".
Besonders extrem war der 'Wildschaden' wenn wenn vor dem 2m Wiki:Kontrollstreifen ein richtiger Weidezaun gespannt war. Wenn nun ein Tier in diese schmale Gasse zwischen GSZ und Weidezaun geriet, dann konnte es dort nicht mehr ohne Weiteres heraus. Auf diese Weise wurden in unserem Abschnitt manchmal auf 50m die Drähte abgerissen. Die Tiere haben sich dabei bestimmt auch böse verletzt, aber darüber haben wir kaum etwas erfahren, gesehen habe ich selbst kein verletztes Tier.

Die Infos mit den verschiedenen Frequenzen hatte ich bei unserem Nachrichten - UFZ erfragt, als ich mit ihm einmal zum Unkrautjäten eingeteilt war (direkt am Zaun wuchs Unkraut in die Signaldrähte, wenn es dann regnete ... Deshalb wurde das von Zeit zu zeit manuell entfernt). Da ich schon immer Elektrobastler war, hat mich das einfach interessiert.

Am Tag nach dieser Schicht mußte ich dann plötzlich zu unserem Politoffizier.
Wieso und warum ich mich für solche Details interessieren würde und warum ich meine Kameraden nach solchen Dienstgeheimnissen ausfrage. Ui, ich war bis dahin gar keiner Schuld bewußt, erst jetzt ging mir auf, was man mit diesem Wissen alles anstellen könnte. Ich konnte ihn doch von meinem rein technischen Interesse überzeugen und kam mit einer Vergatterung zur Verschwiegenheit davon. Diese habe ich hiermit leider gebrochen ....

Verpetzt mich nicht ;-)

Ach so: woher der Polit das wohl alles wußte ... ?

Tino

28.08.2008 14:16
avatar  Angelo
#2
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Meine Hochachtung! Deine Geschichte ist wirklich sehr bewegend
SO langsam kann ich mich auch mal in die Lage eines DDR Grenzsoldaten versetzten, ich hoffe es kommen noch viel mehr sachen hier zur Niederschrift und ich hoffe auch das es ganz viele Menschen lesen werden,damit endlich mal die vereinheitliche Meinung über DDR Grensoldaten aufhören.


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28.08.2008 15:40
#3
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Hallo nochmal,

ich wollte nur meinen Beitrag editieren: falls sich jemand fragt was die "Brustzeit" ist - ich habe natürlich "Brunstzeit" gemeint.

Ansonsten, Angelo,
ich habe nichts gemacht oder erlebt, das gleich "Hochachtung" verdient.

Die Armeezeit war für mich einfach ein notwendiges Ding, mit dem alle jungen Männer der DDR zu kämpfen hatten.
Die meisten, die als Soldaten im Grundwehrdienst dienten, versuchten nur da halbwegs unbeschadet durchzukommen.
Es war zwar schon eine besondere Situation - aber irgendwann war es dann einfach 'nur' Alltag.

Ich weiß nicht, wie ich das rüberbringen soll:
Ich fühlte mich nicht super toll und wer weiß wie kräftig mit meinen 60 scharfen Schuß. Ich machte einfach meinen Dienst, freute mich, wenn wir ein paar hübsche Mädels kontrollieren durften, freute mich auf den Feierabend - alles ganz normal. Da hat heute vielleicht jeder Türsteher mehr Selbstsicherheit als ich damals mit meiner ganzen Ausrüstung.

Andere Soldaten mußten im Panzerregiment wochenlang auf irgendwelchen Taktik- Ackern campieren oder große Manöver mit den Bruderarmeen abhalten, die waren wahrscheinlich damals viel schlechter dran als wir.

Wir waren in der Regel 8 oder 12 Stunden für uns alleine (also schon immer 2 Mann als Postenpaar), ohne dass uns irgendjemand direkt gängelte oder drillte. Wir sind selbständig durch die Dörfer in den Grenzabschnitt gefahren, haben uns dabei im Konsum mal was zu essen gekauft. Dabei hat dein Posten (Partner) deine MPi gehalten, denn mit einem Gewehr in den Laden zu gehen war für uns absolut tabu.
Alkohol haben wir uns dabei meist nicht getraut - zum einen, weil wir Angst vorm Verpetztwerden hatten, zum anderen auch aus Stolz oder Verantwortung: Wie sieht das denn aus wenn sich 2 schwer bewaffnete Grenzer eine Pulle Schnaps kaufen ...
Auch unsere Vorgesetzten waren meist umgängliche Leute, nicht solche Drill - Serganten wie bei den MOT - Schützen und anderen Truppenteilen. Klar, herrschte ein militärischer Umgang, aber ich fühlte mich eher selten als "Schütze Arsch im letzten Glied".

Ich machte halt meinen Dienst, freute mich auf den nächsten Ausgang, Urlaub, zählte die Tage bis zur Entlassung ...

wie gesagt, alles nichts hervorragendes.

Viele Grüße
Tino


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28.08.2008 16:45
avatar  Angelo
#4
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Zitat von HHausen88
Hallo nochmal,

ich wollte nur meinen Beitrag editieren: falls sich jemand fragt was die "Brustzeit" ist - ich habe natürlich "Brunstzeit" gemeint.

Ansonsten, Angelo,
ich habe nichts gemacht oder erlebt, das gleich "Hochachtung" verdient.

Die Armeezeit war für mich einfach ein notwendiges Ding, mit dem alle jungen Männer der DDR zu kämpfen hatten.
Die meisten, die als Soldaten im Grundwehrdienst dienten, versuchten nur da halbwegs unbeschadet durchzukommen.
Es war zwar schon eine besondere Situation - aber irgendwann war es dann einfach 'nur' Alltag.

Ich weiß nicht, wie ich das rüberbringen soll:
Ich fühlte mich nicht super toll und wer weiß wie kräftig mit meinen 60 scharfen Schuß. Ich machte einfach meinen Dienst, freute mich, wenn wir ein paar hübsche Mädels kontrollieren durften, freute mich auf den Feierabend - alles ganz normal. Da hat heute vielleicht jeder Türsteher mehr Selbstsicherheit als ich damals mit meiner ganzen Ausrüstung.

Andere Soldaten mußten im Panzerregiment wochenlang auf irgendwelchen Taktik- Ackern campieren oder große Manöver mit den Bruderarmeen abhalten, die waren wahrscheinlich damals viel schlechter dran als wir.

Wir waren in der Regel 8 oder 12 Stunden für uns alleine (also schon immer 2 Mann als Postenpaar), ohne dass uns irgendjemand direkt gängelte oder drillte. Wir sind selbständig durch die Dörfer in den Grenzabschnitt gefahren, haben uns dabei im Konsum mal was zu essen gekauft. Dabei hat dein Posten (Partner) deine MPi gehalten, denn mit einem Gewehr in den Laden zu gehen war für uns absolut tabu.
Alkohol haben wir uns dabei meist nicht getraut - zum einen, weil wir Angst vorm Verpetztwerden hatten, zum anderen auch aus Stolz oder Verantwortung: Wie sieht das denn aus wenn sich 2 schwer bewaffnete Grenzer eine Pulle Schnaps kaufen ...
Auch unsere Vorgesetzten waren meist umgängliche Leute, nicht solche Drill - Serganten wie bei den MOT - Schützen und anderen Truppenteilen. Klar, herrschte ein militärischer Umgang, aber ich fühlte mich eher selten als "Schütze Arsch im letzten Glied".

Ich machte halt meinen Dienst, freute mich auf den nächsten Ausgang, Urlaub, zählte die Tage bis zur Entlassung ...

wie gesagt, alles nichts hervorragendes.

Viele Grüße
Tino


Für dich war das vielleicht nichts besonderes, aber du mußt ja davon ausgehen das WIR auf der anderen Seite waren und wir haben immer gedacht was sind das da für Menschen hinter dem Zaun?? Gerade was die Grenzsoldaten anging. Wir sagten Guten Tag zu den Grenzaufklärer, aber wir bekamen keine Antwort auf unseren Gruß und ich fragte mich immer warum...


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28.08.2008 17:15
#5
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In Antwort auf:
Wir sagten Guten Tag zu den Grenzaufklärer, aber wir bekamen keine Antwort auf unseren Gruß und ich fragte mich immer warum


Weil jegliche Kontaktaufnahme mit dem "Klassenfeind" verboten war. Und alle, die uns freundlich von drüben grüßten, waren im Sprachgebrauch der GT "Provokateure" - ehrlich.

Nun könnte man sagen - was schert das den Grenzer im grünen Wald ?

a)
Ja, wir haben teilweise geglaubt (zumindest ich), das sind wirklich Leute die uns nix gutes wollen. Einen in ein Gespräch verwickeln und derweil irgendwo anders "Action" machen.

b)
Man kannte sich untereinander zwar gut, aber nicht so gut, das man ganz ausschließen konnte, das dein Posten nicht einen heißen Draht nach oben hat.

Ja, heute kann man darüber nur noch lachen...

Ältere Grenzer erzählen allerdings immer Geschichten vom gemeinsamen Essen, Trinken und Kartenspielen mit dem BGS oder Zoll. Aber das war halt noch bevor diese Wahnsinns Sperranlagen entstanden sind.

Grüße
Tino


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28.08.2008 17:56
avatar  Angelo
#6
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Was mich immer gewundert hat bei diesen Grenzaufklärern das sie wirklich sehr Regimetreu waren, wenn man bedenkt das genau diese Grenztruppen nur einen schritt über die Linie hätte machen müßen und schwub wären Sie in der Freiheit gewesen. Für Singles bestimmt einfacher wie für Grenzer mit Familie


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28.08.2008 19:35
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#7
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Zitat von Angelo
Was mich immer gewundert hat bei diesen Grenzaufklärern das sie wirklich sehr Regimetreu waren, wenn man bedenkt das genau diese Grenztruppen nur einen schritt über die Linie hätte machen müßen und schwub wären Sie in der Freiheit gewesen. Für Singles bestimmt einfacher wie für Grenzer mit Familie



Du vergißt Angelo jeder Grenzer hatte Eltern, Geschwister und die Verwandschaft darf man auch nicht vergessen. Außer man war Vollwaise ....nur in meiner Zeit habe ich keine einzige Vollwaise bei mir im Regiment gesehen. Und doch gab es immer Grenzer die die andere Seite für immer gewählt haben.

gruß Jens


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29.08.2008 07:34
#8
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Hallo,

ganz abgesehen von den familiären Bindungen - ich hätte gar nicht gewußt, was ich im Westen sollte, es zog mich überhaupt nicht dahin. "Zu Hause" hat es mir - wie gesagt, mit 18,19 Jahren - an wirklich nichts gefehlt. Neben Familie und Freunden hatte ich hier Schule, Ausbildung und vor allem Zukunft.

Klar, das so ein großer Zaun euch suggerieren mußte, das die DDR ein Gefängnis ist.
Aber wirklich, das war unsere Heimat und zumindest ich lebte gern dort und ich denke, es ging vielen ebenso wie mir.


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29.08.2008 07:41
avatar  Angelo
#9
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Ich kann das verstehen, denn was man nicht kannte, konnte man natürlich auch nicht vermissen. Und der Luxus vom Westen gab es ja auf eine andere art im Osten auch.
Wir haben früher immer einen Ossi Witz gemacht.

Woran erkennt man wo Osten ist?
Man legt eine Banane auf den Sperrzaun und wo sie angebissen ist, da ist Osten


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17.11.2008 14:27
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#10
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Wer das Geheimnis des GSZ kannte, wusste wie der zu überwinden ist:

Das Ende eines Feldes suchen und schauen wo die Drähte als Schleife zurückgeführt werden. Das waren Schleifenpaare, die einfach weiter vorn in richtung Schaltkasten gebrückt werden konnten. Nach Einbau der Brücken konnten die toten Schleifen aufgetrennt werden ohne dass ein Signal auslöst. Theoretisch.

Praktisch hab ich jedoch nicht erlebt, dass das jemand gemacht hat.

Btw., in meinen Abschnitten war der GZS auch nicht durchgängig. Als Ersatz gabs jedoch Signalgeräte, das waren abgesägte Karabiner wo dicke Platzpatronen reinkamen, Kaliber weiß ich nicht mehr. Dann gabs noch Signalgeräte mit Leuchtmunition, ziemlich kroßkalibrig.

Rolf


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17.11.2008 20:14
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#11
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Gab es beim GZ 2 immer die Rundumleuchte? Ich dachte, dass es u.a. "nur" einen stillen Alarm im Komandoturm gibt...


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17.11.2008 20:28
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#12
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Vom GSZ kenne ich zwei Systeme:

die einfache Variante hatte eine blaue Rundumleuchte und eine Orange sowie einen Buzzer (Horn)

am Südharz, wo der Schutzstreifen mehrere km breit war mit Wald dazwischen, wäre o.g. Variante sinnlos gewesen, weil den Signalzaun sowieso kein Posten sehen konnte. Hier wurden die Auslösungen elektronisch zum Führungspunkt vermittelt und auf einer art Schalttafel dargestellt.

Rolf


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18.11.2008 18:02
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#13
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Vom GSZ kenne ich zwei Systeme:

die einfache Variante hatte eine blaue Rundumleuchte und eine Orange sowie einen Buzzer (Horn)


diese variante ist mir auch bekannt,wobei ich jetzt nicht mehr weiß welche farbe für welche seite benutzt wurde,ob rechts oder links ausgelöst wurde.


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18.11.2008 19:16
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#14
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Nach der Wende haben viele versucht,den Zaun stückweise im Postenkartenformat zu verkaufen.

Kenner griffen hier kaum zu. Der Zaun, wurde gemunkelt,sei sowieso nur westdeutsches
Fabrikat,vom SED Staat halt importiert.....! Na ja.


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18.11.2008 19:29
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#15
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Hi,

der Stacheldraht kam angeblich auch aus dem Westen...

Egal, der Westen hat viel subventioniert. Auch an Sperranlagen: Wasserdurchlässe usw. Bei uns gabs z.B. den Duderstädter Wald. Duderstadt, eine Stadt im Westen. Der Wald im Osten im Schutzstreifen. Dort hatten die Duderstädter Brunnen, das Trinkwasser ging in Rohren ins 3 km entfernte Duderstadt durch die Grenze.

Kleiner Grenzverkehr sozusagen. Für uns Grenzer war dieser Wald tabu. Ich bin dennoch einmal durchgelaufen, nichts besonderes außer viele Suhlen und Wildschweine. Am Rand des Waldes standen die Abschusskanzeln vom Ko-Chef usw., den Hobby-Jägern.

Rolf


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