Das neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft (NÖSPL)

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13.10.2014 19:33 (zuletzt bearbeitet: 13.10.2014 19:42)
#1
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Da die "was-wäre-wenn-Threads" gerade groß in Mode sind, jetzt auch mal einer von mir. Drauf gekommen bin ich, als ich gestern ZDF-History gesehen habe, wo es eigentlich um Erich Honnecker ging. Da wurde Walter Ulbrichts Reformversuch der Wirtschaft erwähnt. Das Thema find ich spannend. Von zahlreichen Zeitzeugen weiß, dass die Versorgungslage der Bevölkerung zum Ende der Ulbricht-Ära eigentlich ganz gut war. Sein Denkansatz war für Ostblockländer geradezu revolutionär. Erstaunlich auch, dass er seinen Vortrag auf der "Ostseewoche" völlig frei ohne Manuskript hielt. Er hatte sich mit den Problemen der DDR-Wirtschaft auseinander gesetzt und einiges offensichtlich verstanden. Was wäre also gewesen, wenn der olle Honnecker nicht den Königsmord betrieben hätte, sondern das ZK komplett auf den Zug "Neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ aufgesprungen wären?
Vielleicht äußern sich ja mal auch Personen hier aus dem Forum, die weit mehr Ahnung von Ökonomie haben als ich.
Mal einige Passagen aus einem Bericht als Diskussionsgrundlage:

"Im Jahr 1963 führte Walter Ulbricht in der DDR das „Neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ (NÖSPL) ein, das er auf dem VI. Parteitag der SED zu Beginn des Jahres ausführlich begründet hatte und das tatsächlich nie die Zustimmung aus Moskau gefunden hat, weil man am starren und verkrusteten sowjetischen Sozialismusmodell keine Veränderungen duldete. Ulbricht machte den als kapitalistisch verteufelten Gewinn zum Maßstab des Erfolges. Die wirtschaftlichen Entscheidungen sollten vom SED-Parteiapparat auf die fachlich fundierte Ebene in den neuen Vereinigungen Volkseigener Betriebe (VVB) und Großkombinaten verlagert werden. Tatsächlich zeigte die Beachtung grundlegender ökonomischer Gesetze nach einigen Versorgungsproblemen Ende der Sechzigerjahre eine positive Wirkung"

"Wenn ich heute meine Mitschrift lese, finde ich, dass manches so übel nicht klingt, gemessen am Niedergang der Volkswirtschaft nach Ulbrichts Sturz 1971. Nicht nur, dass er es fertiggebracht hatte, die vorangegangene Diskussion mit allen Kritikpunkten ausführlich zusammenzufassen und ohne Manuskript völlig frei über komplizierte ökonomische Sachverhalte zu reden, was seinem Nachfolger schon bei leichteren Themen nicht gelang, er hatte auch etwas zu sagen."

"Zum Beispiel: „Quelle der Entwicklung neuer weltmarktfähiger Produkte ist die wissenschaftliche Arbeitsorganisation. Wir haben aus dem Nichts einen Schiffbau entwickelt. Das ist eine große Leistung. Doch jetzt gilt es, aus der Prognose der Weltspitze des Schiffbaus von 1990 oder 1980 zurückzurechnen und daraus konkrete Aufgaben für die Gegenwart abzuleiten. Dabei erleben wir noch sehr oft, dass Material, Menschen, Qualifizierung und Zusammenarbeit über Betriebsgrenzen hinaus nicht harmonieren, nicht zusammenpassen…“

"Ebenso verlangte er: „Wir müssen unseren Wissenschaftlerkollektiven klare Ziele und Parameter vorgeben und auch die Zeit, bis wann sie was zu erreichen haben. Das gilt für alle Forschungszentren in Kombinaten und VVB. Das bedarf hoher materieller Stimuli. Wir dürfen nicht am falschen Ende sparen. … Wir werden diese Aufgaben schließlich nur mit einer hoch gebildeten Arbeiterklasse lösen. … Alte Methoden des Administrierens von oben sind abzubauen, neue, wissenschaftliche Methoden der Planung auszuarbeiten.“

"Ulbricht wusste, wo der Hase im Pfeffer liegt. Er hatte begriffen, dass der Mauerbau von 1961 und die Eindämmung der Abwanderung vieler Facharbeiter, Ingenieure und Wissenschaftler allein nicht maßgeblich ist, um die Wirtschaft auf Vordermann zu bringen. Er wollte sie effizienter, noch vieles verändern und dabei die dominierende Rolle der Partei bei Wirtschaftsentscheidungen relativieren.

„Ein Parteisekretär, der nur eine politische Ausbildung an der Kreis- oder Bezirksparteischule hat“, sagte er, „schafft seine Arbeit heute nicht mehr. Er muss eins bis zwei Jahre neu ausgebildet werden. Das muss man auch mit aller Deutlichkeit sagen. Angesichts der neuen großen Anforderungen kommen wir nur weiter, wenn das System der Ausbildung gesichert ist. Und die modernen und neuen Methoden der Ausbildung erfolgen heute mit Hilfe von Computern. Die Praxis verändert sich immer schneller. Die Ausbildung von Professoren, Lektoren und Dozenten muss sich diesem Tempo anpassen, muss beschleunigt werden. Zum Beispiel ist die Zahl der Mathematiker, die gebraucht werden, heute schon doppelt so hoch wie die der vorhandenen.“


"Mit Ulbrichts “Neuer Ökonomischer Politik” erreicht die DDR-Wirtschaft in den Sechzigerjahren die bis dahin höchsten Zuwachsraten, die einen bescheidenen Wohlstand erhoffen ließen. Durch die Förderung des Klein- und Mittelstandes einerseits, die Entwicklung der industriellen Basis andererseits und die Einbeziehung von Fachleuten und Wissenschaftlern u.a. der Datenverarbeitung war es Ulbricht gelungen, die starre Kommandowirtschaft sowjetischer Prägung aufzulösen. Mit großem Interesse las er westliche Veröffentlichungen zu den Wirtschaftsstrategien der Konzerne. Doch das Wort Management durfte nicht verwendet werden, weil es zu anrüchig war. Dafür wurde der Begriff der sozialistischen Wirtschaftsführung geprägt. Durch die besondere Förderung wurde in Zweigen wie Elektronik und später Mikroelektronik, Veredelungsmetallurgie, Glas- und Keramikindustrie, Automatisierungs- und Steuerungstechnik sowie Erdölchemie eine hohe Dynamik der Arbeitsproduktivität erreicht. Ulbricht hatte erkannt, dass allein die Arbeitsproduktivität das Maß für eine effektive Wirtschaftspolitik sein kann. Er forderte nachdrücklich die Anwendung moderner Wssenschaftsmethoden wie Kybernetik und Heuristik und leitete die Wachstumsziele aus den Prognosen bis 1990 oder 2000 ab."

http://klaustaubert.wordpress.com/2013/0...ende-einer-ara/

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13.10.2014 19:41
#2
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@Schuddel,
da bin ich zu jung, um dir antworten zu können.

März 1986 - Herbst 1986 Uffz. Schule Perleberg, GAR5. Glöwen
Herbst 1986 - Februar 1989 GR Heiligenstadt I. GB Klettenberg, 3. GK Silkerode


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13.10.2014 19:44
#3
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Zitat von RudiEK89 im Beitrag #2
@Schuddel,
da bin ich zu jung, um dir antworten zu können.

@RudiEK89 , ich auch......!

Intellektuelle spielen Telecaster


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13.10.2014 20:15
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#4
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Ausschlaggebend für die Bewertung von wirtschaftlichen Zuwachsraten ist meines Wissens der Ausgangspunkt!
Und so war der Ausgangspunkt nach dem 13.08.1961 logischerweise ein ganz anderer, als nach 1973/1974 in der DDR.
Ganz zu Schweigen vom Modell der Berechnung, und von wem sie denn angestellt wurde?

Gefühlt war es nach dem Erleben meiner Mutter so, dass man ab den frühen 60ern in der DDR durchaus voran kam. Die Menschen konnten sich wieder etwas leisten, wenn sie denn zuvor sparten...Ende der 70er und in den 80ern war dieses Gefühl in der Konsumtion verflogen, zunehmend beherrschten Mangel und Zuteilung das Leben, wenn auch regional sehr unterschiedlich.

Auf den zunehmenden Einfluss der D-Mark gehe ich hier nicht näher ein...

VG Klaus


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13.10.2014 21:36
avatar  94
#5
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94

Wann nochmal genau hat sich der Apel erschossen?

Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


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13.10.2014 21:49
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#6
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Am 3. Dezember 1965 - mit der SuFu findet man auch einen Spiegelartikel in unserem Forum dazu - Selbstmord Apel Bin heute mal wieder faul.

LG von der Moskwitschka


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13.10.2014 22:24
#7
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http://www.1000dokumente.de/index.html?c...ct=pdf&st=&l=de
als Faksimile
http://www.1000dokumente.de/index.html?c...simile&st=&l=de
orientiert sich stark an der Neuen Ökonomie der UdSSR (1921-1928)
Theo


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13.10.2014 22:24
avatar  icke46
#8
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Ich will das hier einfach mal reinbringen - obs nun passt, weiss ich nicht so recht:

Während meiner Ausbildung zum Kaufmann (West) in den Jahren 1972-1975 hatten wir mal im Unterricht eine Diskussion unter der Überschrift: Was ist besser: Sozialismus oder Kapitalismus? Ich brachte da auf, dass die Idealform wohl eine Mischung von beidem wäre - die soziale Sicherheit des Sozialismus mit der wirtschaftlichen Effizienz des Kapitalismus, wofür wir den schönen Namen prägten - Sozkap.

Tja - lange ists her - aber diese Idealvorstellung spukt auch nach 40 Jahren immer noch in meinem Hinterkopf rum.

Gruss

icke


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13.10.2014 22:28
avatar  seaman
#9
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Zitat von icke46 im Beitrag #8
Ich will das hier einfach mal reinbringen - obs nun passt, weiss ich nicht so recht:
1972-1975:
Was ist besser: Sozialismus oder Kapitalismus? Ich brachte da auf, dass die Idealform wohl eine Mischung von beidem wäre - die soziale Sicherheit des Sozialismus mit der wirtschaftlichen Effizienz des Kapitalismus, wofür wir den schönen Namen prägten - Sozkap.



Gruss

icke



Diese Gedanken hegten 1989/90 sicher auch viele DDR-Bürger.

seaman


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13.10.2014 22:29
#10
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Zitat von icke46 im Beitrag #8
Ich will das hier einfach mal reinbringen - obs nun passt, weiss ich nicht so recht:

Während meiner Ausbildung zum Kaufmann (West) in den Jahren 1972-1975 hatten wir mal im Unterricht eine Diskussion unter der Überschrift: Was ist besser: Sozialismus oder Kapitalismus? Ich brachte da auf, dass die Idealform wohl eine Mischung von beidem wäre - die soziale Sicherheit des Sozialismus mit der wirtschaftlichen Effizienz des Kapitalismus, wofür wir den schönen Namen prägten - Sozkap.

Tja - lange ists her - aber diese Idealvorstellung spukt auch nach 40 Jahren immer noch in meinem Hinterkopf rum.

Gruss

icke



Das war genau die Kritik (sehr verkürzt). Die Befürchtung, dass die Ökonomen die Macht in der Partei übernehmen. Breschnew war ein Kritiker dieses Systems und Ulbricht hat es sein Amt gekostet. Unter Honecker hiess das neue Programm dann "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik".
http://de.wikipedia.org/wiki/Einheit_von...d_Sozialpolitik
Theo


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13.10.2014 22:36 (zuletzt bearbeitet: 13.10.2014 22:37)
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#11
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Nee seaman, das glaube ich nicht. Ich habe die Umbruchzeit in einem Baubetrieb erlebt. Würde jetzt zu weit führen.

Was viele gereizt hat, aber nicht in aller Konsequenz durchdacht haben - die Marktwirtschaft in der sozialen Marktwirtschaft. Das soziale in der Marktwirtschaft wurde vollkommen überbewertet. Für nicht wenige war es ein Art Schlaraffenland.

LG von der Moskwitschka


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13.10.2014 22:39
avatar  icke46
#12
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Um das noch mal einzubringen von meiner Diskussion in der Ausbildung 72-75 - die soziale Sicherheit in der DDR wurde da tatsächlich höher gesehen als die damals noch funktionierenden "Soziale Marktwirtschaft" bei uns.

Gruss

icke


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13.10.2014 22:41
avatar  seaman
#13
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Zitat von icke46 im Beitrag #12
Um das noch mal einzubringen von meiner Diskussion in der Ausbildung 72-75 - die soziale Sicherheit in der DDR wurde da tatsächlich höher gesehen als die damals noch funktionierenden "Soziale Marktwirtschaft" bei uns.

Gruss

icke



Das ist mir aus vielen Gesprächen zu dieser Zeit auch so geläufig.

seaman


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13.10.2014 22:47
avatar  Alfred
#14
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Zitat von Hufklaus im Beitrag #4
Ausschlaggebend für die Bewertung von wirtschaftlichen Zuwachsraten ist meines Wissens der Ausgangspunkt!
Und so war der Ausgangspunkt nach dem 13.08.1961 logischerweise ein ganz anderer, als nach 1973/1974 in der DDR.
Ganz zu Schweigen vom Modell der Berechnung, und von wem sie denn angestellt wurde?

Gefühlt war es nach dem Erleben meiner Mutter so, dass man ab den frühen 60ern in der DDR durchaus voran kam. Die Menschen konnten sich wieder etwas leisten, wenn sie denn zuvor sparten...Ende der 70er und in den 80ern war dieses Gefühl in der Konsumtion verflogen, zunehmend beherrschten Mangel und Zuteilung das Leben, wenn auch regional sehr unterschiedlich.

Auf den zunehmenden Einfluss der D-Mark gehe ich hier nicht näher ein...

VG Klaus



Klaus,

man sollte aber nicht vergessen, dass Mann / Frau sich auch in den 70 igern 80 igern was leisten konnte.
So beliefen sich die Spareinlagen im Jahr 1985 auf rund 124 Milliarden Mark, 1989 waren es rund 160 Milliarden Mark. Sicher war einiges mit Laufereien u.ä. verbunden aber der Lebensstandard entwickelte sich auch in der DDR.


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13.10.2014 22:57
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#15
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( gelöscht )

Konsumtion heißt das Geld ausgeben und sich dafür etwas schönes zu leisten, nicht es mangels Angebot auf der hohen Kante zu haben.


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