Zeitgeschichte: Tod an der Mauer

  • Seite 3 von 4
13.08.2009 20:03 (zuletzt bearbeitet: 13.08.2009 20:04)
avatar  Pitti53
#31
avatar

solche "einwanderer" wurden bei uns in marienborn nicht festgenommen,sondern festgehalten und unverzüglich an die pke übergeben.nicht mal vernehmen,wie sonst üblich durften wir die.gab es an der güst andere vorschriften?kann ich mir nicht vorstellen.oooh.sehe grade das war august 1976.bin erst oktober 1976 nach marienborn.kann sein das hier was befehlsmäßig geändert wurde.trotzdem war die aktion sinnlos


 Antworten

 Beitrag melden
13.08.2009 20:07
avatar  Mike59
#32
avatar

Zitat von Pitti53
solche "einwanderer" wurden bei uns in marienborn nicht festgenommen,sondern festgehalten und unverzüglich an die pke übergeben.nicht mal vernehmen,wie sonst üblich durften wir die.gab es an der güst andere vorschriften?kann ich mir nicht vorstellen



Ich sehe das genau so wie du


 Antworten

 Beitrag melden
13.08.2009 20:10
avatar  ( gelöscht )
#33
avatar
( gelöscht )

Der Italiener war ja kein Einwanderer, sondern ein LKW-Fahrer der Probleme mit Ladungspapieren hatte und deshalb zum GÜST zurück wollte.


 Antworten

 Beitrag melden
13.08.2009 21:31
avatar  Pitti53
#34
avatar

Zitat von manudave
Der Italiener war ja kein Einwanderer, sondern ein LKW-Fahrer der Probleme mit Ladungspapieren hatte und deshalb zum GÜST zurück wollte.

das einwanderer war ja auch in " " gesetzt manudave.aber noch mal:solche leute wurden mit respekt und bevorzugt behandelt.hätte ja sein können die wollten wirklich zu uns übersiedeln,nur 3 mal ging mir bei solchen aktionen echt die muffe.aber dazu mal später


 Antworten

 Beitrag melden
13.08.2009 21:39
avatar  Mike59
#35
avatar

Natürlich war das kein Einwanderer, wie im offiziellen Sprachgebrauch. Wir an der Grenze hatten unseren eigenen Slang. Das hatten wir in diesem Forum aber schon einmal.


 Antworten

 Beitrag melden
13.08.2009 22:08
avatar  ( gelöscht )
#36
avatar
( gelöscht )

Hier die Story für alle:

Am Autobahngrenzübergang Hirschberg-Rudolphstein stehen auf der mächtigen Brücke, die über das Saaletal führt, bis zu einem quer über die Fahrbahn ge¬malten Streifen sogenannte Peitschenmastlaternen. Ihre grellen Lichtkegel heben sich am 5. August morgens halb vier noch deutlich von der Umgebung ab. Als der italienische Lastwagenfahrer Benito Corghi, 38 Jahre alt, in der fränkischen Kontrollstelle Rudolphstein eintrifft, teilt ihm der Fahrer eines nachkommenden Lkw mit, er solle noch mal zurückkommen, er habe drüben Transportpapiere liegenlassen. Zu Fuß macht sich der Mann auf den Weg, es regnet etwas; in der einen Hand hält er eine Zigarette, mit der anderen trägt er seine Aktentasche. Da hat der diensthabende Offizier im Führungsturm der GÜST Hirschberg, ein Oberstleutnant, schon die Mitteilung bekommen, daß ein Lkw-Fahrer Papiere vergessen habe und zurückkommen solle. Es folgt die Meldung, daß eine unbekannte Person über die Brücke gelaufen komme ... Der Oberstleutnant erteilt den Befehl, den »Grenzverletzer mit allen Mitteln festzunehmen«.
Der Befehl erreicht auch den zwanzigjährigen Postenführer Uwe Schmiedel. Er läßt die »unbekannte Person« bis auf fünfzehn Meter an sich herankommen, dann springt er mit einem Maschinengewehr im Hüftanschlag überraschend aus einem Versteck hervor: »Halt, stehenbleiben, Grenzposten, Hände hoch!« Der Italiener wirft die Zigarette weg, redet hektisch auf den Soldaten ein. »Hände hoch!« ruft der erneut. Benito Corghi dreht sich um, läuft zunächst normalen Schrittes zu¬rück in Richtung Rudolphstein.

»Stehenbleiben, Grenzposten, Hände hoch!« schallt die Stimme hinter ihm. Es folgt ein kurzer Feuerstoß, ein Warnschuß. Der Mann mit der Aktentasche läuft nun schneller. »Halt, stehenbleiben!« Die Waffe im Schulteranschlag, schießt der Gefreite Schmiede[ auf die Fahrbahn. »Mensch, bleib doch stehn, halt an!« Benito Corghi rennt. Noch ein Schuß auf die Fahrbahn, ein letztes Anrufen. Der Mann rennt weiter. Aus achtzig Metern Entfernung zielt Uwe Schmiedel auf den Ober¬schenkel des Flüchtenden und schießt. Eine Kugel dringt in die rechte Schulter des Mannes ein, er reißt die Arme hoch, fällt. Der Schütze rennt zu seinem Opfer, verbindet eine Platzwunde am Kopf. Als die Alarmgruppe hinzukommt, schreit Uwe Schmiedel den Gruppenführer an, er
solle sich um den Verletzten kümmern. Man schleift den Grenzverletzer« von der
Fahrbahn, aus dem Blickfeld ... Benito Corghi stirbt innerhalb von Minuten. Eilig werden die Spuren seines Blutes auf dem Asphalt beseitigt. In seinem Abschlußbericht schreibt der stellvertretende Stabschef der Grenz¬truppen, Karl Leonhardt: »Es ist zu erreichen, daß alle Mittel und Möglichkeiten zur Festnahme von Provokateuren bzw. Grenzverletzern genutzt werden und die Schußwaffe kompromißlos vor allem gegen solche Kräfte angewandt wird, die Widerstand leisten und durch ihr Verhalten und Handeln eindeutig als Feinde der Deutschen Demokratischen Republik erkennbar sind.« Scharf protestiert die Kommunistische Partei Italiens gegen die Tötung ihres Mitglieds Benito Corghi, auch die italienische Regierung erhebt Protest; der Fall wird in der internationalen Presse publiziert.
»Man verteidigt den Sozialismus nicht mit Morden«, sagt die Witwe Corghi dem kondolierenden DDR-Vertreter.

Der Schütze wurde 1994 freigesprochen (er ist übrigens mit den Folgen nicht mehr fertig geworden)und sein verantwortlicher Befehlsgeber musste nur als Zeuge auftreten. Übrigens ein Beispiel dafür, das auch ein Täter zum Opfer wurde....


 Antworten

 Beitrag melden
14.08.2009 08:01
avatar  sentry
#37
avatar

Ich war ja erst gut 10 Jahre später an der Grenze, aber ich bin sicher, dieser Fall wäre uns in einer der berühmten TAPI's als bsolutes Negativbeispiel präsentiert worden, einer aus der Kategorie "Wie sollte ich es auf gar keinen Fall machen!"

Ich vermute 'mal die Ranbedingungen waren in den 70ern doch noch anders. Mal vorausgesetzt, der Bericht stimmt so bis ins Detail, verstehe ich kaum einen Punkt in der ganzen Handlungskette.

- Der DHO wusste von den vergessenene Papieren, die Chancen, dass der "Einwanderer" der Italiener ist, waren also sehr hoch.
- Dass der "Einwanderer" festzusetzen ist, geht ja in Ordnung, aber die Festnahme "mit allen Mitteln" anzuweisen, ist unverhältnismäßig.
- Warum der PF den Mann nicht festnehmen kann, wenn er 15 m vor ihm steht, ist völlig unerklärlich. Warum hat er ihn mit Aktentasche und Zigarette nicht noch näher kommen lassen, und wo war überhauot der Posten die ganze Zeit?
- Warum ist der PF nicht einfach hinterher und hat sich den Mann gegriffen, als der sich umgedreht hat und "zunächst normalen Schrittes" weggegangen ist?
- Und dann am Schluss der idiotische Kommentar von Leonhardt...der deutet doch auf ein härteres Grenzregime in den 70ern hin. Es könnte aber auch sein, dass der Bericht lediglich so eine Art Selbstbelügen/Selbstschutz war. Irgendwie musste man wohl den überharten Einsatz in diesem Falle vor sich selbst rechtfertigen...

Wie schon andere hier schrieben: In Marienborn wäre wohl eine Verkettung von Umständen in dieser Art und Weise nahezu ausgeschlossen gewesen. Wir hatten zwar auch DHO's, denen ich einen solchen Befehl zugetraut hätte (ob nun aus Härte oder Unsicherheit heraus). Trotzdem hätten weder der KGSi der SiK noch die Posten im Abschnitt so idiotisch gehandelt
....andererseits...sag niemals nie...mir fallen auch unter meinen Postenführerkollegen Gesichter ein, die wahrscheinlich weder physisch noch mental in der Lage gewesen wären, in so einer Situation angemessen zu handeln...
Ach Schei*e - die Grenze war einfach mal Schei*e! Warum mussten wir bloß so einen Mist machen? Kinder ersaufen lassen und dümmliche Lastwagenfahrer umnieten! Hätte denn der armen Sau nicht mal einer da drüben sagen können, dass er da besser nicht zu Fuß reinläuft? Muss wohl so ein Tag gewesen sein, wo aber auch jeder sein Gehirn abgeschaltet hatte.


 Antworten

 Beitrag melden
14.08.2009 08:22
avatar  ( gelöscht )
#38
avatar
( gelöscht )

Hi sentry,

hier noch eine englische Version, mit Quellenangaben: http://www.history.ac.uk/ihr/Focus/Migra...les/ahonen.html
Das ganze Ding hier zu uebersetzen ist ein bissel viel, allerdings helf' ich gern wenn Du irgendwo Schwierigkeiten haben solltest.
Die ganze Nachgeschichte ist da auch beschrieben.

Servus,
-Th



 Antworten

 Beitrag melden
14.08.2009 08:24
avatar  sentry
#39
avatar

thx....Übersetzung ist nicht nötig, ich les' das einfach auf englisch


 Antworten

 Beitrag melden
14.08.2009 08:58
avatar  ( gelöscht )
#40
avatar
( gelöscht )

lieber sentry,
jetzt dürfte auch Dir langsam die Einsicht kommen, warum kein Westberliner in die Spree sprang um dem ertrinkendem Kind zu helfen, pure , mir ergeht es genau wie dem Lastwagenfahrer !
Gruß aus Berlin


 Antworten

 Beitrag melden
14.08.2009 09:07 (zuletzt bearbeitet: 14.08.2009 09:30)
avatar  ( gelöscht )
#41
avatar
( gelöscht )

Vielen Dank für den Spiegel-Artikel.

Ich möchte gerne den Bogen zurück schlagen zum Ausgangsthema. Diese Art der Kopfgeld-Prämien, die die werten Repräsentanten der Deutschen Demokratischen Republik für die Hinrichtung der DDR-Bürger zahlte, zeigt, "wes´ Geistes Kind" diese "entwickelten, sozialistischen Persönlichkeiten" waren, die die erwähnten Jagdprämien für jeden erlegten DDR-Bürger zahlten.

Da wir bei den führenden Repräsentanten der Deutschen Demokratischen Republik ungewöhnlich viel Jäger, "Waidmänner" finden können, ist es (neben der stalinistischen Brutalität, wenn es um Menschenleben ging) vielleicht auch ein wenig ihrem "Hobby" zuzuschreiben, warum es diese Prämien für jedes "erlegte Stück DDR-Wild" gab.

Spiegel-Zitat:

In Antwort auf:
Nach Aussagen ehemaliger bulgarischer Grenzoffiziere, die die bulgarische Zeitschrift "Anti" schon Anfang 1993 veröffentlichte, zahlte die DDR-Botschaft in Sofia bulgarischen Grenzern für jeden getöteten DDR-Flüchtling eine Prämie in Höhe von 2000 Lewa, damals umgerechnet etwa 1000 D-Mark - im bettelarmen Bulgarien ein kleines Vermögen. Außerdem wurden die Todesschützen mit mehreren Tagen Sonderurlaub ausgezeichnet, eine auch in der DDR und in anderen Ostblockländern übliche Praxis. Ehemalige bulgarische Mitarbeiter der DDR-Botschaft in Sofia bestätigten der Zeitschrift seinerzeit, dass bulgarische Grenzer bei "vereitelten Grenzdurchbrüchen" Kopfgelder aus der DDR erhalten hätten.
............................

Sollten DDR-Behörden tatsächlich Kopfgelder an bulgarische Grenzer für die Tötung fluchtwilliger Bürger gezahlt haben, würde das möglicherweise auch erklären, warum einzelne ostdeutsche Flüchtlinge in Bulgarien mit Schüssen in den Hinterkopf regelrecht exekutiert wurden. Diese Todesart, die zuletzt bei einem Fall aus dem Juli 1989 dokumentiert wurde, wird durch Obduktionsberichte zweifelsfrei belegt.


Menschenverachtend war auch der Umgang mit den sterblichen Überresten der Opfer. Aus jetzt bekannt gewordenen Akten des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS) ergibt sich, dass die Leichen von an der Grenze getöteten DDR-Bürgern in Bulgarien bis Mitte der siebziger Jahre nur in Einzelfällen auf Friedhöfen beigesetzt wurden. In der Regel wurden sie an Ort und Stelle im Grenzstreifen verscharrt - wo sie zum Teil von wilden Tieren gefressen wurden. "Im Grenzgebiet wurden menschliche Gebeine entdeckt, die von Schakalen und streunenden Hunden aus der Erde geholt worden waren", sagt ein der Redaktion einestages namentlich bekannter Hochschullehrer aus Sofia, der jahrelang das Schicksal ostdeutscher Flüchtlinge in Bulgarien erforscht hat.


Quelle:
http://einestages.spiegel.de/static/auth...odesschuss.html

Da mag vielleicht so mancher der hartgesottenen "entwickelten, sozialistischen Persönlichkeiten" in stalinistischer Art und Weise heimlich gedacht haben: "..Na ja: da waren sie nach dem "Abschuß" wenigstens noch zu irgendetwas nützlichem Tauge..."

Da kann ich nur mit Erich Mielke schließen, der in meinem Hörbeispiel so gerne, so freudig-erregt rief:

"Horidoooh! Hooridooooh! Hooridooooh"!

Na bitte! Wenigstens unser (Menschen- und Tier: ) Jäger hat sich stets gefreut! Ein wirklich lustiger Geselle...

Zur morgendlichen Erbauung, hier unser Jäger Erich Mielke!

Höre hier unter "anhören":
http://www.eva-maria-hagen.de/Allerhand/Mielke.shtml

Wer mag, kann a la Erich Mielke gerne Gedanken an die vorbildliche Arbeit der bulgarischen Kampfesbrüder "anno dunnemals" senden und aus vollster Brust mit-schmettern: "Ein Hooridoooh - ein Hooridooooh - ein Waidmannsheil...!"

Freuen sich die Nachbarn...


 Antworten

 Beitrag melden
14.08.2009 09:57
avatar  ( gelöscht )
#42
avatar
( gelöscht )

Zitat von sentry

Ach Schei*e - die Grenze war einfach mal Schei*e! Warum mussten wir bloß so einen Mist machen? Kinder ersaufen lassen und dümmliche Lastwagenfahrer umnieten! Hätte denn der armen Sau nicht mal einer da drüben sagen können, dass er da besser nicht zu Fuß reinläuft? Muss wohl so ein Tag gewesen sein, wo aber auch jeder sein Gehirn abgeschaltet hatte.


Danke sentry, einfach nur danke für diese Zeilen bzw. deinen Post hier!


 Antworten

 Beitrag melden
14.08.2009 10:10 (zuletzt bearbeitet: 14.08.2009 10:14)
avatar  ( gelöscht )
#43
avatar
( gelöscht )

Zitat von Augenzeuge
Danke sentry, einfach nur danke für diese Zeilen bzw. deinen Post hier!


Ja, finde ich auch gut! Mir tut im Falle des Italieners auch das 20jährige "Halbkind in Uniform" leid, daß bis heute nicht über die Szenen hinweggekommen ist.

Wenn es eine Lehre aus all´den Vorkommnissen gibt, dann nur die, das man
die Mechanismen erkennen (und schonungslos analysieren) muß,
die das alles möglich machen.

Denn hier geht es nicht um die Frage der Weltpolitik (Amis gegen Russen etc.). Das natürlich auch. Bei den hier besprochenen
Fällen geht es aber auch um etwas ganz anderes!

Es geht darum, das System hinter allem zu erkennen, daß das alles möglich machte. Die Psychologie hinter den Massen von Transparenten und den Fahnen.

Erkenne, wie klar denkende Menschen in ihrem Idealismus in Richtungen gelenkt werden können, (von denen die selben Menschen als Außenstehende mit einer anderen Biographie sagen würden: "...aber das ist ja alles gar nicht möglich! Das bin doch nicht ich!!"....)

Die Erkennungszeichen und die Farbe der Fahnen spielt bei diesen Überlegungen überhaupt keine Rolle!


 Antworten

 Beitrag melden
14.08.2009 10:32 (zuletzt bearbeitet: 14.08.2009 10:33)
avatar  sentry
#44
avatar

Zitat von dein1945
jetzt dürfte auch Dir langsam die Einsicht kommen, warum kein Westberliner in die Spree sprang um dem ertrinkendem Kind zu helfen


In der Informationsflut in diesem Forum gehen vielleicht die kleinen Feinheiten, die die tatsächliche Einstellung und Gefühlslage des Schreiberlings beschreiben, gelegentlich etwas unter.
Ich brauche keine langsame Einsicht (mehr) in die Verhaltensweisen der Menschen links und rechts der Grenze bzw. deren Motivationen. Ich bin mir darüber im Kopf sonnenklar, jedenfalls so klar, wie man sich über die Beweggründe Dritter sein kann, aber mindestens genauso klar, wie all die anderen Mitglieder hier, die über Ereignisse referieren, die sie erlebt oder eben nicht erlebt haben.

Ich kann die Handlungsweisen kleiner Grenzer aus eigener Erfahrung heraus genauso gut einordnen, wie ich die Handlungsweisen von Grenzanrainern links und rechts der Linie verstehen kann (zum großen teil auch aus eigener Erfahrung).
Und ich bin das gebe ich auch offen zu, auch weit entfernt davon, ein Superheld zu sein. Mangels Erfahrung kann ich nicht 'mal sagen, wie weit im Falle eines Falles meine eigene Zivilcourage oder eben Courage ganz allgemein gehen würde. So gesehen verstehe ich natürlich, dass drüben keiner in den Bach gehüpft ist - ganz klar. Aber da bleibt eben immer dieses kleine "aber". Es haben sich schon viele, viele Leute aus geringeren Gründen in Lebensgefahr begeben, es haben sich schon viele Leute in viel gegenwärtigere Lebensgefahr begeben, als die "Pseudo"-Gefahr von einem Soldaten erschossen zu werden, weil man am Ufer eines Grenzgewässers ein Kind vor dem Ertrinken retten will.
Wie gesagt, dennoch kann man den Westberlinern keinen echten Vorwurf machen, ich verstehe sie.
Aber genau, wie die Ostgrenzer nach dem Vorfall mit dem Italiener einen martialischen Abschlussbericht geschrieben haben, um sich vor sich selbst zu entschuldigen, haben die Westgermanen mit Phrasen wie "die Grenzer haben dem Kind untätig beim Ertrinken zugesehen", die Verantwortung für den Tod des Kindes auf die Grenzer abgewälzt. Dabei wussten doch alle in welchem Dilemma der kleine Grenzer auf Grenzdienst steckte. Neben dem Grenzbewacher war er eben immer auch ein potenzieller Flüchtling der selbst bewacht wurde. Und auch im Westen wurde letztendlich "dem Kind beim Ertrinken zu gesehen", obwohl aus den Texten nicht immer wirklich herauslesbar ist, ob eine Lebensrettung ganz objektiv noch möglich war, oder ob letztendlich "nur" die Bergung des toten Kindes durch die bescheuerte Kommunikation der Verantwortlichen verzögert wurde.
Mir persönlich kommt bei solchen Vorfällen auch immer der Gedanke (z.B. auch bei Peter Fechter), dass die Grenzer vor Ort, sozusagen als Menschen, vielleicht einfach mächtig Schiss hatten, vom Mob im Westen angegriffen zu werden, wenn sie sich der westlichen Seite nähern, so dass letztendlich durch die aufgeheizte Stimmung im Westen der Vorgang zusätzlich verzögert wurde. Macht das Sinn?
Vorbeugend: Das soll kein Abwälzen der Verantwortung für die Grenze oder die Opfer der Grenze auf Westgermanen sein und es soll auch kein Umkehren des Täter-Opfer-Verhältnisses sein. Es verdeutlicht nur, wie schnell (damals wie heute) schreckliche Ereignisse als solche abgehakt und in gnadenlose Propaganda und lahme Rechtfertigungen überführt werden...hüben wie drüben.


 Antworten

 Beitrag melden
05.10.2012 23:37
#45
avatar

Zitat von Gast im Beitrag #36
Hier die Story für alle:

Am Autobahngrenzübergang Hirschberg-Rudolphstein stehen auf der mächtigen Brücke, die über das Saaletal führt, bis zu einem quer über die Fahrbahn ge¬malten Streifen sogenannte Peitschenmastlaternen. Ihre grellen Lichtkegel heben sich am 5. August morgens halb vier noch deutlich von der Umgebung ab. Als der italienische Lastwagenfahrer Benito Corghi, 38 Jahre alt, in der fränkischen Kontrollstelle Rudolphstein eintrifft, teilt ihm der Fahrer eines nachkommenden Lkw mit, er solle noch mal zurückkommen, er habe drüben Transportpapiere liegenlassen. Zu Fuß macht sich der Mann auf den Weg, es regnet etwas; in der einen Hand hält er eine Zigarette, mit der anderen trägt er seine Aktentasche. Da hat der diensthabende Offizier im Führungsturm der GÜST Hirschberg, ein Oberstleutnant, schon die Mitteilung bekommen, daß ein Lkw-Fahrer Papiere vergessen habe und zurückkommen solle. Es folgt die Meldung, daß eine unbekannte Person über die Brücke gelaufen komme ... Der Oberstleutnant erteilt den Befehl, den »Grenzverletzer mit allen Mitteln festzunehmen«.
Der Befehl erreicht auch den zwanzigjährigen Postenführer Uwe Schmiedel. Er läßt die »unbekannte Person« bis auf fünfzehn Meter an sich herankommen, dann springt er mit einem Maschinengewehr im Hüftanschlag überraschend aus einem Versteck hervor: »Halt, stehenbleiben, Grenzposten, Hände hoch!« Der Italiener wirft die Zigarette weg, redet hektisch auf den Soldaten ein. »Hände hoch!« ruft der erneut. Benito Corghi dreht sich um, läuft zunächst normalen Schrittes zu¬rück in Richtung Rudolphstein.

»Stehenbleiben, Grenzposten, Hände hoch!« schallt die Stimme hinter ihm. Es folgt ein kurzer Feuerstoß, ein Warnschuß. Der Mann mit der Aktentasche läuft nun schneller. »Halt, stehenbleiben!« Die Waffe im Schulteranschlag, schießt der Gefreite Schmiede[ auf die Fahrbahn. »Mensch, bleib doch stehn, halt an!« Benito Corghi rennt. Noch ein Schuß auf die Fahrbahn, ein letztes Anrufen. Der Mann rennt weiter. Aus achtzig Metern Entfernung zielt Uwe Schmiedel auf den Ober¬schenkel des Flüchtenden und schießt. Eine Kugel dringt in die rechte Schulter des Mannes ein, er reißt die Arme hoch, fällt. Der Schütze rennt zu seinem Opfer, verbindet eine Platzwunde am Kopf. Als die Alarmgruppe hinzukommt, schreit Uwe Schmiedel den Gruppenführer an, er
solle sich um den Verletzten kümmern. Man schleift den Grenzverletzer« von der
Fahrbahn, aus dem Blickfeld ... Benito Corghi stirbt innerhalb von Minuten. Eilig werden die Spuren seines Blutes auf dem Asphalt beseitigt. In seinem Abschlußbericht schreibt der stellvertretende Stabschef der Grenz¬truppen, Karl Leonhardt: »Es ist zu erreichen, daß alle Mittel und Möglichkeiten zur Festnahme von Provokateuren bzw. Grenzverletzern genutzt werden und die Schußwaffe kompromißlos vor allem gegen solche Kräfte angewandt wird, die Widerstand leisten und durch ihr Verhalten und Handeln eindeutig als Feinde der Deutschen Demokratischen Republik erkennbar sind.« Scharf protestiert die Kommunistische Partei Italiens gegen die Tötung ihres Mitglieds Benito Corghi, auch die italienische Regierung erhebt Protest; der Fall wird in der internationalen Presse publiziert.
»Man verteidigt den Sozialismus nicht mit Morden«, sagt die Witwe Corghi dem kondolierenden DDR-Vertreter.

Der Schütze wurde 1994 freigesprochen (er ist übrigens mit den Folgen nicht mehr fertig geworden)und sein verantwortlicher Befehlsgeber musste nur als Zeuge auftreten. Übrigens ein Beispiel dafür, das auch ein Täter zum Opfer wurde....



http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41170550.html
Wer an der Grenze, schreibt die Ost-Berliner "Armee-Rundschau" unverblümt, "mehr als das gesetzlich Verlangte für den militärischen Schutz des Sozialismus leistet, hat verständlicherweise auch größere Rechte". Dazu gehören: "Öffentliche Würdigung", Orden, Beförderung, Geld -- bis zu 5000 Mark und 14 Tage Sonderurlaub dem, der einen "Flüchtigen" oder einen "Grenzverletzer" stellt, lebend oder tot.
Man kann auch sagen Kopfgeld ! Honecker der Mörder


 Antworten

 Beitrag melden
Bereits Mitglied?
Jetzt anmelden!
Mitglied werden?
Jetzt registrieren!