Die Legende vom „antifaschistischen Schutzwall“

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08.08.2009 07:00
avatar  Angelo
#1
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Als in den frühen Stunden des 13. August 1961, ein Sonntag, quer durch Berlin und entlang der deutsch-deutschen Grenze Stacheldraht ausgerollt, Straßen abgesperrt und die Bahnverbindungen unterbrochen wurden, war eine neue Geschichtslegende geboren. Dieser „antifaschistische Schutzwall“ sei gebaut worden, um westlichen Agenten und Provokateuren das Handwerk zu legen und den Ausverkauf der DDR zu beenden, tönte die DDR-Propaganda. Die Sperrmaßnahmen hätten den Frieden in Deutschland, ja in der Welt gerettet. Kein Wort davon, dass die Maßnahmen von langer Hand vorbereitet worden waren.

SED-Chef Walter Ulbricht war bereits im März 1961 vom Zentralkomitee ermächtigt worden, in Moskau um die Schließung der Grenzen in und um Berlin sowie zwischen beiden deutschen Staaten nachzusuchen. Doch zeigte sich die Sowjetunion zunächst zurückhaltend. Das Problem wurde brisant, als täglich tausende DDR-Bewohner in den Westen flohen, weil ihnen das Leben im Arbeiter-und-

Bauern-Staat durch die von Ulbricht praktizierte Politik unmöglich wurde. Da der Sachse mit der Fistelstimme eigene Fehler nicht zugeben wollte, weil ihn das die Macht gekostet hätte, schob er die Verantwortung für die Entwicklung dem Westen und seinen Abwerbemaßnahmen zu.

weiterlesen hier

http://www.nordkurier.de/index.php?objek...ichte&id=568045


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08.08.2009 09:19
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#2
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S51

Ganz nüchtern? Klar die Wortwahl war schreiend, wie Propaganda allgemein aber im Prinzip stimmte es immer mindestens ein bischen:
- Agententätigkeit durch den Westen war Alltag (wie auch durch den Osten) und private Störenfriede gab es reichlich. Jeder Schmuggler, jeder Grenzgänger wurde doch dazu gerechnet. Also war das Argument schon mal gar nicht so unzutreffend, wenn auch unehrlich, weil einseitig.
- Ausverkauf stoppen? Was war /ist denn Ausverkauf? Doch das Ausbluten eines Landes (hier), weil Waren für Westgeld verschoben wurden, weil die Menschen dahin gingen, wo sie besseres Geld verdienen konnten. Besser leben konnten. Das Argument stimmte also auch und die Gründe hierfür waren in der Propaganda dann sowieso allenfalls feindliche Propagande. Also auch nicht "gelogen".
- Den Frieden gerettet? Haben wir in unserer Geschichte wirklich schon vergessen, was für eine Zeit damals war? Nicht nur der Osten rechnete alle Augenblicke mit dem Angriff der Gegenseite und aus jeder anfangs harmlosen Provokation heraus hätte es riesig scheppern können. Haben wir alle wirklich schon die eindeutige Reaktion der USA auf den Mauerbau vergessen? So unzufrieden waren die Politiker damals gar nicht. Und die Militärs sowieso nicht. Bedeutete doch die Grenze nun eine klare Front.


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08.08.2009 09:56
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#3
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Hallo S51, viele deiner Aussagen sind richtig. Allerdings halte ich es nach wie vor für Volksverdummung, wenn alle Augenblicke mit einem Angriff der Gegenseite (von West nach Ost) gerechnet wurde. Schon gar nicht von Westberlin aus. Das war nämlich aufgrund der Machtverhältnisse unmöglich. Wenn man das wirklich gewollt hätte, dann hätte man 1953 eine Chance gehabt. Nein, realistisch betrachtet wollte und konnte das keiner. Für mich ist das alles leere Propaganda, um die Menschen einzuschüchtern und am Weggehen zu hindern.
Das die USA über diese Lösung nicht unzufrieden waren, kommt m.E. daher, das man nach dem Mauerbau die Übernahme der Stadt durch die Russen für unwahrscheinlicher hielt. Allerdings hatte das auch Grenzen. Wenn ich an die Vorfälle am Checkpoint Charlie denke, als sich die Panzer gegenüberstanden, war doch klar, das die Zugeständnisse der Amerikaner Grenzen haben. Auch hier konnte man wieder erkennen, das die wahren Gründe über diesen Zwischenfall von der DDR immer verschwiegen worden sind. Denn dann hätte man zugeben müssen, dass man hier eingeknickt ist.

Für mich ist dieser Schutzwall nichts anderes als die letzte Möglichkeit zur Erhaltung der Macht einer Minderheit gewesen. Er war die öffentliche Kapitulation eines Systems vor dem eigenen Volk. Mit Friedenserhaltung hat es- von den Schmugglern u.a. abgesehen- nur soweit zu tun, das der Frieden der Herrschenden gefestigt wurde, sonst aber nichts. Militärisch war das Volk der DDR nie von aussen bedroht, nur von innen. Denn nach dem Bau der Mauer gab es mehr Tote und Verletzte als vorher. Die hatten dann wohl auch ihren Frieden gefunden...

Sorry, auch das war mal ganz nüchtern- nur aus einer anderen Perspektive.



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08.08.2009 12:45
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#4
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Hast Recht Auge,aber ach ja irgenwie mussten die DDR Führung ja den Schutzwall" verkaufen",also mussten solche Thesen her,wie
Schutz vor Agenten,Schmugglern,Dieben und baldiger Überfall des Westen auf den Osten


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08.08.2009 12:50
#5
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Hallo Augenzeuge,

da ist es wieder, mein Problem mit Diskussionen über historische Schuld vs. historische Ursachen. Ich wurde 1960 in diese Zeit hieneingeboren, habe viel nur von der einen Seite gehört. Ich bin also in dem Sinne zum einen befangen und zum anderen kein wirklicher Zeitzeuge. Ich kann also auch nur auf historische Dokumente gucken, wissend, dass diese oft verfälscht sind. Dennoch wage ich mir einige Widerworte zu Deinem Beitrag.

Zitat von Augenzeuge
... Allerdings halte ich es nach wie vor für Volksverdummung, wenn alle Augenblicke mit einem Angriff der Gegenseite (von West nach Ost) gerechnet wurde. ...
Militärisch war das Volk der DDR nie von aussen bedroht, nur von innen. ...


Ich war nicht dabei, also greife ich auf zwei Zeitzeugen zurück:

US-Botschafter bei der NATO Strausz-Hupé: "Die erstrangige und wichtigste Aufgabe der Strategie Amerikas im weitesten Sinne des Wortes ist die Erhaltung und Festigung unseres politischen Systems und diese Aufgabe ist wichtiger, als die Erhaltung des Friedens."

1957 Schwedischer Finanzminister Wigfors: Stellt fest "dass die Gefahr im kalten Krieg nicht so sehr in einer Aggressionshandlung der Russen, sondern vielmehr in einem möglichen Präventivkrieg der USA zu sehen ist."


Ich würde mal so sagen, dass sich das nach einer unmittelbaren Kriegsgefahr anhört. Oder hat man auch Herrn Wigfors vervolksdummt?

Zitat von Augenzeuge
... Für mich ist dieser Schutzwall nichts anderes als die letzte Möglichkeit zur Erhaltung der Macht einer Minderheit gewesen. Er war die öffentliche Kapitulation eines Systems vor dem eigenen Volk. ...


Ach, das mit der Minderheit ist immer so eine Sache. Selbst wenn wir hier über eine Diktatur sprechen, in der eine demokratische Betrachtung immer ihre Macken hat, möchte ich doch mal ganz kurz die magische Zahl der Demokratie ins Spiel bringen: 51. Das ist die Zahl der Mehrheit. Aus den mir vorliegenden Geschichtsbetrachtungen geht nicht hervor, dass mehr als 51 Prozent der DDR-Bevölkerung die Notwendigkeit einer stärkeren Sicherung des Sozialismus abgelehnt haben. Das könnte in der Umkehrung zu dem Schluss führen, dass eine Mehrheit dafür gewesen sein könnte. Ob das nun konkret den Mauerbau einschloss, darüber kann man vielleicht streiten. Leider halten sich da statistische Werte aus dieser Zeit zu dieser Frage sehr in Grenzen, oder sind eher fragwürdig.

Fazit: Eine Aufarbeitung von einer Position der Alleinschuld bringt nach meiner Auffassung kein Licht ins Dunkel. Es ist letztendlich nichts anderes als auch eine, verzeih den für Dich vielleicht hart klingenden Begriff, ideologische Position.

In der Hoffnung, Dir nicht zu sehr auf den Schlips getreten zu haben, verbleibe ich mit lieben Grüßen!
ciao Rainman


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08.08.2009 15:31
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#6
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Hallo Rainman,
danke für deine Einschätzung. Natürlich nehme ich dir deine Antwort nicht übel (ganz im Gegenteil), aber erstens weiß ich, dass wir beide zu dieser Zeit nicht dabei sein konnten, dann ist mir klar, dass wir nur die Aussagen geschichtlicher Zeugen bewerten können. Und ich trage doch relativ selten einen Schlips, deshalb kannst du da gar nicht drauf treten.
Und zuletzt kennen wir uns…

Es ist ganz klar, dass sich unser ideologischer Standpunkt aus der Betrachtung und Einschätzung der damaligen Aussagen nur bilden kann.
Ich hatte S51 in vielen zugestimmt, deshalb sehe auch ich hier nirgends eine völlige Alleinschuld.
Vielleicht habe ich das auch nicht ausreichend formuliert.

Aber trotzdem bleibe ich bei dieser Aussage (die du nicht teilen musst!):
________________________________________
... Für mich ist dieser Schutzwall nichts anderes als die letzte Möglichkeit zur Erhaltung der Macht einer Minderheit gewesen. Er war die öffentliche Kapitulation eines Systems vor dem eigenen Volk. ...________________________________________

Die Aussagen deiner Zeitzeugen bewerte ich nicht so, als ob ein Angriff Richtung DDR bevorstand. In der Politik gab es später auch Aussagen, die man nicht so ernst nehmen sollte. Ich denke da an Strauss u.a. Die Vereinbarungen der Alliierten zu Nachkriegsdeutschland wurden nie von einer Seite richtig in Frage gestellt. Man meinte ja in Westdeutschland, das sich die DDR von allein auflösen würde- wenn sie genügend Menschen verlassen hätten, diese Meinung vertrat Adenauer noch 1961.

Nun wollte ich auch damit klar machen, dass von Westberlin nie ein Angriff erfolgen konnte, die Zahlen der dort stationierten Verbände sprechen Bände- deshalb an dieser Stelle eine Mauer zur Verringerung der Kriegsgefahr zu bauen- finde ich sinnlos.

Zu der Mehrheit folgendes: Das Volk war doch schon dabei mit den Füßen abzustimmen.
Höher als 1961 waren diese Zahlen nie zuvor. Und es wäre weitergegangen mit steigenden Zahlen -bis zum Zusammenbruch des Systems. Mag sein, dass wir hier nicht von 51% reden- wir wissen es nicht genau, aber der Fortbestand der DDR war doch wegen der Abwanderung der (Hoch)Qualifizierten sehr stark in Frage gestellt. Auch 45% oder weniger können dann ein System kippen.

So, lieber Rainman, das noch mal von mir zur Begründung meiner Aussagen.
Ich denke, global betrachtet, so weit sind wir heute im Meinungsbild gar nicht auseinander. Auf jeden Fall viel näher als je zuvor.
Viele Grüße nach Berlin vom Augenzeugen



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08.08.2009 16:09
avatar  TOMMI
#7
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Schaut man sich heute die Reste von der Mauer und Grenze aus der Nähe an,
so ist doch die Verlogenheit dieser ganzen Propaganda offensichtlich.
Erstens hatten diese Anlagen eine größere Sperrwirkung von Ost nach West,
als umgekehrt und zweitens wäre dies alles bei einem militärischen Angriff
aus Richtung Westen eine Lachnummer gewesen. Panzer wären Null komma nichts
durch die Mauer gefahren und die Fahrer hätten möglicherweise nicht einmal gemerkt,
dass da was war.


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08.08.2009 19:14
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#8
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Ich denke, es steht für jeden hier im Forum außer Frage, gegen wen die Grenze gerichtet war.


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08.08.2009 19:39
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#9
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Jawohl Angelo,
Walter Ulbricht äußerte noch am 15. Juni 1961 lauthals auf einer internationalen Pressekonferenz in Ostberlin, "Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten!" - Aber am 13. August 1961 wurde Ulbricht zum WENDEHALS.
Anbei ein Foto zu seiner Aussage.


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08.08.2009 20:10
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#10
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Zitat von Thorsten
Jawohl Angelo,
Walter Ulbricht äußerte noch am 15. Juni 1961 lauthals auf einer internationalen Pressekonferenz in Ostberlin, "Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten!" - Aber am 13. August 1961 wurde Ulbricht zum WENDEHALS.
Anbei ein Foto zu seiner Aussage.


Meinst du nicht, er hat die Welt versucht für dumm zu verkaufen und schon genau gewusst was Mitte August passieren wird?
Dann wäre er schlimmer als ein Wendehals...


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08.08.2009 20:15
avatar  Pitti53
#11
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ulbricht tat nur das ,was moskau ihm erlaubte oder befahl....schon vergessen??die ddr war nix anderes als eine zusätzliche sowjetrepublik


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08.08.2009 21:02
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#12
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Zitat von Pitti53
die ddr war nix anderes als eine zusätzliche sowjetrepublik


Weil es gerade hierher passt, humorvolle Synonyme für DDR:

Der Diener Russlands
Deutscher Distrikt Russlands
Demokratie der Russen
Dawaj, dawaj rabotaj(tje) sinngemäß „Los, los! Arbeiten!“
Dumm Doof Rettungslos


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08.08.2009 21:18
#13
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Ist Euch gelegentlich klar, dass Ihr in solcher Art das Volk der DDR, Leute die aufrecht für Frieden und ein besseres Leben eingetreten sind, sich auch dafür aufgeopfert haben, in einen Topf mit einer von Macht korrumpierten Führungsclique werft. Ist Euch gelegentlich klar, dass dies eine Beleidigung ist?

Wenn nicht, dann war dies hier nochmal der Hinweis.

Der Bodensatz ideologischer Verzerrung ist das Pauschalurteil!

ciao Rainman


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08.08.2009 21:33
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#14
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öhm...
Ich wollte grad losschimpfen, aber gut das Du es gemacht hast, rainman2.


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08.08.2009 21:53
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#15
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Männer, niemand wirft hier alles in einen Topf. Aber es kam wohl so rüber. Entschuldigung, das ich aus einer Präsentation auch Stefan Heyms humorvolle Vergleiche aufgeführt bzw. zitiert habe (University of Leeds).



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