Recht auf Erinnerung?

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13.07.2014 08:37 (zuletzt bearbeitet: 13.07.2014 08:52)
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#1
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ABV

Hallo Freunde!
Mit Anfang fünfzig kann man schon mal eine erste Bilanz seines Lebens ziehen. Zu einem Rückblick auf die Vergangenheit gehören die ganz persönlichen Erinnerungsstätten unweigerlich dazu. Sind sie doch so etwas wie sichtbare Meilensteine. Sichtbar? Ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber mir kommen die Erinnerungsstätten langsam aber sicher abhanden.
An erster Stelle fällt mir die ehemalige " Clara-Zetkin"-Kaserne, Standort des ebenfalls ehemaligen Grenzregimentes 38, ein. Dort habe ich von November 1983 bis zum April 1985 meinen Grundwehrdienst "abgerissen". Verglichen mit anderen Dingen im Leben, rein zeitlich gesehen, nicht mehr als eine bloße Episode. Dafür jedoch eine unwahrscheinlich prägende!
Die ich, trotz vieler nicht so guter Erinnerungen, nicht aus meinem Leben streichen möchte.
Anfang Mai 2008 wollte ich meinem Sohn die Kaserne zeigen. In Anbetracht des relativ langen Zeitraumes zwischen dem Zusammenbruch des Staates für dessen Zwecke die Kaserne einst diente und der Gegenwart, bergen solche Besuche selbstverständlich ein hohes Risiko in sich. Man muss sich einfach im klaren sein, dass es die Stätte, so wie im Kopf gespeichert, schon lange nicht mehr gibt. Eigentlich logisch. Vom Verstand her wusste ich also, was mich dort erwartet: einen völlig veränderten Ort.
Trotzdem zog es mich dorthin. Trotz aller Sachlichkeit und mentaler Vorbereitung, bereitete mir der Anblick der seit Jahrzehnten leer stehenden Kasernengebäude, mit den langsam vom Staub erblindeten Fensterscheiben, der überall sichtbaren Zerstörung, besonderer Ausdruck der Nutzlosigkeit des Geländes, tiefe Beklemmungen.
Besonders sichtbar waren die Veränderungen an jenen Stellen, an den wieder Leben herrschte. Die eine Nachnutzung erfuhren und desto intensiver von den neuen Eigentümern verändert wurden. Weil diese, naturgemäß, eben keinerlei Erinnerungen an diesen, längst nicht für jeden besonderen Ort besaßen. Was für den einen ein Schauplatz der eigenen Geschichte ist, betrachtet der andere lediglich als " seelenloses Betonbauwerk". So ist nun einmal das Leben!
Immerhin kamen beim Gang durchs Regiment, vorbei an wuchernden Unkraut und Schutthaufen, diese oder jene Erinnerung wieder zurück. Einzelne Begebenheiten. Hin und wieder tauchten auch Gesichter wie aus dem Nebel wieder auf.
Was wohl aus den Kameraden aus jener Zeit geworden ist? Vor allem aus den Vorgesetzten. Den Berufssoldaten. Für die diese Stätte nicht nur eine flüchtige Episode darstellte. Sondern der Schauplatz vieler Jahre eines mehr oder weniger erfüllten Berufslebens.
Wie sich wohl ein ehemaliger Offizier fühlen mag, der nach vielen Jahren seine ehemalige Wirkungsstätte besichtigt? Der möglicherweise von einem der hier "herumschleichenden", übereifrigen Wachmänner angeschnauzt und des Geländes verwiesen wird. Hat sich eigentlich schon mal jemand gefragt, in was für einer psychischen Ausnahmesituation sich solch ein Mensch anschließend befindet? Wobei es für den Ausnahmezustand nicht einmal eines " schnauzenden" Wachmannes bedarf. Nein, viel schlimmer ist wohl die augenscheinliche Sinnlosigkeit des eigenen Berufslebens. Ein Berufsleben, dass eben nicht nur mit der großen Politik, sondern eben auch mit vielen schönen oder völlig banalen Erinnerungen im Zusammenhang steht. Erinnerungen, die den " Besiegten" jedoch oft nicht "vergönnt" sind. Weil sie von der Allgemeinheit als unangemessen empfunden werden. Man hat darüber zu schweigen. Bestenfalls darf man die Erinnerungen verteufeln. Keinesfalls aber erinnern um des bloßen sachlichen Erinnerns wegen. Weil man sich derart schell den Vorwurf des "Verklärens" einhandeln würde.
Als ehemaliger Wehrpflichtiger habe ich da ja noch Glück. Was die Kaserne angeht. Deren Zustand kann ich noch verschmerzen. Was ist aber mit den Stätten meines eigenen Berufslebens? Bei der Polizei.
Meine erste Dienststelle, die "Wache Mitte" des Wachkommando Missionschutz, hat die Wiedervereinigung nicht überstanden. Wie das gesamte Wachkommando. Anfang der Neunziger Jahre habe ich das Objekt das letzte Mal gesehen. Völlig leer und ausgeräumt. Äußerlich jedoch unverändert. Warum habe ich damals bloß keine Fotos geschossen?
Vielleicht weil ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, dass diese "Trutzburg" so einfach verschwinden kann.
Ist sie aber! Heute befindet sich ein hochmoderner Gebäudekomplex an dieser Stelle. In dem sich unter anderem die Bundestagsabgeordneten die Frisuren "richten" lassen. Nichts aber auch gar nichts erinnert mehr an die "Wache Mitte".
Warum auch, könnte jetzt dieser oder jener fragen. Etwa der Ex-Volkspolizisten wegen, die hier irgendwann Dienst taten?
Ok, den Ex-Volkspolizisten geht es in dieser Hinsicht nicht viel anders, als den Ex-Offizieren der Grenztruppen.
Was ist aber mit den vielen, vielen ehemaligen Botschaftsflüchtlingen. Für die die "Wache Mitte" die erste Station auf dem Weg in die Haftanstalten darstellte.
Spontan fallen mir die beiden jungen NVA-Angehörigen ein. Die im Frühjahr 1986 die USA-Botschaft in (Ost)Berlin aufsuchten und um politisches Asyl baten. Und zu ihrer Überraschung von den Amerikanern kurzerhand vor die Tür gesetzt und den wachhabenden Volkspolizisten übergeben wurden. Inklusive der VS-Materialien, welche die NVA-Angehörigen, ein Leutnant und ein Unteroffizier, den Amerikanern als " Mitgift" servieren wollten.
Ich habe die beiden damals bewachen müssen. Später kamen zwei MfS-Männer in einem roten Lada, um die Jungs in die Normannenstraße zu bringen. Hier an dieser Stelle wo heute Heerscharen von geflissentlichen Dauerhandynutzern und Laptop-Herumtragern wie geschäftige Ameisen herumwuseln, haben damals die Angehörigen der beiden auf eine kurze Mitteilung seitens der VP über das weitere Schicksal der Festgenommenen, gewartet. Mehr oder weniger vergeblich. Ein einzelner Polizist hatte den Angehörigen gegenüber jedoch bestätigt, dass sich die beiden in der Wache befinden. Für diese, eigentlich völlig normale Auskunft, wurde der Polizist anschließend vor versammelter Mannschaft von einem Offizier " zusammengeschissen". Nein, längst nicht alles schlechte was man sich heute über die DDR erzählt, fällt unter die Rubrik Klischee. Vieles, allzu vieles,verdient eher den Begriff Tatsachenbericht!
Und totzdem: sowohl meine Erinerungen als auch die völlig anderen Erinnerungen der vielen Opfer, wurden durch den Bau des ebenso modernen wie seelenlosen Gebäudes mehr oder minder ausgelöscht. Bald wird niemand mehr wissen, was sich an diesen Ort ereignet hat.
Meine andere Wirkungsstätte, dass frühere VPKA Seelow, wurde nach der Wiedervereinigung ebenfalls, teilweise bis zur Unkenntlichkeit, verändert. Dort residiert heute das Landratsamt " Märkisch-Oderland". Vor einigen Jahren war ich noch einmal dort. Wegen der Ausstellung eines Fischereischeins. Wieder erschienen mir vor meinem "geistigen Auge" die Leute, die früher hier ein und ausgingen. Von denen ein großer Teil heute längst verstorben ist. Deren Namen mittlerweile hier niemand mehr kennt. Dabei kamen sie sich doch sooooo wichtig vor! Wenn ich etwas in all den Jahren gelernt habe, dann dieses: die Wichtigkeit eines einzelnen Menschen ist eine verdammt temporäre Erscheinung! Nichts ist von Dauer. Und so manches ist in Wahrheit viel kürzer, als es im Moment erscheinen mag.

Wie sieht es aber nun aus, mit den Erinnerungsstätten? Muss man nicht auch den "Tätern von einst" das Recht auf die Erinnerung zubilligen? Oder steht ihnen so etwas nicht zu? Weil sie sich lieber statt dessen lieber ewig schämen sollten?

Gruß an alle
Uwe


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13.07.2014 08:46
avatar  icke46
#2
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Hallo, Uwe,

ist ja erstaunlich, dass Du Deinen Wehrdienst von 1983 bis April 1945 abgeleistet hast. Man muss ja dann davon ausgehen, dass Du auch Teilnehmer der Schlacht um die Seelower Höhen warst.

So fängt der Sonntagmorgen gleich vergnüglich an.

Gruss

icke


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13.07.2014 08:51
avatar  ABV
#3
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ABV

Ja, Kurt. Ich bin eben ein Zeitreisender. Aktuell fechte ich gerade auf dem Schlachtfeld von Kunersdorf. Selbstverständlich auf der Seite der Preußen. Bericht und Fotos folgen in Kürze.

Ähmm, Danke für den Hinweis. Wird sofort geändert.

Viele Grüße von der Oder nach Hannover
Uwe


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13.07.2014 08:52
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#4
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@ icke 46 - Hallo und Guten Morgen !
Mein Beitrag entfällt somit und nehme mein Recht auf das Lachen wahr !


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13.07.2014 08:54
avatar  ABV
#5
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ABV

Aber meine Herrschaften! Wir sind nicht zum Vergnügen hier!!!!!


Gruß Uwe
der gerne für Frohsinn sorgt


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13.07.2014 09:13
avatar  seaman
#6
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Zitat von ABV im Beitrag #1


Hallo Freunde!


Wie sieht es aber nun aus, mit den Erinnerungsstätten? Muss man nicht auch den "Tätern von einst" das Recht auf die Erinnerung zubilligen? Oder steht ihnen so etwas nicht zu? Weil sie sich lieber statt dessen lieber ewig schämen sollten?

Gruß an alle
Uwe




Interessantes Thema.

Gibt es hier im Forum eigentlich auch "Täter von einst"?

Wenn ja,wer wäre dann das anonyme "man",der das Recht auf Erinnerung als Absolution verteilt?

seaman


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13.07.2014 09:21 (zuletzt bearbeitet: 13.07.2014 09:21)
avatar  ABV
#7
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ABV

Mit dem anoymen man, ist die "öffentliche Meinung" gemeint @seaman .
Was ich mit dem Beitrag ausdrücken wollte: zu einer objektiven Geschichtsbetrachtung gehört nun einmal eine Betrachtung aller Aspekte. Und kein selektives " herauspurkeln" von genehmen und das Verschweigen weniger genehmer Tatsachen. Dazu gehört eben auch, dass alle Seiten zu Wort kommen müssen. Und das sich auch die " Täter von einst", erinnern und über diese Erinnerungen reden dürfen. Ohne das gleich jemand die " Verklärungskeule" schwingt.

Viele Grüße vom Oderstrand
Uwe


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13.07.2014 09:52
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#8
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( gelöscht )

Wer sollte mir mein Recht auf Erinnerung nehmen können ? Auch wenn mich Einige zu den "Tätern von damals "zählen ,bin ich mit mir im Reinen !
Im Nachhinein kann niemand etwas ändern . Und um mir Asche aufs Haupt zu streuen , hat mich der Dienst zu sehr gefordert !
Ich hatte auch Einschränkungen in meinem Leben ,welche von Anderen verursacht wurden !
Haben "Die" sich bei mir entschuldugt ! Nun , noch nicht !

MfG FRITZE


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13.07.2014 09:54
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#9
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Recht - kann ich einklagen !
Wer nimmt das Recht in die Beuge ? Ich meine das Recht oder ist es gar eine Pflicht der Erinnerung ? Damit sowas schreckliches wie Nationalismus und Kommunismus nie wieder in Deutschland stattfindet. Also neben den Erinnerungstempeln die Seele bearbeiten. Wenn ich nur an Buchvorstellungen hier im Forum denke....
Ich erinnere mich woran ich will und wann ich will ! An Gutes, an weniger Gutes und an ganz Gutes. Persönliches und gesellschaftliches Geschehen durchaus kritisch. Aber keine Erinnerung auf Knien.
Ein Recht ist nicht automatisch gegen Missbrauch geschützt. Was ich meine, ist Gift in Wunden spucken und auf Entzündung hoffen.


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13.07.2014 09:59 (zuletzt bearbeitet: 13.07.2014 11:37)
avatar  Alfred
#10
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Zitat von ABV im Beitrag #1
Hallo Freunde!


Was ist aber mit den vielen, vielen ehemaligen Botschaftsflüchtlingen. Für die die "Wache Mitte" die erste Station auf dem Weg in die Haftanstalten darstellte.
Spontan fallen mir die beiden jungen NVA-Angehörigen ein. Die im Frühjahr 1986 die USA-Botschaft in (Ost)Berlin aufsuchten und um politisches Asyl baten. Und zu ihrer Überraschung von den Amerikanern kurzerhand vor die Tür gesetzt und den wachhabenden Volkspolizisten übergeben wurden. Inklusive der VS-Materialien, welche die NVA-Angehörigen, ein Leutnant und ein Unteroffizier, den Amerikanern als " Mitgift" servieren wollten.
Ich habe die beiden damals bewachen müssen. Später kamen zwei MfS-Männer in einem roten Lada, um die Jungs in die Normannenstraße zu bringen.
Gruß an alle
Uwe




Uwe,

mal zwei Sachen.

Für welche Botschaftsflüchtlinge stellte denn die Wache die erste Station auf den Weg in die Haftanstalten dar ?

Ich kenne dies z.B. aus den Besetzungen der Ständigen Vertretung in den 80 iger Jahren nicht. Sicher saßen die Personen dort einige Zeit fest, die Ständige Vertretung wurde auch zeitweise geschlossen. Zwischen der DDR und der BRD wurde aber immer ausgehandelt, dass die Personen STRAFFREI die StÄV verlassen durften und ihre Anträge auf Ausreise wurden entsprechend bearbeitet.

Da spielte auch der bekannte Rechtsanwalt V o g e l immer eine wichtige Rolle. Dies kann man auch bei der BStU nachlesen.

Das Personen, die z.B. Angehörige der NVA waren, eine mögliche Strafverfolgung drohte, dürfte keine Eigenheit der DDR sein.

Übrigens, in die Normannenstraße wurden die zwei Herren ganz bestimmt nicht gebracht. Für solche Fälle wurde die Magdalenen / Alfredstraße genutzt.

Ist aber nur eine Straße weiter.


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13.07.2014 10:33
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#11
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ABV

@Alfred : ich war ja nur kurze Zeit, von Januar bis April 1986, in der " Wache Mitte". Ich weiß aber aus Erzählungen von Kollegen, das einige bereits im Vorfeld, ehe sie die STÄV erreichten, "weggefangen" wurden. Für einige ging es sehr von der Wache ins Gefängnis!
Natürlich bestraft jeder Staat der Welt Militärangehörige, die unter Mitnahme geheimer Dokumente desertieren und zum "Feind" überlaufen wollen. Ich habe lediglich auf das Geschehen hingewiesen, die Aktion aber nicht bewertet.
Mir wurde damals gesagt, dass die beiden " von den Genossen aus der Normannenstraße" abgeholt werden. Alles andere ist doch eher unwichtig.
Außerdem, das man nach dir schon zu Lebzeiten eine Straße benannt hat..... Entschuldige, aber ein wenig grinsen musste ich jetzt schon. So wie andere bei meinem Verschreiber im Eröffnungsbeitrag. Als 1985 mit 1945 "verwechselte". Aber Spaß gehört dazu. Man sollte das alles nicht mehr ganz so ernst sehen.

Viele Grüße vom Oderstrand
Uwe


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13.07.2014 10:45
avatar  seaman
#12
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In Hamburg ist die Uwestrasse eine kleine Sackgasse ......

Heute haben wohl alle einen Clown gefrühstückt.

seaman


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13.07.2014 10:55
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#13
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( gelöscht )

Zitat von seaman im Beitrag #12

In Hamburg ist die Uwestrasse eine kleine Sackgasse ......

Heute haben wohl alle einen Clown gefrühstückt.

seaman


Nöö , ich hatte Lachsbrötchen ,Rüherei und selbsteingelegte Gurken !


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13.07.2014 11:02
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#14
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ABV

Zitat von seaman im Beitrag #12

In Hamburg ist die Uwestrasse eine kleine Sackgasse ......

Heute haben wohl alle einen Clown gefrühstückt.

seaman


Muss wohl am Wetter liegen@seaman. Warte mal ab was morgen für ein Frohsinn im Forum herrscht. Wenn wir alle Weltmeister sind

Gruß Uwe


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13.07.2014 11:17 (zuletzt bearbeitet: 13.07.2014 11:18)
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#15
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Liegt wohl daran, dass ich heute nicht gefrühstückt habe. Aber wer ist mit "Täter von einst" gemeint?

LG von der Moskwitschka


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