Ich glaube, man hätte nicht geschossen

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14.05.2014 13:22
#1
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"Ich war etwas unruhig" - so erlebte der damalige DDR-Grenzsoldat Peter Kaminski den Mauerfall vor 20 Jahren. Er sei von den Ereignissen "überrollt" worden, sagte Kaminski.

Joachim Scholl: Wenn wir heute die Bilder von der Nacht des 9. November anschauen, dann sehen wir unter den zahllosen überglücklichen Gesichtern immer wieder auch vereinzelte verwirrte Mienen – geschockte, irritierte DDR-Grenzsoldaten in Uniform, die ratlos in diesem Ereignis mehr oder weniger herumstanden. Im Studio begrüße ich nun Peter Kaminski. Er war 1989 Offizier der Grenztruppen der DDR, im Grenzregiment "Hanno Günther" in Groß Glienicke, zuständig für den Grenzabschnitt zwischen Staaken und Potsdam. Guten Tag, Herr Kaminski!

Peter Kaminski: Schönen guten Tag!

Scholl: Wie ging es denn dem Offizier Peter Kaminski an diesem Abend des 9. November, wussten Sie auch nicht recht, wie Ihnen geschah?

Kaminski: Also am Abend ging es mir noch gut, ich war etwas unruhig, wir hatten eine große Veranstaltung mit unseren Soldaten, Unteroffizieren, Fähnrichen und Offizieren, wo wir über die mögliche Weiterentwicklung der gegenseitigen Beziehungen gesprochen haben.

Man merkte, es war ja etwas in der DDR in Bewegung gekommen, das machte auch vor den Grenztruppen nicht halt. Ich war ja dort im Grenzregiment verantwortlich für die Ausbildung der Artelleristen. Und nach dieser Veranstaltung habe ich in dieser Nacht eigentlich Dienst gehabt, ich war sogenannter Leiter Einsatzgruppe. Das heißt, wenn es irgendwo ein Vorkommnis an der Staatsgrenze gegeben hätte, dann hätte ich einen Anruf bekommen, man hätte mir ein Fahrzeug vorbeigeschickt und hätte gesagt, wo ich hinfahren soll, um mit der Untersuchung zu beginnen.

Scholl: Es war ja an diesem Abend durchaus ein Ereignis. Wie haben Sie denn von der Grenzöffnung erfahren?

Kaminski: Na ja, das war ja dann so gegen 19 Uhr, wie wir mit der Veranstaltung fertig waren. Ich stellte nur fest, im Regiment gab es einige Besonderheiten: Es gab keine stabile Telefonverbindung, die Funkverbindungen waren ausgefallen und Fernschreiben war auch recht problematisch. Und daraufhin sagte mein Kommandeur zu mir, ich soll sofort nach Hause fahren, mich am besten gleich hinlegen, er hat so das Gefühl, er braucht mich in dieser Nacht noch.

Weiter hier:
http://www.deutschlandradiokultur.de/ich...ticle_id=144764


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14.05.2014 16:31
avatar  S51
#2
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S51

Wäre dies alles vor dem 9. Oktober 1989 und den Ereignissen in Leipzig passiert (unabhängig mal davon, das es ohne diesen Abend nicht passiert wäre), dann wären Schüsse gefallen. Da bin ich mir deshalb sicher, weil die Zweifel an der Entschlossenheit der Staatsführung erst ab diesen Ereignissen in Polizei und Armee und sicher auch im MfS laut wurden.
So jedoch hätte es zwar jederzeit aus der Unsicherheit vor Ort über Befehl oder "Nichtbefehl" zu einer Tragödie kommen können, weil jemand den Überblick verliert und durchdreht aber aus Staatsprinzip, sprich aus dem Vorrang des Gesetzes nicht mehr. NVA, GT und die Volkspolizei hatten erlebt, dass das Gesetz als oberstes Prinzip für die Staatsführung nicht mehr so absolut galt. Nicht mal für "die". Ohne derartige politische Rückendeckung aber waren Soldaten und Polizisten vor Ort praktisch verlassen, auf sich allein gestellt. Dafür schießt man nicht (mehr), denn das wäre gegen das eigene Volk gegangen und das führten wir ja im Namen.


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14.05.2014 17:03
#3
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Das ging aber schon vorher los.
Aber noch am 9. Oktober wurden von den Staatorganen in Leipzig mobile Lazarette eingerichtet, d.h. man bereitete Waffeneinsatz vor.
Der bekannte Aufruf bedeutender Leipziger (auch von der SED) gegen Gewalt, hat die Situation bekanntlich dauerhaft entschärfen können, auch weil Weisungen der SED aus Berlin ausblieben und die Staatsorgane in Leipzig deswegen zögerten.


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14.05.2014 17:20
avatar  S51
#4
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S51

Es ist eigentlich OT aber unsere Truppe (Offiziersschule der VP, Aschersleben) war seinerzeit am 09. Oktober in Leipzig dabei. Davor in Berlin (Schönhauser Allee, VPI Pankow und Blankenburger Pflasterweg sind mir durchaus ein Begriff). Mir ist weder da noch dort irgendetwas von mobilen oder sonstig eingerichteten Lazaretten bekannt. Wir sind am 9. Oktober den ganzen Tag am westlichen, nördlichen und östlichen Stadtrand von Leipzig bis Taucha herumgekurvt, waren schließlich in der BdVP und als Meldegänger zwischen BdVP und Hauptbahnhof eingesetzt. Da hat man schon einiges gesehen. Die "Technik", die eingesetzten Kräfte wie auch die Materiallager.
Ich kenne bestimmte Passagen, die seinerzeit in politischen Reden und Infobussen präsentiert wurden und werden. Von Panzern, Lazaretten und Blutkonserven aber würde aus dem eigenem Erleben und dem einer Freundin, die zur gleichen Zeit in Leipzig als Krankenschwester gearbeitet hat, alles samt und sonders unter "Propaganda" abtun. Sorry.


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14.05.2014 17:24
avatar  Alfred
#5
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Man bereitet keinen Einsatz der Schusswaffe vor.

Da bist Du nicht richtig informiert.

Es gab im entsprechenden Zeitraum verschiedenste Absprachen und Befehle.

So befanden sich z.B. am 13.Oktober 1989 Egon Krenz, Generaloberst Mittig ( MfS ) ,Generaloberst Wagner ( MdI ), Dr. Herger ( Sicherheitsfragen ZK ) und Generaloberst Streletz ( Sekretär NVR ) in Leipzig und haben mit der dortigen Bezirkseinsatzleitung die Lage beraten und Maßnahmen beschlossen.

Am selben Tag wurde dann von Honecker der Befehl 9/89 unterzeichnet.

Aber Herr Köhler ist ja auch schon mal ein Fehler unterlaufen ....

http://www.merkur-online.de/aktuelles/po...ede-489750.html


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14.05.2014 17:36
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#6
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Befehl hin oder her, ich glaube die Bereitschaft auf das Volk zu schießen nahm stetig ab. Zunächst bei Wehrpflichtigen und Zeitsoldaten aller Waffengattungen einschließlich der Grenztruppen und dem Wachregiment F. D. Während Berufssoldaten in eine Sinnkrise gerieten.

Gruß Hartmut!


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14.05.2014 17:39
#7
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Hier 2 offene Briefe an den ehemaligen Bundespräsidenten Köhler zu den Leipziger Ereignissen 1989.

http://ct.tvnva.de/archiv-68/items/brief...rn-koehler.html

http://archiv3.randzone-online.de/?p=4075


passport


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14.05.2014 17:58
#8
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Waren die eingesetzten Truppen überhaupt für unfriedliche Einsätze im Inland trainiert und ausgerüstet (Wasserwerfer, Tränengas, Gummiknüppel - und geschosse? Das Schiessen mit scharfer Munition auf eigene Staatsbürger musste ja eigentlich möglichst vermieden werden.
Theo


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14.05.2014 18:09
#9
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Zitat von eisenringtheo im Beitrag #8
Waren die eingesetzten Truppen überhaupt für unfriedliche Einsätze im Inland trainiert und ausgerüstet (Wasserwerfer, Tränengas, Gummiknüppel - und geschosse? Das Schiessen mit scharfer Munition auf eigene Staatsbürger musste ja eigentlich möglichst vermieden werden.
Theo


Das scheut doch die Kommunisten nicht http://www.17juni53.de/tote/index.html


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14.05.2014 18:13
#10
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Hallo @S51 , Angehörige von Truppenteilen werden jeher nur soweit informiert, wie das für nötig gehalten wurde.
Ebenso muß nicht jede Krankenschwester informiert werden.
Daß die Sache mit den mobile Lazarette nicht publik gemacht wurde, ist klar.
Trotzdem wurden entsprechende Aktivitäten bemerkt.
Man muß sich auch überlegen, was eine solche Probaganda seitens der Bürgerbewegung für einen Sinn gehabt haben soll.
Das hätte nur Leute davon abgehalten zu demonstrieren. D.h. sie hätten den eigenen Leuten Angst gemacht damit. Das wäre absurd
.
Außerdem hatten die Leute keinen Zugang zu den Medien.

Daß damals nichts passierte, war nicht selbstverständlich.
Entscheidend war der Aufruf gegen Gewalt und (das stelle ich gar nicht in Zweifel) die (positive) Unentschlossenheit der Staatsorgane.
Nicht zuletzt haben sich Soldaten widersetzt (einer hat mir persönlich berichtet. Ansonsten war da mal ein TV-Beitrag, wo sich Zeitzeugen, angehörige einer DDR-Spezialeinheit, über ihre "Meuterei" äußerten.


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14.05.2014 18:18
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#11
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Zitat von Harra318 im Beitrag #9
Zitat von eisenringtheo im Beitrag #8
Waren die eingesetzten Truppen überhaupt für unfriedliche Einsätze im Inland trainiert und ausgerüstet (Wasserwerfer, Tränengas, Gummiknüppel - und geschosse? Das Schiessen mit scharfer Munition auf eigene Staatsbürger musste ja eigentlich möglichst vermieden werden.
Theo


Das scheut doch die Kommunisten nicht http://www.17juni53.de/tote/index.html


Na.na alter Wolgafahrer ! Das Jahr 1989 ist nicht mit 1953 zu vergleichen !
Die Geschichte hat uns Beispiele geliefert,daß da Andere schneller mit dem Schießen waren .Schon mal etwas von Kapp oder Noske gehört ?
Wenn Du vor 1989 auch nur halb so kritisch gewesen wärest , wäre Dir nach der Wende das Bundesverdienstkreuz überreicht worden .Oder hast Du es schon ?


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14.05.2014 18:26
#12
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Zitat von FRITZE im Beitrag #11

Na.na alter Wolgafahrer ! Das Jahr 1989 ist nicht mit 1953 zu vergleichen !



Sicher war nichts. Krenz selbst lobte noch die "chinesische Lösung" im gleichen Jahr.
Aber es hätte sicherlich mehr Widerstand gegen entsprechende Befehle gegeben als 1953 - nicht zuletzt, weil die Bedingungen andere waren (seitens der Sowjetunuion und dem Friedensprozeß in Europa).


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14.05.2014 18:31
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#13
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( gelöscht )

Zitat von Freienhagener im Beitrag #12
Zitat von FRITZE im Beitrag #11

Na.na alter Wolgafahrer ! Das Jahr 1989 ist nicht mit 1953 zu vergleichen !



Sicher war nichts. Krenz selbst lobte noch die "chinesische Lösung" im gleichen Jahr.
Aber es hätte sicherlich mehr Widerstand gegen entsprechende Befehle gegeben als 1953 - nicht zuletzt, weil die Bedingungen andere waren (seitens der Sowjetunuion und dem Friedensprozeß in Europa).




Im Beitrag #7 der untere Link ! Wer lesen kann ! ?


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14.05.2014 18:53
#14
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Zitat von FRITZE im Beitrag #13

Im Beitrag #7 der untere Link ! Wer lesen kann ! ?



Dein letzter Satz mußte nicht sein.

Aber egal: Dort ist vom Herbst die Rede. Das in Peking war im Frühsommer.
Dazwischen haben sich die Umstände geändert. Wenn er vom Saulus zum Paulus wurde, dann ist das diesen Umständen zuzuschreiben.
Wie wir alle wissen, herrschte in der Führung damals mehr oder weniger Chaos - ganz offensichlich dann zur Grenzöffnung, mit ihren Mißverständnissen oben und der Passivität/Lähmung, so daß die Offiziere vor Ort selbst handeln mußten (was sie bekanntlich untadelig vollzogen).


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14.05.2014 19:03
avatar  exgakl
#15
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Zitat von eisenringtheo im Beitrag #8
Waren die eingesetzten Truppen überhaupt für unfriedliche Einsätze im Inland trainiert und ausgerüstet (Wasserwerfer, Tränengas, Gummiknüppel - und geschosse? Das Schiessen mit scharfer Munition auf eigene Staatsbürger musste ja eigentlich möglichst vermieden werden.
Theo


In Teilen der NVA wurden auf die Schnelle Lehrgänge in Polizeitaktik durchgeführt... Einheiten, die gegen Demonstranten eingesetzt wurden waren mit Schlagstöcken und Handschellen ausgerüstet....

VG exgakl


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