X

#1

Geschichtsforscher stellt sich vor

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 08.09.2013 14:44
von Geschichtsforscher | 12 Beiträge
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds Geschichtsforscher
Vip Status Ehrenmitglied
Vip Status Ehrenmitglied
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktives Mitglied des Monats
Aktives Mitglied des Monats
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal





Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Ich bin aktives Mitglied des gemeinnützigen Freundeskreises Braunschweiger Polizeigeschichte. In der Reihe unserer Veröffentlichungen planen wir zum Herbst 2014 (25 Jahre nach der Vereinigung) ein Buch mit dem Arbeitstitel „Wendezeit“, das die Erlebnisse und Erfahrungen, die Erwartungen und auch Enttäuschungen der Polizisten beiderseits der Grenze festhalten soll. Gesucht werden im Interesse der Ausgewogenheit insbesondere ehemalige Volkspolizisten. Wer sich mit einem etwa zehnseitigen bebilderten Aufsatz beteiligen möchte, ist herzlich eingeladen. Honorar können wir nicht zahlen. Wir sind ehrenamtlich tätig und verfolgen mit dem Buch keinerlei finanzielle Interessen. Wir sagen aber jedem Autor zwei kostenfreie Belegexemplare zu. Wer sich über unsere Arbeit informieren möchte, findet uns mit unserer aktuellen Publikation unter www.polizeigeschichte-miterlebt.de
Und nun zu meiner Vorstellung: Ich bin Jahrgang 1930 und habe das Polizeihandwerk von der Pike auf gelernt. Eintritt in die niedersächsische Schutzpolizei 1951, Zahlreiche Verwendungen mit Schwerpunkt Einzeldienst und Ausbildungseinrichtungen; u. a. Streifendienst und Verkehrsunfalldienst in Göttingen, Ausbilder und Fachlehrer an der Landespolizeischule, Lehrbeauftragter an der Fachhochschule, Dozent am Polizeiinstitut Hiltrup, Inspektionsleiter in Hildesheim, Planungsdezernent im Innenministerium, Leiter der Schutzpolizei in der Stadt Braunschweig sowie im Regierungsbezirk Braunschweig. Nach meinem Ausscheiden aus dem Polizeidienst wurde ich zum Regierungspräsidenten in Braunschweig berufen und anschließend als Staatssekretär mit der Polizeireform in Niedersachsen beauftragt. Seit 1995 im Ruhestand.


nach oben springen

#2

RE: Geschichtsforscher stellt sich vor

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 08.09.2013 15:41
von DoreHolm | 9.332 Beiträge | 8685 Punkte
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds DoreHolm
Vip Status Ehrenmitglied
Vip Status Ehrenmitglied
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktives Mitglied des Monats
Aktives Mitglied des Monats
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal





Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Hallo Geschichtsforscher, willkommen hier. Denke schon, daß hier einige User was beisteuern können, wenn wohl auch die Anzahl ehemaliger Polizeibeamter aus der DDR nicht sehr hoch ist.



Geschichtsforscher hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#3

RE: Geschichtsforscher stellt sich vor

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 08.09.2013 15:48
von ABV | 4.344 Beiträge | 1117 Punkte
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds ABV
Vip Status Ehrenmitglied
Vip Status Ehrenmitglied
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktives Mitglied des Monats
Aktives Mitglied des Monats
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal





Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Ein herzliches Willkommen auch von mir. Wir stehen ja bereits im regen Kontakt mit einander. Ich wünsche und hoffe, dass sich noch mehr Zeitzeugen aus dem Forum bereit erklären, bei dem sehr interessanten Projektes unseres Geschichtsforschers mitzuarbeiten.

Viele Grüße aus dem Oderland
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


nach oben springen

#4

RE: Geschichtsforscher stellt sich vor

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 08.09.2013 16:13
von Geschichtsforscher | 12 Beiträge
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds Geschichtsforscher
Vip Status Ehrenmitglied
Vip Status Ehrenmitglied
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktives Mitglied des Monats
Aktives Mitglied des Monats
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal





Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Hallo DoreHolm und ABV aus dem Oderland. Danke für die Unterstützung. Wir haben inzwischen 16 verbindliche Zusagen für das neue Projekt, davon 8 bereits fertige Beiträge, und sind überzeugt, dass wir ein lesenswertes Buch zum Jubiläumszeitpunkt vorlegen können. Die Zusagen kommen überwiegend aus dem Westen. Von den angesprochenen ehemaligen Führungskadern der Volkspolizei war bisher niemand bereit, sich zu beteiligen. Also suchen wir weiter. Aber auch weitere Zeitzeugen aus den "alten" Bundesländern sind willkommen.


nach oben springen

#5

RE: Geschichtsforscher stellt sich vor

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 08.09.2013 16:22
von Mike59 | 9.563 Beiträge | 6396 Punkte
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds Mike59
Vip Status Ehrenmitglied
Vip Status Ehrenmitglied
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktives Mitglied des Monats
Aktives Mitglied des Monats
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal





Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Willkommen im Forum und viel Glück bei der Suche.



Geschichtsforscher hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#6

RE: Geschichtsforscher stellt sich vor

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 08.09.2013 17:36
von utkieker | 2.974 Beiträge | 207 Punkte
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds utkieker
Vip Status Ehrenmitglied
Vip Status Ehrenmitglied
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktives Mitglied des Monats
Aktives Mitglied des Monats
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal





Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Hallo erstmal und herzlich Willkommen Geschichtsforscher! Niedersächsische Landespolizei hmm da war doch was? Zwei mal konnte ich als Grenzsoldaten eine Streife der NSL erleben obwohl Uniform und Fahrzeuge Anfang der 80er waren ähnlich mit dem BGS gab es auch Unterschiede aber ganz genau weiß ich das heute nicht mehr. Übrigens ein tolles Hobby, was du da fröhnst leider kann ich wenig da zu beitragen.

Gruß Hartmut!


"Die Vergangenheit zu verbieten macht sie nicht ungeschehen, nicht einmal wenn man versucht sie selbst in sich zu verdrängen"
(Anja-Andrea 1959 - 2014)


nach oben springen

#7

RE: Geschichtsforscher stellt sich vor

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 08.09.2013 19:56
von silberfuchs60 | 1.467 Beiträge | 69 Punkte
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds silberfuchs60
Vip Status Ehrenmitglied
Vip Status Ehrenmitglied
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktives Mitglied des Monats
Aktives Mitglied des Monats
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal





Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Willkommen @Geschichtsforscher und Gruß nach Braunschweig.
Bin auf Deine Beiträge gespannt.

Gruß silberfuchs60


xxx


nach oben springen

#8

RE: Geschichtsforscher stellt sich vor

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 08.09.2013 20:46
von Schmiernippel | 244 Beiträge | 2 Punkte
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds Schmiernippel
Vip Status Ehrenmitglied
Vip Status Ehrenmitglied
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktives Mitglied des Monats
Aktives Mitglied des Monats
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal





Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Hallo Geschichtsforscher, willkommen hier im Forum.
Mal wieder ein älteres, gestandenes Semester. Da können wir ja Lebenserfahrung, gepaart mit Wissen und Können erwarten. Bin gespannt.
Gruß Schmiernippel



Geschichtsforscher hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#9

RE: Geschichtsforscher stellt sich vor

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 08.09.2013 20:47
von Schuddelkind | 3.909 Beiträge | 1282 Punkte
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds Schuddelkind
Vip Status Ehrenmitglied
Vip Status Ehrenmitglied
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktives Mitglied des Monats
Aktives Mitglied des Monats
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal





Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Ich sag mal salopp: Moin Geschichtsforscher! Braunschweig ist ja gleich um die Ecke von mir, obwohl......hi,hi....da gibt es doch die alte Feindschaft zwischen Wolfenbüttel und Braunschweig......nö, viel Spaß hier im Forum!


Intellektuelle spielen Telecaster
Geschichtsforscher hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#10

RE: Geschichtsforscher stellt sich vor

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 09.09.2013 00:10
von Geschichtsforscher | 12 Beiträge
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds Geschichtsforscher
Vip Status Ehrenmitglied
Vip Status Ehrenmitglied
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktives Mitglied des Monats
Aktives Mitglied des Monats
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal





Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Feindschaft mit Wolfenbüttel? Das ist lange her. Ich erinnere mich dunkel, dass im 17. Jahrhundert die Welfenherzöge aus ihrer Residenzstadt Wolfenbüttel mehrfach vor die Tore der Stadt Braunschweig gezogen sind und diese schließlich auch erobert haben. Ich habe nachgeschaut, es war 1671. Aber das war vorgestern. Heute sind da zwei andere aufmüpfige Nachbarn, mit denen es die Braunschweiger haben. Siehe Bundesliga-Tabelle.


nach oben springen

#11

RE: Geschichtsforscher stellt sich vor

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 09.09.2013 21:22
von Fritze (gelöscht)
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds Fritze
Vip Status Ehrenmitglied
Vip Status Ehrenmitglied
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktives Mitglied des Monats
Aktives Mitglied des Monats
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal





Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Willkommen Geschichtsforscher von einem ehemaligen Grenzer und ehemaligen (Volks ) Polizisten .
MfG Fritze


nach oben springen

#12

Nichts gewusst?

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 11.09.2013 01:26
von Geschichtsforscher | 12 Beiträge
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds Geschichtsforscher
Vip Status Ehrenmitglied
Vip Status Ehrenmitglied
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktives Mitglied des Monats
Aktives Mitglied des Monats
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal





Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Hallo Thomas 48,
Die Frage, was man in der Bevölkerung von den Nazi-Verbrechen gewusst hat, lässt sich natürlich nicht generell beantworten. Aber ganz sicher stößt man dabei vielfach auf Schutzbehauptungen. Ich selbst habe meine persönlichen Erfahrungen in meinen Lebenserinnerungen festgehalten. Statt einer Antwort auf Deine Frage hier ein Ausschnitt daraus - ziemlich lang geraten, aber bei diesem komplexen Thema wohl unvermeidlich:


Nichts gewusst?

Meine Familie lebte bis zum Kriegsausbruch im Saargebiet, wie man das damals nannte. Das Gebiet hatte aufgrund des Versailler Vertrages bis 1935 unter Völkerbundsmandat und französischer Verwaltung gestanden und war nach der Saarabstimmung “heim ins Reich“ gekehrt.

Mein Vater ist dann zwischen 1935 und 1939 in die NSDAP eingetreten. Ich kenne den Grund nicht. Nahe liegend wäre es anzunehmen, dass er am Reichsberufswettkampf teilnehmen wollte. Er mag aber auch deshalb eingetreten sein, weil so viele seiner Altersgenossen, gerade im Saargebiet nach dessen rauschhafter Eingliederung, sich den Braunen zugewandt haben. Irgendwie aktiv aber war er zu keiner Zeit, weder in der Partei, noch in einer ihrer Organisationen. Und mit zunehmender Einsicht, eigentlich schon von Kriegsbeginn an, ging er auf Distanz. Es mag sein, dass auch hierbei Großvaters Einfluss eine Rolle gespielt hat.

Ich selbst habe nach dem Kriege erst mit großer Verspätung mit meinem Vater über die NS-Zeit sprechen können. Das mag zum Teil an den Reibereien während meiner emanzipatorischen Jahre, zum anderen auch daran gelegen haben, dass ich alsbald zur Polizei gegangen bin und somit nur noch gelegentlich, dann mit Frau und Kindern, meine Eltern besucht habe. Die Sprachlosigkeit war aber vor allem darauf zurückzuführen, dass das Thema auch in unserer Familie tabuisiert wurde. Ich meine heute, dass mein Vater, der sich bereits bei den ersten Wahlen des Jahres 1946 mit Erfolg für die SPD um einen Sitz im Gemeinderat bewarb, die Nazizeit, wie die meisten Angehörigen seiner Generation, ganz einfach ausgeblendet hat. Trotz einiger Anläufe ist es daher zu einer tiefer gehenden Auseinandersetzung über diese Fragen, vor allem auch zu seiner persönlichen Haltung während der NS-Zeit, nie gekommen. Nicht erst seit heute bedauere ich das. Aber es war wohl typisch für das Verhältnis dieser beiden Generationen zueinander. Zu tief saß das Schamgefühl. Die Alten wollten daher einfach nicht mehr rückwärts blicken. Und die Jungen waren froh, dass es sie nicht betroffen hatte. Die weitaus meisten hätten sich vermutlich nicht anders als ihre Väter verhalten. Helmut Kohl, wie ich Jahrgang 1930, hat das einmal die Gnade der späten Geburt genannt. So haben beide Gruppen in den Aufbauzeiten primär nach vorn geschaut, und erst die Achtundsechziger, also die nach dem Krieg Geborenen, haben Fragen gestellt. Uns reichte es wohl, davongekommen zu sein.

*

Das Magazin DER SPIEGEL berichtet von einer Arbeit des israelischen Historikers David Bankier, in der es heißt, „fast jeder Deutsche“ habe „irgendwelche Kenntnis von den Gräueltaten“ der NS-Schergen gehabt. Diese Frage beschäftigt mich seit geraumer Zeit. Weil ich mich nicht damit zufrieden geben will, dass wir Deutschen sechzig Jahre lang mit der Behauptung zu leben gelernt haben, man habe nichts gewusst, ja nicht einmal etwas geahnt. Außerdem sei Krieg gewesen, und man wisse nicht erst seit gestern, dass der Krieg die Sitten verdirbt. Schließlich seien die anderen auch nicht frei von Schuld. Man denke nur an die Verbrechen Stalins und die Zerstörung Dresdens. Zudem seien Konzentrationslager ja keine Erfindung der Deutschen, sondern der Briten gewesen – so die Einlassung vieler bis in die Gegenwart hinein, nicht nur an deutschen Stammtischen.

Rückschauend betrachtet, zeichnen sich nach meiner Wahrnehmung für diesen Zeitraum zwei Phasen ab: In den ersten dreißig Nachkriegsjahren hat der Wiederaufbau des weitgehend zerstörten und in seinen staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen völlig neu zu schaffenden Gemeinwesens alle Kräfte erfordert. Zudem sind Entsetzen, Schuld und Scham offensichtlich so übermächtig gewesen, dass die NS-Zeit auch aus solchen Gründen mehr oder weniger tabuisiert wurde. Aber selbst, als nach diesen drei Jahrzehnten, die nun herangewachsene Generation der Achtundsechziger ihren Vätern die Frage nach dem Warum stellte, blieb dies ohne nachhaltige Wirkung. Bis in die aktuellen Debatten hinein waren es in den Augen vieler die Nazis, und nicht die Deutschen, die die Welt ins Unglück gestürzt haben. Und lauter noch als vor dreißig Jahren ist heute die Forderung zu hören, doch endlich zur „Normalität“ zurückzukehren. Womit gemeint ist, dass man nicht ständig erinnert sein möchte.

Man muss daher wohl zu dem Ergebnis kommen: Drei Jahrzehnte lang hat unserer Gesellschaft mehr oder weniger weggeschaut. Man war mit anderem beschäftigt. Und dreißig weitere Jahre hat man das Verschulden zwar gesehen, aber man hat es von sich geschoben. Es waren immer die anderen - die Nazis, die SS, die Gestapo. Daran hat die offizielle Politik weder der Bonner, noch der Berliner Republik etwas zu ändern vermocht. Und nicht wenigen ist die Holocaust-Gedenkstätte, ausgerechnet an diesem historischen Platz in Berlin, heute eher ein Ärgernis, denn ein Mahnmal.

Sind dies also Zeichen der Verführbarkeit des Menschen oder rufen sie zur Wachsamkeit auf, dass sich Ähnliches niemals wiederholen darf? Werden wir vor dem Verbrechen in uns selbst gemahnt, oder vor dem verbrecherischen Tun anderer, das es für alle Zukunft zu verhindern gilt? Haben unsere Väter von dem Verbrechen gewusst, haben sie es gar als notwendiges Übel, wenn nicht noch Schlimmeres, gesehen, oder ist das Verbrechen über sie hereingebrochen?

Ich bin diese Fragen nie ganz losgeworden, weil ich schlüssige Antworten nicht gefunden habe. Schon deshalb, weil Schuld im Rechtssinne individuell zurechenbar sein muss. Eine Gesellschaft kann, strafrechtlich gesehen, nicht schuldig werden. Kollektivschuld ist unserer Rechtsordnung fremd. „Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich.“ Dieser Satz aus Richard v. Weizsäckers Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985 drückt das in zeitlos gültiger Weise aus.

Aber eine Gesellschaft hat Verantwortung. Sie ist ethischen Maßstäben verpflichtet, sie muss allen gleichermaßen ein menschen-„würdiges“ Leben möglich machen. Und wenn ein Regime dies nicht gewährleistet, ja sogar bewusst negiert, muss die Gesellschaft handeln. Das haben unsere Väter auch gewusst, und dennoch haben die meisten geschwiegen. Es ihnen heute vorzuwerfen, wäre gleichwohl töricht. Und wie würden wir wohl handeln unter denselben Umständen?

Ich selbst war bei Kriegsende vierzehneinhalb Jahre alt und besuchte als sog. Fahrschüler ein Gymnasium in Braunschweig. Zwischendurch war unsere Klasse wegen der andauernden Bombenangriffe im Rahmen der Kinderlandverschickung (KLV) nach Zellerfeld ausgelagert worden, wo wir im Johanneser Kurhaus eine Mischform aus schulischem Internat und Wehrertüchtigungslager erlebten. Einige Lehrer waren mit uns gekommen und erteilten vormittags eine Art Notunterricht, im Kern nur für jene Fächer, in denen man Hilfsmittel (Präparate, Instrumente, Apparaturen und dergl.) nicht benötigte. So blieb es im Grunde bei Deutsch, Fremdsprachen und Mathe. Alles, was nicht Unterricht im eigentlichen Sinne war, wurde von nichtschulischen Aufsichtspersonen überwacht, d. h. von kriegsversehrten Soldaten als Lagerleiter und Lagermannschaftsführer sowie HJ-Führern, die nur wenig älter waren als wir. Nachmittags ließ man uns, neben einer Stunde für die herkömmlichen Schularbeiten und etwas Sport, eine vormilitärische Ausbildung angedeihen. Denn ein Jahr später wären wir Flakhelfer und danach Soldaten geworden. Die Ausbildung spielte sich in Uniform ab. Wir waren, soweit wir das 13. Lebensjahr noch nicht vollendet hatten, im sog. Jungvolk, der uniformierten Vorstufe der Hitlerjugend (HJ) . Sobald man 14 Jahre alt war, wurde man in die HJ überführt und trug deren Uniform. Mir widerfuhr dies, wie den meisten meiner Klassenkameraden auch, Ende September 1944. Gefragt hat uns, meiner Erinnerung nach, niemand. Geweigert hat sich allerdings auch keiner. Und ich kann auch nicht sagen, dass mir dieser Akt unangenehm war. Es war eben so. Mit vierzehn kam man in die HJ.

Aber in der KLV wurde nicht nur ausgebildet. Der fast völlige Mangel an geschlossenen Einheiten für den zivilen Hilfs- und Rettungsdienst erforderte in den letzten Kriegsjahren mehr und mehr den Einsatz von HJ- und Jungvolkformationen. So sind dann auch wir zu Walddurchsuchungen, z. B. nach Flugzeugabstürzen, eingesetzt worden. Besonders belastet hat uns der einwöchige Katastropheneinsatz nach dem britischen Luftangriff auf Hildesheim vom 22. März 1945, bei dem – sechs Wochen vor Kriegsende – die gesamte Kernstadt in Trümmer gelegt worden war.

Als wir am Tage nach dem Angriff in Hildesheim eintrafen, war die Stadt in beißenden schwärzlichen Qualm gehüllt. Vereinzelt brannte es noch. Wir wurden in einer unversehrt gebliebenen Turnhalle am Ostbahnhof untergebracht. Unter Anleitung des Luftschutzes und der Technischen Hilfsdienste haben wir dann, unter ständiger Gefährdung durch Blindgänger, in den rauchenden Trümmern nach Verschütteten und nach verwertbaren Gegenständen gesucht, Keller freigelegt sowie, teilweise mit bloßen Händen, Schutt beiseite geräumt und Straßen passierbar gemacht. Nicht nur die Sprengbomben, auch die vielen abgeworfenen Brandsätze hatten große Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert, und wir haben lernen müssen, dass ein verkohlter menschlicher Körper auf fast die Hälfte der ursprünglichen Größe dieser Person zusammenschrumpft.

Diese und viele andere Opfer, die bis zur Unkenntlichkeit und auf grausigste Weise verstümmelt waren, haben wir geborgen, in Militärdecken gehüllt und auf einen freigelegten Platz verbracht, wo sie zur Identifikation ausgelegt wurden. Zu den Schreckensbildern dieser Tage gehört vor allem auch diese Szene. Ich sehe sie heute noch vor mir, die inmitten dieser stinkenden Trümmerlandschaft aufgereihten, schwärzlich verkohlten Leichen mit den bleckenden Zähnen im flammenzerfressenen Gesicht, zwischen denen verzweifelte, weinende und klagende Frauen und Kinder nach ihren Angehörigen suchen – ein apokalyptisches Bild, das man nie mehr loswird. Jahrzehnte später, als wir in Hildesheim wohnten, habe ich vergeblich versucht, diesen Platz wieder ausfindig zu machen. Die Erinnerung ist zu sehr überlagert vom Grauen dieser Szene, so dass mir markante bauliche Gegebenheiten nicht im Gedächtnis geblieben sind, sofern es solche in dieser rauchverhangenen Trümmerlandschaft überhaupt noch gegeben hatte. Ich vermute, dass es sich, schon der zentralen Lage wegen, um den Markt gehandelt hat.

Der Einsatz hat uns, wie konnte es anders sein, damals nachhaltig beeindruckt. Natürlich hat das Geschehen unseren Zorn entfacht gegenüber denjenigen, die diese systematischen militärischen Vernichtungsaktionen befohlen und durchgeführt hatten. Aber wir haben, das erinnere ich ziemlich sicher, auch über Ursachen und Hintergründe gesprochen. Die Frage, wie so etwas hatte geschehen können, drängt sich naturgemäß auch Vierzehnjährigen auf, zumal Schuld und Verantwortung Themen des, wenngleich höchst einseitigen, Unterrichts waren. Und dass die Engländer hier womöglich nur Vergeltung für begangenes Unrecht übten, war auch für uns ein durchaus nahe liegender Gedanke, zumal die Euphorie der Anfangsjahre längst einer von Verzweiflung, Angst und Friedenssehnsucht geprägten Nachdenklichkeit gewichen war. Das Volk war kriegsmüde geworden angesichts der zahllosen Opfer an der Front und des zermürbenden Bombenkrieges. Terrorangriffe nannte die NS-Propaganda diese zielgerichteten Vernichtungsakte gegenüber der Zivilbevölkerung, und es gab kaum jemanden, der dies anders empfunden hätte. Parallel zu dieser Wut aber mehrten sich die Zweifel - auch am System, das uns in diese Lage gebracht hatte. Über NS-Verbrechen wurde, schon im Hinblick auf die drakonischen Strafen für die „Zersetzung des Wehrwillens“, vielfach nicht einmal im Familienkreis gesprochen. Zu stark auch war der Glaube an den Führer und dessen Unfehlbarkeit. Und wenn vereinzelt irgendwo Verbrecherisches durch deutsche Hand geschehen sein sollte: Der Führer hat es ganz bestimmt nicht gewusst, die Feindpropaganda wird es aufgebauscht haben, und schließlich war Krieg – ein Krieg, bei dem es um alles ging. Hatte nicht der amerikanische Finanzminister Morgenthau angekündigt, man werde die Deutschen nach dem Sieg der Alliierten von jeder höheren Bildung ausschließen und aus dem Land einen Kartoffelacker machen?

Dennoch: Gewusst oder zumindest gespürt haben damals selbst wir Vierzehnjährigen schon etwas von den Verbrechen. Wie viel und wie konkret, das habe ich im Dezember 2004, nach sechzig Jahren, meine ehemaligen Klassenkameraden gefragt, von denen sich einige alljährlich um diese Zeit bei Hermann E. einfinden. Die meisten waren damals auch mit in der KLV.

Die Frage hat zunächst überrascht und ein betretenes Schweigen ausgelöst. Dann zeigte sich die übliche Verneinung, vereinzelt sogar Entrüstung, aber auf mein Nachfassen hin neigte sich die Waage schließlich doch, bis letztlich nahezu alle bekundeten, etwas gewusst, zumindest aber ein mehr oder weniger indifferentes Gefühl gehabt zu haben, dass damals Unrecht im Spiele war.

Auslöser dafür, dass die Gedächtnislücken sich lichteten, war wohl auch mein Hinweis, jeder von uns habe doch gewusst, wie es um Hans-Martin Bs. Vater gestanden habe und was mit Hans-Martin selbst damals geschehen sei. Das konnte nun wirklich niemand in Abrede stellen, und Hans-Martin, der anwesend war, hat dann seine Geschichte noch einmal skizzenhaft in Erinnerung gerufen:

Martins Vater war Pastor in Alvesse bei Braunschweig. Er hatte sich einer Nachbarin gegenüber kritisch zur Politik Hitlers geäußert, war von ihr denunziert und dann ohne Gerichtsverhandlung seit 1938 in sog. Schutzhaft genommen, d. h. in Konzentrationslagern weggesperrt worden - zuletzt in Dachau, wo man gegen Ende des Krieges oppositionelle Geistliche (unter vielen anderen auch Pastor Niemöller) zusammengefasst hatte. Ebenfalls im KZ befand sich seit Jahren der Vater eines zweiten Klassenkameraden, Pastor A. aus dem benachbarten Timmerlah. Dieser war von einem Hitlerjungen wegen seiner, auch von der Kanzel herab geäußerten Regimekritik angezeigt worden. Beide Pfarrer überlebten, Pastor A. nahm sich nach seiner Rückkehr vor allem der Sinti und Roma an, was ihm, eher abfällig gemeint, den Namen Zigeunerpastor eintrug. Wirklich rehabilitiert wurde er erst Jahrzehnte später im Rahmen eines Timmerlaher Siedlungsprojekts. Dort trägt seit 2004 eine der neuen Straßen seinen Namen.

Die Dachauer Geistlichen sind im Frühjahr 1945 von den Nazis entlassen worden. Man kann nur vermuten, dass sich die Machthaber nicht auch noch mit der Tötung dieser Gruppe belasten wollten. So ist dann Pastor B. noch kurz vor Kriegsende nach Hause gelangt und hat sich zunächst verborgen gehalten. Ausgerechnet sein Pfarrhaus haben die Amerikaner nach ihrem Einzug trotz seiner Proteste als Kommandantur beschlagnahmt. Später hat Pastor B. wieder seine Pfarrei übernommen.

Wir in unserer Klasse wussten davon, dass beide Pastoren im Konzentrationslager waren. Und dass es sich bei ihnen nicht um Kriminelle handeln konnte, war auch uns Vierzehnjährigen klar. Diese Problematik ist uns besonders deutlich geworden im Zusammenhang mit einem ganz ungewöhnlichen Ereignis, als nämlich Martin B. zur Vorweihnachtszeit 1944 in einem Anfall von Zorn und Verzweiflung vor uns allen ein Hitlerbild von der Wand gerissen und mit den Füßen zertreten hatte – ein Verhalten, das bei einem Erwachsenen mit Sicherheit eine hohe Strafe, vermutlich sogar die Todesstrafe nach sich gezogen hätte. Aber auch bei einem Vierzehnjährigen musste mit drastischen Sanktionen, zumindest mit einem Schulverweis, einer Jugendstrafe und der Einweisung in eine Besserungsanstalt, gerechnet werden.

Geschehen aber ist nichts. Lehrer und Lagerleitung behielten die Sache für sich, und auch aus der Schülerschaft ist offensichtlich nichts nach draußen gedrungen. Dabei mag auch eine Rolle gespielt haben, dass bald nach dem Geschehen die Turbulenzen der Endphase einsetzten und das Lager Ende März 1945 aufgelöst wurde. Der Lagerleiter, der uns zuletzt noch auf den bewaffneten Kampf vorbereiten sollte, erklärte: „Jungs, für euch ist der Krieg zu Ende. Seht zu, dass ihr rechtzeitig nach Hause kommt.“ Und da Hermann E. durch seines Vaters Hilfe plötzlich über einen Lkw verfügte, sind wir noch problemlos und vor den Amerikanern in Braunschweig eingetroffen. Ich selbst habe dann wohl einen der letzten Züge von Braunschweig nach Twülpstedt erwischt. Als mein Vater, der noch zum Volkssturm nach Goslar eingezogen worden war, nach Auflösung seines Verbandes versuchte, mich in Clausthal ausfindig zu machen, erfuhr er nur, dass das KLV-Lager ebenfalls bereits aufgelöst war und die Kinder nach Hause geschickt worden seien. Er ist dann wenige Tage nach mir in Twülpstedt angekommen, wurde aber zunächst von den Amerikanern als ehemaliger Soldat aufgegriffen und in Gefangenschaft gesetzt.

Vor diesem Hintergrund ist uns bei dem Klassentreffen nach sechzig Jahren bewusst geworden, dass wir alle sehr wohl Kenntnisse hatten – durchaus auch von Unrechtstatbeständen vielfältigster Art. So wussten wir auch, dass unser Klassenkamerad Jochen B. wegen fehlender arischer Abstammung (sog. Halbjude) untergetaucht war. Als er eines Tages ohne Ankündigung fehlte, begann sofort das Tuscheln, ob man die Familie inhaftiert habe. Dann aber wurde hinter vorgehaltener Hand verbreitet, es sei geraten, über Jochens Verschwinden nicht allzu viel zu reden. Woran sich dann auch alle hielten. Jochen war gleichsam aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen worden und hat irgendwo auf dem Dachboden überlebt.

Die Existenz und Bedrohlichkeit von Konzentrationslagern ist mir persönlich aber auch aus anderen Zusammenhängen geläufig gewesen. So erinnere ich mich, dass man sich in Twülpstedt unverhohlen und durchaus nicht nur zustimmend darüber unterhielt, dass Renate R. „abgeholt“ worden war, weil sie nach dem 20. Juli 1944 gesagt hatte: „Schade, wenn das Attentat geglückt wäre, hätten wir unsere Männer wieder.“ Sie war, erzählte man sich hinter vorgehaltener Hand, von ihrem eigenen Schwiegervater denunziert worden. Der Volksmund wusste auch den Grund: Der Alte hatte vergeblich versucht, ihr an die Wäsche zu gehen. Und dass Wilhelm H., ein Schmiedegeselle aus dem benachbarten Rümmer, bereits seit den dreißiger Jahren einsaß, nur weil er Kommunist war, wusste man auch. Von ihm wurde ganz offen berichtet, in einem seiner wenigen Briefe aus dem KZ Buchenwald an seine Mutter habe er geschrieben: „Die Sonne scheint sehr heiß hier, aber ich bin immer noch nicht braun geworden.“

In meinem Gesichtskreis ist es also ganz offensichtlich so gewesen, dass man zwar den NS-Staat bejahende, aber auch durchaus kritische Stimmen hören konnte. In unserer Familie herrschte, vor allem bedingt durch Großvaters unerschrockene Art, eine eher skeptische und im Verlaufe des Krieges zunehmend ablehnende Einstellung. Hatte er die militärischen Anfangserfolge, schon aus einer weit verbreiteten Anti-Versailles-Haltung heraus, zunächst mit Genugtuung zur Kenntnis genommen und täglich auf einer Lagekarte nachgezeichnet, so begann er etwa ab der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad Feindsender abzuhören, ohne allerdings darüber auch nur ein Wort gegenüber Dritten zu verlieren. Auch mit mir hat er, wenn ich einmal aus der KLV nach Hause kam, nur in Andeutungen gesprochen.

Dieses Bild wurde vor allem auch durch eigene Anschauung überlagert. Denn wir wohnten in einer Werkswohnung der Zuckerfabrik und mussten alljährlich zu Beginn der Kampagne mit ansehen, in welch erbarmungswürdigem Zustand halb verhungerte, mehr oder weniger zerlumpte Lagerinsassen (Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter) in Viehwaggons als Kampagnearbeiter herbeigeschafft wurden, wobei zumeist einige der Inhaftierten so geschwächt waren, dass sie den Transport nicht überlebten. Die sind dann einfach aus dem Waggon gekippt und auf Schubkarren abtransportiert worden. Das Wort „unmenschlich“ ist dabei nicht nur einmal gefallen. In übler Erinnerung ist mir noch, dass diese beklagenswerten, ausgemergelten Gestalten den bei uns produzierten Rohzucker förmlich in sich hineinstopften – mit der Folge, dass sie nach wenigen Tagen über und über mit dicken Geschwüren übersät waren.

Parallel zu alledem verdichtete sich das Bild zunehmender Inhumanität noch durch umlaufende Gerüchte und mehr oder weniger offene Berichte von Vorkommnissen, an deren Rechtswidrigkeit kein Zweifel sein konnte – etwa von behinderten Kindern, die im Nachbarort Velpke interniert und irgendwelchen Menschenversuchen ausgesetzt waren, oder von Bomberpiloten, die noch am Fallschirm hängend, abgeschossen worden waren. Auch Leo, der Bruder meines Vaters, der kriegsbedingt in Salzgitter tätig war, hatte mehrfach von schlimmen Zuständen in Drütte (KZ-Außenstelle) erzählt. Und Josef P., der Bruder meiner Mutter, als Berufssoldat an nahezu allen Fronten eingesetzt, vielfach verwundet, hoch dekoriert und in letzter Minute, am 28. April 1945, bei Dessau-Rosslau doch noch gefallen, war mehrfach im Laufe des Krieges auf Heimaturlaub gekommen und hatte von Ereignissen im besetzten Ausland berichtet, die in meiner Familie Entsetzen auslösten und regelmäßig dazu führten, dass ich vor die Tür geschickt wurde.

Es kann mithin nicht der geringste Zweifel daran sein - und meine Klassenkameraden mit ihrem teilweise etwas anders gelagerten Erfahrungshorizont bestätigen das heute auch - dass selbst wir Jugendlichen viel von dem Unrecht dieser Zeit gewusst haben. Dieses Wissen bezog sich auch auf Tatbestände, die selbst nach dem Rechtsverständnis eines Vierzehnjährigen mit der zunehmenden Brutalität des Krieges nicht gerechtfertigt werden konnten, sondern schlicht unmenschlich waren. Und ich bin sicher, dass das persönliche Umfeld, in das ich damals hineingestellt war, nicht etwa über besondere Einblicke verfügte, sondern nur das wusste, was im Grunde jeder gehört hat, wenn er denn hören wollte.

Die Antwort auf die Ausgangsfrage kann nach meiner Erinnerung daher nur Ja heißen. Der Autor, auf den der SPIEGEL abhebt, hat Recht. Man wusste, nicht alles, nicht alle Einzelheiten, nicht das ganze Ausmaß des Grauens, aber man hatte Kenntnisse, die weit über bloße Gerüchte oder etwa feindliche Propaganda hinausgingen. In der ungeheuren Mobilität und Durchmischung dieser Jahre hatte jeder, buchstäblich jeder Kontakt zu Menschen, die in ganz Europa herumgekommen waren. Und jeder hatte durch eigenes Erleben oder durch Schilderungen anderer Kenntnis von dem, was mit Juden, Zigeunern, Ostvölkern, mit der Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten, im Partisaneneinsatz, im Rahmen der Euthanasie und bei all den anderen Anlässen geschah, bei denen „lebensunwertes Leben“ beseitigt, „eine Brotkarte mehr“ geschaffen oder Menschen einfach „verheizt“ wurden.

Denn solche Begriffe und Formulierungen gehörten zum allgemeinen Sprachgebrauch, manche sogar bis heute. Wurden sie einfach nur nachgeplappert, und niemand hat nach ihrem Inhalt gefragt? Und haben wir im Jungvolk etwa nicht den Refrain gesungen: „Blut, Blut, Blut muss fließen, knüppelhageldick. Wir pfeifen auf die Freiheit der Judenrepublik?“ Habe ich die Melodie, die mir heute noch gegenwärtig ist, nur geträumt?

Noch einmal: Man wusste nicht alles. Aber man wusste sehr viel mehr, als man hinterher zuzugeben bereit war. Wer lässt sich schon vorwerfen, er habe mit Verbrechern gemeinsame Sache gemacht?


Rainman2, seaman, furry, Udo, ABV, Rostocker, chantre, exgakl, Schuddelkind, DoreHolm, schulzi, Zaunkönig, hardi24a, Hans und frankotto haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#13

RE: Nichts gewusst?

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 11.09.2013 02:21
von Rainman2 | 5.851 Beiträge | 811 Punkte
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds Rainman2
Vip Status Ehrenmitglied
Vip Status Ehrenmitglied
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktives Mitglied des Monats
Aktives Mitglied des Monats
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal





Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Hallo Geschichtsforscher,

eine beeindruckende Vorstellung. Danke und herzlich willkommen im Forum!

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


Geschichtsforscher hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#14

RE: Nichts gewusst?

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 11.09.2013 03:44
von seaman | 3.488 Beiträge | 48 Punkte
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds seaman
Vip Status Ehrenmitglied
Vip Status Ehrenmitglied
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktives Mitglied des Monats
Aktives Mitglied des Monats
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal





Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Geschichtsforscher,

ich möchte mich für diesen Beitrag bedanken!!

Herzlich Willkommen!

seaman


Geschichtsforscher hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 11.09.2013 03:52 | nach oben springen

#15

RE: Nichts gewusst?

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 11.09.2013 04:06
von schulzi | 2.197 Beiträge | 2431 Punkte
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds schulzi
Vip Status Ehrenmitglied
Vip Status Ehrenmitglied
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktives Mitglied des Monats
Aktives Mitglied des Monats
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal





Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Hallo Geschichtsforscher bin sehr beeindruckt von deinen Berichten.Da mein Vater 30 Jahre bei der VP war kann ich Dir vieleicht auch etwas weiterhelfen.Bin dazu gern bereit Schulzi


Geschichtsforscher hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#16

RE: Nichts gewusst?

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 11.09.2013 07:02
von furry | 4.752 Beiträge | 6613 Punkte
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds furry
Vip Status Ehrenmitglied
Vip Status Ehrenmitglied
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktives Mitglied des Monats
Aktives Mitglied des Monats
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal





Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

@Geschichtsforscher, herzlichen Dank für Deinen Beitrag.


"Es gibt nur zwei Männer, denen ich vertraue: Der eine bin ich - der andere nicht Sie ... !" (Cameron Poe)
Geschichtsforscher hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#17

RE: Nichts gewusst?

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 11.09.2013 08:08
von ABV | 4.344 Beiträge | 1117 Punkte
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds ABV
Vip Status Ehrenmitglied
Vip Status Ehrenmitglied
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktives Mitglied des Monats
Aktives Mitglied des Monats
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal





Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

In wie weit die Deutschen während der Nazizeit über die Verbrechen des Regimes Bescheid wussten, kann ich natürlich nicht sagen. Zumindest hatten jedoch einige geahnt, dass da einige schlimme Dinge passieren. Für die sich die Deutschen früher oder später verantworten müssen.
Mein Opa hat mir einmal erzählt wie in seinem zwanzig Kilometer östlich Küstrins gelegenen Heimatort, im heutigen Polen, Plakate mit der Aufschrift " Der Jude ist unser Unglück" an die Wände geklebt wurden. Das muss so um das Jahr 1938 gewesen sein. Die Leute in dem Ort nahmen die Aktion mehr oder weniger verständnislos hin. Bis auf einem Bauern. Der sagte: " Ihr müsst das Plakat richtig lesen. Nicht der Jude ist unser Unglück, sondern die Art wie wir mit den Juden, die ja unsere Mitbürger sind, zurzeit umgehen. Dafür werden wir alle eines Tages bitter bezahlen müssen." Die meisten haben darauf mit den Schultern gezuckt. Schon ein paar Jahre später bezahlten sie mit dem Verlust ihrer Heimat, manche auch mit ihrem Leben, für den verbrecherischen Zweiten Weltkrieg. Und nicht zuletzt für den Umgang mit ihren jüdischen Mitbürgern.

Gruß an alle
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


Geschichtsforscher und CAT haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#18

RE: Nichts gewusst?

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 11.09.2013 08:16
von Rostocker | 8.782 Beiträge | 5462 Punkte
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds Rostocker
Vip Status Ehrenmitglied
Vip Status Ehrenmitglied
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktives Mitglied des Monats
Aktives Mitglied des Monats
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal





Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

@Geschichtsforscher,ein interessanter und beeindruckender Beitrag.


Geschichtsforscher hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#19

RE: Nichts gewusst?

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 11.09.2013 09:07
von chantre | 468 Beiträge | 343 Punkte
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds chantre
Vip Status Ehrenmitglied
Vip Status Ehrenmitglied
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktives Mitglied des Monats
Aktives Mitglied des Monats
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal





Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

@Geschichtsforscher Dein Beitrag hat mich zutiefst beeindruckt und bestätigt meine eigenen Erfahrungen. Auf die Gegenwart bezogen kann man viele Parallelen ziehen.
Ich empfinde Deinen Beitrag als Höhepunkt in einem Forum, daß sich in letzter Zeit immer mehr mit "flachen" Themen zufrieden geben mußte. Bitte bleibe uns recht lange erhalten.
Ich selbst war von 1970 bis 1992 im Polizeidienst, erst bei der Schutzpolizei Trapo, später dann in verschiedenen Funktionen bei der Trapo (K).
Vielleicht kann ich Dir auch weiterhelfen.


Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger. Kurt Tucholsky
Weisheit hat Grenzen, Dummheit nicht. Stefan Rogal
seaman und Geschichtsforscher haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#20

RE: Nichts gewusst?

in Vorstellung neuer Zeitzeugen im Forum DDR Grenze 11.09.2013 09:13
von exgakl | 7.626 Beiträge | 1827 Punkte
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds exgakl
Vip Status Ehrenmitglied
Vip Status Ehrenmitglied
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktiv seit min. 5 Jahren im Forum
Aktives Mitglied des Monats
Aktives Mitglied des Monats
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal





Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Vielen Dank für Deinen Beitrag und herzlich willkommen hier bei uns im Forum....

VG exgakl


Man sollte niemanden mit Tatsachen verwirren, der sich seine Meinung schon gebildet hat....


Geschichtsforscher hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen



Besucher
28 Mitglieder und 72 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: Pat1967
Besucherzähler
Heute waren 1547 Gäste und 127 Mitglieder, gestern 2432 Gäste und 169 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 15675 Themen und 662888 Beiträge.

Heute waren 127 Mitglieder Online:


Besucherrekord: 589 Benutzer (24.10.2016 20:54).

Xobor Ein eigenes Forum erstellen