Gefängnisausbruch von Frankfurt (Oder)

Im September 1981 ereignete sich der in der damaligen Bezirksstadt Frankfurt (Oder), der wohl spektakulärste Gefängnisausbruch in der Geschichte der DDR. Unter der Führung von Andre Baganz, einen zu der Zeit ungefähr zwanzig Jahre alten Sohn einer Deutschen und eines Afrikaners, war es drei Häftlingen der Untersuchungshaftanstalt Frankfurt (Oder) zunächst die Flucht gelungen. Begünstigt wurde die Flucht durch unglaubliche Sicherheitsmängel und Schlamperei seitens des Gefängnispersonals. Zunächst konnte das Trio, während einer routinemäßigen Zellenbegehung, zwei Wärter überwältigen und ihnen die Schlüssel abnehmen. Ungehindert gelangten die Ausbrecher in den Innenhof. Dort lockten sie unter einem Vorwand den Posten vom Turm. Widerstandslos übergab der völlig überrumpelte Turmposten den Ausbrechern seine Maschinenpistole. Anschließend erzwangen sie die Öffnung des Außentors.

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ehemalige UHA Frankfurt (Oder)

Mit einem Wärter als Geisel, spazierten die Ausbrecher nach draußen. Als sie in den Privat-PKW der Geisel steigen wollten, näherte sich ein Funkstreifenwagen der Volkspolizei. Von den Ausbrechern unbemerkt, war es einem Wärter gelungen, \" stillen Alarm\" auszulösen. Der Alarm lief in dem nur wenige hundert Meter entfernten VPKA Frankfurt (Oder) ein. Man kann davon ausgehen, dass die Funkstreifenwagenbesatzung den Alarm nicht sonderlich ernst nahm. Erst bei der Annäherung, Angesichts der sich im Würgegriff befindlichen Geisel und den bewaffneten Ausbrechern, erkannten die in solchen Dingen absolut unerfahrenen Volkspolizisten den Ernst der Lage. Hektisch wendete der Fahrer den Streifenwagen. In diesem Moment gab Andre Baganz, einen gezielten Schuss aus der Maschinenpistole auf das Polizeifahrzeug ab. Das Projektil durchschlug die Heckscheibe. Wie durch ein Wunder, erlitt keiner von drei sich im Streifenwagen befindlichen Volkspolizisten irgendwelche Verletzungen.

In diesem Moment erschien zu Fuß, der ebenfalls alarmierte VP-Hauptwachtmeister R. am Ort des Geschehens. Der als Judotrainer fungierende, durchtrainierte Volkspolizist, nahm sofort den Kampf mit Baganz auf. Mutig und entschlossen, versuchte er dem Verbrecher die Maschinenpistole zu entreißen. Bei dem Handgemenge rutschte die Dienstwaffe von R. aus dem Holster. Nur noch von der Fangschnur gehalten, baumelte sie vor dem Körper des Polizisten. Da nutzte einer der anderen Ausbrecher aus. Blitzschnell riss er die Pistole ab, lud durch und schoss dem Polizisten in den Bauch. Trotz seiner schweren Verletzungen , wurde VP-Hauptwachtmeister R. ebenfalls als Geisel genommen. Die Ausbrecher setzte ihre Flucht bis zu einem, direkt an der Zufahrt zum Grenzübergang Frankfurt (Oder)-Slubice gelegenen Hochhauses fort. Dort verschanzten sie sich, gemeinsam mit den zwei Geiseln, in der Wohnung des Hausmeisters. Der als einer der wenigen, über einen Telefonanschluss verfügte.

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[i]in diesem Hochhaus verschanzten sich die Ausbrecher

In zähen Verhandlungen forderten die Ausbrecher, die Bereitstellung eines Fluchtwagens. Und die ungehinderte Ausreise nach Westberlin. Erst nach Stunden gestatten die Ausbrecher, dass sich ein Arzt um den schwer verletzten, inzwischen kaum mehr ansprechbaren Volkspolizisten kümmerte. Einen Transport ins Krankenhaus, lehnten die Ausbrecher jedoch ab.
Wenig später erschien eine \"Antiterroreinheit\" des MfS aus Berlin, in Frankfurt (Oder). In einem blitzschnellen Zugriff wurden die Ausbrecher überrumpelt.
VP-Hauptwachtmeister R. konnte endlich ins Krankenhaus eingeliefert. Wo der Familienvater jedoch einige Wochen später, unter unvorstellbaren Qualen verstarb.

Die drei Ausbrecher wurden vom Bezirksgericht Frankfurt (Oder) zu hohen Haftstrafen verurteilt. Obwohl Andre Baganz den letztendlich tödlichen Schuss auf den Polizisten gar nicht abgegeben hatte, erhielt er als einziger eine lebenslange Haftstrafe. Diese verbüßte er, zunächst jahrelang in Einzelhaft, in der Strafvollzugseinrichtung Bautzen II. 1991 wurde Baganz aus der Haft entlassen.

Für einige der beteiligten Gefängniswärter zog der Ausbruch bittere Konsequenzen nach sich. Sie wurden wegen erheblicher Verstöße gegen die Dienstvorschriften, \" aus den Reihen der Volkspolizei entfernt\". Ungeschoren kamen aber auch die Funkstreifenwagenbesatzung nicht davon. Hatten doch die drei Polizisten, aus einem sicheren Versteck aus, den Kampf zwischen R. und Baganz beobachtet. Bei einem rechtzeitigen Eingreifen, wäre der Ausbruch womöglich schnell und vor allem unblutig zu Ende gegangen. Für ihre \"Feigheit\", erhielten alle drei Polizisten später einen \" strengen Verweis\". Gerechterweise muss man ihnen jedoch zu gute halten, möglicherweise wegen des von Baganz abgegebenen Schusses unter Schock gestanden zu haben.
Andre Baganz veröffentlichte viele Jahre später, unter dem Titel \" Lebenslänglich Bautzen II\" , ein Buch. In diesem Buch schildert er die Ereignisse um den Ausbruch und die nachfolgende Haftzeit. Dabei behauptet Baganz, \"von der Staatssicherheit vergiftet worden zu sein\". Angeblich wäre er, in Abständen, immer wieder von MfS-Mitarbeitern zu Gesprächen aus der Zelle geholt worden. Während der Gespräche, wurden ihm immer wieder Speisen und Getränke angeboten. Regelmäßig nach seiner Rückkehr in die Zelle, hätte Baganz darauf unter heftigen Magenbeschwerden gelitten. Ein nach der Wiedervereinigung diesbezüglich von der Kriminalpolizei geführtes Ermittlungsverfahren, wurde ohne Ergebnis eingestellt.

Link zum RBB-Beitrag http://www.rbb-online.de/theodor/archiv/20131117_1832/Geiselnahme.html

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