#61

RE: Eine Reise an die deutsch-polnische Grenze

in Mythos DDR und Grenze 19.07.2013 22:11
von ABV | 4.202 Beiträge

Ich hatte das ganze Wochenende Tagdienst. Der geht von 06:00 Uhr-18:00 Uhr, so dass ich weder Zeit noch Bock auf " Bunten Hering" hatte.
Was das Feiern angeht: An Pleiten, Pech und Pannen, haben sich die Frankfurter mittlerweile gewöhnt. Deswegen verzchtet keiner aufs Feiern. "Nur" weil mal wieder eine Ortsansässige Firma die Produktion eingestellt hat.

Gruß Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


nach oben springen

#62

RE: Eine Reise an die deutsch-polnische Grenze

in Mythos DDR und Grenze 28.07.2013 18:39
von UGI | 19 Beiträge

Ahoi miteinander,
nun als ich hier dieses Thema betrat, dachte ich das ich ein wenig mehr zum Alltag und den heutigen Restspuren der Grenze zur VR-Polen erfahren könnte, leider verhaspelt man sich immer wieder in die "Neuzeit" und kommt eigentlich kaum zur eigentlichen Thematik - aber nett zu erfahren das in Polen der Sprit viel günstiger ist ...

Nun ich selbst kenne ja die Grenzübergange aus dem Bereich der GÜST / Wasser als Schiffer und hab da schon mal das eine oder andere zusammentragen können - bislang wissen ja nicht mal mehr einige, wo die tatsächlichen Grenzkontrollpunkte waren ... (außer bei PKW)

Ich hätte gerne mal mehr erfahren vom KPP / GÜST Mescherin - Gryfino (Wasser-Güst), wie lief da die Kontrolle ab ?
(gemeinsam oder getrennt / zweimalige Kontrolle oder nur in einem Grenzpunkt / per Landgang oder Kontrollboot ...)

Desweiteren bin ich auf der Suche nach Fotos, welche den GÜST-Wasser / Widuchowa auf der deutschen Oderseite zeigt, da es ja dort eigentlich keine Ortschaft gibt, kamen die Grenz- und Zollkollegen immer mit dem Boot aus Garz/Mescherin ...

Wie / wo war die Grenzkontolle in Hohensaaten für talwärtskommende (aus den Häfen der polnischen Warthe kommend) Schiffseinheiten mit Fahrtziel Transit BRD / Westberlin geregelt ..

Vielleicht gibt es ja hier noch Kollegen, die da im Einsatz waren ... oder kann hier der "Oder-Fotograf" weiterhelfen ?

Hab da mal eine Übersicht der GÜST-Wasser in der DDR für die Binnenschifffahrt zusammengestellt...
Bei Interesse - hier der Link: http://www.ddr-binnenschifffahrt.de/historie-grenzen.htm

Beste Grüße Ottocar


nach oben springen

#63

RE: Eine Reise an die deutsch-polnische Grenze

in Mythos DDR und Grenze 28.07.2013 19:41
von RalphT | 878 Beiträge

Hallo,

zu diesem Thema kann ich auch eine Kleinigkeit beitragen. Damals als die Grenzkontrollen noch durchgeführt worden sind, war der Grenzverkehr kein Problem. In Görlitz bin ich immer über die neue Fußgängerbrücke rüber nach Polen, um in der Dreiradermühle mal eben ein schönes gemütliches Bier zu trinken. Am Ende der Brücke freundlich Guten Tag gesagt, Perso gezeigt und der freundliche Beamte ließ durch. Keine Gängeleien an der Grenze, alles sehr freundlich.
Hier im Anhang noch drei Fotos aus dem Jahr 2012. Ein Foto zeigt die Dreiradermühle von der Brücke aus gesehen, das andere Foto zeigt das Häuschen der polnischen Zöllner und das hochmoderne Telefon. So wie das Ding aussieht, kann das bestimmt auch schon VoIP.

Angefügte Bilder:
ABV hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#64

RE: Eine Reise an die deutsch-polnische Grenze

in Mythos DDR und Grenze 30.07.2013 11:36
von ABV | 4.202 Beiträge

Die Kontrollmaßnahmen an der Grenze zwischen der DDR und Polen, im Frühherbst 1989
am Beispiel des VPKA Seelow



Um den 20. September herum, geriet auch das VPKA Seelow in den Strudel der Wendeereignisse. Die stetig steigende Fluchtwelle aus der DDR, nahm ihren Weg nicht mehr allein über die Grenze zur CSSR. Sondern seit kurzem auch über die Oder und Neiße hinein ins benachbarte Polen.
In einer eilends einberufenden Dienstversammlung im Schulungsraum des VPKA, erfuhren die Abschnittsbevollmächtigten des Kreises Seelow, aus dem Mund des Amtsleiters,Oberstleutnant der VP Nieland, welche Brisanz die Lage an der Staatsgrenze zur Republik Polen mittlerweile angenommen hatte. Vierzig Kilometer davon gehörten zum Verantwortungsbereich des VPKA Seelow. Für den Schutz dieser Staatsgenze waren naturgemäß die Grenztruppen der DDR verantwortlich. Diese zeigten sich jedoch, sowohl personell noch technisch nicht in der Lage, die enstandene Situation in den Griff zu bekommen. Am Vormittag hatte der Operativoffizier des Volkspolizeikreisamtes Seelow gemeinsam mit dem zuständigen Unterabschnittskommandeur der Grenztruppen, über gemeinsame Maßnahmen an der Staatsgrenze zu Polen beraten. Fürs erste sollte die Volkspolizei an besonders gefährdeten Bereichen, Präsenz zeigen. „Angriffe auf die Staatsgrenze“ wurden immer dort befürchtet, wo eine Straße direkt an die Oder führte. Beispielsweise in Kienitz, Sophiental, Kietz und Reitwein. Vor allem jedoch zwischen Lebus und dem nördlichen Stadtrand von Frankfurt (Oder). Im Bereich der vielbefahrenen Fernverkehrsstraße 112. Gerade dort war es tatsächlich in den vergangenen Tagen und Nächten zu mehreren Festnahmen gekommen. Die Kapazität der Gewahrsamszellen reichte kaum aus, um die Festgenommenen bis zur Vernehmung durch die Kriminalpolizei und der weiteren Entscheidung durch Staatsanwalt und Gericht, unterzubringen. Von nun hatte ständig, rund um die Uhr, mindestens ein Kriminalpolizist in der Dienststelle anwesend zu sein. Vernehmungen fand in dieser verrückten Zeit, regelrecht „ am Fließband“ statt. Ständig mussten sich zwei Schutzpolizisten bereithalten, um die Festgenommenen von der Oder ins VPKA zu transportieren. Der Streifenwagen stand zu keinem anderen Zweck mehr zur Verfügung!
Den Abschnittsbevollmächtigten fiel die Aufgabe zu, täglich mehrere Stunden, an einem der genannten, „ gefährdeten Sektoren“, Streife zu laufen. Zunächst allein oder gemeinsam mit „Freiwilligen Helfern“. In den kommenden Tagen sollten weitere Kräfte der in Eisenhüttenstadt stationierten „ 15. VP-Bereitschaft“ zur Unterstützung nach Seelow verlegt und an der Grenze zum Einsatz gebracht werden.
„ Ihr handelt ausschließlich im Hinterland der Staatsgrenze“, wies Nieland an. „ Vorn an der Linie handeln die Grenztruppen.“
Linie? Hinterland? Derartige Bezeichnungen kannte ich bislang lediglich aus meinem Wehrdienst, bei den Grenztruppen an der „Berliner Mauer“. Nie hatte ich gehört, dass jemand an der Oder von „Linie“ oder Hinterland gesprochen hätte. Abgesehen davon, dass die „Grenzlinie“, ohnehin in der Mitte des Stroms verlief.
Die dramatische Entwicklung an den bislang ruhigen, relativ bedeutungslosen Grenzen zu Polen und der CSSR, hatte sowohl die Partei und Staatsführung als auch den Sicherheitsapparat, in eine schwere Sinnkrise gestürzt. Noch klammerte man sich an den „Strohhalm“, dass die Fluchtbewegung nach dem 07. Oktober abebben oder gar völlig zum Erliegen kommt. Die verbleibende Zeit bis zu diesem geradezu herbeigesehnten, magischem Datum, konnte notfalls mittels eines erhöhten Kräfteaufwands überbrückt werden. Was aber, wenn sich diese Hoffnung am Ende doch nicht erfüllt?
Oberstleutnant Nieland brachte es auf den Punkt:
„ Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Eine Mauer an der Oder, kann sich die DDR außenpolitisch einfach nicht leisten!“
Damit sprach der Amtsleiter aus, was viele andere dachten. Ohne einen aufwendigen, pioniertechnischen Ausbau der Ostgrenze, wäre der Exodus auf Dauer nicht zu stoppen. Gleichzeitig dürfte aber auch jedem klar sein, dass sich die DDR mit solchen drastischen Maßnahmen, politisch endgültig ins Aus schießen würde. Die DDR wäre dann tatsächlich einem Gefängnis gleichgekommen.
Auf solche Gedanken wurde in dieser Versammlung nicht weiter eingegangen.
Stattdessen ging es mit den üblichen markigen Worten weiter. Nach wie vor galt:
Die Fluchtbewegung wurde vom „Gegner“ iniziert. Von falschen Versprechungen und überzogenen Konsumvorstellungen geblendet, gehen ihm leider viel zu viele unserer Menschen auf den Leim.

Die Motivation der gegenwärtigen „gegnerischen Offensive“, wurde im nahenden vierzigsten Republiksjubiläum gesehen:
Der Gegner schäumt vor Wut, dass es mittlerweile seit vier Jahrzehnten eine sozialistische Alternative auf deutschem Boden gibt. Daher ist ihm jedes Mittel Recht, den verhassten Arbeiter und Bauernstaat zu diskreditieren.
„ Im engen Schulterschluss mit den Genossen der Kreisdienststelle für Staatssicherheit, werden wir die uns gestellten Aufgaben an der Staatsgrenze erfüllen“, bekundete der Amtsleiter weiter.

Von Anfang an, setzte es verbale Seitenhiebe, gegen die polnischen Grenzorgane. In die man offensichtlich kein großes Vertrauen setzte. Schon allein deshalb, weil im Nachbarland die vormals regierende kommunistische Partei, PVAP, sich die Macht mit oppositionellen Kräften teilen musste. Polen reagierte mit bemerkenswertem Pragmatismus, auf den „ illegalen Grentourismus“: wen der Grenzschutz unmittelbar beim Übertritt oder zehn Kilometer im Hinterland der Staatsgrenze ertappte, wurde festgenommen und später an die Grenztruppen der DDR übergeben. Außerhalb des „ magischen Zehn-Kilometer-Streifens“, stand den Flüchtlingen der weitere Weg nach Warschau, in die dortige Botschaft der Bundesrepubik, offen. Selbstverständlich besaßen die Polen keinerlei Interesse daran, dass an der sensiblen Westgrenze, Anarchie aufkam. Anders als in Ost)Berlin, hatte man in Warschau jedoch längst begriffen, dass es sich bei der anhaltenden Fluchtwelle um ein reines DDR-Problem handelte. Polen zeigte, verständlicherweise, wenig Lust, dass die DDR ihre Probleme auf dem Rücken der polnischen Grenzorgane austrägt. Die vielbeschworene „Gemeinschaft der sozialistischen Bruderstaaten“, zerfiel wie ein Kartenhaus. Zuerst in Ungarn. Dann in Polen. Immer mehr glichen die stereotypen Phrasen, mit denen uns die Führung und wahrscheinlich auch sich selbst, ermutigen wollte, dem berühmten Pfeiffen im Walde.

Zum Schluß verlasen die Gruppenpostenleiter den in Windeseile erstellten Dienstplan. Sowie die jeweiligen Postenbereiche. Ich wurde nach Kietz beordert. Dort sollte ich zunächst den Abschnitt von der Brücke über den Vorflutkanal, gegenüber der sowjetischen Kaserne, bis hin zum eineinhalb Kilometer entfernten Ortsteil Kuhbrücke. Als besonderer Schwerpunkt galt die Eisenbahnbrücke in Kietz. Über die man in wenigen Minuten hinüber nach Polen gelangen konnte. Zumindest theoretisch. Praktisch musste man zunächst ungesehen an den sowjetischen Posten auf der Oderinsel vorbei. Wobei das Ablaufen der Gleise schon allein ein absolut lebensgefährliches Unterfangen darstellt. Und selbst wenn man es ungesehen und mit heilen Knochen über die Brücke schaffte: am anderen Ende wachten rund um die Uhr polnische Grenzsoldaten.
Der Dienstplan sah vor, dass ich bereits unmittelbar nach der Versammlung, von 16:00 Uhr-21:00 Uhr, den Streifendienst im zugewiesenen Abschnitt aufnehme. Am nächsten Tag hieß es für mich zunächst von 05:00 Uhr-09:00 Uhr „Grenzdienst“ schieben. Anschließend stand der reguläre Tagesablauf eines Abschnittsbevollmächtigten auf dem Plan. Bis sich am Nachmittag das ganze Spiel wiederholte. Zwischen dem Grenzabschnitt in Kietz und meiner Wohnung, in Manschnow, lagen lediglich fünf Kilometer. Dafür trennten mich beinahe zwanzig Kilometer von meinem ABV-Zimmer in Dolgelin. Für die mir lediglich ein Moped zur Verfüging stand. Uns standen jedenfalls kräftezehrende Tage bevor. Zur „Motivation“ informierte man uns noch, dass angebliche „ mehrere hundert Ausreisewillige“ unterwegs sind, die an einem bisher nicht bekannten Ort die Staatsgrenze nach Polen, geschlossen überwinden wollen. Eine Entwicklung wie diese, hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht für möglich gehalten. Hin und her gerissen, zwischen Sorge und trotziger Euphorie, trat ich meinen ersten „Grenzdienst“ an der Oder an.

wird fortgesetzt

Gruß an alle
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


josy95, EK82I, Marienborn89 und grenzgänger81 haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#65

RE: Eine Reise an die deutsch-polnische Grenze

in Mythos DDR und Grenze 01.08.2013 17:05
von ABV | 4.202 Beiträge

Die Kontrollmaßnahmen an der Grenze zwischen der DDR und Polen, im Frühherbst 1989
am Beispiel des VPKA Seelow


Teil 2

Nach dem Ende der Versammlung, fuhr ich zunächst nach Hause. Während ich mir ein Brot schmierte „bereitete ich meine Frau schonend auf die alles andere als familienfreundliche Lageveränderung vor. „ Du wirst sehen, nach dem siebenten Oktober läuft alles wieder in normalen Bahnen“, versuchte ich die Misere herunterzuspielen. Nebenan krähte unser mittlerweile einen Monat alter Sohn in seinem Bettchen. Allzuoft werde ich ihn den kommenden Wochen wohl nicht zu Gesicht bekommen. Hektisch schlang ich den Rest des Wurstbrotes herunter, spülte mit lauwarmen Kaffee nach, kramte das Fernglas aus dem Schrank, dann ging es auch schon wieder los. Über die holprige, mit Schlaglöchern übersäte Fernverkehrsstraße 1, ins benachbarte Kietz. Das bis 1945 Küstrin-Kietz hieß. Und diesen Namen 1991 wieder annehmen sollte. Was zu diesem Zeitpunkt, wie so vieles in jener Zeit, niemand auch nur zu hoffen wagte. Unterwegs kamen mir mehrere sowjetische Militärfahrzeuge entgegen. In dem ansonsten verschlafenen, eintausend Seelen-Dorf Kietz waren gleich zwei Regimenter der „WGSS“, der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte, stationiert. Neben deren erdbraunen Uniformen bestimmten blaue Reichsbahneruniformen das Ortsbild. Wie es hieß, stand die Hälfte der Einwohnerschaft bei der Bahn in Lohn und Brot. Wobei der größte Teil das Privileg besaß, drüben in Polen, auf dem Grenzbahnhof Kostrzyn, zu arbeiten. Schon damals entstand so manche deutsch-polnische Freundschaft. Jenseits irgendwelcher verordneter Treffen.
Punkt 16:00 Uhr, erreichte ich die einzige Telefonzelle von Kietz. Von dort aus meldete ich beim „Operativen Diensthabenden“ den Beginn der Streife. Mein eigentlicher Streifenbezirk befand sich einen guten Kilometer von der Telefonzelle entfernt. Funkkontakt zwischen mir und dem VPKA bestand lediglich einseitig. Das heißt: der ODH konnte mich zwar rufen. Ich konnte ihm jedoch nicht antworten. Um zu kommunizieren, hätte ich zurück zur Telefonzelle gemusst. Die Abschnittsbevollmächtigten verfügten zwar über ein Funkempfangsgerät, konnten damit jedoch selbst nicht senden. Wie sich schon bald zeigen sollte, standen die Grenztruppen an der DDR-Ostgrenze, vor dem selben Problem.
Ein wenig Abseits der Fahrbahn bockte ich meine Schwalbe auf. Anschließend nahm ich meinen Postenbereich in Augenschein. Vor dem Postenhäuschen, unmittelbar hinter der Brücke des Vorflutkanals, stand ein mittelgroßer Sowjetsoldat Wache. An dieser Brücke endete die vom Grenzübergang Marienborn kommende, sich von West nach Ost wie ein langes graues Band ziehende F 1, für den öffentlichen Straßenverkehr.
Dahinter lag die Oderinsel. Auf der seit über vierzig Jahren das sowjetische Militär residierte. Terra incognita für jeden normalen DDR-Bürger. Ich gehörte immerhin zu denen, die bis zum steinernen Postenhaus vordringen durften. Als ich gemeinsam mit VP-Obermeister Gerhard Mann, den Regimentskommandeur vom VPKA, wo er an einem Umtrunk teilgenommen hatte, zurück in die Kaserne bringen musste.
Zunächst bemühte ich mich um einen ersten Überblick. Die Örtlichkeit hat sich in den letzten zwanzig Jahren beinahe bis zur Unkenntlichkeit verändert. Schon allein deshalb lohnt sich eine etwas ausführlichere Beschreibung. Auf der anderen Seite des trüben, träge dahinfließenden Odervorflutkanals, trabte eine kleine, von Sowjetsoldaten beaufsichtigte Viehherde. Die Soldaten hielten Stöcke in den Händen. Mit denen sie hin und wieder die Rindviecher in eine bestimme Richtung lenkten. Während dessen marschierte eine andere Einheit über die Vorflutbrücke, vollführte einen Schwenk nach links, um dann aus meinem Gesichtsfeld zu verschwinden. Knatternd fuhren mehrere Mopeds, der Marken S 51, Star und Schwalbe, an mir vorüber in den verdienten Feierabend. Rotblinkend kündet das Andreaskreuz vor dem Bahnübergang, an der Dammstraße in Richtung Bleyen, das Heranahen eines Güterzuges an. Der Personenverkehr endet ja bereits am wenige hundert Meter westlich gelegenen Bahnhof Kietz. Zu meiner Verwunderung sehe ich, wie eine Lokomotive, an der sich ein einzelner Personenwaggon befindet, den Schienenstrang in Richtung Polen entlang rattert. In dem Waggon sitzen mehrere Männer in den Uniformen des DDR-Zolls, der Grenztruppen und der Reichbahn. Einer der Uniformierten winkt mir zu. Sofort folgen die anderen seinem Beispiel. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: die Zöllner und Grenzer befanden sich auf dem Weg zum polnischen Grenzbahnhof Kostrzyn. Dort, und nicht in Kietz, fand die Abfertigung des grenzüberschreitenden Güterverkehrs statt.
Die Schrankenbäume öffnen sich. Mittlerweile hat sich eine kleine, überwiegend aus „Trabbis“ und „Wartburgs“ zusammengesetzte PKW-Schlange vor dem Bahnübergang gebildet. Eingehüllt in dicke stinkende Abgaswolken, sehe ich dem Korso hinterher. Am Steuer saßen handfeste Männer in Arbeitsanzügen. Niemand erschien mir verdächtig, einen „ungesetzlichen Grenzübertritt“ zu planen.
Irgendwann wurde es mir an den Bahnanlagen zu langweilig. Gemächlichen Schrittes wanderte ich auf dem Oderdamm, in Richtung Kuhbrücke. Rechterhand erhoben sich die weithin sichtbaren Schornsteine der Zellulosefabrik Kostrzyn. Obwohl die polnische Kleinstadt direkt gegenüber lag, hatte ich sie bislang noch nie betreten. Meine Welt endete an der Oder. Linkerhand behinderten zunächst Bäume und Buschwerk den Blick ins weite Oderbruch. Dazwischen eine alte von einem über und über mit Entengrütze bedeckten Graben umgebene Lünette. So wurden die Außenforts der Festung Küstrin in der Fachsprache des Militärs genannt. Vereinzelte Gehöfte duckten sich geradezu verschämt hinter Deich und Buschwerk. Nach einem Kilometer gelangte ich an die „Wegspinne“. Wo die Zufahrten nach Kuhbrücke und Neubleyen von der weiter nach Genschmar führenden Dammstraße abzweigen. Hier öffnete sich die Landschaft meinen Blicken. Mit dem Fernglas streifte ich das Areal ab. Mehrere Kilometer entfernt, zog ein einsamer Traktor seine Kreise. Rehe ästen friedlich vor einer schmalen Baumgruppe am Horizont. Die Silos der „ZBE Bleyen“ blinkten in der Herbstsonne. Während hoch oben in den Lüften ein Habicht nach Beute Ausschau hielt. Meine Heimat präsentierte sich friedlich, fast ein wenig langweilig. Weit und breit keine Spur von Grenzverletzern. Hatte ich denn etwas anderes erwartet? Auf jeden Fall nahm ich die Aufgabe ernst! Wobei ich mir suggerierte, an dieser Stelle „ einen wichtigen Beitrag zum Schutz der DDR“ zu leisten. Für die Motive der Flüchtlinge hatte ich zu jenem Zeitpunkt, dass muss ich unumwunden eingestehen, nicht das geringste Verständnis. Sie waren für mich nichts anderes, als eine manipulierte, undankbare Menschenmasse. Der es einzig und allein um materielle Dinge ging. Wie oft hatte ich mich über die Interviews der in den Botschaften der Bundesrepublik, in Prag und Warschau ausharrenden DDR-Bürger geärgert. Heute, mit dem Abstand und neu erworbenen Wissen von fast fünfundzwanzig Jahren, kann ich meine damalige Haltung selbst nicht mehr verstehen. Damals jedoch, konnte sich die SED auf mich verlassen. Eine Erkenntnis, auf die ich keineswegs stolz bin. Die aber zu meiner persönlichen Lebensgeschichte unverrückbar dazugehört!
Ein grüner Trabant-Kübel hielt direkt neben mir. Unter dem Verdeck hockten zwei Fähnriche der Grenztruppen. In Felddienstuniform. Ich erkannte die für die Bereiche Genschmar und Groß Neuendorf zuständigen „Grenzabschnittsposten“. Die Männer befanden sich auf dem Rückweg vom „ Grenzabschnittskommando Frankfurt (Oder). Wo sie an einer außerodentlichen Dienstversammlung teilgenommen hatten. Von der Westgrenze würden momentan ganze Kompanien an die Oder verlegt, erfuhr ich zu meinem Erstaunen.
Im Stab des Frankfurter Grenzabschnittskommandos herrschte helle Aufregung. Wie das eben so ist, wenn man brutal aus dem „Dornröschenschlaf“ gerissen wird. Einer der Fähnriche verglich die eingetretene Lage, mit der „Solidarnoc-Krise“, 1981 /82: „ Damals wurde sogar das lange geplante Feldlager abgeblasen. Stattdessen hieß es verstärkte Grenzüberwachung. Das ging über mehrere Monate. Bis das ganze irgendwann im Sande verlief. Solange wird das jetzt bestimmt nicht dauern. Wartete den siebenten Oktober ab, dann wird es auch an der Grenze wieder ruhiger.“
Wirklich? Im Zuge der politischen Ereignisse in der damaligen Volksrepublik Polen, ergab sich an der Staatsgrenze lediglich eine „abstrakte Gefahr“. Die SED fürchtete, dass Überschwappen der „Konterrevolution“. Ohne das es tatsächlich zu einem Anstieg „illegaler Grenzübertritte“ kam. Probleme ergaben sich lediglich im Bereich der Grenzübergangsstellen. Wo es vereinzelte Versuche von DDR-Bürgern gab, Informationsmaterial der verbotenen Gewerkschaft „Soldidarnocz“, einzuführen. Dieses fiel jedoch ausschließlich in den Zuständigkeitsbereich von Zoll und MfS. Die Grenztruppen an der Oder, blieben von derartigen Erscheinungen weitgehend unberührt. Ganz anders die Situation im Jahre 1989. Wo in manchen Bereichen innerhalb einer Woche mehr „ ungesetzliche Grenzübertritte“ und/oder Festnahmen registriert wurden, als die ganzen Jahrzehnte zuvor.
Ich verabschiedete mich von den Grenzern. Grübelnd, tief in Gedanken versunken, began ich mich zurück zu den Bahngleisen.
Mein erster Grenzdienst verlief ohne Vorkomnisse. Schon am nächsten Morgen, bezog ich, wie angewiesen, erneut Posten in Kietz. Zwischen Bahnübergang und Vorflutbrücke hatte eine Gruppe Sowjetsoldaten Aufstellung genommen. Unter der Anleitung eines Offiziers, vollführten die Soldaten Leibesübungen. Dabei wurde ein asiatisch ausschauender Soldat, ständig von anderen gepiesackt. Solange, bis der Offizier ein lautes Machtwort sprach. Als mich der Offizier erblickte, lächelte er und fragte: „ Problem?“ „ Nein, Nein“, wiegelte ich ab. Der Offizier lächelte erneut: „ Wir wissen Bescheid. Ihr habt zurzeit viele Probleme“.
Was immer damit auch gemeint haben dürfte, der sympathische Sowjetoffizier hatte Recht.
Anschließend streifte ich über den Oderdamm nach Kuhbrücke. Ein leichter Nebelschleier lag über dem kleinen, zwischen den Oderdämmen eingepferchten Dörfchen. Die Arme auf dem Rücken verschränkt, ging ich auf den Hauptdeich zu. Vorbei an der zwischen Buschwerk eingewachsenen Ruine des „ Bürgergartens“. Früher einer der beliebtesten Ausflugsgaststätte der Küstriner. Vorbei an den kleinen Häusern und dem seit einem Monat leeren Storchennest.
Nur am alten Fischerhaus sollte ich nicht ohne weiteres vorbeikommen. Hier wohnte Charlotte Kruse, die Witwe des bereits vor mehreren Jahren verstorbenen Fischermeisters. Im Oderbruch kannte man die rüstige, über siebzigjährige Dame vor allem unter ihrem Beinamen, Fischlotte. Den sie sich als Verkäuferin im Seelower Fischgeschäft, in der Straße der Jugend, redlich, unter aktiver Zuhilfenahme ihres unermüdlichen Mundwerkes, verdient hatte. Frau Kruse werkelte gerade im Vorgarten, als sie mich sah. Ein uniformierter Polizist erregt natürlich Aufmerksamkeit. „ Watten haben sie den ollen Köhler endlich in Rente geschickt? Du bist doch unser neuer ABV?“, rief sie mir zu. Ich schüttelte den Kopf. Lass dich bloß auf kein Gespräch ein Uwe, dachte ich. Für solche Vorsätze war es jedoch zu spät. Gegen Fischlottes rhetorischen Künsten kam einfach niemand an. So mancher, der mit der Absicht den Laden betrat, lediglich ein paar Sprotten zu kaufen, schwatzte Lotte regelmäßig weiteres Flossenwild auf. Selbst die Radio-Sendung „ Von Sieben bis Zehn in Spree-Athen“, widmete der berühmtesten Fischverkäuferin des Oderbruchs, mehrere Minuten Sendezeit.
In den nächsten Minuten prasselte ein regelrechter Wortschwall auf mich ein. Ohne das ich auch nur einmal zu Wort kam. Endlich gelang es mir, den Zweck meiner Streife zu erklären. Frau Kruse erklärte sich spontan bereit, sofort jeden Verdächtigen dem VPKA Seelow zu melden. Die Gunst des Augenblicks schamlos ausnutzend, begab ich mich zum nahen Oderdamm. Entgegen der ausdrücklichen Weisung des Amtsleiters, ging ich „ nach vor zur Linie“. An das sandige, von Fußspuren regelrecht übersäte Oderufer.
Grenzdienst hat immer auch etwas mit „Indianerspiel“ zu tun. Geländeerkundung, Spähen, Spurenlesen. Wie weiland bei Karl May. Doch wie sollte man die Spuren von Anglern und Naturfreunden, von denen von „Grenzverletzern“ hinterlassenen, unterscheiden? Es gab nur eine Möglichkeit: das Ufer des Grenzstroms für jedermann abzusperren. Ein Gedanke, der mir absolut mißfiel. Mein Fernglas leistete mir erneut gute Dienste. Durch die Optik erschienen mir die Schornsteine der Zellulosefabrik zum Greifen nah. Ebenso die rot-weißen-Grenzpfähle am anderen Ufer der Oder. An dem ein einsamer Angler hockte und auf den großen Fang wartete. Ich schwenkte nach rechts. Erkannte eine Stahlgitterkonstruktion. Das musste die Eisenbahnbrücke sein. Dahinter schimmerte die Silouette der Festung Küstrin im strahlenden Licht dieses herrlichen Herbstmorgens. So seltsam das jetzt auch klingen mag: ich kannte diese Festung bislang nur aus den Erzählungen Theodor Fontanes. Selbst gesehen hatte ich dieses Bauwerk noch nie. Hoch über einer Bastion, in unmittelbarer Nähe der Oderbrücke, erhob sich ein Obelisk. Ein Sowjetstern krönte den Obelisken. Wie es aussah, war der Stern im Lauf der Zeit in eine gefährliche Schieflage geraten. So schief, dass er irgendwann zu Boden stürzen würde. Ich setzte das Fernglas ab, massierte die Augenmuskeln, dann schoss es mir spontan durch den Kopf: Wenn das mal kein schlechtes Omen für die Zukunft des Sozialismus ist. Ob in Polen, Ungarn, der DDR und selbst in der Sowjetunion selbst: überall drohte dem „ Roten Stern“ der Absturz.
Das Knattern eines Motorrades riss mich aus den trüben Gedanken. Auf dem Oderdamm näherte sich ein Grenzer. Er trug eine hellgrüne Lederolkombi. Am Lenker der grasgrünen
„ MZ TS 250 /A“, A wie Armeeausführung, baumelte ein schwarz-weißer Verkehrsreglerstab. Als mich der Grenzer erblickte, steuerte er die schwere Maschine den schmalen, vom Deich in die Oderwiesen führenden Weg herab. Umständlich bockte er das Motorrad auf. Dann öffnete er den Verschluss des runden Schutzhelms, nahm das unförmige Ding in die Hand und kramte eine Schachtel Zigaretten aus der Brusttasche. Nach einigem Überlegen erkannte ich den Grenzer als den für Kietz zuständigen Grenzabschnittsposten wieder. Von ihm hatte ich im April, einen betrunkenen Mopedfahrer übernommen. Harry hieß der Grenzer, an seinen Familiennamen kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Den Grenzabschnitt teilte er sich mit einem Stabsfähnrich Namens Reinke. Wogegen Harry lediglich den Rang eines Stabsfeldwebels bekleidete. Kietz spielte in der operativen Beurteilung der Grenztruppen offenbar eine größere Rolle. Der Grenzbahnhof und die zwei Kasernen der Sowjetarmee, bedingten verstärkter Aufmerksamkeit.
„ Was macht denn Polizei hier unten an der Oder?“, fragte Harry schmunzelnd. „ Na was wohl? Die Grenztruppen unterstützen“, gab ich zur Antwort. Der Stabsfeldwebel hob resigniert die Hände. „ Da hat man uns eine schöne Scheisse eingebrockt. Nächstes Jahr haue ich in den Sack. Dann suche ich mir eine Arbeit im zivilen Sektor. Ich habe die Schnauze voll, bei Wind und Wetter an der Oder herumzukriechen. Das wird doch hier immer schlimmer“, schimpfte der Grenzer. Ja, was sollte ich dazu sagen? Stabsfeldwebel Harry wirkte absolut nicht motiviert. Wohl eher wie jemand, der brutal aus dem gewohnten Rhythmus gerissen wurde. In dem folgenden, angeregten Gespräch zeigte sich mit aller Deutlichkeit, dass die angespannte Lage die Grenztruppen „ kalt erwischt hatte“.
Von Beginn an wirkte sich das Fehlen eines „ Grenzmeldenetzes“, zur Aufrechterhaltung der Kommunikation zwischen den im Abschnitt handelnden Posten und der Führungsstelle im Grenzabschnittskommando in Frankfurt (Oder), als äußerst hinderlich. Normalerweise meldete sich der „ GAP“, vor dem Beginn der Streife, telefonisch von seinem Dienstzimmer aus im Führungspunkt. Dort erhielt er die für ihn relevanten Informationen. Später, bei der Rückkehr, erstattete der Grenzer, „ den Führenden“, wiederrum per Telefon, Bericht. Der sich im allgemeinen mehr oder weniger knapp ausfiel. Zwischen den Gesprächen klaffte nicht selten ein Zeitfenster von mehreren Stunden. Was aber, wenn ein Grenzabschnittsposten, irgendwo in den Weiten Oderwiesen, auf einen oder mehrere, zu allem entschlossene Ausreisewillige stieß? Die ihn womöglich bedrohten oder gar attackierten? Über Funkgeräte verfügten vorläufig lediglich die Kräfte in direkter Nähe der Führungsstelle. Viel weiter hätte die Funkverbindung ohnehin nicht gereicht.
Wir schauten über die Niedrigwasser führende Oder hinüber nach Polen. In diesem Moment lief ein graugrün uniformiertes Postenpaar des polnischen Grenzschutzes in der Nähe des Ufers entlang. Die Soldaten trugen ihre Maschinenpistolen zusammengeklappt, den Lauf nach unten gerichtet, auf dem Rücken. Neben einer Grenzsäule hielt die Streife kurz inne. Ein Soldat richtete sein Fernglas auf uns und hob die Hand zum knappen Gruß. Anschließend setzte die Streife ihren Postengang an der Oder fort.
„ Sieht man die Jungs von der WOP * auch mal wieder?“, zischte Harry. „ Wieso?“, entgegnete ich verstädnislos. „ Wieso? Vorige Woche hatten wir in Slubice eine gemeinsame Beratung mit den Polen. Einer der Kommandeure hat uns, hinter vorgehaltener Hand sein Leid geklagt. Seit einiger Zeit werden immer Leute von der Grenze zur DDR abgezogen. Einige Bereiche werden gar nicht mehr bestreift. Und die Beobachtungstürme kann er ebenfalls kaum noch besetzen. Aber was soll er auch machen? Der gute Mann ist Mitglied der PVAP *. Kommunisten haben im polnischen Grenzschutz nicht mehr viel zu sagen. So siehts aus mein lieber. Von den Polen können wir jedenfalls nicht allzu viel Hilfe erwarten.“
Harrys Worte entsprachen unserem damaligen Denkschema. Der Grenzer gehörte, wie ich, der SED an. Für uns war es einfach unvorstellbar, dass eine andere Partei in den „bewaffneten Organen“ das sagen haben könnte. In dieser Hinsicht waren die Polen bereits mindestens einen großen Schritt weiter.
Anschließend gab mir Harry noch ein paar „Insidertipps“ hinsichtlich „meines Grenzabschnittes“. Im Gegensatz zu Hauptmann Brauer, maß er der Eisenbahnbrücke keine Bedeutung zu: „ Wer über die Eisenbahnbrücke nach Polen will, ist entweder absolut nicht mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut. Oder komplett bescheuert. Zuerst muss er ja an Koljas vorbei. Falls ihm das gelingen sollte, läuft er spätestens am anderen Oderufer dem polnischen Grenzschutz in die Arme. Die Brücke wird nämlich Tag und Nacht von einem Posten bewacht. Außerdem ist der Gang über die Schienen lebensgefährlich. Ich möchte, mitten auf der Eisenbahnbrücke, keinem entgegenkommenden Zug begegnen.“
Ich schaute auf die Uhr. In einer Stunde fängt das normale Tagesgeschäft an. Die Abteilung
„ Pass und Meldewesen“ hatte mich mit Ermittlungsersuchen zu Reiseantragstellern, geradezu überschüttet. Eine Tätigkeit, auf die ich liebend gerne verzichtet hätte. Ich ahnte nicht, dass dieser Wunsch sehr bald in Erfüllung gehen wird.



Blick auf die Bahnstrecke Küstrin-Kietz-Kostrzyn. Im Hintergrund die Eisenbahnbrücke über die Oder. Im Herbst 1989 angenommene " Hauptbewegungsrichtung potentieller Grenzverletzer".



Oder gegenüber Kuhbrücke, im Juli 2013

wird fortgesetzt


Gruß an alle
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


josy95, grenzgänger81 und Marienborn89 haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 01.08.2013 17:09 | nach oben springen

#66

RE: Eine Reise an die deutsch-polnische Grenze

in Mythos DDR und Grenze 13.08.2013 15:46
von berlin3321 | 2.519 Beiträge

Danke Uwe, wieder 2 Klasse Beiträge. Macht immer riesig viel Freude, Deine Beiträge zu lesen.

Mfg Berlin


Dieser Beitrag ist eine Meinungsäußerung, nicht repräsentativ, im Sinne des Art. 5 des Grundgesetzes und durch diesen gedeckt !
nach oben springen

#67

RE: Eine Reise an die deutsch-polnische Grenze

in Mythos DDR und Grenze 13.08.2013 15:55
von ABV | 4.202 Beiträge

Dankeschön. Das update ist momentan in Vorbereitung.

Viele Grüße von der polnischen Grenze
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


nach oben springen

#68

RE: Eine Reise an die deutsch-polnische Grenze

in Mythos DDR und Grenze 13.08.2013 21:41
von Fritze (gelöscht)
avatar

Schade ,daß ich diesen Sommer nicht an die Oder komme .
Hat mir letztes Jahr sehr gut gefallen ,der Angelausflug !
MfG Fritze


nach oben springen

#69

RE: Eine Reise an die deutsch-polnische Grenze

in Mythos DDR und Grenze 14.08.2013 06:43
von ABV | 4.202 Beiträge

Die Oder ist einer der letzten, noch einigermaßen naturbelassenen Ströme in Europa. Fritze, wenn du wieder mal an der Oder bist, dann kannst du dich ja mal in Küstrin sehen lassen.
Übrigens: die Fische beißen in diesem Jahr nicht so richtig. Meine größte Beute waren ein paar untermaßige Welse und ein Schlei. Der Rest setzt sich aus Barschen, Plötzen und Bleien zusammen. Na ja, was nicht ist, kann ja noch werden.

Viele Grüße vom Oderstrand
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


nach oben springen

#70

RE: Eine Reise an die deutsch-polnische Grenze

in Mythos DDR und Grenze 14.08.2013 08:53
von icke46 | 2.593 Beiträge

Ich muss doch mal eine Frage an den ortskundigen ABV loswerden:

Der Basar in Kostrzyn, ist der fussläufig vom Bahnhof Küstrin-Kietz oder eher vom Bahnhof Kostrzyn leichter zu erreichen? Nachdem ich inzwischen Frankfurt/Oder schon recht gut kenne, habe ich die Absicht, Ende August mal eine Tagesfahrt nach Kostrzyn zu machen. Laut Stadtplan
von Kostrzyn sind es vom Bahnhof zum Basar etwa 1.5 km - zu der Entfernung von Küstrin-Kietz her habe ich leider noch nichts gefunden.

Gruss

icke



zuletzt bearbeitet 14.08.2013 08:54 | nach oben springen

#71

RE: Eine Reise an die deutsch-polnische Grenze

in Mythos DDR und Grenze 14.08.2013 09:11
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von icke46 im Beitrag #70
Ich muss doch mal eine Frage an den ortskundigen ABV loswerden:

Der Basar in Kostrzyn, ist der fussläufig vom Bahnhof Küstrin-Kietz oder eher vom Bahnhof Kostrzyn leichter zu erreichen? Nachdem ich inzwischen Frankfurt/Oder schon recht gut kenne, habe ich die Absicht, Ende August mal eine Tagesfahrt nach Kostrzyn zu machen. Laut Stadtplan
von Kostrzyn sind es vom Bahnhof zum Basar etwa 1.5 km - zu der Entfernung von Küstrin-Kietz her habe ich leider noch nichts gefunden.

Gruss

icke



Vom Bahnhof Kostrzyn ( ehemals Bahnhof Küstrin-Neustadt) bis zum Basar ist es etwas näher, als vom Bahnhof Küstrin-Kietz aus. Von dort dürften es ungefähr 2,5 km sein.

Gruß Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


nach oben springen

#72

RE: Eine Reise an die deutsch-polnische Grenze

in Mythos DDR und Grenze 14.08.2013 09:20
von ABV | 4.202 Beiträge

Forsetzung

Am nächsten Tag trafen die avisierten, zur Unterstützung an der Oder vorgesehenen Bereitschaftspolizisten in Seelow ein. Untergebracht wurde die zumeist aus Wehrpflichtigen bestehende Truppe, im Keller des Objektes II. Und im Schulungsraum der Freiwilligen Feuerwehr. Keine besonders angenehme Unterkunft. Abermals wurden die „Grenzdienstpläne“ verändert. Gegen 13:00 Uhr nahm ich vor dem „Kulturhaus der Eisenbahner“ in Kietz, zwei Bereitschaftspolizisten, in Empfang. Ein grüner Mannschaftswagen, Typ „LO“, brachte die aufgesessenen Polizisten zu den jeweiligen Bereichen. Der auf dem Beifahrersitz mitfahrende zackige Leutnant vergatterte die beiden jugen Polizisten, dass sie für die kommenden Stunden unter meiner Befehlsgewalt stünden. In strammer Haltung, die Hände fest an die Hosennaht gepresst, zur Salzsäule erstarrt, nahmen die Jungs die Weisung ihres Vorgesetzten entgegen. Dann schwang sich der Leutnant wieder auf den Beifahrersitz des mit laufendem Motor wartenden Mannschaftstransporters.
Acht Stunden dauerte der Dienst für die Bereitschaftspolizei. Mich würde Hauptmann Köhler, der strukturmäßige Abschnittsbevollmächtigte von Kietz, gegen 17:00 Uhr ablösen. Zunächst hieß es, dass Eis zwischen mir und „meinen Unterstellten“ zu brechen. Ich spürte regelrecht die musternden Blicke auf meiner Haut. Das mir entgegengebrachte Misstrauen verwunderte mich nicht. Anders als heute, setzte sich die Bereitschaftspolizei, wie schon erwähnt, überwiegend aus ganz normalen Wehrdienstleistenden zusammen. Die im Gegensatz zu mir, die grüne Uniform der Volkspolizei nicht freiwillig trugen. Und drauf brannten, sie so schnell wie möglich wieder ausziehen zu dürfen. Von meinem eigenen Wehrdienst bei den Grenztruppen her, wusste ich das zwischen „Soldaten“ und „Längerdienenden“ eine verdammt tiefe Kluft bestand. Als Hauptwachtmeister gehörte man in der „richtigen“ Polizei allenfalls zum normalen Fußvolk. Nicht jedoch der Bereitschaftspolizei. Dort wäre ich mit diesem Dienstgrad Gruppen oder sogar Zugführer. Meine Begleiter standen im Rang eines Anwärters der VP (Soldat) und eines Unterwachtmeisters der VP (Gefreiter). Das machte sie nicht zu schlechteren Menschen. Stellte jedoch, zunächst, keine allzu große Vetrauensbasis dar.
Schweigend trotten wir schweigend die Karl-Marx-Straße entlang in Richtung Oderdamm. Am nördlichen Ende des Dorfes breiteten sich die Bahnanlagen aus. Hinter den Baumwipfeln lugten in östlicher Richtung die unvermeidlichen Schornsteine der Kostrzyner Zellulosefabrik hervor. Dicker schwarzer Rauch verpestete die Herbstluft. Ein älterer Mann, der gerade seinen Schäferhund ausführte, schaute uns neugierig hinterher. In Höhe des Dorf-Konsums baute sich der Unterwachtmeister vor mir auf, legte die Hand an den Mützenschirm. „ Genosse Hauptwachtmeister, gestatten Sie das wir im Laden ein paar Einkäufe erledigen?“ Jetzt wurde es mir doch zu albern. Jedoch bot sich unversehens die Möglichkeit, bei den „Polizeisoldaten“ zu punkten. „ Lass den Blödsinn. Wir sind hier nicht in Eisenhüttenstadt auf dem Kasernenhof“, stellte ich grinsend klar. „ Ich heiße übrigens Uwe und bin bestimmt auch nicht viel älter als ihr.“
Sicherlich kann man sich darüber streiten, ob es klug ist, gleich am Anfang die verliehene Autorität aus den Händen zu geben. „Führungstechnisch“ fehlten mir jegliche Erfahrung. Ich betrachtete das ganze als vertrauensbildende Maßnahme. Nicht ohne Erfolg! Bereits am zweiten Tag vertrauten mir die Beiden an, dass sie den Auftrag hatten, Schnaps zu besorgen. Nüchtern konnte man die öden Stunden, auf engstem Raum zusammengedrängt im Objekt II, wahrscheinlich nicht überstehen. Die im Kietzer Dorfkonsum gekauften Schnapsflaschen wurden fachkundig in den mitgeführten Postentaschen verpackt. „ Wenn ihr auffliegt, weiß ich von nichts“, sagte ich augenzwinkernd. „ Keine Angst, wir verpetzen dich nicht“, beruhigte mich der Unterwachtmeister. Womit die Sache für mich erledigt war. Passiert ist übrigens nie etwas. Ohnehin musste die Ration für mehrere Polizisten reichen.
Am ersten Tag gab ich mir alle Mühe, die Bereitschaftspolizisten mit den Besonderheiten unseres Abschnittes bekannt zu machen. Wobei es eigentlich nicht viel zu erklären gab. Kietz bestand im wesentlichen aus dem Grenzbahnhof. Einer holprigen, von Militärfahrzeugen ruinierten und befahrenen Hauptstraße, zweier „Russenkasernen“ und der nahen Oder. Neuerdings so etwas wie „ das Tor zur Freiheit“. Wobei unsere Aufgabe einzig und allein darin bestand, dafür zu sorgen das dieses Tor weiterhin geschlossen blieb.
Fremde verirrten sich nur selten hierher. Anders als in Reitwein, Kienitz und vor allem Lebus, war es in Kietz bislang zu keinem einzigen „ Angriff auf die Staatsgrenze“ gekommen. Immerhin konnten wir von den Erfahrungen der Nachbarabschnitte profitieren. „Grenzverletzer“ fielen zumeist bei Kontrollen im Vorfeld auf. Wobei sich diverse mitgeführte Gegenstände, zum Beispiel ein Schlauchbot im Kofferraum oder in wasserdichte Folie verpackte Urkunden und Zeugnisse, als absolut verräterisch erwiesen. Die derart ertappten, landeten zunächst im VPKA Seelow. Wo sie von der Kriminalpolizei vernommen und anschließend wieder nach Hause entlassen wurden. Mit einem Verfahren wegen „ungesetzlichen Grenzübertritts“, gemäß § 213 StGB, mussten die Betreffenden dennoch rechnen. Allerdings wurde der erstmalige Versuch, anders als in vergleichbaren Fällen an der „Westgrenze“ bzw der „ Berliner Mauer“, zur bloßen Ordnungswidrigkeit herabqualifiziert. Eine für DDR-Verhältnisse milde Vorgehensweise. Die der „Grenzoffizier“ der Seelower Kriminalpolzei, Oberleutnant Münch, knapp und zutreffend begründete: „ Wir wollten die Leute nicht noch mehr verbittern.“
Für diese Erkenntnis war es leider längst zu spät. Bei wem der Fluchtversuch fehlschlug, versuchte es, nicht selten sofort nach der Entlassung, anderen Ortes sofort wieder. Aber auch wer nicht die Absicht hatte, die DDR zu verlassen, reagierte zunehmend aggressiver auf die ständigen Kontrollen. Während eines Streifengangs näherte sich uns ein grauer Trabant. Der Anfangsbuchstabe I im Kennzeichen verriet den Berliner. Ergo: Fahrzeug und Insassen passten ins vorgegebene Fahndungsraster. Ich winkte den Trabbi hinter dessen Steuer eine üppige Blondine saß, an den rechten Fahrbahnrand. Vorschriftsmäßig legte ich die rechte Hand an den Mützenrand. „ Guten Tag! Hauptwachtmeister Bräuning, wir führen hier eine Verkehrskontrolle durch. Ich hätte gerne den Führerschein und die Fahrzeugpapiere gesehen“, rasselte ich den vorgeschriebenen Wortlaut herunter. Bei dem Wort „Verkehrskonrolle“ brach die Blondine in lautstarkes Gelächter aus. „ Verkehrskontrolle?“, höhnte sie. „ Denken Sie, ich weiß nicht nach was sie hier suchen?“ Den angeschlagenen Ton ignorierend, blätterte ich zunächst in dem rosafarbenen Führerscheindokument. „ Frau Engler*?“ „ Können Sie nicht lesen?“, konterte die Blondine schnippisch. „ Frau Engler, zeigen Sie mir bitte Warndreieck und Verbandskasten.“ „ Falls Sie im Kofferaum ein Schlauchboot vermuten, muss ich sie leider enttäuschen.“ Verdammt, die Dame hatte mich tatsächlich durchschaut! Das viele Insiderwissen ließ jedoch tatsächlich auf eine, obendrein gewiefte potentielle „Grenzverletzerin“ schließen. Oder auf eine Gedankenleserin: „ Ich weiß was Sie denken“, verblüffte mich die Frau erneut. „ Aber Sie irren sich! Ich habe ein Gartengrundstück in Genschmar. Und einen sehr guten Bekannten bei den Grenztruppen. Harry, den Grenz-ABV von Kietz. Der hat mich bereits vorgewarnt, was mich mit meinem Berliner Autokennzeichen erwarten könnte.“
Von solchen „Einlagen“ abgesehen, glichen die kommenden „Grenzdienste“ mehr gemütlichen Spaziergängen in der herbstlichen Natur als „organisierten Menschenjagden“. Allmählich hatte sich auch die Kietzer Bevölkerung an den Anblick von Polizeiuniformen gewöhnt. Begierig lauschten die von jeglicher Information im wesentlichen abgeschnittenen Bereitschaftspolizisten, meinen Berichten über die neueste Lageentwicklung in der DDR. Ungeachtet des gestiegenen Vertrauens, hielten sie sich in punkto Meinungsäußerungen sehr zurück. So ganz vertrauten sie mir dann doch nicht. Möglicherweise lag es ja auch daran, dass ich mit meinem Unverständnis gegenüber den Flüchtlingen nicht hinter dem Berg hielt?
Zur besseren Erreichbarkeit, hatte man den Bereitschaftspolizisten Handfunksprechgeräte aus den Beständen der Kampfgruppen mitgegeben. Angesichts der Sendeleistungen der Geräte und den zwanzig Kilometern welche uns von der Leitstelle trennten, eine mehr oder weniger symbolische Geste.


Der nächste peinliche Vorfall ging auf das Konto der Grenztruppen:

Abermals erwischte es einen Berliner. Dem sein Hobby, die Ornitologie, zum Verhängnis wurde. Einem Grenzabschnittsposten fiel der Mann, wenige hundert Meter südlich von Kietz, am Oderdamm auf. Als er hinter einem Gebüsch hockend, mittels eines Fernglases, Zugvögel beobachtete. Zu allem Überfluss hatte der Berliner eine handgezeichnete Landkarte dabei. Auf der einige Stellen an der Oder speziell markiert waren. Sollte hier etwa der Grenzübertritt stattfinden? Nein! Die Markierungen zeigten lediglich bekannte nächtliche Rastplätze von Zugvögeln. Wie sich mehrere Stunden später in der Vernehmung durch die Kriminalpolizei herausstellen sollte.
Nicht die letzte Kuriosität in diesen verrückten Tagen. Um eine möglichst hohe Postendichte zu gewährleisten, wurden selbst berentete Volkspolizisten „reaktiviert“. Der Volkssturm ließ grüßen! In hohen Maße kamen auch VP-Helfer zum Einsatz. Täglich ließen sich führende Offiziere des Volkspolizeikreisamtes bei den Einsatzkräften vor Ort blicken. „ Haltet durch Männer! Nach dem siebenten Oktober wird es wieder ruhiger“, so lautete noch immer die offiziell propagierte Meinung. Hin und wieder zeigten sich jedoch, unterschwellig, erste Anzeichen von Reaktionen. So äußerte der Politoffizier, Major Artur Bielig, auf die Frage ob man einen Grenzübertritt mit allen Mitteln verhindern soll: „ Wir halten niemanden mit Gewalt auf! Jeden Tag verlassen mehrere tausend Menschen die DDR. Da kommt es auf ein paar mehr oder wenig nicht an. Unsere Aufgabe besteht einzig und allein in der vorbeugenden Verhinderung etwaiger Grenzübertritte.“
Von Anfang an wurde in den Belehrungen extra darauf hingewiesen, dass die Anwendung der Schusswaffe nicht zulässig ist. Wobei der „Schießbefehl“ auch an den anderen Grenzen der DDR, ohnehin bereits seit dem 01. April des Jahres außer Kraft gesetzt worden war.
Dann kam es auch im Abschnitt Kietz zu den ersten Fällen „illegalen Grenzübertitts“. Ein junger Mann überquerte unterhalb der Kietzer Eisenbahnbrücke den Strom in einem Schlauchboot. Am Ufer wartete jedoch bereits der polnische Grenzschutz, konfizierte das Schlauchboot und lieferte den unglücklichen Ruderer den Grenztruppen der DDR aus.
In Genschmar, nördlich von Kietz, rettete der Grenzabschnittsposten einen völlig entkräfteten und nicht minder verzweifelten „Oderschwimmer“, vor dem Ertrinken.
Der 07.Oktober rückte immer näher. Unmittelbar vor dem Erreichen dieses magischen Datums, zog ich wieder allein auf „Grenzwacht“. Wie es hieß, würden die Bereitschaftspolizisten anderen Ortes dringender gebraucht. Die DDR glich einem riesigen brodelnden Kessel. Der jeden Moment zu platzen drohte!


Die Hauptstraße von (Küstrin)-Kietz, zwanzig Jahre später




Der Bahnübergang in Richtung Bleyen, im Jahre 2004. So wie auf dem Foto, sah es an der Stelle auch im Herbst 1989 aus. Der Bahnübergang musste der kurz vor dem Beitritt Polens zur "Schengengemeinschaft" erbauten Umgehungsstraße wegen, geschlossen werden.



Gruß Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


josy95 und Marienborn89 haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 14.08.2013 09:23 | nach oben springen

#73

RE: Eine Reise an die deutsch-polnische Grenze

in Mythos DDR und Grenze 22.08.2013 09:05
von ABV | 4.202 Beiträge

Ich habe hier einen sehr interessanten Link bei "Spiegel-Online" gefunden: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-67963952.html

Fundort der Leiche des Bethmann

Mich verwundert noch heute, dass es im Herbst 1989 nicht noch zu mehr Todesfällen beim Durchschwimmen der Oder gekommen ist. Auch später, vor alle in der ersten Hälfte der Neunziger Jahre, ertranken immer wieder Flüchtlinge bei dem Versuch des "illegalen Grenzübertritts". Mit dem Unterschied, dass die "Grenzverletzungen" von Ost nach West erfolgten. Und das es sich um keine Deutschen mehr handelte.
An dieser Stelle noch eine Anmerkung: Seitens der polnischen Grenzbevölkerung wurden in einigen Fällen den aus der DDR kommenden Flüchtlingen Hilfe und Unterstützung gewährt. Es ist jedoch kein Fall bekannt, wo sich die Flüchtlinge hinterher für die Hilfe bedankten. Typisch Deutsch, würde ich sagen.

Gruß an alle
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


josy95 hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#74

RE: Eine Reise an die deutsch-polnische Grenze

in Mythos DDR und Grenze 10.04.2014 17:19
von ABV | 4.202 Beiträge

Das Schlachtfeld von Kunersdorf-wie Polen und Deutsche über die Geschichte zueinander finden

Wer sich für historische Schlachtfelder interessiert, benötigt neben festem Schuhwerk und strapazierfähigen Klamotten, vor allem eines: sehr viel Vorstellungskraft. Ich habe schon einige Schlachtfelder gesehen. Ehemalige Schlachtfelder, wohlgemerkt! Vor einer Liveteilnahme bei einem blutigen „Event“ hat mich sozusagen die so genannte „Gnade der späten Geburt“ bewahrt.
Trotzdem: alte Schlachtfelder üben einen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus. Vor allem jene aus der Preußenzeit. Im Jahre 1999 war ich, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, gemeinsam mit Ehefrau und Sohn Sascha, Mitglied der „Zivil & militärhistorischen Interessengemeinschaft „ Freidragoner von Kleist“ geworden. Gewandet in originalgetreue, für wenig Geld im polnischen Slubice angefertigte grüne Uniformen, hatte sich die Vereinigung das ehrgeizige Ziel gesetzt, der breiten Öffentlichkeit quasi Geschichte zum Anfassen zu präsentieren.
Wenige Monate nach unserem Eintritt, meine Frau fungierte übrigens als Marketenderin, in einem von ihr selbst geschneiderten Kostüm, bat uns der Vorsitzende an den Feierlichkeiten zur Einweihung eines Gedenksteins auf dem Schlachtfeld von Kunersdorf, am 10. September 1999, teilzunehmen. In unserem Outfit sollten wir gewissermaßen den notwendigen optischen Rahmen abgeben. Da spielte es keine Rolle, dass das „ Freidragonerregiment von Kleist“ erst einige Zeit nach der verheerenden Schlacht bei Kunersdorf aufgestellt wurde. Zu einem Zeitpunkt, als dem Preußenkönig langsam aber sicher die „Landeskinder“ ausgingen. Freidragoner waren das übelste Gesocks innerhalb des gesamten preußischen Heeres. Undiszipliniert, von zweifelhafter Kampfkraft und meist eher auf Befriedigung eigener Beutegelüste als auf Befehlserfüllung aus. Wie gesagt: bei Preußens herrschte halt akuter Personalmangel! Nach fast fünf Jahren Krieg konnte selbst Friedrich der Große nicht mehr allzu wählerisch sein. Im wahren Leben wäre ich natürlich niemals solch einem Haufen beigetreten!


Das Angebot unseres „Chefs“, der eines anderen Termins wegen nicht teilnehmen konnte, löste bei mir sofort helle Begeisterung aus. So wie sich andere über Konzertkarten oder einen Urlaub in Mallorca freuen würden, freute ich mich auf Kunersdorf. Das seit 1945 Kunowice heißt und an Frankfurts Nachbarstadt Slubice grenzt.

der berühmte Kuhgrund

Nach und nach erfuhr ich weitere Details zu der Veranstaltung:
Unter Teilnahme von hochrangigen Vertretern der Städte Slubice, Frankfurt (Oder) und des „Heimatkreises West-Sternberg“, zu dem Kunersorf bis 1945 gehörte, kulturell umrahmt von einer Musikkapelle der Forstschule in Rzepin, dem früheren Reppen und unter der „Regie“ des Frankfurter Stadthistorikers Joachim Schneider, sollte der bereits erwähnte Gedenkstein am Vormittag des 12. Septembers, einem Samstag, eingeweiht werden.

Gewidmet wurde der Stein dem Frankfurter Dichter und Offizier im Heer Friedrichs des Großen, Major Ewald Christian von Kleist. Teilnehmer der Schlacht von Kunersdorf und just an der Stelle wo ihm nun ein Denkmal zuteil werden sollte, schwer verwundet wurde. Und nicht nur das: räuberische Russen raubten dem hilflosen Offizier die Uniform. So dass er nackt und frierend, dort mehrere Tage dem Schicksal überlassen blieb. Bis ihm, barmherzige Russen, solche gab es eben auch, ins Lazarett nach Frankfurt schafften. Wo er dann leider jedoch verstarb.

Ewald Christian von Kleist war zwar beileibe nicht das einzige Opfer der mörderischen Schlacht. Aber ein Prominentes!

Ohnehin wird der Familienname von Kleist in Frankfurt (Oder) eher mit Literatur als mit „blutigem Gemetzel“ in Verbindung gebracht.

Poetische Offiziere besaßen in der Armee Friedrich des Großen absoluten Seltenheitswert. In den heißen Augusttagen des Jahres 1759 wurde diese Spezie noch seltener.

Unser Part bei der Veranstaltung bestand darin, auf ein Zeichen des Stadthistorikers, urplötzlich aus dem Hintergrund aufzutauchen. Und zwar schleppend und schlurfend, einander stützend. Unsere Köpfe zierten knallig rote, vorher in ALDI-Ketchup getauchte Mullbinden. Dieser Schneider hätte das Zeug für einen guten Requisiteur beim Theater gehabt! Einzig die Marketenderin durfte, unlädiert und daher unbandagiert, einen Bastkorb in den Händen, neben den „Verwundeten“ herlaufen.

Vereinbarungsgemäß trafen wir bereits eine Stunde vor dem Beginn der Veranstaltung an der vereinbarten Stelle, im Kuhgrund bei Kunersdorf, nach kurzer Autofahrt, ein.
Zu unserer Begleitung gehörten zwei Hunde. Lima, eine liebe Malteserhündin. Und Rocco, ein Mischling zwischen einem Malteser und einem irgendwas. Dem unberechenbaren, teils aggressiven Wesen nach zu urteilen, könnte man das Wort irgendwas durchaus durch die Rassebezeichnung Pitbull ergänzen.

Joachim Schneider erwartete uns bereits. Volker, der in der Altmark wohnte, war eigens mit Frau und Sohn, aus der dreihundert Kilometer entfernten Heimat nach Westpolen angereist.

Bei allem Entusiasmus: so etwas wäre mir nicht einmal im Traum eingefallen. Dieser Volker, ein kleiner etwas korpulienter Endvierziger, erschien mir ohnehin etwas merkwürdig zu sein.
Früher, in der DDR, hatte er aus religiösen Grunden den Wehrdienst an der Waffe abgelehnt. Heute, im wiedervereinigten Deutschland, rannte er freiwillig in der Freizeit in Uniform herum. Nahm dafür sogar einen weiten Anfahrtsweg in Kauf. Vor dem „Dienstantritt“ bei den Freidragonern, durfte sich Volker „Geschäftsführer“ bei einem gewissen Herrn Czesack nennen. Der in Rathenow die Traditionen der berühmten „Zietenhusaren“ wieder aufleben lassen wollte und damit Geld verdienen wollte. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit zog „Rittmeister Czesack“, wie er sich in den Kreisen der Traditionsverbände nannte, über den gutmütigen Volker her. Von Langzeitarbeitslosigkeit geplagt, klammerte dieser sich an jedem sich bietenden Strohhalm. Wie eben der vermeintliche Geschäftsführerposten. Irgendwann gingen auch dem Volker die Augen auf. Er quittierte den Dienst bei dem selbst ernannten Rittmeister und heuerte bei den Freidragonern, die er bei einem gemeinsamen Auftritt in Fürstenwalde kennen lernte, an.
Dennoch: richtig verstehen kann ich das ganze bis heute nicht!

Der 12. September 1999, Zweihundertvierzig Jahre und einen Monat nach der berühmten Schlacht bei Kunersdorf, war ein glühend heißer Spätsommertag. Wenn man den Aufzeichnungen der Chronisten Glauben schenken darf, haargenau das gleiche Wetter wie an jenem verhängnisvollen 12. August 1759. Petrus ist eben auch ein Perfektionist!

Nach Süden hin glich das weite flache Areal des ehemaligen Schlachtfeldes einer von verdorrten Gräsern bewachsenen sandigen Wüste. Im Osten begrenzte eine Hügelkette den Blick. Während sich das Schlachtfeld nach Westen scheinbar unendlich auszudehnen schien.
In der aufgeheizten flirrenden Luft spiegelte sich die Skyline von Frankfurt (Oder). Bestehend aus seelenlosen Hochhäusern. Die so gar nicht zum spröden Flaire eines historischen Schlachtfeldes passten.

Gerade als in meinem „Kopfkino“ Preußen, Österreicher und Russen miteinander fochten, rannte Volkers zehnjähriger Sohn einen gegenüberliegenden niedrigen Abhang hoch. Unser Rocco folgte ihm dicht auf den Fersen. Ganz wie ein tollkühner Seydlitz-Kürassier!
„ Volker, dein Sohn spielt aber schön mit unserem Hund“, schwärmte mein Eheweib voller Entzücken. Volkers Frau sah das nicht ganz so entspannt: „ Der Kleine fürchtete sich aber doch vor Hunden“, wisperte sie leichenblass. Hier spielte nicht der Junge mit dem Hund. Sondern der Hund mit dem Jungen! Was diesem sichtlich Vergnügen bereitete. Vielleicht handelte es sich ja bei diesem Hundemix tatsächlich um die Reinkarnation eines preußischen Kavalleristen? Den der Anblick seiner ehemaligen Wirkungsstätte zu neuen Schandtaten animierte.

Wie dem auch sei, nach der „Rettung“ des verängstigten Jungen, besprachen wir mit Joachim Schneider die weitere Prozedere. Wie vorhin bereits erwähnt, kam es, wegen des Überraschungseffektes, ganz besonders darauf an, dass uns niemand vorzeitig entdeckte.
Hinter einem kleinen Hügel sollten wir das Geschehen verfolgen und das vereinbarte Handzeichen abwarten.

Vom Dorf her näherte sich eine Fahrzeugkolonne, immense Staubfahnen aufwirbelnd, dem Gedenkstein. Höchste Zeit für uns, den „Rückzug“ anzutreten. Schließlich sollte der geplante Überraschungseffekt nicht vorzeitig verpuffen!

Die Sonne näherte sich allmählich dem Zenit. Innerlich verfluchte ich die „ollen Klamotten“. Dicker Schweiß trat mir auf die Stirn. Meine Ehefrau widmete sich derweilen der „Wundversorgung“. Soll heißen: sie umwickelte unsere Köpfe mit Ketchupgetränkten Mullbinden. Wenigstens kühlte das Zeug ein wenig. Rocco hockte gelangweilt am Boden. Hitze und Staub stimmten ihn ungemein friedlich. „Klein-Volker“ atmete erleichtert auf. Wer möchte schon bei der Affenhitze von einer „Bestie“ durch die Botanik gehetzt werden?
Lima, der weibliche Gegenpart zum wilden Rocco, beäugte derweilen Frauchens Marketenderkörbchen.

Pünktlich um 10:00 Uhr eröffnete der Bürgermeister von Slubice die Veranstaltung. Deutsche und polnische Honorationen hielten ihre vorgefassten Reden. Unter ihnen der Vorsitzende des Heimatkreises Weststernberg. Zu dessen Territorium Kunersdorf / Kunowice bis 1945 gehörte. Noch vor einigen Jahren hätte der Mann höchstens inkognito übers Schlachtfeld schlurfen dürfen. Vorbei die Zeiten, in denen Polen sich verbissen um die Beseitigung sämtlicher Spuren deutscher Besiedlung bemühten. In dem von tiefem, Angesichts der Naziverbrechen jedoch absolut verständlichem Hass, getriebenen Eifer, machte man nicht einmal vor den Grabsteinen auf den Friedhöfen halt. Kaum ein Grabstein, bei dem nicht die deutschen Namen herausgemeißelt wurden. Für diesen, gelinde ausgedrückt, Blödsinn, schämt man sich im heutigen Polen zutiefst. Hat sich eigentlich in Deutschland jemand irgendwann für die Zerstörungen der jüdischen Friedhöfe während der Nazizeit geschämt?

Ich schlich mich so unauffällig wie möglich an die Menschengruppe an. Nicht auszudenken, wenn wir das vereinbarte Handzeichen übersehen und den Einsatz verpassen würden!
Einer der Redner rekapulierte noch einmal die ganze Leidensgeschichte des bedauernswerten Majors von Kleist. Die sich genau genommen so oder so ähnlich am 12. und 13. August 1759 mehrtausendfach auf dem Schlachtfeld von Kunersdorf abspielte. Wäre der Offizier nicht „im Nebenjob Literaturschaffender gewesen“, würde heute kein Hahn mehr nach ihm krähen! Ist doch wahr! Warum denkt eigentlich niemand beispielsweise an die Musketiere Schulz, Meier und Krause? Die nicht weniger am Leben hingen, als dieser dichtende Offizier. Und massenweise für ihren König auf diesem kargen Stück märkischen Bodens elendig verrecken mussten. Weil sie keiner Adelssippe entstammten? Weil man subalternem Kanonenfutter keine Denkmäler setzt?

Joachim Schneider riss mich aus den subversiven Gedanken. Behutsam ging ich zurück zu den anderen.
„ Es geht los“, sagte ich halblaut. Wir Männer, sofern man bei einem zehnjährigen Jungen wie meinem Sohn von einem Mann sprechen kann, stützten uns beim Laufen gegenseitig. Man kennt das ja aus diversen Filmen. Nirgends erscheint die Kameradschaft größer zu sein, als unter verwundeten Kriegern. Für die notwendige musikalische Untermalung der Szenerie sorgten die Jagdhornbläser aus Rzepin. Steven Spielberg hätte das nicht besser hinbekommen.

Die ungläubigen erstaunten Gesichter der umstehenden, von denen einige offenbar bei unserem Anblick an ihrem Verstand zweifelten, entschädigten für die Warterei in der Sonnenglut. Kurze Zeit später schlug das anfängliche ungläubige Staunen in unüberhörbare Anerkennung um. Passend zur Lokalität könnte man sagen: dem wackeren Frankfurter Stadthistoriker war ein Volltreffer gelungen!

Selbstverständlich blieb uns eine anschließende „Fotosession“ nicht erspart. Einzeln oder in der Gruppe. An der Seite von Ehrengästen, vor und neben dem Stein. Ausgerechnet jetzt rutschte mir die Binde dauernd auf die Nase. Ketchup träufelte mir ins Gesicht. Langsam aber sicher sah ich aus, als hätte mir tatsächlich jemand einen Degen über die Birne gezogen. Ich wirkte authentischer, als verlangt. Dreißig Minuten dauerte das Martyrium noch an. Dann gehörte auch die Aufstellung des Kleistschen Gedenksteins in Kunersdorf / Kunowice der Geschichte an. Wir verließen den Ort mit einem guten, geradezu euphorischem Gefühl. Nicht ohne Grund: wer weiß, vielleicht würde diese deutsch-polnische Gedenkveranstaltung später einmal selbst in die Geschichte eingehen? Und unsere Fotos werden noch in hundert Jahren von der Nachwelt bewundert.

Steigen Sie ein in die Zeitmaschine. Unser Ziel ist der 12. August 2009. Der zweihundertfünfzigste Jahrestag der „Schlacht von Kunersdorf“. Zehn Jahre sind mittlerweile seit jenem denkwürdigen Samstagvormittag vergangen. Abermals hatte sich die Welt um mich her verändert. Polen gehörte seit fünf Jahren zur „Europäischen Union“ und seit beianhe zwei Jahren zum „ Grenzenlosen Schengen-Raum“. Dienstlich hatte es mich aus meinem Sessel im Frankfurter Polizeipräsidium ins„ Deutsch-polnische Polizei & Zollcentrum Swiecko“ katapultiert. Die binationale Einrichtung verdankte dem Wegfall der Grenzkontrollen gewissermaßen die Existenz und sollte eventuell sich daraus ergebene Sicherheitsmängel kompensieren. Swiecko, dass frühere deutsche Schwetig, liegt direkt am Ostufer der Oder. Südlich der Autobahnbrücke. Das Dorf fungierte lediglich als Namensgeber. Sein Domizil hatte das Polizeizentrum auf dem mittlerweile ehemaligen Grenzterminal Swiecko II, dem Durchschnittsreisenden besser als Grenzübergang Frankfurt (Oder)-Autobahn bekannt, gefunden.
So weit so gut. Privat erlebte ich gerade mein ganz persönliches Kunersdorf! Ich steckte gerade mitten in einer Scheidung. Genau wie einst der Große Friedrich, hatte ich mich mehr oder weniger selbst in diese Krise laviert. Genau wie dem König blieb mir nichts anderes übrig, als den Kampf gegen die drückende Übermacht aufzunehmen. Das Innere eines Gerichtsgebäudes ist mir nun wirklich nicht fremd. Aber wenn es plötzlich um einem selbst geht und sei es nur wegen diverser Unterhaltsforderungen, dann sieht die Welt doch ein wenig anders aus.

Dieser besagte 12. August des Jahres 2009 sollte mich ein wenig von dem nervenaufreibenden „Rosenkrieg“, was für ein blödes Wort, ablenken. Polnische und deutsche Historiker hatten, unterstützt von zahlreichen Militärhistorischen Vereinen, das 250. Jubiläum der Schlacht bei Kunersdorf geradezu akribisch vorbereitet. Von überall aus der näheren und ferneren Umgebung, beiderseits der Grenze, strömten die Schaulustigen nach Kunowice. Das sich in den letzten zehn Jahren sehr zum Vorteil verändert hatte. Am westlichen Ortsrand, zum Schlachtfeld hin, war im Laufe der Zeit eine schmucke Eigenheimsiedlung entstanden. Wer hier baute, gehörte unzweifelhaft zu den so genannten „ besser verdienenden“ in Polen. Großhändler, Grenzschützer, Zöllner, Polizisten und Inhaber privater Firmen. Nicht auszuschließen, dass einige Anwesen vom Verkaufserlös unversteuerter Zigaretten oder anderer „unsauberer Geschäfte“, finanziert werden. Wo Licht ist, ist immer auch Schatten!



Feldlagerromantik


An diesem Abend verspürte ich wenig Lust, um mir über solche Dinge den Kopf zu zerbrechen. Die Digitalkamera schussbereit wie eine Muskete in der Hand, „inspizierte“ ich zunächst das in unmittelbarer Nähe der Eigenheimsiedlung aufgebaute, oder präziser ausgedrückt, nachgebaute, Feldlager. In dem sich „ Freund und Feind“, soll heißen Darsteller in zeitgenössischen preußischen, russischen und österreichischen Uniformen, gemeinsam den Zuschauern präsentierten: Offiziere ließen ihre Mannschaften, unter lautstarken Kommandoworten, exerzieren. Soldaten gaben knatternde Musketensalven in den blauen Hochsommerhimmel ab. Dazu schlugen Tamboure, in spezielle mit den typischen „Schwalbennestern“ versehenden Uniformen gewandet, rhytmisch den Takt. Polen und Deutsche berauschten sich an der derart erzeugten Feldlagerromantik. Die es vor zweihundertfünzig Jahren in dieser Form für die echten Soldaten sicher nicht gegeben hat. Romantik und die Aussicht auf einen möglicherweise unmittelbar bevorstehenden, mehr oder weniger qualvollen Tod, passen nicht zueinander. Egal: die eigentliche Schlacht liegt verdammt lange zurück! Viel zu lange, um ehrlichen Herzens um die hier gefallenen Sodaten zu trauern! Je mehr Zeit uns von solchen Ereignissen trennt, desto mehr verändert sich die Wahrnehmung darüber. Bis eines Tages selbst das grausamste Gemetzel als eine Art „Sportevent der besonderen Note“ angesehen wird. Zynisch ausgedrückt: die Zeit heilt alle Wunden!

Beiderseits der Straße erwarten in Kunowice (Kunersdorf) Schaulustige den Abmarsch der Truppen

Jetzt ist aber genug philosophiert. Um 17:00 Uhr setzten sich Akteure und Zuschauer gemeinsam in Richtung des berühmten Mühlberges in Bewegung. Vorbei an alten, lange vor dem Zweiten Weltkrieg erbauten Bauernhäusern. Denen man deutlich das vergleichsweise schmale Einkommen der Bewohner ansah. Dafür passten die vom Zahn der Zeit angenagten Fassaden besser zu den historischen Uniformen! Als „ steinerne Zeitzeugen“ der Schlacht von Kunersdorf können die Häuser dennoch nicht durchgehen: das Dorf war am 12. August 1759 komplett niedergebrannt worden.
Warum der Mühlberg berühmt ist? Weil hier der „ Alte Fritz“, beinahe den Kosacken in die Hände gefallen wäre. Als er völlig deprimiert wegen der sich immer deutlicher abzeichnenden Niederlage den Degen vor sich in den Sandboden gerammt, mit hängenden Armen auf sein Schicksal wartete. Angeblich suchte der König den Tod. Plötzlich näherten sich Kosacken, säbelschwingend, hoch zu Ross, den noch immer reglos da stehenden Monarchen. Im letzten Moment jedoch rettete ihn der tollkühne Husarenmajor von Prittwitz vor dem fiesen Feind. Merke: Feinde haben grundsätzlich fies zu sein!
Von Prittwitz erhielt später aus den Händen des dankbaren Königs, dass Oderbruchdorf Quilitz inklusive des dazugehörigen, gleichnamigen Schlosses. Kurz am Rande: Quilitz wurde später in Neuhardenberg umbenannt und hieß nach den Zweiten Weltkrieg Marxwalde. Und seit 1990 wieder Neuhardenberg.

Auf dem Weg in die Schacht

Aber nun wieder zurück zur Schlachtdarstellung. Die polnischen Initiatoren hatten sich große Mühe gegeben, dieses imposante Spektakel so detailgetreu zu gestalten: Reihenweise rückten die originalgetreu kostümierten Darsteller vor, stellten sich in Schlachtordnung auf um mit verbissenen Gesichtern den Gegner zu erwarten. In Brand gesetzte, eigens für diesen Abend erbaute Holzhäuschen imitierten das brennende Kunersdorf. Ein wenig abseits gingen, die Mündungen der Kanonen aufs Schlachtfeld gerichtet, Artilleristen in Stellung. Lautsprecher übetrugen eine kräftige männliche Stimme, die das Geschehen, einem Sportreporter gleich, fachkundig kommentierte.
Im Frankfurter Rathaus hatte die geplante Schlachtdarstellung bereits Wochen vorher zu Unbehagen geführt. Die Stadtväter verweigerten, „Militarismusverherrlichung“ befürchtend, urplötzlich den polnischen Nachbarn die bereits zugesagte Unterstützung bei dem lange geplanten Event.
Jeder blamiert sich eben auf seine Weise! Darin haben die Frankfurter im Laufe der Jahre ohnehin verdammt viel Erfahrungen angesammelt.

Der "Alte Fritz" inspiziert seine Truppen

Mittlerweile hatte mich das „Kunersdorffieber“ gepackt. Meine weibliche Begleitung, die an diesem Tag quasi geschichtliches Neuland betrat, steckte ich bei der Gelegenheit gleich mit an. Verbotenerweise schlichen wir uns, auf der Suche nach dem für spektakuläre Fotoaufnahmen günstigsten Standort, hinter die Linien. Nichts ahnend, in der naiven Anahme das die Kanonen lediglich der optischen Dekoration dienten, stellte sich meine Lebensabschnittsgefährtin in der Nähe der Artillerie auf. Weiber haben auf einem Schlachtfeld ja auch nichts zu suchen! Wenn das der „ Alte Fritz“ sehen würde! Der übrigens, in Gestalt eines vierundsiebzigjährigen, im Vergleich zum Original ein wenig zu groß geratenen Sachsen, die angetretenen Preußen inspizierte. Noch ein Tabubruch! Friedrich der Große dürfte in seinem Grab Pirouetten gedreht haben, als der ihm mimende Akteur beständig „ es steht nicht gut um Preußen“ sächselte.

"Kunersdorf brennt"

Gehört hat das ohnehin kaum jemand. Denn zum Entsetzen meiner Holden, eröffnete die Artillerie, donnerhallartige Salven abschießend, unversehens das Getümmel. Graublaue Rauchwolken nebelten das Areal ein. Gleichzeitig breitete sich beissender Geruch verbrannten Schwarzpulvers aus. Kommandiert von Offizieren, rückte die Infanterie in Linien auf einander zu. Hunderfach verstärkt, hallte Musketenknall über das unebene Schlachtfeld.
Lautstark begeistert applaudierend, verfolgten die Zuschauer jede Bewegung. „ Freund“ und „Feind“ verschmolzen im Pulverdampf miteinander.


Derweilen bemühte ich mich, auf der Suche nach Schnappschüssen, den wachsamen, am Rand des Geschehens patroullierenden, streng und wichtig ausschauenden Ordnern zu entgehen. Was mir, Dank des künstlich erzeugten Nebels, auch bestens gelang.
Am Ende verließ ich Kunersdorf, wie bereits zehn Jahre zuvor, mit einem positiven Gefühl. Die heutigen polnischen Einwohner begannen sich mehr und mehr für die nun einmal deutsche, beziehungsweise preußische Geschichte ihrer Heimat zu interessieren. Mehr noch: viele Menschen identifizierten sich sogar mit dieser Geschichte. Während auf der anderen Seite der Oder, in Deutschland, dieser geschichtlich hochinteressante Landstrich nur noch eine verschwindene Minderheit interessierte.
Stimmt nicht? Dann stellt euch doch mal in Frankfurt (Oder) auf dem Marktplatz und befragt die Passanten, insbesondere die jüngeren, nach der Schlacht bei Kunersdorf! Auf die Antworten und nicht zuletzt auf die dämlichen Gesichter, bin ich schon jetzt gespannt.

Zwei Jahre darauf kehrte ich noch einmal auf das historische Schlachtfeld zurück. Mehr spontan als geplant, beschloss ich den zwölf Jahre zuvor eingeweihten „ Kleist-Gedenkstein“ einen Besuch abzustatten. Der sandige Weg durch den Kuhgrund erwies sich für meinen Peugeot als unpassierbar. Kein Problem! Wozu hatte mir der liebe Gott zwei gesunde Beine geschenkt?
Dann der Schock: es gab keinen Gedenkstein mehr. Das heißt, den Stein an sich gab es schon. Allerdings umgeben von Unkraut, die metallene Gedenktafel von Dieben geraubt, wirkte der Obelisk eher wie zufällig abgeladener Ballast.


Die nächste Ernüchterung brachte ein Blick auf die angrenzenden Höhen. Bei deren vergeblicher Erstürmung unzählige preußische Soldaten den sinnlosen Tod fanden. Ungeachtet dessen das es sich bei den Hügeln gewissermaßen um einen Schauplatz der Weltgeschichte handelt, wurde dort in großem Umfang Kies abgebaut. Geht es so weiter, werden die „ Seydlitz“, „Laudon“ und „Judenberge“, eines nahen Tages weitgehend verschwunden sein.


Haben die Polen, abseits medial aufbereiteter Veranstaltungen, doch kein Interesse an der Geschichte ihrer Heimat? Ein klares Nein! Mir erscheint es jedoch, dass die Euphorie feierlicher Augenblicke, dem Alltag nicht immer stand hält. In der , trotz unübersehbarem Aufschwung, noch immer von Arbeitslosigkeit und Kriminalität geplagten Grenzregion gibt es drängendere Probleme, als die Bewahrung der Spuren deutscher Geschichte.
Immerhin: um das Schlachtfeld von Kunersdorf kümmert sich jetzt ein polnischer Archäologe. Der das Gelände akribisch nach Fundstücken absucht und diese nicht minder akribisch dokumentiert. Das einmal geweckte Interesse ist, allen scheinbaren Rückschlüssen zum Trotz, noch lange nicht erloschen!

Gruß an alle
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


hundemuchtel 88 0,5, grenzgänger81, thomas 48 und Duck haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#75

RE: Eine Reise an die deutsch-polnische Grenze

in Mythos DDR und Grenze 10.04.2014 19:50
von grenzgänger81 | 968 Beiträge

@ABV

Hallo Uwe
Sehr interessant deine Artikel,vor allem da ich ja keine 500 m von der Grenze entfernt wohne.
Ich habe wirklich zu dieser Zeit nichts mitbekommen,bin ein Vollpfosten oder nichtsmitbekommer,weiss nicht.
Aber das Menschenmassen die Polnische Grenze stürmen wollten ,tut mir leid keine Ahnung.
Kann auch sein,das der Inselstatus viele abschreckte.
Soweit ich mich erinnern kann,war das Stück Landgrenze bei uns auch sehr loechrig ,zumindest nicht im besten zustand.


nach oben springen

#76

RE: Eine Reise an die deutsch-polnische Grenze

in Mythos DDR und Grenze 11.04.2014 15:12
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von grenzgänger81 im Beitrag #75
@ABV

Hallo Uwe
Sehr interessant deine Artikel,vor allem da ich ja keine 500 m von der Grenze entfernt wohne.
Ich habe wirklich zu dieser Zeit nichts mitbekommen,bin ein Vollpfosten oder nichtsmitbekommer,weiss nicht.
Aber das Menschenmassen die Polnische Grenze stürmen wollten ,tut mir leid keine Ahnung.
Kann auch sein,das der Inselstatus viele abschreckte.
Soweit ich mich erinnern kann,war das Stück Landgrenze bei uns auch sehr loechrig ,zumindest nicht im besten zustand.


Hallo @grenzgänger81

Wie sich die Situation an der polnischen Grenze im Herbst 1989 bei euch im Norden darstellte, kann ich dir leider nicht sagen. Generell war es wohl so, dass der " Druck auf die Grenze" im Süden am stärksten war. Das Gros der Flüchtlinge ging über die Neiße nach Polen. Logisch: durch dieses Flüsschen kann man stellenweise sogar durchwaten. An der Oder gestaltete sich das ganze schon schwieriger. Bei uns war es immerhin so, dass im Bereich Lebus, wenige Kilometer nördlich von Frankfurt (Oder), immerhin täglich zwischen fünf bis zehn "Grenzverletzer" festgenommen wurden. Die meisten schafften es nicht einmal bis zur Oder. Sie fielen bereits im Vorfeld bei Kontrollen auf, weil sie wichtige Papiere, wasserdicht verpackt, mit sich führten.

Gruß Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


grenzgänger81 hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#77

RE: Eine Reise an die deutsch-polnische Grenze

in Mythos DDR und Grenze 11.04.2014 15:27
von damals wars | 12.198 Beiträge

5. Regiment, Unteroffizier und Soldat, laut "Historische Uniformen" Geburt einer Armee, Seite 141


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
nach oben springen

#78

RE: Eine Reise an die deutsch-polnische Grenze

in Mythos DDR und Grenze 26.04.2014 12:21
von ABV | 4.202 Beiträge

Der "steinerne Grenzpfahl" von Czellin

Juli 1981

Gelangweilt sitze ich am Ufer der Oder. In der Nähe von Zelliner Loose. Einem kleinen unscheinbaren Dörfchen. Unter dem schönen Wort Loose versteht man im Oderbruch vom eigentlichen Ort in Mitten weiter Felder, entfernt angelegte Bauerngehöfte. Über deren Verteilung einzig und allein das Los entschied. Wenn es die „Zelliner Loose“ gibt, dann dürfte Zellin eigentlich nicht weit sein? Leider kann man die auf der Karte nirgends finden, sagt sich der verzweifelte, ortsunkundige Wandersmann. Wurde Zellin etwa dem Erdboden gleich gemacht? Nein! Das am anderen Oderufer liegende Zellin gehört heute zur Volksrepublik Polen und nennt sich Czellin. Zelliner Loose und Czellin trennt mehr als nur die Oder. In deren Mitte die „Oder-Neiße-Friedensgrenze“ verläuft. Offiziell eine Grenze, „ welche die Menschen nicht mehr trennt, sondern verbindet“. Der Slogan galt noch immer. Ungeachtet der Tatsache, dass seit fast einem Jahr kaum noch jemanden die „Friedensgrenze“ überschreiten darf. Angeblich zum eigenen Schutz. Weil jenseits der friedlichen „Friedensgrenze“ zurzeit die Konterrevolution marschiert. Zu sehen oder zu hören ist davon, von meinem Angelplatz aus, absolut nichts. Czellin entzieht sich zum größten Teil meiner Blicke. Mit Ausnahmen einiger auf dem Steilufer, hoch über der Oder erbauter Häuser. Und der Spitze des Kirchturms. Die ich bei klarer Sicht, sogar von meinem über zehn Kilometer entferntem Elternhaus erkennen kann. Und da ist noch etwas: ein imposantes steinernes Monument. Unmittelbar am Ufer gelegen, irgendwie Eindrucks und geheimnisvoll. Wahrscheinlich sollte es an ein wichtiges historisches Ereignis erinnern. Aber an welches? Diese Frage konnte mir bisher niemand beantworten.


Oder bei Zelliner Loose, dreißig Jahre später. Es scheint, also wäre die Zeit stehen geblieben

Träumend richte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die Angelrute aus:

Geradezu unbeweglich liegt die rosafarbene Pose auf der trüben, glatten Wasseroberfläche. Die Oder führt Niedrigwasser. Vorsichtig schiebt sich ein Lastkahn durch die ausgebaggerte Fahrrinne. Vorbei an den überall hervorlugenden Sandbänken. BIZON steht in unübersehbaren Großbuchstaben an der Bordwand, während am Heck eine kleine polnische Fahne hängt.

Endlich beisst ein Fisch an. Ruckartig verschwindet die Pose unter Wasser, während sich die Sehne strafft. Meine Lethargie ist wie weggeblasen. Klopfenden Herzens nehme ich die Teleskopangelrute zur Hand. Ich schlage an, treibe dem ahnungslosen Schuppenwild den spitzen Widerhaken ins Maul. Statt des erhofften heftigen Widerstands, verspüre ich lediglich leichtes Zappeln. Vor Staunen bleibt mir der Mund offen stehen: am anderen Ende der Leine hängt ein mickriger Kaulbarsch. Höchstens zehn Zentimeter lang und damit kleiner als der zum Köder degradierte fette Tauwurm. Das Tier hatte buchstäblich das Maul zu voll genommen! Ein wenig enttäuscht entlasse ich den Fresssack zurück in die Freiheit. Dankbar mit der Schwanzflosse wedelnd, zieht sich der Fisch in die Tiefe zurück. [/i]
Immer wieder erscheinen Spaziergänger, schauen ein wenig auf den Strom hinaus und setzen anschließend ihren Weg fort. Hin und wieder werde ich nach „ dem großen Fang“ gefragt. Bedauernd grinsend präsentiere ich dann den leeren Setzkescher. „ Die Biester wollen heute nicht“, füge ich zum besseren Verständnis hinzu.

Kaum jemand verharrt länger als fünf Minuten in meiner Nähe. Die überwiegende Zeit bin ich allein und schaue den vorbeifliegenden Graureihern hinterher.

Drüben, am polnischen Ufer der Oder, kaum mehr als einhundert Meter von mir entfernt, versammelt sich eine Gruppe junger Leute. Mädchen und Jungen in meinem Alter.

Wieder beißt ein Fisch an. Diesmal handelt es sich um eine beachtliche Plötze. „ Da hat sich das Warten doch gelohnt“, rufe ich freudig aus. Ich richte mich in voller Größe auf. Schimpfworte deren Bedeutung ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannte, hallen mir plötzlich von jenseits der „Friedensgrenze“ entgegen. Sie stammen aus den Mündern der Jugendlichen. Die mir, trotz der zur Schau getragenen Agressivität, nicht gefährlich werden können. Der „ Oder-Neiße-Friedensgrenze“ sei Dank. Schwärme von Steinen fliegen in meine Richtung, prallen weit vor mir aufs Wasser und versinken. Was habe ich den Jugendlichen getan? Woher kommt dieser Hass, den es doch offiziell überhaupt nicht gab?

Dann erlebe ich etwas, was mir noch mehr zu denken gab, als Schimpfworte und geworfene Steine: Unter den Jugendlichen befand sich auch ein Mädchen. Sie sah sehr hübsch aus. Soweit man das aus der Entfernung erkennen konnte. Das Mädel winkt mir zu und ruft, im fehlerfreien Deutsch: „ Komm rüber zu uns, Faschist! Wir Polen lieben unsere Feinde.“
Die übrige Meute johlt darauf laut auf. In meiner Magengrube breitet sich ein Gefühl aus, als wäre ich tatsächlich dort von einem Stein getroffen worden. Kurz darauf verschwand die Gruppe wieder. Offenbar machte es keinen Spaß, einen einsamen Angler auf dem DDR-Ufer der Oder zu beschimpfen.

Vorfälle wie diese ereigneten sich übrigens des Öfteren an der „Oder-Neiße-Friedensgrenze“. Kaum ein Angler, der nicht über ein Sammelsurium an polnischen Schimpfworten und Flüchen verfügte. Die Schatten des Zweiten Weltkriegs lasteten unübersehbar auf dieser Grenze. Deren besonderer Charakter bereits an sich einiges an Konfliktstoff bereit hielt. Konfliktstoff über den in der DDR nicht gesprochen werden durfte.

[b]Juli 2011


Da wären wir wieder bei dem geheimnisvollen Monument. Drehen wir die Zeiger der Uhr ganze dreißig Jahre vor. Bis ins Jahr 2011. Wieder hat sich Welt ringsumher enorm verändert. Längst gibt es keine DDR mehr. Der Versuch auf deutschem Boden eine menschlichere Alternative zum Kapitalismus zu entwicklen, hatte sich als fulminanter Rohrkrepierer erwiesen. Bei all den Lügen und Irrtümern, in einem hatten die einst „führenden“ Genossen doch recht behalten: Seit spätestens 1980 drohte der DDR von jenseits der „Oder-Neiße-Friedensgrenze“ immense Gefahren. Letztendlich bewahrheitet sich deren Befürchtung, dass der „Solidarnosc-Virus“ auf die DDR übergreifen könnte, auf dramatische Weise.
Dabei sollte dieser, vormals in den Planungen der Grenztruppen so unbedeutenden Trennlinie, eine nicht unbedeutende Rolle zukommen. Seitdem Spätsommer 1989 herrschte in der DDR „verkehrte Welt“. Der Weg nach „Westen“ führte hier zunächst weit nach Osten. Zur Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Warschau. In der sich viele DDR-Müde Bürger flüchteten. Nicht jeder schaffte es bis dahin. An dieser Grenze, deren Überquerung, bedingt durch die natürlichen Gegebenheiten rasch zum lebensgefährlichen Unternehmen werden konnte, spielten sich dramatische Szenen ab. So mancher Fluchtversuch endete bereits am Ufer der Oder. Wo verstärkt Grenztruppen und Volkspolizei patroullierten.

Viel, sehr viel war seitdem Untergang der DDR, beziehungsweise des beinahe gesamten „ Sozialistischen Weltsystems“ an dieser Staatsgrenze geschehen. Zuerst wurde zu einer Wohlstandsgrenze zwischen West und Ost. Wobei das Territorium der Ex-DDR plötzlich zum „Westen“ gehörte. Während Polen im Bewusstsein der Menschen im „armen, benachteiligten Osten“ verblieb. Lediglich als Transitland für ein unübersehbares, ins „ Gelobte Land“, dem wiedervereinigten Deutschland, drängendes Flüchtlingsheer dienend. Bezahlte Schlepper brachten diese Menschen nachts in überfüllten Schlauchbooten über die Oder. Andere verdingten sich ihren Lebensunterhalt mit dem Schmuggel von Zigaretten. Hochgefährliche Banden konkurierten mit einander. Nicht immer friedlich. Ende des Jahres 1996 fanden Spaziergänger, nur ein paar hundert Meter von der Stelle meines „81-er Grenzabenteuers“ entfernt, ein Skelett. Die Hände des Toten waren auf dem Rücken zusammengebunden. Später identifizierte man ihn als Mitglied einer polnischen Zigarettenschmugglerbande.

Probleme bestehen im Jahre 2011 entlang dieser Grenze noch immer. Wenn auch in abgewandelter Form. Aber darum ging es mir an diesem Tag nicht. Ich wollte mir endlich Czellin und das „geheimnisvolle Monument“ aus nächster Nähe anschauen. Mittlerweile wusste ich natürlich, was es mit diesem Denkmal auf sich hatte: an dieser Stelle wurde im April 1945 der erste polnische Grenzpfahl in den (noch) deutschen Boden getrieben.

Dieses Foto auf einer Hauswand im benachbarten Godzdowiche (Güstebiese), zeigt die Erichtung des ersten polnischen Grenzpfahls an der Oder bei Zellin

April 1945? Da tobte doch noch der Zweite Weltkrieg! Bis zur deutschen Kapitulation sollten noch ganze drei Monate ins Land gehen. Hatte man etwa das Fell des Bären bereits verteilt, ehe er erlegt wurde? Ganz so hat sich das wohl nicht abgespielt. Eigentlich war die Errichtung des Grenzpfahls nicht mehr und nicht weniger als ein bloßer symbolischer Akt. Lediglich der Steigerung der Kampfmoral der polnischen Soldaten dienend, die Seite an Seite mit der „Roten Armee“ gegen die Deutschen kämpften. Nachdem die Alliierten ihre dementsprechenen Pläne für die Nachkriegszeit der Weltöffentlichkeit verkündet hatten.
Laut Überlieferung, soll der verfrühte Grenzakt den Unmut sowjetischer Offiziere erregt haben. Egal: wenige Monate später standen überall an Oder und Neiße, Grenzsäulen in den polnischen Landesfarben. Damit endete nicht nur der bislang grausamste Krieg der Menschheitsgeschichte, sondern auch eine mehrere Jahrhunderte umfassende deutsche Siedlungsepoche in den Landstrichen östlich dieser neuen Grenze. Die nicht historisch gewachsen, sondern in den Köpfen der Sieger eben dieses Krieges entstanden war.
Millionen verloren ihre Heimat. Während andere ihre Plätze einnahmen. Die zuvor ebenfalls ihre angestammte Heimat hatten verlassen müssen. „ Repatrianten“, Rückkehrer, nannte sie der neue polnische Staat. Weil sie die „Ehre“ besaßen, in „urpolnische Gebiete zurückkehren zu dürfen.“ Gebiete, von denen sie vorher nicht einmal wussten das es sie überhaupt gab!
Ihre deutschen Leidensgefährten wurden dagegen „verschämt“ als Umsiedler bezeichnet. Wehe, irgend jemand nahm das Wort Heimatvertriebene in den Mund! Dieses Verbot galt auf beiden Seiten der neuen Grenze. An der man sich zumindest in den Anfangsjahren, argwöhnisch beobachtete. Nicht nur die jeweiligen Machthaber, sondern auch die neuen und alten Bewohner. Was in der Beurteilung dieser Grenze viel schwerer wiegt! Die einen fürchteten die Rückkehr der vertriebenen Deutschen. Völlig verständlich: würden doch die „Repatrianten“ erneut Hab und Gut aufgeben und die Flucht ins Ungewisse antreten müssen!

Zur selben Zeit hofften die vertriebenen Deutschen, ebenfalls völlig verständlich, auf die Rückkehr in die Heimat. Keine besonders gute Ausgangsposition für eine echte Friedensgrenze! Von einer Freundschaftsgrenze, die obendrein Menschen verbindet und nicht mehr trennt, ganz zu schweigen! Ein Zustand der während der DDR-Zeit zu keinem Zeitpunkt erreicht wurde.
Trotzdem, oder gerade deshalb, klammerten sich die Herrschenden so sehr an Symbole. Wie den erwähnten „steinernen Grenzpfahl“. Sichtbares Zeichen polnischer Souveränität an der umstrittenden Staatsgrenze.

Etwa zwei Kilometer vor Czellin sehe ich eine ältere Frau am Straßenrand stehen. Ein wenig zaghaft hebt die Frau den linken Daumen. Ich halte an und lade die Frau zu mir ins Auto ein. Freudig nimmt sie mein Angebot an. An der Tatsache das ich Deutscher, gewissermaßen ein „Faschist“ bin, nimmt sie keinerlei Anstoß mehr. Überhaupt, fällt mir ein, dass mich schon seit vielen Jahren kein Pole mehr als Faschist beschimpft hat. Zwischen uns entwickelt sich ein angeregtes Gespräch. Teils auf polnisch, teils auf deutsch. Hin und wieder verhelfen ausdrucksreiche Gesten zum besseren Verständnis. Mein Interesse für Czellin fndet die Frau offenbar lustig. Fremde verirren sich nur selten hierher. So weit abseits von „Polenmärkten“, Zigarettenbuden, Tankstellen und Bordellen. Lachend erkläre ich, einen Polenmarkt direkt vor der Haustür zu haben. Außerdem bin ich Nichtraucher, mein Tank ist voll und fürs Bordell fehlt mir das nötige Kleingeld. Was hätte ich der Frau auch weiter sagen sollen. Interessant immerhin, wie sehr sich die Stereotypen über uns Deutsche im Laufe der Zeit verwandeln:
Vom tumben Nazi, zum Schnäppchen jagenden Sparfuchs. Bis hin zum hormongesteuerten Puffgänger. Zur welcher Kategorie ich gehöre? Das fällt unter die Schweigepflicht! Aber zwei Dinge kann ich mit ruhigem Gewissen sagen: Ich bin und war nie ein Nazi! Dafür aber seit beinahe dreißig Jahren Nichtraucher. Zufrieden?

Im Vorfeld meiner Reise hatte ich mir im Internet ein paar alte Postkarten von Czellin angesehen. Beziehungsweise vom deutschen Zellin. Die ältesten Ansichten waren bereits mehr als ein Jahrhundert alt. Allzu viel schien sich in dem kleinen Dorf an der Oder, abgesehen vom Bevölkerungsaustausch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nicht getan zu haben. Ich hielt direkt vor dem Haus der Frau, die sich überschwenglich bedankend, herzlich von mir verabschiedete. Anschließend fuhr ich weiter bis zur Kirche, stellte mein Auto ab, um in Richtung des nahen Steilufers zu spazieren. Obwohl die Region früher ebenfalls zu Brandenburg gehörte, unterschieden sich die Kirchen in ihrer Bauweise sichtlich von den Gotteshäusern im benachbarten Oderbruch. Möglicherweise aus dem Grund, dass die Kirchen östlich der Oder etliche Jahrhunderte mehr auf dem Buckel hatten. Die Kirchen im Oderbruch waren zumeist Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden. Nach der Trockenlegung der Region. Versonnen schaue ich zur Kirchturmspitze hinauf. Zum Glockenturm, der in mir Assoziationen zur Kanzel eines Beobachtungsturms weckte. Tatsächlich dürfte man von dort oben bis weit nach Deutschland hineinschauen können. Für einen Hobbyfotografen wie mich eine absolute Traumvorstellung. Die jedoch eine Traumvorstellung bleiben musste! Traurig oder enttäuscht brauchte ich jedoch trotzdem nicht zu sein. Denn der Blick vom Steilufer über der Oder nach Süden, Westen und Norden, lies mich den Glockenturm schnell vergessen.



die bis weit im Oderbruch sichtbare Kirche von Czellin / Zellin

Unter mir floss, grau und träge, der breite Grenzstrom vorbei. Das Fernglas vor den Augen, suchte ich den Horizont nach vertrauten Objekten ab. Linkerhand, südwestlich meines Standorts, tauchte der Kirchturm von Letschin vor der Linse auf. Vor lauter ungläubiger Begeisterung setzte ich das Glas einen Moment lang ab. Nun habe ich in den letzten Jahrzehnten so viele Länder gesehen. Habe es sogar bis unter die Niagarafälle in Kandada geschafft, aber noch immer erfüllte es mich mit geradezu kindlicher Begeisterung, wenn ich vom polnischen Staatsgebiet, also vom Ausland aus, direkt in meine unmittelbare Heimat schauen konnte. Ein Gefühl, das wohl nur ein ehemaliger DDR-Bürger nachvollziehen kann! Und das selbst eine Type wie ich, zu dessen beruflichen Pflichten es vor einem guten Vierteljahrhundert Jahrhundert andere vor eben diesem Gefühl „ zu bewahren“, mittlerweile zu schätzen gelernt hat.
Im Süden erheben sich, in über dreißig Kilometern Entfernung, die Schornsteine der Zellulosefabrik Kostrzyn. Nach Norden reicht der Blick bis nach Güstebiese, dass heute Gozdowice heißt. Ein weiteres Ziel meiner Reise. Direkt vor mir sehe ich die „Gieshofer Fahne“. Auf der Buhne angelt ein junger Mann. Genau an der Stelle an der ich im Sommer 1981 den „ Grenzzwischenfall“ erlebte. Mein Blick geht nach unten. Zum Oderufer. Von dem ich seinerzeit mit einem Hagel von Steinen und Schimpfworten eingedeckt wurde. Dort unten herrschte heute idyllische Ruhe. Lediglich von dem rhytmischen Klatschen der Wellen gestört, die sich an den vermodernden Resten des im Januar 1945 für immer außer Dienst gestellten Fähranlegers brachen. Könnte sich ein Vorfall wie 1981 an dieser Grenze heute erneut abspielen? Trotz aller Phantasie fällt es mir verdammt schwer, die makabere Szenerie von damals zurück ins Gedächtnis zu rufen. Immer wieder fallen die unscharfen, diffusen Gestalten vor meinem geistigen Auge zusammen, wie Nebelschwaden im Sturm.

Kein Zweifel: diese Grenze hat sich im Lauf der letzten Jahre immens verändert. Ausgerechnet der Politik des verpönten „ Klassenfeindes“ war zu einem nicht unerheblichen Teil gelungen, woran Honecker und Co, ungeachtet allen vollmundigen Gefasels zum Trotz, so fulminant scheiterten: Polen und Deutsche an dieser Grenze näher zusammenrücken zu lassen. Eine Grenze welche die Menschen nicht mehr von einander trennt, sondern vereint. Noch sind wir nicht soweit. Wir befinden uns aber auf dem besten Weg dorthin!
Die letzten Zweifel verliere ich beim Anblick des „ Steinernen Grenzpfahls“. Nie zuvor hat mich der Anblick einer offenbar kaum noch genutzen Gedenkstätte mehr gefreut, als hier in Czellin.
Ein vorbeigehender älterer Pole bestätigt meine Gedanken: „ Ach, Kommunstenscheiß! Besser abreissen“, sagte der hagere Mann abfällig. Zur Bekräftigung dieser doch harschen Worten vollzieht er eine wegwerfende Handbewegung und setzt seinen Weg fort. Sollte das Denkmal wirklich abgerissen werden? Auf keinen Fall! Auch wenn mich der Zustand zunächst erfreute: Wie sollen wir denn aus der Vergangenheit lernen, wenn stets und ständig alle Hinterlassenschaften der selbigen rigoros aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgt werden?

Der " Steinerne Grenzpfahl" im Sommer 2011

Der symbolischen Errichtung eines polnischen Grenzpfahls im Februar 1945, an dieser Stelle, ging eine verdammt lange Vorgeschichte voraus! Ebenso wie der Tatsache, dass wenige Monate dem symbolischen Akt ein hochoffizieller folgen sollte. Eine Vorgeschichte, die mit Blut und Tränen geschrieben wurde. Unter anderem und zu einem gewichtigen Teil, von uns Deutschen. Also, lasst die Denkmäler in Gottes, oder in wessen Namen auch immer stehen! Verseht sie mit aktuellen Hinweistafeln, klärt die Jugend über ihre Geschichte auf und verleiht ihnen dadurch einen neuen Sinn. Nur wer die Vergangenheit kennt, kann auch die Gegenwart verstehen und für die Zukunft planen.


Gruß an alle
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


hundemuchtel 88 0,5 hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 26.04.2014 13:31 | nach oben springen

#79

RE: Eine Reise an die deutsch-polnische Grenze

in Mythos DDR und Grenze 09.05.2014 17:33
von ABV | 4.202 Beiträge

Der Winter 2012 / 2013 hatte sich offenbar über Mitteleuropa festgebissen. Noch im März, eigentlich der erste Frühingsmonat, lag das Oderbruch unter einem dicken weißen Schneeteppich. Selbst am Tage stiegen die Temperaturen nicht über dem Gefrierpunkt an. Wie war das doch gleich mit der Erderwärmung?
Bekanntlich gibt es kein schlechtes Wetter. Höchstens unpassende Bekleidung! Darum hielt mich an jenem eisigen, höchstens kalendarischen Vorfrühlingstag nichts in der warmen wohligen Stube. Bei der Durchsicht meines „ digitalen Fotoarchivs“, andere sagen externe Festplatte dazu, war mir aufgefallen, dass ich noch kein einziges Foto von jener Stelle besitze, an der im Jahre 1753 das Schicksal des Oderbruchs eine jähe Änderung erfuhr. Ich spreche von dem neuen Oderkanal, zwischen Güstebieser Loose und Hohensaathen. Und der Abriegelung des uralten Oderlaufs. Der sich bis dahin, knieförmig, von Güstebiese über Wriezen und Bad Freienwalde nach Hohensaathen schlängelte. Wenn ich einen Hut hätte, würde ich ihn ziehen. Aus Respekt vor dieser unglaublichen wasserbaulichen Maßnahme. Die ausschließlich auf Manpower beruhte. Davon stand dem verantwortlichen Wasserbauingenieur, den aus den Niederlanden stammenden Simon Leonard von Haerlem allerdings jede Menge zur Verfügung. Friedrich der Große beorderte etliche Regimenter zum Buddeln an die „Oderfront“. Er konnte sich das ohne weiteres leisten, da in Europa zu jener Zeit ausnahmsweise mal ein Krieg herrschte. Zum Einsatz kamen auch die ins Land gerufenen Neusiedler. Und, last bot not least, die eingebornene Ur-Oderbrücher. Vorwiegend Fischer, denen der harte Job aus verständlichen Gründen nicht schmeckte. Gruben sie sich doch, im wahrsten Sinn des Wortes, selbst das Wasser ab. Sozusagen auf allerhöchstem Befehl! Dagegen ist noch kein Kraut gewachsen. Schon gar nicht im Obrigkeitsstaat Preußen!

Am Gedenkstein für den neuen Oderkanal, im März 2013

Davon einmal abgesehen, stellte die Schinderei alles andere als eine „ABM-Maßnahme“ für momentan beschäftigungslose Soldaten oder eine besondere Schikane der Untertanen dar. Ganz im Gegenteil! Der tiefere Sinn der Arbeiten bestand darin, dem Oderstrom durch den Bau des Kanals, einen schnelleren Abfluss zu gewähren. Besonders bei Hochwasser ein nicht von der Hand zu weisender Vorteil!
Immer wenn ich bei Güstebieser Loose an der Oder stehe, stelle ich mir vor wie an dieser Stelle einst einige tausend fleißige Arbeiter, „bewaffnet“ mit Spaten und Spitzhacke, über eine Strecke von beinahe zwanzig Kilometern, einen Kanal aushoben. Tag und Tag aus. Bei jedem Wetter. Unablässig gepeinigt von riesigen Mückenschwärmen und übellaunigen, fluchenden Antreibern, auf die auch kein Projektmanager verzichten kann. Wohlgemerkt auf die Antreiber und nicht auf die Mücken!
Seite an Seite mit meiner Lebensgefährtin und Chaly & Shorty, unseren „ vierbeinigen Kindern“, stapfe ich durch den Schnee. Dem schlichten, für diese menschliche Höchstleistung eigentlich viel zu schlichten Gedenkstein entgegen. Eingeweiht wurde der Stein im Jahre 2003. In diesem Jahr jährte sich die Einweihung des „ Neuen Oderkanals“ zum zweihundertfünfzigsten Mal. Am 02. Juli 1753 erfolgte der Durchstich des Fangedamms. Von nun nahm die Oder zwischen Güstebiese und Hohensaathen einen völlig neuen Weg. Nicht durch Naturgewalten, sondern allein durch Menschenhand. Sollte mich das nicht freuen?
Immerhin wurden die Oderbrücher von diesem Zeitpunkt an nicht mehr so oft vom immer wiederkehrende Hochwasser geplagt. Meine einst wilde Heimat verwandelte sich mehr und mehr in eine blühende Landschaft. Lange,bevor ein gewisser Altbundeskanzler Helmut Kohl selbige dem gesamten Osten Deutschlands versprach. Aber in meiner Brust schlagen nun einmal zwei Herzen: das des nüchternen Realisten. Und das eines unverbesserlichen Ökofreaks und Naturliebhabers. Siegmund Freude hätte seine wahre Freude an mir gehabt!

der "amputierte" einstige Hauptverlauf der Oder

Ein Blick auf die für alle Zeiten abgeriegelten kümmerlichen Reste des einstigen Haupstroms der Oder offenbart die Kehrseite der Medaille. Nicht nur für das Gewässer selbst. Dessen Ökosystem völlig aus den Fugen geriet. Sondern auch für die Städte Wriezen, Freienwalde und Oderberg. Die jahrhundertelang von der direkten Lage an der Oder profitierten. Jetzt aber kilometerweit von dieser entfernt waren. Den einem sein Brot, ist dem anderen sein Tod. Wie oft wird wohl dieser Spruch den alten Oderbrüchern zur Mitte des 18. Jahrhunderts durch den Kopf gegangen sein?
Überhaupt, in der Natur geschieht nichts ohne tieferen Sinn! Auch das in jedem Jahr mehrfach das Oderbruch überschwemmende Hochwasser nicht. Bildete es doch die Lebensgrundlage für eine heute kaum noch vorstellbare Artenvielfalt. In Fauna und Flora. Nur eine Art von Lebewesen störte sich an den ehernen Gesetzen der Natur: der Mensch. Egoistisch begann er in diese Gesetze einzugreifen. Ohne zu ahnen, dass er sich, auf lange Sicht, selbst dadurch schadet.

Ehe wir, bei so viel augenscheinlicher Ökofrevelerei, noch völlig depressiv werden, möchte ich lieber an ein weiteres historisches Ereignis erinnern. Das mit Güstebiese im direkten Zusammenhang steht: dem legendären Oderübergangs Friedrich des Großens. Der am 23. August 1758, an dieser Stelle, auf dem Weg in die Schlacht bei Zorndorf, den Strom überquerte. Natürlich nicht allein! Sondern in Begleitung seiner Truppen. Die der Monarch zuvor von Schlesien kommend, zunächst über Krossen und Frankfurt bis nach Manschnow gehetzt hatte. Wo die Vereinigung mit den Soldaten des Grafen Dohna erfolgte, die zuvor bei der Verteidigung der Festung Küstrin vor den anrückenden Russen im Einsatz waren.
Am 22. August marschierten die blauuniformierten Preußen ungefähr fünfunddreißig Kilometer durchs Oderbruch. Bei glühender Sommerhitze. Da innerhalb weniger Jahre die einst riesigen, schattenspendenen Eichenwälder der Axt zum Opfer gefallen waren, dürfte der Marsch nicht gerade ein Zuckerschlecken gewesen sein. Obwohl recht gut zu Fuß, würde mir nicht einmal im Traum einfallen, von Manschnow bis nach Güstebieser Loose zu latschen! Aber ich bin ja auch kein Soldat mehr. Schon gar kein preußischer Soldat. Zu meiner Zeit, von 1983-1985, hat man sich bereits nach einem lumpigen Zehn-Kilometer-Marsch als Held gefühlt. Bloß weil man die letzten drei Kilometer unter Vollschutz zurück gelegt hat. Dafür ging es im Anschluss in der Kaserne unter die Dusche und dann aufs Bett. Während die armen Preußen in die Schlacht ziehen und ihr Leben riskieren mussten! Neben der üblichen Lobhudelei, gewähren einige Chronisten einen knappen aber bezeichnenden Eindruck von den Leiden der Soldaten auf dem Marsch nach Zorndorf. Demnach sollen einige versucht haben, den quälenden Durst in Pfützen zu stillen. „ Wonach sie krank und siech wurden und am Wegesrand zurückblieben“. Nicht gerade die preußische Art, die eigenen, von Bauchkrämpfen gequälten Soldaten elendig krepieren zu lassen. Vielleicht galt das Trinken aus Pfützen ja als besondere Form der „Selbstverstümmelung“?

im Jahre 2006 stellten militärhistorische Vereine die Ereignisse um die Schlacht bei Zorndorf, in Güstebieser Loose nach

König Friedrich wandelte in Güstebiese natürlich nicht wie weiland Jesus von Nazareth übers Wasser. „ King Frederic, wie ihn die Engländer nannten, benutzte standesgemäß eine von Pionieren in Rekordzeit errichtete Pontonbrücke. Für die das Material eigens aus Küstrin und Stettin herangeschafft wurde. Wieder einmal lüfte ich in Gedanken den nicht vorhandenen Hut. An der Schnelligkeit sollten sich die Erbauer des Flughafens Berlin-Brandenburg mal ein Beispiel nehmen! Obwohl man die beiden unterschiedlichen Projekte nicht unbedingt miteinander vergleichen kann.
Den Oderübergang überwachte der „ Große König“ von den Anhöhen am anderen Oderufer aus. Wo sich das eigentliche Dorf Güstebiese befindet. Die Güstebieser Loose, praktisch die Ausbauten von Güstebiese, gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Der erhöhte Standort, auf dem später ein an die Oderüberquerung erinnerndes Denkmal errichtet wurde, erlaubte dem König nicht nur seine Truppen zu beaufsichtigen. Von hier aus hatte er auch einen wunderschönen Blick über den erst fünf Jahre zuvor fertig gestellten „ Neuen Oderkanal“. Aber dem „ Ollen Fritzen“ plagten an diesem Tag wohl andere Sorgen. Sollte es ihm in den kommenden Tagen nicht gelingen die Russen aus der Neumark zu verjagen, war die ganze Plackerei am Ende doch noch für die Katz. Oder für die Russen und den Rest seiner zahlreichen Gegner. Mensch Fritze, hoffentlich kommst du aus dieser Nummer wieder raus!
Ist er ja auch! Wie der weitere Verlauf der Geschichte beweist. Rückschläge einbegriffen.
Ein Trupp von Freikorpsoldaten sollte nach dem Abmarsch der übrigen Truppe die Bewachung der Pontonbrücke übernehmen. Schließlich sollte das Konstrukt dazu dienen, dass die Preußen nach siegreicher Schlacht wieder trockenen Fußes über die Oder gelangen. Und nicht etwa in die Hände des Feindes fallen. Wäre ich damals Soldat gewesen, dann hätte ich mich ganz bestimmt freiwillig zur Brückenwache einteilen lassen. Immer noch besser vor lauter Langeweile (fast) zu sterben, als mit relativer Sicherheit in der Schlacht „ ein Ding verplättet zu bekommen“! Ist doch wahr! Allerdings kamen für solche, wenig Heldentum verheißende Aufträge weniger die regulären Truppen als die Freikorps in Frage. Sehr groß scheint das Vetrauen der preußischen Generalität in die aus vielen Teilen Europas stammenden Freiwilligen nicht gerade zu sein!
Wie auch immer: die Güstebieser Brückenwächter heimsten doch noch ein wenig legendären Ruhm ein. Kurz nach dem Abmarsch der übrigen Mannschaften, tauchten russische Kosaken in der Nähe von Güstebiese auf. General Rumjanzow, der die vierzig Kilometer nördlich gelegene Stadt Schwedt besetzt hielt, hatte die Kosaken zu Aufklärungszwecken nach Güstebiese entsandt, weil ihm die Aktivitäten der Preußen nicht verborgen geblieben waren. Schon damals funktionierte nichts so gut wie die Geheimdienste. Auch ohne Internet und NSA. Zahlenmäßig gesehen wären die Freikorpssoldaten den Kosaken rettungslos unterlegen gewesen. Diesen Nachteil glichen die Jungs jedoch mit einer gehörigen Portion Pffigkeit aus.
Die ganze Truppe verzog sich auf die Anhöhen und veranstalte dort oben einen Höllenlärm. So als würde AC/DC kein Konzert geben. Den sonst so unerschrockenen Kosaken rutschten die Herzen tief in die Pluderhosen. Vermuteten sie doch einen zahlenmäßig starken Feind. Ruckzuck wendeten die Russen ihre Gäule und jagten nach Schwedt zurück. Minimaler Aufwand gepaart mit maximalem Erfolg, so etwas nenne ich effektiv! Noch dazu ohne eigene Verluste! Vorausgesetzt, dass sich die Geschichte wirklich so und nicht anders abgespielt hat.

Über die Oder setzen konnte später an dieser Stelle auch das einfache Volk. Bis 1945 verkehrte hier eine Wagenfähre. Die, wie alle Fähren an der Oder, noch vor dem Ende des großen Sterbens in Europa, ihren Dienst einstellte. Anfang der Neunziger Jahre, als an den wenigen Grenzbrücken hinüber nach Polen Tag und Nacht der Verkehrsinfarkt drohte, begann man sich in Berlin und Potsdam wieder an die Fähren zu erinnern. Neben Lebus und Reitwein kam auch Güstebieser Loose in die engere Wahl. Da aber bekanntlich die Mühlen der deutschen Bürokratie sehr langsam laufen, gingen mehrere Jahre voller fruchtloser Visionen ins Land. Schließlich mussten viele Aspekte beachtet werden. Neben der Wirtschaftlichkeit und der verkehrstechnischen Anbindung, stellte sich immer wieder die Frage des Umweltschutzes. Der zu erwartende Tourismus sollte halt so sanft wie möglich sein. Außerdem sollte nicht vergessen werden, dass die Oder zu diesem Zeitraum, zunächst bis zum 01. Mai 2004, die Außengrenze der EU und bis zum 21. Dezember 2007, die „Schengen-Außengrenze“ bildete. Sozusagen als „letztes Bollwerk“ gegen osteuropäische Banden. Was immer der einzelne auch darunter so versteht. Damit diese nicht etwa unkontrolliert per Fähre ins Land hinein oder wieder hinaus gelangen, hätten BGS und Zoll zusätzliches Personal an den Fährstellen einplanen müssen. Damals wie heute galt dort jedoch: Keine Leute! Keine Leute! So gingen die Jahre ins Oderland. Lebus und Reitwein kamen aus der „ Visionsphase“ nicht heraus. Am Ende blieb nur noch die Fährverbimdung von Güstebieser Loose hinüber ins polnische Gozdowice übrig.


Die Fähre "Grenzenlos" im Herbst 2012

Die lange geplante, immer wieder verschobene Eröffnung der Fähre erfolgte an einem kühlen Aprilnachmittag im Jahre 2008. Gute vier Monate nach dem Schengen-Beitritt Polens und dem sich daraus ergebenden Wegfall der Grenzkontrollen. Den ursprünglich für die Passkontrolleure, auf dem polnischen Ufer errichteten Blechcontainer hatten geschäftstüchtige Anwohner kurzerhand zum Kaffeestübchen umfunktioniert. Keine schlechte Idee! Denn gegessen und getrunken wird immer.
An diesem Nachmittag bevölkerte eine, vergleichsweise riesige Menschenmenge die Zufahrt zur Oder. Mittendrin fuhren vollbesetzte Pferdekutschen. Straßenmusikanten unterhielten die Gäste mit mehr oder weniger melodischen Klängen. Später entdeckte ich, nicht an der Oder aber in Güstebieser Loose selbst, eine prominte Sängerin Namens Dagmar Frederik. Ok, ich weiß: Prominenz ist relativ! Außerhalb der Ex-DDR kennt die längst in die Jahre gekommene Sängerin wahrscheinlich kein Schwein. Hier in Güstebieser Loose, einem Ort in die gute Dagi zu ihren Glanzzeiten wahrscheinlich freiwillig keinen Fuß hineingesetzt hätte, konnte sie sich noch einmal der Gunst des im Vergleich zur Sängerin mindestens gleichaltrigen Publikums erfreuen.

Dagmar Frederik in Mitten ihrer Fans in Güstebieser Loose


Zurück zur Fähre. Vor der sich lange Schlangen geduldiger, potentieller Fahrgäste bildeten. Jeder wollte wenigstens einmal mitfahren. Der schnauzbärtige polnische Fährmann gab sein bestes. Er konnte, bzw durfte jedoch nur eine begrenzte Anzahl von Passagieren übersetzen. Von wegen der Sicherheit! „Bez Granic“ ohne Grenzen, nannte sich das Fährschiff. Ein Name mit Programm! Denn was nutzte eine völlig offene Grenze, wenn sie doch nur an wenigen Stellen überschritten werden kann? Die Zahl der Brücken zwischen Schwedt und der Neißemündung bei Ratzdorf konnte man schließlich mühelos an einer Hand abzählen. Hört gut zu, iht da im fernen Potsdam: wir brauchen noch mehr Fähren! Wie es scheint, ist die Message dort noch nicht angekommen. Vielleicht deshalb, weil Fähren am Ende doch nicht so angesagt sind, wie es zum Anfang scheinen mag?
Endlich habe ich einen Platz an Bord gefunden. Neben mir meine Frau. Der Besuch in Güstebieser Loose gehört zu unseren letzten gemeinsamen Unternehmungen. Dementsprechend eisig die Atmosphäre. Schweigend schauten wir auf den Strom hinaus. Die Kirche, oben auf den Bergen über den Ort der früher Güstebiese und nun Gozdowice heißt, scheint langsam größer zu werden. Völlig unbemerkt schippern wir über eine der neuen europäischen Binnengrenzen. Ein Gefühl, dass mir schon Berufswegen her in diesen Tagen längst zur Gewohnheit geworden war. Nur das ich gewöhnlich über die polnische Grenze am Steuer meines Peugeots sitzend, fuhr, und nicht schipperte. Hin und wieder umkreisen Möwen die Fähre. Die weißen Vögel hielten sich jedoch in respektvollem Abstand. Zu ungewohnt erschien ihnen der Anblick von Passagieren an dieser Stelle des Stroms. Direkt hinter mir stand ein älteres Ehepaar. Dem angeregten Gespräch nach zu urteilen, stammte beiden aus der Gegend von Güstebiese. Im Frühjahr 1945, noch als Kinder, mussten sie ihre Heimat verlassen. In der sie heute als kurzzeitige Besucher zurückkehren. Offenbar auf der Suche nach vertrautem, streifen ihre Blicke den sich stetig nähernden Uferbereich ab. Enttäuscht stellen sie noch vor dem Anlegen fest, dass es diese Heimat, so wie im Kopf gespeichert, nicht mehr gibt.

Der "außer Dienst gestellte" Passkontrollcontainer am polnischen Ufer

Nach kurzer Überfahrt, die höchstens fünf Minuten dauerte, legte die Fähre an. Unschlüssig verlassen wir die Fähre. Einträchtig wehen die Fahnen Polens, Deutschlands und der Europäschen Union im Frühlingswind. In dem Grenzschutzcontainer den nie ein Grenzschützer betreten hat, bieten nette polnische Frauen duftenden Kaffee und warmen Kuchen an. Selbst gebacken! Draußen erfährt man auf Schildern an jeder Ecke, was der kundige Wanderer ohnehin schon weiß: wir sind mitten in Europa! Leider präsentiert sich dieses Europa an dieser Stelle reichlich trist. So wie die Fassaden der meisten Häuser. Bereits nach wenigen hundert Metern fehlt einem die Lust zum Weitergehen. Die ganze Zeit werden wir von einem kleinen, rassentechnisch undefinierbar gemixtem Dorfköter regelrecht gestalkt. Gutmütig wie ich bin, teile ich das eben erst erworbene Kuchenstück mit dem Tier. Ein schwerer Fehler! Urplötzlich gesellt sich der Rest der Hundemeute dazu. Der Kleine bildete wohl nur die Vorhut. Ich formuliere es mal vorsichtig: es gibt angenehmeres als Seite an Seite mit einer Frau, die in Gedanken bereits den Auszug aus dem ehelichen Anwesen plant und einem sichtlich ausgehungerten Hunderudel durch ein ansonsten langweiliges Dorf zu spazieren!
Unterwegs begegneten wir zum zweiten Mal dem älteren Ehepaar. Hilfslos, fast ein wenig traurig, schauten sie zur Kirche hinüber. Wo sich die Überreste des einstigen deutschen Friedhofes befinden. Man braucht nicht viel Scharfsinn um zu erahnen, dass das Paar dort die Gräber ihrer Angehörigen vermutet. Verborgen unter dichtem Gras. Nur einige wenige Grabdenkmäler hatten die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzende Zerstörunsgwut gegen alles was auch nur im mindesten an die ehemaligen deutschen Bewohner erinnerte, überstanden.

Gedenktafel auf dem Friedhof von Gozdowice (Güstebiese)

Hoffnung macht eine kleine, eher unscheinbare Tafel aus dem Jahre 1999. Errichtet von den heutigen Einwohnern. Zum Gedenken an die ehemaligen Einwohner! Solche kleinen Gesten bewirken mehr, als die mitunter ein wenig aufgesetzt wirkendenden „ Europa-Parolen“. Gegenseitige Ressentiments verschwinden nicht einfach über Nacht. Nur weil es den Politikern so gefällt. Zu tief sind manchmal noch die Gräben zwischen Deutschen und Polen. Zuschütten können diese Gräben nur die Einwohner beider Länder. Wie man sieht, hat das Zuschütten längst begonnen!

In mir nagen Zweifel, ob sich der Fährbetrieb an dieser Stelle überhaupt lohnen wird. Später sollte sich zeigen, dass diese Zweifel durchaus nicht unberechtigt waren. Kaum jemand wollte von Güstebieser Loose nach Gozdowice. Gilt doch das Interesse der meisten Deutschen noch immer den Tankstellen und Märkten in unmittelbarer Grenznähe. Zwanzig Kilometer trennten Gozdowice von Osinow Dolny (Niederwutzen), dem in nördlicher Richtung nächst gelegenem Einkaufsparadies. Von Berlin gelangt der findige Autofahrer ganz bequem über die B 158 und die „Saldernbrücke“ bei Hohenwutzen, dorthin. Güstebieser Loose stellt höchstens einen Umweg dar. Genutzt wird die Fähre höchstens von ein paar unentwegten Naturfreunden, die die Schönheit des nahen Diantentales für sich entdeckt haben. Überhaupt hat sich das Fährprojekt im Laufe der Zeit als unwägbares Lotteriespiel entpuppt: Mal konnte die Fähre wegen Hochwasser nicht ablegen. Mal konnte sie nicht ablegen, weil die Oder Niedrigwasser führte. Oder weil Diebe das stählerne Halteseil gestohlen hatten. Manchmal geht es schon lustig zu, an der deutsch-polnischen Grenze.
Von den etwaigen Schwierigkeiten des Alltages wollte am Eröffnungstag naturgemäß niemand etwas wissen. Logisch! Niemand lässt sich gern die Feierlaune versauen!
Wer immer die Fähre, sechs Jahre nach der Eröffnung, nutzen möchte, ist gut beraten einen Blick ins Internet zu werfen. Unter http://www.guestebieser-loose.de findet der Reiselustige die aktuellsten Informationen rund um die Fähre „ Grenzenlos“.
Spannend wird es in Güstebieser Loose und Umgebung auch in Zukunft bleiben. Dafür sorgen schon die Pläne, in unmittelbarer Nähe eine Brücke für den LKW-Verkehr zu bauen.
Rollen bald Vierzig-Tonner-Diesel durch die beschauliche Landschaft beiderseits der Oder?
Eine ebenso gruselige, wie realistische Vorstellung. Bürgerinititativen haben bereits den Kampf gegen den Umweltfrevel aufgenommen. Offen bleibt, ob am Ende die Vernunft über eiskalte wirtschaftliche Erwägungen siegen wird. Zu wünschen wäre es jedenfalls. Ansonsten könnten Deutschland und Polen bald um eine unvergleichbare Landschaft ärmer sein!


Gruß an alle
Uwe

Angefügte Bilder:

www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


zuletzt bearbeitet 09.05.2014 17:39 | nach oben springen

#80

RE: Eine Reise an die deutsch-polnische Grenze

in Mythos DDR und Grenze 09.05.2014 17:44
von Pit 59 | 10.153 Beiträge

Uwe,Deine Bilder sind grosse Klasse aber Bücher lese ich doch nicht


ABV hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen



Besucher
18 Mitglieder und 97 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: TalSiar
Besucherzähler
Heute waren 2534 Gäste und 146 Mitglieder, gestern 3936 Gäste und 179 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 14372 Themen und 558450 Beiträge.

Heute waren 146 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 589 Benutzer (24.10.2016 20:54).

Xobor Ein eigenes Forum erstellen