#1

RE:Sozialistische Beziehungen - Definition und Wirklichkeit

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 26.04.2013 00:37
von Moskwitschka (gelöscht)
avatar

Hallo rainman,

ich bin in Publikationen über das Militär in der DDR immer wieder auf den Begriff "sozialistischen Beziehungen" gestossen. Gemeint ist das Verhältnis von Soldaten untereinander, zu Vorgesetzten usw.. Gab es ein feste Definition für diesen Begriff?

Ich frage deswegen, weil ich meistens im Zusammenhang von "Störungen" dieser Beziehungen gelesen habe. Zum Beispiel hat das MfS festgestellt, dass es sich da in nicht wenigen Fällen um Angriffe gegen die menschliche Würde von Militärpersonen gehandelt haben soll.
(in "Armee des Volkes?: Militär und Gesellschaft in der DDR" http://books.google.de/books?id=JdX8aN_a...oldaten&f=false)

Aber auch im Befehl des Ministers für Nationale Verteidigung an das Kommando der Grenztruppen von 1981 heisst es:

"Der Kampf gegen Disziplinarverstöße, gegen Störungen der sozialistischen Beziehungen zwischen den Grenzsoldaten und im Umgang der Vorgesetzten mit den Unterstellten ist entschiedener und erzieherisch wirksamer zu führen."

http://www.grenztruppen-der-ddr.de/index...ow=law&law_id=6

Es muss doch dann ein grundsätzliches oder strukturelles Problem gewesen sein. Oder verstehe ich das falsch?

LG von der grenzgaengerin


Admin Rainman2: Thema in diesen neuen Thread verschoben, da inhaltlich zu weit weg führend vom ursprünglichen Thema des Threads Wer kennt noch die Waschtröge? (2).


zuletzt bearbeitet 26.04.2013 04:29 | nach oben springen

#2

RE: RE:Sozialistische Beziehungen - Definition und Wirklichkeit

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 26.04.2013 04:22
von Rainman2 | 5.753 Beiträge

Hallo grenzgaengerin,

eine interessante Frage, vor allem an mich als Polit. Hier betreten wir meine alte "Werkzeugkammer". Interessant ist die Frage insofern, dass es zahllose Artikel in den Militärischen Fachzeitschriften (u.a. "Militärwesen") dazu gab. Ich erinnere mich an Kampagnen zu den "Dienst-, Arbeits- und Lebensbedingungen" und zu den "Sozialistischen Beziehungen" (im Alltagsspachgebrauch DALB und SozBez genannt). Dabei wurde vor allem der Begriff "Sozialistische Beziehungen" weitestgehend als feststehender, nicht weiter zu definierender Begriff gehandhabt, in den man reinpacken konnte, was gerade passte. Ich hab mal nach etwas "offiziellem" Ausschau gehalten. Das nun folgende Zitat wird etwas länger, aber es gewährt einen interessanten Rückblick auf das Denken dieser Zeit, deshalb verzichte ich auf Kürzungen. Wem das zu lang ist, der findet die inhaltliche Ausgestaltung des Begriffes im letzten Absatz:

"Die Vorzüge, die nur einer sozialistischen Armee eigen sind und die sich aus dem Klassencharakter sozialistischer Streitkräfte ergeben, kommen vor allem in einem hohen Klassenbewusstsein und allseitig entwickelten sozialistischen Beziehungen zum Ausdruck.

Die bestimmenden gesellschaftlichen Verhältnisse und damit auch die materielle Grundlage aller sozialen Beziehungen in unserer Gesellschaft sind die sozialistischen Produktionsverhältnisse. Sie prägen entscheidend den Charakter der Beziehungen innerhalb und zwischen den militärischen Kollektiven. 'Entwickelte sozialistische Gesellschaft - das heißt, die Produktionsverhältnisse als Beziehungen kameradschaftlicher Zusammenarbeit und gegenseitiger Hilfe zwischen den Werktätigen und zwischen den Arbeitskollektiven weiterzuentwickeln und zu vervollkommnen, die Kollektivität in den gesellschaftlichen Beziehungen zu verstärken.' [Programm der SED, Berlin 1985, S. 26]

Hier liegt auch der grundlegende Unterschied zu den sozialen Beziehungen in imperialistischen Streitkräften, deren Grundlagen die in der Gesellschaft herrschenden Verhältnisse des Kapitals, der Ausbeutung und der Konkurrenz sind und deren charakteristisches Merkmal der objektive Interessenantagonismus zwischen den in der Gesellschaft Herrschenden und den Soldatenmassen ist.

Die Beziehungen zwischen den sozialistischen Soldatenpersönlichkeiten sowie innerhalb und zwischen den militärischen Kampfkollektiven sind frei von jeglichem Klassenantagonismus, wovon auch die Anrede "Genosse" in der NVA zeugt. Die Beziehungen werden gestaltet nach den Idealen der marxistisch-leninistischen Weltanschauung, der Ideologie und Moral der Arbeiterklasse, geregelt nach den Gesetzen des militärischen Dienstes. Zu ihren Wesenszügen gehören Parteilichkeit, gegenseitige Achtung, kameradschaftliche Zusammenarbeit und Hilfe, Kollektivität und Diszipliniertheit . Sozialistische Beziehungen sind folglich keine "schmückende Zutat", sondern verkörpern in entscheidendem Maße den Klassencharakter der Nationalen Volksarmee. In ihr hat wahre Soldatenkameradschaft ihre Heimstatt."

(aus: Handbuch für politische Arbeit in Truppenteilen und Einheiten der Nationalen Volksarmee, Militärverlag der DDR, 1. Auflage, 1988, S. 93/94)

Das hier ist keine "feste Definition". Es ist eine der Ausgestaltungsmöglichkeiten eines "Alltagsbegriffs". Ich habe das Zitat mal in voller Länge gelassen, denn es zeigt sehr anschaulich unsere (gemeint für Partei- und Politkader) Denkweise. Die Grundlage war die von Marx und Engels geschaffene Klassentheorie. Diese gipfelt auch hier in der kurzschlüssigen Übertragung des allgemein auf die Klassenbeziehung bezogenen Spruchs: "Das materielle Sein bestimmt das materielle Bewusstsein" in die Alltagsbeziehungen. Was von M&E als eine als Teil der Klassendefinition verstandene These war, wurde zur soziologischen Grundformel erhoben. Das ging voll nach dem Motto: "Unsere wissenschaftliche Weltanschauung besagt das so, also muss es so sein! Und wenn es nicht so ist, liegt es am Bewusstsein! Und wenn das Bewusstsein nicht stimmt, steckt der Klassenfeind mit seiner zersetzerischen Arbeit dahinter oder eine mangelhafte politisch-ideologische Arbeit." Tja, soziale Beziehungen sind komplex und wir haben versucht, es uns einfach zu machen. Das Zitat aus dem Parteiprogramm der SED steht da auch nicht nur als schmückendes Beiwerk. Es steht für die führende Rolle der Partei auch bei der Hoheit der Definition von Begriffen.

Soweit meine Vorlage zu Deinem Thema, Grenzgängerin. Mal sehen, was die Forengemeinde nun draus macht!
Die Sache mit dem strukturellen Problem versuche ich mir später noch einmal vorzunehmen, auch in Abhängigkeit von der Diskussion.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


matloh, seaman, utkieker und Damals87 haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 26.04.2013 04:31 | nach oben springen

#3

RE: RE:Sozialistische Beziehungen - Definition und Wirklichkeit

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 26.04.2013 08:16
von Moskwitschka (gelöscht)
avatar

Hallo rainman,

vielen Dank für Deine ausführlichen Beitrag, zumal Du Dir die Nacht um die Ohren geschlagen haben musst.

Und schon tauchen die nächsten Fragen auf. Wenn der Begriff "sozialistische Beziehungen" nicht fest definiert war, war doch die Interpretation oder die Definition der "Störungungen" dieser Beziehungen bestimmt auch frei auslegbar, oder? Die schlimmste "Störung" war nach meinem Verständnis die Fahnenflucht. Doch wo war die niedrigste Schwelle dieser "Störungen"?

Muss man das Wirken des MfS in den bewaffneten Organen daher nicht auch unter Berücksichtung der Durchsetzung der "sozialistischen Beziehungen" betrachten und nicht ausschließlich zur Verhinderung von Fahnenfluchten?

Dieses Thema scheint ein weites Feld zu sein. Und ich wünsche mir sehr, dass wir es sachlich beackern. Daher möchte ich an dieser Stelle betonen, dass ich mit meinen Fragen niemanden diskeditieren möchte. Man möchte mir bitte auch nachsehen, dass ich in der Verwendung von militärischen Begrifflichkeiten nicht so geübt bin.

LG von der grenzgaengerin


nach oben springen

#4

RE: RE:Sozialistische Beziehungen - Definition und Wirklichkeit

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 26.04.2013 08:53
von Rainman2 | 5.753 Beiträge

Hallo Grenzgaengerin,

das kann man so nicht sehen. Die Störung der sozialistischen Beziehungen war bestenfalls ein Vergehen. Fahnenflucht galt als Verbrechen. Da kam der Begriff der sozialistischen Beziehungen nur ins Spiel, wenn man den politisch-moralischen Zustand der Einheit beurteilte. Letzten Endes war in der Streitkräften der Begriff der sozialistischen Beziehung ein Ersatz für den Begriff der Kameradschaft. Wir waren keine Kameraden, denn der Begriff hätte ja wieder an Reichswehr- und Wehrmachtszeiten erinnern oder Parallelen zur Bundeswehr zulassen können. Wir waren Genossen. Genossenschaft war aber schon belegt. Also blieb nur der schwammige Begriff der sozialistischen Beziehungen. Übrigens, ganz wurde der Begriff Kamerad doch nicht getilgt. Es gab immer noch den Kameradendiebstahl. Aber auch das galt als schweres Vergehen und nicht als einfache Störung der sozialistischen Beziehungen.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


nach oben springen

#5

RE: RE:Sozialistische Beziehungen - Definition und Wirklichkeit

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 26.04.2013 09:08
von Alfred | 6.841 Beiträge

Zitat von grenzgaengerin im Beitrag #3

Muss man das Wirken des MfS in den bewaffneten Organen daher nicht auch unter Berücksichtung der Durchsetzung der "sozialistischen Beziehungen" betrachten und nicht ausschließlich zur Verhinderung von Fahnenfluchten?


LG von der grenzgaengerin







Hallo,

selbst dies ist wohl für die Aufgaben des MfS etwas sehr eng gefasst.
Da gab es einiges mehr an Aufgaben.


nach oben springen

#6

RE: RE:Sozialistische Beziehungen - Definition und Wirklichkeit

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 26.04.2013 09:18
von utkieker | 2.912 Beiträge

Hallo Rainman,

zunächst ist es konsequent, daß du dieses Thema aus den "Waschtrögen" rausgelöst hast dafür bedanke ich mich. Und nun zum Klassencharakter! Nun die ganze Armeeführung unterlag nicht mehr traditionsgemäß dem Adel, junge Arbeiter oder Arbeiterkinder entschlossen sich für eine Berufslaufbahn bei Militär. Dennoch wurde die ganze Dünkelhaftigkeit des preußischen Militarismus übernommen.
Wenn man von der Überwindung der Klassengesellschaft ausging, so trieb sie bei Armee und Militär ungeahnte Blüten. Die "Rote Armee" hatte bei ihrer Gründung auf Dienstgrade verzichtet, damit entfielen die Offiziersprivilegien der alten Ordnung, was sich positiv auf den "politisch moralischen Zustand" der Truppe auswirkte. Alles verlief bestenfalls auf Kommandoebene aber nicht auf Dienstgradebene. 1936 hat dann Stalin die alten Dienstgrade wieder hervorgezaubert, und dabei ein 3- Klassensystem Flügel verliehen, wie sie dann auch später in der NVA manifestiert wurde.
Am besten lässt sich das 3- Klassensystem noch beim Mittagstisch darstellen - eine Truppe aber drei Speiseräume. Neuer Wein in alten Schläuchen der hier zelebriert wurde. Mit dem ganzen preußischen Militarismus hielt auch die EK- Bewegung wieder in den Kasernen Einzug.

Gruß Hartmut!


"Die Vergangenheit zu verbieten macht sie nicht ungeschehen, nicht einmal wenn man versucht sie selbst in sich zu verdrängen"
(Anja-Andrea 1959 - 2014)
Gert hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#7

RE: RE:Sozialistische Beziehungen - Definition und Wirklichkeit

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 26.04.2013 09:20
von Moskwitschka (gelöscht)
avatar

Hallo rainman,

wenn ich es richtig verstehe, dann gab es verschiedene Kategorien: Verbrechen und Vergehen in verschiedenen Abstufungen. Da ich Dich nicht unendlich nerven will: Kann man das irgendwo nachlesen?

Bleiben wir bei den sozialistischen Beziehungen. Wenn Du von der "einfachen Störung der sozialistischen Beziehungen" schreibst, gab es da auch verschieden Abstufungen?

Und wenn ich Dich richtig verstanden habe, dann schwebten die sozialistischen Beziehungen über allem, ob in der Beurteilung der "Qualität" einer Einheit oder der Beziehung der Soldaten untereinander, usw.. Da es nach meinem Verständnis ein "künstlicher" Begriff war, war es da nicht unendlich schwer damit umzugehen?

LG von der grenzgaengerin


nach oben springen

#8

RE: RE:Sozialistische Beziehungen - Definition und Wirklichkeit

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 26.04.2013 09:37
von utkieker | 2.912 Beiträge

Zitat von grenzgaengerin im Beitrag #7

.... wenn ich es richtig verstehe, dann gab es verschiedene Kategorien: Verbrechen und Vergehen in verschiedenen Abstufungen. Da ich Dich nicht unendlich nerven will: Kann man das irgendwo nachlesen? ....


Ja kann man guckst du hier: http://dejure.org/gesetze/StGB/12.html (ähnlich wurde es auch in der DDR definiert)
Für das Militärwesen der DDR (NVA/ GT) kann man sagen: Vergehen wurden disziplinarisch, Verbrechen strafrechtlich geahndet!

Gruß Hartmut!


"Die Vergangenheit zu verbieten macht sie nicht ungeschehen, nicht einmal wenn man versucht sie selbst in sich zu verdrängen"
(Anja-Andrea 1959 - 2014)
zuletzt bearbeitet 26.04.2013 09:37 | nach oben springen

#9

RE: RE:Sozialistische Beziehungen - Definition und Wirklichkeit

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 26.04.2013 10:15
von Moskwitschka (gelöscht)
avatar

Zitat von Alfred im Beitrag #5

Hallo,

selbst dies ist wohl für die Aufgaben des MfS etwas sehr eng gefasst.
Da gab es einiges mehr an Aufgaben.


Hallo Alfred,

wenn ich MfS lese oder höre, dann meist im Zusammenhang mit "Abwehr". Wenig liest oder hört man, dass das MfS auch die Finger in "Wunden" gelegt hat und speziell bei diesem Thema, auch den Widerspruch zwischen dem "Klassencharakter" der Streitkräfte und "Fehlentwicklungen" innerhalb der "Truppe" gesehen hat. Die Frage, die sich mir stellt: Wie ist man damit umgegangen?

LG von der grenzgaengerin


nach oben springen

#10

RE: RE:Sozialistische Beziehungen - Definition und Wirklichkeit

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 26.04.2013 10:20
von ddr-bürger (gelöscht)
avatar

Ich würde den begriff "soz. Beziehungen" meht auf den Umgang miteinander beziehen. Nur ist es so da gehen Menschen miteinander "Beziehungen" ein und das während einer Armeezeit meist nicht gerade freiwillig. Da mußten manchmal 8 Mann auf einer Bude mit den unterschiedlichsten Interessen und Bildungsniveau miteinander auskommen, das ist wirklich ein Problemfeld. Heute würde man Mobbing dazu sagen, aber damals gab es den Begriff nicht und eine menschliche Schwäche ist ein "Opfer" zu definieren und auf dessen kosten sich zu amüsieren, profilieren wie auch immer. das war nicht im Sinne der "Soz. Lebensweise", dort wurde das MIteinander zum erreichen der gesell. Ziele propagiert. leider hat der Mensch immer in jeder Gesellschaft moralische Defizite. Aus diesem Grund waren solche Geschehen (auch die EK Bewegung) nicht gerne gesehen. Oft wurde aber darüber hinweggesehen, da man in ein "gut laufendes System" nicht eingreifen wollte, wenn es mit dem Dienst gut lief wurde halt um der Ruhe willen hinweg gesehen.

Das wichtigste daran ist aber wie stark motiviert eine Gesellschaft die niederen Instinkte, in einer gesellschaft wo Egoismus und pßersönliche Bereicherung stärker in Vordergrund stehen, werden sich auch die "Mobbingfälle" erhöhen, nur ein generelles abschaffen ist Illusion.


bendix hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#11

RE: RE:Sozialistische Beziehungen - Definition und Wirklichkeit

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 26.04.2013 10:37
von Fritze (gelöscht)
avatar

Auch für diese Problematik trifft wieder Mephistos Ausspruch im " Faust " zu :" Grau , teurer Freund ,ist alle Theorie ! "


nach oben springen

#12

RE: RE:Sozialistische Beziehungen - Definition und Wirklichkeit

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 26.04.2013 10:45
von Alfred | 6.841 Beiträge

Zitat von grenzgaengerin im Beitrag #9
Zitat von Alfred im Beitrag #5

Hallo,

selbst dies ist wohl für die Aufgaben des MfS etwas sehr eng gefasst.
Da gab es einiges mehr an Aufgaben.


Hallo Alfred,

wenn ich MfS lese oder höre, dann meist im Zusammenhang mit "Abwehr". Wenig liest oder hört man, dass das MfS auch die Finger in "Wunden" gelegt hat und speziell bei diesem Thema, auch den Widerspruch zwischen dem "Klassencharakter" der Streitkräfte und "Fehlentwicklungen" innerhalb der "Truppe" gesehen hat. Die Frage, die sich mir stellt: Wie ist man damit umgegangen?

LG von der grenzgaengerin




Hallo,

dass MfS hat über vieles informiert.

Ich kann mich z.B. erinnern, dass es ausführliche Informationen über eine überzogene EK - Bewegung gab.
Es gab über vieles Informationen und es wurde von Seiten des MfS - im Rahmen der Möglichkeiten - versucht, bestehende Probleme zu lösen. Man müsste dann auch definieren, was nun "Fehlentwicklungen " waren. In der NVA und den GT dienten über die Jahre Millionen - überwiegend junge - Menschen. Da sind Probleme immer vorprogrammiert und diese werden immer verschieden sein. Da wird es Unterschiede geben, ob es sich um Soldaten im Grundwehrdienst handelt oder Offiziere. Dies ist wohl aber ganz normal und einige Probleme wird es in jeder Armee der Welt geben.
Die sind keine Eigenheit der DDR gewesen.

Was man über die Arbeit des MfS liest, liegt auch daran, welche Quellen genutzt werden. Man hat ja seit 1990 immer das Gefühl, dass gesamte MfS hat sich nur auf die "Kirchen gestürtzt".
Es gibt aber auch Bücher die beschäftigen sich recht sachlich mit der Arbeit des MfS, nur müssen die gefunden werden. Und einiges zur Arbeit des MfS passt eben nicht in das Bild, was der breiten Öffentlichkeit vermittelt werden soll.


passport und Feliks D. haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#13

RE: RE:Sozialistische Beziehungen - Definition und Wirklichkeit

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 26.04.2013 15:48
von 94 | 10.792 Beiträge

Gab's eine solche 'überzogene EK-Bewegung', als Grenzer blieb man ja von diesem Schwachsinn glücklicherweise verschont, eigentlich auch in den WSE und bei WRFD? Oder waren die Wehrersatz-Diener auch da mehr Beobachter als wie Betroffene?


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


zuletzt bearbeitet 26.04.2013 15:48 | nach oben springen

#14

RE: RE:Sozialistische Beziehungen - Definition und Wirklichkeit

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 26.04.2013 16:44
von Eisenacher | 2.069 Beiträge

Wie Rainman schon richtig bemerkte: Sozialistische Beziehungen ist ein undefinierbarer schwammiger Begriff. Jede Armee ist ein undemokratisches streng hierarchisches System. Da zählt einzig Dienstgrad, Persönlichkeit und Durchsetzungsvermögen.
Wer nichts davon besitzt, hat von Hause aus schlechte Karten.
EK-Bewegung war bei den NVA-Einheiten unterschiedlich. Nach meinen Kenntnissen, war es im Land der Drei Seen, Waldmeer, Sandmeer, Nichtsmehr Eggessin, Torgelow am Extremsten. Bei uns auf dem Flugplatz wurde das Problem EK-Bewegung recht schnell gelöst. Einmal den Vize am Schlawittchen gepackt und zwei symbolische Backpfeifen , dann Delegierung zum Revierreinigen und wir hatten Ruhe. Der gute Vize hat zwar geweint aber begriffen , das es mit uns keine EK-Bewegung gibt.
Meiner persönlichen Erfahrung nach war auch bei der NVA, Persönlichkeit wichtiger als Dienstgrad. Labile Personen haben immer und überall einen schweren Stand. Da spielte es keine Rolle ob der nun Soldat., Uffz. oder Offz. war.
Da war es wie im richtigen Leben. Deswegen möchte ich heute aus der Rueckblende, diese psychologische Lebensschule nicht missen.


94, Rainman2, DoreHolm und GilbertWolzow haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 26.04.2013 16:45 | nach oben springen

#15

RE: RE:Sozialistische Beziehungen - Definition und Wirklichkeit

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 26.04.2013 17:13
von Moskwitschka (gelöscht)
avatar

Kann mich jemand über einzelne Erscheinungen der EK - Bewegung aufklären oder sie einordenen?

- Maskenball am Sonntag
- Schildkröte
- Verscheuchen der Vögel
- Training Heimfahrt
- 45° Schrankbau mehrmals am Abend
- Bedienung der EK
- Musikbox

Es scheint, dass es so etwas gegeben hat. http://www.nva-forum.de/nva-board/index....showtopic=18943

LG von der grenzgaengerin


zuletzt bearbeitet 26.04.2013 17:14 | nach oben springen

#16

RE: RE:Sozialistische Beziehungen - Definition und Wirklichkeit

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 26.04.2013 17:31
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Naturgemäß kann ich zur NVA nicht viel sagen, ich war Fahnenjunker und für ein halbes Jahr Ausbilder Grundausbildung bei der Bundeswehr.

Zu den einzelnen Begriffen:

Maskenball am Sonntag
Den Begriff kenne ich, die "offizielle" Bezeichnung dafür war "Antreten in verschiedenen Dienstkleidungen". Solche Maßnahmen waren allerdings verpönt (vielleicht sogar verboten, weiß ich nicht mehr) und somit kenne ich es aus der Praxis nicht.

- Schildkröte
- Verscheuchen der Vögel
- Training Heimfahrt
- 45° Schrankbau mehrmals am Abend


Diese Begriffe sind mir völlig unbekannt.

- Bedienung der EK
Ich habe hier gelernt, dass damit "Entlassungskandidaten" gemeint sind. Auch den Begriff gab es bei der Bundeswehr nicht: Die Wehrpflichtigen wurden in ihrem letzten Quartal als "Reservisten" bezeichnet, hatten aber weder besondere Rechte oder andere Privilegien

- Musikbox
Auch damit kann ich nichts anfangen.

Auch die im Link genannte "Reinigung des Waschraums mit der Zahnbürste" ist mir als BEM (=Besonjdere erzieherische Maßnahme) vom Begriff her bekannt, in der Praxis habe ich es jedoch nie erlebt und auch nie davon gehört. Im Gegenteil: Ich glaube mich daran zu erinnern, dass eine solche BEM in meinen Lehrgängen zwar angesprochen wurden, dass aber dringend davon abgeraten wurde, einen entsprechenden Befehl zu erteilen: Befehle mussten einen dienstlichen und sinnvollen (na gut, darüber könnte man streiten) Zweck enthalten und sie durften nicht gegen die Menschenwürde verstoßen. Und gerade eine solche Maßnahme wurde als sinnlose, erniedrigende und unwürdige Tätigkeit bezeichnet und war verpönt oder gar verboten.

Ich bin mir sicher: Wenn mir jemand diesen Befehl erteilt hätte, dann hätte ich ihn vermutlich befolgt, um nicht den Tatbestand der Befehlsverweigerung zu erfüllen. Aber am nächsten Morgen, zum Dienstbeginn und damit zum frühest möglichen Zeitpunkt, hätte der Bataillonskommandeur meine schriftliche Beschwerde auf dem Tisch gehabt. Ich bin mir sicher, dass dann die Hütte gebrannt hätte....


Gert hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#17

RE: RE:Sozialistische Beziehungen - Definition und Wirklichkeit

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 26.04.2013 17:43
von Eisenacher | 2.069 Beiträge

Schildkröte: Vier Stahlhelme an Knie und Ellenbogengelenken, dann einen auf den Kopf und dann auf dem Flur lang schlittern. Mit Hilfe.
Musikbox: in den Spind einschließen und dann wird eine Mark eingeworfen und der Proband singt ein Lied. z.B. Ich bin klein klein, mein Herz ist rein ich möchte auch ein EK sein. (oder so ähnlich)
Den Rest kenne ich auch nicht.


nach oben springen

#18

RE: RE:Sozialistische Beziehungen - Definition und Wirklichkeit

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 26.04.2013 17:48
von Gert | 12.354 Beiträge

Zitat von grenzgaengerin im Beitrag #15
Kann mich jemand über einzelne Erscheinungen der EK - Bewegung aufklären oder sie einordenen?

- Maskenball am Sonntag
- Schildkröte
- Verscheuchen der Vögel
- Training Heimfahrt
- 45° Schrankbau mehrmals am Abend
- Bedienung der EK
- Musikbox

Es scheint, dass es so etwas gegeben hat. http://www.nva-forum.de/nva-board/index....showtopic=18943

LG von der grenzgaengerin



"Maskenball " ist ein Begriff, den ich lernen musste. Natürlich nannten die Ausbilder es nicht so, aber faktisch bedeutet es in der Nacht um 2 oder 3 Uhr Alarm und dann heraustreten in den verschiedenen Uniformvarianten, und davon hatte die Marinekleidung einiges zu bieten. Diese Umkleidevorgänge hatten innerhalb einer Zeitvorgabe durchgeführt werden müssen, wenn das nicht geschafft wurde, und zwar auch vom langsamsten der Einheit, wurde das geübt bis es klappte Ja, mein Hauptfeldwebel damals ( Sommer vor 50 Jahren) war ein ganz schneidiger, er hatte bei der Wehrmacht seine Lehre gemacht., natürlich mit Kriegserfahrung an der Ostfront.1956, als die deutschen Streitkräfte wieder aufgebaut wurden, sofort in eine Uniform gehüppt. Dem brauchte die neue Armeeführung nicht das Schleifen von Rekruten beibringen, er hatte den Meisterbrief in dieser Disziplin schon mitgebracht von Adolf Nazi.


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
zuletzt bearbeitet 26.04.2013 17:48 | nach oben springen

#19

RE: RE:Sozialistische Beziehungen - Definition und Wirklichkeit

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 26.04.2013 17:49
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Danke, zwei der Begriffe sind nun erklärt. Aber die damit verbundene "Aktion" kenne ich aus meiner eigenen Dienstzeit dennoch nicht


nach oben springen

#20

RE: RE:Sozialistische Beziehungen - Definition und Wirklichkeit

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 26.04.2013 18:06
von Gert | 12.354 Beiträge

Zitat rainman:

Zitat


[blau]"Die Vorzüge, die nur einer sozialistischen Armee eigen sind und die sich aus dem Klassencharakter sozialistischer Streitkräfte ergeben, kommen vor allem in einem hohen Klassenbewusstsein und allseitig entwickelten sozialistischen Beziehungen zum Ausdruck.

.......


Die Beziehungen zwischen den sozialistischen Soldatenpersönlichkeiten sowie innerhalb und zwischen den militärischen Kampfkollektiven sind frei von jeglichem Klassenantagonismus, wovon auch die Anrede "Genosse" in der NVA zeugt. Die Beziehungen werden gestaltet nach den Idealen der marxistisch-leninistischen Weltanschauung, der Ideologie und Moral der Arbeiterklasse, geregelt nach den Gesetzen des militärischen Dienstes. Zu ihren Wesenszügen gehören Parteilichkeit, gegenseitige Achtung, kameradschaftliche Zusammenarbeit und Hilfe, Kollektivität und Diszipliniertheit . Sozialistische Beziehungen sind folglich keine "schmückende Zutat", sondern verkörpern in entscheidendem Maße den Klassencharakter der Nationalen Volksarmee. In ihr hat wahre Soldatenkameradschaft ihre Heimstatt."


Also rainman, meine Erfahrung( 1963/64) war, dass auf der Kameradenebene, also Soldaten, von einem hohen Klassenbewusstsein überhaupt nicht die Rede sein konnte. Man redete untereinander über alles aber nicht über Sozialismus , Marx und Engels. Im Vordergrund stand die restliche Dienstzeit usw..
Ein Vertrauensverhältnis wurde auch nicht gerade gefördert durch die Schnüffeleien des MfS Verbindungsoffiziers ( was ihr später den 2000 glaube ich, nanntet ). Da kam keine "wahre Soldatenkameradschaft" auf. Am Ende war man froh, dass es vorbei war.


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
zuletzt bearbeitet 26.04.2013 18:09 | nach oben springen


Ähnliche Themen Antworten/Neu Letzter Beitrag⁄Zugriffe
Archäologie und Politik im Wandel der Zeiten
Erstellt im Forum Themen vom Tage von
13 23.11.2014 13:59goto
von 94 • Zugriffe: 750
Bundespolizei in höchster Alarmbereitschaft
Erstellt im Forum Themen vom Tage von Angelo
66 22.11.2010 15:45goto
von matloh • Zugriffe: 3858
Schabowskis Zettel
Erstellt im Forum Presse Artikel Grenze von Sauerländer
12 14.11.2009 17:56goto
von Luchs • Zugriffe: 1852
Politik und Partei in der DDR
Erstellt im Forum Leben in der DDR von Angelo
4 26.02.2009 18:37goto
von Zermatt • Zugriffe: 1430

Besucher
2 Mitglieder und 24 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: anton24
Besucherzähler
Heute waren 302 Gäste und 27 Mitglieder, gestern 3466 Gäste und 184 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 14352 Themen und 556921 Beiträge.

Heute waren 27 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 589 Benutzer (24.10.2016 20:54).

Xobor Ein eigenes Forum erstellen