#81

RE: "Versorgungsoasen"

in Leben in der DDR 21.03.2013 06:06
von furry | 3.563 Beiträge

Nun mal ein etwas ausführlicher Bericht aus der genossenschaftlichen Landwirtschaft der DDR.
Von Januar 1989 bis Ende Juli 1990 war ich Produktionsleiter und stellvertretender Vorsitzender in einer LPG. Warum ich den Betrieb verlassen habe und wie sich mein Abgang dort gestalltete, habe ich an anderer Stelle in diesem Forum schon beschrieben.
Der Hauptproduktionszweig der LPG war die Rindermast. Wie es damals noch so war, standen die meisten Tiere angekettet im Stall. Da sich die Tiere bei dieser Haltungsform wenig bewegen konnten, kam es vor, dass sich ab und an bei einigen Tieren die Klauen nicht richtig abnutzten und ihnen anzusehen war, dass sie Schmerzen in den Beinen hatten. Sie haben weniger gefressen und somit kaum noch an Körpermasse zugenommen. Einfügen muss ich hier aber, dass man als Landwirt ein etwas anderes Verhältnis zu seinen Tieren entwickelt als der Hobbytierliebhaber zu seiner Mietzekatze oder zu seinem Wellensittich. Trotzdem hat man aber auch als Landwirt für die Gesundheit der Tiere zu sorgen, was in meiner beruflichen Laufbahn auch immer an erster Stelle stand, denn "der Gerechte erbarme sich seines Viehes".
Was machen wir nun mit diesen Tieren mit ihren übermäßig langen Klauen? Sie bis zum vorgesehenen Ablieferungstermin im Stall zu belassen, hätte außer unnötiger Schmerzen für die Tiere keinen Gewinn für den Betrieb gebracht. In der benachbarten Kreisstadt konnte ich einen Notschlachtbetrieb finden, der für kleines Geld diese Tiere schlachtete, zerlegte und in Portionen (Braten- und Suppenfleisch) verpackte. Nun aber bitte nicht gleich bei Notschlachtung die Hände hoch reißen. Wären die Tiere noch einige Wochen im Stall geblieben, wären sie ganz normal geschlachtet worden. Diese Fleischportionen wurden dann im Betrieb und im Dorf für einen günstigen Preis verkauft, weniger zur Freude des örtlichen Fleischers. Weiterhin konnte ich mit einem Mitarbeiter, der in der Umgegend bekannt war wie ein bunter Hund, mit diesen Fleischpaketen zusätzliche Versorgungslinien aufbauen. Das fing an bei der nahegelegene Autowerkstatt, die bei der Versorgung mit Ersatzteilen und Werkstattterminen wesentlich flexibeler wurde. Weiter ging es in einer Möbelfabrik, die sehr viel für den Export produzierte. Hier konnten wir so manches als minderwertig deklarierte Möbelstück sehr günstig bekommen. Der dritte wichtige Partner war eine Köhlerei. Das Grillen zu damaligen Zeiten scheiterte aus meiner Sicht weniger an dem nötigen Fleisch sondern eher an der Holzkohle. Hier wurde ganz einfach Holzkohle gegen Fleischpaket getauscht. Mit der erworbenen Holzkohle ließen sich wieder an anderer Stelle die Türen leichter öffnen.
Unter dem Strich ist am Ende dem Betrieb kein finanzieller Schaden entstanden, denn der größte Teil an Fleisch wurde verkauft. Nicht nur mein "Hans Dampf in allen Gassen"-Kollege und ich hatten einen Vorteil aus diesen Aktionen, die meisten LPG-Mitglieder profitierten ebenfalls von der besseren Ersatzteilversorgung für ihre Autos, denn viele dieser Teile konnten in der Betriebswerkstatt verbaut werden und an Holzkohle fehlte es auch keinem.


"Es gibt nur zwei Männer, denen ich vertraue: Der eine bin ich - der andere nicht Sie ... !" (Cameron Poe)
zuletzt bearbeitet 21.03.2013 06:08 | nach oben springen

#82

RE: "Versorgungsoasen"

in Leben in der DDR 21.03.2013 07:11
von Lebensläufer | 1.235 Beiträge

Aber furry, zu diesem Zeitpunkt standen doch schon die Schrottautos aus dem Westen Schlange besser auf Halde um dem naiven Autohungrigen DDR-Bürger für noch mindestens 6000-10000 DM aufgeschwatzt (Buchwert war wohl schon unter Null) zu werden.Übrigens guter Text über die Landwirtschaft und die Rindvicher.

Lebensläufer

Einen guten Tag allen ins Forum


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#83

RE: "Versorgungsoasen"

in Leben in der DDR 21.03.2013 07:33
von furry | 3.563 Beiträge

Zitat von Lebensläufer im Beitrag #82
Aber furry, zu diesem Zeitpunkt standen doch schon die Schrottautos aus dem Westen Schlange besser auf Halde um dem naiven Autohungrigen DDR-Bürger für noch mindestens 6000-10000 DM aufgeschwatzt (Buchwert war wohl schon unter Null) zu werden.Übrigens guter Text über die Landwirtschaft und die Rindvicher.

Lebensläufer

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Wenn auch oT, die Schrottautos kamen Anfang 1990. Bis dahin hat jeder seinen Trabbi gehegt und gepflegt. Ab Mitte 1990 wurde dann alles in einem rasanten Tempo ein wenig anders und wir begannen schon, einen Teil unserer bescheidenen Habe per Trabbi und Klaufix gen Niedersachsen zu transportieren.


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#84

RE: "Versorgungsoasen"

in Leben in der DDR 21.03.2013 09:33
von DoreHolm | 7.681 Beiträge

Da, wie es schein, nahezu jeder irgend welche mehr oder weniger großen Beziehungen hatte und dann schließlich doch an die gesuchte Ware kam, drängt sich mir der Verdacht auf, daß der Mangel nach Außen anscheinend doch nicht so gravierend gewesen zu sein schien, wenn nicht durch Lageristen, Absatzmitarbeiter, Verkäufer/innen u.s.w. Waren absichtlich unter der Theke gehalten wurden, um sich Vorteile zu verschaffen. So mancher hat noch einen halben Trabi/Wartburg als Ersatzteillager zu Hause gehabt, d.h. teile, die ein Anderer dringend gesucht hat, aber hier nutzlos herumlagen.
Da fällt mir spontan ein russischer Film aus der Zeit kurz nach der Revolution ein, wo ein Lagerist auch die Nägel nicht rausrückte mit der Behauptung, es wären keine da.



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#85

RE: "Versorgungsoasen"

in Leben in der DDR 21.03.2013 10:06
von Dedelebenberlin | 28 Beiträge

Stimmt schon, DoreHolm, und irgendwie ist da auch immer Psychologie mit dabei,
wenn die Leute glauben, dass ´was knapp ist ...
oder wie heute mit dem Geldwert,
wenn die Leute glauben, dass der Euro nix wert ist...

Stichwort Nägel:
Mitte der 80-er war ich mal wieder auf Reservistendienst, in Storkow,
da bekam ich einen Spezialauftrag: Nägel verbuddeln! Wirklich, mit
zwei Soldaten incl. Schanzzeug ging es ins Gelände (Truppenübungsplatz)
und dann sollte ein großes Loch gebuddelt werden, auf dem LKW waren
hunderte Schachteln Nägel, die hätten im Laufe der Vorjahre bei den
Baupionieren verarbeitet werden sollen - nun waren sie "Überbestand"
und mussten weg. Sicher 2 Tonnen.
Loch buddeln war übrigens nicht nötig, Löcher gab´s da genug, rein den
Kram und verrscharrt. Und auf der Rückfahrt gab´s einen kurzen Halt auf
dem Parkplatz neben meinem Privatauto - Schwiegervater hat immer noch
genug Nägel ;)



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#86

RE: "Versorgungsoasen"

in Leben in der DDR 21.03.2013 10:36
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Eine Versorgungsoase konnte aber auch das Kantinenangebot von DDR- Firmen sein, in denen zeitweise ausländisches Personal zu Gange war das dort seine Technik installierte.
Das waren leider immer nur temporäre Ereignisse aber als die Österreicher im Kaliwerk Teutschenthal Mitte der 1980er Jahre eine Produktionsstätte errichteten, gab es für uns Bahnpersonal vom benachbarten Rangierbahnhof regelmäßig Südfrüchte in der Kantine dieser Chemiebude, in die man als Betriebsfremder nur über die Bahngleise hineinkam.
Die Nachtschichten dort waren immer sehr begehrt allerdings war es nicht möglich, einen Vorrat an Bananen und Apfelsinen mitzunehmen, es gab sie lediglich als Nachtisch, wenn man die "regulären" Mahlzeiten auch dort einnahm, trotzdem war es schon etwas Besonderes und nach Abzug der "Ausländer" ging auch alles wieder seinen sozialistischen Gang und am Ende des Zweigängemenüs stand wieder Apfelmus und Rote Bete auf dem Tisch.



Schuddelkind hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#87

RE: "Versorgungsoasen"

in Leben in der DDR 21.03.2013 11:20
von Grenzverletzerin | 1.182 Beiträge

Zitat von Hackel39 im Beitrag #86
Eine Versorgungsoase konnte aber auch das Kantinenangebot von DDR- Firmen sein, in denen zeitweise ausländisches Personal zu Gange war das dort seine Technik installierte.
Das waren leider immer nur temporäre Ereignisse aber als die Österreicher im Kaliwerk Teutschenthal Mitte der 1980er Jahre eine Produktionsstätte errichteten, gab es für uns Bahnpersonal vom benachbarten Rangierbahnhof regelmäßig Südfrüchte in der Kantine dieser Chemiebude, in die man als Betriebsfremder nur über die Bahngleise hineinkam.
Die Nachtschichten dort waren immer sehr begehrt allerdings war es nicht möglich, einen Vorrat an Bananen und Apfelsinen mitzunehmen, es gab sie lediglich als Nachtisch, wenn man die "regulären" Mahlzeiten auch dort einnahm, trotzdem war es schon etwas Besonderes und nach Abzug der "Ausländer" ging auch alles wieder seinen sozialistischen Gang und am Ende des Zweigängemenüs stand wieder Apfelmus und Rote Bete auf dem Tisch.


Ja Hackel, ich habe 14 Tage Nachtschicht dort gemacht zur Unterstützung des Laborpersonals...ich kam aus der Kali - Forschung. Auch die Laborausstattung war ein Traum, die Österreicher hatten da Einiges spendiert. Die Forschung wurde zwar generell mit Analysengeräten priviligiert bedient aber das Teutschenthaler Labor hat es getoppt.


Unter Chemikern funktioniert die Evolution noch: Dumme Experimentierer werden natürlicherweise und rasch eliminiert.

Hackel39 hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 21.03.2013 11:21 | nach oben springen

#88

RE: "Versorgungsoasen"

in Leben in der DDR 21.03.2013 19:20
von Unner Gräzer | 399 Beiträge

Zitat von Nostalgiker im Beitrag #79
Die letzen beiden Beiträge sind sowas von primitiv, da schüttelt es mich nur .....



Was ist daran primitiv ? Etwa die Realität ?



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#89

RE: "Versorgungsoasen"

in Leben in der DDR 31.05.2013 03:39
von ABV | 4.202 Beiträge
Zitat von Lutze im Beitrag #14
Zitat von Grenzverletzerin im Beitrag #13
Zitat von Lutze im Beitrag #6
die gute alte Klub-Cola gab es in Neubrandenburg selten zu kaufen,hin und wieder waren die
Kabinett-Zigaretten nicht zu bekommen,bin oft ins "Hotel vier Tore" gegangen,an der Garderobe,
da konnte man auch Zigaretten kaufen,und die hatten meistens diese Sorte
Lutze


Lutze, trinkst du heute noch Klub-Cola?
Ich hatte mir mal einen Fläschchen vom Ossiversand.de mitbestellt und muss sagen, sie schmeckte mir nicht mehr...vielleicht hat sich auch mein Geschmack verändert...ich weiß es nicht...

würde ich gerne wieder mal trinken,unser Edeka und nebenan der Aldi führen
diese Cola-Sorte nicht
gruss Lutze


Ich wusste es! Der Westen ist am Ende. Bei " ALDI" ist die Clubcola ausgegangen. F6, Semper und Alte Juwel ganz sicher auch nicht.
Genug geblödelt. Ich stamme aus einem Dorf ganz weit im Osten, an der polnischen Grenze. Die Versorgung mit dem nötigsten klappte einigermaßen. Wenn man keine großen Ansprüche hatte. Wenn größere Feierlichkeiten anstanden, sind wir entweder in der Bezirksstadt Frankfurt, oder gleich in Berlin einkaufen gefahren.
In einem der Nachbardörfer gab es einen privaten Fleischer. Hinter dessen Warenangebot konnten sich die staatlichen Läden verstecken. Ein Einkauf dort lohnte immer, war aber auch mit durchschnittlichen Wartezeiten zwischen vier und sechs Stunden! verbunden. Ich habe dort als Jugendlicher, im familiären Auftrag, so manche Stunde verbracht.
Im Jahre 1982, um die Sommerzeit, wurden die gängigen Zigarettensorten knapp. So gab es zum Beispiel kaum noch
" Cabinet". Wenn dann lediglich " unter dem Ladentisch". Irgendwann tauchte dann eine völlige neue Zigarettensorte Namens " Inka" in den Läden. Ein scheussliches, aus bulgarischen Tabak hergestelltes Kraut. Aber was will man machen, wenn es nichts anderes gab?
An die " Biernot" im Sommer, kann ich mich auch noch gut erinnern. In großen Hitzeperioden konnten die kleinen Konsumläden schon mal völlig " austrocknen".
Und was das Bier angeht: selbst bei moderatem Wetter, gab es bei uns gewöhnlich nur eine Biersorte. Das " Wriezener Pils". Wernesgrüner, Hasseröder oder Berliner Pils, konnte man nur in der Bezirksstadt bekommen. Ganz selten und mit viel Glück, in der Kreisstadt.
Da fällt mir glatt noch was ein: Brot musste in den Bäckerläden vorbestellt werden. Wer " auf gut Glück" reinspazierte, riskierte leer auszugehen. Aber in meiner Heimatregion agierte auch ein privater Bäcker! Dort musste man ähnlich lange warten, wie beim privaten Fleischer. Dafür bekam jeder Kunde Brot, Brötchen und Kuchen in der gewünschten Anzahl.


Gruß an alle
Uwe

www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


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