#201

RE: Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?

in Leben in der DDR 29.12.2012 14:54
von DoreHolm | 7.703 Beiträge

Zitat von Ari@D187 im Beitrag #186
Zitat von DoreHolm im Beitrag #145
Da frag mal die westdeutschen Gewerkschaften, wenn es um Verhandlungen mit den Arbeitgebern ging. Die sind da anderer Meinung. Da wurde ganz klar eingeschätzt, daß die DDR da immer mit als unsichtbarerer Verhandlungspartner mit am Tisch saß.

Ob die heutigen Akteure sich da heute noch dran erinnern können?


Zitat von DoreHolm im Beitrag #145
Und was meinst Du, warum bei Machtübernahmen durch linke Bewegungen in bisher kapitalistischen Ländern die kapitalistischen Industriestaaten alles unternehmen, bis hin zu Gewalt und Aggression, um das zurückzudrängen ? [...] Da geht es ganz klar darum, hier die Entstehung einer möglicherweise für Teile der eigenen Bevölkerung anziehenden Alternative im Keim zu unterbinden.

Um also die Massenflucht von Bundesbürgern in Richtung DDR zu verhindern, hat sich die Bundesrepublik "verbogen"... Ob das tatsächlich notwendig war?
Wenn ich mich hier bei noch lebenden Zeitzeugen umhöre, dann hatte das gemeine Fußvolk damals, kurz nach dem Krieg, ganz andere Sorgen als sich Gedanken um die Flucht in einen anderen Staat zu machen. Trotz sozialer Marktwirtschaft flogen die Tauben keinem in den Mund.

Ari



Erstens ging es nicht um die Zeit kurz nach 45, da hatten die Menschen tatsächlich andere Probleme als zu vergleichen, ob es der Bevölkerung in einer anderen Besatzungszone besser geht. Der Marshall-Plan war ein erster Akt dazu, ein Schaufenster auszugestalten, auch auf die Gefahr, daß damit eine Unternehmenskonkurrenz gegenüber den Firmen in GB,USA und F gefördert wird. Der Wettstreit der Systeme in Deutschland um die Köpfe der Bürger begann richtig erst nach der Stabilisierung der Wirtschaft, als es auch um Tariffragen und Arbeitnehmerrechte ging, also ab der 50er Jahre. Es wurde auch von westdeutschen Experten bestätigt, daß die DDR in wichtigen Wirtschaftsdaten zeitweise höhere Zuwachsraten hatte als die BRD. Das war denen drüben ganz und gar nicht egal, wenn auch nur ein Teil der Arbeitnehmer auf bestimmte Annehmlichkeiten in der DDR schielte und es war ihnen auch nicht egal, ob die DDR-Bevölkerung die BRD-Verhältnisse als attraktiv fand oder sie ihnen egal war. Ari, ob Du es wahr haben willst oder nicht, das waren einfach Notwendigkeiten für Unternehmer und Politiker in der alten BRD, hier so weit wie es notwendig erschien, Zugeständnisse an die Arbeitnehmer zu machen. Da brauchst Du gar nicht gleich zu übertreiben von wegen "Massenflucht von Bundesbürgern in die DDR". Sowas zeugt bei mir eher von "nicht verstehen wollen".



Damals87 hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#202

RE: Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?

in Leben in der DDR 29.12.2012 15:00
von Grenzwolf62 (gelöscht)
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Zitat von Alfred im Beitrag #200
Grenzwolf,

dies hat nichts mit einen Monopol zu schaffen.

Das lag wohl mehr an den Funktionen die Streletz hatte. Ich kann ja nichts dafür, dass nicht Stechbart Chef des Hauptstabes war und Generaloberst Rheinhold nicht Sekretär des Nationalen Verteidigungsrates der DDR
Und ich kann es auch nicht ändern, dass Streletz ebenfalls als Stellvertreter des Oberkommandierenden der Streitkräfte des Warschauer Vertrages für die DDR tätig war.


Um wieder zum Thema zu kommen, die vermisse ich allesamt ganz gewiss nicht.


zuletzt bearbeitet 29.12.2012 17:53 | nach oben springen

#203

RE: Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?

in Leben in der DDR 29.12.2012 15:43
von jecki09 | 422 Beiträge

[quoteUnd das Mütter wieder ihre gefallenen Söhne beweinen müssen--ja das gehört halt dazu.Aber Danke--das Du das mal wieder angesprochen hast--bevor es im Volke in Vergessenheit gerät.
[/quote]

Da sollten wir gemeinsam die Hymne der DDR singen (Und dass nie eine Mutter mehr ....)


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#204

RE: Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?

in Leben in der DDR 29.12.2012 16:02
von ddr-bürger (gelöscht)
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Es ging doch darum der DDR Bevölkerung zu zeigen wie attraktiv die BRD ist, die eigene Bevölkerung war vor "Massenfluchten" in die DDR sicher.

Da fällt mir der Film "Good Bye Lenin" ein, die Szene mit der getürkten Aktuellen Kamera, wo die Bundesdeutschen Asylanten Schlange standen um in der DDR aufgenommen zu werden.


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#205

RE: Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?

in Leben in der DDR 29.12.2012 16:28
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von Gert im Beitrag #199
Zitat von Vierkrug im Beitrag #194
Zitat von josy95 im Beitrag #190
Zitat von Vierkrug im Beitrag #182


(Zitat @Vierkrug Auszug)

Wenn ich heute ehemalige Verantwortliche und Organisatoren der Demos treffe und spreche, so ist es auch ein wenig der Stolz darüber, dass es durch das besonnene Handeln aller Beteiligter zu keinem "Blutbad" kam.
Was die Hilfeleistung der SU anbetrifft, so muß man differenzieren zwischen der offiziellen Position Moskaus und der der Führung der GSSD.

Vierkrug



@Vierkrug, besten Dank für diesen sehr offenen und sehr guten, denke auch mal sehr realistischen Tatsachenbericht eines Zeitzeugen!

Erkläre aber doch bitte mal, wie sich der letzte, rot markierte Satz Deines Zitates aus Deiner Sicht darstellt. Würde mich und bestimmt noch viele andsere User intersssieren. Denn der Russe als solches war immer irgendwie ein Geheimnis und auch oft sehr schwer durchschaubar...

josy95



Ich antworte gerne auf Deine Frage - schränke aber ein, dass es sich um meine rein persönliche Meinung bzw. Position handelt. Im Wesentlichem hat auch schon Alfred die Frage beantwortet.
Es waren mehrere Faktoren, die eine Rolle spielten und auch das Handeln der SU, insbesondere der sowjetischen Streitkräfte maßgeblich beeinflussten. In Moskau war man von der Breshnew-Doktrin abgekehrt und es war der Gruppe um Gorbatschow auch schon zu diesem Zeitpunkt egal, was mit der DDR passiert. Sie kungelten bereits mit Kohl hinter dem Rücken der DDR-Führung, um einen Kredit über 15 Mrd. Dollar zu bekommen, denn sie lagen bereits wirtschaftlich am Boden. Zugleich hatten sie enorme finanzielle Verpflichtungen gegenüber der DDR, denn die Außenhandelsbilanz zwischen beiden Ländern war seitens der SU finanziell nicht ausgeglichen worden. Da war die deutsche Einheit und die Opferung der DDR der Faustpfand der sowjetischen Intrige - und der Bote auf sowjetischer Seite in Bonn hieß Falin. Gorbatschow verarschte sogar Egon bei seinem Antrittsbesuch in Moskau im Vieraugengespräch. Deshalb kam Egon auch mit einer gewissen Hoffnung aus Moskau zurück, die jedoch bald platzte, spätestens nach dem Treffen zwischen Kohl und Gorbatschow im Kaukasus. Nur nebenbei bemerkt - für diesen Deal erhielt die SU von der BRD lediglich einen 5 Mrd.-Dollarkredit, der ihr aber auch nicht groß half die Probleme im eigenem Land zu lösen.
Die Führungskräfte der GSSD hätten bei einer Bitte der Partei- und Staatsführung der DDR um Hilfeleistung, diese auch getätigt. Sie waren aber auch sehr realitätsbezogen und kannten die Situation in der DDR und waren sich auch darüber im Klarem, was passieren würde, wenn sie ohne Bitte der DDR bzw. Order aus Moskau selbstständig eingegriffen und gehandelt hätten. Also auch eine sehr besonnene Handlungsweise der Genossen um Snedkow. Sie mußten aber dann auch mit ansehen, was sich in der Folge vollzog.

Auch wenn der Untergang der DDR, dessen Art und Weise bei mir Schmerzen hervorrief und auch seine Wunden hinterlassen hat, so bin ich heute dafür dankbar, dass es keine Menschenopfer in der unmittelbaren Auseinandersetzung und kein Blutbad bei diesem Umsturz gegeben hat. Opfer hat es gegeben, davon zeugen die zahlreichen Selbstmorde von ehemaligen SED-Funktionären, Staatsfunktionären, wie auch Angehörigen der bewaffneten Organe der ehemaligen DDR: Für mich der Opfer zu viele.
Im meinem letztem persönlichem Gespräch mit Egon waren wir uns auch darüber einig, dass es heute darum geht, ein reales Geschichtsbild auf die DDR zu werfen, es zu bewahren und zu vermitteln, wie auch geschichtlichen Verwerfungen entgegen zu treten. Darin sehe ich auch meine heutige Aufgabe und Verantwortung. Man kann keine Zukunft aufbauen, ohne die Fehler aus der Vergangenheit aufzuarbeiten.

Vierkrug

@Vierkrug
Danke für die interessante Einschätzung der damaligen Lage. Zu den Selbstmorden habe ich folgende Frage: Aus welchem Grund haben sich diese Leute das Leben genommen ? Mussten sie Anklagen wegen Gesetzesverstößen fürchten, mussten sie Racheakte fürchten, was waren die Gründe, liegen dir da allgemeine Erkenntnisse vor?




Auch hier eine Antwort aus meiner Sicht. Die Gründe und Motive für diese Suizide werden auch unterschiedlicher Natur gewesen sein. Sicherlich werden sich einige ehemalige "Parteifürsten" das Leben genommen haben, weil sie Angst vor den zu erwartenden Konsequenzen hatten - ich nenne sie einmal bewußt so, da sie ihre Funktion mißbrauchten und sich in ihrer unantastbaren Selbstherrlichkeit auf immer und ewig sahen. Und dann kam alles ganz anders.
Sicherlich werden bei einigen die begangenen Sünden das auslösende Motiv gewesen sein. Ich hatte im Mai 1989 gegen einen hochrangigen Parteifunktionär bei der Staatsanwaltschaft Strafanzeige erstattet, weil hier nach dem Strafgesetzbuch der DDR mehrere begangene Straftatbestände vorlagen. Die Staatsanwaltschaft bekam sogenanntes "Muffensausen", denn der Parteiapparat war auch für das MfS ein Tabu und so wurde die entsprechende Leitungsebene der Partei, über diese von mir begangene Ungeheuerlichkeit sofort informiert. Mich rettete jedoch die politische Vergangenheit meines Vaters und der Einsatz meiner Vorgesetzten vor schwerwiegenderen Konsequenzen, die seitens der Apparatschiks schon gesponnen wurden. Soviel zu dieser Gruppe.
Dann gab es Genossen, die ehrlichen Herzens ihre Kraft für die Sache einsetzten und die nun vor einem Trümmerhaufen standen und somit auch ihr Lebenswerk als zerstört ansahen. Sie hatten nicht mehr die psychische und physische Kraft für einen Neubeginn und die zu ertragenden Demütigungen liessen oftmals nur noch die Wahl zwischen dem finalem Schuß aus der eigenen Waffe oder dem Strick zu. Ich verlor auf diese Art zwei meiner engsten Mitstreiter. Auch ich spielte mit diesen Gedanken, denn die persönlichen Beleidigungen, Anpöbelungen und Übergriffe auf meine Person konnte ich noch ertragen, aber nicht die gegenüber meinen Kindern und meiner Frau, die im Prinzip bis zum Schluß keine Kenntnis von meiner eigentlichen Tätigkeit hatten. Bin dann der Bitte meiner Frau gefolgt und habe meine Dienstwaffe freiwillig bei einer Polizeidienststelle abgegeben. Auch Alkohol war kein guter Berater, obwohl viele die Flucht in ihn suchten.
Ich vermag jedoch nicht einzuschätzen, wieviele dieser Opfer zu der einen oder zu der anderen Gruppe gehörten.
Eine seitens der späteren PDS mir gegenüber von Modrow und Gysi angetragene Rehabilitierung lehnte ich ab. Sie hätte das Geschehene auch nicht ungeschehen gemacht. Es war eine schwere Zeit, sicherlich für alle Beteiligten.
Heute sieht man mit dem gebührendem Abstand und dem zunehmendem Alter einige Prozesse aus einem anderem Blickwinkel. Deshalb warne ich auch bei allen meinen Auftritten davor, dass sich eine m.-l. Partei nicht verselbstständigen darf und solche Apparatschiks nie wieder über das Wohl und Wehe eines Volkes entscheiden dürfen.
Wir hatten ein gutes Volk, hatten es aber es versäumt, es auf dem gemeinsamem Weg mit zu nehmen. Irgendwann hatten wir es dann verloren und konnten somit auch im Herbst 1989 nicht auf seine Rückkehr hoffen.

Vierkrug


jecki09, Pitti53, furry, passport, DoreHolm, Schmiernippel und Damals87 haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 29.12.2012 16:31 | nach oben springen

#206

RE: Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?

in Leben in der DDR 29.12.2012 16:58
von Gelöschtes Mitglied
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Ich hatte es schon einmal angeführt - nehmt euch mal die Zeit und lest entweder den Roman "Die Farm der Tiere" ( Animal Farm ) von George Orwell oder schaut euch den Film "Animal Farm" unter http://www.youtube.com/watch?v=b4CbbtuII2M an. Es wird euch vieles bekannt und vertraut vorkommen.

Das Buch war schon zu DDR-Zeiten eines meiner Lieblingswerke, warum wohl....


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#207

RE: Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?

in Leben in der DDR 29.12.2012 17:44
von Tobeck | 488 Beiträge

Zitat von Vierkrug im Beitrag #206
Ich hatte es schon einmal angeführt - nehmt euch mal die Zeit und lest entweder den Roman "Die Farm der Tiere" ( Animal Farm ) von George Orwell oder schaut euch den Film "Animal Farm" unter http://www.youtube.com/watch?v=b4CbbtuII2M an. Es wird euch vieles bekannt und vertraut vorkommen.

Das Buch war schon zu DDR-Zeiten eines meiner Lieblingswerke, warum wohl....


Ich kann mich Deiner Empfehlung nur anschließen. Ich musste das Buch in der Schule lesen und es ist seit dem auch eines meiner Lieblingswerke. Vielleicht waren wir damals in der Schule noch etwas zu jung, nur den wenigsten dürfte klar gewesen sein, dass Orwell die Figuren der Fabel konkret auf Personen der russischen Revolution bezogen hat. Den Film habe ich mir aufgrund Deiner Erwähnung vor Kurzem noch einmal angeschaut.

Was Deinen Appell im vorletzten Beitrag betrifft, dass Apparatschiks nie mehr über das Wohl und wehe eines Volkes entscheiden dürfen, so wäre das tatsächlich erstrebenswert. Ich bin bei diesem Punkt aber sehr skeptisch, das das auf Dauer gelingen wird. Es sind doch meistens die üblen Charaktere, die es aufgrund ihrer Ellenbogenmentalität und Skrupellosigkeit besonders weit nach oben schaffen - das ist auch System-unabhängig. Dore Holm schrieb ja erst heute, dass Politiker beim Volk nicht ohne Grund auf der Skala der Berufe ganz unten rangieren. Und der Mensch ändert sich eben nicht.


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#208

RE: Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?

in Leben in der DDR 29.12.2012 17:57
von Schuddelkind | 3.516 Beiträge

Zitat von Alfred im Beitrag #197
Schuddelkind,

wer schreibt dies denn :

"Der Befehlshaber der sowjetischen Westgruppe General Snetkow wurde strengstens angewiesen, die sowjetischen Truppen aus der Einmischung in die Ereignisse in der DDR herauszuhalten. Es ist in diesem Zusammenhang interessant zu merken, dass der Nachrichtendienst des KGB in der DDR in seinen Berichten nach Moskau hervorhob, der Militäreinsatz in der DDR müsse vollständig ausgeschlossen sein, denn er werde die schwersten Folgen haben. Auch der Chef des Generalstabes Marschall Achromejew war gegen ein gewaltsames Vorgehen."


Quellenangabe war ja vorhanden.........ich erspar dir mal das Googlen: http://books.google.de/books?id=EttLzDgA...Snetkow&f=false
Demnach geht die Aussage auf Iwan Kusmin, damals Leiter der Informationsabteilung der KGB-Vertretung in Berlin-Karlshorst, zurück.
Interessant zu der Thematik auch das hier, wo ebenfalls Kusmin zitiert wird:
"

"Bleibt in den Kasernen!"

Warum sowjetische Truppen in der DDR den Mauerfall nicht verhinderten

Von Roman Goncharenko

Was passierte in den Novembertagen 1989 in den sowjetischen Kasernen in der DDR? Trotz vieler Gerüchte griffen sie nicht in das Geschehen zwischen Rostock und Leipzig ein. Das Oberkommando der sowjetischen Truppen in Wünsdorf bei Berlin blieb still - an der Trennlinie zweier Staaten, zweier Systeme in einem geteilten Kontinent.



Wünsdorf. Ein kleiner verschlafener Ortsteil von Zossen etwa 40 Kilometer südöstlich von Berlin. Renovierte Häuser und Villen in der Stille brandenburgischer Kiefernwälder. Eine friedliche Idylle mit militärischer Vergangenheit. Von hier aus wurden Kriege geplant und geführt. Wünsdorf war eine Garnisonstadt, die zunächst von Kaisertruppen, dann von den Nazis und später von den Sowjets genutzt wurde.

Wünsdorf heute. Eine Bücherstadt mit zig Antiquariaten aus Berlin und Brandenburg. Ein Ort des Krieges mit gesprengten deutschen Bunkern. Ein riesiges Areal der Geschichten aus der Zeit der sowjetischen Truppen.

Fast ein halbes Jahrhundert befand sich in Wünsdorf das Hauptquartier der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Im Sommer 1989 wurden sie in "Westgruppe der Truppen" umbenannt. Abgeriegelt und strengstens bewacht - Wünsdorf war die Schaltzentrale einer gewaltigen Militärmaschine. Mehr als 350.000 Mann, bis an die Zähne bewaffnet.

Die primäre Aufgabe sowjetischer Truppen in der DDR war, den Ostblock bei einem Angriff von Außen zu verteidigen. Ein Einsatz im Inneren wurde jedoch nicht ausgeschlossen. Im Stationierungsvertrag aus dem Jahr 1957 heißt es:

"Im Falle der Bedrohung der Sicherheit der Sowjetischen Streitkräfte kann das Oberkommando ... bei entsprechender Konsultation der Regierung der DDR ... Maßnahmen zur Beseitigung einer derartigen Bedrohung treffen."

Warum aber gingen sowjetische Truppen im Herbst 89 nicht gegen die Proteste in der DDR vor?

Das Schicksal Deutschlands und Europas wurde in Wünsdorf mit entschieden. Sowjetische Generäle sorgten dafür, dass keiner ihrer circa. 6000 Panzer gegen Demonstranten in Leipzig, Dresden oder Ostberlin aufgefahren ist.

"Wir sind das Volk!"

Am 9. November und in den Tagen nach dem Mauerfall sind die Soldaten in ihren Kasernen geblieben. Die "Westgruppe der Truppen" leistete ihren Beitrag, indem sie nichts tat.
Weshalb tat sie nichts? Warum hielt sie still? Wer gab welche Befehle? Was passierte im Dreieck Wünsdorf, Berlin und Moskau?

Die Rolle Sowjetischer Truppen in der DDR im Herbst 1989 gilt bis heute als wenig erforscht. Russische Militärarchive bleiben noch zehn Jahre - bis 2019 - geschlossen. Stasi-Unterlagen enthalten keine Hinweise auf das Verhalten der Russen in den Tagen vor und nach dem Mauerfall. Um die Lage zu rekonstruieren, ist man auf die bereits vorhandenen Dokumente und Zeugenaussagen angewiesen.

Die Schlüsselfigur heißt Michail Gorbatschow. Seit seinem Amtsantritt 1985 verfolgt der sowjetische Generalsekretär eine neue Politik gegenüber dem Westen, die auf Entspannung setzt. Die Führung in Moskau kommt zu dem Schluss, dass ein weiteres Wettrüsten die sowjetische Wirtschaft ruinieren würde. Vor diesem Hintergrund leitet Gorbatschow eine Abkehr von der Doktrin eines seiner Vorgänger - Leonid Breschnew - ein.

Satjukow: "Die Breschnew-Doktrin bedeutet, dass die Staaten des Warschauer Vertrages die Möglichkeit haben, in jedes Bruderland einzumarschieren, wenn der Ostblock in Gefahr ist."

Sagt Silke Satjukow, Privatdozentin an der Uni Jena und Autorin des Buches "Besatzer", über eine fast 50-jährige sowjetische Militärpräsenz in Deutschland.

Satjukow: "Damit der Westen dem Osten nicht mehr misstraut, hat Gorbatschow immer dem Westen unter der Oberfläche deutlich gemacht, dass er im Falle irgendwo würde eine Revolution ausbrechen, auch bei den Brüdern, nicht mehr eingreifen würde. Er sagt es aber niemals expresses verbes. Er macht es aber deutlich."

Die neue Militärdoktrin der UdSSR, verfasst in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre Marschall Sergej Achromejew. Der ehemalige Generalstabchef und Gorbatschows Berater gilt als einer der einflussreichsten sowjetischen Militärs.

Achromejew weiß, worum es geht und warnt vor möglichen Konsequenzen: Veränderungen in ganz Europa könnten zum Zusammenbruch des Sicherheitssystems führen, das nach dem Krieg aufgebaut wurde. Der Marschall drängt Gorbatschow, sich auf neue Entwicklungen vorzubereiten. Doch der Sowjetführer weigert sich. Achromejew hält in seinen Memoiren fest:

Achromejew: "So weit ich mich erinnern kann, diskutierte Gorbatschow nicht ein einziges Mal mit der militärischen Führung detailliert die militärisch-politische Situation in Europa und die Perspektiven ihrer Entwicklung."

Im Sommer und Herbst 1989 reagieren die sowjetische Streitkräfte in der DDR nicht militärisch auf wachsende Instabilität und Massenproteste der Bevölkerung.

Wer und wann den entscheidenden Befehl gegeben hat, sich militärisch nicht einzumischen, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. In einigen Quellen ist zu lesen, der damalige sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse habe bereits im August 1989 angeordnet, dass die "Westgruppe der Truppen" in ihren Kasernen bleiben soll - egal, was passiert. "Alles Quatsch", sagt Igor Maximytschew, damals Gesandter bei der UdSSR-Botschaft in Ostberlin.

Maximytschew: ""Einen solchen Befehl gab es nicht, weil es nicht notwendig war."

Schewardnadse selbst erinnert sich:

Schewardnadse: "Es gab eine gemeinsame Entscheidung einer Mehrheit im Politbüro - kein Einsatz von Militärstärke. Es gab ja schon die Ereignisse in Ungarn und in der Tschechoslowakei. Das war eine bittere Erfahrung. Natürlich haben wir es nicht für nötig und möglich gehalten, Gewalt in Deutschland anzuwenden."

Bis heute wurden keine schriftlichen Belege eines solchen Befehls bekannt. Dafür spricht auch die damalige Praxis, wichtige Entscheidungen meistens telefonisch mitzuteilen.

Alexander Furs ist ein kräftiger Mann Ende 50. Der russische Generalmajor a.D. ist Militärhistoriker in Moskau und ist nach Wünsdorf gereist, um hier ein Museum der "Westgruppe der Truppen" aufzubauen. Er sitzt in einem kleinen Zimmer an der Gutenbergstraße 1 in Zossen. In einer Ecke hängt das besonders wertvolle Ausstellungsstück - Uniform des letzten Oberkommandierenden Matwej Burlakow. Furs kennt ihn persönlich, wie auch seinen Vorgänger, den inzwischen verstorbenen Armeegenerall Boris Snetkow, der im Herbst 1989 der Truppe vorsteht.

Damals arbeitet Furs bei der Truppenzeitung "Sowetskaja armija" und ist in Wünsdorf stationiert. Er sagt, dass der Oberkommandierende Snetkow ein Konservativer war, der - wie die meisten älteren sowjetischen Militärs - Gorbatschows Reformpolitik skeptisch gegenüberstand.

Als Gorbatschow Anfang Oktober 1989 nach Berlin fliegt, um 40 Jahre DDR zu feiern, steht Wünsdorf nicht auf seinem Besuchsprogramm.

Furs: "Das wurde als eine Vernachlässigung, als ein Zeichen mangelnden Respekts gegenüber der Truppe wahrgenommen. Es war bitter."

In Berlin aber trifft sich Gorbatschow mit dem Oberkommandierenden Snetkow. Worüber sie sprechen, ist nicht bekannt. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Rolle der Sowjettruppen in der DDR thematisiert wird.

Die Krise in der DDR ist zu diesem Zeitpunkt offensichtlich. Montagsdemos sind in vollem Gange; Menschen wollen Reformen nach sowjetischem Vorbild, die der SED-Chef Honecker verweigert. Gorbatschow erlebt es hautnah, als er zusammen mit Honecker auf der Tribüne steht.

"Gorby, helf uns! Gorby, helf uns!"

Das Ganze politische System der DDR scheint in Gefahr. Trotzdem wird auch beim Treffen mit der DDR-Führung nicht über einen möglichen Militäreinsatz gesprochen.

In Westberlin dagegen macht man sich Sorgen. Valentin Falin ist damals Chef der Internationalen Abteilung des ZK und begleitet Gorbatschow.

Falin: "Kurz vor Gorbatschows Besuch in der DDR traf ich mich mit dem Regierenden Bürgermeister Westberlins Walter Momper. Er fragte mich, was unsere Militärs tun würden, wenn die Entwicklung in der DDR außer Kontrolle gerät? Ich sagte ihm: Wenn keine Waffen gegen unsere Garnisonen und unsere Truppen verwendet würden, werden sie in den Kasernen bleiben."

Diese Einstellung Moskaus ist auch dem Armeegeneral Snetkow in Wünsdorf bekannt. Wenige Tage nachdem Gorbatschow aus Berlin abgereist ist, spricht er mit Fritz Streletz - damals Stellvertretender Verteidigungsminister der DDR. Streletz bittet Snetkow ein Manöver abzusagen, um die angespannte Lage nicht zusätzlich zu provozieren. Der Oberkommandierende in Wünsdorf ist einverstanden. Später behauptet Streletz, dass Snetkow ihm auch Hilfe versprochen habe. Zitat:

"Wenn die Nationale Volksarmee Hilfe, Unterstützung benötigt, die Gruppe ist bereit, ihren Waffenbrüdern der NVA jegliche Hilfe zuteil werden zu lassen."

Dies hätte bedeutet, dass der sowjetische General bereit war, gegen den Willen Gorbatschows zu handeln. Der Militärhistoriker Alexander Furs bestreitet das.

Furs: "Ich glaube, dass Snetkow so etwas nicht hätte sagen können. Vielleicht in einer anderen Form würde die Hilfe zugeteilt, aber keine militärische Hilfe."

Die DDR-Führung will eine solche Hilfe offenbar sowieso nicht. Nachdem Honecker gestürzt ist, reist sein Nachfolger Krenz am 1. November 1989 nach Moskau. Er bittet dort um politische Unterstützung, Militärfragen werden nicht diskutiert.

Wenige Tage zuvor hat Gorbatschows Pressesprecher in Helsinki die Breschnew-Doktrin zum ersten Mal öffentlich für tot erklärt. Er nennt die neue Haltung des Kreml "Sinatra-Doktrin". Sie besagt im Kern: Staaten des Ostblocks dürfen eigene Wege gegen, ohne die Angst zu haben, dass Moskau Panzer schicken würde.

Am 9. November bleibt es ruhig in den sowjetischen Garnisonen in der DDR. Weil Gorbatschow oder sein Außenminister Schewardnadse das angeordnet haben? Oder weil am 7. und 8. November die UdSSR den Jahrestag der Oktoberrevolution feiert?

Maximytschew: "Ab dem 6. bis zum 13. November war die ganze Truppe kaserniert. Niemand ging raus. Und Sie finden keinen Deutschen, der in diesen Tagen unsere Soldaten in einer Stadt gesehen hätte, nicht einmal in einem Geschäft. Aber das war so üblich während der großen Feiertage in der Sowjetunion."

Igor Maximytschew, ehemaliger Gesandter bei der sowjetischen Botschaft in Ostberlin. Für seinen Chef, den Botschafter Wjatscheslaw Kotschemassow, sind diese Feiertage allerdings ein Problem. Die DDR-Führung plant die Öffnung neuer Grenzübergänge, um Tausende in die BRD ausreisen zu lassen. Ostberlin will wissen, ob Moskau nichts dagegen hat. Aber der Botschafter kann den Außenminister Schwardnadse am Vormittag des 9. November nicht erreichen. Das Okay gibt sein Stellvertreter.

Von dem, was danach passiert, sind alle überrascht. Auch Alexander Furs in Wünsdorf. Er schreibt gerade ein Buch über die Geschichte der "Westgruppe der Truppen", als er aus dem Fernsehen erfährt, dass die Grenzübergänge geöffnet sind.

Furs: "Wir haben uns immer in der Halle des Generalstabs in Wünsdorf versammelt, um Nachrichten zu sehen. Normalerweise war man zurückhaltend. Und hier gab es eine heftige Debatte. Die einen sagten: Na und? Nun ist die Grenze nicht mehr da! Die anderen waren besorgt, dass es Provokationen gegen die Truppe hätte geben können."

Gorbatschow sagt, dass er vom Fall der Mauer am morgen des 10. November erfährt. Weshalb wurde der sowjetische Staatschef erst nach Stunden über dieses Ereignis informiert? Immerhin wurde nur ein paar Kilometer von Wünsdorf entfernt, vom Hauptquartier der Sowjetischen Truppen in der DDR, die Mauer geöffnet - im Zentrum des geteilten Europas. Silke Satjukow von der Uni Jena:

Satjukow: "Wenn es so war, wenn es stimmt, was Gorbatschow sagte, dann gibt es Kräfte, die das verhindert haben. Und man muss sich fragen, warum sie es verhindert haben? Womöglich weil sie sich diese Grauzone erhalten wollten, um zu handeln. Denkbar wäre das, dass das Militär abwartet mit den Informationen, um für sich noch Handlungsrahmen zu halten. Wenn der Präsident nicht bescheid weiß, kann er auch nichts befehlen. Oder Gorbatschow hat es gewusst und hat gute Gründe gehabt zu sagen, ich habe nicht entscheiden können im entscheidenden Moment, weil ich es nicht wusste. Beides ist denkbar."

Während Gorbatschow schlief, hätte der Armeegeneral Snetkow in Wünsdorf also versuchen können, die Grenze mit Gewalt wieder zu schließen. Er tat es nicht.

Satjukow: "Spätestens als der Grenzübergang in Berlin geöffnet wurde, was also Alliiertenangelegenheit ist, spätestens dann hätte er eingreifen können. Das war kein Teil von keiner Abmachung, dass plötzlich die Grenze zum Westen geöffnet wurde. Er hat es nicht getan."

Am 10. November 1989 ist die Hölle los. Moskau reagiert aufgeregt, verlangt halbstündlich nach Lageberichten, sagt Iwan Kusmin, damals Leiter der Informationsabteilung der KGB-Vertretung in Berlin-Karlshorst.

Kusmin: "Wir in Berlin spürten, dass die Lage äußerst gefährlich war. Wir fürchteten große Konflikte, die eine Einmischung der Truppen nach sich ziehen könnten. Es war ein Wunder, dass nichts passiert ist."

In Moskau trifft sich ein Krisenstab. Gorbatschow schreibt in seinen Erinnerungen:

"Das Streben der Deutschen nach der Einheit konnte nur vereitelt werden, wenn die in der DDR stationierten sowjetischen Streitkräfte eingesetzt würden. Das aber hätte das völlige Scheitern aller Bemühungen zur Beendigung des Kalten Krieges und des nuklearen Wettrüstens bedeutet."

Iwan Kusmin, damals zweiter KGB-Mann in Ostberlin, konstatiert:

Kusmin: "Die Sowjetunion konnte in der Situation nichts tun. Sie stand wirtschaftlich vor dem Kollaps. Objektiv gesehen, hatte Gorbatschow auch kein großes Interesse für Deutschland. Er hatte mehr Sorgen um sein eigenes Land."

Am 10. November ruft der sowjetische Außenminister Schewardnadse den Botschafter in Ostberlin an und gibt Anweisung an das Militär in Wünsdorf: Keine Aktivitäten! Der Botschafter gibt die Anweisung an General Snetkow weiter. Die Anordnung aus Moskau wird erfüllt, bestätigt Alexander Furs.

Furs: "Es gab einen Befehl Snetkows, die Bewachung von Militärstädten und Munitionsdepots zu verstärken und sich nicht in innere Angelegenheiten der DDR einzumischen."

Die Mauer ist gefallen, die sowjetischen Truppen bleiben in ihren Kasernen. Es gab offensichtlich keinen Befehl, die deutsch-deutsche Grenze wieder dicht zu machen.

Einige Zeit später wird führenden Köpfen klar, dass auch sowjetische Truppen aus Deutschland werden abziehen müssen. Dagegen gibt es Widerstand unter sowjetischen Militärs. Hätte im Herbst 89 Armeegeneral Snetkow in Wünsdorf gegen Gorbatschow handeln können? Er wird sich später weigern, den Abzug der Westgruppe vorzubereiten und wird ausgetauscht.

Furs: "Snetkow hätte niemals eine Entscheidung getroffen, ohne sie vorher mit der Obrigkeit abzusprechen."

Gorbatschow selbst sagt, dass er keine Angst vor seinen Kritikern hatte.

Gorbatschow: "Es war eine Minderheit. Leute haben mich unterstützt, auch Militärs."

Bleibt noch die gerne gestellte ABER-WENN-DOCH-Frage. Wenn es damals doch zu einem Einsatzbefehl für sowjetische Truppen gekommen wäre? Es deutet einiges darauf hin, dass es nicht einfach gewesen wäre, sagt Silke Satjukow von der Uni Jena.

Satjukow: "Über ein halbes Jahrhundert haben sich zwischen den Streitkräften und der DDR-Bevölkerung vielfältigste Beziehungen entwickelt - Handelsbeziehungen, Arbeitsbeziehungen, Liebesbeziehungen, Freundschaften. Die Frage ist: Wären die sowjetischen Soldaten gegen diese Nachbarn vorgegangen? Trainiert haben sie Gehorsam. Natürlich, sie haben Gehorsam gegen den inneren und den äußeren Feind trainiert. Dieser Feind hatte meistens kein reales Gesicht, sondern Propagandamasken. Dies heißt, sie trainieren, im Ernstfall Gehorsam zu sein und zu Schießen. Dennoch hätten sie in diesem Ernstfall nicht gegen irgendeinen bösen Feind geschossen, sondern gegen einen Bekannten. Und wenn wir überlegen, dass es schon 1953 ein Problem gewesen ist, kann man mutmaßen, dass die sowjetischen Soldaten und Offiziere nicht so ohne Weiteres aus den Kasernen gefahren wären und auf die Masse geschossen hätten."

Das bestätigt auch Wadim Gomelsky. Im Herbst 1989 dient er als Oberleutnant in der 11. Panzerdivision in Dresden.

Gomelsky: "Ich kann ehrlich sagen, ich habe mir diese Frage mehrmals gestellt. Ich habe keine eindeutige Antwort. Hätte ich abgedrückt? Wenn es eine Gefahr fürs Leben gegeben hätte, dann hätte ich vielleicht instinktiv gehandelt. Aber so auf eine friedliche Demo zu schießen - das hätte ich vielleicht nicht gekonnt."

Und wenn es einen Befehl gegeben hätte?

Gomelsky: "Wenn es einen Befehl gegeben hätte, wären Panzer auf die Straße aufgefahren. Man fängt erst an zu denken, wenn das Gewehr auf die Menschenmenge zielt. Normale Soldaten hätten nicht alle Mosaiksteinchen im Kopf. Man hätte denken können, dass es eine Übung ist."

Es gab keinen Befehl, keine Übung. Es gab nur die Wirklichkeit - den Herbst 89 und kein Vorgehen sowjetischer Truppen gegen den politischen Umbruch.

Seit nun 15 Jahren ist Wünsdorf keine Garnisonstadt mehr. Da, wo einst der sowjetische Generalstab der in der DDR stationierten Truppen saß, arbeiten heute Landesbeamte der Entwicklungsgesellschaft. Einige Gebäude, wie das gelbe Haus der Offiziere mit dem Lenindenkmal davor oder die Villa des Oberkommandierenden, stehen noch. Sie werden Touristen gezeigt - als Zeugen einer vergangenen Zeit."
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/l...report/1037400/

Wenn da mal Genosse Streletz nicht versucht seine eigene Rolle und die der SED zu verschönen...............


Intellektuelle spielen Telecaster
zuletzt bearbeitet 29.12.2012 18:00 | nach oben springen

#209

RE: Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?

in Leben in der DDR 29.12.2012 18:12
von ddr-bürger (gelöscht)
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@vierkrug
die Beschreibung der Situation vieler Staatsdiener 1989 ist sehr treffend. Für mich ist damals auch eine Welt zusammengebrochen, obwohl ich mich schon 1987 von dem System gelöst habe. Ich sah die Demos erst mit erschrecken und dann mit der Hoffnung das sich etwas bewegt und wir als Staat (möchte nicht nur "die da oben" nennen, irgendwo waren doch alle der Staat, jedenfalls die Gebliebenen) etwas ändern können. Es war eine Art Aufbruchstimmung gemischt mit Angst für mich.
Am Anfang waren ja wirklich viele aktiv die das Land reformieren wollten (im Sinne des Soz.) und keine Zerschlagung des Staates.

Als dann in den Montagsdemos solche Parolen kamen "Wir wollen die D-Mark", "Weg mit den Plattenbauten" (Wirklich so geschehen in Weimar) war mir klar, jetzt kommt das Ende. Das kippen der Gefühle Hoffnung in Resignation und Bitterkeit hat mir zu schaffen gemacht.
Danach hat die allg. Aufbruchstimmung für "Erleichterung" gesorgt. Es war viel Neues zu entdecken, neue Herausforderungen (Arbeitsplatz, Arbeitsrecht, Steuerrecht, Behördenkampf) haben das Leben überschwemmt und auch der Gedanke "was solls, vorbei ist vorbei und jetzt zählt Leistung das kommt alles ins Lot" hat das Leben bestimmt.
Leider mußte ich erkennen, es zählt nicht nur die Leistung, die Abhängigkeiten sind viel größer als damals und wie man als Mensch doch in dem Staat BRD (ohne Kohle) der letzte Dreck ist.
Diese Lektion konnte uns leider kein Parteilehrjahr vermitteln. heute sehe ich die Vergangenheit mit anderen Augen. Gut ich habe mich arrangiert, was bleibt einem übrig ich komme mit dem Leben hier zurecht und habe auch im Berufsleben die unterschiedlichsten Situationen gehabt. Ich habe mein Auskommen und einige werden denken, was jammert der Typ da rum aber mir fehlt etwas, mir fehlt die Freiheit ohne Ausbeutung leben zu können, die Freiheit mich nicht gesundheitlich ruinieren zu müssen um vernünftig zu leben, die Freiheit das es auch noch ein Familienleben gibt, einfach Menschzu sein.
Dafür würde ich auf Reisefreiheit, Redefreiheit und andere "bürgerliche Freiheiten" gerne Verzichten.

Gezeichnet: "Illusionär"


mannomann14, damals wars und Schmiernippel haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#210

RE: Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?

in Leben in der DDR 29.12.2012 18:20
von Alfred | 6.849 Beiträge

Zitat von Schuddelkind im Beitrag #208
Zitat von Alfred im Beitrag #197
Schuddelkind,

wer schreibt dies denn :

"Der Befehlshaber der sowjetischen Westgruppe General Snetkow wurde strengstens angewiesen, die sowjetischen Truppen aus der Einmischung in die Ereignisse in der DDR herauszuhalten. Es ist in diesem Zusammenhang interessant zu merken, dass der Nachrichtendienst des KGB in der DDR in seinen Berichten nach Moskau hervorhob, der Militäreinsatz in der DDR müsse vollständig ausgeschlossen sein, denn er werde die schwersten Folgen haben. Auch der Chef des Generalstabes Marschall Achromejew war gegen ein gewaltsames Vorgehen."


Quellenangabe war ja vorhanden.........ich erspar dir mal das Googlen: http://books.google.de/books?id=EttLzDgA...Snetkow&f=false
Demnach geht die Aussage auf Iwan Kusmin, damals Leiter der Informationsabteilung der KGB-Vertretung in Berlin-Karlshorst, zurück.
Interessant zu der Thematik auch das hier, wo ebenfalls Kusmin zitiert wird:
"

"Bleibt in den Kasernen!"

Warum sowjetische Truppen in der DDR den Mauerfall nicht verhinderten

Von Roman Goncharenko

Was passierte in den Novembertagen 1989 in den sowjetischen Kasernen in der DDR? Trotz vieler Gerüchte griffen sie nicht in das Geschehen zwischen Rostock und Leipzig ein. Das Oberkommando der sowjetischen Truppen in Wünsdorf bei Berlin blieb still - an der Trennlinie zweier Staaten, zweier Systeme in einem geteilten Kontinent.



Wünsdorf. Ein kleiner verschlafener Ortsteil von Zossen etwa 40 Kilometer südöstlich von Berlin. Renovierte Häuser und Villen in der Stille brandenburgischer Kiefernwälder. Eine friedliche Idylle mit militärischer Vergangenheit. Von hier aus wurden Kriege geplant und geführt. Wünsdorf war eine Garnisonstadt, die zunächst von Kaisertruppen, dann von den Nazis und später von den Sowjets genutzt wurde.

Wünsdorf heute. Eine Bücherstadt mit zig Antiquariaten aus Berlin und Brandenburg. Ein Ort des Krieges mit gesprengten deutschen Bunkern. Ein riesiges Areal der Geschichten aus der Zeit der sowjetischen Truppen.

Fast ein halbes Jahrhundert befand sich in Wünsdorf das Hauptquartier der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Im Sommer 1989 wurden sie in "Westgruppe der Truppen" umbenannt. Abgeriegelt und strengstens bewacht - Wünsdorf war die Schaltzentrale einer gewaltigen Militärmaschine. Mehr als 350.000 Mann, bis an die Zähne bewaffnet.

Die primäre Aufgabe sowjetischer Truppen in der DDR war, den Ostblock bei einem Angriff von Außen zu verteidigen. Ein Einsatz im Inneren wurde jedoch nicht ausgeschlossen. Im Stationierungsvertrag aus dem Jahr 1957 heißt es:

"Im Falle der Bedrohung der Sicherheit der Sowjetischen Streitkräfte kann das Oberkommando ... bei entsprechender Konsultation der Regierung der DDR ... Maßnahmen zur Beseitigung einer derartigen Bedrohung treffen."

Warum aber gingen sowjetische Truppen im Herbst 89 nicht gegen die Proteste in der DDR vor?

Das Schicksal Deutschlands und Europas wurde in Wünsdorf mit entschieden. Sowjetische Generäle sorgten dafür, dass keiner ihrer circa. 6000 Panzer gegen Demonstranten in Leipzig, Dresden oder Ostberlin aufgefahren ist.

"Wir sind das Volk!"

Am 9. November und in den Tagen nach dem Mauerfall sind die Soldaten in ihren Kasernen geblieben. Die "Westgruppe der Truppen" leistete ihren Beitrag, indem sie nichts tat.
Weshalb tat sie nichts? Warum hielt sie still? Wer gab welche Befehle? Was passierte im Dreieck Wünsdorf, Berlin und Moskau?

Die Rolle Sowjetischer Truppen in der DDR im Herbst 1989 gilt bis heute als wenig erforscht. Russische Militärarchive bleiben noch zehn Jahre - bis 2019 - geschlossen. Stasi-Unterlagen enthalten keine Hinweise auf das Verhalten der Russen in den Tagen vor und nach dem Mauerfall. Um die Lage zu rekonstruieren, ist man auf die bereits vorhandenen Dokumente und Zeugenaussagen angewiesen.

Die Schlüsselfigur heißt Michail Gorbatschow. Seit seinem Amtsantritt 1985 verfolgt der sowjetische Generalsekretär eine neue Politik gegenüber dem Westen, die auf Entspannung setzt. Die Führung in Moskau kommt zu dem Schluss, dass ein weiteres Wettrüsten die sowjetische Wirtschaft ruinieren würde. Vor diesem Hintergrund leitet Gorbatschow eine Abkehr von der Doktrin eines seiner Vorgänger - Leonid Breschnew - ein.

Satjukow: "Die Breschnew-Doktrin bedeutet, dass die Staaten des Warschauer Vertrages die Möglichkeit haben, in jedes Bruderland einzumarschieren, wenn der Ostblock in Gefahr ist."

Sagt Silke Satjukow, Privatdozentin an der Uni Jena und Autorin des Buches "Besatzer", über eine fast 50-jährige sowjetische Militärpräsenz in Deutschland.

Satjukow: "Damit der Westen dem Osten nicht mehr misstraut, hat Gorbatschow immer dem Westen unter der Oberfläche deutlich gemacht, dass er im Falle irgendwo würde eine Revolution ausbrechen, auch bei den Brüdern, nicht mehr eingreifen würde. Er sagt es aber niemals expresses verbes. Er macht es aber deutlich."

Die neue Militärdoktrin der UdSSR, verfasst in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre Marschall Sergej Achromejew. Der ehemalige Generalstabchef und Gorbatschows Berater gilt als einer der einflussreichsten sowjetischen Militärs.

Achromejew weiß, worum es geht und warnt vor möglichen Konsequenzen: Veränderungen in ganz Europa könnten zum Zusammenbruch des Sicherheitssystems führen, das nach dem Krieg aufgebaut wurde. Der Marschall drängt Gorbatschow, sich auf neue Entwicklungen vorzubereiten. Doch der Sowjetführer weigert sich. Achromejew hält in seinen Memoiren fest:

Achromejew: "So weit ich mich erinnern kann, diskutierte Gorbatschow nicht ein einziges Mal mit der militärischen Führung detailliert die militärisch-politische Situation in Europa und die Perspektiven ihrer Entwicklung."

Im Sommer und Herbst 1989 reagieren die sowjetische Streitkräfte in der DDR nicht militärisch auf wachsende Instabilität und Massenproteste der Bevölkerung.

Wer und wann den entscheidenden Befehl gegeben hat, sich militärisch nicht einzumischen, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. In einigen Quellen ist zu lesen, der damalige sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse habe bereits im August 1989 angeordnet, dass die "Westgruppe der Truppen" in ihren Kasernen bleiben soll - egal, was passiert. "Alles Quatsch", sagt Igor Maximytschew, damals Gesandter bei der UdSSR-Botschaft in Ostberlin.

Maximytschew: ""Einen solchen Befehl gab es nicht, weil es nicht notwendig war."

Schewardnadse selbst erinnert sich:

Schewardnadse: "Es gab eine gemeinsame Entscheidung einer Mehrheit im Politbüro - kein Einsatz von Militärstärke. Es gab ja schon die Ereignisse in Ungarn und in der Tschechoslowakei. Das war eine bittere Erfahrung. Natürlich haben wir es nicht für nötig und möglich gehalten, Gewalt in Deutschland anzuwenden."

Bis heute wurden keine schriftlichen Belege eines solchen Befehls bekannt. Dafür spricht auch die damalige Praxis, wichtige Entscheidungen meistens telefonisch mitzuteilen.

Alexander Furs ist ein kräftiger Mann Ende 50. Der russische Generalmajor a.D. ist Militärhistoriker in Moskau und ist nach Wünsdorf gereist, um hier ein Museum der "Westgruppe der Truppen" aufzubauen. Er sitzt in einem kleinen Zimmer an der Gutenbergstraße 1 in Zossen. In einer Ecke hängt das besonders wertvolle Ausstellungsstück - Uniform des letzten Oberkommandierenden Matwej Burlakow. Furs kennt ihn persönlich, wie auch seinen Vorgänger, den inzwischen verstorbenen Armeegenerall Boris Snetkow, der im Herbst 1989 der Truppe vorsteht.

Damals arbeitet Furs bei der Truppenzeitung "Sowetskaja armija" und ist in Wünsdorf stationiert. Er sagt, dass der Oberkommandierende Snetkow ein Konservativer war, der - wie die meisten älteren sowjetischen Militärs - Gorbatschows Reformpolitik skeptisch gegenüberstand.

Als Gorbatschow Anfang Oktober 1989 nach Berlin fliegt, um 40 Jahre DDR zu feiern, steht Wünsdorf nicht auf seinem Besuchsprogramm.

Furs: "Das wurde als eine Vernachlässigung, als ein Zeichen mangelnden Respekts gegenüber der Truppe wahrgenommen. Es war bitter."

In Berlin aber trifft sich Gorbatschow mit dem Oberkommandierenden Snetkow. Worüber sie sprechen, ist nicht bekannt. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Rolle der Sowjettruppen in der DDR thematisiert wird.

Die Krise in der DDR ist zu diesem Zeitpunkt offensichtlich. Montagsdemos sind in vollem Gange; Menschen wollen Reformen nach sowjetischem Vorbild, die der SED-Chef Honecker verweigert. Gorbatschow erlebt es hautnah, als er zusammen mit Honecker auf der Tribüne steht.

"Gorby, helf uns! Gorby, helf uns!"

Das Ganze politische System der DDR scheint in Gefahr. Trotzdem wird auch beim Treffen mit der DDR-Führung nicht über einen möglichen Militäreinsatz gesprochen.

In Westberlin dagegen macht man sich Sorgen. Valentin Falin ist damals Chef der Internationalen Abteilung des ZK und begleitet Gorbatschow.

Falin: "Kurz vor Gorbatschows Besuch in der DDR traf ich mich mit dem Regierenden Bürgermeister Westberlins Walter Momper. Er fragte mich, was unsere Militärs tun würden, wenn die Entwicklung in der DDR außer Kontrolle gerät? Ich sagte ihm: Wenn keine Waffen gegen unsere Garnisonen und unsere Truppen verwendet würden, werden sie in den Kasernen bleiben."

Diese Einstellung Moskaus ist auch dem Armeegeneral Snetkow in Wünsdorf bekannt. Wenige Tage nachdem Gorbatschow aus Berlin abgereist ist, spricht er mit Fritz Streletz - damals Stellvertretender Verteidigungsminister der DDR. Streletz bittet Snetkow ein Manöver abzusagen, um die angespannte Lage nicht zusätzlich zu provozieren. Der Oberkommandierende in Wünsdorf ist einverstanden. Später behauptet Streletz, dass Snetkow ihm auch Hilfe versprochen habe. Zitat:

"Wenn die Nationale Volksarmee Hilfe, Unterstützung benötigt, die Gruppe ist bereit, ihren Waffenbrüdern der NVA jegliche Hilfe zuteil werden zu lassen."

Dies hätte bedeutet, dass der sowjetische General bereit war, gegen den Willen Gorbatschows zu handeln. Der Militärhistoriker Alexander Furs bestreitet das.

Furs: "Ich glaube, dass Snetkow so etwas nicht hätte sagen können. Vielleicht in einer anderen Form würde die Hilfe zugeteilt, aber keine militärische Hilfe."

Die DDR-Führung will eine solche Hilfe offenbar sowieso nicht. Nachdem Honecker gestürzt ist, reist sein Nachfolger Krenz am 1. November 1989 nach Moskau. Er bittet dort um politische Unterstützung, Militärfragen werden nicht diskutiert.

Wenige Tage zuvor hat Gorbatschows Pressesprecher in Helsinki die Breschnew-Doktrin zum ersten Mal öffentlich für tot erklärt. Er nennt die neue Haltung des Kreml "Sinatra-Doktrin". Sie besagt im Kern: Staaten des Ostblocks dürfen eigene Wege gegen, ohne die Angst zu haben, dass Moskau Panzer schicken würde.

Am 9. November bleibt es ruhig in den sowjetischen Garnisonen in der DDR. Weil Gorbatschow oder sein Außenminister Schewardnadse das angeordnet haben? Oder weil am 7. und 8. November die UdSSR den Jahrestag der Oktoberrevolution feiert?

Maximytschew: "Ab dem 6. bis zum 13. November war die ganze Truppe kaserniert. Niemand ging raus. Und Sie finden keinen Deutschen, der in diesen Tagen unsere Soldaten in einer Stadt gesehen hätte, nicht einmal in einem Geschäft. Aber das war so üblich während der großen Feiertage in der Sowjetunion."

Igor Maximytschew, ehemaliger Gesandter bei der sowjetischen Botschaft in Ostberlin. Für seinen Chef, den Botschafter Wjatscheslaw Kotschemassow, sind diese Feiertage allerdings ein Problem. Die DDR-Führung plant die Öffnung neuer Grenzübergänge, um Tausende in die BRD ausreisen zu lassen. Ostberlin will wissen, ob Moskau nichts dagegen hat. Aber der Botschafter kann den Außenminister Schwardnadse am Vormittag des 9. November nicht erreichen. Das Okay gibt sein Stellvertreter.

Von dem, was danach passiert, sind alle überrascht. Auch Alexander Furs in Wünsdorf. Er schreibt gerade ein Buch über die Geschichte der "Westgruppe der Truppen", als er aus dem Fernsehen erfährt, dass die Grenzübergänge geöffnet sind.

Furs: "Wir haben uns immer in der Halle des Generalstabs in Wünsdorf versammelt, um Nachrichten zu sehen. Normalerweise war man zurückhaltend. Und hier gab es eine heftige Debatte. Die einen sagten: Na und? Nun ist die Grenze nicht mehr da! Die anderen waren besorgt, dass es Provokationen gegen die Truppe hätte geben können."

Gorbatschow sagt, dass er vom Fall der Mauer am morgen des 10. November erfährt. Weshalb wurde der sowjetische Staatschef erst nach Stunden über dieses Ereignis informiert? Immerhin wurde nur ein paar Kilometer von Wünsdorf entfernt, vom Hauptquartier der Sowjetischen Truppen in der DDR, die Mauer geöffnet - im Zentrum des geteilten Europas. Silke Satjukow von der Uni Jena:

Satjukow: "Wenn es so war, wenn es stimmt, was Gorbatschow sagte, dann gibt es Kräfte, die das verhindert haben. Und man muss sich fragen, warum sie es verhindert haben? Womöglich weil sie sich diese Grauzone erhalten wollten, um zu handeln. Denkbar wäre das, dass das Militär abwartet mit den Informationen, um für sich noch Handlungsrahmen zu halten. Wenn der Präsident nicht bescheid weiß, kann er auch nichts befehlen. Oder Gorbatschow hat es gewusst und hat gute Gründe gehabt zu sagen, ich habe nicht entscheiden können im entscheidenden Moment, weil ich es nicht wusste. Beides ist denkbar."

Während Gorbatschow schlief, hätte der Armeegeneral Snetkow in Wünsdorf also versuchen können, die Grenze mit Gewalt wieder zu schließen. Er tat es nicht.

Satjukow: "Spätestens als der Grenzübergang in Berlin geöffnet wurde, was also Alliiertenangelegenheit ist, spätestens dann hätte er eingreifen können. Das war kein Teil von keiner Abmachung, dass plötzlich die Grenze zum Westen geöffnet wurde. Er hat es nicht getan."

Am 10. November 1989 ist die Hölle los. Moskau reagiert aufgeregt, verlangt halbstündlich nach Lageberichten, sagt Iwan Kusmin, damals Leiter der Informationsabteilung der KGB-Vertretung in Berlin-Karlshorst.

Kusmin: "Wir in Berlin spürten, dass die Lage äußerst gefährlich war. Wir fürchteten große Konflikte, die eine Einmischung der Truppen nach sich ziehen könnten. Es war ein Wunder, dass nichts passiert ist."

In Moskau trifft sich ein Krisenstab. Gorbatschow schreibt in seinen Erinnerungen:

"Das Streben der Deutschen nach der Einheit konnte nur vereitelt werden, wenn die in der DDR stationierten sowjetischen Streitkräfte eingesetzt würden. Das aber hätte das völlige Scheitern aller Bemühungen zur Beendigung des Kalten Krieges und des nuklearen Wettrüstens bedeutet."

Iwan Kusmin, damals zweiter KGB-Mann in Ostberlin, konstatiert:

Kusmin: "Die Sowjetunion konnte in der Situation nichts tun. Sie stand wirtschaftlich vor dem Kollaps. Objektiv gesehen, hatte Gorbatschow auch kein großes Interesse für Deutschland. Er hatte mehr Sorgen um sein eigenes Land."

Am 10. November ruft der sowjetische Außenminister Schewardnadse den Botschafter in Ostberlin an und gibt Anweisung an das Militär in Wünsdorf: Keine Aktivitäten! Der Botschafter gibt die Anweisung an General Snetkow weiter. Die Anordnung aus Moskau wird erfüllt, bestätigt Alexander Furs.

Furs: "Es gab einen Befehl Snetkows, die Bewachung von Militärstädten und Munitionsdepots zu verstärken und sich nicht in innere Angelegenheiten der DDR einzumischen."

Die Mauer ist gefallen, die sowjetischen Truppen bleiben in ihren Kasernen. Es gab offensichtlich keinen Befehl, die deutsch-deutsche Grenze wieder dicht zu machen.

Einige Zeit später wird führenden Köpfen klar, dass auch sowjetische Truppen aus Deutschland werden abziehen müssen. Dagegen gibt es Widerstand unter sowjetischen Militärs. Hätte im Herbst 89 Armeegeneral Snetkow in Wünsdorf gegen Gorbatschow handeln können? Er wird sich später weigern, den Abzug der Westgruppe vorzubereiten und wird ausgetauscht.

Furs: "Snetkow hätte niemals eine Entscheidung getroffen, ohne sie vorher mit der Obrigkeit abzusprechen."

Gorbatschow selbst sagt, dass er keine Angst vor seinen Kritikern hatte.

Gorbatschow: "Es war eine Minderheit. Leute haben mich unterstützt, auch Militärs."

Bleibt noch die gerne gestellte ABER-WENN-DOCH-Frage. Wenn es damals doch zu einem Einsatzbefehl für sowjetische Truppen gekommen wäre? Es deutet einiges darauf hin, dass es nicht einfach gewesen wäre, sagt Silke Satjukow von der Uni Jena.

Satjukow: "Über ein halbes Jahrhundert haben sich zwischen den Streitkräften und der DDR-Bevölkerung vielfältigste Beziehungen entwickelt - Handelsbeziehungen, Arbeitsbeziehungen, Liebesbeziehungen, Freundschaften. Die Frage ist: Wären die sowjetischen Soldaten gegen diese Nachbarn vorgegangen? Trainiert haben sie Gehorsam. Natürlich, sie haben Gehorsam gegen den inneren und den äußeren Feind trainiert. Dieser Feind hatte meistens kein reales Gesicht, sondern Propagandamasken. Dies heißt, sie trainieren, im Ernstfall Gehorsam zu sein und zu Schießen. Dennoch hätten sie in diesem Ernstfall nicht gegen irgendeinen bösen Feind geschossen, sondern gegen einen Bekannten. Und wenn wir überlegen, dass es schon 1953 ein Problem gewesen ist, kann man mutmaßen, dass die sowjetischen Soldaten und Offiziere nicht so ohne Weiteres aus den Kasernen gefahren wären und auf die Masse geschossen hätten."

Das bestätigt auch Wadim Gomelsky. Im Herbst 1989 dient er als Oberleutnant in der 11. Panzerdivision in Dresden.

Gomelsky: "Ich kann ehrlich sagen, ich habe mir diese Frage mehrmals gestellt. Ich habe keine eindeutige Antwort. Hätte ich abgedrückt? Wenn es eine Gefahr fürs Leben gegeben hätte, dann hätte ich vielleicht instinktiv gehandelt. Aber so auf eine friedliche Demo zu schießen - das hätte ich vielleicht nicht gekonnt."

Und wenn es einen Befehl gegeben hätte?

Gomelsky: "Wenn es einen Befehl gegeben hätte, wären Panzer auf die Straße aufgefahren. Man fängt erst an zu denken, wenn das Gewehr auf die Menschenmenge zielt. Normale Soldaten hätten nicht alle Mosaiksteinchen im Kopf. Man hätte denken können, dass es eine Übung ist."

Es gab keinen Befehl, keine Übung. Es gab nur die Wirklichkeit - den Herbst 89 und kein Vorgehen sowjetischer Truppen gegen den politischen Umbruch.

Seit nun 15 Jahren ist Wünsdorf keine Garnisonstadt mehr. Da, wo einst der sowjetische Generalstab der in der DDR stationierten Truppen saß, arbeiten heute Landesbeamte der Entwicklungsgesellschaft. Einige Gebäude, wie das gelbe Haus der Offiziere mit dem Lenindenkmal davor oder die Villa des Oberkommandierenden, stehen noch. Sie werden Touristen gezeigt - als Zeugen einer vergangenen Zeit."
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/l...report/1037400/

Wenn da mal Genosse Streletz nicht versucht seine eigene Rolle und die der SED zu verschönen...............







Hallo,

in Deiner Vorstellung hattest Du geschrieben, dass Du "militärisch unbeleckt" bist.
Und dies merkt man auch ein wenig an dem Beitrag.
Informiere dich mal, wer im Falle eines Falles der Gruppe in der DDR Befehle geben konnte. Dies konnte z.B. kein Außenminister.
Und einen KGB Mann wie Kusmin, den hätte Armeegeneral Snetkow aber wegtreten lassen.
Das Gorbatschow am Abend des 9. November nicht informiert wurde, ist doch längst bekannt. Das belegen verschiedene Zeitzeugen so u.a. der Botschafter der Sowjetunion der am Morgen des 10. November mehrere Telefonate mit Krenz bzw. Streletz führte.
Streletz erklärte dazu u.a. im Jahr 2004:

"Bei der Einschätzung der militärpolitischen Ereignisse am 9. bzw. 10. November 1989 sollten
wir aus meiner Sicht zwei Besonderheiten berücksichtigen:
1. Eine solche Grenzöffnung am 9. November 1989 in Berlin war
1. weder mit der sowjetischen Partei- und Staatsführung noch
2. mit dem sowjetischen Generalstab abgestimmt.
Sie kam für Gorbatschow als auch für den sowjetischen Verteidigungsminister Jasow
überraschend, als Alleingang der DDR. Diese Feststellungen beweisen die 3
Telefonate, die der sowjetische Botschafter Kotschemasow mit mir am 10. November
zwischen 9.00 und 10.00 Uhr im Arbeitszimmer von Egon Krenz geführt hatte
und seine Aufforderung sofort ein Telegramm an Gorbatschow zu schicken und
ihm unsere Handlungsweise zu erklären."


zuletzt bearbeitet 29.12.2012 18:25 | nach oben springen

#211

RE: Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?

in Leben in der DDR 29.12.2012 18:35
von frank | 1.753 Beiträge

Zitat von Grenzwolf62 im Beitrag #187
Ein Blick auf Post 181 zeigt das durchaus wackere Kämpfer zur Niederschlagung der Konterrevolution bereit gewesen wären.
Es war ein unbeschreibliches Glück das in Moskau kein Breshnew mehr saß und diese Kämpfer von der Schnelligkeit der Ereignisse etwas überrollt wurden.


keiner der ehemaligen machthaber der ddr hätte damals ein 'massaker' angerichtet !!!



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#212

RE: Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?

in Leben in der DDR 29.12.2012 18:51
von Harra318 | 2.514 Beiträge

Heißt das Thema:" Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?" odääääär "Die letzten Tage der DDR "
Harra 318


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#213

RE: Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?

in Leben in der DDR 29.12.2012 18:59
von Ari@D187 | 1.989 Beiträge

Zitat von DoreHolm im Beitrag #201
Erstens ging es nicht um die Zeit kurz nach 45, da hatten die Menschen tatsächlich andere Probleme als zu vergleichen, ob es der Bevölkerung in einer anderen Besatzungszone besser geht. Der Marshall-Plan war ein erster Akt dazu, ein Schaufenster auszugestalten, auch auf die Gefahr, daß damit eine Unternehmenskonkurrenz gegenüber den Firmen in GB,USA und F gefördert wird. Der Wettstreit der Systeme in Deutschland um die Köpfe der Bürger begann richtig erst nach der Stabilisierung der Wirtschaft, als es auch um Tariffragen und Arbeitnehmerrechte ging, also ab der 50er Jahre.

Die frühen 50er Jahre sind immer noch kurz nach dem Krieg. Kommt halt drauf an, was man hier als kurz definiert.

Zitat von DoreHolm im Beitrag #201
Es wurde auch von westdeutschen Experten bestätigt, daß die DDR in wichtigen Wirtschaftsdaten zeitweise höhere Zuwachsraten hatte als die BRD.

Die DDR-Wirtschaft wurde dadurch angekurbelt, daß überwiegend und stark in die Schwerindustrie investiert wurde. Der Konsumgüterbereich wurde dagegen stark vernachlässigt. Trotz guter Wirtschaftsdaten blieben die Schaufenster für die Werktätigen vergleichsweise leer.

Zitat von DoreHolm im Beitrag #201
Das war denen drüben ganz und gar nicht egal, wenn auch nur ein Teil der Arbeitnehmer auf bestimmte Annehmlichkeiten in der DDR schielte und es war ihnen auch nicht egal, ob die DDR-Bevölkerung die BRD-Verhältnisse als attraktiv fand oder sie ihnen egal war.

Könntest Du bitte einige der Annehmlichkeiten für die Arbeitnehmer in der DDR erläutern?

Zitat von DoreHolm im Beitrag #201
Ari, ob Du es wahr haben willst oder nicht, das waren einfach Notwendigkeiten für Unternehmer und Politiker in der alten BRD, hier so weit wie es notwendig erschien, Zugeständnisse an die Arbeitnehmer zu machen. Da brauchst Du gar nicht gleich zu übertreiben von wegen "Massenflucht von Bundesbürgern in die DDR". Sowas zeugt bei mir eher von "nicht verstehen wollen".

Kannst Du denn diese These bezüglich der Zugeständnisse an westdeutsche Arbeitnehmer aufgrund der blossen Existenz der DDR belegen? Vielleicht verstehe ich es ja dann.

Danke

Ari


Scheint es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode...
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#214

RE: Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?

in Leben in der DDR 29.12.2012 19:13
von frank | 1.753 Beiträge

Zitat von Alfred im Beitrag #180
Hier mal ein Bilddokument zum Oktober 1989.

http://www.youtube.com/watch?v=eKXRxj9jnv4


was willst du mir damit sagen ! das der general streletz nach der wende die wahrheit sagt oder weiss ??? habe bei seiner eingebung vor kammera's so richtig bauchschmerzen !! hat E. Honecker zu diesem zeitpunkt wirklich noch die geschicke der ddr geleitet oder mußte man nur aus 'tribut' die rangordnung , dienstweg einhalten ???
ein fahrer , der an einer leerkollonne des PB, die von berlin nach erfurt unterwegs war im bereich dessau auf einer nicht geräumten notlandebahn für E -fälle , überholt und das auf geheiß dieses general's.? gefährlicher geht's eigendlich nicht mehr , weder für die zu 'überholenden' noch für den gegenverkehr !! heute hätte dieser fahrer für einige zeit kein FE mehr !! aber er hatte ja nur befehle befolgt und wurde deshalb von unserem abteilungsleiter : spitzname : 'Eugen' ! aber so was zur sau gemacht !! glaube auch mit drei stempeleitragungen !!! danke general streletz für das einfühlsame vorgehen mit seiner unterstellten !! könnte ich drauf verzichten !! dann hör ich lieber das filmchen ohne ton !!!



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#215

RE: Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?

in Leben in der DDR 29.12.2012 19:13
von Oss`n | 2.779 Beiträge

Zitat von StabPL im Beitrag #1
Gibt es etwas, was man mit dem Untergang der DDR vermisst?
z.B. niedrige Mieten, niedrige Steuern, das Schulsystem, der bessere Umgang miteinander.....
StabPL




Früher war alles besser - Quatsch !
Der Umgang miteinander war nat. schon besser (viel besser).
War es aus der Not herraus ? (hast du dies - hab ich das !)
Für mich eindeutg:
Der Umgang untereinander ist viel viel schlechter als in der ehem. DDR.

Sorry - deshalb will ich "Sie" trotz alledem nicht zurück.

Euch allen einen Guten Rutsch in`s Jahr 2013 !

Oss`n


Spucke nie in einen Brunnen - es könnte sein, du mußt mal daraus trinken !
Schuddelkind hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#216

RE: Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?

in Leben in der DDR 29.12.2012 19:14
von Schuddelkind | 3.516 Beiträge

Nochmal zu Streletz: War das nicht der, der die Auslösung der EG am 10.11.89 zu verantworten hatte?
"Als Reaktion auf die "Zuspitzung der Lage" verständigten sich Krenz und Verteidigungsminister Keßler gegen 12.45 Uhr, Truppenteile der Nationalen Volksarmee in „Erhöhte Gefechtsbereitschaft" zu versetzen, womit sie auf ein militärisches Eingreifen vorbereitet waren.
Veneidigungsminister Keßler ließ den Chef des Hauptstabes in den Nebenraum des ZK-Plenarsaales rufen. Dort gab er Streletz den Befehl, die Erhöhte Gefechtsbereitschaft für die in Potsdam stationierte 1. Motorisierte Schützendivision (1. MSD) und das in Lehnin untergebrachte Luftsturmregiment-40 (LStR-40) auszulösen.
Den militärischen Gepflogenheiten hätte es entsprochen, wenn Streletz den Befehl über das eingespielte System der Operativ Diensthabenden (OpD) und des Operativen Führungszentrums (OFüZ) der NVA in Strausberg an den OpD des Kommandos der Landstreitkräfte in Potsdam hätte übermitteln lassen.
Der OpD wäre jedoch verpflichtet gewesen, den Befehl als meldepflichtiges Vorkommnis in die Tagesinformationcn des Ministeriums aufzunehmen, die allen Stellvertretern des Ministers vorgelegt wurden. Der Weg, den Streletz wählte, sicherte dagegen größtmögliche
Geheimhaltung: Er bat Generaloberst Stechbarth, den Chef der Landstreitkräfte, in den Vorraum des ZK-Plenarsaales, um ihm die erforderlichen Instruktionen persönlich zu erteilen, Stechbarth wiederum gab die entsprechende Weisung telefonisch dem Stabschef der Landstreitkräfte durch. Beide Truppenteile wurden um 13.00 Uhr über das Diensthabenden-System der Landstreitkräfte alarmiert."


Intellektuelle spielen Telecaster
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#217

RE: Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?

in Leben in der DDR 29.12.2012 19:41
von silberfuchs60 | 1.458 Beiträge

Zitat von Schuddelkind im Beitrag #208
Zitat von Alfred im Beitrag #197
Schuddelkind,

wer schreibt dies denn :

"Der Befehlshaber der sowjetischen Westgruppe General Snetkow wurde strengstens angewiesen, die sowjetischen Truppen aus der Einmischung in die Ereignisse in der DDR herauszuhalten. Es ist in diesem Zusammenhang interessant zu merken, dass der Nachrichtendienst des KGB in der DDR in seinen Berichten nach Moskau hervorhob, der Militäreinsatz in der DDR müsse vollständig ausgeschlossen sein, denn er werde die schwersten Folgen haben. Auch der Chef des Generalstabes Marschall Achromejew war gegen ein gewaltsames Vorgehen."


Quellenangabe war ja vorhanden.........ich erspar dir mal das Googlen: http://books.google.de/books?id=EttLzDgA...Snetkow&f=false
Demnach geht die Aussage auf Iwan Kusmin, damals Leiter der Informationsabteilung der KGB-Vertretung in Berlin-Karlshorst, zurück.
Interessant zu der Thematik auch das hier, wo ebenfalls Kusmin zitiert wird:
"

"Bleibt in den Kasernen!"

Warum sowjetische Truppen in der DDR den Mauerfall nicht verhinderten

Von Roman Goncharenko

Was passierte in den Novembertagen 1989 in den sowjetischen Kasernen in der DDR? Trotz vieler Gerüchte griffen sie nicht in das Geschehen zwischen Rostock und Leipzig ein. Das Oberkommando der sowjetischen Truppen in Wünsdorf bei Berlin blieb still - an der Trennlinie zweier Staaten, zweier Systeme in einem geteilten Kontinent.



Wünsdorf. Ein kleiner verschlafener Ortsteil von Zossen etwa 40 Kilometer südöstlich von Berlin. Renovierte Häuser und Villen in der Stille brandenburgischer Kiefernwälder. Eine friedliche Idylle mit militärischer Vergangenheit. Von hier aus wurden Kriege geplant und geführt. Wünsdorf war eine Garnisonstadt, die zunächst von Kaisertruppen, dann von den Nazis und später von den Sowjets genutzt wurde.

Wünsdorf heute. Eine Bücherstadt mit zig Antiquariaten aus Berlin und Brandenburg. Ein Ort des Krieges mit gesprengten deutschen Bunkern. Ein riesiges Areal der Geschichten aus der Zeit der sowjetischen Truppen.

Fast ein halbes Jahrhundert befand sich in Wünsdorf das Hauptquartier der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Im Sommer 1989 wurden sie in "Westgruppe der Truppen" umbenannt. Abgeriegelt und strengstens bewacht - Wünsdorf war die Schaltzentrale einer gewaltigen Militärmaschine. Mehr als 350.000 Mann, bis an die Zähne bewaffnet.

Die primäre Aufgabe sowjetischer Truppen in der DDR war, den Ostblock bei einem Angriff von Außen zu verteidigen. Ein Einsatz im Inneren wurde jedoch nicht ausgeschlossen. Im Stationierungsvertrag aus dem Jahr 1957 heißt es:

"Im Falle der Bedrohung der Sicherheit der Sowjetischen Streitkräfte kann das Oberkommando ... bei entsprechender Konsultation der Regierung der DDR ... Maßnahmen zur Beseitigung einer derartigen Bedrohung treffen."

Warum aber gingen sowjetische Truppen im Herbst 89 nicht gegen die Proteste in der DDR vor?

Das Schicksal Deutschlands und Europas wurde in Wünsdorf mit entschieden. Sowjetische Generäle sorgten dafür, dass keiner ihrer circa. 6000 Panzer gegen Demonstranten in Leipzig, Dresden oder Ostberlin aufgefahren ist.

"Wir sind das Volk!"

Am 9. November und in den Tagen nach dem Mauerfall sind die Soldaten in ihren Kasernen geblieben. Die "Westgruppe der Truppen" leistete ihren Beitrag, indem sie nichts tat.
Weshalb tat sie nichts? Warum hielt sie still? Wer gab welche Befehle? Was passierte im Dreieck Wünsdorf, Berlin und Moskau?

Die Rolle Sowjetischer Truppen in der DDR im Herbst 1989 gilt bis heute als wenig erforscht. Russische Militärarchive bleiben noch zehn Jahre - bis 2019 - geschlossen. Stasi-Unterlagen enthalten keine Hinweise auf das Verhalten der Russen in den Tagen vor und nach dem Mauerfall. Um die Lage zu rekonstruieren, ist man auf die bereits vorhandenen Dokumente und Zeugenaussagen angewiesen.

Die Schlüsselfigur heißt Michail Gorbatschow. Seit seinem Amtsantritt 1985 verfolgt der sowjetische Generalsekretär eine neue Politik gegenüber dem Westen, die auf Entspannung setzt. Die Führung in Moskau kommt zu dem Schluss, dass ein weiteres Wettrüsten die sowjetische Wirtschaft ruinieren würde. Vor diesem Hintergrund leitet Gorbatschow eine Abkehr von der Doktrin eines seiner Vorgänger - Leonid Breschnew - ein.

Satjukow: "Die Breschnew-Doktrin bedeutet, dass die Staaten des Warschauer Vertrages die Möglichkeit haben, in jedes Bruderland einzumarschieren, wenn der Ostblock in Gefahr ist."

Sagt Silke Satjukow, Privatdozentin an der Uni Jena und Autorin des Buches "Besatzer", über eine fast 50-jährige sowjetische Militärpräsenz in Deutschland.

Satjukow: "Damit der Westen dem Osten nicht mehr misstraut, hat Gorbatschow immer dem Westen unter der Oberfläche deutlich gemacht, dass er im Falle irgendwo würde eine Revolution ausbrechen, auch bei den Brüdern, nicht mehr eingreifen würde. Er sagt es aber niemals expresses verbes. Er macht es aber deutlich."

Die neue Militärdoktrin der UdSSR, verfasst in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre Marschall Sergej Achromejew. Der ehemalige Generalstabchef und Gorbatschows Berater gilt als einer der einflussreichsten sowjetischen Militärs.

Achromejew weiß, worum es geht und warnt vor möglichen Konsequenzen: Veränderungen in ganz Europa könnten zum Zusammenbruch des Sicherheitssystems führen, das nach dem Krieg aufgebaut wurde. Der Marschall drängt Gorbatschow, sich auf neue Entwicklungen vorzubereiten. Doch der Sowjetführer weigert sich. Achromejew hält in seinen Memoiren fest:

Achromejew: "So weit ich mich erinnern kann, diskutierte Gorbatschow nicht ein einziges Mal mit der militärischen Führung detailliert die militärisch-politische Situation in Europa und die Perspektiven ihrer Entwicklung."

Im Sommer und Herbst 1989 reagieren die sowjetische Streitkräfte in der DDR nicht militärisch auf wachsende Instabilität und Massenproteste der Bevölkerung.

Wer und wann den entscheidenden Befehl gegeben hat, sich militärisch nicht einzumischen, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. In einigen Quellen ist zu lesen, der damalige sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse habe bereits im August 1989 angeordnet, dass die "Westgruppe der Truppen" in ihren Kasernen bleiben soll - egal, was passiert. "Alles Quatsch", sagt Igor Maximytschew, damals Gesandter bei der UdSSR-Botschaft in Ostberlin.

Maximytschew: ""Einen solchen Befehl gab es nicht, weil es nicht notwendig war."

Schewardnadse selbst erinnert sich:

Schewardnadse: "Es gab eine gemeinsame Entscheidung einer Mehrheit im Politbüro - kein Einsatz von Militärstärke. Es gab ja schon die Ereignisse in Ungarn und in der Tschechoslowakei. Das war eine bittere Erfahrung. Natürlich haben wir es nicht für nötig und möglich gehalten, Gewalt in Deutschland anzuwenden."

Bis heute wurden keine schriftlichen Belege eines solchen Befehls bekannt. Dafür spricht auch die damalige Praxis, wichtige Entscheidungen meistens telefonisch mitzuteilen.

Alexander Furs ist ein kräftiger Mann Ende 50. Der russische Generalmajor a.D. ist Militärhistoriker in Moskau und ist nach Wünsdorf gereist, um hier ein Museum der "Westgruppe der Truppen" aufzubauen. Er sitzt in einem kleinen Zimmer an der Gutenbergstraße 1 in Zossen. In einer Ecke hängt das besonders wertvolle Ausstellungsstück - Uniform des letzten Oberkommandierenden Matwej Burlakow. Furs kennt ihn persönlich, wie auch seinen Vorgänger, den inzwischen verstorbenen Armeegenerall Boris Snetkow, der im Herbst 1989 der Truppe vorsteht.

Damals arbeitet Furs bei der Truppenzeitung "Sowetskaja armija" und ist in Wünsdorf stationiert. Er sagt, dass der Oberkommandierende Snetkow ein Konservativer war, der - wie die meisten älteren sowjetischen Militärs - Gorbatschows Reformpolitik skeptisch gegenüberstand.

Als Gorbatschow Anfang Oktober 1989 nach Berlin fliegt, um 40 Jahre DDR zu feiern, steht Wünsdorf nicht auf seinem Besuchsprogramm.

Furs: "Das wurde als eine Vernachlässigung, als ein Zeichen mangelnden Respekts gegenüber der Truppe wahrgenommen. Es war bitter."

In Berlin aber trifft sich Gorbatschow mit dem Oberkommandierenden Snetkow. Worüber sie sprechen, ist nicht bekannt. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Rolle der Sowjettruppen in der DDR thematisiert wird.

Die Krise in der DDR ist zu diesem Zeitpunkt offensichtlich. Montagsdemos sind in vollem Gange; Menschen wollen Reformen nach sowjetischem Vorbild, die der SED-Chef Honecker verweigert. Gorbatschow erlebt es hautnah, als er zusammen mit Honecker auf der Tribüne steht.

"Gorby, helf uns! Gorby, helf uns!"

Das Ganze politische System der DDR scheint in Gefahr. Trotzdem wird auch beim Treffen mit der DDR-Führung nicht über einen möglichen Militäreinsatz gesprochen.

In Westberlin dagegen macht man sich Sorgen. Valentin Falin ist damals Chef der Internationalen Abteilung des ZK und begleitet Gorbatschow.

Falin: "Kurz vor Gorbatschows Besuch in der DDR traf ich mich mit dem Regierenden Bürgermeister Westberlins Walter Momper. Er fragte mich, was unsere Militärs tun würden, wenn die Entwicklung in der DDR außer Kontrolle gerät? Ich sagte ihm: Wenn keine Waffen gegen unsere Garnisonen und unsere Truppen verwendet würden, werden sie in den Kasernen bleiben."

Diese Einstellung Moskaus ist auch dem Armeegeneral Snetkow in Wünsdorf bekannt. Wenige Tage nachdem Gorbatschow aus Berlin abgereist ist, spricht er mit Fritz Streletz - damals Stellvertretender Verteidigungsminister der DDR. Streletz bittet Snetkow ein Manöver abzusagen, um die angespannte Lage nicht zusätzlich zu provozieren. Der Oberkommandierende in Wünsdorf ist einverstanden. Später behauptet Streletz, dass Snetkow ihm auch Hilfe versprochen habe. Zitat:

"Wenn die Nationale Volksarmee Hilfe, Unterstützung benötigt, die Gruppe ist bereit, ihren Waffenbrüdern der NVA jegliche Hilfe zuteil werden zu lassen."

Dies hätte bedeutet, dass der sowjetische General bereit war, gegen den Willen Gorbatschows zu handeln. Der Militärhistoriker Alexander Furs bestreitet das.

Furs: "Ich glaube, dass Snetkow so etwas nicht hätte sagen können. Vielleicht in einer anderen Form würde die Hilfe zugeteilt, aber keine militärische Hilfe."

Die DDR-Führung will eine solche Hilfe offenbar sowieso nicht. Nachdem Honecker gestürzt ist, reist sein Nachfolger Krenz am 1. November 1989 nach Moskau. Er bittet dort um politische Unterstützung, Militärfragen werden nicht diskutiert.

Wenige Tage zuvor hat Gorbatschows Pressesprecher in Helsinki die Breschnew-Doktrin zum ersten Mal öffentlich für tot erklärt. Er nennt die neue Haltung des Kreml "Sinatra-Doktrin". Sie besagt im Kern: Staaten des Ostblocks dürfen eigene Wege gegen, ohne die Angst zu haben, dass Moskau Panzer schicken würde.

Am 9. November bleibt es ruhig in den sowjetischen Garnisonen in der DDR. Weil Gorbatschow oder sein Außenminister Schewardnadse das angeordnet haben? Oder weil am 7. und 8. November die UdSSR den Jahrestag der Oktoberrevolution feiert?

Maximytschew: "Ab dem 6. bis zum 13. November war die ganze Truppe kaserniert. Niemand ging raus. Und Sie finden keinen Deutschen, der in diesen Tagen unsere Soldaten in einer Stadt gesehen hätte, nicht einmal in einem Geschäft. Aber das war so üblich während der großen Feiertage in der Sowjetunion."

Igor Maximytschew, ehemaliger Gesandter bei der sowjetischen Botschaft in Ostberlin. Für seinen Chef, den Botschafter Wjatscheslaw Kotschemassow, sind diese Feiertage allerdings ein Problem. Die DDR-Führung plant die Öffnung neuer Grenzübergänge, um Tausende in die BRD ausreisen zu lassen. Ostberlin will wissen, ob Moskau nichts dagegen hat. Aber der Botschafter kann den Außenminister Schwardnadse am Vormittag des 9. November nicht erreichen. Das Okay gibt sein Stellvertreter.

Von dem, was danach passiert, sind alle überrascht. Auch Alexander Furs in Wünsdorf. Er schreibt gerade ein Buch über die Geschichte der "Westgruppe der Truppen", als er aus dem Fernsehen erfährt, dass die Grenzübergänge geöffnet sind.

Furs: "Wir haben uns immer in der Halle des Generalstabs in Wünsdorf versammelt, um Nachrichten zu sehen. Normalerweise war man zurückhaltend. Und hier gab es eine heftige Debatte. Die einen sagten: Na und? Nun ist die Grenze nicht mehr da! Die anderen waren besorgt, dass es Provokationen gegen die Truppe hätte geben können."

Gorbatschow sagt, dass er vom Fall der Mauer am morgen des 10. November erfährt. Weshalb wurde der sowjetische Staatschef erst nach Stunden über dieses Ereignis informiert? Immerhin wurde nur ein paar Kilometer von Wünsdorf entfernt, vom Hauptquartier der Sowjetischen Truppen in der DDR, die Mauer geöffnet - im Zentrum des geteilten Europas. Silke Satjukow von der Uni Jena:

Satjukow: "Wenn es so war, wenn es stimmt, was Gorbatschow sagte, dann gibt es Kräfte, die das verhindert haben. Und man muss sich fragen, warum sie es verhindert haben? Womöglich weil sie sich diese Grauzone erhalten wollten, um zu handeln. Denkbar wäre das, dass das Militär abwartet mit den Informationen, um für sich noch Handlungsrahmen zu halten. Wenn der Präsident nicht bescheid weiß, kann er auch nichts befehlen. Oder Gorbatschow hat es gewusst und hat gute Gründe gehabt zu sagen, ich habe nicht entscheiden können im entscheidenden Moment, weil ich es nicht wusste. Beides ist denkbar."

Während Gorbatschow schlief, hätte der Armeegeneral Snetkow in Wünsdorf also versuchen können, die Grenze mit Gewalt wieder zu schließen. Er tat es nicht.

Satjukow: "Spätestens als der Grenzübergang in Berlin geöffnet wurde, was also Alliiertenangelegenheit ist, spätestens dann hätte er eingreifen können. Das war kein Teil von keiner Abmachung, dass plötzlich die Grenze zum Westen geöffnet wurde. Er hat es nicht getan."

Am 10. November 1989 ist die Hölle los. Moskau reagiert aufgeregt, verlangt halbstündlich nach Lageberichten, sagt Iwan Kusmin, damals Leiter der Informationsabteilung der KGB-Vertretung in Berlin-Karlshorst.

Kusmin: "Wir in Berlin spürten, dass die Lage äußerst gefährlich war. Wir fürchteten große Konflikte, die eine Einmischung der Truppen nach sich ziehen könnten. Es war ein Wunder, dass nichts passiert ist."

In Moskau trifft sich ein Krisenstab. Gorbatschow schreibt in seinen Erinnerungen:

"Das Streben der Deutschen nach der Einheit konnte nur vereitelt werden, wenn die in der DDR stationierten sowjetischen Streitkräfte eingesetzt würden. Das aber hätte das völlige Scheitern aller Bemühungen zur Beendigung des Kalten Krieges und des nuklearen Wettrüstens bedeutet."

Iwan Kusmin, damals zweiter KGB-Mann in Ostberlin, konstatiert:

Kusmin: "Die Sowjetunion konnte in der Situation nichts tun. Sie stand wirtschaftlich vor dem Kollaps. Objektiv gesehen, hatte Gorbatschow auch kein großes Interesse für Deutschland. Er hatte mehr Sorgen um sein eigenes Land."

Am 10. November ruft der sowjetische Außenminister Schewardnadse den Botschafter in Ostberlin an und gibt Anweisung an das Militär in Wünsdorf: Keine Aktivitäten! Der Botschafter gibt die Anweisung an General Snetkow weiter. Die Anordnung aus Moskau wird erfüllt, bestätigt Alexander Furs.

Furs: "Es gab einen Befehl Snetkows, die Bewachung von Militärstädten und Munitionsdepots zu verstärken und sich nicht in innere Angelegenheiten der DDR einzumischen."

Die Mauer ist gefallen, die sowjetischen Truppen bleiben in ihren Kasernen. Es gab offensichtlich keinen Befehl, die deutsch-deutsche Grenze wieder dicht zu machen.

Einige Zeit später wird führenden Köpfen klar, dass auch sowjetische Truppen aus Deutschland werden abziehen müssen. Dagegen gibt es Widerstand unter sowjetischen Militärs. Hätte im Herbst 89 Armeegeneral Snetkow in Wünsdorf gegen Gorbatschow handeln können? Er wird sich später weigern, den Abzug der Westgruppe vorzubereiten und wird ausgetauscht.

Furs: "Snetkow hätte niemals eine Entscheidung getroffen, ohne sie vorher mit der Obrigkeit abzusprechen."

Gorbatschow selbst sagt, dass er keine Angst vor seinen Kritikern hatte.

Gorbatschow: "Es war eine Minderheit. Leute haben mich unterstützt, auch Militärs."

Bleibt noch die gerne gestellte ABER-WENN-DOCH-Frage. Wenn es damals doch zu einem Einsatzbefehl für sowjetische Truppen gekommen wäre? Es deutet einiges darauf hin, dass es nicht einfach gewesen wäre, sagt Silke Satjukow von der Uni Jena.

Satjukow: "Über ein halbes Jahrhundert haben sich zwischen den Streitkräften und der DDR-Bevölkerung vielfältigste Beziehungen entwickelt - Handelsbeziehungen, Arbeitsbeziehungen, Liebesbeziehungen, Freundschaften. Die Frage ist: Wären die sowjetischen Soldaten gegen diese Nachbarn vorgegangen? Trainiert haben sie Gehorsam. Natürlich, sie haben Gehorsam gegen den inneren und den äußeren Feind trainiert. Dieser Feind hatte meistens kein reales Gesicht, sondern Propagandamasken. Dies heißt, sie trainieren, im Ernstfall Gehorsam zu sein und zu Schießen. Dennoch hätten sie in diesem Ernstfall nicht gegen irgendeinen bösen Feind geschossen, sondern gegen einen Bekannten. Und wenn wir überlegen, dass es schon 1953 ein Problem gewesen ist, kann man mutmaßen, dass die sowjetischen Soldaten und Offiziere nicht so ohne Weiteres aus den Kasernen gefahren wären und auf die Masse geschossen hätten."

Das bestätigt auch Wadim Gomelsky. Im Herbst 1989 dient er als Oberleutnant in der 11. Panzerdivision in Dresden.

Gomelsky: "Ich kann ehrlich sagen, ich habe mir diese Frage mehrmals gestellt. Ich habe keine eindeutige Antwort. Hätte ich abgedrückt? Wenn es eine Gefahr fürs Leben gegeben hätte, dann hätte ich vielleicht instinktiv gehandelt. Aber so auf eine friedliche Demo zu schießen - das hätte ich vielleicht nicht gekonnt."

Und wenn es einen Befehl gegeben hätte?

Gomelsky: "Wenn es einen Befehl gegeben hätte, wären Panzer auf die Straße aufgefahren. Man fängt erst an zu denken, wenn das Gewehr auf die Menschenmenge zielt. Normale Soldaten hätten nicht alle Mosaiksteinchen im Kopf. Man hätte denken können, dass es eine Übung ist."

Es gab keinen Befehl, keine Übung. Es gab nur die Wirklichkeit - den Herbst 89 und kein Vorgehen sowjetischer Truppen gegen den politischen Umbruch.

Seit nun 15 Jahren ist Wünsdorf keine Garnisonstadt mehr. Da, wo einst der sowjetische Generalstab der in der DDR stationierten Truppen saß, arbeiten heute Landesbeamte der Entwicklungsgesellschaft. Einige Gebäude, wie das gelbe Haus der Offiziere mit dem Lenindenkmal davor oder die Villa des Oberkommandierenden, stehen noch. Sie werden Touristen gezeigt - als Zeugen einer vergangenen Zeit."
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/l...report/1037400/

Wenn da mal Genosse Streletz nicht versucht seine eigene Rolle und die der SED zu verschönen...............







...kurz und bündig ...


xxx
zuletzt bearbeitet 29.12.2012 19:52 | nach oben springen

#218

RE: Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?

in Leben in der DDR 29.12.2012 19:44
von Alfred | 6.849 Beiträge

Zitat von Schuddelkind im Beitrag #216
Nochmal zu Streletz: War das nicht der, der die Auslösung der EG am 10.11.89 zu verantworten hatte?
"Als Reaktion auf die "Zuspitzung der Lage" verständigten sich Krenz und Verteidigungsminister Keßler gegen 12.45 Uhr, Truppenteile der Nationalen Volksarmee in „Erhöhte Gefechtsbereitschaft" zu versetzen, womit sie auf ein militärisches Eingreifen vorbereitet waren.
Veneidigungsminister Keßler ließ den Chef des Hauptstabes in den Nebenraum des ZK-Plenarsaales rufen. Dort gab er Streletz den Befehl, die Erhöhte Gefechtsbereitschaft für die in Potsdam stationierte 1. Motorisierte Schützendivision (1. MSD) und das in Lehnin untergebrachte Luftsturmregiment-40 (LStR-40) auszulösen.
Den militärischen Gepflogenheiten hätte es entsprochen, wenn Streletz den Befehl über das eingespielte System der Operativ Diensthabenden (OpD) und des Operativen Führungszentrums (OFüZ) der NVA in Strausberg an den OpD des Kommandos der Landstreitkräfte in Potsdam hätte übermitteln lassen.
Der OpD wäre jedoch verpflichtet gewesen, den Befehl als meldepflichtiges Vorkommnis in die Tagesinformationcn des Ministeriums aufzunehmen, die allen Stellvertretern des Ministers vorgelegt wurden. Der Weg, den Streletz wählte, sicherte dagegen größtmögliche
Geheimhaltung: Er bat Generaloberst Stechbarth, den Chef der Landstreitkräfte, in den Vorraum des ZK-Plenarsaales, um ihm die erforderlichen Instruktionen persönlich zu erteilen, Stechbarth wiederum gab die entsprechende Weisung telefonisch dem Stabschef der Landstreitkräfte durch. Beide Truppenteile wurden um 13.00 Uhr über das Diensthabenden-System der Landstreitkräfte alarmiert."



Und wo ist das Problem ?
Richtig, Streletz gab im Auftrag von Minister Keßler, Generaloberst Stechbarth einen entsprechenden Befehl. Es ging um "Die Auslösung der erhöhten Gefechtsbereitschaft für die 1. MSD und das Luftsturmregiment 40 in der Bereitschaft ohne Panzer, ohne Artillerie und ohne schwere Technik um in Berlin zur Unterstützung der Grenztruppen eingesetzt zu werden".

Generaloberst Stechbarth gab diesen Befehl umgehend an seinen Stabschef Generalleutnant Skerra weiter.
Wie geschrieben, dieser Befehl diente der möglichen Unterstützung der Grenztruppen.
Und hätte man wirklich auf Geheimhaltung gemacht, wäre ein entsprechender Befehl als geheimer Dienstbefehl herausgegangen


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#219

RE: Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?

in Leben in der DDR 29.12.2012 20:07
von Gert | 12.356 Beiträge

Zitat von ddr-bürger im Beitrag #209
@vierkrug
die Beschreibung der Situation vieler Staatsdiener 1989 ist sehr treffend. Für mich ist damals auch eine Welt zusammengebrochen, obwohl ich mich schon 1987 von dem System gelöst habe. Ich sah die Demos erst mit erschrecken und dann mit der Hoffnung das sich etwas bewegt und wir als Staat (möchte nicht nur "die da oben" nennen, irgendwo waren doch alle der Staat, jedenfalls die Gebliebenen) etwas ändern können. Es war eine Art Aufbruchstimmung gemischt mit Angst für mich.
Am Anfang waren ja wirklich viele aktiv die das Land reformieren wollten (im Sinne des Soz.) und keine Zerschlagung des Staates.

Als dann in den Montagsdemos solche Parolen kamen "Wir wollen die D-Mark", "Weg mit den Plattenbauten" (Wirklich so geschehen in Weimar) war mir klar, jetzt kommt das Ende. Das kippen der Gefühle Hoffnung in Resignation und Bitterkeit hat mir zu schaffen gemacht.
Danach hat die allg. Aufbruchstimmung für "Erleichterung" gesorgt. Es war viel Neues zu entdecken, neue Herausforderungen (Arbeitsplatz, Arbeitsrecht, Steuerrecht, Behördenkampf) haben das Leben überschwemmt und auch der Gedanke "was solls, vorbei ist vorbei und jetzt zählt Leistung das kommt alles ins Lot" hat das Leben bestimmt.
Leider mußte ich erkennen, es zählt nicht nur die Leistung, die Abhängigkeiten sind viel größer als damals und wie man als Mensch doch in dem Staat BRD (ohne Kohle) der letzte Dreck ist.
Diese Lektion konnte uns leider kein Parteilehrjahr vermitteln. heute sehe ich die Vergangenheit mit anderen Augen. Gut ich habe mich arrangiert, was bleibt einem übrig ich komme mit dem Leben hier zurecht und habe auch im Berufsleben die unterschiedlichsten Situationen gehabt. Ich habe mein Auskommen und einige werden denken, was jammert der Typ da rum aber mir fehlt etwas, mir fehlt die Freiheit ohne Ausbeutung leben zu können, die Freiheit mich nicht gesundheitlich ruinieren zu müssen um vernünftig zu leben, die Freiheit das es auch noch ein Familienleben gibt, einfach Menschzu sein.
Dafür würde ich auf Reisefreiheit, Redefreiheit und andere "bürgerliche Freiheiten" gerne Verzichten.

Gezeichnet: "Illusionär"





DDR -Bürger, das ist eine sehr traurige Aussage. Gottseidank finden solche Aussagen keine politischen Mehrheiten, also bleibt dir weiter nichts, als zu akzeptieren.
Übrigens : Im Kapitalismus wird der Mensch durch den Menschen ausgebeutet, Im Sozialismus ist es genau umgekehrt.


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
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#220

RE: Was vermisst man mit dem Untergang der DDR?

in Leben in der DDR 29.12.2012 21:11
von silberfuchs60 | 1.458 Beiträge

was vermißt wird ist die Zusammengehörigkeit+gefühl das brauchen und gebraucht werden.
Sozialismus und Kapitalismus...2 unterschiedliche Welten mit entscheidenten Kriterien in den Worten...Sozial und Kapital.
Es gibt immer 2 Seiten der Medaille ...sprich gut und weniger gut (schlecht )
und die Äußerung Leben und leben lassen und Leben um zu Arbeiten oder Arbeiten um zu Leben...sagt einiges schon aus.
Egal welches System...die Fettaugen in der jeweiligen " Suppe " schwimmen immer oben...und das Volk...das Wir ...bleibt auf der Strecke.
Es gibt für jedes ein Für und Wider und jeder von uns sucht sich das für ihn beste aus.
Jeder versucht irgendwie mit dem A...an die Wand zu kommen....macht das Beste daraus, wünsche Euch dabei vieeel Glück, denn das brauch man auch.
Gruß silberfuchs60


xxx
zuletzt bearbeitet 31.12.2012 15:40 | nach oben springen



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