#41

RE: Die Anwendung des Leistungsprinzips in der politischen Ökonomie der DDR

in Leben in der DDR 27.11.2011 11:13
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Zitat von Rüganer
Solange der Meister eines Kollektives weniger Geld in der Lohntüte hatte, als sein bester Arbeiter, solange der Ingenieur weniger in seiner Gehaltstüte hatte, als der Arbeiter, solange ging der Traum von einer funktionierenden Wirtschaft nicht auf . Welcher guter Arbeiter wollte unter diesen Umständen schon Meister werden? Mit weniger Geld, aber weitaus größerem Ärger nach Hause gehen?
Und so sann man dann auf Möglichkeiten, mehr Geld nach Hause zu holen und begann im Neuererwesen aktiv zu werden oder wartete auf „außerplanmäßige Sonderaktionen“, die materiell stimuliert wurden, Aktionen, die nur dann stattfinden konnten, wenn die Produktion ruhte. Für die gab es dann Prämien, und plötzlich funktionierte alles reibungslos, da war Material da, da war alles vorbereitet, da wurde gezeigt, was man zu leisten imstande war.
Der Faktor Geld war auch im Sozialismus nicht unerheblich, jedenfalls zog der mehr, als Agitation und Propaganda.
Das rigorose Durchsetzen eines Leistungsprinzips hätte auch bedeutet, dass man Alkoholiker und notorische Arbeitsbummelanten gefeuert hätte, so aber wurden die durchgeschleppt, welcher guter Mann schaut da zu, wenn der Kollege mit 3,8 im Turm in der Ecke sitzt und letztendlich auch fast das gleiche Geld am Monatsende nach Hause trägt. Der Meister, der die Kaderabteilung informiert und die Entlassung anregt, wird wegen unzureichender Leitungstätigkeit noch zusammengestaucht, klar, dass der doch beim nächsten Alkoholschlaf nichts bemerkt. An solchen Beispielen ist das Leistungsprinzip schon zu Grunde gegangen.
Vielleicht noch ein Beispiel aus der Praxis:
In der Reparaturabteilung sind in der Zerspanung Leute im Schichtbetrieb tätig. Es wird in den Spät – u. Nachtschichten regelmäßig gegammelt, gepennt und privat gearbeitet. Als die Kollegen dann Arbeitsnormen bekommen, hört dies auf, jedoch erscheint nun ein anderes Phänomen, es gibt nichts mehr zu tun. Anfangs gibt es noch Lohnarbeit für andere Betriebe, doch dann kommt der Moment, wo man sich fragen muss, müssen denn diese Leute noch in 3 Schichten arbeiten? Politische Entscheidung: Aber ja, die Maschinen müssen dreischichtig laufen. Also Normen wieder weg und der alte Gammelbetrieb wieder her, aber: Hurra, wir arbeiten in 3 Schichten mit den Drehbänken. Da verlor mancher seinen Glauben an sein normales Denkvermögen. Soviel zum Leistungsprinzip und der Praxis in einem 5.000 Mann Betrieb.


Tatsächlich schien mir als Facharbeiter die Einkommensrelation zum Ingenieur lächerlich, zumal der mindestens drei Jahre zur Armee und fünf Jahre studieren mußte.
Die 1400 Mark Gehalt des Absolventen der Eisenbahnhochschule "F. List" Dresden hab ich als Lokführer mit 4-5 "Fettschichten" am Ruhetag auch geschafft, bis zum Präsidenten der Reichsbahndirektion gab es nur 1-2 Lücken (freie Tage, bzw. aus der Nachtschicht) in der Monatsabrechnung aber auch dessen 2200 Mark waren zu schaffen, wenn die Zuschlagsituation gut war (Nacht- und Feiertagsdienste, bzw. kurzfristige Verständigung +50%).
Das waren dann um die 130- 140 Überstunden, allerdings ist das eine theoretische Kategorie, da man den Dienst von 2-16 Uhr voll bezahlt bekam auch wenn man erst um 6 anfing, weil die Vorschicht erst 23 Uhr zu Ende war.
Alles war möglich, denn unsere Züge mußten rollen und die Kilometerleistung von damals betrug für meine Dienststelle maximal 315 km, die Regel waren 100-150, oft aber auch weniger, so daß man doch hin und wieder erholt vom Dienst kam.
Trotzdem wäre der Stillstand im Zementwerk Deuna, weil die Espenhainer Kohle ohne solche Einsätze nicht durchgekommen wäre hundertmal teurer geworden und das Geld das wir bekamen war ja auch nicht immer wertunterlegt, das hat man beim Fernsehkauf wieder verloren.
Fakt ist, daß Fleißige im richtigen Wirtschaftssektor gutes Geld verdienen konnten, ohne im Raubtiersozialismus zu landen.
Die Kategorie der Schattenwirtschaft, wie ich sie in einigen Beiträgen zur Kenntnis nehmen mußte war in meinem Wahrnehmungsbereich DR nicht so signifikant, aber die Episode mit den Spät-und Nachtschichten wo privat vor Katastrophe ging kann ich aus dem Bereich der Lokinstandhaltung u.a. stationären Bereiche bestätigen, im Fahrdienst war das nicht möglich.
Übrigens landeten Alkoholiker und Bummler hier nicht auf der Parkbank sondern auf dem Rangierbahnhof oder der Filteraufbereitung und sie bekamen auch dort wo es von Nutzen gewesen wäre, keine Spät- und Nachtschichten.



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#42

RE: Die Anwendung des Leistungsprinzips in der politischen Ökonomie der DDR

in Leben in der DDR 28.11.2011 17:09
von mannomann14 | 625 Beiträge

Zitat von eisenringtheo

Zitat
Die Fischereigenossenschaft Karlshagen etwa, mit Jahresverdiensten bis zu 60 000 DDR-Mark früher einer der einträglichsten Erwerbszweige überhaupt, schrumpfte von 440 Mitgliedern und 24 Kuttern auf 120 mit gerade noch 14 Booten. Und selbst diese wenigen Fangschiffe drohen demnächst auf Grund zu laufen.



Gibt es da nachvollziehbare Gründe dafür?
Theo




hallo Theo,
ja,einer der Gründe ist die wegfallende Subventionierung, ein anderer sind die Fangquoten, die für die Küstenfischerei extrem reduziert wurden,
gruß mannomann


Etwas über mich zu schreiben, um sich dann daraus ein Bild von mir machen zu können , wäre ungefähr so, wie der Versuch Architektur zu tanzen...
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#43

RE: Die Anwendung des Leistungsprinzips in der politischen Ökonomie der DDR

in Leben in der DDR 28.11.2011 17:44
von eisenringtheo | 9.161 Beiträge

Zitat von mannomann14

Zitat von eisenringtheo

Zitat
Die Fischereigenossenschaft Karlshagen etwa, mit Jahresverdiensten bis zu 60 000 DDR-Mark .



Gibt es da nachvollziehbare Gründe dafür?
Theo



(...)




Nachvollziehbare Gründe für den hohen Jahresverdienst und insb. Zulagen? Ich gönne zwar den Lokführern (@Hackel39) die Zuschläge, wundere mich aber, dass man nicht mehr Lokführer ausgebildet hat und so die teuren Zuschläge gespart hat. Ich denke, gerade Lokführer oder auch Hochseefischer haben kein schlechtes Image, da findet man schon Leute. Gerade für Lokführer hatte es bei uns in der Schweiz viel mehr Interessenten als benötigt wurden.
Theo


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#44

RE: Die Anwendung des Leistungsprinzips in der politischen Ökonomie der DDR

in Leben in der DDR 28.11.2011 20:25
von SEG15D | 1.119 Beiträge

Für mein Verständnis gab es ein "Leistungsprinzip" damals nicht in der Realität!

Ich war damals nach meiner Lehre in der Produktion von HIFI-Anlagen eines bekannten Sonneberger Herstellers am Montage- und
Abgleichband eingesetzt.
Die sogenannte "Norm" pro Arbeiter am Band mit gleicher Tätigkeit betrug so um die 80 Geräte im Jahre 1986-87. Man nagle mich bitte nicht auf die Absolutzahlen fest! Fest steht das wir, die jüngeren Facharbeiter von der Arbeitsleistung damit bis spätestens gegen Mittag durch waren, Das Vorhandensein von "Nachschub" aus der Montage selbstverständlich vorrausgesetzt! Da die Tätigkeiten jedesmal die gleichen waren, konnte eine hohe Geschwindigkeit bei der Abarbeitung derselben erreicht werden. Nur, und jetzt beginnt der Hamster zu humpeln; um mit einem Zitat von Olaf Schubert zu sprechen....
Wir jungen Kollegen wurden seitens des Betriebes angehalten, den Status Quo einzuhalten, d.h. nicht über die geforderten Normgrenzen zu produzieren. Einmal, weil die sogenannte "Normung" drohte. Das war ein Verfahren zur "Kalibrierung" der Arbeitsleistung innerhalb einer Abteilung. Dabei wären jedoch die älteren Kolleginnen und Kollegen einfach hinten runter gefallen, weil es eben mit zunehmendem Alter eben nicht mehr so einfach möglich ist, die Geschwindigkeit bei sehr guter Qualität zu halten! Zum anderen wohl, weil einfach der materielle Nachschub an den Geräten nicht sichergestellt werden konnte.
Sowas motiviert ja auch einen jungen, leistungswilligen Menschen total!
Das Ende vom Lied: Man machte sich Gedanken, wie wohl die Zeit bis zum Feierabend sinnvoll zu nutzen wäre....also mit Privatkram und eigenen Projekten. Ein gutes hatte die Sache: wenn man mal einen Termin hatte, produzierten die Kollegen mal für einen mit und man konnte in der Mitte des Tages mit einem Polster einsteigen.....Das war immer eine gegenseitige Sache....eine gute Kollegialität wenn man so will...
Für mich war dann nach zwei Jahren Schluß, habe keinen Sinn mehr gesehen, bei 117% Leistung stehen bleiben zu müssen (und damit auch beim Verdienst)!
Auch ein Grund, wieso die Wirtschaft krachen ging für mich, denn so sah es wohl mit Abstrichen überall im produzierenden Gewerbe aus....
Habe dann bis zum Ende in der Büromaschineninstandsetzung gearbeitet,da gab es Gehalt...Stückzahlen waren nicht gefordert...

mfG SEG15D



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