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Buchempfehlung

in Leben in der DDR 26.10.2011 17:09
von skylight | 52 Beiträge

Zum Thema Leben in der DDR kann ich das Buch "Der Turm" von Uwe Tellkamp empfehlen,erschienen im Suhrkamp-Verlag.Auch wenn es streckenweise schwierig zu lesen ist,eine bessere Beschreibung der Lebensverhältnisse in der DDR,vor allem in der NVA,habe ich bisher nicht gefunden.Auch wenn es ein Roman und kein Zeitzeugenbericht ist,sehr lesenswert ,nicht nur für ehemalige DDR-Bürger.Beschrieben wird das Leben einer Familie in Dresden von 1981-1989.Viel Spaß,Skylight

Leseprobe: Einberufung
Die Unteroffiziersschule liegt mitten im Braunkohlenland ,kein Haus,kein Baum in der Umgebung,Sträucher nur entlang der Anfahrt.Ein weitgedehntes Areal,hellgraue,fast weiße Betonplattenstraßen, die von Trupps mit Weidenreiserbesen gefegt werden. Dieses Scharrgeräuch, das Luftsingen von Baggern,Krähengequarr, an Sonntagen Viervierteltakt aus den entlang der Objektstraßen aufgestellten Lautsprechern und die gebellten Kommandos sind unsere tägliche Musik. Wohnkästen, ien hektargroßer Exerzierplatz gleich vorn am Eingang (heißt hier KDL - Kontrolldurchlass),ein paar niedrige Gebäudequader im Hintergrund, Wachtürme an den Ecken, Stacheldrahtzaun, eine Blumenrabatte vor dem Stabsgebäude: willkommen im Ausbildungszentrum Q "Hans Beimler".Nach dem Absitzen mußten wir antreten, ein Unteroffizier führte uns in eine Halle, wo eine zentrale Anwesenheitskontrolle durchgeführt wurde. Zu jedem Namen wurde die Einheit und die Nummer des Unterkunftsgebäudes geschrien, ich kam in den Block 1, ein Quader mit hundert Fenstern in den Längsseiten und hundert Meter langen (132 Meter genau, das ist vor Generationen schon ausgemessen worden) Fluren, mit schwarzweiß gesprenkelten, spiegelglatt gebohnerten Granitplatten belegt. Die schwarz-und weißen Sprenkel sind regelmäßiger verteilt als auf Doggenfell und sehen deshalb nicht schön aus. Wir hatten allein zu gehen. Kein Mensch zu sehen, Stille, Neonröhrenlicht, in der Mitte des Flurs ein einfacher Tisch und zwei Schemel, darüber eine mit rotem Tuch bespannte Wandzeitung mit der Aufschrift "Fachrichtung Panzer / Einheit Fiedler", darunter ein großformatiger Tagesdienstablaufplan, ein Geburtstagskalender und eine Parole:Je stärker der Sozialismus, desto sicherer der Frieden!"
Direkt vor mir fliegt eine Tür auf, ein Mann in Tarnuniform tritt raus und schreit, daß ich die Tasche nehmen und ihm folgen soll. Er führt mich in einen kahlen, nicht allzu großen Raum, Tisch in der Mitte, daran ein weiterer Mann in Tarnuniform mit auffällig mongoloiden Zügen und ein bebrillter Mann in Tarnuniform, blaß, fischhaft, Tasche auspacken, befiehlt Fisch. Der Mongoloide packt die Tasche an, wahrscheinlich bin ich ihm zu langsam, und schüttet sie aus. Wäsche ein Karton, damit ich die Zivilkleidung zurückschicken kann, meine Bücherkiste. Wassendas, fragt Fisch. Es sind Bücher drin,sag`ich. - Aufmachen. Er steht sogar von seinem Stuhl auf und kniet sich hin, denn der Mongole hat die Bücher ziemlich weit verstreut, wodurch er mir nicht mehr sympathisch ist. Bei Tolstoi, Lew Nikolajewitsch faßt sich Fisch an die Brille. Nach Hause schicken, umgehend. Die Kiste ist vorschriftswidrig. So viele Bücher können Se sowieso nich lesen. Oder brauchen Se`s zum Scheißen?


zuletzt bearbeitet 27.10.2011 18:02 | nach oben springen



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