#81

RE: Fahnenfluchten russischer Soldaten

in DDR Staat und Regime 06.09.2011 15:59
von LO-Fahrer | 607 Beiträge

Zitat von Gert
Ich habe bekanntlich bis 1965 in der DDR gelebt. Da kannte ich zwar die Gesellschaft DSF, aber in den 50e rn und Anfang 60er Jahre hatte sie keine große Bedeutung. Später aber erfuhr ich auf Besuchsreisen, dass man fast jeden Arbeitnehmer dazu brachte Freund der
" Freunde " zu sein. Das ist etwa so wie heute bei twitter ( oder facebook?), man hat ca. 10.000 Freunde.
Nun meine Frage : das war doch die größte Heuchelei in der DDR Mitglied beim DSF zu sein, wenn ich das mit den Posts in diesem Thread vergleiche, oder sehe ich das falsch ?

Gruß Gert



Siehst nicht falsch. In der DSF war man (fast) genau so automatisch drin wie in der Gewerkschaft, Pionierorganisation oder FDJ. Gefragt wurden die allerwenigsten. Man war Mitglied, zahlte einen Pfennigbetrag als Beitrag und hatte seine Ruhe. Mit wirklicher Freundschaft aus Überzeugung hatte das genausoviel zu tun wie mit "Facebookfreunden.


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#82

RE: Fahnenfluchten russischer Soldaten

in DDR Staat und Regime 06.09.2011 16:13
von Moskwitschka (gelöscht)
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Die deutsch-sowjetische Freundschaft war staatlich verordnet. Ich hatte immer den Eindruck, dass die DDR immer der Musterschüler im Staatenverbund der sozialistischen Länder sein wollte. Das habe ich nie verstanden, denn wenn man die Lebensverhältnisse in der Sowjetunion kennengelernt hat, und nicht nur aus dem Fenster eines Freundschaftszuges, der hat die Welt nicht mehr begriffen.

Ich habe lange Zeit in der Sowjetunion gelebt und habe auch weniger priveligierte Gegenden dieses Landes kennenlernen dürfen. Mangelwirtschft, Alkoholismus, Schwarzhandel habe ich schon in den 60-igern erlebt. Später kam Korruption dazu. Ich habe mich immer gewundert, warum manche junge Männer aus meinem Bekanntenkreis nicht in die Armee mussten. Einer vertraute mir damals an: "Papa hat bezahlt". Heisst, er ist vom Wehrdienst freigekauft worden.

Als ich 1968 in die DDR zurück kam, war das für mich ein Kulturschock. Und dann wollte man mir beibringen: Von der Sowjetunion lernen heisst siegen lernen. Ich habe mich an den Kopf gefasst.

Ich will nicht in Abrede stellen, dass es auch echte Freundschaften zwischen Russen und Deutschen gab. Doch die sind bestimmt nicht durch besagte Gesellschaft entstanden.

LG von der grenzgaengerin


zuletzt bearbeitet 06.09.2011 16:16 | nach oben springen

#83

RE: Fahnenfluchten russischer Soldaten

in DDR Staat und Regime 06.09.2011 16:16
von josy95 | 4.915 Beiträge

Zitat von Gert
Ich habe bekanntlich bis 1965 in der DDR gelebt. Da kannte ich zwar die Gesellschaft DSF, aber in den 50e rn und Anfang 60er Jahre hatte sie keine große Bedeutung. Später aber erfuhr ich auf Besuchsreisen, dass man fast jeden Arbeitnehmer dazu brachte Freund der
" Freunde " zu sein. Das ist etwa so wie heute bei twitter ( oder facebook?), man hat ca. 10.000 Freunde.
Nun meine Frage : das war doch die größte Heuchelei in der DDR Mitglied beim DSF zu sein, wenn ich das mit den Posts in diesem Thread vergleiche, oder sehe ich das falsch ?

Gruß Gert





@Gert,


das siehst Du nicht falsch!

Mitgliedschaft in der DSF war eine Art freiwilliger Zwang. Vermutlich, um die Massen noch besser, komplexer zu "organisieren" und auch zu kontrollieren. Obwohl es da m. Ea. nicht viel zu kontrollieren gab, höchstens des einen oder anderen abfällige Meinung über seine quasi erzwungende Mitgliedschaft. Ich geh auch mal davon aus, das die Brisanz und Distanz, das nach wie vor vorhandene Mißtrauen der sowjetischen Führungskader/ miltärs gegenüber den DDR- Deutschen auch den SED- Funktionären nicht verborgen geblieben ist.
U. a. @grenzgängerin und auch @Rainman2 haben sich ja dazu sehr anschaulich und glaubhaft, weil selbst erlebt, geäußert. So war der ganze Verein "DSF" eine große Heuchelei, nicht zuletzt als Prämisse, um nur mit einer 100%-igen Mitgliedschaft inerhalb der Mitarbeiter eines s. g. "sozialistischen Arbeitskollektives" (heute als Team bezeichnet) auch "Kollektiv der sozialistischen Arbeit" zu werden um entsprechende Prämienzahlungen zu bekommen.

Um das mal anschaulich zu verdeutlichen, bei uns auf Arbeit bei der Deutsche Reichsbahn, Bahnbetriebswerk Wernigerode gab es ungefähr 2 bis 3% der Mitarbeiter, die sich auf Grund schlechter eigener Erfahrungen oder der der Eltern/ Großeltern wehement weigerten, der DSF beizutreten. Bei einigen älteren verweigernden Kollegen, die Krieg, Gefangenschaft, Nachkriegszeit hautnah und mit denkbar schlechten Erlebnissen erlebt hatten, erledigte die biologische Uhr das. Es blieb nóch ein verschwindend kleiner Teil übrig.

Was wurde mit denen gemacht? Um die Prämisse der 100%-igen Mitgliedschaft zu erfüllen wurden Beitrittserklärungen manipuliert und die paar Mark Mitgliedsbeitrag wurden aus SED-, FDJkasse oder FDGB- Kasse irgendwie abgezweigt und beglichen. Denn auch damals konnte man schon tricksen! Damit konnte eine 100%-ige Mitgliedschaft gemeldet werden und die Prämie stimmte. Stimmte so, das Aufwand und Nutzen in einem sehr günstigen Verhältnis standen. Ich kenne allein zwei meiner Kollegen, die erst nach der Wende erfuhren, das sie trotz ihrer standhaften Verweigerung doch (heimlich) Mitglied der DSF waren...!
Viele wußten es, haben aber die Klappe gehalten, weil selbst von profitiert.

Und wißt ihr was?

Ich auch!

josy95


Sternbild Krebs, eine seiner herausragenden Eigenschaften: Krebse kommen immer an ihr Ziel..., und wenn sie zei Schritt vorgehen und einen zurück...

Zu verstehen als Abmahnung an EINEN Admin... bitte lächeln!
zuletzt bearbeitet 06.09.2011 16:25 | nach oben springen

#84

RE: Fahnenfluchten russischer Soldaten

in DDR Staat und Regime 06.09.2011 16:47
von Gert | 12.362 Beiträge

Was wurde mit denen gemacht? Um die Prämisse der 100%-igen Mitgliedschaft zu erfüllen wurden Beitrittserklärungen manipuliert und die paar Mark Mitgliedsbeitrag wurden aus SED-, FDJkasse oder FDGB- Kasse irgendwie abgezweigt und beglichen. Denn auch damals konnte man schon tricksen! Damit konnte eine 100%-ige Mitgliedschaft gemeldet werden und die Prämie stimmte. Stimmte so, das Aufwand und Nutzen in einem sehr günstigen Verhältnis standen. Ich kenne allein zwei meiner Kollegen, die erst nach der Wende erfuhren, das sie trotz ihrer standhaften Verweigerung doch (heimlich) Mitglied der DSF waren...!
Viele wußten es, haben aber die Klappe gehalten, weil selbst von profitiert.

Und wißt ihr was?

Ich auch!

josy95[/quote]



Danke josy, ist aber



.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
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#85

RE: Fahnenfluchten russischer Soldaten

in DDR Staat und Regime 06.09.2011 16:56
von Greso | 2.377 Beiträge

Also ich behaupte von mir,ich war nicht in der DSF.
Obwohl ich nichts gegen Russen hatte,aber warum sollte ich ..
Greso


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#86

RE: Fahnenfluchten russischer Soldaten

in DDR Staat und Regime 06.09.2011 17:40
von Bummi (gelöscht)
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Ich war in meiner Kindheit oft in Moskau und in Irkutsk. Für mich war das immer mit gemischten Gefühlen verbunden. Wir wurden damals, ende der 60er Jahre bereits immer von den "normalen Bürgern" abgeschirmt. Ich war damals noch klein und habe nichts begriffen doch um so auffälliger war die Abschirmung. Ähnlich war zu dieser Zeit in Phjönjang (Nordkorea) Ich habe damlas drei Jahre in der damaligen DDR-Botschaft leben müssen. Außerhalb der Botschaft herrschte die blanke Not. Wir Kinder hatten dennoch einen Weg zu den korianischen Kindern gefunden. Ab und zu haben wir mal ein paar Konserven von unseren Eltern bekommen, manchmal haben wir sie auch geklaut und durch den Botschaftszaun an die Koreaner weiter gegeben. Das war für uns schon ein Abenteuer. Auf Grund einer gigantischen Flutkatastrophe ist damals die DDR-Botschaft zerstört worden und wir Kinder wurden in der russischen Botschaft untergebracht und gingen dort auch zur Schule. Insgesamt habe ich auch an diese Zeit eine Erinnerung mit sehr gemischten Gefühlen.
Anfang der siebziger Jahre stand eines Tages, in der Nähe vom Alexanderplatz (Also in unserem Spielgebiet) in Berlin ein russischer LKW. Neugierig schlichen wir um das Fahrzeug und hörten Stimmen von der Ladefläche. Der LKW hatte einen defekt und wartete darauf abgeschleppt zu werden. Es waren 30 Grad im Schatten und die Sonne brannte auf den LKW. Wir liefen nach Hause und erzählten meiner Mutter davon. Kurz darauf kamen wir zurück mit Trinkwasser und Verpflegung. Wir haben die Soldaten 2 Tage verpflegt und dann war der LKW weg. Sicherlich haben diese Kindheitserlebnisse dazu beigetragen, daß ich nicht auf die flüchtigen Soldaten geschossen habe. Nie im Traum hätte ich gedacht, daß ich mein Lebensglück in einer deutsch-russischen Patchwork-Familie finden werde. Um so deutlicher muß man aber auf die bestialischen Zustände in der Roten Armee hinweisen und sie kritisieren. Und egal ob es ein dsertierter Soldat, oder ein Grenzflüchtlichng ist, es sind Menschen wie Du und Ich. Wer sie erschießt ist ein Mörder!


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#87

RE: Fahnenfluchten russischer Soldaten

in DDR Staat und Regime 06.09.2011 17:53
von Rainman2 | 5.764 Beiträge

Ach, warum war ich nur so anders, als all die anderen?

Wenn in einer Massenorganisation nichts gemacht wird, ist natürlich auch nichts los. Gelegentlich kam es auf die Initiative "vor Ort" an. In der FDJ habe ich in sehr vielen Singegruppen (insgsamt 20) mitgemacht, viele davon geleitet. Damit bin ich u.a. im Rahmen der DSF auch in Objekten der sowjetischen Streitkräfte aufgetreten. Im Rahmen der ASV gab es sportliche Wettkämpfe, die haben wir zusammen mit der DSF auch mit sowjetischen Einheiten organisiert. Dazu standen dann jeweils Ansprechpartner und zumindest bescheidene finanzielle Mittel zur Verfügung. Wurde diese Initiative nicht ergriffen, sondern haben nur alle wieder dumm rumgesessen, in die Luft geglotzt und gewartet, dass irgendjemand mal irgendwas macht, dann waren die Mitgliedschaften in diesen Organisationen tatsächlich hohl und nutzlos. Gemeckert darüber wurde damals wie heute.Ich habe diese Dinge wahrgenommen und selten bereut.

@Gert: Die Abrechnung der Mitgliedschaften in Organisationen war in der Regel Voraussetzung für die Beurteilung der "gesellschaftlichen Aktivität eines Kollektivs" und damit auch die Voraussetzung für die staatlichen Auszeichnungen oder Prämien. Es ist nahezu auszuschließen, dass Mitgliedsbeiträge für die DSF aus Partei- oder FDJ-Kassen abgezweigt wurden. Wer damals intensiveren Kontakt mit den Revisionskommissionen dieser Organisationen hatte, weiß das. Wenn dazu Schwarzkassen gebildet oder angezapft wurden, hatten die i.d.R. einen anderen Ursprung.

Sorry, es ging jetzt recht stark in den OT-Bereich, aber ich musste das mal loswerden.

ciao Rainman2


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


zuletzt bearbeitet 06.09.2011 17:59 | nach oben springen

#88

RE: Fahnenfluchten russischer Soldaten

in DDR Staat und Regime 06.09.2011 18:21
von grenzergold | 187 Beiträge

Sind denn keine Genossen der VP im Forum die was dazu schreiben könnten? Zuständig waren bei Fahnenfluchten zuerst die GSSD in Verbindung mit der 9.Kompanie der VP-Bereitschaft ,die es in jeden Bezirk gab und nicht pseudo-utopische Spezialeinheiten.Ich nenne mal die 9.Kompanie der VP-Bereitschaft in Potsdam (Eiche).Tagelang in Einsatz ,wenn nötig in Zivil und neutraler Fahrzeuglackierung.Die Aufgabe bestand darin den Flüchtigen zu stellen , den Rest besorgte die GSSD.Bekanntester Fall war die Fahnenflucht eines Soldaten in Brandenburg/Havel.Dort wurde die 9. zur Festnahme eingesetzt ,weil sich der Flüchtige im Keller eines Neubaubegietes verschanzt hatte.Sehr viele Leute in unmittelbarer Umgebung.Die Aktion endete unblutig.


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#89

RE: Fahnenfluchten russischer Soldaten

in DDR Staat und Regime 06.09.2011 19:16
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von grenzgaengerin

Zitat
Larissa
Es wurden so weit mir bekannt ist, auch Selbsthilfevereine gegruendet, die sich irgendwann in Wohlgefallen aufloesten.



Es mag sein, dass sich die Selbsthilfegruppen aufgelöst haben, doch spätestens Ende der 80-iger Jahre entstand eine starke Bewegung der Soldatenmütter Russlands.

http://de.wikipedia.org/wiki/Union_der_K...Ctter_Russlands
http://www.igfm.de/Russland-offiziell-Ge...eit.1292.0.html
http://www.lahn.net/dfgvk/russland.htm

LG von der grenzgaengerin





nijet, es mag nicht sein. Es war so, ist so. Tausende waren es nicht, und viele gingen zurueck.
80iger Jahre?? die Muetter Russlands haben immer gelitten, wie viele andere Muetter dieser Erde, auch die Ehefrauen, die den Vater ihrer Kinder verloren, durch Exekutieren z.B. Trotzdem liebe ich dieses Land, wie er es geliebt hat. Ich liebe die Menschen, deren Herzen grenzenlos sind. Haengt Euch auf an alle websites, die Ihr ergattern koennt. Es waere nur gut oftmals zu hinterfragen, wer diese websites erstellt.
Larissa
Ich entziehe mich diesem Thema, es regt mich zu sehr auf.


zuletzt bearbeitet 06.09.2011 19:18 | nach oben springen

#90

RE: Fahnenfluchten russischer Soldaten

in DDR Staat und Regime 06.09.2011 19:19
von Oss`n | 2.779 Beiträge

So kenne ich das auch (vom "hören und sagen")
Gesucht wurde mit Einheiten der VP - wenn es haarig wurde, haben russisch sprechende Einheiten den Rest übernommen.
Wie gesagt - vom hören sagen.

Oss`n


Spucke nie in einen Brunnen - es könnte sein, du mußt mal daraus trinken !
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#91

RE: Fahnenfluchten russischer Soldaten

in DDR Staat und Regime 06.09.2011 20:02
von Boelleronkel (gelöscht)
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"Anders als die Anderen" ? Menno Rainman,

Dazu brauchte ick zumindest keine Organisation,was hier über manche Arbeitskollektive und Beitragskassierung geschrieben wurde stimmt schon,Revision hin oder her...je nach Ort und Lage im Ländle DDR.

Pellemeni,selbst gemachtes russisches Eis.Eisangeln,mal imPanzer mitfahren,in eigentlich gesperrten Waldflächen Pilze suchen,einem Bayern aus der Verwandschaft eine kleine Führung auf einem Flugplatz organisieren...der durfte auch mal Ural "fahren"..
Elektroreparaturen in Garnisionen,Waschfabriken,Heizhäusern,verdorbene Stromverteilungen in Militärkrankenhäusern....
In Kommandanturen erörtern was ein Simmerring,Kickstarterteile sind (in Bezug auf Rechnungen nach Unfällen)
Rainman...schon als Kinder war unsere Truppe..die der "Stromer und Entdecker"...
Du warst nur "organisierter" sorry... wenn ick datt so schreibe.
Für uns musste das keiner organisieren und so ists bis heute geblieben.

Klar Larissa ein schönes Land und eine tolle Gastfreundschaft.
Nur sollten Probleme auch angesprochen werden dürfen,diskutiert etc.
Gruss BO


zuletzt bearbeitet 06.09.2011 20:05 | nach oben springen

#92

RE: Fahnenfluchten russischer Soldaten

in DDR Staat und Regime 06.09.2011 20:09
von GZB1 | 3.287 Beiträge

Nun ja, der Bummi wird´s schon genau wissen, mit so einem bemerkenswerten Lebenslauf und einem sowjet. Militär-LKW der zwei Tage in der Nähe des Alex stand.


zuletzt bearbeitet 06.09.2011 20:09 | nach oben springen

#93

RE: Fahnenfluchten russischer Soldaten

in DDR Staat und Regime 06.09.2011 20:23
von Gelöschtes Mitglied
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Klar Larissa ein schönes Land und eine tolle Gastfreundschaft.
Nur sollten Probleme auch angesprochen werden dürfen,diskutiert etc.
Gruss BO


Darum ging es auch nicht BO! Diskussion ja, uber alles. Hier heisst es Fahnenfluchten, schon gehts an die Innereien.
Alles glauben was in Websites steht und Erfahrungen oder Wissen anzweifeln. Es war schlimmer als man glauben kann, das ist sicher. Davon kann ich ein Lied singen, ein Klagelied. Genug, habe mich entzogen aus persoenlichen Gruenden. Geht mir einfach zu nahe. Und da werde ich eben stickhaarig. Steht auch der alten Friedenskriegerin mal zu. Gruess Dich, Larissa
PS: Es gibt viele 'Verhaeltnisse' auf dieser Welt, die russischen Verhaeltnisse nicht ausgenommen - viele Menschen die in Armut leben und trotzdem gluecklicher und zufriedener sind und beileibe nicht so grosskotzig wie einige sich darstellen wollen.





[/quote]


zuletzt bearbeitet 06.09.2011 20:31 | nach oben springen

#94

RE: Fahnenfluchten russischer Soldaten

in DDR Staat und Regime 06.09.2011 21:09
von Moskwitschka (gelöscht)
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Liebe Larissa,

Du entziehst Dich dem Thema. Gut. Ich werde Dir hier trotzdem öffentlich antworten und mich dabei bemühen meine Emotionen im Zaum zu halten, obwohl das russische Blut, dass durch meine Adern fließt fast überschäumt. Aber Russen, und ich bin es zu 50% sind auch sehr leidensfähig und das macht mich widerum gelassen.

Es ist wie oft hier im Forum. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Und bei diesem Thema werde ich mir nicht vorhalten lassen, dass ich mein Wissen aus Internetseiten beziehe. Es ist mein Leben, das vom Leiden der russischen Frauen, Mütter, Schwestern geprägt wurde. Ich zügel meine Emotionen, weil es einer sachlichen Betrachtung nicht dienlich wäre. Bevor ich konkret werde, ich fühle mich mehr als Russin als Deutsche.

Wie Du hoffentlich gelesen hast entstamme ich aus einer russisch-sowjetischen Offiziersfamilie. Das Leiden der Frauen in meiner Famile hat spätestens mit der Verschleppüng meines Großvaters in den 30-iger Jahren begonnen. Diese stalinistische Säuberung hat bei meiner Mutter soviel Angst und Schrecken ausgelöst, dass sie bis heute nicht bereit ist darüber zu sprechen. Dieser nicht verarbeitete Verlust hat sie krank gemacht.

Meine Tante, die Tochter meines Stiefgroßvaters, auch ein Offizier, hat sich in den 60-igern in einen Juden verliebt. Meinem Stiefgroßvater, den ich als sehr liebevollen und fürsorglichen Mann kennengelernt habe wurde dies Beziehung verschwiegen. Warum wohl? Real exestierender Antisemitismus. Nach dem Tod meines Stiefgroßvaters haben die beiden geheiratet. Doch da begann erst das Leiden meiner Tante. Durch die Heirat hat sie den Namen ihres Mannes angenommen, der eindeutig jüdischen Ursprungs war. Zu dem Zeitpünkt war sie leidenschaftliche Grundschullehrerin. Die Anfeindungen von Kollegen und Eltern haben sie zermürbt, so dass sie ihren Beruf aufgeben hat. Mit dem Zerfall der Sowjetunion ist der latent vorhandene Antisemitismus wieder aufgeflammt und sie verließ mit ihrem Mann Moskau in Richtung Westen. Heute lebt sie mit ihrem Mann am Rande der Armutsgrenze in Niedersachsen und leidet an der Trennung von ihren Kindern und Enkelkindern.

Meine Großtante, die Schwester meines Großvaters, war eine stolze,starke Frau. Ihre Stärke bezog sie aus dem russisch-orthodoxen Glauben. Ihre Tochter war Nonne in einem Kloster, aus dem sie mit ihren Schwestern vertrieben wurde. Die beiden Frauen lebten total zurückgezogen und waren ein Ruhepunkt für alle Frauen in meiner russischen Familie. Kurz nach meiner Geburt packte sie mich und liess mich russisch-orthodox taufen. Selbst davon habe ich erst vor 4 Jahren erfahren.

Das Leben bietet mehr als das Internet: unmittelbare zum Teil sehr schmerzhafte Erfahrungen. Richtig weh tut es dann zusätzlich, wenn man Jahrzehnte später versucht die Puzzleteile zusammenzusetzen und dabei erfahren muss, dass meine Großväter evtl. Menschenschinder waren.

LG von der grenzgaengerin


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#95

RE: Fahnenfluchten russischer Soldaten

in DDR Staat und Regime 06.09.2011 21:26
von EK87II | 109 Beiträge

Meiner Meinung nach entzieht sich Larissa nicht dem Thema, sondern trifft genau des Pudels Kern. Sie hat mehr Ahnung von der Materie wie wir zwei zusammen.

Zitat
Heute lebt sie mit ihrem Mann am Rande der Armutsgrenze in Niedersachsen


Diese Aussage halte ich für ganz schön übertrieben.


Gruß
EK87II
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#96

RE: Fahnenfluchten russischer Soldaten

in DDR Staat und Regime 06.09.2011 21:33
von GZB1 | 3.287 Beiträge

@grenzgängerin,

ich bin der festen Gewissheit, dass Larissa das Thema hier sehr gut einschätzen kann und leider ebenfalls aus eigener Erfahrung genau weiß, worüber sie hier schreibt. Lies einfach ihr Buch und du wirst es möglicherweise verstehen.


zuletzt bearbeitet 06.09.2011 21:34 | nach oben springen

#97

RE: Fahnenfluchten russischer Soldaten

in DDR Staat und Regime 06.09.2011 22:09
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Zitat von GZB1
@grenzgängerin,

ich bin der festen Gewissheit, dass Larissa das Thema hier sehr gut einschätzen kann und leider ebenfalls aus eigener Erfahrung genau weiß, worüber sie hier schreibt. Lies einfach ihr Buch und du wirst es möglicherweise verstehen.



Danke GZB1, das ist die Arroganz, eher eine ungewollte, die ich beschrieb, und die habe ich satt. Es gab immer eine Sache, die ich mir vorbehalten habe, andere Menschen nie zu unterschaetzen, und ihnen niemals etwas anzuhaengen, ohne zu Wissen. Ich denke, deshalb bin ich noch auf dieser Erde und nicht laengst six feet under.
Wir haben alle Erfahrungen machen muessen im Leben, Millionen von Menschen haben gelitten, haben ihr Leben lang sich fragen muessen warum gerade ich....Wie viele Millionen sind aus verschiedenen Nationen hervorgegangen, oh mein russisches Blut! Wir haben alle gelitten nach dem Kriege. Ich werde Grenzgaenger selbst anworten und zwar so, wie ich im Moment fuehle.
Es sollte das Recht eines jeden sein, so zu handeln wie er moechte, auch sich einem Thema zu entziehen. Diese Seite der grossen Demokratie ist scheinbar noch nicht durchgesickert, rote Socken werden gerne ausgeschlossen. Ich haette allerdings selbst niemals dazu schreiben sollen. Das augenblicke Leid, das fuer mich daraus resultiert, wenn ich selbst doch die sehr guten Berichte lese, muss ich mir selbst ans Bein heften. Sie muss mein Buch nicht lesen, vielleicht ein paar meiner Gedichte, die wuerden ihr viel erzaehlen, vom Menschen der neben einem steht......von dem nichts bekannt ist.
In wenigen Tagen nur werde ich ein Datum vor Augen haben, das 1989 mein gesamtes Dasein zerstoerte und mich zwanzig Jahre zweifeln liess an das Wort 'Leben'.

GG
Zunaechst mal habe ich Dich ueberhaupt nicht gemeint mit den Websites. Wer den Schuh anziehet. Schwamm und Schaum darueber. JA, ich entziehe mich diesem Thema, was machst Du mich deshalb an. Ich habe das schlimmste Leid ertragen mussen in der Sowjetunion. Mein Mann war Offizier der CA und wurde exekutiert. Kein Geheimnis. Vielleicht sich Wissen verschaffen, ehe man 'ueberschaeumt'. Also von der Armee koennte ich Dir einiges erzaehlen. In England zwar geboren, habe ich mehr russisches Blut in mir und mehr Gefuehle fuer die Sowjetunion als man sich vorstellen kann. Deine Familienverhaeltnisse, verzeih mir, in diesem Augenblick der Diskussion uninteressant, Du schreibst viel darueber, aber andere haben auch Leid in den Familien. Ich muss mir von Dir keine Vorwuerfe gefallen lassen, ob und wie ich handele. Wie gesagt, diesen Schuh muss ich mir anziehen, ueberhaupt mich gerade an diesem bestimmten Thread zu beteiligen. Ich bin im Uebrigen zu 200% leidensfaehig. Deine 50% in allen Ehren. Schlimm fuer Dich, ich hoffe, die Prozente erhoehen sich nicht. Meine Schmerzgrenze bleibt bei diesem Thema allerdings MIR ueberlassen. .... wie Du schreibst......es ist so oft wie hier im Forum..... was passt Dir denn sonst nicht? Was unterstellst Du mir, was nicht sein kann.... will ich gar nicht weiter ausfuehren. Meine Aussagen/Berichte stehen schwarz auf weiss zu diversen Themen. Auch dazu muss ich mir nicht von Dir solche Verse anhoeren...was nicht sein kann....Zu Deiner Kenntnis, ja, Ich weiss allerdings was sein kann und nicht. Passt Dir mein rotes Faehnchen nicht, dann sage ich Dir, mehr wie zwischen den Fronten gestanden wie ich, kann ein Mensch kaum gestanden haben. Nur habe ich mir angeeignet, meiner Ideologie treu zu bleiben, nur, mit dieser Ideologie die Medaille von zwei Seiten zu betrachten.
Also, meine Emotionen zuegele ich hier nicht und was dienlich ist und nicht, bestimmen einzelne User eh nicht, auch Du nicht. Dienlich ist, dem anderen gegenueber respektvoll zu sein und ihm zuzuhoeren oefter mal. Das was dann zusammenkommt, is wertvoller als auf einem toten Pferd sitzen zu bleiben und sein unbedingtes Recht und Wissen an den Mann bringen zu wollen.
Auf Deine letzte Zeile werde ich noch kurz eingehen.

Das Leben bietet mehr als das Internet: unmittelbare zum Teil sehr schmerzhafte Erfahrungen. Richtig weh tut es dann zusätzlich, wenn man Jahrzehnte später versucht die Puzzleteile zusammenzusetzen und dabei erfahren muss, dass meine Großväter evtl. Menschenschinder waren.

Na da haben wir unsere schmerzhaften unmittelbaren Erfahrungen doch gemeinsam. Suchst Du auch noch Deine Kinder? Eins habe ich gefunden nach 23 Jahren. Den Puzzle habe ich allerdings geloest bereits. Fuer mich gibt es kein Puzzle mehr, deshalb rede ich ein wenig mit hie. Und dass mein Vater ein Nazi war, na, das wusste ich bereits mit sechs Jahren. Es gibt Tatsachen, mit denen man muss leben. Und nun fuer Euch zum Thema zurueck. Ihr entschuldigt mich hier.

Alles Gute fuer Dich,
Larissa

PS: der text wurde eben korrigiert, damit mir nicht auch noch die Deutschkenntnisse vorgehalten werden


zuletzt bearbeitet 06.09.2011 22:22 | nach oben springen

#98

RE: Fahnenfluchten russischer Soldaten

in DDR Staat und Regime 06.09.2011 23:17
von Moskwitschka (gelöscht)
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Liebe Larissa,

ich habe mich schon längst mit mir selber versöhnt. Ich bin zu 100% gelassen. Und zu 50% genetisch vorbelastetet, was meine russsische Leidensfähigkeit betrifft. Mehr geht nicht. Woher Du 200% hernimmst ist mir schleierhaft. Wenn ein Glas randvoll ist, ist es zu 100 % gefüllt. Wo sind die anderen 100%????

Ich habe bis heute keine Bücher geschrieben. Keine Gedichte auf die ich mich berufen kann. Es geht mir einzig und allein um das verstehen. Dein grosser Vorteil ist , dass man über die Nazivergangenhei der Väter offen sprechen kann. Über meine Wurzeln, den russischen/sowjetischen Militarismus wird bis heute das Deckmäntelchen des Verdrängens gelegt.


LG von der grenzgaengerin


zuletzt bearbeitet 06.09.2011 23:26 | nach oben springen

#99

RE: Fahnenfluchten russischer Soldaten

in DDR Staat und Regime 06.09.2011 23:37
von Bummi (gelöscht)
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@GZB1
Ich war nie in der DSF, ich war auch nichtmal in der FDJ, geschweige denn in der SED, ich hatte es nicht für nötig gehalten mir durch Scheinmitgliedschaften und und andere Tricks persönlicher Vorteile zu verschaffen, aus ähnlichen Gründen haben nicht wenige Grenzer auf Flüchtlinge geschossen, der persönlichen Vorteile wegen. Für mich nicht nachvolltiehbar und nicht akzeptabel. Ab er um nochmal auf das Problem von Larissa zurück zu kommen. Es ist für uns Deutsche unvorstellbar unter welchen Bedingungen die Menschen in Russland gelebt haben und z.Teil noch leben. Um so erstaunlicher ist die Gastfrendschaft und Herzensgüte dieser Menschen. Ich hatte als Kind immer Angst vor den Russen. Ich konnte als Jugendlicher in den späten siebziger Jahren in Warschau als deutscher nicht über die Straße gehen. Ich wurde noch Mitte der Neunziger Jahre in Polen als Nazi beschimpft. Heute verbinden mich herzliche Freundschaften mit Polen, der Ukraine, Russland und den USA. Larissas Familie wurde durch Stalin und seinen "Kommunismus" und später durch den in Russland verbreiteten Antisemitismus schwer gezeichnet und zerrissen, wie ich das so mitbekommen habe. Da sind unglaublich viele Emotionen im Spiel. Vorallem gibt es immer ein Problem mit der eigenen Identität. Ich kenne das aus dem Leben meiner Frau. In Russland reichte es aus zu 50% ein Deutscher zu sein um für 10 Jahre ins Gulack zu kommen, einfach so.Sowas war selbst für DDR-Verhältnisse nicht vorstellbar. Und hier wird nicht so feinfühlig damit umgegangen wie es nötig wäre. Ich denke aber es liegt einfach an mangeldem geschichtlichen Wissen, hier wird noch viel von dem geglaubt was man in der DDR gelernt hat. Stalin war der größte Massenmörder aller Zeiten, er hat von den zwanziger Jahren bis in die 50er Jahre geschätzte 65 Millionen Menschen ermorden lassen. Darunter in den dreißiger Jahren sein gesamtes Offizierskorps. Nur deshalb war es Hitler möglich überhaupt möglich so weit in die Sowjetunion vor zu dringen, weil es an erfahrenen Offizieren mangelte und Stalin selbst, als grusinischer Bauernsohn, keinerlei militärische Ausbildung hatte. Er hat ganze Landstriche entvölkert und sämliche Volksgruppen durch gigantisch angelegte Zwangsumsiedlungen durcheinander gemischt. Das alles mußte Larissas Familie und auch die Familie meiner Frau durchstehen. Aber bei machen hier scheint es zu heißen: Es kann nur sein, was sein darf. Wenn Ihr das nicht glauben wollt was hier geschieben wird, dann glaubt es eben nicht. aber verbietet nicht anderen es zu glauben.


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#100

RE: Fahnenfluchten russischer Soldaten

in DDR Staat und Regime 07.09.2011 00:04
von Rainman2 | 5.764 Beiträge

Zitat von Bummi
... Ich war nie in der DSF, ich war auch nichtmal in der FDJ, geschweige denn in der SED, ich hatte es nicht für nötig gehalten mir durch Scheinmitgliedschaften und und andere Tricks persönlicher Vorteile zu verschaffen, aus ähnlichen Gründen haben nicht wenige Grenzer auf Flüchtlinge geschossen, der persönlichen Vorteile wegen. ...


Einer der Grundsätze, die ich in meiner Ausbildung gelernt habe lautete: Lass Dich nicht provozieren!

Das fällt mir beim Lesen der Zeilen des oben zitierten Nutzers in diesem Thread, vor allem, wenn ich alle Zeilen zusammensetze, schwer. Ein Mitglied einer Spezialeinheit, der von einem, der "fahnenflüchtige Russen" vor die Gewehrläufe getrieben hat, mutiert zum Moralapostel. Der Charakter dieses Forums war es und ist es hoffentlich noch immer, dass sich Zeitzeugen offen begegnen, sich über die Zeit und ihr Leben in dieser Zeit austauschen, dass Mauern eingerissen werden, Täter über ihr Tun nachdenken, Opfer über ihr Leid sprechen können. Es ist ein gegenseitiges Verstehen. Das ist ein verdammt schwerer Weg und nicht immer kommt Verständnis heraus, wo es eigentlich gewollt war. Das wird durch Provokationen und Lügengeschichten nicht einfacher. Eigenartigerweise kommt mir der Stil bekannt vor und es widert mich an.

ciao Rainman2


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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